Fremde oder Freunde? - Jaafar Abdul Karim - E-Book

Fremde oder Freunde? E-Book

Jaafar Abdul Karim

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Beschreibung

Der mehrfach preisgekrönte Moderator und Deutsche-Welle-Reporter Jaafar Abdul Karim gilt als Vermittler zwischen der deutschen und der arabischen Community: politisch unabhängig, mutig und frei. In seinem ersten Buch erzählt er sehr persönlich von seinen Begegnungen, Erfahrungen und von Menschen, die er begleitet hat. Er vermittelt spannende und bislang unbekannte Einblicke in Themen, die die arabische (Flüchtlings-)Community in Deutschland und Arabien bewegen, und berichtet u.a. von Polygamie in Deutschland, dem Kampf von mutigen Frauen und Homosexuellen für ihre Freiheit und ihre Rechte, aber auch vom schwierigen Ankommen der Geflüchteten in Deutschland und den Hürden der Integration, von kleinen Momenten des Glücks und großen Herausforderungen.

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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Jaafar Abdul Karim

Fremde oder Freunde?

Was die junge arabische Community denkt, fühlt und bewegt

 

 

 

Über dieses Buch

Der mehrfach preisgekrönte Moderator und Deutsche-Welle-Reporter Jaafar Abdul Karim gilt als Vermittler zwischen der deutschen und der arabischen Community: politisch unabhängig, mutig und frei. In seinem ersten Buch erzählt er sehr persönlich von seinen Begegnungen, Erfahrungen und von Menschen, die er begleitet hat. Er vermittelt spannende und bislang unbekannte Einblicke in Themen, die die arabische (Flüchtlings-)Community in Deutschland und Arabien bewegen, und berichtet u.a. von Polygamie in Deutschland, dem Kampf von mutigen Frauen und Homosexuellen für ihre Freiheit und ihre Rechte, aber auch vom schwierigen Ankommen der Geflüchteten in Deutschland und den Hürden der Integration, von kleinen Momenten des Glücks und großen Herausforderungen.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, September 2018

Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Umschlaggestaltung HAUPTMANN & KOMPANIE Werbeagentur, Zürich

Umschlagabbildung Dennis Dirksen

ISBN 978-3-644-40456-4

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Shababtalk – «Stimme einer Generation»

Frei schreiben! Endlich frei sprechen! Plötzlich war unzensierter Meinungsaustausch möglich! Nie zuvor hatten junge Menschen in arabischen Ländern die Möglichkeit, sich zu kritischen gesellschaftlichen und politischen Prozessen frei zu äußern. Die Erfindung der sozialen Medien: Wow! Auch auf mich wirkten Facebook und Twitter wie eine Offenbarung: Plötzlich konnte ich mitlesen, verstehen, erkennen, was die junge Generation in Arabien denkt, meint und fühlt, was sie umtreibt, wovor sie Angst hat und worauf sie sich freut.

Mit einem Mal sprachen vor allem die jungen Menschen ohne Angst vor der Zensur, den Geheimdiensten, den Sittenwächtern, den Eltern und Altvorderen. Die sozialen Netzwerke sorgten in der arabischen Welt für großes Aufsehen und schufen das Zeitalter der Aufklärung. Auch auf mich wirkte das nachhaltig, auch ich wollte mich nicht nur äußern, sondern darüber hinaus wissen, was die anderen jungen Leute beschäftigt. Während in der Öffentlichkeit, in Cafés und Restaurants, auf der Straße, in den Schulen und Universitäten in fast allen arabischen Ländern immer aufgepasst werden musste, vor wem man was über wen kritisch sagte, eröffnete sich uns auf einmal diese wahnsinnig große digitale Freiheit. Und das nahezu unbemerkt von denen, die sonst immer alles kontrollieren und überall das Sagen haben. Eltern und die Spitzel der Geheimdienste nahmen Facebook anfangs noch nicht ernst, sie sahen nicht, dass sich ein neues Massenmedium etablierte, dass das Zeug dazu hatte, etwa Massen(protest)bewegungen in Gang zu setzen. Die Formulierung der arabischen Eltern lautete immer: «Hör auf, auf Facebook zu spielen.» Da hatten viele Eltern, genau wie die sonst alles überwachenden Regierungen, einfach noch nicht verstanden, was für ein machtvolles Instrument Mark Zuckerberg da erfunden und in die Welt gesetzt hatte.

Die arabischen Länder sind teils als Diktaturen organisiert, in denen öffentliche Debatten zu politischen und gesellschaftlichen Themen nicht üblich sind. So gab und gibt es auch im Vorfeld von Wahlen wie zum Beispiel in Ägypten keine monatelangen Diskussionen in der Öffentlichkeit, wie man sie aus Europa kennt. Die Diskrepanz zwischen dem, was die Jugend ist, tatsächlich denkt und darstellt, und der Sichtweise, wie die Regierungen sie sehen wollen, ist ziemlich groß. Ich war schon in so vielen arabischen Ländern, in denen beides nicht mehr zusammenpasst, in denen sich die Jugend viel schneller als die Generation, die die Politik beherrscht, entwickelt. Die junge Generation ist informationsdurstig und kann in den sozialen Medien genug finden, um diesen Durst zu stillen. Es gibt ebenso wie in Europa eine Generation der Digital Natives, und es gibt einen Underground, denn oft werden NGOs, Websites oder freie Kunst oder Theater verboten, Filme werden selbst im frei wirkenden Libanon zensiert. Ich vergleiche ungern zwischen den Ländern, denn jedes Land ist individuell. Trotzdem erkennt man es in jedem dieser Länder immer wieder: Bei den jungen Leuten bricht gerade etwas auf. Und sie brechen mit gewohnten Werten, Traditionen, Gefühlen, Gedanken, weil sie langsam das Spiel des Systems verstehen. Das fühle ich bei vielen jungen Menschen in den Ländern. Manche verstehen langsam, dass sie instrumentalisiert werden: von den Systemen, von der Religion, von den Predigern, von den Politikern.

Die junge Generation ist voller Energie und Ambitionen und will etwas aus ihren Leben machen. Was die ältere Generation nicht rafft, ist, dass die Jugend sich per Knopfdruck in andere Welten beamen und sich Zugang zu Informationen verschaffen kann. Die Zensur der TV-Stationen mag funktionieren, aber im Netz gibt es immer einen Weg hinaus. Da sehen die Jugendlichen dann auch zum Teil ganz andere Bilder als die, die die staatlichen Medien produzieren. Warum wird z.B. in Ägypten nicht gezeigt, wie Journalisten oder Aktivisten verhaftet werden? Warum darf eine Ivanka Trump in Saudi-Arabien, wo Frauen und Männer offiziell nur streng voneinander getrennt existieren dürfen, neben dem König sitzen? Warum ist es nicht transparent, wer an Jugendkonferenzen teilnehmen darf, die vom marokkanischen Ministerium für Jugend organisiert werden? In Tunesien, wo die jungen Menschen die Revolution mitgestaltet haben, ist nun wieder ein älterer Herr an der Macht – wie soll er die Jugend repräsentieren? Warum dürfen die anderen etwas, was wir nicht dürfen? Die jungen Menschen hinterfragen und merken, dass etwas nicht stimmt. Sie merken auch, dass die ganzen Unterschiede und Differenzen innerhalb des Islams zwischen den Schiiten und Sunniten nicht so groß sind, wie sie dargestellt werden. Sie merken, dass die religiösen Eliten eher nach Unterschieden zwischen Sunniten und Schiiten suchen und diese propagieren, damit die Jugend keine starke Einheit gegen die Altvorderen bilden kann. Und so kommt es, dass die jungen Leute mehr und mehr nicht länger das mittragen, was die Regime wollen.

Ich erlebe allerdings manchmal das Phänomen, dass mir junge Leute privat auf Facebook etwas zu einem politischen Thema schreiben, aber auf meiner Seite oder der Seite der Sendung dann eine ganz andere, konforme Meinung posten. Es wird noch dauern, bis es möglich sein wird, ohne Angst und jederzeit offen zu sagen oder zu schreiben, was wirklich gedacht wird. Das ist ein Prozess. Aber wenn junge Menschen aus den arabischen Ländern mit ihrer Meinung nach außen gehen, sollten wir in Europa ihnen unbedingt eine Chance geben, sich Gehör zu verschaffen, ihnen zuhören – denn sie sind die Zukunft und nicht die alten Regimes.

