Gauland - Olaf Sundermeyer - E-Book
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Vom konservativen Gentleman zum rechten Scharfmacher – kann man so den politischen Weg von Alexander Gauland beschreiben, der die Bundesregierung vor sich hertreiben will? Was treibt ihn um? Was für politische Erfahrungen bringt er mit? Was ist dieser Mann für eine Persönlichkeit? Und warum flirtet er so vollkommen schamlos mit den Ultrarechten? Alexander Gauland pflügt die politische Landschaft in Deutschland um, indem er das rechte Lager hinter sich herzieht. Doch der Eindruck, er habe erst als alter Mann den Weg in die Politik gefunden, trügt. Jahrzehntelang war er Diener des Systems, das er heute bekämpft. Erst die Summe seiner Erfahrungen in Politik, Verwaltung und Medien hat die AfD zu einer Bewegungspartei und einer Herausforderung für die Demokratie werden lassen. Was sucht dieser bekennende Konservative und Englandliebhaber am rechten Rand? Und warum will er die CDU zerstören, der er fast 40 Jahre angehört hat? Olaf Sundermeyer bringt Licht in das Vorleben des AfD-Frontmanns und zeigt, wie bewusst und strategisch Gauland den Griff nach der Macht plant.

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Olaf Sundermeyer

Gauland

Die Rache des alten Mannes

C.H.Beck

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Vom konservativen Gentleman zum rechten Scharfmacher – kann man so den politischen Weg von Alexander Gauland beschreiben, der nun im Bundestag die AfD anführt? Wie steht es um seine politischen Überzeugungen? Warum will er die CDU zerstören, der er fast 40 Jahre angehört hat? Und warum paktiert er so vollkommen schamlos mit den Ultrarechten?

Gauland pflügt die politische Landschaft in Deutschland um, indem er das rechte Lager hinter sich herzieht. Doch der Eindruck, er habe erst als alter Mann den Weg in die Politik gefunden, trügt. Jahrzehntelang war er Diener des Systems, das er heute bekämpft. Erst die Summe seiner Erfahrungen in Politik, Verwaltung und Medien hat die AfD zu einer Bewegungspartei und einer Herausforderung für die Demokratie werden lassen. Was sucht dieser bekennende Konservative und Englandliebhaber am rechten Rand? Olaf Sundermeyer, ARD-Reporter im Investigativteam des RBB, bringt Licht in das Vorleben des AfD-Frontmanns und zeigt, wie bewusst und strategisch Gauland den Griff nach der Macht plant.

Über den Autor

Olaf Sundermeyer gehört zu den profiliertesten Kennern der rechten Szene in Deutschland. Er arbeitet als ARD-Reporter im Investigativteam des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Wegen seiner Expertise zu Extremismus und innerer Sicherheit ist er häufig in Rundfunk und Fernsehen präsent, seine Fernsehreportagen wurden mehrfach ausgezeichnet. Bei C.H.Beck erschien zuletzt Bandenland. Deutschland im Visier von organisierten Kriminellen (22017).

Inhalt

1. Lotse der Bewegung – Gauland hat das rechte Lager bis zu dem Punkt geführt, an dem aus dem Traum von der Machtübernahme ein Szenario wurde

2. Fleisch vom Fleische der CDU – Niemand empört sich mehr über Gauland als seine langjährigen Parteifreunde aus der Union, und das nicht ohne Grund

3. Den Zeitgeist reiten – Gauland wusste schon immer, was politisch ankommt. Als die Stimmung dafür günstig war, hat er dem Land einen Rechtsruck abgetrotzt

4. Ost-West-Versteher – Gauland gehört zu dem exklusiven Kreis von Politikern, die in beiden Teilen Deutschlands ankommen, als DDR-Flüchtling in Hessen ebenso wie als West-Import in Brandenburg

5. Das Pegida-Moment – Gaulands Selbstradikalisierung begann auf einem Spaziergang an einem nasskalten Montagabend durch die Dresdner Altstadt

6. Frankfurter Schule – Im Frankfurter Römer hat Gauland den Umgang mit der schärfsten Waffe kultiviert, die die Demokratie vorhält. Heute missbraucht er die Sprache für die Jagd auf andere

