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Eine in eindringlicher Sprache geschriebene Biographie Fridtjof Nansens, des großen Norwegers, der durch seine Leistungen auf dem Gebiet der Polarforschung und des humanitären Einsatzes für Kriegsgefangene, Flüchtlinge und hungernde Kinder beispielhaft gewirkt hat.
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Seitenzahl: 430
Veröffentlichungsjahr: 2020
JUNGE FLÜGEL
Student der Zoologie – An Bord der »Viking« – Erinnerungen an die Kindheit
DIE MORGENRÖTE DER ARKTIS
Auf Robbenjagd im Nordmeer – Im Packeis vor Grönland – »Bär in Lee!«
WELT IST ÜBERALL
Als Museumskurator in Bergen – Wissenschaftliche Arbeiten – Schnee und Gebirge
GAST IN EINEM ANDEREN LICHT
Italienischer Frühling 1886 – Als Assistent am Biologischen Institut in Neapel
GEH VORWÄRTS – SIEH NICHT ZURÜCK
…
Der große Plan: Durchquerung Grönlands – Besuch bei Nordenskiöld – Die Gefährten
WEISSER STROM UND NEUE ERDE
An der grönländischen Ostküste – Eisdrift nach Südwesten – Endlich an Land
DER GEFRORENE PFAD
Marsch über das Inlandeis – Schneesturm – Ankunft an der Westküste
WINTER UND HEIMKEHR
Ein Winter bei den Eskimos – Heimreise nach Norwegen – Triumphaler Empfang
GLÜCK, ARBEIT, TRAUM
Verlobung mit Eva Sars – Reisen durch Europa – Kurator am Zoologischen Museum in Oslo
DER WEG UND DAS SCHIFF
Die Tragödie der »Jeannette« – Eisdrift über den Pol? – » ›Fram‹ sollst du heißen!«
ABSCHIED UND LANGE FAHRT
Auslaufen der »Fram« – Im Karischen Meer – Die »Fram« friert ein
PEER GYNTS BRUDER
Im ewigen Eis – Das Leben an Bord – Neuer Plan: Auf Schneeschuhen zum Pol
ABSPRUNG – WOHIN?
Der große Entschluß – Vorbereitungen zum Marsch über das Eis – Aufbruch zum Pol
DER MENSCH UND DAS NICHTS
Unterwegs – Umkehr auf 86° 14’ N – Marsch zum FranzJoseph-Land
LEBEN AM GRUNDE
Die Winterhütte – Weihnachten in weißer Stille – Begegnung mit Jackson
DIESES REICHE LEBEN
Auf der »Windward« nach Norwegen – Wiedersehen in der Heimat – »Die ›Fram‹ ist zurück!«
BILDNIS MIT VIERZIG JAHREN
Einkehr und Besinnung – Berufung an die Universität Oslo – Neue Pläne
DAS LAND
Auflösung der Personalunion mit Schweden – Nansen als erster norwegischer Gesandter in London
VERZICHT
Pläne für eine Südpolexpedition – Amundsen erhält die »Fram« – Tod Eva Nansens
WERKE UND TAGE
Schriftstellerische Arbeiten – Forschungsfahrt nach Spitzbergen – Amundsen am Südpol
RASTTAG IN SIBIRIEN
Gast der russischen Regierung – Fahrt durch die Taiga – Ausbruch des Weltkrieges
DÄMMERUNG
»Europas Kultur hat versagt« – Neutralität Norwegens – Nansen verhandelt in den USA
BRIEFE
Das Erbe des Krieges: Not und Hunger – Nansen wird norwegischer Völkerbundsdelegierter
EIN FELDZUG FÜR DIE VERLORENEN
Sibirien: Niemandsland des Grauens – Rückführung der Gefangenen aus Rußland
DIE FLÜCHTLINGE
Hoher Kommissar für Flüchtlingsfragen – Durch die Hauptstädte Europas – Der Nansenpaß
DAS BROT
Kampf gegen den Hunger in Rußland – Verhandlungen mit Tschitscherin – Nansen erhält den Friedens-Nobelpreis 1922
DIE ERDE
Die Tragödie von Smyrna und Thrazien – 1 1/2 Millionen griechische Flüchtlinge – Bei den Waisenkindern von Zappeion
KEIN PLATZ IN DER WELT
Leiter der armenischen Kommission 1924 – Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit
EINE REDE WIE EIN TESTAMENT
Rektor der St.-Andrews-Universität – Das große Abenteuer des Lebens: Der Hunger nach dem Unbekannten
AUCH DER ADLER STIRBT
Wieder daheim in Norwegen – Rückschau und Ausblick – Tod im Frühling 1930
Das Kommen des Frühlings war in jedem Jahre ein unvergleichliches Ereignis; und jetzt, da er wußte, daß er diesen Frühling in Norwegen nicht erleben würde, schien es ihm, als sei der Frühling die Zeit aller Zeiten, und die anderen Jahreszeiten waren nur geschaffen, um den Früh ling vorzubereiten oder ausklingen zu lassen. Zum erstenmal würde er das Beste versäumen.
Er liebte die blitzende Härte des norwegischen Winters mit dem flammendweißen Licht und dem eisigen Atem der Stürme; die langen Wanderungen durch die erstarrten Wälder, die sausenden Abfahrten auf Schneeschuhen; die reine Kälte, die einem ausbrennenden Feuer glich. Er liebte den roten Herbst in den Wäldern von Nordmarken und den Sommer an den kühlen Flüssen mit Forellen wie gefleckten Blitzen. Aber unvergleichlich war der Frühling in Norwegen. In anderen Ländern mochte er mit dem raschen Sprung des Überfalles die Erde an sich pressen. Nach Norwegen kam er zögernd, mit einzelnen scheuen Stimmen und Anzeichen, mit langsam wachsendem Licht, dem verschwiegenen Laut eines Vogels, einer scheuen Blüte, die ihrer Freude nicht sicher war, mit dem Flüstern befreiter Wasser, der rinnenden Stimme von Flüssen, dem Einbruch des Tauwindes in die leblosen Wälder. Langsam stieg der Frühling aus der Erde empor, und dann konnte man ihn hören. Die Erde lebte wieder. Man konnte ihn fühlen, schmecken, riechen, und dann sang der Frühling seine brausende Hymne jungen, freien Lebens – ihm, der frei und jung war.
In diesem Jahr würde er das alles entbehren, und in einem Gemisch von Verlangen, zu Hause zu sein, wenn der Frühling nach Südnorwegen kam, und von Erwartung des großen Neuen sah der schlanke, blonde junge Mensch – Student Fridtjof Nansen, als Gast an Bord des Robbenfängers »Viking« – zum letzten Morgenschlaf der kleinen Stadt Arendal hinüber, und in diesem leichten Frösteln vor dem Beginn einer Reise hörte er die anweisende Stimme des Kapitäns Krefting, die rennenden Schritte der Matrosen, das Klirren der Ankerkette, und er sah den Anker langsam aus dem Hafenwasser heraufkommen, triefend im Licht. Die Maschine fing an zu stampfen, eine gelassene rollende Bewegung, die sich dem ganzen Schiff bis zu den Masten mitteilte, als hätte das Herz des Schiffes angefangen, wieder zu schlagen, und die »Viking« sei erwacht.
Das Schiff glitt langsam durch das morgenkühle Wasser, auf dem das erste Licht wie eine silbrige Haut lag. Die große Fahrt hatte begonnen; in der Frühe des 11. März 1882, einem Samstag. Ein Ruf der Matrosen zum Land hinüber, das sich nun vom Schiff zu entfernen schien; ein paar Fischer, schon zeitig bei ihren Booten, winkten, aus einem halboffenen Fenster wehte ein Tuch. Die Luft wurde frischer, der Wind wehte, das Licht wuchs. Vorüber an den Inseln mit schlafenden Häusern, vorüber am Leuchtturm von Torungen, dessen zuckende Lichtzeichen erloschen waren. Noch einmal der hallende Ton der Sirene des Schiffes und alles noch einsamer, noch leerer; dann öffnete sich das Meer, ein wogender Acker ohne Grenzen.
