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In klarer wie poetischer, emotionaler wie analytischer Sprache erzählt Anna Irmgard Jäger über eine Kindheit und ein Erwachsenwerden, über Erika, das Kind verrückter Eltern, das irgendwann selbst verrückt wird. Die Mama schizophren und bipolar, der Papa Alkoholiker. Zwischen Griechenland und Deutschland, Athen und Bremen, ein ständiges Hin und Her. Großwerden im Zigarettenrauch der Eltern; ein Schluck Bier zum Einschlafen, wenn "Lalelu" nicht wirkt. Wie Erika eine Tablettensucht entwickelte; wie sie morgens als Deutschlehrerin und abends als Tabledancerin arbeitete. Für Erika waren es ganz normale Tage, für andere eine besorgniserregende Kindheit. Der Fluch ihrer schizophrenen Mutter, ein Kind mit Behinderung zu bekommen, ist Teil von Erikas Heilung. Ein Fluch, der zum Geschenk wurde. Die Autorin glaubt, dass jede Seele ein Anliegen hat. Ihres ist das Teilen von Geschichten: Es gibt einen Weg raus aus dem Dunklen, zu einem Leben, das weiterhin lebenswert ist. "Anna Jäger erzählt vom Leben einer jungen Frau zwischen Junk-Jobs in Bremen und schwierigen Zeiten in Athen, von Tablettensucht, Rassismus, patriarchaler Unterdrückung, all das nicht weinerlich, sondern frech und sensibel (...)" - Andreas Heckmann, Autor. "Ich heule jedes Mal, wenn ich Anna lesen höre." - Flo Mega, Sänger.
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2023
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TEIL I KINDHEIT
Sich erst mal vorstellen
Trako
Eine Mark kalt
Darmflora
Schönes-Wochenende-Ticket
Die Katastrophe zum Mitnehmen
Telenovela. Wie das Klischee mit dem Onkel entstand
Abzocken und klauen
Dinopower
Bett nässen
Läuse fliegen
2000
Deutsch-orthodox
TEIL II ABFLUG
Café Grün
Fallen
Swanos Freundin aus Staub
Manchmal tot
Poren als Atlas
Der Mann ohne Namen
Ein Typ reißt an Gedärmen
Herr Anders entwertet die Fahrkarte
TEIL III ANKUNFT
Wie der Junge zum Wüstenfuchs wurde
Zwischendurch in der Straßenbahn 1.0
Karin
Taschenuhr
Kirmes
30 Euro
Muttermilch-Graffiti
Ur-Teilchen
Manfred Glocke, oder: Wie man in drei Stunden seine Panikattacken nicht verliert
Mama
Wüstenfuchs am Hauptbahnhof
Innen und außen. Wirkung
Arme Pute
Die Todesspritze
Blüten
Mein Herzberg
Das Zuhause fährt Zug
Ende Koala
Über die Autorin
Danksagung
„Erika, diese kleine Dame und die Autorin dieses Buches. Sie kann hoch fallen. Sie kann es. Sagt sie zumindest. Erika wird uns jetzt erzählen, worum es in diesem Buch geht und in welches Genre das Buch gehört.“
„Ich kann gerade überhaupt gar nichts erzählen. Also, ich bin Erika. Ja, doch. Doch, vielleicht erzähle ich doch, kurz, vielleicht auch länger. Ich hab gerade mein zweites Bier drin. Nicht, dass zwei Bier viel sind, aber in Kombination mit Tabletten verschiedener Form können zwei Bier viel sein und doch auf den Unterleib schlagen. Also, Glückspillen, Beruhigungspillen und Bierpillen sind schon eine heikle Kombination. Aber heikle Kombinationen sind so attraktiv und so viel interessanter als gar keine Kombinationen. Stell dir das mal vor, gar keine Kombination… Nur ein Weg. Was soll ich schon dazu sagen. Ein Weg der immer geradeaus geht, du kennst den Start, und du kennst das Ziel. Aber Umwege, oh Gott, das macht mich heiß, gar sexuell. Umwege sind heiß, weil man das Ziel nicht kennt. Ich wollte eigentlich gar nichts erzählen – siehst du – das wäre der absehbare Weg. Aber ich kann mich selbst überraschen! Kannst Du das? Dich selbst überraschen?“
„Erika, ich will Sie nicht enttäuschen oder gar unfreundlich klingen...“
„Unfreundlich! Mein lieber Herr, das können Sie doch gar nicht. Sie sind viel zu sehr mit einer magischen Attraktivität gesegnet. Das können Sie nicht, unfreundlich sein!“
„Frau Erika, ich bitte Sie, mein Satz war noch nicht zu Ende.“
„Verzeihung. Der Satz, mein Schatz!“
„Ja, also jedenfalls wollte ich klarstellen, dass ich hier die Fragen stelle. Sie antworten, ich stelle die Fragen. Das ist hier so vorgesehen in diesem Buch.“
„Haha! Schön, Sie gehen also den geraden Weg. Das finde ich gut! Darf ich ihnen zwischendurch ein Bein stellen, damit der Weg etwas holpriger wird, etwas hoppeliger?“
„Frau Erika, ich bitte Sie um etwas Konzentration...“
„Oh, Frau Erika ist immer konzentriert, also mal mehr, mal weniger. Meistens nicht, aber doch öfter, als ich es von mir erwarte.“
„Das ist prima.“
„Och, Gottchen, sind Sie süß. Ich könnte Sie knutschen und überfallen, Ihnen eine Liebesattacke verpassen! Ich muss mich wirklich konzentrieren, dies nicht zu tun.“