Ich war 29 und erinnere mich genau, wie ich, zusammen mit Millionen junger arabischer Menschen, erstmals die Chance dazu hatte, mich im virtuellen Raum frei auszutauschen. Facebook war plötzlich omnipräsent. Für deutsche Jugendliche und junge Erwachsene, die es gewohnt sind, ihren Eltern, Lehrern oder anderen Erwachsenen widersprechen zu dürfen, mit ihnen zu diskutieren, angstfrei ihre Meinung äußern zu können, ist das unglaubliche Freiheitsgefühl dabei wahrscheinlich nur schwer nachvollziehbar.

Wobei in den klassischen Medien wie Fernsehen und Rundfunk ich es sowohl in Arabien als auch in Deutschland immer noch als etwas Besonderes empfinde, wenn junge Menschen ihre Meinung vertreten dürfen. Aber in den arabischen Ländern ist dies besonders auffällig: In den großen, meinungsbildenden Talkshows kommen meist die gleichen, altbekannten und gestandenen Politiker oder religiösen Hardliner zu Wort, ohne dass der junge Teil der Bevölkerung mitreden darf. Diese Sprecher stellen zwar bei weitem nicht die prozentual größte Anzahl von Menschen in der Region – denn das ist die Jugend! –, aber ihre mächtigste Gesellschaftsschicht dar.

Die typischen arabischen Talkshows laden keine jungen Menschen ein, und absurderweise schon gar nicht, wenn es um zukunfts- und richtungsweisende Themen geht. Natürlich gibt es Jugendorganisationen, auch die der Parteien, deren Sprecher dann und wann zu Wort kommen dürfen. Sie sind aber mitnichten ein fester Bestandteil der täglichen politischen Diskussion. Und selbst wenn sie mitreden dürfen, sprechen sie nur für einen Teil der Jugend, den gut gebildeten, den reichen, den systemkonformen. Die meisten, die mitreden wollen, werden nicht gehört und suchen ihren Weg in die sozialen Medien, um dort ihre Meinung frei kundzutun. Die Folgen dieses Nicht-hören-Wollens der jungen Stimmen werden immer wieder unterschätzt. 2011 hat das zu den Revolutionen in den arabischen Ländern geführt.

Außerhalb der sozialen Medien sieht die Welt anders aus. Die arabischen Länder sind eindeutig konservativ, religiös und traditionell geprägt. Trotzdem ist spürbar, dass sich etwas bewegt. Ich möchte es so formulieren: Die jungen Menschen wollen sich aussprechen, rufen nach Aufmerksamkeit – aber sind dabei noch leise. Ich höre sie aber deutlich, auf meinen Reisen. Wo auch immer ich hinkomme, wollen mir junge Leute ihre Sicht der Dinge, ihre Wünsche an die Regierenden, aber auch ihre Botschaften an die Welt mitteilen. Aber von den lokalen und panarabischen Medien werden sie selten gehört. Logischerweise werden sie so auch von der Politik nicht wahrgenommen. Es ist von Land zu Land verschieden: Während man im Libanon und in Tunesien offen über Politik streiten darf und auch junge Menschen ihre Meinung äußern, heißt das aber nicht, dass ihre Meinung beachtet wird. In Ägypten und Saudi-Arabien spricht man dagegen besser gar nicht kritisch über Politik – egal, wie alt oder jung man ist, und schon gar nicht in den Medien. Diese beiden Länder rangieren auf der Rangliste der Pressefreiheit 2018 auf Platz 161 und 169 von 180 beobachteten Ländern.

Genau deshalb ist es so wichtig, dass es Shababtalk gibt und diese Sendung den jungen Menschen eine Plattform gibt – damit sie sich frei äußern können und beachtet werden. Andere Medien berichten dann über unsere Sendung, und schon diskutiert ganz Arabien, was einzelne junge Menschen bei uns zum Ausdruck gebracht haben. Oft sind ihre Gedanken weit entfernt vom arabischen Mainstream oder der staatlich erwünschten Meinung, spiegeln aber dafür nicht selten die Meinung von Millionen wider. Noch sieht es von außen danach aus, als seien die arabischen Gesellschaften verkrustet, aber ich weiß, dass sich da viel bewegt, dass etwas vorangeht, dass vieles in Bewegung ist. Dass die jungen Menschen immer mehr ihre eigenen Lebensideen diskutieren, voranbringen und auch umsetzen, beobachte ich immer wieder und auch immer mehr. Egal, wo ich hinkomme. Ich denke, dadurch, dass wir bei Shababtalk eine offene, vorurteilsfreie und respektvolle Debattenkultur vorleben, bestärken wir diese jungen Gäste in ihren eigenen Gedanken und oft auch Lebensentwürfen oder zumindest Wünschen an die Lebensgestaltung.

Es sind diese Bewegungen, die wir transparent in der Sendung zeigen wollen. Wir wollen aber auch den innerarabischen Diskurs zeigen. Die jungen Leute in Ägypten wissen, dass die Saudis diskutieren wollen. Die jungen Marokkaner wissen, dass die Jordanier diskutieren wollen. Denn eine große, umfassende panarabische Jugenddiskussion gibt es natürlich auch nicht. Auf den großen und aufwendig organisierten Konferenzen, auf denen sich regelmäßig junge Leute aus den arabischen Ländern treffen, trifft man fast immer nur studierte, standesgemäß ausgewählte und systemkonforme junge Leute, die genau wissen, was sie sagen sollen und was sie sagen dürfen.

Vor allem unter jungen Menschen gibt es viele, die sich mehr Freiheit wünschen. Meinungsfreiheit, ohne gleich von Geheimdiensten verhört oder verhaftet zu werden. Pressefreiheit, um sich umfassend aus verschiedenen, vertrauenswürdigen Quellen informieren zu können. Dazu kommt eine große Sehnsucht nach individueller Freiheit, danach, so zu sein, wie man ist, und das vor allem unabhängig von der Schicht, unabhängig von der Religion, unabhängig vom Clan, vom Stamm oder von der Familie, in die man geboren wurde. Denn die gesellschaftlichen Schichten in arabischen Ländern sind noch sehr ausgeprägt. Es spielt eine Rolle, wer dein Vater ist, wo du herkommst, wie viel Geld deine Familie hat und woran sie glaubt. In Arabien geht es nicht so sehr darum, was die Person an individuellem Erfolg verbuchen kann, sondern darum, wo man sozialisiert wurde, aus welcher wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schicht die Familie kommt und welcher Glaubensrichtung man angehört.

 

Ich lebe gerne in Deutschland, in Europa. In der deutschen Gesellschaft fühle ich mich wohl. Ich finde es toll, dass ich hier ein gutes Studium absolvieren konnte, dass ich eine tolle Arbeit habe, die ich liebe. Ich kann hier meinen Weg gehen. Ich mag es, dass man Leistung zeigen, für diese entsprechend belohnt werden und sich damit wohl fühlen kann. Ich mag es, dass man akzeptiert wird. Und ich mag es, weil ich mich im modernen deutschen, oder eher im modernen europäischen, Wertesystem zu Hause fühle: das Respektieren der Menschenrechte, der Respekt dem anderen gegenüber ebenso wie Meinungs- und Pressefreiheit, Akzeptanz und Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Obwohl ich das Gefühl habe, dass die Toleranz in der Gesellschaft in letzter Zeit ein wenig gelitten hat.

Natürlich respektiere ich jeden Menschen und jeden Lebensentwurf. Für mich ist das selbstverständlich. Auch, dass ich in meinem selbstgewählten gesellschaftlichen Umfeld so sein kann, wie ich will, schätze ich sehr. Doch Millionen anderer junger Leute können all diese für uns selbstverständlichen Freiheiten nicht genießen. Das merke ich besonders dann, wenn ich in den arabischen Ländern arbeite und sehe, wie viel Mut manche meiner jungen Gäste aufbringen müssen, nur um ihre Gedanken, Ansichten und Meinungen vor den Kameras zu formulieren.