Nansen war einundzwanzig, dies war seine erste große Schiffsreise. Er war Student der Zoologie. Nach einigem Zögern hatte er sich dafür entschieden, obgleich Physik, Mathematik und die Geheimnisse der Elemente ihn mehr anzogen.
Er war noch jung, aber er konnte sich nicht an einen Tisch gefesselt sehen, er mußte draußen sein, mußte atmen können, er war ein Jäger, Fischer, ein Waldgänger, und das Studium der Zoologie hatte mit Tieren, mit Wasser, Erde, freier Luft zu tun; deshalb hatte er es nach den mit Auszeichnung bestandenen Prüfungen gewählt. Professor Collett, der die Frische dieses hervorragend begabten jungen Menschen mochte, hatte ihm geraten, mit einem Robbenfänger hinauszufahren, zu beobachten, ein Tagebuch zu führen und sich für seine Laufbahn als Zoologe in wissenschaftlichen Untersuchungen zu üben. Schon eine Woche später sagte ihm Nansen, daß er mit Krefling, dem Kapitän der »Viking«, gesprochen hätte und daß alles in Ordnung sei, wenn die Schiffseigentümer ihre Erlaubnis gäben. Nansens Vater bat einen alten Freund in Arendal telegrafisch, sich bei Smith und Thommesen, den Reedern, dafür zu verwenden, daß sein Sohn an der ersten Fahrt der »Viking« teilnehmen dürfte. Die Schiffseigentümer hörten, daß der junge Nansen ein ausgezeichneter Sportsmann und Jäger, ein verträglicher Kamerad, ein ausdauernder Arbeiter mit geschickten Händen sei – und hier war er nun, auf dem Robbenfänger »Viking«, der zum erstenmal zu den Jagdgründen in der Arktis fuhr. Er wußte nicht genau, was dort draußen sein würde, er hatte von Eis und Kälte, von Bären, Walrossen, Robben gelesen und sich zuletzt noch mehr oder weniger flüchtig mit der Anatomie der Seehunde beschäftigt; er wußte nur, daß er in das große Abenteuer eintauchen würde, und es würde anders sein als alles, was in seiner Kindheit und Jugend gewesen war, härter, verwegener, strahlender.
Die Erregung des Aufbruchs wurde zum Gleichmaß ruhiger Fahrt. Gelassen schlug das Herz des Schiffes, langsam, zu langsam zog die »Viking« an der Küste von Südnorwegen entlang, an Grimstad, Kristiansand, Mandal, Farsund. Aus dem Morgen wurde Tag, er sah die Siedlungen, die Wälder, Hügel, Inseln, die weiße Schaumlinie, die Meer und Erde trennt: das Land. Sein Land. Es war Norwegen. Und jetzt, während das Schiff sich langsam vom Anblick des Landes löste, kam es ihm vor, als sähe er zum erstenmal, wie schön und groß sein Vaterland war. Es war Norwegen, ausgestreckt von Lindesnes im Süden bis zur finsteren Härte des Nordkaps, ein Land der Berge, Wasserfälle, Fjorde, des aufsteigenden Lichtes, langer Dämmerung und einer Einsamkeit, die noch in den Städten zu spüren war, ein Land uralter Erde voller Geheimnisse, und hinüberblickend zur langen schwingenden Linie der Küste, mochte er an Ole Bull, den großen Geiger aus Bergen denken, den der dänische König gefragt hatte, wer ihn diese Art von Spiel gelehrt hätte, und er hatte geantwortet: die Berge. Er hätte sagen können: die Flüsse, die Seen, die Wälder, jeder Baum, jeder Stein: Norwegen. Die Schiffe, die Vogelfelsen, die Inseln, die Brandung: Norwegen. Und es war das Land, in dem er, Nansen, geboren worden war, das einzige Land, in dem er hätte geboren sein wollen, zu dem er immer gehören würde.
Wenn man weggeht, sieht man plötzlich die Dinge klarer. Ihr Licht, ihr Schatten, ihre Schönheit und Bedeutung enthüllen sich. Wenn man etwas verlassen hat, sei es auch für die Dauer einer Reise, weiß man, wie es gewesen ist, und jetzt wußte er, wie gut und reich seine Jugend gewesen war und daß er dieser Erde verdankte, wer er war: ein junger, federnder Mensch mit wachen Sinnen und einem Körper, der Erschöpfung kaum kannte und gelassen, freudevoll in sich ruhte.
Dort, hinter der entschwindenden sanftblauen Küste lag der Herzort seiner Kindheit: das geräumige Gutshaus von Store Fröen in Aker, nicht weit von Oslo, mit dem Blick auf Fjord und Stadt. Vor der Tür des Hauses rann der Frögnerfluß, in dem er und sein Bruder Karl als Kinder schwammen und die Forellen zu fangen lernten, um das Haus lagen die Hügel, auf denen er die ersten Schneeschuhe erprobt hatte, und die Wälder von Nordmarken.
Von diesem Haus war er ausgegangen. Ein Haus war nicht nur Holz und Stein, es war etwas Lebendiges.
Es war der Tisch am Morgen und im Schein der Lampe mit Brotlaib, Milchkrug, Grützeschüssel. Es war die Flamme des Herdfeuers und der tiefe, sichere Schlaf, den die Stimmen des Flusses und der Wälder umflüsterten, es waren Werktage und Festtage, es waren Gesichter, Stimmen, Laute, Schritte.
Da war das Gesicht des Vaters, des Rechtsanwaltes Baldur Nansen, eines schmächtigen, kleinen Mannes, streng und genügsam, gründlich und gerecht, von vorbildlichem Verhalten zu jedermann und vor allem zu seinen Kindern; eines Vaters, der mit der Leidenschaft seines Sohnes für das freie Leben draußen nicht viel anzufangen wußte, sie aber nicht unterdrückte und behutsam lenkte. Da war das Gesicht der Mutter, einer geborenen Wedel-Jarlsberg aus altem deutsch-norwegischem Adel, einer schlanken, stattlichen Frau, geradeaus einfach, die in ihrer ersten Ehe gegen den Willen der Eltern einen Bäcker geheiratet hatte, wißbegierig wie der Sohn, mit geschickten Händen, die keine Arbeit scheuten; überdies lebte man auf dem Lande, wo jede Arbeit getan werden mußte, und so schneiderte sie die Anzüge ihrer Söhne, bis sie achtzehn waren. In ihrer Jugend war sie eine gute Schiläuferin gewesen, und man hatte über sie gelacht.
Gesichter … das Gesicht der freundlichen Marte im Haus, die ihm und dem Bruder manchmal heimlich ein Stück Brot zuschob, das Gesicht des Bruders, des Gefährten der Kindheit, mit dem er das Erlaubte langweilig fand und das Verbotene aufsuchte. Gesichter von Schulfreunden, Knechten, Bauern.
Das Haus lag in der Mitte der Welt. Von dem Haus führten die Wege in die Welt, zu ihm gingen sie immer zurück, weil dort Vater und Mutter waren; der Weg zum Fluß und das eilige, stumme Hilfesuchen bei der Mutter, als der Angelhaken in seiner Lippe hing, und die Mutter schnitt ihn mit dem Rasiermesser heraus, ohne daß der Sohn eine Träne zeigte; der lange Weg zur Schule und die Raufereien mit den Jungen von Balkeby und dann, großartiger als alles andere, das langsame Eindringen in die Wälder von Nordmarken, eine einsame Welt verlorener Täler, steiler Felsen, durchsichtiger Seen und brodelnder Flüsse, als seien sie Robinson Crusoe oder Späher im Urland.