„Frau Erika, ich beginne erneut…“
„Ja, natürlich, was immer Sie wollen!“
„Es ging ums Hochfallen − was kann man sich darunter vorstellen?“
„Vorstellen finde ich schon mal großartig! Ich stelle mich jetzt erst mal vor! Hallo! Mein Name ist Erika. Punkt.“
„Ja, das ist uns bereits bekannt...“
„Uns? Ich wusste gar nicht, dass der Stuhl mithört! Herr Stuhli und Herr Schreibtischi hören mit zu!! Großartig, ich mag das hier bei Ihnen!“
„Ähm, ja, wie auch immer. HOCHfallen. Wie kann so etwas funktionieren?“
„Naja, schauen Sie mal, (Herr Stuhli und Herr Schreibtischi, mitschreiben die Herren! Jetzt wird es brisant!) Hochfallen, mein Lieber, das geht wunderbar. Das ist, als würden Sie fallen, also runterfallen, stürzen, halt nur rückwärts. Im Schoße des Sturmes. Sie tun sich halt nicht physisch weh, also, vielleicht manchmal psychisch. Wobei ich das nicht gerne voneinander trenne.“
„Was jetzt genau?“'
„Na das Physische von dem Psychischen, das ist eine Einheit, mein Lieber − Herr Stuhl, hast du das notiert? Das war wichtig!“
„Könnte man das belegen?“
„Belegen? Ich glaub, ich will doch nicht weitererzählen. Dann unterhalte ich mich doch lieber mit Herrn Schreibtischi!“
„Wie soll ich das jetzt verstehen?“'
„Na, stellen Sie spannende Fragen, wenn Sie Antworten wollen... Belegen? Hallo? Ich bitte Sie, Herr Charmanti, es gibt auch andere Fragen.“
„Ja, Sie antworten ja nicht auf meine Fragen.‘‘
„Natürlich tu ich das. Ich versuche es nochmal. Wenn Sie Hilfe bei der Übersetzung brauchen, fragen Sie Herrn Stuhli, der ist sehr aufmerksam im Gegensatz zu Ihnen! Sie kommen wohl nicht ganz mit, Herr Charmanti, was? Also, nochmal, Seele und Körper kann man nicht voneinander trennen! Oder haben Sie schon mal eine Zeugung gesehen, die über eine Entfernung stattgefunden hat? Also stellen Sie sich das mal vor, einer hat da eine Erektion und schießt sein Sperma so weit, dass die Empfängerin es aus 20 Kilometern erreicht: ‚Huhu...hiiiierrr...‘ Das geht doch gar nicht. Also das muss ich mir lassen, das hab ich wirklich gut beschrieben. Das ist ein Akt, bei dem Geist und Körper zusammen, unzertrennbar Leben zeugen. Kennen Sie das? Wissen Sie, was ich meine?“
„Das Zeugen?“
„Nein, die Zeugen Jehovas! Natürlich, Geschlechtsverkehr meine ich!“
„Frau Erika, ich sage es Ihnen ein letztes Mal, hier geht es um SIE! Ich frage − Sie antworten''
„Also, ich mag es zu zeugen! Wunderbar... Ja ja ja ja ... hochfallen, kommen Sie nicht vom Thema ab, Herr Charmanti. Das Hochfallen also, das müssen Sie sich in etwa so vorstellen:
Sie schließen die Augen. Öffnen sie natürlich wieder, gehen raus, treffen einen Bekannten, einen Nachbarn: ‚Hallo, hallo, ja Mensch, ach hallo, ja wie geht’s denn so? Das Wetter ist doch toll, ja ja, aha, ja ja klar!'‘ Da fängt der Fall an, mein Lieber!“
„Irgendwann waren wir, glaub ich, beim Siezen.“
„Ja, Herr Charmanti, du hast recht. Der Zerfall beginnt vor der Haustür, vor der eigenen Haustür. Die Menschen wollen sich doch eigentlich was ganz anderes erzählen. Der Zerfall aber beginnt vor dem eigenen Hab und Gut, und in diesem Satz steckt ein Problem − ein Konflikt!“
„Welcher?“
„Das eigene Hab und Gut! Es müsste eigentlich Hab und Schlecht heißen oder Geben und Gut. Hab und Gut, das ist doch völlig bescheuert. Das ist Ego-Müll. Nicht esoterisch, sondern egoterisch.“
„Ich kann Ihnen irgendwie nicht ganz folgen... Ich werde mir etwas Whisky eingießen.“
„Oh! Davon nehme ich auch einen!“
„Aoch je.“
„Hahahha! Aoch je... Sie gefallen mir, Herr Charmanti. Eigentlich wollte ich ja Monologe schreiben, aber dafür brauche ich Sie eigentlich nicht. Schenken Sie sich einen Whisky ein, tun Sie sich was Gutes, gehen Sie einmal um den Block, lüften Sie sich und kommen Sie wieder, wenn Herr Stuhli auf Herrn Schreibtischi steht.“
„Ich werde jetzt gehen, ich brauche tatsächlich etwas Luft...“
„Op! Den Whisky noch einschenken... Wunderbar! Auf Wiedersehen.“
Jetzt weiß ich gar nicht mehr, wo ich war. Och Gott, diese Konzentration ist manchmal wirklich nicht mein Freund. Ich mag zum Beispiel Lachfältchen. Ich meine, wenn ich mit Erdlingen rede, dann kann ich mich in ihre Lachfältchen vertiefen, in Wimpern und Zähne. Leicht schiefe Zähne können so charmant sein... Außer meine eigenen. Und Hände! Hände, während jemand spricht, und die Hände, die ihre ganz eigene Geschichte erzählen... ach... das Leben kann schon schön sein, wenn da nicht immer diese Sprache dazwischenkäme...