Die Meinungsfreiheit, die in Deutschland herrscht, ist für mich wertvoll. Für mich ist sie ein Grundrecht. Mehr noch: Sie ist für mich die DNA einer Gesellschaft. Denn wenn Meinungsfreiheit herrscht, dann bedeutet das, dass ich frei denken, frei fühlen und frei atmen kann. Ich kann mich selbst entdecken, frei entfalten und frei entscheiden. Meinungsfreiheit bedeutet nicht nur, dass ich in meiner Sendung die Themen, die aktuell am relevantesten sind, ansprechen kann, sondern noch viel mehr: Sie bedeutet, dass Deutschland sich in seinen Grundwerten als so gefestigt betrachtet, dass es sich diese Meinungsfreiheit leisten kann. Weil das Bekenntnis zu ihr zeigt, dass das politische System ein Grundvertrauen in das gute Bildungssystem und in die Zivilgesellschaft legt und Menschen zutraut, nicht gleich auf die Barrikaden zu gehen, nur weil möglicherweise eine kleine radikale Gruppe mediales Interesse erfährt. Von mir kann ich sagen, dass ich ein richtiger Fan des deutschen Grundgesetzes und der deutschen Rechtsprechung bin, da sie jeden Menschen gleichbehandeln, ihm gleich viele Freiheiten zusprechen und im Austausch dafür «nur» Gesetzestreue und Toleranz gegenüber Andersdenkenden verlangen. Wobei ich das Ideal – also eine freie Gesellschaft, die das Individuum in all seinen charakterlichen Facetten und verschiedenen Möglichkeiten fördert, egal welcher Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung dieses Individuum auch sein mag – noch nicht ganz und längst nicht bei allen erreicht sehe.

 

Viele meiner jungen arabischen Gäste sind zivilgesellschaftlich oder in den sozialen Medien politisch aktiv. Sie versuchen, auch wenn es nicht immer gern gesehen wird, an den bestehenden Machtverhältnissen zu rütteln, indem sie ihre Wahrheiten, Ansichten und Beobachtungen in ihren Blogs beschreiben – ohne dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wenn diese mutigen, engagierten jungen Leute dann vor unseren Kameras stehen, formulieren sie tapfer ihre Erkenntnisse, Kritiken und Gedanken, die im Westen als harmlos und normal, in Arabien aber als revolutionär und gefährlich angesehen werden können. Denn von vielen Älteren, vor allem von den Machthabern, wird es nicht gern gesehen, wenn junge Menschen vor der Kamera zum Beispiel auf ihrem Recht zur Selbstverwirklichung bestehen.

Als Redaktionsleiter und Moderator bin ich mit meinem Team schon ein wenig stolz darauf, dass sich hin und wieder auch arabische Spitzenpolitiker in der ungewohnten Situation wiederfinden, bei uns in der Sendung zu sitzen, dabei jungen Menschen zuhören und sich überdies mit deren Fragen und Kritik öffentlich konfrontieren lassen zu müssen. Sehr viele Themen, die wir ansprechen, sind für Samira im Jemen oder Mohammed in Jordanien oder Sami im Libanon wirklich eine Entdeckungsreise. Wir bieten ihnen mit der Sendung eine Möglichkeit, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die man vor Ort nicht so offen, direkt sachlich, aber auch manchmal emotional diskutieren kann. Nach jeder Sendung bekomme ich Nachrichten, in denen Zuschauer mir schreiben, dass sie «nie» gedacht hätten, «dass es andere junge Leute gibt, die so denken wie ich». Oder auch: «Immer, wenn ich deine Sendung gesehen habe, beschäftigt mich das Thema lange, und das finde ich cool, weil ich so zum Nachdenken angeregt werde.» Eine größere Anerkennung unserer Arbeit kann ich mir kaum vorstellen.

Trotzdem gilt für die allermeisten Medien und Politiker immer noch: Die Jugend allgemein wird nicht gern als Teilhaber im öffentlichen Diskurs gesehen. In Deutschland, so ist mein Gefühl, wird sie zwar schon öfter gehört – diese Stimme ist aber noch nicht vollständig in die Medien integriert. Dass junge Menschen in Arabien eine Stimme in den Medien haben, sich zu gesellschaftlichen oder politischen Gegebenheiten äußern oder Traditionen hinterfragen oder gar kritisieren, ist nicht selbstverständlich. Was richtig ist, könnten sie nicht wissen, heißt es von den Alten, meist religiösen, vermeintlichen Weisen, von denen, die nahe an der Macht sind oder sie innehaben. Und sei es nur die Macht über die jungen Männer und Frauen der Familie. Nicht zu vergessen, dass die meisten Medien in der arabischen Welt in der Hand der Machthaber sind oder aber von reichen, einflussreichen Privatleuten betrieben werden, die ebenso eine politische Agenda, die meist Parteien nahesteht, haben und der sie folgen.

Wenn sich auch nur eine Person zur Meinungsäußerung traut, das aber in einer Sendung wie Shababtalk, also nicht nur vor einem engagierten Publikum, sondern auch vor den Millionen Zuschauern und Usern (165 Millionen Abrufe im Netz 2017), dann ist eine Resonanz in weiteren Medien sehr wahrscheinlich. Als wir die Sendung konzipierten, war uns das in dieser Dimension noch nicht ganz bewusst. Auch konnten wir noch nicht ahnen, später einen Preis der Arabischen Sendeanstalten für die erfolgreichste Talkshow drei Jahre in Folge zu gewinnen – so wie keine andere Sendung vor Shababtalk! Niemand konnte voraussehen, dass wir in der gesamten arabischen Medienwelt eine so große Bedeutung bekommen würden.

Dass wir mittlerweile aber meinungsbildend wirken, Diskussionen anstoßen und Dinge, vor allem Missstände, klar benennen – vor dieser Tatsache haben die konservativen, traditionell und patriarchalisch denkenden religiösen Machthaber Angst. Denn wir geben dem Großteil der Bevölkerung – rund 60 Prozent in den arabischen Staaten sind jünger als 24 Jahre und 28 Prozent sind zwischen 15 und 29 Jahren alt – eine Stimme. Und das regelmäßig. Dazu kommt, zum Verdruss der Machthaber, dass die Shababtalk-Redaktion nicht durch die oft scharfen Gesetze der jeweiligen Länder, in denen wir produzieren oder auch nur senden, zu stoppen ist. Wir gehören einer deutschen Sendeanstalt an, genießen das hiesige, deutsche Recht zur freien Meinungsäußerung und teilen es natürlich auch sehr gerne mit unseren Gästen. Das ermöglicht uns, deutlich kritischer als die wenigen privaten, nichtstaatlichen arabischen Sender zu arbeiten.

 

Die in den arabischen Ländern vorherrschenden politischen und traditionellen Systeme fußen auf komplett anderen Werten als die UN-Menschenrechtscharta, auch wenn die meisten der arabischen Staaten – zumindest die Staaten der Arabischen Liga – die Arabische Charta der Menschenrechte 2004 beschlossen haben. In ihr wird die Scharia nicht direkt erwähnt, dafür aber verschiedene grundlegende internationale Menschenrechtsdokumente. Und leider zeigt die Justiz immer wieder, dass sie sich nicht besonders für diese Menschenrechte interessiert, sondern von der politischen Macht abhängig ist. Zudem herrschen von Land zu Land verschiedene, viele gleiche, ähnliche oder unterschiedliche, traditionell und islamisch geprägte Vorstellungen von Anstand und Moral und auch die dementsprechenden Gesetze. Gesetze, die sich oftmals eher an der Scharia, also der islamischen Rechtsprechung, und nicht an der Charta der Menschenrechte orientieren. Keine Trennung zwischen Staat und Religion. Dabei wirken einige dieser Länder, in denen man wunderbar Urlaub machen kann, auf den ersten Blick, nach außen hin, richtig offen, liberal und frei. Wenn man sich aber die Gesetzgebung dort anschaut, dann bemerkt man, wie weit sie von Freiheit und Liberalität und auch von der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau entfernt sind.

