Friedrich von Flersheim - Hartmut Geißler - E-Book

Friedrich von Flersheim E-Book

Hartmut Geißler

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Beschreibung

Friedrich von Flersheim (ca. 1397-1473) war ein Landedelmann aus Laumersheim (zwischen Grünstadt und Frankenthal), dessen Familie über mehrere Generationen hinweg die Amtmänner in Kaiserslautern stellte und reichen Grundbesitz in der Umgebung dieser Stadt hatte. Friedrich selbst kam als fahrender Ritter in ganz Europa herum, von Frankreich bis nach Preußen, von Köln bis nach Serbien; er kämpfte mehrfach in den Hussitenkriegen, stand im Dienst der Kurpfalz und des Königs Sigmund und half, diesen an der Donau bei Golubac vor den Türken zu retten. Er begleitete seinen Pfalzgrafen Ludwig III. u.a. zum Konzil von Konstanz und auf eine Pilgerreise nach Jerusalem, wo er zum Ritter vom Heiligen Grab geschlagen wurde. Er war ein Kamerad des Philipp von Ingelheim und kämpfte mit ihm in der Schlacht bei Bulgnéville 1431 auf Lothringer Seite, kam aber im Gegensatz zu Philipp und vielen anderen Pfälzer Rittern nicht dabei um, sondern wurde nur schwer verletzt. Sein gleichnamiger Sohn Friedrich (II.) machte sein Glück im Dienst Karls des Kühnen von Burgund und starb mit ihm 1477 in der Schlacht bei Nancy. Friedrichs Familienepitaph befand sich früher in der Stiftskirche von Kaiserslautern. Die Familienburg seines Schwagers und engen Freundes Friedrich von Greiffenclau, das Schloss Vollrads, steht gegenüber von Ingelheim im Rheingau. Von beiden waren noch im 16. Jahrhundert mehrere originale Briefe erhalten, die in die Flersheimer Familien-Chronik des Speyerer Bischofs Philipp von Flersheim, eines Enkels von Friedrich, eingefügt wurden, sodass sich von ihm ein sehr vielfältiges Lebenssbild eines Pfälzer Ritters im 15. Jahrhundert zeichen lässt.

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Seitenzahl: 421

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Gewidmet den Ingelheimer Gästeführern

Inhalt

Friedrich von Flersheim und Philipp von Ingelheim

Teil I: Bischof Philipp von Flersheim und die Chronik

Teil II: Friedrichs Welt

1. Das Reich im 14. und 15. Jahrhundert

2. Die Kurpfalz zur Zeit Friedrichs

Teil III: Friedrichs Reisen und Dienste im Einzelnen

1. Friedrichs wahrscheinliche Reisen ohne Nachweis

2. Friedrichs nachweisbare Reisen und andere Dienste

a) Die Quellen

b) Die Dienste-Aufstellung

c) Überblick über Friedrichs Reisen und Dienste

d) Die Zeit von 1415 (1414) bis 1421

e) Die Hussitenkriege: Überblick und Egerland (1521)

f) Preußen, Jerusalem und anderes (1422 bis 1427)

g) Briefe aus hussitischer Gefangenschaft (1428/1429)

h) Friedrichs zurückgelegte Entfernungen 1428 bis 1429

i) Die Zeit von 1428/29 bis zu seinem Tod 1473

Teil IV: Zur Persönlichkeit des Ritters Friedrich

1) Friedrichs Jugend und Alter

2) Friedrichs Bildung

3) Friedrichs Religiosität

4) Friedrichs Verhältnis zum Greiffenclauer Schwager

5) Friedrichs Verhältnis zu seiner Familie

6) Friedrichs Verhalten auf Feldzügen

8) Friedrich – ein unpolitischer Mensch?

9) Friedrichs gesellschaftlicher Rang

Teil V: Friedrichs Familie

1) Die Flersheimer und ihre Heimatregion

2) Die Wappen der Flersheimer

3) Das Flersheimer Epitaph in Kaiserslautern

4) Friedrichs Vorfahren

5) Friedrichs Eltern

6) Friedrichs Geschwister

7) Friedrichs Geburtsjahr und Todesdatum

8) Friedrichs „Hausfrau“ Margarethe von Randeck

9) Friedrichs und Margarethes Kinder

a) Ihre Söhne

b) Ihre Töchter

c) Friedrichs unehelicher Sohn „Schel Friederich“

Teil VI: Friedrichs Besitz und finanzielle Situation

1) Die Flersheimer Güter und der Wohnsitz Laumersheim

2) Friedrichs Einkünfte

a) Landwirtschaftliche und andere Erträge

b) Mitgift und Erbe

c) Einkommen aus Rat, Diensten und Lehen

3) Friedrichs Verschuldung seit den 1450er Jahren

Teil VII: Turniere und Adelsgesellschaft

Teil VIII: Friedrichs Söhne Hans und Friedrich (II.)

1) Hans

2) Friedrich (II.)

3) Das Marienfenster in der Ingelheimer Burgkirche

Anhang I: Die Pfalzgrafen im Überblick

Anhang II: Flersheimer und Ingelheimer

Anhang III: Briefe und die Dienste-Aufstellung

1) Friedrichs Brief an Kurfürst Friedrich am 24.1.1456

2) Die Dienste-Aufstellung (ca. 1463)

3) Bittbrief Friedrichs an den Papst vom 6. Januar 1454

4) Brief des Greiffenclauers vom 9. Juni 1456

Anhang IV: Friedrichs Pilgerfahrt 1426/27

1) Einleitung

2) Teil I – die Hinreise

3) Teil II – der Aufenthalt der Pilger im Heiligen Land

4) Teil III – die Rückreise

Literatur und Abbildungsnachweise

1) Literatur

2) Abbildungsnachweise

Danksagung

Abbildung 1: Das Flersheimer Wappen (blau-weiß-rot) aus Humbrachts Genealogie von 1707, Seite 1 (!)

Friedrich von Flersheim und Philipp von Ingelheim

Abbildung 2: Philipp von Ingelheim, Burgkirche von Ober-Ingelheim

Bei Recherchen über den Ingelheimer Ritter Philipp musste ich immer wieder feststellen, wie wenig man letztlich über ihn und sein Leben wissen kann. Wir haben zwar sein eindrucksvolles Epitaph in der Ober-Ingelheimer Burgkirche, aus dessen Umschrift sich ergibt, dass er in einem Krieg um das Herzogtum Bar (in bello baren[si]) am 2. Juli 1431 gefallen ist, aber ansonsten lässt sich von ihm nur ein sehr grobes Bild aus wenigen verstreuten urkundlichen Er-wähnungen zusammensetzen.1

Denn eine Familienchronik derer von Ingelheim gibt es für das Mittelalter ebenso wenig wie andere Chroniken zur Ingelheimer Geschichte seiner Zeit, von persönlichen Briefen ganz zu schweigen.

Das ist für Gästeführer eine sehr unbefriedigende Situation.

Bei der Befassung mit jenem Krieg, bei dem es um die Lothringer Erbfolge ging, bin ich jedoch auf den Ritter Friedrich von Flersheim aufmerksam gemacht worden, der zusammen mit dem Ingelheimer Philipp 1431 bei Bulgnéville kämpfte, dort aber nicht wie viele andere Kurpfälzer Ritter erschossen oder erschlagen wurde, sondern nur schwer verletzt. Er konnte aus der Gefangenschaft freigekauft werden.

Über ihn und andere Flersheimer (sowie Sickinger) ist eine Familienchronik in mehreren Fassungen erhalten, bis ins 19. Jahrhundert in vier Fassungen, von denen bis heute noch in drei existieren. Diese Chronik ließ Friedrichs Enkel, der Speyerer Bischof Philipp von Flersheim, im 16. Jahrhundert zusammenstellen. Sie wurde mehrfach abgeschrieben sowie von anderen Familienmitgliedern ergänzt. Die Edition dieser Chronik durch Otto Waltz, Leipzig 1874, bildet die Grundlage dieser Lebensbeschreibung.

Mehrere in diese Chronik eingefügte Briefe lassen viel von Friedrichs Erlebnissen, seiner Denkweise und seinen Gefühlen erkennen. Er schrieb an seine Familie, an seine Kurfürsten und sogar an einen Papst. In seinem langen Leben nahm er als kurpfälzischer Ritter, Amtmann und Rat intensiv an der Landesgeschichte der Pfalz und an der Reichsgeschichte teil, sodass sein persönliches Schicksal deren Verlauf sozusagen in einer Perspektive von unten ergänzt.