Kindheit: das war für ihn das erste Paar richtiger Schneeschuhe nach denen, die für den Buben aus alten Schneeschuhen geschnitten worden waren. Fabritius, der Drucker, hatte sie ihm versprochen. Frühling und Sommer kamen, ausgefüllt mit Schwimmen und Fischen, aber im Herbst erinnerte er den alten Freund an sein Versprechen, und als der erste Frost kam, wartete er am Wege auf ihn und fragte: »Hör mal, was ist mit den Schneeschuhen?« Fabritius lachte: »Du wirst sie zur rechten Zeit bekommen.« Und jeden Tag wartete er, bis der Winter im Lande war, und dann kam seine Schwester eines Tages mit einem langen Paket herein, das für ihn abgegeben worden war. Sagte sie nicht lachend, es käme von Paris? Es waren die Schneeschuhe von Fabritius, aus Esche geschnitten, rotlackiert mit schwarzen Streifen, und ein blauer Stock. Wenn er sie anschnallte, war es ihm, als bekäme er Flügel, und natürlich waren die Hügel bei dem Haus zu sanft, man mußte einfach, gegen das Verbot der Eltern, zu den Huseby-Hügeln gehen, auf denen die großen Sprungläufe stattfanden; man konnte sie von Fröen sehen. Zuerst startete er wie die anderen Jungen von der Mitte des Hügels, aber das war nicht genug, und als er ein paar Erwachsene über die Schanze fliegen sah, versuchte er das auch. Er glitt hinab, die eisige Luft preßte sich ihm in den Mund, er schwebte durch sausende Leere, dann wurde es schwarz um ihn. Er bohrte sich mit dem Kopf nach unten tief in den Schnee, kroch mühsam heraus und hörte das Lachen der Leute am Hügel.
Die Schneeschuhe wurden zu einem Teil des Körpers, der schwebend und gleitend andere Fähigkeiten zu bekommen schien, und später dann nahm man heimlich an einem der Huseby-Läufe teil und gewann einen Preis, um ihn beschämt und verstohlen wegzustecken, als er die Bauernburschen von Telemarken ohne Stöcke laufen sah. Er mußte es ihnen nachtun und erreichte es.
Kindheit: das waren unzählige winzige und dem Knaben so bedeutsame Dinge; der Jahrmarkt mit ein paar vom Vater gespendeten Öre, Kinderbälle, Weihnachten mit dem Baum im Schlafzimmer und der Unruhe des Wartens den ganzen Tag lang. Manchmal war etwas vergessen worden, und Einar oder irgend jemand mußte noch einmal im Schlitten zur Stadt hinunterfahren. Wie wunderbar war es dann, auf weißen Wegen zurückzukommen, die kleinen Glocken am Schlitten läuteten, die Sterne flammten wie Licht eines unirdischen Baumes am dunklen Winterhimmel. Dann kam der große Augenblick, der Vater zündete im Schlafzimmer die Kerzen an, während sie draußen warteten und zu raten versuchten, was sie bekommen würden. Ein paar lächelten, weil sie schon wußten, was auf dem Tisch liegen würde. Die Tür ging auf, sie traten ein, die Kerzen brannten so ruhig, so freudevoll. Das ersehnte Geheimnis lag vor ihnen. Die Welt der Bücher öffnete sich, er drang mit bohrender Fragelust in sie ein. Die Hand fing an, die Linien der Dinge nachzuziehen, und Zeichnen wurde zur Leidenschaft eines natürlichen Talentes. Freundschaften wurden geschlossen, um zu dauern. Da war die Geschichte mit Karl, der eines Tages als der Stärkste in die Klasse kam, und als sie miteinander rauften, steckte der Lehrer beide in ein leeres Klassenzimmer. Als er nach einiger Zeit hineinsah, saßen sie umschlungen beieinander und lasen in einem Buche.
So hatte er sich durch seine Kindheit gelebt, immer wach und dann wieder so versunken in seine Gedanken, daß die andern ihn auslachten, und immer fragend nach dem Warum einer Sache. So hatte er geschwommen, gefischt, gerudert, so war er auf Schlittschuhen über die gefrorenen Pfade der Flüsse gejagt, und die Jahreszeiten des Knaben waren gekommen und entschwunden, jene Jahreszeiten, die von keinem Frühling und Herbst je wieder übertroffen werden können. Er war stark, zäh, schlank geworden, ein paar Stunden Schlaf waren ihm genug, und immer waren die Wälder um ihn, die Wälder von Nordmarken im Nebel, mit einem Geschmack von Rauch, Frische und Nässe, den es nirgends wieder gab, im Sommerglanz, im Winterlicht und zeitloser Zeit. Mit Fischgerät und Kaffeekessel waren der Bruder und er aufgebrochen, um zu Ola Knub in Sörkedal zu gehen, und mit ihm hatten sie die besten Forellenplätze aufgesucht, sie hatten am Feuer auf würzigen Zweigen gelegen oder in einer Meilerhütte, wenn der Regen kam, und im ersten Licht hatten sie am Fluß gestanden, der unberührt aus der Ferne alter Berge kam. Nichts war mit dem Geschmack frischer Forellen, harten Brotes und heißen Kaffees zu vergleichen. Im Herbst hatten sie Hasen gejagt, und länger waren die Wege geworden, als er und der Bruder größer wurden. Sie gewöhnten sich dar an zu hungern, um dann, nach erschöpfendem Marsch, in einer kleinen Bahnstation das Büfett der Wirtschaft bis auf die letzte Krume auszuräumen.
Er suchte das Gefährliche nicht, aber er haßte Umwege, er ging auf sein Ziel zu, und in Jotunheimen, als sie den schwarzen Gipfel des Svartdalberges ersteigen wollten, stürzte er beinahe ab. Atemlos sah der Bruder, wie Fridtjof auf einem Schneefelde abglitt und dicht vor dem Absturz noch die Nägel und Absätze der Schuhe in das Eis bohren konnte. Die andern hielten ihn manchmal für einen Narren, der sich zu früh das Genick brechen würde, und er erinnerte sie mit seinem offenen Lachen an die Geschichte vom Mann in einem Irrenhaus in London, der gesagt hatte: »Ich erklärte, daß die Welt verrückt sei, und die Welt sagte, ich sei es, und so brachten sie mich hierher.« Wenn er ein Narr sein sollte, dann war er in Gottes Namen der Narr, der es liebte, wochenlang allein durch die Wälder zu streifen, allein unter einem Baum zu schlafen, Berge wie lebende Wesen in seinen Händen zu spüren, den Fisch wie einen zuckenden Blitz zu fassen, auf Bären zu warten und den großen, reinen Atem der freien Welt tief einzusaugen. Das war sein Brot und sein Wasser. Kindheit und Jugend waren nicht nur Ereignisse, Abenteuer, Leben mit Eltern und Geschwistern, nicht nur das Vertrautwerden mit der Natur in ihrer Schönheit, Größe, Härte. Sie enthielten das langsame Wachstum und Sichtbarwerden seines Wesens, alles dessen, was in ihm von seinen Ahnen – Seefahrern, Offizieren, Politikern aus dänischem, norwegischem, deutschem Blut – und von seinen Eltern her angelegt war und sich unter ihrer Pflege und Wachsamkeit entwickelte: Geduld und Umsicht, besonnener Mut und Genauigkeit, Selbstzucht, Ausdauer, Aufmerksamkeit für alles um ihn, das tiefe Gefühl für die Größe der Welt, wie er sie in Nordmarken und Jotunheimen erfuhr, für das geheimnisvolle Atmen hinter den Dingen, das jemanden dazu bringt, zu schreiben oder zu malen.