Selbst dort, wo die Gesetze oft schon weniger streng sind, unterliegen junge Menschen meist den Zwängen und Anforderungen ihrer Familie und der Gesellschaft, sodass für Hunderte Millionen junger Menschen, vor allem aber für junge Frauen, ein selbstbestimmtes Leben schwer zu führen ist. Nichtsdestotrotz sind einige Frauen, zwar nicht die Mehrheit, aber doch einige, ihren eigenen Weg gegangen. Auch wenn der normale Alltag problemlos bewältigt wird, man zur Schule und zur Universität geht, genug zu essen und zu trinken hat, so gibt es doch Hunderttausende, wenn nicht Millionen junger Menschen, die etwas ändern möchten.

Das sind genau die Leute, die bei uns in der Sendung auftauchen und zu Wort kommen. Junge Frauen, die ihre Lebensbedingungen nicht einfach hinnehmen wollen, junge Männer, die nicht einfach ihre Privilegien als Mann genießen wollen. Männer, die eben nicht denken, dass sie mehr Rechte haben, nur weil sie Männer sind. Vor allem ist es vielen wichtig, frei wählen und sich für ein demokratisches System einsetzen zu dürfen. Denn das normale System, auf dem das Leben und der Alltag aufgebaut ist, ist in den meisten Fällen alles andere als demokratisch: Normalerweise hat zuerst der Vater etwas zu sagen, aber auch die Mutter, die Großmutter und nicht zuletzt die Nachbarn, die gesamte Gesellschaft. «Was sollen die von dir und uns, deiner Familie, denken?», heißt es, wenn junge Menschen mit unkonventionellen Gedanken oder gar Lebensentwürfen in Erscheinung treten. Die Gesellschaftsordnung ist eher auf das Kollektiv als auf das Individuum angelegt. Dadurch verliert sich das Individuum – ohne jemals die Chance zu bekommen, sich überhaupt erst zu finden.

In arabischen Ländern fragt man nicht: Wer bist du?, sondern: Wie heißt du (der Name gibt oft schon Auskunft über die Konfession), woher kommst du, aus welcher Familie stammst du? So werden Menschen eingeordnet. In die soziale Schicht vor allem, aber auch in die Religion. Im Libanon zum Beispiel erkennt man anhand der geographischen Herkunft sogar, welcher Religion oder Schicht jemand angehört. In Ägypten, im Irak, in Saudi-Arabien, eigentlich überall, gibt es Viertel für Bessergestellte. Jeder kann den anderen – oder meint es zu können – sofort zumindest oberflächlich einordnen. Das Kollektiv, aus dem er kommt, zählt. Das Individuum dagegen ist nicht so wichtig. Dementsprechend ist es auch nicht so wichtig, dass das Individuum seine Individualität entdeckt und auslebt, denn in diesen Gesellschaften ist es wichtiger, für die Familie und für die Gesellschaft zu funktionieren. Für junge Menschen heißt es immer nach den Regeln der Familie und ihren Traditionen und nach den Gesellschaften, ihren Vorschriften und Regeln zu leben.

Bis 2011 der Arabische Frühling in Tunesien ausbrach, der sich mit Hilfe der sozialen Medien als Kanal wie ein Lauffeuer in Nordafrika verbreitete, galt das als unumstößliche Tatsache. Als die Welle der Protestbewegungen in Nordafrika aber begann, Millionen zumeist junger Menschen in den arabischen Ländern auf die Straße gingen, um gegen die veralteten und korrupten Machtstrukturen zu demonstrieren, veränderte das diese vermeintlichen «Sicherheiten». Die Menschen protestierten gegen über Jahrzehnte gewachsene, verkrustete Machtstrukturen, die, vermischt mit religiöser Ideologie, Vetternwirtschaft, Mangelwirtschaft und einer hohen Arbeitslosenquote – bei steigenden Lebenshaltungskosten –, dafür sorgten, dass selbst dreißigjährige Universitätsabsolventen weder eine Anstellung noch eine eigene Wohnung finden konnten. Gegen Strukturen, die, vermischt mit islamisch-traditionell geprägten Begriffen von «Ehre» und «Werten», dafür verantwortlich waren – und immer noch sind –, dass es vor allem jungen Frauen nur unter allergrößten Kraftanstrengungen und auch Gefahren möglich ist, ihre Ideen von einem selbstbestimmten Leben zu verwirklichen.

Die Idee zu Shababtalk wurde geboren – «Mein Fenster in die Welt!»

Ich weiß noch genau, wie wir damals anfingen: Nach drei Jahren als Videojournalist bei der Deutschen Welle, in denen ich abwechselnd in Berlin und Kairo arbeitete, wollte ich mir eine Auszeit für eine berufliche Veränderung nehmen. Bilder, bildliche Darstellungen habe ich schon immer gemocht, und so überlegte ich, die Kunst, in Bildern zu erzählen, zu studieren. Ich wollte zunächst ins Regiefach an der London Film Academy hineinschauen, um danach eventuell Regie zu studieren. Zuvor war es meine Aufgabe gewesen, für die Deutsche-Welle-Sendung Jugend ohne Grenzen zehn junge Menschen in Deutschland und zehn junge Ägypter in Ägypten zu porträtieren und zu einem Thema zu begleiten. In einer Sendung war das zum Beispiel «Politische Teilhabe». Wir hatten die jungen Deutschen bei ihrem politischen Engagement in Deutschland und danach die jungen Ägypter in ihrer Heimat begleitet. Dann sind die zehn Deutschen nach Ägypten geflogen und die Ägypter nach Deutschland – jeden Monat abwechselnd. Ein toller und richtig interkultureller Austausch der Gedanken, Ideen und Möglichkeiten.

Doch natürlich verfolgte ich die Demonstrationen, die sich plötzlich auf den großen Plätzen und in den Innenstädten entlang der Küste Nordafrikas entwickelten. Die Proteste der scheinbar angstfreien Demonstranten waren sehr neu und so spannend zu beobachten! Die Fernsehbilder der aufgebrachten Menschenmassen, die Plakate und Sprechchöre, in denen die Protestierenden zum Teil auch nur aus westlicher Sicht die selbstverständlichsten Dinge von ihren Regierungen einforderten, weckten den Reporter in mir. Als sich die Deutsche Welle bei mir meldete und fragte, ob ich nicht über die Entwicklungen in Arabien berichten wollte, musste ich nicht zweimal überlegen. Regie war zwar immer ein Traum gewesen, doch angesichts der aktuellen Ereignisse, die historisch zu werden versprachen, musste mein Regie-Studium nun erst einmal warten.

Es ging sofort in die Brennpunkte: Ich reiste nach Tunesien, nach Libyen und nach Ägypten und war wieder mitten im Geschehen. Live und direkt habe ich «on the ground» miterlebt, wie die vielen jungen Leute protestierten. Sie begannen sich zu befreien, auf eine beeindruckende Art und Weise. Sie begannen, aus den Zwängen, auferlegt von den Regierungen und den Altvorderen, auszubrechen.

In Tunis, Tripolis oder Kairo, aber auch in Randbezirken und ländlichen Gegenden konnte man an den Protesten nicht unbeteiligt bleiben, selbst wer sie nicht mittragen wollte, konnte die Augen nicht vor ihnen verschließen. In der Berichterstattung der staatlichen Fernsehsender dieser Länder aber wurden die großen Demonstrationen wie auch die Forderungen der Protestierenden kaum, wenig, und wenn, dann natürlich nicht als «innovative Kräfte, die eine Modernisierung des Landes zum Wohle aller» forderten, behandelt. Sondern im Gegenteil: Die Protestierenden wurden als Landesverräter, Terroristen oder Umstürzler gebrandmarkt und hatten schwere und lange oder zumindest körperlich sehr schmerzhafte Strafen zu befürchten. Hätten ägyptische Journalisten versucht, gar nicht mal positiv, sondern nur neutral über die Ereignisse zu berichten, so hätten sie sicherlich umgehend ihre Jobs verloren. Ich aber konnte, der Deutschen Welle sei Dank, frei berichten.