Gleichwohl existiert für Friedrich von Flersheim bislang noch keine ausführliche Biografie, sondern es gibt nur einige Aufsätze, die sich mit verschiedenen Teilaspekten der Flersheimer Familie oder der Chronik befassen.2

Durch die Veranschaulichung von Friedrichs Leben, seines Handelns, Denkens und Fühlens soll nun hier versucht werden, auch eine bessere Vorstellung davon zu gewinnen und zu vermitteln, in welchen Bahnen wahrscheinlich auch das Leben des Ingelheimer Philipps, seines Ritter-„Gesellen“ (so nannten sich Kameraden damals), verlaufen ist, über den wir so wenig wissen. Beide gehörten zum selben Lehenshof der Kurpfalz und zur selben Rittergesellschaft, und die Wege beider Familien haben sich nicht nur bei der Katastrophe von Bulgnéville 1431 gekreuzt, vielmehr tauchen an mehreren Stellen im Leben der Flersheimer auch Ingelheimer und Ingelheimerinnen auf (siehe Anhang II).

Die Flersheimer Quellenlage ist zwar nicht so üppig wie die für den selbstbewussten Ritter und Sänger Oswald von Wolkenstein aus Südtirol, aber weitaus besser als für den Ritter Philipp von Ingelheim. Alle drei konnten sich mit hoher Wahrscheinlichkeit beim Konzil in Konstanz kennenlernen. Friedrichs damaliger Kurfürst, Ludwig III., war ein Förderer Oswalds und lud ihn auch einmal nach Heidelberg ein.3

Abbildung 3: Oswald von Wolkenstein, ca. 1432

Zu Oswald sind noch etwa 1000 Dokumente erhalten, sodass über ihn einige Untersuchungen und Biografien verfasst wurden.4

Auch für andere Niederadlige, die ein, zwei Generationen nach Oswald und dem Flersheimer gelebt haben, existieren aufgrund der besser werdenden Quellenlage Biografien, so zu den beiden verschwägerten fränkischen Rittern Wilwolt von Schaumberg5 und Ludwig Eyb6 sowie zum bekannten Götz von Berlichingen.7 Wilwolts und Friedrichs gleichnamige Söhne standen übrigens beide im Dienste Karls des Kühnen und dürften sich dabei gleichfalls kennengelernt haben.

Friedrich von Flersheim stammte aus einem Ministerialengeschlecht aus der Umgebung von Worms und lebte von spätestens 1397 bis 1473. Die Familie besaß umfangreiche Ländereien und Abgabenrechte in der Pfalz und im südlichen Rheinhessen. Friedrich diente der Kurpfalz und dem König Sigmund, war fast drei Jahrzehnte kurpfälzischer Amtmann in Kaiserslautern, zeitweise auch in Wolfstein, war geschätzter Pfälzer Rat, wurde für wichtige Gesandtschaften verwendet und begleitete sogar den Pfälzer Kurfürsten Ludwig III. bei einer Pilgerreise nach Jerusalem. In der Hierarchie des Pfälzer Lehenshofes gehört er in die obere Mitte.8 Bei seinen Kämpfen in Mittel-, Südost- und Westeuropa wurde er mehrfach verwundet, verlor bei der Katastrophe von Bulgnéville fast alle Zähne und geriet dreimal in Gefangenschaft.

Bis zu seinem Tode war er über 50 Jahre lang mit Margarethe von Randeck verheiratet und hatte mit ihr mehrere Kinder. Er starb hoch verschuldet. Die Einzelheiten seiner Familienverhältnisse werden im Teil V (Friedrichs Familie) dargestellt.

Ein Bild von Friedrich oder ein figürliches Epitaph wie für unseren Ingelheimer Ritter existiert nicht, wohl aber mehrere Familienwappen9 und eine Erwähnung Friedrichs als miles auratus (goldener Ritter) auf dem Familienepitaph in Kaiserslautern.

Eines der Wappen, eine verspielte Fassung aus dem Ingeram-Codex, wird hier mehrfach zu sehen sein.10 Dieses Wappenbuch des österreichischen Herzogs Albrecht VI. entstand in der Mitte des 15. Jahrhunderts, also noch zu Lebzeiten Friedrichs.

1 Geißler 2011, 8-16.

2 Weber 1957, 1966, 1995; Andermann 1979; Krieb 2004; Fouquet 2010; Neugebauer 2011.

3 Studt 2013, 332

4 Müller 2011, Schwob 1977, Kühn 1980; Edition: Schwob 1999, 2001, 2004.

5 Eyb hgg. v. Ulmschneider 2018.

6 Rabeler 2006.

7 Ulmschneider 1974 und andere.

8 Gemäß der Anordnung im Ingeram-Codex (siehe Teil IV 9).

9 Siehe Teil V 2 und 3.

10https://commons.wikimedia.org/wiki/Ingeram_Codex:_15th_Century_sorting#/media/File:Ingeram_Codex_250.jpg (23.11.2019)

Teil I: Bischof Philipp von Flersheim und die Chronik

Der Autor der Flersheimer Chronik, der Speyerer Bischof Philipp von Flersheim, lebte von 1481 bis 1552.11 Er konnte also seinen Großvater Friedrich nicht mehr persönlich kennenlernen. Auch er wuchs auf dem Flersheimer Familiengut in Laumersheim auf, einem kleinen Pfälzer Weinbauort, zwischen Frankenthal und Grünstadt gelegen.

Schon in jungen Jahren bekam Philipp kirchliche Pfründen übertragen: mit 10 Jahren (!) die Einkünfte als Kanoniker am Stift St. Martin in Worms und mit 13 Jahren die Einkünfte aus der Pfarrei Ilvesheim bei Heidelberg.

Er studierte als erster in seiner Familie und war mit 25 Jahren ein Semester lang Rektor der Universität in Heidelberg, wo er 1507 zum Doktor beider Rechte promovierte.

In Speyer war er Domsänger, wurde im Jahre 1529 Dompropst, 1529/30 Bischof und 1546 auch Fürstpropst des Kollegiatstiftes zu Weißenburg, das mit dem Hochstift Speyer vereinigt worden war. Daneben war er als Berater von Kaiser Maximilian und König Ferdinand sowie der Pfälzer Kurfürsten Philipp und Friedrich II. politisch tätig.

Als entschiedener Anhänger der alten Kirche hielt der hochgebildete Bischof regelmäßig Diözesansynoden ab. Trotz seiner Versuche, die desolaten Zustände beim Klerus zu beheben, setzte sich die luth. Lehre fast im gesamten Diözesangebiet immer stärker durch. Die dadurch zurückgehenden Einnahmen vergrößerten die Finanzprobleme für Diözese und Hochstift.12

Später widmete er sich auch literarischer Tätigkeit, der Flersheimer Familienchronik und einer Autobiografie, die leider verloren ist.13 Als im Jahr 1552 Markgraf Albrecht Alkibiades von Brandenburg Speyer verwüstete, mußte Philipp flüchten und starb im Exil. 14

Sein Schwager war der bekannte Ritter Franz von Sickingen, dessen Leben und Sterben ein großer Teil der Chronik gewidmet ist.

Die Niederschrift der Flersheimer Chronik erfolgte auf der Basis mündlicher Angaben des Bischofs („aus irer fürstlichen gnaden mundtlichen angeben“ 15) durch den Kammersekretär Laurentius („Laux“) Fohenstain im Jahre 1547.16

Als Quellen benutzte dieser bzw. der Bischof sicherlich mündliche Familienüberlieferungen, aber auch Aufzeichnungen seines Vaters Hans von Flersheim, eines Sohnes des Ritters Friedrich. Sogar originale Briefe an und von Friedrich waren ein Jahrhundert später noch erhalten und konnten von Philipp bzw. Fohenstain in Abschriften eingefügt werden, und zwar Briefe …

so (= die) herr Friederich von Flerssheim selig ganntz fursichtigclich in seinem leben beyeiannder behalten, unnd nach seinem absterben hinder ime (= bei ihm) erfunden zu sehen. Derselben brief original unnd hanndschriefften haben die gebrueder von Flerssheim hinder inen (= bei sich), und seint dieselbigen abgeschrieben, lauttenndt in irem buechstaben von wort zu wort.17

Der Sekretär des Bischofs beteuert also, dass diese Briefe, die von Friedrich sorgfältig aufgehoben worden seien, in seinem Nachlass gefunden, von seinen Söhnen weiter aufbewahrt und für die Chronik buchstabengetreu und wortwörtlich abgeschrieben worden seien. Besonders sie bilden eine überaus wertvolle Fundgrube für viele Details aus Friedrichs Leben.