Also, warum ich hier jetzt monologisiere, also, ich mag ja keine Sprachen, aber ich habe doch eine Aufgabe, und ich muss jetzt diese irdische Sprache nutzen. Mein Vater, also mein Erzeuger und Erzieher, ja, Tatsache, er zog mich des Öfteren, aber nie gewaltsam, außer ein einziges Mal, wo er mir den Arm auskugelte, aber das war aus Versehen. Er hatte die Gabe, mich dahin zu ziehen, wo es mich hinzog. Dieser Vater, seit ich denken kann in meinem Erikakopf, schrieb! Er schrieb und schrieb und schrieb und schrieb und schrieb einen Roman und schrieb und schrieb. Er schreibt bis heute... Ich meine, sein Schreiben hat schon einige Zeiten überlebt, den Tod seines Vaters, den Tod seiner Mutter, und er schreibt immer noch. Er sagte oft: „Erika, ich kriege dieses Buch einfach nicht fertig − sobald ich Stress habe, kann ich nicht mehr schreiben, ich kriege dann eine Schreibblockade.“
Was soll’s, dachte ich mir..., was soll‘s... , ich hab ja auch schon einige Dinge überlebt und geliebt und geweint, komm, dann... dann, dann, dann mach ich das halt! Ja, ich mach das. Ich schreibe das verflixte Buch. Ich werde entblockieren, sonst kann ich nicht atmen.
WAS?, würde jetzt Herr Charmanti fragen.
„Jaaa..., na das Buch meines Vaters. Das schreibe ich dann halt... Mein Gott! 30 Jahre schreibt er schon daran, der arme Kerl. Seit 30 Jahren Schreibblockade. Ich werde mir Dinge ausdenken, und er soll dann raten, ob das wahr ist oder nicht. Mein fiktives Tagebuch! Ich werde auch lügen, aber vor allem werde ich ganz viele Wahrheiten erzählen und ganz viele Lügen. Ich lüge nicht gerne, aber manchmal macht es Spaß, oder es ist zum Überleben wichtig. Also, ich mach das einfach so. Also, mal schauen. Ich, Erika, werde ein tragisches und zugleich komödiantisches Buch schreiben! Ich werde schreiben und schreiben und schreiben und natürlich über das Geschriebene schreiben. Tragisch-komisch, ‚Trako‘ nenne ich diese Schreibart! Einfach so!“
Als ich klein war, also Klein-Erika, bin ich immer mit meiner besten Freundin Loki bowlen gegangen und hab mich immer an der Kasse, an der man seinen Namen angibt, damit dieser später auf dem Bildschirm erscheint, wenn man dran war, als „Monika“ bezeichnet. Ich wollte eine Zeit lang Monika heißen. Und wenn mein Name leuchtete auf dem Bildschirm, wenn ich an der Reihe war, sah ich „Monika“ und war stolz auf mich.
Die Zeit, in der ich Monika heißen wollte, war eine komische Zeit. Monika war für mich eine Art imaginäre Schwester, eine Wertfreiheit, eine Krücke, die ich so von zu Hause nicht kannte. Womit wir schon beim Thema wären... Zu Hause.... Wenn man es denn als ein solches bezeichnen kann. Das Zuhause. Man kam in die Wohnungstür rein, und das erste, was einem begegnete, war ein Flur mit gläsernen Fenstern und Tür. In diesem Flur flüsterten immer kleine, gemeine Stimmen zu mir: „Schau dir dein Haus durch das Glas an − es ist eine Illusion. Glas, kaputtes Glas und die Scherben werden dich blutig langsam zu Tode verbluten lassen.“
Ich mochte diesen Flur, und ich versteckte mich öfter in dem kleinen WC des Flures. Im Gäste-WC. Ich war doch ein Gast, ein Gast in meinem eigenen Zuhause. Wir sind doch alle Gäste. Ich holte mir oft eine Decke und ein Kissen und verbrachte viele Stunden in diesem Gäste-WC, weil es mein Raum war. Weil er nur 1,5 Quadratmeter klein war. Weil er ohne Erinnerungen war, dieser Raum. Das einzige, was mich störte, war, dass, wenn, ich das Licht anschaltete, gleichzeitig die Lüftung anging. Wieso drücke ich einen Schalter und es passieren zwei Dinge? Licht und Lärm? Ich will doch nur Licht, dachte ich damals. Also freundete ich mich damit an, in diesem WC im Dunkeln zu liegen. Ich bevorzugte die Dunkelheit statt des Lärms. Also, dann, in Ordnung - Dunkelheit. Manchmal nahm ich mir eine kleine Kerze mit rein und lag einfach da. Und schaute in die Dunkelheit, die von wenigen leuchtenden Strahlen der Kerze erleuchtet war. Aber sie wackelte. Kerzenstrahlen flackerten, und das beunruhigte mich. Mich beunruhigte die Tatsache, dass mein einziges Licht flackerte und nicht beständig war. Beständig war dagegen der Uringestank, der vom Klo kam. Das Klo war eine Art Brunnen für mich. Denn im Grunde wollte ich verdauen und spülen... Wenn da dieser Uringestank nicht wäre... Tausende, gar Millionen von Urinstrahlen, die dieses Klo besetzten, waren mir doch Freunde. Moleküle und Reste, Bestandteile von Körpern hausten mit mir in diesem WC. Bis es klopfte und meine besorgte Mutter mich wachklopfte. Sie nahm immer die Kerze weg und versteckte den Schlüssel des WCs. Aber es dauerte nicht lange, bis ich den Schlüssel wiederfand. Ich hatte ihre Gedankengänge begriffen und somit auch ihre Verstecke. Hinter den Büchern des im Wohnzimmer groß ausgebauten Bücherregals, erbaut von den Händen meines Vaters, versteckte sie immer den Schlüssel. Mama, dachte ich immer, als ob ich das nicht weiß, dass du hinter den ganzen Geschichten deinen Schlüssel verbirgst. Wieso kannst du ihn nicht mal selbst finden? Warum muss ich ihn immer suchen und auch noch finden? Die Haare meiner Mutter waren wie Draht. Robust. Unflexibel. Es krampfte sich alles zusammen, wenn sie anfing zu sprechen. Vor allem wenn sie zwei Bier sitzen hatte, war sie unerträglich langsam und voller Frust. Es war so, als würde man Frust, Traurigkeit und Trauma in eine Zip-Datei komprimieren. Die Zip-Datei war nicht zu öffnen. Immer Error.