Als sich die jungen Ägypter 2011 auf dem Tahrir-Platz («Platz der Befreiung») in Kairo einfanden, durchlebten meine internationalen Kollegen und ich unglaublich spannende Tage: In der ägyptischen Hauptstadt, einem Millionenmoloch, erfuhren wir die Kraft der Forderungen, die Hunderttausende auf den Straßen skandierten – gleichzeitig aber auch die Brutalität der Regierung, die mit Tränengas, Gummigeschossen und sogar scharfer Munition gegen ihre eigenen Bürger vorging. Die Regierung des Dauer-Präsidenten Mubarak, die sich damals schon fast dreißig Jahre lang in sicheren Ämtern eingerichtet hatte, reagierte kurz vor ihrem Sturz mit dem letzten, verzweifelten Instrument, das strauchelnde Machthaber in der modernen Zeit einsetzen können, wenn nicht einmal scharfe Munition das aufbegehrende Volk einzuschüchtern vermag: Sie kappte das Internet und sperrte kurzerhand Facebook und Twitter.

Doch die Büchse der Pandora war geöffnet, und es sollte kein Zurück mehr geben: Die Jugend, die nach Änderungen im System verlangte, hatte sich zusammengefunden. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die gegen die Missstände, die die korrupte Machtelite zu verantworten hat, auf die Straße gingen, hatten sich vernetzt. Dazu kam, dass die Revolution, die von der Weltöffentlichkeit über internationale Nachrichtensender wie auch die Deutsche Welle, verfolgt wurde, plötzlich internationale Unterstützung erhielt. Viele ausländische Aktivisten und NGOs setzten sich plötzlich für die ägyptische Revolution in Form von digitaler Unterstützung ein: illegalen Facebook- und Twitter-Zugängen über sichere Proxy-Server. So konnten die von der Regierung gesperrten Seiten weiterhin erreicht werden, was den Demonstranten ermöglichte, sich weiterhin zu koordinieren und Nachrichten auszutauschen.

Es war weder zu übersehen noch zu überhören: Die neue Generation wollte ihrem Ärger Gehör verschaffen, dem System die Meinung sagen und so Veränderungen in Bewegung setzen. Der Ruf nach Teilhabe schallte in die Welt – doch ohne innerhalb der arabischen Welt nachhaltig gehört zu werden. Denn es gab in der arabischen Medienlandschaft keine Fernsehsendung, keine Zeitung oder Website, die diese Stimmen neutral einsammeln und einfach drucken oder senden konnte – schließlich herrschte überall, mal strenger, mal lockerer ausgelegt, die staatliche Pressezensur. Eine der wenigen Ausnahmen war der ägyptische TV-Sender ONTV, der für eine kurze Zeit als Revolutionssender bekannt wurde, aber bald schon von der staatlichen Pressezensur gestoppt wurde.

Die zahlreichen privaten Sendestationen und Medien sind nicht «privat» in unserem Sinne, sondern immer sehr politisch und nahe an der Macht. Sei es Al-Jazeera, Al-Arabiya oder die ägyptischen Stationen: Jeder Sender interpretierte die Ereignisse so, wie er sie sehen wollte, nämlich so, wie die Betreiber oder Inhaber die Geschehnisse richtig fanden. Manche waren pro, manche waren contra – aber keiner versuchte sich in Neutralität. Al-Jazeera war zum Beispiel für die Revolution in Ägypten, in Libyen und in Syrien, aber gegen politische Bewegungen in Saudi-Arabien, Bahrain oder Katar. Sie sendeten je nach politischer Lage Einschätzung und Meinung in ihren Herkunftsländern. Daher hatten die ausländisch finanzierten Sender wie die Deutsche Welle, die BBC oder France24 einen guten Stand – sie hatten die Möglichkeit, wirklich neutrale und objektive Berichterstattung zu betreiben, genau nach dem europäischen Verständnis von Pressefreiheit.

In den arabischen Ländern gewährt die Pressefreiheit von Land zu Land verschiedene Grade der Meinungsäußerung, allerdings längst nicht die Freiheit, die wir in Europa meinen. Man darf zwar zum Beispiel in den marokkanischen, durch Frankreich inspirierten Medien viele gesellschaftlichen Themen diskutieren und kritisieren. Nie aber darf etwas gegen den König und seine Politik geäußert werden. Ähnlich sah und sieht es in Ägypten aus, wobei der Präsident und seine Unterstützer, die herrschende Klasse, die Stellung des Königs und seiner Familie innehaben. In den arabischen Königreichen Jordanien und Saudi-Arabien, in den Emiraten und auch in Bahrain und Kuwait ist es nicht sehr anders.

 

In diesem aufregenden Jahr 2011, mit ungewissem Ausgang – würde es Tote geben? Würde einer der Machthaber abtreten? Würde er sich mit den Revolutions- oder Demonstrationsführern an einen runden Tisch begeben? –, spürten wir in der arabischen Redaktion der Deutschen Welle in Berlin, dass wir etwas machen mussten. Wir brannten geradezu darauf, den jungen und politisch denkenden Menschen, die sich unter teils großen Gefahren an die Weltöffentlichkeit wandten, eine Stimme zu geben. Bevor es Shababtalk gab, bot sich dasselbe künstliche und unpolitische Bild im Fernsehen: Styling, Essen, Musik, Urlaubsort. Freiheit, politisch-kritische Betrachtungen, Rechte, Hinterfragendes – diese Themen waren kaum vertreten. Fragen wie «Darf ich eine Gesellschaft oder die Politik kritisieren?», «Darf ich einfach nur Atheist sein?», «Was für eine Demokratie wünsche ich mir?», «Habe ich das Recht, meine Meinung frei zu sagen?» und das Thema «Homosexualität» wurden in keiner Sendung zu dieser Zeit so konkret, frei und aus verschiedenen Perspektiven diskutiert. Eine solche Sendung gab es einfach noch nicht.

Denn was in Europa kaum bekannt ist: Die Medienwelt in Arabien ist nicht nur von Zensur, sondern auch sehr von Oberflächlichkeit oder aber tiefer Religiosität geprägt. Für die Jugend gibt es «Arabien sucht den Superstar»-Singwettbewerbe, Modelwettbewerbe und Koran-Rezitierwettbewerbe. Allein die Begriffe wie «Rechte», «Freiheit» und «politische Meinung» wurden und werden zum großen Teil immer noch nicht mit der Jugend in Verbindung gebracht. Auf Facebook sah es, bevor wir mit Shababtalk starteten, ähnlich belanglos – oder traditionell tiefgründig-gläubig aus. Eine Seite, die keine Tabus kennt und menschenrechtlich relevante Themen journalistisch anspricht, die so häufig wie unsere besucht wurde, gab es ebenfalls nicht. Auch wir waren von unserem Erfolg überwältigt. Mittlerweile haben uns Millionen Fans online auf der Shababtalk und auf der DW-Arabia-Seite abonniert.

Bis heute gibt es keine von arabischen Sendern produzierte Show, in der junge, politisch denkende Menschen ernst genommen oder gar in ihren Forderungen unterstützt werden. Selbst eine für unser westliches Empfinden recht moderate Talkshow im Stile von Maischberger oder Anne Will, in der oft Kontrahenten aus verschiedensten politischen Lagern energisch und lautstark aneinandergeraten, würde in Arabien sofort nach der Ausstrahlung die wüstesten Drohungen und Anfeindungen der Anhänger der jeweiligen Lager auf sich ziehen. Junge Menschen kommen in den arabischen Pendants dieser Sendungen so gut wie nie – und wenn, dann nicht mit ihren eigenen, neuen Ansichten und Gedanken – zu Wort. Falls mal jemand unter 40 sprechen darf, vielleicht auch mal über etwas ansatzweise Kritisches, dann sind das ausgesuchte, wenn nicht sogar gefilterte junge Menschen, die natürlich nie den Staat, den Präsidenten oder den König kritisieren dürfen, sondern etwas Bestimmtes aus einer bestimmten, konformen Sicht sagen. Das wollten wir ändern.