Im Zusammenhang mit den Briefen seines Schwagers Friedrich von Greiffenclau wird die Quellenlage so beschrieben:

Wie das aus zweyen schreiben zu vernemmen ist. Am ersten aus einer ufzeichnus, so aus Hannsen, seins, Friederichs, sohn gezeichnet unnd noch vorhannden ist; volgenndts aus etlichen senndtbriefen, so herr Friederich von Greiffencloe […] herr Friederichen seinem schwager geschrieben [...], so noch in original geschrieben, der copeyen hie nachvolgen, unnd wurdig sein zu lesen.18

Also hatte Friedrichs Sohn Hans nicht nur Briefe vom Vater und an ihn aufgehoben, sondern auch Aufzeichnungen über ihn und seine Familie angefertigt, die wiederum sein Sohn, der Bischof Philipp, heranziehen konnte. Dies wird an späterer Stelle der Chronik deutlich, wo das Leben der Brüder Hans und Friedrich (II.) von Flersheim beschrieben wird.19 Einer der drei Neffen des Bischofs, denen er das Werk ans Herz legte, Friedrich (III.) von Flersheim, setzte die Familienchronik nach dem Tod seines Onkels bis ins Jahr 1572 fort.20 Auch danach wurden die verschiedenen Abschriften der Chronik durch genealogische Nachträge noch bis in das 17. Jahrhundert hinein erweitert.21 Das Vorwort und diese späteren Ergänzungen stammen, so vermutete Otto Waltz, von einem der Söhne dieses Neffen Friedrich, von einem Hans Friedrich von Flersheim, zu dem Johann Maximilian Humbracht22 keine Lebensdaten angeben konnte.

Drei Handschriften mit unterschiedlichen Schicksalen, die der Herausgeber Otto Waltz nach ihren damaligen Aufbewahrungsorten Würzburg (W), Trier (T) und Heidelberg (H) benannt hat,23 waren ihm für die Edition der Chronik im Jahre 1874 bekannt:

Eine Handschrift „W.“ von 1588, die in der Würzburger Universitätsbibliothek aufbewahrt wird und deren Fotokopie man bestellen kann (Signatur: M.ch.f.78.

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); sie geht auf das Diktat des Bischofs selbst zurück, enthält zwar viele genealogische Ergänzungen, aber nicht die wichtigen Anhänge des Kapitels VIII, nämlich die Aufstellung der Dienste Friedrichs für die Kurpfalz und seinen Bittbrief an den Kurfürsten Friedrich I.; sie ist nach Waltz bis zum Aussterben der Familie in Familienbesitz gewesen.

Eine Handschrift „T.“ aus dem Besitz des Trierer Domprobstes Dr. Karl Holzer; sie enthält nach den Sickinger-Berichten und genealogischen Angaben zu den zeitgenössischen Flersheimern das nach 1547 angehängte Kapitel VIII; diese Handschrift bildete die Grundlage von Waltz‘ Edition, die auch Dr. Holzer gewidmet ist; sie befindet sich nach mehreren Auskünften aus Trier aber nicht (mehr?) im Nachlass des Dr. Holzer, den das dortige Bistumsarchiv aufbewahrt, und muss zur Zeit als verschollen gelten.

Eine lückenhafte Handschrift „H.“ aus der Heidelberger Universitätsbibliothek, die im Jahre 1829 schon einmal Ernst Münch für sein Werk über Franz von Sickingen benutzt hatte, eine Edition, die Waltz für sehr fehlerhaft hielt; er übernahm jedoch deren Einteilung in Kapitel von Franz Josef Mone, der diese Handschrift als erster Autor wissenschaftlich beschrieb, wobei er die Paragrapheneinteilung gemäß den sinngemäßen Absätzen von H selbst vornahm.

25

Außerdem hat sich im Hausarchiv derer von Greiffenclau im Schloss Vollrads, Abt. 1, Nr. 505, eine weitere Abschrift des Jahres 1724/25 aus dem Besitz der Familie erhalten, die jetzt im Hessischen Hauptstaatsarchiv Darmstadt aufbewahrt wird und online gestellt ist.26 Sie wurde von einem nicht weiter bekannten Christoph Heinrich von Greiffenclau, Kapitular des Würzburger Domstifts, in Auftrag gegeben und durch Johann Caspar Haimb, Pfarrer von Volkach, geschrieben.27 Da Haimb, wie ein Textvergleich zeigt, die Würzburger Handschrift W. als Vorlage benutzte, bringt sie nichts Neues.

Waltz beteuert, er habe alle drei ihm bekannten Handschriften sorgfältig verglichen und abweichende Lesarten notiert; es seien ihm keine Lesefehler unterlaufen, sondern er habe alles eindeutig lesen können.28 Wegen des ursprünglichen Diktierens und des Abschreibens der inserierten Briefe muss man allerdings davon ausgehen, dass schon die Urschriften frühere Entstellungen von Orts-und Personennamen enthielten, vor allem wenn es diktierte Namen aus unbekannten Sprachen und Regionen waren.

Nach eigenen Aussagen verband der Bischof mit der Chronik die Absicht, seinen drei Neffen, den Söhnen seines Bruders Bechtolf, die ihre beiden Eltern früh verloren hatten, dem Zeitgeist entsprechend familiäre Vorbilder vor Augen zu führen, die adlige Herkunft der Familie und ihre vielfältigen Verflechtungen mit bedeutenden Adelsgeschlechtern der Region, vor allem ihre Verdienste für das Reich und die Kurpfalz. In diesem Sinne forderte der Bischof seine Neffen auf:

das […] du unnd deine brüder euch nitt alein wol ersehen unnd fleissig uffmerckenn, wie euere vorelternn sich inn herrendienst erzeigt, dadurch sie zu hohenn ehren kommen und lob erlangt, sonder dass du und deine brüder inn dero vorelternn fussstapffenn auch tretten wollen und euch und euere kinder desto mehr zu guten, ehrlichenn, dapffern geschlechten verheuraten und sich nit in die geschlechte, da alein reichtumb und kein freundschafft zu erwarten, verheuraten, uff dass das lang wolherbracht adelich geschlecht von Flerssheim durch euch in kein verkleinerung gerathen thue.29

Hiermit warnte er wahrscheinlich vor Heiraten mit bürgerlichen Frauen (aus finanziellen Gründen), wie es z. B. von der zweiten Heirat des Götz von Berlichingen mit einer Bürgerlichen angenommen wird.30

Aber Philipp wollte auch – so Waltz – die Undankbarkeit der Kurpfälzer Regierung dokumentieren.31 Zu dieser Einschätzung, dass die Kurpfalz Friedrich gegenüber undankbar gewesen sei, kann man aber eigentlich nur auf der Basis der beiden Texte des Anhanges (= Kapitel VIII der Edition) kommen, der nach Waltz erst nachträglich, und zwar noch durch den Bischof selbst, also zwischen 1547 und 1551, seinem Todesjahr, an eine Abschrift der Chronik angefügt worden sei. Es waren dies die Jahre, in denen deutlich wurde, dass der lebenslustige Kurfürst Friedrich II. von der Pfalz (amtierend von 1544 bis 1556) die lutherische Reformation zeitweise zu dulden bereit war, trotz seiner oberflächlichen Akzeptierung der Interims-Verordnung des Kaisers. Das führte zu einer Entfremdung zwischen dem Speyerer Bischof, der am alten Glauben festhielt, und dem Kurfürsten in Heidelberg, sodass eine nachträgliche Kritik an der Kurpfalz-Regierung verständlich wird. Diese mögliche Absicht mindert jedoch den Quellenwert der angefügten Schriftstücke nicht.

Über das Verhältnis von Rittertaten und Geschichtsschreibung bemerkte Ludwig von Eyb der Ältere in seinem Vorwort:

Die kunheit der heit unnd die ubung der werden ritterschaft sey hoh zu loben, aber es sterb ab auß der menschen gedechtnus. Darumb sein noch vill hoher zu breisen die geschicht schreiber, die das aufschreiben [...], das bleib lang in der gedechtnus, und das sich die nachleser darinnen besehen, was gut ist, dem volg zu thon.32

Die Tapferkeit der Heiden und die Taten der werten Ritterschaft sind hoch zu loben, aber das verliert sich aus der Erinnerung der Menschen. Darum muss man noch viel höher die Geschichtsschreiber preisen, die das aufschreiben […], was lange im Gedächtnis bleibt, und damit sich die Nachwelt das ansehen kann, was sich als Vorbild eignet.

11 Ney 1888, 47 ff.; Remling 1854; Ammerich 2001, S. 386

12 Ammerich 2001, S. 386

13 Ney 1888, 48.

14 Ammerich 2001, S. 386

15 Das „Angeben“ (Angaben) muss kein wortwörtliches Diktieren bedeuten.

16 Chronik, XIII.

17 Chronik, 16 f.; wenn man den alten Text laut vorliest, versteht man ihn besser.

18 Chronik, 9. Der letzte Brief ist im Anhang vollständig abgedruckt.

19 Chronik, 35 f. Siehe Teil VIII!

20 Chronik, XV.

21 Chronik, XVII.

22 Auch wenn Walther Möller von Franz Xaver Glasschröder bei der Aufstellung seiner Stammtafeln der Randecker und Lewensteiner vor der Benutzung von Humbracht gewarnt wurde (Dolch 2005, 7), sollen dessen Daten hier trotzdem stets berücksichtigt werden.

23 Chronik, XIII ff.

24 Chronik, XVI; die Signaturangabe von Waltz enthält einen Buchstaben zu viel (richtig: M statt falsch: Ms).

25 Chronik, XXIV.

26 'Historia Flersheim Greiffenclauica' - Chronik der Familie von Flersheim (Abschrift) Laufzeit 1724 - 1725, Signatur HHStAW 128/2 2645, ab Seite 7; online. Man könnte ihr analog die Bezeichnung „D“ geben.