Aus dem Kinde, das der Vater auf einer blassen Fotografie im Arm hielt, war ein Knabe mit einem Zug von träumerischer Feinheit im Gesicht geworden. Der Knabe hatte sich zu einem jungen Menschen entwickelt, dessen Züge zwischen Entschiedenheit und Weichheit, zwischen Traum und Wirklichkeit schwebten. Stählern und schlank war sein Körper. Aus den Augen brach zuverlässiges blaues Licht aufmerksamer Weltfreude. Seine Hände waren fest, voll und tief waren Stimme und Lachen.
Jetzt war er einundzwanzig und mit der »Viking« auf dem Wege zum großen Abenteuer. Kindheit und Jugend waren hinabgesunken. Er hatte die Wälder und Seen von Nordmarken verlassen, und nun, als das Schiff im freien Meer vorwärtsstampfte und er, nach Osten blickend, nur noch denken konnte: Dort liegt Norwegen, wandte er sich mit Lust und Erwartung dem Tage der Fahrt zu.
Die »Viking« war später als die anderen Robbenfänger auf dem Wege zu den Eisfeldern bei Jan Mayen, auf denen im Frühjahr die Völker der Robben lagen. Sie mußten sich beeilen. Mit vollen Segeln und äußerster Maschinenkraft stieß das Schiff nach Norden.
Das offene Meer zwischen den Kontinenten hatte seine Zeiten wie die Erde. Anders war es am Morgen als am Mittag. Das Licht kam zögernd grau oder mit flammender Herrlichkeit. Die Wolken lösten sich aus der Dämmerung wie wehende riesige Reiche, die langsam oder windgejagt ihre Form veränderten. Aus den Spalten zwischen den Wolken brach der junge Tag hervor, das Meer leuchtete wie frisches Gold, um zu wogendem Silber zu werden oder zu stumpfgrauem Blei. Am Abend verflammte sich die Glorie des Abschiedes, die Nacht zog über das Meer mit Sternen, wie er sie nie gesehen hatte, einsam, mit einem schwachen, wandernden Lichthauch auf der rauschenden Schwärze, und das Schiff mit der unablässig arbeitenden Maschine war der einzige feste Halt zwischen dem Dunkel des Meeres und der Finsternis des Himmels. Er fühlte das Schiff unter sich wie ein lebendiges Wesen, und wenn er nachts zum Steuermann trat und das Ruder hielt, konnte er die ziehende Kraft des Meeres und das Leben des Schiffes spüren, das jeder Bewegung folgte.
Die »Viking« mit ihren 620 Tonnen und sechzig Mann Besatzung war ein gutes Schiff. Der Bug war stärker gebaut als bei anderen Schiffen und nicht so steil, um dem Druck des Eises standzuhalten. Die Rippen standen dicht zusammen, das Holzwerk des gedrungenen Leibes war fest. Es mußte imstande sein, über das Eis hinwegzugleiten. Aber sie sahen das Eis noch nicht.
Das Meer hatte ein anderes Leben und einen anderen Tod als das Land. Sie sichteten ein verlassenes Wrack. Der Fockmast stand noch, die anderen waren zerbrochen. Die zerfetzten Segel wehten. Zwei Boote lagen auf dem Dach des Deckhauses. Vielleicht war die Mannschaft von einem anderen Schiff übernommen oder von schweren Seen fortgerissen worden. Das Meer schwieg. Sie sahen hinüber, die graue Einsamkeit wurde noch leerer. Aber sie hatten keine Zeit, das Wrack nach Stavanger zu bringen, sie mußten sich beeilen, um die Jagdgründe zu erreichen. Der Wind frischte auf, die Segel wurden gesetzt, die Maschine schwieg, eine andere Bewegung kam in das Schiff. Delphine schossen ihm voraus, sie ließen sich von den Wogen heben, und wenn sie hinabsanken, blieb nur eine blaugrün wirbelnde Spur. Hinter dem Schiff schwebten Möwen mit weißen Brüsten, blauen Rücken, schwarzgetupften Flügeln. Wenn etwas über Bord geworfen wurde, zuckten sie nieder und blieben zurück. Dann überholten sie das Schiff wieder und glitten über der Fläche dahin.
Der Wind wurde zum Sturm von Südwesten. Jetzt fing Nansen an zu verstehen, was das Meer war. Die Wogen wanderten aus der Ferne heran, dunkel mit flatternden weißen Kronen. Sie schienen vor dem Schiff einen Augenblick anzuhalten, dann erhoben sie sich, und ehe sie niederbrachen, konnte er im Kern der Wogen ein tiefes, reines Grün bemerken. Sie schlugen auf das Schiff ein. Die »Viking« sank hinab, als wollte sie aufgeben, dann hob sie sich wieder empor, langsam und zitternd.
Es wurde Nacht. Nansen lag in der Kabine und versuchte zu lesen. Er hörte die keuchende Stimme des Sturmes. Aus ungeheuren Fernen kam er und schien nur ein Ziel zu haben: dieses einsame Schiff. Er lauschte dem Keuchen und Donnern. Rasende Geister jagten mit irren Schreien durch die Nacht. Er dämmerte ein, und gegen Morgen fuhr er empor, er hörte ein schmetterndes Krachen, er rannte hinauf. Die Fockrah war unter dem Druck des Segels gebrochen, die Mannschaft war dabei, die Trümmer zu bergen. Er sah sie arbeiten, ruhig, als ginge der Sturm sie nichts an.
»Viking« hieß das Schiff. Wikinger und Nordmänner hatten sie geheißen, die auf schmalen Booten mit scharfem Bug die Inseln und Fjorde von Norwegen verlassen und das Unbekannte aufgesucht hatten. Jetzt, während das Schiff sich durch Stürme langsam nach Norden zwang, verstand er die Größe ihrer Fahrten. Sie hatten Island und Grönland gefunden, sie waren an der irischen Küste gelandet. Sie entdeckten die Küste eines unbekannten Landes im fernen Westen, Winland hatten sie ihre Siedlungen genannt. Sie fuhren nach Osten und besaßen das russische Nowgorod und Kiew. Sie segelten durch das Kaspische Meer und durch das Mittelmeer. Sie saßen in der Normandie, Herren eines geordneten Staates, und eroberten Süditalien. Sie fuhren die Seine empor bis Paris und nach Sizilien. Reiche waren gegründet worden und zerfallen. Die Erde trug Erinnerungen an ihren Stolz, das Meer kannte keine Geschichte, löschte alle Spuren aus, vergaß alles.
Aber durch diese jagenden Stürme waren sie geglitten, durch diese Nächte, die Vorfahren, die Ahnen seines Volkes. Er glaubte den fernen Ruf durch die Jahrhunderte in dieser Nacht zu hören, den geheimnisvollen Lockton des Abenteuers, der sie hinausgezwungen hatte. Erik den Roten, Leif Erik son, die Gerühmten und Vergessenen.
Und immer, seit Jahrtausenden, waren Männer in das Unbekannte aufgebrochen, nach Geheimnissen suchend, die sich vielleicht nie auflösten, und dieser junge wache Mensch fühlte das Geheimnis um sich, er schmeckte den bitteren, unvergeßlichen Geschmack des Abenteuers, er hörte die Stimme des Abenteuers in den gellenden einsamen Schreien der Sturmvögel, die ihre Flugkraft aus unerschöpflichen Quellen erhielten, er hörte die Stimme des Geheimnisses im Donnern der Wogen, in der eisigen Stimme des Sturmes, fern aller Leidenschaft, allem Mitleid. Sturm, Wogen und das Geheimnis im Norden. Er begriff den Mut und die Geduld nicht nur der großen Abenteurer, Kolumbus, Magellan, Cabot, Hudson, Baffin, Bering, er fühlte eine tiefe Wärme für die Fischer von Norwegen, für die Leute auf diesem Schiff, für die »Viking« selber, die unter den stählernen Schlägen des Meeres zitterte, in langsam geduldiger Bewegung das Was ser abschüttelte und nach Norden stieß. Und das Meer kannte weder Mut noch Feigheit, schätzte weder das eine, noch verachtete es das andere, es hatte kein anderes Leben als diesen Rhythmus, ewig wiederkehrend, von Zeiten jenseits menschlicher Zeiten her, und nur dann, wenn eine letzte ungeheure Kälte kommen würde, würde es verstummen. Sturm, Schrei, Wogenjagd würden erlöschen, und tiefste Stille würde ringsum sein.