Dazu kam natürlich das Shababtalk-Engagement auf Facebook: Unser Ziel war eine Zwei-Wege-Kommunikation mit unseren Zuschauern. Wir wollten nicht nur senden und unsere Botschaften empfangen lassen, sondern einen Dialog anstoßen. Wir wollten die Meinung unserer Zuschauer und ihre Lebensumstände kennenlernen. 2011 haben wir angefangen, uns die Meinung der Menschen über Facebook und Twitter aktiv einzuholen. Zusätzlich zu den Gästen, die bei uns im Studio sitzen, bekommen wir auf diesen Wegen bis heute Tausende anderer Meinungen, Fragen und Gedanken live in die Sendung. Jeder, der uns direkt schreibt und proaktiv an der Sendung teilnehmen will, wird von uns wahrgenommen. Wer uns Wichtiges mitteilen wollte oder will, wurde und wird angehört. Die Redaktion prüft dann die Zuschriften, verifiziert sie gegebenenfalls und recherchiert zum Thema – ein riesiges Novum in der arabischen Medienwelt.

Unsere Idee zu Shababtalk manifestierte sich also, während in Arabien Journalisten verfolgt und mit Arbeitsverboten belegt wurden und während der Versuch, gegen das starre System zu protestieren, Hunderte junge Leben kostete. Mit Shababtalk, so schien es und so scheint es weiterhin, hatten und haben wir den Nerv des Moments getroffen, denn plötzlich war die «Generation Facebook» aus ihrer staatlich verordneten, duldsamen Lethargie im engen Korsett zwischen Tradition und Islam aufgewacht. Sie ging, trotz Demonstrationsverbot und obwohl Polizei und Militär alles taten, um Veränderungen zu verhindern, auf die Straßen. Für ihr Recht auf freie Meinungsäußerung, Arbeitsplätze, Chancengleichheit und Pressefreiheit. Diesen Menschen eine Stimme zu geben – darin sehen wir bei der Deutschen Welle auch unsere Rolle.

Unsere Talkshow, die im Jahr 2017 165 Millionen Abrufe in den sozialen Medien hatte und mittlerweile Millionen Zuschauer in allen arabischen Ländern erreicht, startete also 2011, um eine länderübergreifende, panarabische Diskussionskultur der neuen Generation, der arabischen «Digital Natives», die auf den Straßen und in den sozialen Netzwerken begann, weiterzuführen. Mit diesem bislang unbekannten Konzept eroberten wir Neuland und wussten selbst noch nicht, wie sich unser Konzept entwickeln würde. Aber mit einem derart überwältigenden Erfolg hatten wir damals nicht gerechnet.

Schnell merkten die Zuschauer, dass es einen Moderator gab, der sie nicht erziehen wollte, sondern sie ernst nahm und ihnen auf Augenhöhe begegnete. Ich als junge Person, die selbst aus dem arabischen Raum kam und sich deshalb in die Zuschauer gut reinversetzen konnte, war in der Lage, nachzuvollziehen, worum es den jungen Leuten ging und dass sie über viele Themen reden wollten. Das hat der Sendung unglaublich geholfen. So wurde ich zu einer Figur, mit der sie sich identifizieren und der sie vertrauen, aber auch kritisieren konnten.

Für die Zuschauer bin ich zwar arabisch – ich sehe arabisch aus, spreche die Sprache, verstehe die Witze –, spreche aber auf eine nicht arabische Art mit ihnen. Die Zuschauer sehen einen Journalisten und einen Moderator, der sich für junge Leute einsetzt, sie aufrichtig interessiert befragt, sie nicht bewertet und nicht in einem schlechten Licht dastehen lässt, wenn sie jemanden kritisieren. Ich als Moderator bin nicht der altbekannte Besserwisser, sondern nur jemand, der die Gäste oder Interviewpartner bestärkt, zu sagen, was sie denken, möchten und meinen. Dieses Auftreten ist für arabische Moderatoren ziemlich ungewöhnlich.

Ich lasse meine Gäste gerne untereinander und miteinander, übereinander und manchmal auch durcheinander diskutieren und stelle mich nie hin als der, der es besser weiß als alle anderen. Es geht darum, dass die Gäste einfach endlich mal frei zu den Themen, die sie beschäftigen, ungehindert sprechen können. Plötzlich ging eine neue Art der Debattenkultur los, die von respektvollem Umgang der Diskutanten miteinander geprägt war und ist, auch weil wir im Team immer darauf achten. Das Shababtalk-Team besteht aus Menschen, die aus verschiedenen arabischen Nationen stammen, und ist vielfältig in seiner Meinung und Haltung. So stellt die Sendung eine Bandbreite der möglichen Denkansätze zu vielen Themen dar. Schließlich wollen wir nicht nur in unserer Sendung, sondern auch mit unserer starken Verbreitung auf Twitter und Facebook den «Hate Speech»-Usern keine Foren bieten, sondern konstruktive Beiträge zu einem guten Miteinander und im Idealfall Ideen für bessere Lebensbedingungen für alle sammeln.

Am Anfang sendeten wir nur aus Berlin, dann kamen die ersten Stimmen aus dem Publikum in den arabischen Ländern, in denen wir über Satellit in Hunderten Millionen Haushalten empfangen werden konnten. Sie warfen uns vor, nur aus dem sicheren Berlin zu senden, in dem wir ungestraft und ohne Folgen frei sprechen konnten. Das wollten wir ändern. Wir wollten da sein, wo unsere Zuschauer leben, fühlen und sich bewegen. Wir wollten ihre Umgebung kennenlernen. So kam es dazu, dass wir mittlerweile seit drei Jahren mit der Sendung in den arabischen Ländern auf Tour gehen, um vor Ort mit den jungen Zuschauern ihre Lebensrealitäten zu spüren. Das hat mir unglaublich in meinem Verständnis geholfen. So konnte ich erleben, wie die jungen Menschen vor Ort fühlen, und meine Anwesenheit dort hat uns noch viel mehr auf Augenhöhe gebracht.

Wir haben uns ganz bewusst dazu entschlossen, nicht wie ein allwissender europäischer Vormund aufzutreten und zu handeln. Es ist nicht zu übersehen, dass unsere Zuschauer das sehr zu schätzen wissen. Auch dadurch hat die Sendung innerhalb der letzten drei Jahre stark an Akzeptanz gewonnen. Es haben aber auch alle gesehen, dass wir nicht nur in den Nobelvierteln unterwegs sind. Ich gehe auch in die Slums, spreche mit Menschen auf der Straße, versuche jedem eine Stimme zu geben und bin in den verschiedensten Regionen unterwegs. Egal wie sicher oder auch gefährlich es dort ist, versuche ich immer gleich tief und direkt ins Geschehen vor Ort einzudringen. Das hat vielen Menschen gefallen: eine Plattform, die auch mal bei ihnen vor der Haustür, in einem eher armen Viertel irgendeines arabischen Landes aufgebaut werden kann und nicht nur aus glänzenden TV-Studios aus Berlin oder einem Hochhaus aus dem schicken Dubai sendet.

Im Mai 2018 haben wir etwa eine Sendung in Mossul, der von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) befreiten Stadt, produziert. Mossul liegt heute in Trümmern, von Wiederaufbau ist noch kaum etwas zu sehen. Ich war schon in einigen arabischen Krisenregionen. Doch was ich hier gesehen habe, hat mich sehr erschüttert und bewegt. Unvorstellbares Leid, dazu immer noch Leichen in der zerstörten Altstadt von Mossul – fast acht Monate nach der Befreiung. Das macht mich fassungslos.

Hingehen, hinsehen, den jungen Menschen dort eine Stimme geben – das war das Ziel der Vor-Ort-Produktion von Shababtalk. Als erste Talkshow überhaupt produzierte die Deutsche Welle in Kooperation mit unserem irakischen Partner die Shababtalk-Sondersendung an der Universität Mossul. Wie wichtig die Präsenz ist, bestätigte mir dabei eine junge Irakerin: «Während der IS-Zeit war Shababtalk mein Fenster zur Welt. Aber ich hätte damals nie gedacht, dass ihr jemals nach Mossul kommt und wir Teil von Shababtalk werden.» Genau das motiviert das gesamte Team immer wieder weiterzumachen.