27 Nach dessen Vorwort (Kopieseite Nr. 4) vom 18. Mai 1724.

28 Chronik, XXIV

29 Chronik, XIV.

30 Ulmschneider 1974, 241 f.

31 Chronik, X; Krieb 2004, 138.

32 Eyb 2018

Teil II: Friedrichs Welt

1. Das Reich im 14. und 15. Jahrhundert

Das späte Mittelalter [...] gilt als Zeit der großen Krisen: Die Pestpandemie von 1348-1351 raffte in ganz Europa ein Drittel der Bevölkerung dahin, für das Papsttum begann bald nach der Rückkehr aus der ‚Babylonischen Gefangenschaft‘ in Avignon das große Schisma (1378-1417), und nach der Hinrichtung des Jan Hus in Konstanz (1415) versetzten die Hussitenzüge Mitteleuropa in Angst und Schrecken. England und Frankreich zerfleischten sich im Hundertjährigen Krieg, das deutsche Königtum büßte unter Wenzel von Luxemburg (1378-1400) viel von seinem Ansehen ein, und vom Balkan her drang der Militärstaat der Osmanen immer stärker in Richtung Mitteleuropa vor. Mit dem Verfall der Kaisermacht war die von einer starken Zentralgewalt für das ganze Reich erstrebte Rechtssicherheit geschwunden, der Missbrauch des Fehdewesens mit Raub, Mord und Plünderung nahm überhand.33

Mit diesen Worten leitete Heinz Dopsch seinen Beitrag im Sammelband zu Oswald von Wolkenstein ein. Die so beschriebene Welt Oswalds war auch die Welt der Ritter Friedrich von Flersheim und Philipp von Ingelheim. Hinzufügen sollte man im deutschen Südwesten noch die Bedrohung durch die kämpferischen Eidgenossen und die fürchterlichen Armagnaken, beschäftigungslose Söldner, die aus Frankreich zweimal verheerend ins Elsass einfielen.

Der deutsche König jener Zeit, Sigmund34 aus der Familie der Tschechen gewordenen Luxemburger, war seit 1387 König von Ungarn und Kroatien, seit 1411 römischer König für Deutschland, und die Königsherrschaft in Böhmen beanspruchte er seit 1419. Die Kaiserwürde erlangte er 1433 in Rom, und 1436 wurde er schließlich auch im Herkunftsland Böhmen als König allgemein anerkannt. Damit war er der Herrscher über ein wahrhaft europäisches Großreich,

das sich ganz oder teilweise auf die heutigen Staaten Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Tschechien, Ungarn, Slowakei, Polen, Rumänien, Bulgarien und die Nachfolgestaaten Jugoslawiens erstreckte.35

Der Lebensmittelpunkt dieser „Luxemburger“ verschob sich dadurch von Böhmen noch weiter nach Südosten, nach Ungarn, das damals von der Slowakei bis nach Serbien und Rumänien reichte.

Im deutschen Reich konnte er seine friedenstiftende Autorität als König nur selten durchsetzen, weil er viele Jahre nicht im Reich war und weil er immer in Geldnöten steckte. Als er im Mai 1418 das Konzil von Konstanz verließ, hatte er bei den Bürgern dieser Stadt eine Gesamtschuld von 20.000 Gulden.36 Im Zusammenhang mit dem Streit über die Kaufleute von Sinsheim musste schließlich Konrad von Weinsberg, sein Erzkämmerer, diese Schuld begleichen (siehe Teil III g zu 1428). Der schriftliche Niederschlag von seinen vielfältigen, aber letztlich erfolglosen Bemühungen, die königlichen Finanzen zu sanieren, ist erhalten geblieben.37 Oftmals musste sich Sigmund gleichzeitig mit den vielfältigen Problemen seiner Reiche befassen:

mit inneren Spannungen in Ungarn

mit Kämpfen in Kroatien und Serbien

mit der Türkenabwehr auf einem insgesamt sehr instabilen Balkan

mit der hussitischen Revolution in seiner Heimat

mit den Machtkämpfen in Nord- und Osteuropa (Deutscher Orden, Polen, Litauen)

mit den Rivalitäten der Stadtstaaten Norditaliens (Mailand, Florenz, Venedig)

mit Venedig, das Ansprüche auf die gegenüber liegende kroatische Adriaküste erhob

mit der römischen Kirchenspaltung (Schisma)

mit der Oppositionsfront, zu der sich die Kurfürsten im Reich bisweilen zusammenfanden

mit den vielfachen Fehden und Unruhen in Deutschland

mit den Anläufen zu einer Reichsreform

mit dem bayerischen Krieg

mit dem Aufstand der Eidgenossen

mit dem Hundertjährigen Krieg in Frankreich

mit der Expansion Burgunds am Niederrhein

Von seinen 27 Herrschaftsjahren verbrachte Sigmund insgesamt nur ca. sechs (addierte) Jahre im Deutschen Reich, die Schweiz und Österreich inbegriffen.38 So kam es, dass die Kurfürsten unter Führung des Pfalzgrafen Ludwig III., dessen Vater Ruprecht von 1400 bis 1410 selbst deutscher König gewesen war, in den 1420er Jahren versuchten, eine Art kurfürstlicher Ersatzregierung einzurichten und Sigmund sogar mit der Absetzung drohten, wie man das schon mit seinem Bruder Wenzel gemacht hatte. Auch Sigmund drohte einmal den Kurfürsten mit Rücktritt. Diese Unzufriedenheit mit ihrem König teilten jedoch auch die Ungarn und die Böhmen.

Deutschland war damals keine friedliche Welt, sondern eine Welt der vielen kleinen und großen Fehden, die von Adligen jederzeit ausgerufen werden konnten, von vielfältigen Kriegen der Reichsfürsten gegeneinander und von kurzfristigen Bündnissen, die alsbald wieder gebrochen wurden. Regionale Landfriedensordnungen wurden mühsam verabschiedet und schnell wieder gebrochen. Eine Reichsreform wurde zwar mehrfach angemahnt, auch entworfen, z. B. im März 1438 von Pfalzgraf Otto39 von Mosbach,40 aber nicht verwirklicht.

Joseph Aschbach beschrieb in seiner Geschichte Sigmunds z. B. das Verhältnis zwischen Kurpfalz und Baden in den Jahren 1427 bis 1429 so:

In dem deutschen Reiche gab es damals fast kein Land, in dem nicht Kriege oder Fehden wütheten. Am Oberrhein brach wieder von neuem der Krieg zwischen dem Markgrafen Bernhard von Baden und dem Kurfürsten Ludwig von der Pfalz aus: Letzterer hatte an den Städten Straßburg, Basel, Freiburg und Breisach nicht unbedeutende Bundesgenossen. Sie nahmen dem Markgrafen das Schloß und die Stadt Mühlberg weg. Dieser sah sich ebenfalls nach Bundesgenossen um und fand sie an dem Bischof Wilhelm von Straßburg, an dem Kurfürsten Dietrich von Cöln, am Herzog Reinhold von Urslingen und mehreren Grafen und Herrn, versuchte aber vergeblich, Straßburg zu überrumpeln und belagerte mehrere Monate ohne Erfolg das an Straßburg verpfändete Städtchen Oberkirch. Erst im folgenden Jahr (1429), als man gegenseitig viele Menschen im Krieg geopfert und die Länder verwüstet hatte, gelang es dem Kurfürsten Conrad von Mainz vermittelnd einzuschreiten.

Und die Situation Sigmunds im deutschen Reich charakterisiert er so:

Der römische König selbst, der mehr mit Polen, Litthauen, Servien (Serbien), der Walachei (Fürstentum im heutigen Rumänien) und ganz besonders mit Ungarn sich beschäftigte, als mit dem deutschen Reiche, schien dasselbe ganz seinem Schicksale überlassen zu wollen. Nur einige wichtige Angelegenheiten, wie den bayerischen Erbstreit, entschied er, von den Umständen gedrängt: fast alles Übrige ließ er seinen ungeordneten Gang gehen, da er daran verzweifelte helfen zu können. Nur Gnadenbriefe, Bestätigungsprivilegien und Gunstverleihungen gab er fortwährend verschiedenen Reichsständen und Personen und ließ sich dieselben in der Kanzlei theuer bezahlen. Es ward dieses als eine Geldquelle nicht vernachlässigt. Eigentliche Befehle und Schreiben in’s Reich blieben größtentheils unbeachtet, oder man handelte ihnen oft grade entgegen.41

Mit einem solchen Schreiben schickte Sigmund 1429 auch den Ritter Friedrich von Flersheim in den Westen des deutschen Reiches (siehe Teil III 2 i zu 1429) – wie es scheint, gleichfalls vergeblich.