Manchmal, wenn sie betrunken war und sprach, sabberte sie wie eine Bulldogge, und sie schaute so lange fern, bis ihr die Glut der angemachten Zigarette den Finger verbrannte.
Dann war sie ganz kurz da. Ganz lebendig und am Leben. Ich schaute oft dabei zu, wie die Zigarettenglut runterbrannte, um diesen einen lebendigen Augenblick zu genießen.
„Erika, trink ein Bierchen, rauch eine Zigarette, dann kannst du besser schlafen.“
Ich war elf Jahre alt.
Das Bier half mir auf jeden Fall immer beim Einschlafen. Von den Zigaretten wurde mir übel, aber trotzdem schmeckten sie gut. Und es war das Beste, was meine Mutter kochen konnte. Dieses Abendmahl.
Auf die kalten Alkoholentzüge meines Vaters freute ich mich immer nur aus einem einzigen Grund: Diazepam. Papa nahm Diazepam, um seinen Entzug besser zu überstehen. Ich liebte das Gefühl, das mir Diazepam gab. Ruhe und Licht, dass, was ich doch ständig in dem Gäste-WC erleben wollte. Es war dann da! Mir tat es nur leid, dass mein Vater dachte, er wird alt, weil er die Pillen wohl nicht richtig zählte.
Papa machte oft Entzüge, und ich entgleiste oft mit. Alle waren dann entgleist. Aber zum Glück gab es Diazepam. Ich war immer noch elf. Elf ist übrigens meine Lieblingszahl und die Sieben. Ich finde diese beiden Zahlen sehr freundlich. Sie schauen immer so süß. Zum Glück ist Herr Charmanti heute nicht da, der würde wieder anfangen, Whiskey zu trinken und um den Block zu laufen. Ich werde ihn das nächste Mal fragen, wenn er mich besucht, ob er seinen Stock vor der Tür lassen kann. Er wird mich fragen:
„Welchen Stock, Frau Erika?“
Ich werde antworten: „Den Stock, den Sie im Popo haben, Herr Charmanti.“
Darauf freue ich mich schon. Das ist eine schöne Vorstellung.
Ach, wenn Herr Charmanti doch nur hier wäre, dann könnte ich ihm doch anhand der Wirkung von Diazepam das Hochfallen so gut erklären...
1994. Deutschland. Bremen. Herbst. Norddeutscher Herbst.
Ich kam mit sieben Jahren zum ersten Mal nach Deutschland. Mama aus Griechenland, Papa deutsch. Gut, okay. Dann jetzt halt Deutschland.
Wir wohnen jetzt hier. Von Athen nach Bremen. Hört ja beides auf „en“ auf. Genau wie Erdbeben.
Erste Wohnung, beziehungsweise Zimmer. Brautstraße. Neustadt, Bremen. In diesem Zimmer wohnen wir jetzt. Die Wand für die nächsten Monate war ein Regal. Zwei Matratzen auf dem Boden und eine Kneipe gegenüber, die uns Licht und Lärm schenkte. Meine Eltern gingen jeden Abend mal kurz rüber.
„Wir kommen gleich wieder. Wenn was ist, ruft uns.“
Sie kamen nicht gleich wieder, sondern blieben, und ich ging garantiert nicht raus ins kalte Deutschland, um sie zu finden unter all den grauen, kalten und komisch sprechenden Menschen. Deutsch klang für mich wie ein ständiges Sich-Beschweren. Man musste, um diese Sprache zu sprechen, nicht einmal seinen Mund öffnen. Damals, als Siebenjährige, dachte ich, dass es wohl daran liege, dass es hier einfach zu kalt sei, und man deshalb die Zähne zusammenbeißen müsse.
Besoffen kamen meine Eltern wieder.
Wir hatten einen roten Klappstuhl als Sofaersatz. Dieser flog jedes Mal durch das Zimmer, wenn sie sich stritten. Meistens ging es darum, dass meine Mutter meinen Vater in den Wahnsinn treibe, so mein Vater. Meine Mutter wiederum lallte, dass mein Vater Alkoholiker und verrückt sei. Im Grunde waren sie sich also einig.