Vor über 250 Studenten diskutierten Aktivisten, Politiker sowie Vertreterinnen und Vertreter lokaler Nichtregierungsorganisationen und Bürgerinitiativen über die Zukunft der Stadt. Der Wiederaufbau, die Rückkehr von Binnenflüchtlingen und Minderheitenrechte bildeten thematische Schwerpunkte. Trotz der Zerstörung, das wurde am Rande der Produktion deutlich, verbinden viele Menschen in der Stadt das Leid auch mit neuer Hoffnung. Das Wort Freiheit hört man auffallend oft. Der Sieg über den IS, der in Mossul ungezählte Opfer und eine Spur der Verwüstung hinterlassen hat, ermöglicht sie, die neue Freiheit. Und diese ist in den Augen vieler Menschen das Wertvollste. Nach drei Jahren systematischer Unterdrückung.

Je mehr Sendungen wir machen, desto mehr wird mir bewusst, dass Freiheit in der Tat das wertvollste Gut auf dieser Erde ist.

Die Shababtalk-Themen – «Ab jetzt ist alles anders»

Seit wir die Sendung machen, haben wir dreimal hintereinander den Preis als wichtigste Talkshow der arabischen Fernsehwelt gewonnen. Dreimal in Folge. Das gab es noch nie.

Die Themen, die wir im Berliner Studio oder bei unseren Touren durch die arabischen Länder behandeln, sind oft Themen, die mich oder mein Team selbst interessieren oder persönlich betreffen – oder oft auch betroffen machen. Mit meinem mittlerweile doch sehr deutschen Blick auf viele Situationen und Sachverhalte kann ich über vieles, was in Arabien als «normal» gilt, nur noch den Kopf schütteln. Ebenso wie viele junge Araber, die über die Medien vieles mitbekommen – unter anderem zum Thema Volljährigkeit in Europa, die hier mit 18 beginnt und die absolute Entscheidungsfreiheit bedeutet, ohne dass die Großfamilie etwas verbieten kann.

Wenn ich von einer Zuschauerin eine Nachricht bekomme, in der sie darüber klagt, ihren Traumberuf nicht erlernen zu dürfen, weil sie dafür – unverheiratet und ohne Vater, Onkel oder Bruder an ihrer Seite – in eine andere Stadt ziehen müsste, was leider aufgrund der zu schützenden «Familienehre» nicht geht, dann wird das in meiner Sendung thematisiert. Es wird aber auch thematisiert, dass es junge Leute gibt, die mit alldem brechen. Dass es moderne Frauen und junge Männer gibt, die an all das, was «Tradition» und «Ehre» an diffusen, aufgeladenen, aber nicht greifbaren Werten beinhalten, nicht mehr glauben und ihren eigenen Weg gehen wollen. Natürlich gibt es da immer genügend Gegenstimmen, und die müssen gar nicht mal unbedingt von der alten Generation kommen. Einer der wichtigsten Punkte für uns ist, dass wir auf keinen Fall mit Vorurteilen an eine Situation, an ein Thema und in eine Sendung gehen und dass wir uns immer bemühen, beide Seiten so gut wie möglich zu beleuchten. Wir machen niemanden nieder oder jubeln irgendwen hoch. Allerdings zeigen wir auch immer wieder sehr gerne Erfolgsgeschichten. Und ich freue mich sehr darüber, dass wir auch im Sinne des konstruktiven Journalismus jungen Leuten die Möglichkeit geben, ihre spannenden neuen Projekte zu präsentieren, und andere damit bestärken, ihnen Perspektiven aufzeigen und Hoffnung schenken.

Durch die Reflexion jeder Sendung auf unserer Facebook-Seite und auf meinem Twitter-Account können wir sehen, wie viele tausend junger Menschen in Arabien dasselbe Problem haben, welches im Idealfall dann von den klassischen Medien der Länder aufgegriffen wird. Wenn wir zum Beispiel Atheismus thematisieren und sehen, wie die Leute darüber diskutieren, dann zeigen wir auch die Gesetzes- und die Menschenrechtslage auf. Schließlich ist es in Ländern wie beispielsweise Saudi-Arabien lebensgefährlich, sich zum Atheismus zu bekennen. Atheisten werden dort gesellschaftlich geächtet, als Terroristen diskreditiert und auch hingerichtet. Die Religionsführer warnen immer wieder vor der «Gefahr des Atheismus».

Ahmad al-Shamri hatte 2014 ein Video veröffentlicht, in dem er sich abschätzig über den Propheten Mohammed äußerte, woraufhin er des «Atheismus und der Blasphemie» angeklagt wurde. Er wurde 2017 zum Tode verurteilt, da die Abkehr vom Islam, wie auch Blasphemie oder Homosexualität, häufig mit dem Tode bestraft wird. Deshalb ist es uns wichtig, unsere Zuschauer und Mitdiskutanten auch darauf hinzuweisen, dass sie sich in ihren Äußerungen an die Gesetze halten sollten. Wir verstehen das als unsere Verantwortung, der wir uns als Redaktion auch gerne stellen und die wir mittragen müssen. Allerdings tragen wir auch dazu bei, dass auf unseren Kanälen eine respektvolle Diskussionskultur gelebt wird. Das ist nicht immer leicht – denn viele Themen sind für einige Nutzer doch arg kontrovers beziehungsweise gehören weder angesprochen noch überhaupt in die Öffentlichkeit.

Dabei ist es unwichtig, ob die Leute für oder gegen eine These, einen Streitpunkt oder eine Lebensform sind – Hauptsache, sie diskutieren! Wir betonen immer die Notwendigkeit des respektvollen Dialogs mit den Gesprächspartnern und -gegnern, denn das ist letztendlich das Wichtigste. Das, was alles ausmacht.

Shababtalk ist Kult!

Shababtalk ist mittlerweile aus der arabischen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Die Sendung ist zu einer eigenen Kultur geworden. Ich denke, das beruht vor allem auf dem starken multimedialen Shababtalk-Team, auf der Art, wie wir die Sendung vorbereiten, und durch meine Art, Fragen zu stellen. Ohne das Shababtalk-Team wäre all das nicht möglich. Die Menschen merken wirklich, dass wir zueinanderhalten. Sie merken, wie leidenschaftlich das Team ist. Bei der Moderation merken sie auch, dass ich vorurteilsfrei bin und auch im Nachhinein niemanden aufgrund seiner Ansichten verurteile, dass ich mich nicht lustig mache und dass ich nicht zulasse, dass vermeintlich Stärkere sich in der Sendung über Schwächere erheben.

Wir sind nicht nur zu einer eigenen Kultur geworden, wir haben eine eigene Identität gefunden, weil wir erstmals in einem solchen Ausmaß junge Leute und Politiker zusammenbringen, die auf Augenhöhe miteinander diskutieren können. Vor allem ist uns aber auch wichtig, dass die jungen Menschen den Politikern ihre Meinung zu bestimmten Sachverhalten sagen können. Die Reaktionen der Politiker sind nicht nur in der Sendung, sondern schon im Vorfeld, schon auf unsere Einladungen in die Sendungen, spannend zu beobachten.

Die meisten Politiker wissen, wie viele Zuschauer wir haben und dass es für sie auch eine Chance sein kann, ihre Ansichten in einer so viel beachteten Sendung kundzutun. Aber wenn Politiker eingeladen sind, jedoch nicht zu unserer Sendung kommen, dann sagen wir das auch offen in der Sendung. Es geht nicht darum, diese Politiker schlecht darzustellen, sondern eher darum, transparent mit unseren jungen Usern umzugehen. Sie fragen oft nach, welche Politiker zur Sendung kommen, und äußern auch Gästewünsche.