Die Städte des Reiches, die durch den seit dem Hochmittelalter angewachsenen Handel aufgeblüht waren, versuchten sich in diesem Umfeld zu behaupten, gerieten aber oft zwischen die Fronten. Ihre Handelswege wurden immer wieder von „Raubrittern“ bedroht, und ihr Bestreben, die Selbständigkeit zu bewahren, stieß auf das Expansionsstreben der Territorialherren. Ein Beispiel dafür ist das Bemühen Konrads von Weinsberg,42 diese Reichsstadt von sich abhängig und zum Mittelpunkt eines kleinen Territoriums zu machen.

Friedrich von Flersheim wurde von den Auswirkungen dieser Politik mehrfach erfasst, sodass Kämpfe um Städte auch in der Chronik ihren Niederschlag finden: elsässische Reichsstädte, Donauwörth, Speyer, Metz und Basel. Der König konnte den an sich reichsunmittelbaren Städten kaum Schutz gewähren, obwohl er ihre Kredite brauchte, die er jedoch spät oder häufig gar nicht zurückzahlte. Der Handel der städtischen Bürger, auch der jüdischen Handelsfamilien, war es letztlich, mit dem der größte Teil des Kapitals erwirtschaftet wurde, durch das die vielen Kriege finanziert wurden.

Außerdem kam es in vielen Städten zu Ständekämpfen, bei denen die Handwerker-Zünfte mit den großbürgerlichen Kaufmanns-Gilden um politischen Einfluss im Stadtregiment stritten oder beide gemeinsam „gegen den Übermuth und die Anmaßungen der in Luxus und Schwelgerei versunkenen Geistlichkeit“43 vorgingen, dies besonders im hussitischen Böhmen.

Abbildung 4: Die Fleckenmauer des „Fleckens“ Dalsheim

Um sich gegen die dauernden Gefahren durch marodierende Söldner und Kriege, die mit Zerstörungen, Plünderungen, Vergewaltigungen sowie mit Mord und Totschlag verbunden waren, einigermaßen zu schützen, wurden überall Wehrmauern oder Gebücke errichtet bzw. die schon vorhandenen Mauern ausgebaut und erhöht, so auch in Flörsheim-Dalsheim und in Ober-Ingelheim44 sowie um die ehemalige Ingelheimer Pfalz. Aber auch die so geschützten Orte brauchten in der Regel, wenn es gefährlich wurde, zu ihrer Verteidigung angeworbene Söldner („Reisige“), weil die Kampfkraft ihrer eigenen Bürger dazu bei weitem nicht ausgereicht hätte. In den Archiven stößt man deshalb immer wieder auf städtische Schreiben, in denen um militärische Hilfe gebeten wird.

Wer waren diese Söldner? Es waren einerseits immer noch die Ritter des niederen Adels in Begleitung ihrer (Edel-)Knechte und Knappen, die für das Kriegshandwerk von Kindesbeinen an ausgebildet waren. Sie hatten das ganze Mittelalter hindurch die Hauptmasse der Reiterkämpfer gestellt, konnten auch zu Fuß kämpfen, gepanzert, mit Lanze, Schwert, Hellebarde und Dolch und allmählich auch mit Schusswaffen.

Andererseits waren es zunehmend auch junge Männer aus dem einfachen Volke, die sich – mangels anderer Lebensperspektiven aufgrund von starkem Bevölkerungswachstum – als „Söldner“ verdingten und die für jeden kämpften, der sie zu bezahlen versprach. Und wenn keiner sie mehr bezahlen konnte oder wollte, dann suchten sich diese Söldner als marodierende Banden durch Plündern ihren Lebensunterhalt, bis sie für den nächsten Feldzug angeworben wurden. 45

Dies traf besonders auf die Söldner aus Frankreich zu, die nach einem ihrer Anführer im Hundertjährigen Krieg, dem Grafen Bernard VII. von Armagnac, verbreitet Armagnaken genannt wurden, was der deutsche Volksmund in Arme Jecken oder Ähnliches abwandelte. Heinrich Witte46 beschreibt ihr Verhalten im Elsass 1444 ausführlich und drastisch. In Frankreich wurden sie deswegen mit vollem Recht auch Écorcheurs (Abdecker, Leuteschinder) genannt. Sie bildeten multinationale Truppen unter professionellen Söldnerführern, stammten aus der Bretagne, der Gascogne, der Lombardei, aus Spanien, Schottland und aus England. Sie benutzten die neuen Spezialwaffen der Fußtruppen, für die sie besonders trainiert wurden: den langen Bogen (wie die Waliser auf englischer Seite) oder die Armbrust mit sehr durchschlagkräftigen Pfeilen sowie Schusswaffen, tragbare Büchsen und mühsam transportierte Kanonen aller Größen, mit denen zum Beispiel die Burgunder aufrüsteten. Nach dem Ende der Hussitenkriege boten sich außerdem Tausende von böhmischen Reisigen, die nun arbeitslos geworden waren, zusätzlich auf dem europäischen Söldner-Markt an.47 Der Krieg 1460/61 unter Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz (siehe Schlacht bei Pfeddersheim, Teil III 2 i zu 1460) wurde beiderseits mit Söldnern geführt, die die Dörfer verwüsteten.48

In mehreren Schlachten zeigte sich, dass die Kampftechnik solcher Fußtruppen den herkömmlichen adligen Ritterheeren überlegen sein konnte, z. B. in der Schlacht von Azincourt 1415. Die Pfeile der Bogenschützen konnten aus der Nähe die Panzerung der Ritter durchschlagen und ihre Pferde zum Stürzen bringen; auch zogen sie im Nahkampf mit zackigen Lanzen (Rossschinder, Glefen) die gepanzerten Ritter vom Pferde, um sie zu überwältigen. Und gegen Büchsenkugeln oder gar Kanonenkugeln waren Ritterrüstungen sowieso nutzlos. Die Zeit des traditionellen Rittertums ging deswegen im 14. und 15. Jahrhundert zu Ende, auch wenn solche gepanzerten Reiterkämpfer noch für alle möglichen Konflikte angeworben wurden, von Städten, von Landesherren und von den Königen Europas. Der Ritter Friedrich von Flersheim und wahrscheinlich auch sein Ingelheimer Kamerad Philipp mussten in dieser enger werdenden Welt ihre Plätz suchen.

Klagen über das teilweise Verlottern des Standes - in seiner militärischen Funktion durch den Einsatz von Feuerwaffen und Landsknechtstruppen eingeengt, am Hof durch studierte bürgerliche Räte vertrieben, wirtschaftlich vom aufstrebenden Patriziat in den Städten bedrängt, dabei fehdelustig und bildungsfeindlich sowieso - sind Legion.49

Die Ritterrüstungen, in denen Philipps Sohn Hans von Ingelheim († 30. März 1480) und Wilhelm von Ockenheim († 5. Juni 1465) auf ihren Epitaphien in der Ingelheimer Burgkirche dargestellt sind, waren wahrscheinlich nur mehr modisch-manierierte Turnierrüstungen.

Abbildung 5: Hans von Ingelheim (links) und Wilhelm von Ockenheim (rechts)

Josef Würdinger zitiert einen Aufruf, mit dem Herzog Ludwig VI. von Bayern-Ingolstadt im Jahre 1420 Ritter anzuwerben versuchte:

Ludwig [...] lud alle fremden Ritter ein, zu ihm zu reiten und Ritterschaft (die Gelegenheit, zum Ritter geschlagen zu werden) zu suchen. ‚Stechen, Rennen (bei Turnieren), Tanzen, schöne Frauen (!), Sturm (Erstürmung von Burgen und Städten) und Scharmützel (kleinere Kämpfe) würden sie nach Herzenslust finden. Wer zu ihm reiten wolle um Gewinn (Beute), nicht um Sold, dem wolle er seine Schlösser öffnen und für Rechnung Lebensmittel auf einen Monat vorausliefern; wer aber dienen wolle um Geld und Sold, der erhalte außer dem Ersatze für im Dienste erlittenen Schaden für drei Gewappnete und ebenso viel Pferde (eine „Gleve“) monatlich 15 Gulden; müsse man ihm aber auch Kost reichen, 6 bis 6 ½ Gulden und Beuteantheil.50

Heißa, wie lustig wurde hier das Ritterleben dargestellt! Haben sich auch Friedrich von Flersheim und sein Schwager Friedrich von Greif-fenclau auf ähnliche Weise von König Sigmund anwerben lassen?

In dem Vertragsangebot war der Ersatz für erlittenen Schaden inbegriffen, und dies war die Regel, wie Bertrand Schnerb51 festhält. Oft aber wurde trotzdem keine Entschädigung gezahlt. Ähnliches dürfte auch für manche Dienste Friedrichs von Flersheim gegolten haben, denn seine noch ausstehenden Entschädigungen listete er in seinem Brief an den Kurfürsten Friedrich I. und in seiner Dienste-Aufstellung auf (siehe Anhang III 2 b).