Der Umzug von Athen nach Bremen sollte ein weiterer Versuch sein, die Beziehung meiner Eltern zu retten, die Familie zusammenzuhalten. Für die Kinder. Alles für die Kinder. Kinder haben Vorrang. Kinder brauchen Liebe und ihre Familie. Ein warmes Zuhause. Ein Zimmer. Eine Bar. Alkoholiker-Eltern mit diversen offiziellen und inoffiziellen Diagnosen, die sich vor den Kindern an die Kehle gehen.
Ich hatte bald Geburtstag. Mein achter Geburtstag. Mein erster Geburtstag in diesem Deutschland.
Ich war mir sicher, dass meine Eltern mich überraschen würden. Mit irgendeinem Geschenk. Ich war so aufgeregt, dass ich nicht schlafen konnte. Meine Eltern waren noch drüben in der Kneipe. Es war 22 Uhr. Mein Bruder und ich malten oder spielten Mau-Mau, Autoquartett oder, wie meistens, Fußballer-Quartett. Oliver Kahn, Jürgen Klinsmann, Otto Rehhagel. Davor Šuker, den ich sehr sympathisch fand, weil sein Name wie Zucker klang, Marco Bode, der rothaarige Matthias Sammer, natürlich Ronaldo und Lothar Matthäus. Dank meines Bruders kannte ich mich damals ganz gut aus.
Aber nun fielen mir so langsam die Augen zu. Mein Bruder spielte neben mir Gameboy. Die Batterieklappe war mit Tesafilm zugeklebt, da das kleine Scharnier abgebrochen war. Da konnte es passieren, dass die Klappe abfiel und die Batterien herausflogen, während Super-Mario sich in Ägypten befand. Sehr ärgerlich. Tesa war auch alle.
Irgendwann schlief ich ein. Im Halbschlaf hörte ich komische Geräusche. Bestimmt die Überraschung zu meinem achten Geburtstag!
Doch etwas war komisch. Ich stand auf und hörte ein Geräusch, als würde jemand nach Luft schnappen. Hinter dem Regal, das das Zimmer von der Küche abtrennen sollte, fand ich die Überraschung: Meine Mutter saß auf dem roten Klappstuhl. Mein Vater stand vor ihr und würgte sie. Hände um ihren Hals. Meine Mutter rot im Gesicht. Immerhin flog heute der rote Stuhl nicht durch das Zimmer. Ich zog an den Armen meines Vaters und fing an zu schreien.
„Θα την σκοτώσεις, μπαμπά! Θα πεθάνει μπαμπά! Σταμάτα μπαμπά!!“
Papa ließ nach. Meine Mutter fiel auf den Boden und begann hysterisch zu weinen. Mein Bruder wurde wach und schrie meinen Vater an, dann neigte er sich zu meiner Mama und tröstete sie. Mein Vater ging raus, wahrscheinlich zurück in die Kneipe. Auf der Spüle sah ich ein Teelicht brennen, ein Bierdeckel war als Teller daruntergelegt.
„Κάνε μια ευχή“, sagte Mama.
Mein Bruder umarmte mich liebevoll.
„Komm, wünsch dir was, Erika, mach die Augen zu und wünsch dir was.“
Ich schloss die Augen und pustete.
„Herzlichen Glückwunsch, Erika! Du bist jetzt ein großes Mädchen! Du bist bald wieder ein Schulkind! Ein deutsches Schulkind!“
Bevor ich erneut in die erste Klasse kam, da ich ja noch Deutsch lernen musste, gingen wir wie fast jeden Sonntag auf den Flohmarkt auf der Bremer Bürgerweide.
„Wir kaufen euch jetzt was Schönes für euren ersten Schultag.“
Die Menschen um mich herum brabbelten wieder irgendwas. Ich erkannte sofort, wer deutsch war und wer nicht. Die Menschen, die nicht aussahen wie Deutsche, vermittelten mir ein Gefühl von Zugehörigkeit.
Wir hielten an einer Bratwurstbude. Ich mochte keinen Senf, dafür den Curryketchup. An der Bude beschwerte sich offensichtlich ein Mann über etwas. Ich wusste nicht genau, warum er sich beschwerte, und ich verstand auch nur sehr wenig, aber ich verstand, dass es wohl um die Menge der Pommes auf dem Pappteller ging.
„Wuhu wuh wuch duch much wuw wich Pommes aaawuwuwuw gungwachten wuchten!“, klang es in meinen Ohren.
Meine Mutter erklärte mir, dass er zu wenig Pommes auf seinem Teller hatte. Es fehlten wohl ein paar. Der Teller sei nicht voll bis zum Rand. Ich stellte mir vor, wie dieser Mann ein pompöses Schloss betrat, und der erste Satz, den er von sich gab, wäre: „Bestimmt schwer zu heizen hier!“
Damals als Kind, dachte ich, dass ich mich jetzt auch über etwas beschweren müsste, um deutsch zu sein. Ich wollte unbedingt deutsch sein. Ich schämte mich für meinen griechischen Akzent. Deshalb sprach ich kaum mit Menschen.
„Εδώ κοίτα, αυτο καλό ειναι για το σχολείο.“
Meine Mutter hielt mir einen lilafarbenen Pulli mit den Ninja Turtles darauf entgegen. Fand ich richtig toll und nickte.