Shababtalk abzusagen ist für die Politiker immer eine knifflige Angelegenheit, denn sie wissen, dass ich ihre Absage eventuell öffentlich mache – mit den von ihnen benannten Gründen. Aber einfach zu kommen ist für viele auch nicht einfach. Denn wenn sie dann kommen, wissen sie, dass die jungen Leute ehrlich und frei mit ihnen reden wollen. Natürlich ist das alles nicht immer einfach und schön. Natürlich polarisieren die Themen, die wir diskutieren wollen. Bei den hitzigsten Themen bekommen wir sogar Drohungen, oft schon im Vorfeld oder wenn wir vor Ort sind.

Ich selbst bekomme natürlich auch mit, wenn ich bedroht werde. Das allererste Mal bekam ich eine Bedrohung über Twitter, die sich so anhörte, als ob sie vom sogenannten Islamischen Staat abgeschickt wurde. Die Deutsche Welle hat zum Glück schnell reagiert und das gemeldet. Ich hatte auch Anrufe von Leuten aus dem Pegida-Umfeld, die waren nicht besonders raffiniert, eher in der Art «wenn wir dich finden, dann passiert was», aber ich erhielt auch Drohungen aus der arabischen Community in Deutschland. Als ich eine Veranstaltung in Jordanien moderieren sollte, hat der Clan eines Politikers mich über Facebook einmal ähnlich heftig bedroht. In Tunesien hatte ich dieses Erlebnis ebenfalls einmal. Wir waren gerade mit dem gesamten Team auf dem Weg zur Produktion und waren voller Vorfreude und Neugier auf unser Publikum und die Gäste. Da erfuhr ich von meinem Team, dass auf Facebook stand: «Er ist in Tunesien, bringt ihn um!» Wie reagiert man in einer solchen Situation, als Teamleiter, der Verantwortung für seine Mitarbeiter trägt? Mir gingen tausend Gedanken durch den Kopf, aber äußerlich musste ich gelassen bleiben. Was für einen Eindruck würde ich meinem Team vermitteln, wenn ich Angst oder Wut zeigen würde? Ich weiß noch genau, wie wir alle zusammen im Auto saßen und ich betroffen über diese Frage nachgedacht habe. Das war drei Stunden vor meiner Sendung mit 200 Gästen.

Wenn es um meine Recherchen und Reportagen geht, kenne ich keine Grenzen. Ich fahre überall hin, wenn die Story es verlangt. Aber damit bringe nur ich mich in Gefahr, und selbst in den entlegensten Gegenden kümmert sich die Deutsche Welle gut um meine Sicherheit und die des Teams. Wenn ich als Reporter unterwegs bin, ist es etwas anderes, als wenn das ganze Team aus Berlin mit mir reist. Wir sind dann immerhin fünf Leute, Producer, Regisseur, Redakteur, der Vertriebskollege – und ich, der Redaktionsleiter, trage die Verantwortung für alle!

Wenn es also ums Team geht, meine vielen Kollegen, die mit mir unterwegs sind, um eine Live-Sendung Shababtalk aufzuzeichnen, dann muss ich solche Drohungen, die mich über Facebook erreichen, melden. In Tunesien waren die Sicherheitsvorkehrungen und das Sicherheitsmanagement vor Ort sehr professionell, und unser tunesischer Koproduktionspartner hat schnell reagiert. Meistens produzieren wir die Sendungen mit einem lokalen Partnersender, der vor Ort eine eigene sichere Logistik hat und uns so einiges ermöglicht. Nicht alle sind mit unseren Inhalten einverstanden, aber unsere unabhängige redaktionelle Arbeit ist uns wichtig.

Der Veranstaltungsort war gesichert, ein Security-Mann war an meiner Seite, es herrschte eine hohe Sicherheitsstufe. Dennoch war die Gefahr spürbar. Man hat in einem solchen Moment das Gefühl, dass es jede Sekunde zu Ende gehen könnte. Am liebsten wollte ich einen Spiegel vor mir haben, um die Umgebung hinter mir betrachten zu können. Außerdem hatte ich auch Angst um meine Gäste und das Publikum. Diese Angst ist ein hässliches Gefühl, denn man will weiterhin seine Arbeit machen, frei mit Menschen sprechen, aber eine solche Drohung macht schon etwas mit einem … Mittlerweile dürfen wir den Ort, von dem aus wir senden, nicht immer veröffentlichen. Die Menschen müssen sich vorher anmelden – das ist nicht das, was ich will. Am liebsten würde ich wie früher einfach ein paar Plakate in der jeweiligen Stadt aushängen, es auf Facebook posten und alle hereinlassen. Aber das geht nicht mehr. Nicht nur wegen der Sicherheit, sondern auch, so komisch sich das anhört, aufgrund unserer Popularität. Es ist manchmal einfach ein Problem, dass wir so groß geworden sind und dem Ansturm der Gäste einfach nicht mehr gewachsen sind. Eine ganze Fernsehgeneration ist jetzt seit sieben Jahren mit Shababtalk aufgewachsen, eine ganze junge Generation, die reflektiert und hinterfragt und uns auch sehr kritisch gegenübersteht. Da stehen wir dann vor dem Problem, dass wir das erste Mal in eine Stadt kommen und viele einfach aus Platzgründen draußen bleiben müssen. Das Sicherheitsproblem verschlimmert es natürlich noch mehr. Das schafft Unmut, den ich nicht mag. Ich will, dass jeder kommen kann, aber es ist leider nicht mehr möglich. Manchmal komme ich selbst auch nicht. Einen Moderationsjob in Jordanien für den Journalistenverband ARIJ (Arab Reporters for Investigative Journalism) habe ich zum Beispiel wegen der Clan-Drohungen abgesagt. Zum ersten Mal habe ich einen Job aus Sicherheitsgründen absagen müssen. Das ärgert mich. Am Ende will ich doch nur meine Arbeit machen.

 

Shababtalk vermittelt eine Einstellung, die vielen jungen Menschen Hoffnung gibt, Energie, Motivation und nicht zu vergessen den Glauben an sich selbst. Die Sendung ist zur Stimme der arabischen Jugend geworden. Für mich selbst ist die Sendung zusammen mit meinem Team zu einer Philosophie, einer 24/7-Aufgabe, zu einem Lebensinhalt geworden. Das einmalige Shabab-Team und die Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen der Deutschen Welle haben die Sendung zum heutigen Erfolg geführt. Und ganz besonders freuen wir uns immer dann, wenn wir uns bei aller Erfahrung, bei aller Planung und Voraussicht noch überraschen lassen können. Nicht selten sind wir in der Redaktion ziemlich verblüfft über den Verlauf einer Sendung und auch über ihr Echo – wie etwa, als wir fast versehentlich die arabische #metoo-Debatte lostraten.

Eine junge Jordanierin war bei uns zu Gast in der Live-Sendung und berichtete, dass sie bei einem Vorstellungsgespräch belästigt worden sei. Daraufhin wollte sie diesen Vorfall anzeigen, ging zur Polizeistation und wurde dort erneut belästigt. Sie hatte nichts Verwerfliches getan, außer einen sexuell orientierten Machtmissbrauch zu melden – beziehungsweise melden zu wollen – und darüber in meiner Sendung zu sprechen. Sogar anonym, ohne den betroffenen Polizisten öffentlich und namentlich bloßzustellen. Daraufhin wurde ein ehemaliger altgedienter jordanischer Politiker, der ebenfalls zu Gast war, fuchsteufelswild. Er schien sich stellvertretend für die gesamte jordanische Nation angegriffen zu fühlen und wollte sich nach der «Angriff ist die beste Verteidigung»-Strategie aller Zweifel an den jordanischen Männern erwehren. Er schrie die junge Frau an, bezichtigte sie der Lüge und fragte sie – sehr bezeichnend, wie ich finde –, ob sie «überhaupt Jordanierin sei». Er ging sogar so weit, sie vor laufenden Kameras aufzufordern, ihren Pass zu zeigen, da «jordanische Mädchen so etwas nicht tun und sagen würden». Meine Bitten um respektvollen Dialog blieben selbstverständlich unbeachtet. Als der Mann dann wutentbrannt das Studio verließ, war ich kurz fast sprachlos – und das bin ich ziemlich selten.