Er fühlte sich verloren, und zugleich durchflutete ihn eine wilde Freude, hier zu sein, der junge Fridtjof Nansen zu sein. Er stand neben dem Kapitän. Krefting war ruhig und spähte in das sausende Nichts. Aus der Finsternis hob es sich dunkel mit weißem Schaum heran. Man fühlte die Schwere der Wogen. Dann brachen sie über dem Schiff zusammen, und er sah das phosphoreszierende Schimmern wie einen Wasserfall von grünlichem Licht. Plötzlich schrie Krefting: »Achtung, paß auf!« Nansen griff nach den Seilen des Besanmastes, und plötzlich wurde er in erstickende Wassernacht gerissen, eine riesige Kraft zerrte an seinen Armen. Er hörte, wie Krefting schrie: »Laß das Steuerruder!« Der eine der beiden Steuerleute warf sich in das Boot, das in den Davits hing, der andere klammerte sich an etwas, und die mächtige Woge schwemmte weiter, in die Nacht hinein. Nansen erfuhr etwas, was er nicht gewußt hatte, und alles, was er erfahren hatte, die Jagden, die Abfahrten im schießenden Licht, alle jene Augenblicke von Abenteuer und Gefahr, wurden zu kindlichem Spiel vor der Härte des Meeres und vor der Ruhe, mit der Krefting und seine Leute ihre Arbeit taten. Er begriff, daß in ihnen der Abenteuergeist der Wikinger lebte. Der gleiche Geist suchender Unruhe, lächelnder, rastloser Mut im Sturm und den donnernden Seen. Er fühlte ihn in sich. Man mußte stark und geduldig sein, um diese einsame Welt zu bestehen, und Kraft und Einsamkeit lagen im Schrei der grünen Seemöwe, die die Schiffe begrüßt, wenn sie in das arktische Meer eintreten, und wie Geist aus fernen, kalten Reichen herschwebt, Hunderte von Meilen vom Lande entfernt.
Die Luft wurde kühler, die Farbe des Meeres veränderte sich zu tiefem Grün; sie näherten sich Jan Mayen. Der junge Nansen, Tagebuch schreibend, beobachtend, längst nicht mehr müßiger Gast, den man belächelt, sondern zupackender Kamerad und Arbeitsgenosse, wartete auf das schimmernde Abenteuer des Eises, und das Eis kam am siebenten Fahrttag.
Es kam in der Nacht. Er hörte den Ruf: »Eis voraus!« und flog an Deck. Er starrte in die Finsternis, und dann sah er ein schwaches, weißliches Leuchten. Es kam näher, es wuchs, der Schimmer nahm zu, es leuchtete wie Schnee in der Schwärze und trieb vorbei: die erste Eisscholle. Der kalte Nachtwind durchfuhr ihn, er fühlte sich enttäuscht und war erregt. Dann sah er es von neuem weiß herangleiten und vorbeitreiben, rasch und lautlos von Norden her, versprengte Vorposten des großen Eises, und jetzt gewahrte er am nördlichen Rande des Himmels ein merkwürdiges Leuchten, das am Saum des Horizontes tiefer war als im Zenit, ein geheimnisvolles Halblicht wie den Widerschein eines weißen Feuers, fern, in einer Welt von Geistern, denn so war dieses stete Licht: geisterhaft blaß und stumm, und es war ihm, als trete das Rauschen des Meeres zurück. Schweigen kam aus dem Norden her. Er lauschte, er glaubte einen anderen Laut als den Ton der Fahrt zu hören. Es klang wie ferne Brandung an Felsen. Jetzt wurde es stärker und blieb in der Nacht; ein ferner Donner.
Das Licht war der Widerschein des Treibeises am dunklen Himmel. Der rollende Ton der Brandung kam von der See, die sich an den Schollen brach. Für ihn war es mehr; er hörte zum erstenmal den Atem der Arktis.
Häufiger nun trieben Schollen aus der Finsternis her, sie glitten am Schiff entlang und wurden vom Bug zur Seite geworfen. Am Morgen bewegte sich die »Viking« durch das dichte Feld des Treibeises von unberührtem Weiß.
Bei schwerem Sturm tastete sich das Schiff am Eis entlang, ohne eine Öffnung zu finden. Sie mußten in der Nähe der Robbengründe sein. Aber wo lagen sie – im Westen, im Osten? Sie waren zu spät gekommen, um die Robben noch im Wasser zu finden, und sie wußten nicht, wo sie in dieser blendenden Einsamkeit waren.
Spät am Nachmittag eines der nächsten Fahrttage ein Ruf vom Krähennest: Schiff in Lee! Ein winziges, dunkles Wesen lag im Weiß unter dem kaltblauen Himmel. Es war der Robbenfänger »Jason« aus Sandefjord. Jacobsen, der Kapitän, kam an Bord der »Viking«, um mit Krefting zu beraten. Dann trennten sich die Schiffe wieder. Nachts kam der Sturm, und sie waren allein. Als der Sturm abfiel, das Mondlicht auf den Eisfeldern schimmerte, war es, als glitten sie durch eine Welt, die nicht wirklich war, in einer Stille, die betäubte.
Unsicher, ob sie nach Westen oder Osten gehen sollten, sichteten sie glücklicherweise bei ruhigem Wetter drei Schiffe, und das eine machten sie als die »Vega« aus. Krefting fuhr hinüber, um mit dem Kapitän zu sprechen.
Es war nicht irgendein Schiff. Es war die »Vega«, nur ein Schiff dieses Namens gab es, und als Nansen hinüberblickte, sah er das Abenteuer und den Ruhm. Er stand bei den schwatzenden Matrosen und hörte ihre Stimmen. Er hörte, wie eine sagte, daß dieses Schiff weit herumgekommen sei, und eine andere antwortete, man hätte nur dabei sein müssen, als die »Vega« nach Neapel gekommen sei – : »… ein Freund von mir, Gabriel, du weißt schon, war dort, auf einem anderen Kasten, als sie kam. Er hatte so was von Zauber noch nicht gesehen. Feuerwerk und Salut und so …« Doch dieser junge Mensch, noch unklar, doch schon umfangen von der stummen Verzauberung des Eises, voller Spannung wie die Sehne, auf der schon der Pfeil liegt, bereit, ins Unendliche abzuschnellen, er sah mit anderen Augen als sie hinüber.
Mit der »Vega«, auf der jetzt das Mondlicht wie Schnee lag, hatte Nordenskiöld vor ein paar Jahren einen der großen geographischen Träume erfüllt. Er hatte die Nordost-Passage gefunden.
Nordenskiöld – ein großer Name, groß wie die Namen all derer, die in das Schweigen der Arktis eingedrungen waren, die im Eis gefangen gewesen waren, verhungert, erfroren oder mühsam zurückgekommen, Baffin und Hudson, Barents und John Roß, Franklin, eine Kette von Namen derer, die das große Wagnis aufgesucht hatten. Sie gehörten zu einer Bruderschaft, und sie selber hatten sich auserlesen. Nordenskiöld, von schwedischer Herkunft, hatte zweimal, 1868 und 1872, versucht, den Nordpol zu erreichen. Dazwischen hatte er seine erste Reise nach Grönland unternommen, und 1878 setzte er, nach Erkundungsfahrten zur Mündung des Jenissei, zum großen Abenteuer an: die Nordost-Passage zu finden und Asien und Europa zu umsegeln. Das Ziel, das sich der schwedische Forscher gesteckt hatte, war alles andere als leicht.