„Geben Sie mir fünfzig Pfennig. Die Jeans können Sie auch dazu nehmen. Passt der Lüdden bestimmt.“
„Danke“, flüsterte ich.
Mama nahm den Pulli hoch und sah, dass noch eine Hose daran war. Ein Overall.
„Haben Sie Sere?“
„Ne Schere? Nanu, wofür brauchen Sie denn ne Schere, hörma?“
„Gibst du Sere.“
„Also Fräulein, erstmal heißt das ‚bitte‘ hier! Haben Sie das nicht gelernt in Ihrem Land?“
Mein Papa entschuldigte sich dafür.
Mama nahm die Schere und fing an, den Overall in der Mitte durchzuschneiden.
„Was macht die denn da?“, der deutschen Frau mit Dauerwelle fiel das Gesicht ab.
„Ich wollte Pulli, passt besser zu Jeanshose.“
Es war kalt und ich zog meinen neuen Pulli sofort an. Die „Hose“ landete samt Bratwurstrest im Mülleimer. Von Mülltrennung hielt meine Mutter eh nichts, also passte das schon. Batterien könne man auch in den Kompostmüll werfen, und Kompostmüll auch zu den Batterien. Alles eh eins. Mull.
„Mull is Mull, der ganze Treck hier, die ganze Seiße!“
Meinem Bruder und mir war alles einfach nur peinlich. Papa kam um die Ecke mit einem grünen Strickpulli:
„Das ist was Richtiges hier.“
„Φώρα και αυτό να μήν κρυώσεις, άντε.“
Ich hatte mehrere Schichten an, aber kalt war mir noch immer. Aus der Ferne hörte ich eine männliche Stimme rufen: „Eine Mark, eine Mark kalt. Eine Mark! Eine Mark kalt! Eine Mark, eine Mark kalt!“
Ein Mann mit Bauchladen kam uns entgegen. Fanta, Cola und Dosenbier schmückten seinen Oberkörper. Nach der salzigen Currywurst war ein Getränk mehr als angebracht. Für meinen Bruder und mich gab es eine Dose Cola, Papa nahm ein Bier. Mama trank unsere Cola mit. Die Dose roch an der Trinkstelle nach Zigaretten, wenn Mama trank.
Der Mann lief weiter. „Eine Mark, eine Mark kalt! Eine Mark kalt!“
Kälte konnte eine Mark kosten.
Erster Schultag. Einschulung. Unter dem grünen Strickpullover beschützten mich die Ninja Turtles. Jeanshose. Kalt. Die anderen Mädchen trugen Kleidchen und hielten so was wie gigantische Joints in den Armen, bunt oder mit ihrem Namen drauf.
„Schultute, κράτα εδώ.“
Ich bekam von meiner Mama eine kleine „Sultute“, grün oder so. Auf jeden Fall einfarbig. Irgendwas war auch drin, damit es so aussah, als wäre da was drin.
Wir gingen in die Schulklasse.
Meine Klassenlehrerin hieß Frau Adler. Wir wurden irgendwo hingesetzt. Neben mir saß ein Mädchen mit Zahnlücken und einem karierten Kleid mit Plüschschultern. Blond und offensichtlich deutsch.
„Wie heißt du?“
„Ich heiße Erika.“ Ich gab mir Mühe, deutsch zu klingen.
„Was?“
„Erika!“
Sie schaute mich an mit ihren kristallblauen Augen und sagte: „Du bist nicht normal. Du bist Ausländerin.“
Innerhalb von drei Monaten lernte ich astrein Deutsch. Akzentfrei. Nachdem ich zu Hause regelmäßig in meinem Zimmer Menschen, die deutsch sprachen, imitiert hatte, gelang es mir irgendwann, so zu sprechen wie sie:
„Ich habe einen Platten. Nimme bitte den Schlussel für die Mulltone. Die Biomulltonne. Mein Mulltonne hat ein Schloss. Meine Mulltone ist sicher. Sicherheit.“
Langsam kam ich an.
Mittlerweile wohnten wir in einem sogenannten Sozialwohnungsviertel in Bremen. Für Familien, die vom Sozialamt lebten. Arbeitslosengeld. Unser Wohnblock war kurz vor der Bremer Partymeile.
Wir wohnten auf der ersten Etage, und mein Kinderzimmer ging zur Straße raus. Mein Bruder und ich schauten bis spät in die Nacht Fernsehen, oft Wiederholungen von Talkshows wie „Arabella“, „Oliver Geissen“ oder „Peter Imhof“. Je später der Abend, desto mehr Lärm vom Partyvolk auf der Straße.
„Lass mal Scherz machen, Erika.“
Ich öffnete das Fenster und meine Kinderstimme verwandelte sich in die eines alten Rentners:
„Schnauze jetzt! Meine Kinder schlafen.“
Ich knallte das Fenster schnell wieder zu.
Mit einem Mal war Stille.
Wir hörten nur noch:
„Entschuldigung! Sorry, passiert nicht nochmal!“
Mein Bruder und ich kriegten uns nicht mehr ein vor Lachen:
„Erika, mach das nochmal mit der Stimme.“
Ich imitierte sofort:
„Ich will endlich meine Ruhe haben, ihr Arschgeigen! Das geht mir alles auf den Sack hier.“
Mein Bruder lag auf dem Boden vor Lachen.