Auf Reichsebene wurde erstmals bei der Frankfurter Reichsversammlung im November und Dezember 1427 nach der schmählichen Niederlage des Kreuzzugsheeres vor Tachau die Aufstellung eines stehenden Söldnerheeres erörtert, und zu diesem Zweck wurde am 2. Dezember auch ein erstes Reichskriegssteuergesetz beschlossen.52 Viel wurde nicht daraus, weil das Reich selbst dringend eine Reform brauchte, für die die Zeit aber noch nicht reif war.

In der Zeit des Kurfürsten Friedrich I. (Kf. 1451-1476), den der Flersheimer noch als seinen letzten Landesherren erlebte, unterhielt auch die Kurpfalz eine großenteils aus Schweizern bestehende Söldnertruppe und besaß eine hervorragende Artillerie, aber bediente sich gleichzeitig noch der Reiterei des adligen Lehensaufgebotes, wozu auch die Flersheimer und Ingelheimer gehörten, alles zusammen etwa 15.000 Mann.53

33 Müller 2011, 1.

34 Er selbst schrieb sich deutsch „Sigmund“. Im Tschechischen schrieb er sich „Zikmund“, im Kroatischen „Žigmund“ und im Ungarischen „Zsigmond”, also alle ähnlich wie „Sigmund”. Die heute im Deutschen meist verwendete Form „Sigismund“ wurde aus der latinisierten Form „Sigismundus“ rückübersetzt und ist eigentlich unhistorisch.

35 Hruza 2012, 13.

36 Karasek 1967, 40.

37 Karasek 1967.

38 Daldrup 2010, 5.

39 Dieser Bruder Ludwigs wurde damals ausschließlich „Ott“ genannt (vgl. „Ottheinrich“), in dieser Arbeit jedoch „Otto“.

40 Wüst 1976, 179.

41 Aschbach 1841, 299 bzw. 307.

42 Karasek 1967, passim.

43 Aschbach 1841, 303.

44 Hundhausen 2019, S. 314-325

45 Vgl. Kortüm 2010, 130-133

46 Witte 1890, passend zu den deutsch-französischen Spannungen seiner Zeit

47 Glasauer 2009, 186.

48 Häusser 1856, 355 ff.

49 Eyb 2018, 9

50 Würdinger 1868, 220.

51 Schnerb 1993, 74.

52 RTA 9, 1887, S. 60-62.

53 Schaab 1988, 202.

2. Die Kurpfalz zur Zeit Friedrichs

Die Lebenszeit Friedrichs fällt in eine Epoche des Aufstieges der Kurpfalz als Regionalmacht, die von 1400 bis 1410 sogar einen deutschen König stellte, Ruprecht III.54 Dieser wurde anstelle des im Reich untätigen und u. a. deswegen abgesetzten Königs Wenzel aus der Familie der Luxemburger in Rhens am Rhein zum neuen König gewählt, nicht in Frankfurt und auch nur von den drei rheinischen Erzbischof-Kurfürsten von Mainz, Köln und Trier. Seine eigene Stimme hatte Ruprecht dem Mainzer Kurfürsten übertragen, sodass er theoretisch mit vier Stimmen gewählt war. Gekrönt wurde er 1401 mit einer Behelfskrone in Köln statt in dem widerstrebenden Aachen.

Schnell zeigte sich jedoch, dass seine Hausmacht, die Kurpfalz mit ihrem Streubesitz, zu geringe Ressourcen besaß, um ein ausreichendes finanzielles Fundament für einen deutschen König zu bilden. Ein großer Teil des Kurpfälzer Territoriums bestand außerdem nur aus Reichspfandschaften, wie linksrheinisch Kaiserslautern, Oppenheim und der Ingelheimer Grund, denn die Pfalz war erst auf dem Weg zu einem geschlossenen Territorialstaat. Um die Zugehörigkeit von Reichspfandgebieten zur Kurpfalz zu betonen, veränderte man im kurpfälzischen Sprachgebrauch den früheren Ortsnamen Kaiserslautern in ein bloßes „Lautern“, ähnlich wie der Ingelheimer Reichsbesitz nun „Ingelheimer Grund“ genannt wurde.55

Ruprechts Romzug 1401/02 zur Erlangung der Kaiserwürde scheiterte schon in Norditalien kläglich an Ruprechts Geldmangel und am Widerstand Mailands, sodass er sich wieder nach Deutschland zurückziehen musste. Auch dort schwand sein Einfluss immer mehr, durch die Kämpfe mit Wenzel in Böhmen und der Oberpfalz wurden seine geringen Geldmittel weiter aufgezehrt, woran auch die Hochzeit seines Sohnes Ludwig mit der englischen Prinzessin Blanca im Jahre 1402 und deren Mitgiftversprechen nichts zu ändern vermochten.

Ruprechts Versuche zur Überwindung des Papstschismas blieben erfolglos. Mehr Erfolg hatte er bei der Sicherung der Reichspfandschaften und bei der Festigung des Kurpfälzer Einflusses im Elsass.

Eine seiner Töchter, Margarete, verheiratete Ruprecht 1394 mit dem Herzog Karl II. von Lothringen. Das hatte im Lothringer Erbfolgekrieg 1431 Folgen auch für die Ritter Friedrich von Flersheim und Philipp von Ingelheim.

Am 18. Mai 1410 starb er mit 58 Jahren in Oppenheim während der Vorbereitungen eines Krieges gegen Kurmainz. Zwei Tage vorher bestätigte er noch sein Testament, in dem er seinen Kanzler, den Bischof Raban von Speyer, zusammen mit den Räten seinen Besitz unter seine vier Söhne auf „daz glichste“ (wohl fiskalisch gemeint)56 aufteilen ließ:

Ludwig (III., 1378-1436

57

) erhielt die Kurwürde mit Heidelberg und Amberg sowie Teile der Rhein- und Oberpfalz; er ist derjenige Pfalzgraf und Kurfürst, unter dem Friedrich als junger Mann seine Dienste für die Pfalz begann (siehe

Teil III 2 d

zu 1415).

Johann (1383-1443) erhielt die Gebiete um Neumarkt in der Oberpfalz; mit ihm hatte der Flersheimer sogar eine persönliche Auseinandersetzung (siehe

Teil III

zu 1437 2 i).

Stefan (1385-1459) erhielt Simmern-Zweibrücken, ausschließlich linksrheinische Gebiete; sein Tod löste Erbstreitigkeiten aus, in die auch der Flersheimer verwickelt wurde.

Otto (1390-1461) erhielt mit Mosbach rechtsrheinische Gebiete.

Mit Ott(o) hatte Friedrich sehr lange und sehr oft zu tun, aber er erwähnte seinen Namen nie, obwohl er selbst Urkunden von ihm ausgestellt bekam.58 Ein Grund ist nicht ersichtlich. Am Verhältnis des Kurfürsten Ludwig zu diesem seinem jüngsten Bruder kann es nicht gelegen haben, denn das war so eng und vertrauensvoll, dass Otto mehrfach vertretungsweise mit der Regentschaft des Kurfürstentums und mit der Vormundschaft für Ludwigs Söhne betraut wurde (erstmals 1413). In Zeiten der Vakanz des deutschen Königsthrones übte er somit auch die Aufgaben eines Reichsverwesers für bestimmte Gebiete aus.

Aufgrund seiner Jugend hat Friedrich von Flersheim – je nach Annahme seines Geburtsjahres (dazu mehr in Teil IV) – wohl die Epoche des Pfälzer Königs Ruprecht noch nicht bewusst miterleben können, aber sicherlich davon erzählen hören. Ob ihn die anfangs noch etwas kümmerliche Universität in Heidelberg, 1386 als dritte in Mitteleuropa gegründet (nach der in Prag 1348 und der in Wien 1365), interessiert hat, wissen wir nicht. Weder er noch seine Söhne haben eine Universität besucht, erst sein Enkel Philipp.

Ihm war aber sicherlich bekannt, dass die Pfalzgrafen bei Rhein drei herausgehobene Rollen im Reich hatten: Als Kurfürsten waren sie Königswähler, bei Verhinderung des Königs waren sie dessen Stellvertreter (Reichsvikare) und sie waren – zumindest theoretisch – auch Richter über den König, wenn es zu einem Verfahren gegen ihn kommen sollte.

Persönlich miterlebt hat Friedrich die Zeit des Pfalzgrafen und Kurfürsten Ludwig (III.), der nach den Erfahrungen seines Vaters klug genug war, die Königskrone in Deutschland gar nicht erst anzustreben. Stattdessen war er der energische Förderer einer Kandidatur eines Bruders des abgesetzten Wenzel, des ungarischen Königs Sigmund, den er handstreichartig 59 hinter dem Chor der Frankfurter Bartholomäuskirche wählen ließ. Als Gegenleistung bestätigte Sigmund ihm die Verfügungen Ruprechts und die Kurpfälzer Reichspfandschaften. Beim Konzil von Konstanz, das schließlich das Schisma von drei Päpsten zugunsten eines vierten beseitigte, war Ludwig anfangs der tatkräftige Vertreter dieses neuen und schließlich allgemein anerkannten deutschen Königs, bis er sich 1417 mit ihm überwarf.