Hier, vor den Augen des jungen Nansen, lag das Schiff, mit seinen dreihundert Tonnen kleiner als die »Viking«, auf der Nordenskiöld mit dreißig Gefährten nach dem alten Cathay des Mittelalters aufgebrochen war. Er hatte seinen Traum vorbereitet, jeder Schritt war durchdacht, jede Möglichkeit erwogen. Das Logbuch der Fahrt enthielt keinen Seufzer, kein Leiden und Erlöschen. Es enthielt den Heroismus der Geduld und planvoller Arbeit. Der Winter band die »Vega« im Eis fest, hundertzwanzig Meilen vom Ziel entfernt, dem freien Wasser des Pazifischen Ozeans. Zehn Monate lagen sie fest. Am 20. Juli stiegen die Flaggen am Mast empor, die kleine Kanone wurde abgefeuert. Die Nordost-Passage war vollendet.
Nansen sah das große Abenteuer in der Gestalt dieses Schiffes, das jetzt als Robbenfänger diente, und was immer nun auch folgte: dies war einer der großen Augenblicke der Fahrt. Er hatte den lebendigen Zeugen des Abenteuers gesehen, und die Botschaft schrieb sich in sein Herz.
Was nun auch folgte: langsames Eindringen in den weißen Glanz der Arktis, Sturm wieder und Windstille, Festliegen im Eis, vergebliche Suche nach den Robbengründen; und er in allem, und alles sank in ihn ein und blieb dort, es würde ihn nicht mehr verlassen, er würde sich danach sehnen, es wieder zu erfahren, diese reine Kälte wieder zu spüren, in diesen flammenden Sonnenuntergängen sich frei zu atmen. Die Arktis gab Zeichen, die er nie mehr vergessen konnte. Eines Tages, als die »Viking« festlag und er über das Eis wanderte, um Möwen zu schießen, fand er ein Stück fichtenes Treibholz. Woher war es gekommen? Vielleicht hatte der Golfstrom es von Amerika hierhergebracht. Aber warum sollte es nicht von der sibirischen Küste her auf dem Eis getrieben sein? Für einen Augenblick blitzte in ihm der Gedanke auf und versank wieder, daß es einen Eisstrom gäbe, der vom nördlichen Sibirien durch das Polarmeer führte, um im östlichen Grönland-Strom zu enden, und daß ein Schiff ihn benutzen könnte, ein Schiff, das stärker als die »Viking« war.
Die Arktis gab unvergeßliche Zeichen, und das großartigste wurde wie von unsichtbaren ungeheuren Händen gegeben, wenn die Nacht gekommen, das Grün, Blau, Ultramarin des Eises erloschen waren, die arktische Welt in unfaßlicher Stille erstarrte. Dann kam das Nordlicht, ein stummes Spiel von Feuer und Licht, das Gott sich selber zu spielen schien, denn Gott mußte einsam sein in diesen Eisländern, und der Betrachter stand allein in einem Dom, dessen Fußboden das gefrorene Nichts, dessen Dach der in kalten Flammen zitternde Nachthimmel waren. Ungeheure Vorhänge farbigen Lichtes stiegen und sanken, änderten sich unaufhörlich, zerfielen und kehrten in neuen Formen wieder. Er stand und sah, als sähe er etwas Unerlaubtes. Er fühlte sein Leben, fühlte, daß es nichts war und alles, es war wie Gottesdienst, und das Licht war der Prediger im Nichts und im All.
Getrennt von den anderen Schiffen, durch Nebel und Eis tastend, suchten sie fünf Wochen nach den verlorenen Robben, sie fanden hier und da versprengte Gruppen, die sie jagten, aber die Ernteplätze fanden sie nicht. Als die »Viking« die anderen Schiffe wieder traf, waren sie übervoll beladen. »Albert« hatte 14.000 Robben erlegt, »Hekla« 10.000, die »Vega« hatte eine gute Ladung. Die »Viking« hatte vier Meilen von den Robbengründen im Eis festgelegen, der Nebel hatte die Sicht genommen.
Aber sie mußten die Robben finden, sie konnten nicht leer nach Hause kommen. Sie mußten weitersuchen. Spitzbergen tauchte auf. Seevögel schrien und wehten wie Wolken um die Felsen. Von den Bergen schoß Wasser wie silberne Feuer herab. Zwischen Schneefeldern und nacktem Stein leuchteten Moosflecken. Bäume gab es hier nicht. Sechs Monate im Jahr lagen die Inseln, die zu Spitzbergen gehörten, unter Eis. Svalbard nannten die Norweger die Inseln – kalte Küste. Es war ein Urland. Der Holländer Barents hatte 1596 Spitzbergen entdeckt und ihm den Namen gegeben. Die Fangschiffe aller seefahrenden Nationen des Nordens hatten in reichen Gründen den Grönlandwal gejagt und fast ausgerottet. Auf der Amsterdam-Insel lagen noch die Reste der holländischen Siedlung Smeerenburg. Hier hatten zum erstenmal 1633/34 sieben Matrosen eines Walfängers überwintert. Fangschiffe zogen durch das sommerliche Meer. Im Winter gehörten die Inseln den maßlosen Stürmen. Die Spiele der Nordlichter durchflammten die Polarnacht.
Und weiter westwärts! Ho! Am fünfundzwanzigsten Mai erschien die Küste von Island. Die Gletscher des Eya- fialla-Jökel schimmerten in der untergehenden Sonne, die schwarzen Lavafelsen der Vestmanna-Inseln standen in wilder Einsamkeit gegen die Röte. Für einen Augenblick fühlten sie Erde unter den Füßen.
Westwärts wieder durch Eis und freies Wasser, und da waren die Robben! Sie ließen die Boote herab, das Jagen und Schlachten begann. Nansen hatte gesehen, gelauscht, beobachtet. Er hatte Tagebuch geschrieben, mit einer Genauigkeit, der nichts entging. Sie hatten manchmal über ihn gelacht und sich daran gewöhnt, daß er stundenlang über dem Mikroskop saß, um zu untersuchen, was er mit Schöpfnetzen aus dem Meer heraufgeholt hatte. Er war ein Student, aber er war auch ein junger, kräftiger Bursche, der sie alle im Rumpfhaken-Spiel an Deck hinlegte, den Kapitän eingeschlossen, sich überall nützlich machte, abends mit ihnen zusammen saß, zuhörte, lachte, redete, zu ihnen gehörte. Jetzt, als endlich die Robben gefunden worden waren, stand er in dem Boot, das ihm als ausgezeichnetem Jäger zugeteilt worden war, schoß, feuerte seine Leute an, und die Stille hallte von Schüssen, die Eisschollen färbten sich rot.
Die Fahrt fing endlich an, sich zu lohnen, für Krefting und die Mannschaft, für Thommesen und Smith, die Schiffseigentümer. Für Nansen hatte sie sich längst gelohnt, mehr, als er selber jetzt wissen konnte, und während Krefting mißmutig und sorgenvoll die nun vom Eis eingeschlossene »Viking« langsam auf Grönland zutreiben sah, kamen zu Nansen die großen Tage der Begegnung mit dem Polarbären, das große Erlebnis.