„Erika, du hörst dich an wie ein Opa!“
Wir realisierten, was uns dieses Fenster für Möglichkeiten bot. Auf die Wiederholungen von Talkshows hatten wir eh keinen Bock mehr. Wir klebten den Fenstergriff mit schwarzem Tape ab, damit man den Griff nicht von außen sah. Die Fenster sahen alle gleich aus, und selbst wenn uns jemand gesehen hätte, hätte er spätestens an den Klingeln aufgegeben. Es waren viel zu viele Klingeln. So viele Namen. So viele nichtdeutsche Namen auch noch! Wo sollte man da anfangen, um die richtige Wohnung zu finden? Außerdem waren wir die einzigen, die aufgrund unseres deutschen Papas auch einen deutschen Namen trugen. Von daher hätten sie den deutschen Namen eh zuletzt verdächtigt. Wir ließen uns aber nie erwischen. Nicht einmal wurden wir erwischt.
Viele der Fenster des Hauses hatten Kondenswasser an den Scheiben, weil die Bewohner nicht lüfteten. Wir fingen an, Dinge aus dem Fenster zu werfen, und belustigten uns an der Reaktion der Passanten. Wir fingen an, Pfennigstücke aus dem Fenster zu werfen, so dass die Passanten dachten, sie hätten sie verloren.
„Hä? Ich hab es doch klimpern hören, genau hier...“
Es ging weiter mit Radiergummis, mit denen wir Fahrradfahrer abschossen und uns darüber amüsierten, wie sie an den Köpfen der Radfahrer wieder abprallten.
„Boing.“
Als uns die Münzen und die kleinen Gegenstände ausgingen, mussten wir neu denken. Wir gingen leise durch die Wohnung und schauten uns um. Bücher? Nee, zu schwer... Leere Bierdosen waren genug da, aber die Eltern brauchten das Pfand. Wir brauchten das Pfand. Kühlschrank auf: noch mehr Bier, Billigsalami und Eier. Eier! Das ist es! Auf Passanten warten, heimlich aus dem Fenster schauen, Fenster auf, Ei raus, sich über die Reaktion schlapplachen.
„Eeeeey! Welcher Penner war das! Welches Arschloch aus welcher Asibude war das hier?“
Mein Bruder und ich schauten uns an.
„Asibuden“? Das sind hier keine Asibuden. Das ist unser Zuhause. Den Passanten blieb nichts anderes übrig, als fluchend weiterzugehen.
Der Zehnerpack Eier war alle. Kein Omelett zum Frühstück. Egal. Gegen 4 Uhr morgens beruhigte sich meistens die Lage draußen, und mein Bruder und ich schliefen ein.
An den kommenden Wochenenden ging es natürlich weiter, und meine Freundin, die mich als „nicht normale Ausländerin“ bezeichnete, übernachtete bei mir. Loki hieß sie. Ich erzählte ihr von der Fensteraktion mit meinem Bruder. Sie war sofort dabei. Wir fingen an mit Bleistiften, zusammengeknüllten Zeitungen und irgendwelchem Krimskrams. Es wurde aber langweilig, denn die Partyleute kriegten es entweder nicht mit oder sie kickten einfach gelangweilt die Bleistifte zur Seite. Wir wollten doch provozieren und Leute ärgern. Wir wollten doch auf Kosten anderer Leute lachen. Das machte doch keinen Spaß so, wenn keiner mehr reagierte.
„Hast du noch irgendeine Idee?“, fragte Loki.
„Zigaretten runterwerfen? Ah nee, dann können wir nicht mehr rauchen.“
Wir waren elf oder zwölf.
„Hat dein Bruder nicht noch eine Idee?“
„Nee, der schläft.“
„Oh Mann, ey.“
„Egal, ich muss Pipi.“
Warte, dachte ich.
„Loki! Ich muss Pipi!“
„Ja mach doch!“
„Nein, du verstehst mich nicht! Ich mach gleich Pipi! Wir haben Plastikbecher, da pinkel ich rein, und dann gießen wir das runter!“
Wir konnten uns vor Lachen nicht mehr halten. Ich zog die Hose runter, pinkelte zitternd vor Lachen in den weißen Plastikbecher. Ein voller Pipibecher. Wir warteten, bis der nächste Schub Menschen kam. Es näherte sich eine Mädchengruppe. Die Duftwolke von „Impuls Vanilla Deo“ erreichte unsere Nasen, „White Musk“ und „Pink Lady“ von Orsay oder Pimkie. Fenster auf. Aufgeregt sein. Pipigeruch.
„Jetzt!“, sagte Loki.
Ich kippte den Becher nach unten. Vor lauter Aufregung fiel mir der Plastikbecher aus der Hand.
„Scheiße!“, flüsterte ich verärgert.
Wir blickten langsam hoch, um zu schauen, was passiert war. Die Mädchengruppe inklusive ihrer Gerüche war vorangeschritten. Nichts war passiert. Weder hatte sie die Flüssigkeit erwischt noch hatten sie den Becher bemerkt.
„Du musst nochmal Pipi machen, Erika!“
„Ich kann aber nicht!“
„Hol mal Bier von deinen Eltern. Wir trinken ganz viel, und dann machen wir das nochmal!“
Schon schlich ich in die Küche und nahm mir eine Dose Bier vom Balkon. Der Kühlschrank war voll mit anderen Dosen. Und Salami. Wir öffneten die Dose Bier. Jede von uns nahm ein paar Schlucke, und dann war die Dose auch schon leer.
„Ich muss jetzt, gib mir den Becher!“
Loki zog die Hose runter, und der Becher wurde voll.