Während der häufigen Abwesenheit Sigmunds im deutschen Reich versuchte Ludwig als Reichsvikar zusammen mit den anderen rheinischen Kurfürsten die Lücke zu füllen, die Sigmund hinterließ, so bei der Organisation von Feldzügen gegen die böhmischen Hussiten. Seine Politik einer Art Nebenregierung der Kurfürsten scheiterte jedoch an deren Differenzen untereinander. Ludwig trat daraufhin eine Pilgerfahrt nach Jerusalem an, kam krank zurück, sodass Otto schließlich im Einvernehmen mit Ludwigs Frau Mathilde/Mechtild60 sowie den Kurpfälzer Räten und Amtmännern die volle Regentschaft für Ludwig übernahm. Auch der Flersheimer unterzeichnete das betreffende Dokument (siehe Teil III 2 i zu 1435/36).

Friedrich war schließlich Zeitzeuge der erfolgreichen Versuche der Pfalzgrafen Otto, Ludwig IV. und Friedrich I., die Kurpfalz als Staat trotz mehrerer Herrschaftswechsel in vielen Kriegen zusammenzuhalten und zu stärken; allerdings ist fraglich, ob er das schon unter dieser modernen Perspektive gesehen hat. Wichtiger war ihm bestimmt seine persönliche Betroffenheit.

Gerade unter dem letzten Kurfürsten seines Lebens, dem energischen Friedrich I., den man je nach Perspektive den „pös Fritz“, also den bösen Fritz, später aber den Siegreichen nannte, weil ihm das Kriegsglück des Öfteren hold war, musste der Flersheimer mehrere Kriege der Kurpfalz miterleben. Diese brachten der Pfalz am Rhein zwar neuen Machtzuwachs und weitere Territorien ein, ihm persönlich aber Zerstörungen und Einkommensverluste, denn die Feldzüge gegen Herzog Ludwig den Schwarzen von Pfalz-Veldenz führten zu Flersheimer Vermögensschäden.

Die Familie der Flersheimer wurde auch in die engen Kurpfälzer Beziehungen nach Westen (Lothringen, Burgund) hineingezogen: Friedrich selbst wurde 1431 im Lothringer Erbfolgekrieg schwer verletzt und sein gleichnamiger Sohn machte zwar sein Glück bei dem burgundischen Herzog Karl dem Kühnen, starb aber auch mit ihm zusammen 1477 vor Nancy, der Residenzstadt Lothringens (siehe Teil VIII 2).

54 Die Darstellung folgt überwiegend Schaab 1988.

55 Lehmann 1853, 64.

56 Heimann 2013, 109.

57 Angegeben sind jeweils die Lebensdaten.

58 HStAD, A13 (Haeberlin) Nr. 286 und 287 aus 1437 und 1441.

59 Schaab 1988, 142.

60 Seine erste Ehefrau Blanca von England war schon 1409 vestorben; seine zweite Ehefrau, Prinzessin Mechthild/Matilde von Savoyen (1390–1438), heiratete er am 30. November 1417 in Pignerol.

Teil III: Friedrichs Reisen und Dienste im Einzelnen

1. Friedrichs wahrscheinliche Reisen ohne Nachweis

Ab wann und mit wem Friedrich schon als jugendlicher Knappe und als (Edel-)Knecht auf „Reisen“ war, was damals bedeutete „auf Kriegszügen“, ist nicht überliefert, er dürfte aber ausschließlich im Kriegshandwerk ausgebildet worden sein. Man kann mit Sicherheit annehmen, dass auch Friedrich seine ritterliche Laufbahn als Edelknecht nicht erst 1414 oder 1415 im Dienst des Pfalzgrafen Ludwig III. begonnen hat, sondern dass er schon einige Jahre zuvor in „ritterlichen Übungen“ ausgebildet wurde und wahrscheinlich bereits weit herumgekommen war, wenn nicht für die Kurpfalz, so doch für andere, von ihm nicht genannte Herren, möglicherweise mit seinen Verwandten, den Monsheimer Flersheimern oder den Meckenheimer Verwandten seiner Mutter oder mit seinen beiden Stiefvätern (siehe Teil IV 1).

Als Erwachsener war er anscheinend nicht an allen militärischen Aktionen seiner Kurfürsten beteiligt. Möglicherweise gab es zwischendurch Zeiten, in denen er keine (militärischen) Dienste geleistet hat, sei es aus privaten Gründen oder sei es wegen seiner Verpflichtungen als Amtmann in Lautern. Oder hat er viele tatsächlich geleistete Dienste, die für ihn nicht „köstlich“, also kostenaufwändig waren, nur deshalb nicht erwähnt? Denn seine Dienste-Aufstellung (siehe Teil III 2 b) hat er ja in der Absicht zu zeigen verfasst, mit welch hohem persönlichem Einsatz und hohen Kosten er sich für die Kurpfalz aufgeopfert hat.

2. Friedrichs nachweisbare Reisen und andere Dienste

Unnd maihne, das das kheinem ritter nie wiederfahren sey, als mir, das einer der ketzer gefanngen sey gewesen, unnd das er sich in derselben gefenckhnus mit den Thurckhen unnd heiden geschlagen hab, unnd dem Röm. kaiser hinweg geholffen hab, unnd mit hertzog Widelt wieder die grossen Nauhartten, unnd mit dem könig von Mussgau wieder die von Blessgau unnd auch under vier malen nit zu Preussen gewest, unnd auch sonnst an viel ennden.61

a) Die Quellen

Die überlieferten Aktivitäten Friedrichs werden im Folgenden in chronologischer Reihenfolge zusammengestellt. Ihre Quellen sind, der Wichtigkeit nach geordnet:

die beiden Kurpfalz-Texte, nämlich eine undatierte Zusammenstellung seiner Dienste für die Kurpfalz

62

und der Bittbrief an den Pfälzer Kurfürsten Friedrich I. vom 24. Januar 1456

63

(beide ungekürzt in

Anhang III

)

seine eigenen Briefe aus hussitischer Gefangenschaft 1428/29

der Bittbrief an den Papst von 1454 (ungekürzt in

Anhang III

)

der beschreibende Text der Flersheimer Chronik

und viele andere Dokumente, in denen Friedrich erwähnt wird

b) Die Dienste-Aufstellung

Friedrichs undatierte Zusammenstellung64 seiner Dienste für die Kurpfalz ist in zwei Chronik-Handschriften als Anhang angefügt, in der aus Trier und in der aus Heidelberg vor dem datierten Brief vom 24. Januar 1456 an den Kurfürsten Friedrich. Sie wird eingeleitet mit Friedrichs Worten: „Diess seindt dienst, die ich Friederich von Flerssheim, ritter, der Pfaltz gethon habe etc.“ Waltz nahm an, dass Bischof Philipp sie in eine spätere Abschrift der ersten Fassung der Chronik hat nachträglich einfügen lassen.

Sie ist die zentrale Quelle für die meisten Aktivitäten Friedrichs, aber kein Brief, wie die Aufstellung manchmal genannt wird, sondern eine Art Materialsammlung, vielleicht ein Aide-mémoire für mündliche Verhandlungen von Verbindungsleuten am Hof oder als Anlage zu einem Forderungsbrief. Vermutlich deshalb hat der Bischof Philipp oder sein Sekretär, die die Abfassungszeit wohl auch nicht kannten, diese Dienste-Aufstellung thematisch vor dem Bittbrief an Kurfürst Friedrich von 1456 eingereiht.

Ein Dienstmann wie Friedrich war lehensrechtlich verpflichtet, seinem Herrn treue Dienste zu leisten. Der Lehensherr war seinerseits verpflichtet, seine Mannen für eventuelle Verluste vertragsgemäß zu entschädigen. Insofern diente diese Dienste-Aufstellung vor allem dazu, die Berechtigung seiner Besoldungs- und Entschädigungsforderungen nachzuweisen. Ob sie jemals in Heidelberg und bei wem sie vorgetragen wurde, ist unbekannt. Auch ist nicht ersichtlich, ob sie in einem Zuge aufgeschrieben wurde oder stückweise zu verschiedenen Zeitpunkten. Für den Bischof war sie wohl der Hauptbeleg dafür, dass sich die Pfalz gegenüber Friedrich undankbar verhalten habe.