Er traf den Herrn der eisigen Wildnis und stellte ihn. »Bär in Lee!« Er ließ Zeichenblock, Farben, Stift, flog in die Kajüte zu Büchse und Patronen, jagte auf das Eis hinaus. Da war er, da lief er oder erwartete den Fremden, und wenn die Schüsse hallten, das riesige Tier zusammenbrach, empfand er wilde Freude und Mitleid zugleich. Ein Bär! flüsterte es in seinen Schlaf, er fuhr empor, stürzte an Deck, so, wie er war, in leichten Sportschuhen und im Wollsweater. Der Bär trottete über das Eis davon. Die andern umgingen eine breite Wake. Nansen wollte zuerst am Bären sein und sprang über die Spalte. Die Eiskante, auf der er landete, brach, er stürzte ins eisige Wasser. Das Gewehr hochhaltend schwamm er zum Eisrand und warf das Gewehr zuerst hinauf. Es glitt zurück. Nansen tauchte danach, fand es, warf es höher auf das Eis und kroch triefend aus dem Wasser. Gewehr und Patronen waren noch in Ordnung, er jagte dem Bären nach, der hinter einem Eisblock verschwand. Nansen erreichte den Block, spähte hinüber und fuhr zurück. Der Bär war dicht vor ihm, starrte ihn an, und ehe Nansen gezielt schießen konnte, stürzte der Bär ins Wasser und verschwand; der Schuß hatte ihn nur gestreift. Nansen sprang auf die Kuppe des Eisblockes und spähte. Wo war der Bär? Dann sah er tief im Wasser eine weiße Bewegung, der Bär war getaucht, um zur anderen Seite der Wake zu kommen. Nansen wollte vor ihm drüben sein. Die Wake war für einen Sprung zu breit, aber in der Mitte trieben zwei kleinere Schollen. Ob das Eis ihn tragen würde, wußte er nicht. Er sprang und stand, sich mühsam im Gleichgewicht haltend, als plötzlich der Kopf des Bären emporschoß. Der Bär griff nach der Scholle, Nansen sah seine Augen voll rasender Wut, hörte das dumpfe Brüllen, er fühlte den kochenden Atem, er schoß. So nahe waren sie sich, daß er, ehe der Bär und er ins Wasser stürzten, den gelblichweißen Pelz auf der Brust vom Pulver geschwärzt sah. Der Bär sank unter, Nansen griff nach ihm und konnte ihn, an die Scholle geklammert, bei den Ohren halten, bis die anderen Jäger herankamen. Es war einer der größten Bären, den er geschossen hatte, und mühsam schleppten sie ihn an Nansens Ledergürtel zurück, um ihn auszunehmen. Nansen hatte vergessen, daß er im eisigen Wasser gewesen war, aber Krefting schickte ihn zum Schiff. Als er zurückging, sah er in einiger Entfernung vom Schiff drei Leute, von denen zwei Gewehre in der Hand hatten. An Bord sagte man ihm, daß sie einen Bären verfolgten. Er wäre gern dabeigewesen, aber es schien ihm, daß er genug getan hätte. Aber als jemand erwähnte, daß sie hinter drei Bären her waren, hielt es ihn nicht. So wie er war, noch in seinen nassen Sachen, jagte er ihnen nach; auf etwas Nässe mehr oder weniger kam es nun nicht an.
Dann fand er sie auf dem Eis in Deckung liegen. Er sah einen Bären auf sie zukommen, aber sie schossen zu früh, der Bär wurde nur verwundet und floh brüllend. Nansen schoß, traf ihn durch die Brust, der Bär stürzte, erhob sich wieder und rannte langsamer weiter. Nansen war dicht hinter ihm. Als der Bär sich stellte, streckte Nansen ihn mit einem Kopfschuß nieder. Nun der nächste. Aber wo war er? Rufe und Zeichen vom Schiff zeigten Nansen und den anderen die Richtung, und sie sahen ihn. Er stand ruhig, über einen toten Seehund gebeugt. Nansen pfiff und schrie, damit er den Kopf höbe. Der Bär richtete sich auf, sie schossen und trafen ihn, er sprang ins Wasser. Nansen, den anderen voran, stürzte zum Rande des Eises, um den Bären zur anderen Seite schwimmen zu lassen und ihm dann den Fangschuß zu geben, aber er sah ihn nicht mehr. Der Bär mußte, durch einen Eishügel geschützt, entkommen sein – da sah er ihn, schon weit weg. Er flog ihm nach, die anderen waren weit zurück, der Bär und er waren allein. Der Bär rannte um sein Leben, Nansen um seine Ehre – ein merkwürdiger Lauf in der Arktis. Er sprang über Spalten und schwamm durch die Lachen. Dann schien der Bär müde zu werden, Nansen kam näher. Endlich konnte er ihn stellen, und das Tier stürzte im Dröhnen des Schusses. Er war allein mit dem riesigen toten Bären, und jetzt tat es ihm fast leid, ihn, der sein Bestes getan hatte, um zu entkommen, niedergeschossen zu haben. Er sah sich um, er brauchte Hilfe, um die Last zum Schiff zu bringen, aber er sah nur die Spitzen des Mastes in der Ferne. Er war allein, ohne Patronen, mit einem Federmesser in der Tasche. Er stieg auf einen Eishügel und winkte. Dann fing er an, den Bären mit seinem kleinen Messer auszuweiden, um, wenn niemand kommen sollte, wenigstens das Fell zu retten. Nach langer Zeit hörte er eine Stimme, es war Olaf, der bei der Jagd nach dem Bären mit seinen schweren Stiefeln zurückgeblieben und, das Herz im Munde, hinter Nansen hergerannt war, weil er kein Gewehr hatte. Sie zogen das Fell ab und schleppten es zum Schiff. Dann kamen ihnen ein paar Leute entgegen, um ihnen zu helfen. Nansen gab ihnen sein Gewehr und die Patronen, die Olaf gehabt hatte, und ging mit Olaf voraus. Olaf sah ihn staunend an; er hatte eine solche Bärenjagd noch nicht gesehen, und Nansen trug noch immer die nassen Sachen. Dann kam wieder jemand vom Schiff und brachte mit einem Gruß von Krefting Essen und Bier. Sie setzten sich hin und ließen es sich wohl sein, sie hatten das Picknick verdient. Der dritte Bär, hörte Nansen dann an Bord, war entkommen. Im ganzen hatten sie, während sie im Eis eingeschlossen an der Ostküste von Grönland entlangtrieben, neunzehn Bären geschossen, und dies war die letzte Jagd. Ein paar Tage später brach das Eis auf, die »Viking« war frei. Die Zeit der Robbenjagd war zu Ende. Das Schiff wandte sich nach Osten, Norwegen zu, nach Hause. Sechsundzwanzig Tage waren sie an der Küste von Grönland entlanggetrieben. Er hatte immer wieder hinübergesehen, im Krähennest sitzend, das Fernglas an den Augen. Dort drüben, vom Schiff durch einen riesigen Eisstrom getrennt, war die vollkommene Einsamkeit. Das Licht kam und ging über den Gletschern und Bergen. Die Schatten der Wolken fielen auf Felsen und Eis. Stille. Er konnte durch das Fernglas sehen, wie sich Eismassen von den Gletschern lösten und ins Meer stürzten. Er glaubte, das Donnern zu hören. Zwischen dem Eis lag nackte Erde; das vollkommene Nichts im ewig wandernden Licht. Hier gab es keine Veränderungen, keine Geschichte, keine menschliche Zeit. Hier atmete außermenschliche Geduld, die von niemandem gestört wurde. Keiner war hier gewesen. Und wenn eines Tages jemand käme, würde er eine dünne Spur menschlichen Willens durch das Nichts ziehen, und schon hinter seinem Schritt würde das Schwei gen wieder zusammenfallen. Wer würde es sein? Er? Zwischen dem Lande und dem Meer trieb der Strom des Eises und schützte das Schweigen. Aber warum sollte es nicht möglich sein, hinüberzukommen? Im Scherz – oder war es schon mehr als das? – bat er Krefting, ihm zu erlauben, mit einem Boot hinüberzugehen; nur um zu sehen, wie es drüben war. Es rief ihn, es lockte ihn.