„Diesmal machen wir das aber anders“, sagte ich.
„Wir warten so lange, bis jemand zu zweit kommt. Dann können wir genauer zielen, und außerdem werden die sich noch etwas unterhalten, sodass sie das Fenster nicht hören.“
Wir warteten auf den richtigen Moment. Von weitem sahen wir einen großen Mann mit einer Frau Hand in Hand laufen. Sie unterhielten sich. Das war unser Moment. Sie kamen immer näher, und wir lugten gerade so über die Fensterbank.
„Lass mich das werfen, Loki, ich sehe die besser. Der hat ne Glatze!“
Loki öffnete das Fenster, ich erhob mich, kippte den Becher aus und es platschte.
„Eeeey, was war das?“, sagte der Mann mit der Glatze.
„Kam das von oben?“
„Ja, garantiert! Was ist das? Ist das Saft?“
Der Mann strich sich mit der Hand über seinen Schädel, roch an seinen Fingern und schrie: „Das ist Pisse!“
Loki und ich konnten nicht mehr vor Lachen. Ich pinkelte mir etwas in die Hose. Es ging gar nichts mehr. Der Mann schrie und schrie:
„Ich ruf die Polizei! Ich wurde angepinkelt!“
„Aus welchem Fenster kam das denn?“, sagte die Frau empört.
„Das sieht doch alles gleich aus hier, die Scheiße, Mann!“
Loki und ich konnten unsere Neugier nicht ertragen und lugten erneut über die Fensterbank. Wir sahen, wie der Mann mit Taschentüchern seine Kleidung abtupfte.
„Loki? Loki, den kennen wir doch?“
„Hä? Zeig mal.“
„Loki, das ist der Papa von Jonas aus unserer Klasse, Mann!“
Wir schauten uns an und fingen an zu weinen vor Lachen. Dieses Lachen, das nicht mehr aufhört, und so doll ist, dass man kaum noch Luft kriegt. Das konnte ich nur mit Loki. Wir wiederholten dieses Wochenendritual jedes Mal, wenn sie bei mir schlief. Wenn Loki nicht da war, mussten mein Bruder und ich am Fenster Schicht schieben.
Übrigens, als ich so etwas wie erwachsen wurde, spazierte ich in die Brautstraße der Bremer Neustadt, um meine erste Wohnung in Deutschland von außen zu sehen und nostalgisch zu werden. Von außen sah ich das Haus mit den roten Backsteinen. Und das Fenster im Erdgeschoss erinnerte mich daran, wie oft ich dort stand und auf Papa und Mama wartete, dass sie von der Kneipe von fast gegenüber wiederkämen.
Ich drehte mich um, um nach der Kneipe zu schauen. Die Bar heißt heute: „Furchtbar“.
Müsste ich jetzt eigentlich profanerweise einen Anus zeichnen, wo Blumen heraussprießen?
Mach ich aber nicht.
Mein griechischer Opa war Hypochonder.
Meine Oma hieß Aphrodite und war leider schon früh an Darmkrebs gestorben.
Sie war, solange sie lebte, die Säule des Hauses. Mein Opa baute damals das Familienhaus, und meine Oma war dessen unsichtbare Säule. Wie so oft in griechischen Familien.
Papu, also Opa auf Griechisch, hatte sicher schon jedes Krankenhaus Athens von innen gesehen, ebenso die Privatkliniken. Auch denke ich, dass er jeglichen Rettungssanitäter persönlich kannte. So ungefähr einmal im Monat erleuchteten die Lichter des Krankenwagens unsere Straße. Großer Auftritt meines Großvaters.
„Was haben Sie denn, junger Mann?“
Mein Opa war zu dem Zeitpunkt 88.
„Ich habe Schmerzen.“
„Wo haben Sie denn genau Schmerzen?“
„Hier!“ sagte er und rotierte seinen rechten Arm um seinen Körper, von oben bis unten, von rechts nach links.
„Ach so!“, sagte der Sanitäter. Nach einigen Standarduntersuchungen klopften die Sanitäter ihm auf seine Schulter und versicherten ihm, dass alles in Ordnung sei. Skeptisch verabschiedete mein Großvater die Herren, und sobald die Tür hinter ihnen zuging, fing er wie immer an zu fluchen.
„Die wollen alle, dass ich sterbe, die Hurensöhne! Zum Teufel sollen die gehen! Keiner nimmt mich ernst hier! Ich ruf doch nicht zum Spaß den Krankenwagen an! Eine Verarsche ist das! Erstmal brauchen die drei Stunden, um hierherzukommen, und dann messen die mir einmal den Puls und gehen wieder. Ich bin krank! Ich sterbe, und die lassen mich hier krepieren!“
Man muss dazu sagen, dass griechische Flüche auf Deutsch nicht so richtig übersetzt werden können.
Zum Beispiel heißt das Wort „Malakas“ wortwörtlich übersetzt „Wichser“. Dennoch kann es in bestimmten Kontexten als liebevolle, kumpelhafte Ansprache verwendet werden.
„Geh zum Teufel“, kann ebenfalls heißen: „Verarschst du mich etwa?“
Wenn sich ein Mensch mit unwichtigen, oberflächlichen Dingen beschäftigt, während zum Beispiel ein existenzielles Problem besteht, pflegt man folgendes zu sagen: „Die Welt brennt, und die Muschi kämmt sich ihre Schamhaare!“
Einfach alles abrasieren, um gar nicht erst in Verdacht zu geraten.