Ihre Auswertung bereitet einige Schwierigkeiten. Deren erste ist das Problem der Chronologie. Die Reihenfolge der Dienste stimmt nämlich nicht immer mit ihrer tatsächlichen Abfolge überein, auch wenn sie durch ein stereotypes „Item darnach“ miteinander verknüpft sind. Diese Formel möchte man zuerst einmal zeitlich auffassen, sie erweist sich aber bei näherer Betrachtung an mehreren Stellen als chronologisch falsch, worauf im Einzelnen eingegangen werden wird. Ja, es stellt sich wegen der Erstürmung von Einartzhausen, die möglicherweise schon 1414 stattfand, also noch vor seinem an erster Stelle erwähnten Dienst beim Konzil in Konstanz ab 1415, die Frage, ob nicht auch der Beginn der Aufzählung („Zum ersten wardt ich diener“65) hier nicht in einem zeitlichen Sinne gemeint ist, also dass dies sein erster Dienst für die Kurpfalz war, sondern dass dieser Dienst wegen seiner überragenden Bedeutung an den Beginn seiner Dienste gestellt wurde, also nur im Sinne eines aufzählenden „erstens“.

An dem Hilfszug der Pfälzer nach Lothringen des Jahres 1412, geschickt von Ludwig und unter der Leitung seines Bruders Otto66, hat Friedrich anscheinend (noch) nicht teilgenommen. Der wahrscheinlich diktierende Friedrich oder sein ordnender Sekretär dürfte daher diese Einleitungsfloskel ebenso wie die folgenden „Item darnach“ lediglich im Sinne eines aufzählenden „Erstens, zweitens, drittens“ bzw. „sodann“ gebraucht haben. Bisweilen sind ganz offensichtlich Ereignisse miteinander verbunden, die zwar thematisch zusammengehören, nicht aber zeitlich. Zudem zählt er auf Seite 111 der Chronik-Edition einige Dienste auf, die er nur sehr vage mit „auch“ verbindet und die wahrscheinlich alle in die Zeit des Kurfürsten Friedrich gehören.

Es fragt sich im Übrigen, wie viele Unterlagen Friedrich noch besaß, aus denen er noch genau rekonstruieren konnte, wann das beschriebene Ereignis stattgefunden hatte, auch wenn er einige Briefe und Urkunden sorgfältig aufbewahrte. Ein Tagebuch hat er anscheinend nicht geführt. Die erwähnten Ereignisse lagen zur Abfassungszeit teilweise schon über 40 Jahre zurück, sodass zeitliche oder sachliche Irrtümer mehr als verständlich wären. Im Großen und Ganzen jedoch ordnet Friedrich die Ereignisse in zeitlicher Reihenfolge.

Zweitens wird weder ein Adressat direkt angesprochen noch die Abfassungszeit dieser Aufstellung angegeben. Es mag sein, dass der schon betagte Flersheimer von seiner Familie oder von Verbindungsleuten am Heidelberger Hof aufgefordert worden war, einmal alle seine kostenaufwändigen Dienste für die Kurpfalz zusammenzustellen, was er dann versucht hat. Weil diese Aufstellung keine Anrede enthält, geht aus ihr auch nicht hervor, für wen sie verfasst wurde. Indirekte Adressaten sind die Pfalzgrafen Friedrich, der Kurfürst, und Ruprecht, der Erzbischof von Köln („meine gnedige herrn vorgenanndt sollen das bedennckhen“). Bis auf eine einzige Jahreszahl am Ende („anno etc. 1455“) 67 enthält sie keinerlei Daten. Enden seine aufgeführten Dienste tatsächlich mit dieser Zeit? Es sieht nicht so aus, wie sich aus anderweitigen Urkunden ergibt.

Ihre Abfassungszeit muss daher aus Indizien erschlossen werden:

Das Wort „damals“ mit Bezug auf die Kämpfe Ludwigs des Schwarzen mit der Kurpfalz in Verbindung mit dem Jahr 1455 legt eine erheblich spätere Abfassungszeit nahe als die des folgenden Briefes an den Kurfürsten Friedrich I., der gleich zu Jahresbeginn 1456 datiert wurde. Vielleicht wollte er mit dieser Formulierung Verwechslungen vermeiden, denn es gab später noch weitere Kriege mit Herzog Ludwig von Pfalz-Simmern-Zweibrücken, dem Vetter des Kurfürsten.

Ludwigs Vater, Herzog Stefan, der im Zusammenhang mit den Sponheimer Erbstreitigkeiten 1437 erwähnt wird, ist am 14. Februar 1459 gestorben; wenn er hier als

„hertzog Steffan selige“

bezeichnet wird, dann kann diese Dienste-Aufstellung erst nach seinem Tod verfasst worden sein, also frühestens ab März 1459.

Wenn Friedrich den „gnedigen herrn seligen von Cöln“, also den verstorbenen Erzbischof Dietrich von Moers, ebenfalls selig nennt

68

und dieser am 14. Februar 1463 gestorben ist, dann kann sie auch erst danach geschrieben worden sein, also frühestens im weiteren Verlauf des Jahres 1463.

Das bedeutet, dass die Zusammenstellung von Friedrichs Diensten für die Kurpfalz frühestens im Verlauf des Jahres 1463 verfasst (oder vollendet) wurde, auf jeden Fall aber nach 1455 bzw. nach dem Bittbrief an Kurfürst Friedrich von 1456.

Alles in allem ging des Friedrich hierbei um den anklagenden Nachweis, was er als treuer Lehnsmann für die Kurpfalz alles geleistet und geopfert hat, welche Kosten er für seine Pfalzgrafen auf sich nahm, wie oft er sein Vermögen, seine Gesundheit und sein Leben für sie eingesetzt hat, bis hin zum Angebot eines eventuell tödlich verlaufenden Zweikampfes im Zusammenhang mit den Kaufleuten von Sinsheim 1429.

c) Überblick über Friedrichs Reisen und Dienste

Auf der folgenden Europakarte sind nur die in der Chronik erwähnten Orte in chronologischer Reihenfolge nummeriert worden, um die Karte nicht zu unübersichtlich werden zu lassen. Im doppelt eingeklammerten Luzk wäre er zu gern gewesen, schaffte es aber nicht. „Ofen“ ist das deutsche Wort für Buda(-pest).

(1) Kurpfalz links- u. rechtsrheinisch: Laumersheim, KL, WO, Alzey, HD, MA, Wolfstein

(2) Konstanz

(3) Heiligkreuz, Ensisheim

(4) Berlin, Cölln

(5) Einartzhausen, Lützelstein

(6) Brühl bei Köln

(7) Melun, Paris

(8) Schwabach, Donauwörth, Holnstein

(9) Eger, Elnbogen, Kaden, Saaz, Miess, Tachau

(10) Preußen

(11) Jerusalem

(12) Prerau, Přerov

(13) Wien

(14) Pressburg, Trnava

(15) (He-)Ram, Golubac

(16) Ofen, Visegrád

(17) Nowgorod (?)

(18) Plesskau (?)

(19) Sandomierz

(20) ((Luzk))

(21) Bulgnéville

(22) Prag

(23) Besançon

(24) Lure

(25) Nancy

(26) Schweiz

(27) Bitsch, Lützelstein

(28) Pilsen

Abbildung 6: Friedrichs „Reisen“ auf einer heutigen Europa-Karte

In der folgenden Darstellung werden seine „Reisen“ und sonstigen Dienste in fünf Kapiteln in möglichst chronologischer Reihenfolge behandelt, und zwar:

d) Die Zeit von 1415 (1414) bis 1421

1415-17: Friedrich beim Konzil von Konstanz und bei der Verlegung des Papstes

Die Aufzählung seiner Dienste für die Kurpfalz beginnt Friedrich mit der Begleitung des Pfalzgrafen und Kurfürsten Ludwig III. während des großen Konzils von Konstanz, das von 1414 bis 1418 tagte. Friedrich schreibt dazu:

Zum ersten wardt ich diener mehr dann zwey jar vor dem concilio zu Costentz, das ist gewesen Pfaltzgrave Ludwig churfurst Konntz Rueprechts eltister sohn, unnd halff den babst gehn Manheim in den thurn fuhren.69

(Erstens diente ich für mehr als zwei Jahre beim Konzil zu Konstanz; das war Pfalzgraf Ludwig, der Kurfürst und älteste Sohn des Königs Ruprecht, und half den Papst nach Mannheim in den Turm zu verlegen.)

Die Bedeutung dieses großen abendländischen Konzils skizzierte Dieter Karasek so:

Sigismund stand im Mittelpunkt der Verhandlungen des Konzils, das von 1414 bis 1418 Abgesandte aus fast allen Staaten des Abendlandes in Konstanz vereinte. Die Bodenseestadt wurde durch das Konzil und die Person des Königs für einige Zeit zu einer Hauptstadt Europas und des Reiches, in der noch einmal die großartige Einheit von Weltlichem und Geistlichem, die das Hochmittelalter geprägt hatte, zum Ausdruck kam. Gesandtschaften der europäischen Reiche von Spanien bis Litauen kamen nach Konstanz, Konzilsbesprechungen wechselten mit Verhandlungen zwischen Sigismund und den Reichsständen. Das äußere Bild bestimmten die feierlichen Gottesdienste in gleichem Maße wie der Glanz der Zeremonien bei fürstlichen Belehnungen oder prunkvollen Turnieren.70