»Borealia«, hieß es in einem alten Buche, »ist der gemeinsame Name für alle Länder, die nördlich von Europa, Asien und Amerika liegen, bis zum Nordpol hinauf. Einige davon sind wenig, andere überhaupt nicht bekannt, wegen der strengen Kälte und des Eises, die dort herrschen. Die berühmtesten von ihnen sind Grönland, die Bären-Insel, Jan Mayen, Nowaja Semlja, kalte und leere Länder, von denen kaum etwas berichtet zu werden braucht.«
»Grönland ist ein Land von sehr großer Ausdehnung und gehört zum Königreich Norwegen. Seine Küsten wurden vor langen Zeiten durch die Norweger erforscht und besiedelt, und zwei Bischoftümer wurden gegründet. Aber es ist lange her, seit Grönland wirklich aufgesucht worden ist, und obgleich es nicht allzuweit nordwestlich von Island liegt, ist es uns so unbekannt geworden, daß wir nicht einmal mehr genau wissen, ob die christliche Religion dort ausgeübt wird.«
Das Buch hieß »Compendium Cosmographicum« und war 1633 von Andrea Koch in Kopenhagen gedruckt worden. Der Verfasser hieß Hans Nansen – einer von Nansens Vorfahren, geboren in Flensburg 1598. Er war als Bürgermeister von Kopenhagen gestorben, ein umsichtiger, kluger, tapferer Mann, treu dem dänischen König. In seiner Jugend war er, jünger als jetzt sein Nachfahr war, fast ein Knabe noch, auf dem Schiff seines Onkels in das »Weiße Meer gefahren. Der Winter hatte sie bei Kola eingeschlossen, Nansen hatte die Gefangenschaft im Eis benutzt, um Russisch zu lernen. Als das Schiff im Sommer zurückfuhr, war der junge Nansen allein durch die nördlichen Küstengebiete gewandert. Die Stadt, von der er nach Kopenhagen zurückfuhr, hatte er Kuwantz genannt. Mit zwanzig Jahren war er Leiter einer Pelzhandel-Expedition zur Petschora gewesen. Im Auf trag des Zaren hatte er die Weißmeer-Küste erforscht, um danach lange Jahre im Dienste der Island-Kompanie zu arbeiten. Er hatte beobachtet, gelesen, gesammelt, aus Büchern ausgezogen; die Winter waren lang. So war dieses »Compendium« entstanden, ein Handbuch, das lange Zeit für seefahrendes Volk von Nutzen gewesen war, eine Mischung von Wissen und Sage.
Er war der Ahne gewesen, und der junge Nachfahr seines Namens und von seinem Blut und Geist sah die Einsamkeit von Grönland. Er nahm sie auf. Sie war in ihm nun. Sie würde ihn rufen, wenn die Zeit gekommen sein würde.
Und jetzt fuhr die »Viking« nach Norwegen zurück. Die Stürme verloren ihre Härte, das Licht wurde reicher und wärmer. Ende Juli sahen sie die Küste von Norwegen. Aus den sanften Linien wurden Berge, die schönsten Berge der Welt. Man mußte vom Meer kommen, um zu wissen, wie schön das Vaterland war. Alles kehrte in die Augen zurück, die Wälder, die Inseln, die roten Häuser. Er konnte schon den Tau schmecken, er fühlte schon Regen und Sonne von Norwegen im Gesicht. Langsam glitt das Schiff in den Hafen von Arendal. Es war Sommer in Norwegen. Die Wälder warteten auf ihn, die Flüsse, das Haus, von dem er einst ausgegangen war. Er sagte Lebwohl zu Krefting und allen anderen. Sie hatten ihn angenommen. Auch das gehörte zu den Erfahrungen dieser Fahrt: er hatte unter Männern gelebt und war von ihnen angenommen worden. Er würde sie nie wiedersehen, aber er würde nie vergessen, daß er mit ihnen im großen Abenteuer des Eises gelebt hatte. Er würde nichts vergessen. Aber jetzt war es gut, wieder zu Hause zu sein. Der Sommer war in Norwegen eine wunderbare Zeit.
Wie merkwürdig doch die Wege waren, die man ging. Manchmal sah es aus, als brauchte man selber über die Zukunft kaum nachzudenken. Ein anderer schien zu planen, das Richtige für einen zu wissen, das, was man tun mußte, und wirklich, wenn man später nachdachte, wie eines zum andern gekommen war, wußte man, daß es gut und notwendig gewesen war. Jemand hatte für ihn gedacht, während er vor Grönland in Sportschuhen hinter Bären herrannte, eisige Lachen durchschwamm, zu den kalten Geheimnissen der Küste hinübersah. Jemand hatte für ihn schon den nächsten Ort ausgemacht, er hatte nur ja zu sagen, und natürlich sagte er ja. Nicht jeder bekam mit einundzwanzig Jahren eine solche Chance. Er suchte nicht nach ihr. Man bot sie ihm an.
Dr. Daniellsen, der Leiter des Museums in Bergen, suchte für die zoologische Abteilung einen neuen Assistenten oder Kurator und hatte sich an Professor Collett gewandt; vielleicht wußte er jemanden. Collett hatte sofort an den jungen Nansen gedacht. Nicht nur, daß er diesen blonden, langen Burschen gern hatte, der wie ein junger Wiking aussah, mit Freimut sagte, was er dachte, und mit Beharrlichkeit seine Meinung verteidigte. Er hatte es im Gefühl, daß aus ihm ein ausgezeichneter Wissenschaftler werden würde. Kaum daß Nansen zurückgekommen war, fragte er ihn, ob er Lust habe, nach Bergen zu gehen. Sofort. Der junge Robbenfänger und Bärenjäger, der Wanderer und Schneeschuhläufer ging nach Bergen, setzte sich an den Tisch, beugte sich über das Mikroskop und hob kaum noch die Augen.
Bergen an der Westküste von Norwegen war die zweitgrößte Stadt des Landes. Es war eine alte Stadt, König Olaf Kyrre hatte sie gegründet. Der Rosenkrantzturm und König Haakons Halle in Bergenhus Fort erinnerten an große Zeiten. In der Stadthalle aus dem frühen sechzehnten Jahrhundert war der Sitz des Bürgermeisters, der noch das alte Siegel von 1591 gebrauchte. An der Tyskebriggen standen die alten schmalen Holzhäuser aus der Zeit der deutschen Hanse, in der Bergen, vom übrigen Norwegen beinahe abgeschnitten, fast selbständig gewesen war, eine reiche Stadt der Schiffe, die nach England und Schottland, nach Deutschland und Holland fuhren und die Welt und Reichtum zurückbrachten. Die Könige waren gestorben, die Hanse war erloschen, aber die dunklen Häuser an der Tyskebriggen mit den Räumen für die Kaufleute und den Verschlägen für die Angestellten standen noch, und noch immer kamen und gingen die Schiffe.
Ole Bull, der große Geiger, war in Bergen geboren worden. Er hatte ein norwegisches Theater in Bergen und die Musikakademie in Oslo gegründet, das damals noch Kristiania hieß. Ein großer Spieler und Phantast, der für norwegische Siedler in Amerika unbrauchbares Land gekauft hatte und dessen Traum von »Oleana« zerronnen war. Ludwig Lindemann, Organist und Komponist, hatte hier gelebt und die norwegischen Volkslieder gesammelt. Ibsen war von Bergen gekommen. Griegs Musik hatte hier begonnen.
Es war eine lebendige Stadt an Buchten vor den Bergen, an denen sich die Wolken abregneten, eine Stadt mit Nebel, Sonne, schnell wechselndem Wetter. Wenn man in Wäldern von Nordmarken und in den Bergen von Jotunheimen gelebt hatte, konnte man sich manchmal wie ein Gefangener vorkommen, und wenn man an das Eis und an Grönland dachte, mußte man einfach aufstehen, sich recken und in die Berge rennen, um sich gründlich auszulaufen. Dann kehrte man ruhiger zum Mikroskop zurück, das der Vater ihm auf den Weihnachtstisch gestellt hatte, und im Museum war Dr. Daniellsen, der Lehrer und väterliche Freund.
Daniellsen war jetzt ein alter Mann, Chefarzt des Krankenhauses und Leiter des Museums, das er aus der Zufällig