7. Er war Tronkenburg – Martin Walser hat schon 20 Jahre vor Gründung der AfD einen luziden Schlüsselroman über Gauland geschrieben

8. Sein Spiel mit der «Lügenpresse» – Gauland hat Freude am Umgang mit Journalisten und an der Zeitungslektüre. Das ändert nichts an der Verachtung der freien Presse in seiner Partei

9. Club der schönen Seelen – Es gab eine Zeit, in der Gauland gemeinsam mit Cohn-Bendit, Bubis, Enzensberger und Gauck etwas Gutes für Deutschland tun wollte

10. Unter alten Männern – Als Gauland in das Alter kam, in dem andere ihren Enkeln die Nasen putzen, gründete er mit anderen enttäuschten Rentnern eine neue Partei

11. Auf der Lauer – Was tut Gauland, wenn es den Anschein hat, als döse er vor sich hin?

12. Am Beispiel der Grünen – Die Partei von Ditfurth, Fischer und Trittin dient Gauland als Vorbild für die AfD

13. Unter Rechten – Gauland ist einer der wichtigsten Türöffner für Rechtsextremisten. Ihre Ziele unterstützt er wahlweise durch Zustimmung oder Schweigen

14. Stresstest für die Demokratie – Gauland geht es schon lange nicht mehr um das Wohl Deutschlands. Hält unsere Demokratie diesen Belastungstest aus?

Dank

Anmerkungen

1. Lotse der Bewegung

2. Fleisch vom Fleische der CDU

3. Den Zeitgeist reiten

4. Ost-West-Versteher

6. Frankfurter Schule

7. Er war Tronkenburg

8. Sein Spiel mit der «Lügenpresse»

9. Club der schönen Seelen

10. Unter alten Männern

11. Auf der Lauer

12. Am Beispiel der Grünen

13. Unter Rechten

14. Stresstest für die Demokratie

Literatur

Für Agnes

1. Lotse der Bewegung

Gauland hat das rechte Lager bis zu dem Punkt geführt, an dem aus dem Traum von der Machtübernahme ein Szenario wurde

Endlich steht er auf der großen Bühne vor dem Brandenburger Tor. Im Blick die Siegessäule, obenauf die golden glänzende Viktoria, eingerahmt vom satten Himmelsblau. Hinter ihm marschieren Polizisten in schwerer Montur durch die Säulen des Triumphtors. Sie drängen die Tausenden zurück auf den Pariser Platz, die gekommen sind, um ihn auszupfeifen, seine Botschaft zu übertönen. Weil sie die Zwietracht fürchten, die er sät zwischen denen, die er zu Deutschen erklärt, und allen anderen. Weil er denen eine starke politische Stimme gibt, die sich fremd im eigenen Land fühlen, deren Angst in Wut umgeschlagen ist. Sie sind es, die er in diesem Augenblick vor sich sieht: Menschen, die Deutschlandfahnen schwenken, eine wogende Masse vor der Siegesgöttin mit ihrem Lorbeerkranz in der einen Hand und dem Eisernen Kreuz in der anderen. Im Kopf erklingt dazu die preußische Volkshymne: Heil dir im Siegerkranz/… die hohe Wonne ganz/Liebling des Volks zu sein!

In diesem Bild verdichtet sich eine Momentaufnahme der Nation, so wie er sie sich zurückwünscht. Für diesen Traum will er Hitler und die Nationalsozialisten endlich vergessen machen. Diese zwölf Jahre waren, verkündet er, nicht mehr als ein «Vogelschiss» in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte. Deshalb sei es gut, dass der Schatten Hitlers hierzulande endlich verblasst.[1] Alexander Gauland will sich Weltkrieg und Völkermord nicht mehr vorhalten lassen, behauptet deshalb, sie beträfen die Identität der Deutschen nicht mehr.[2] Er sieht die jubelnden Menschen vor der Bühne deshalb im Recht, sich ihr Land zurückzuholen und die Vergangenheit nach den eigenen Vorstellungen zu zeichnen. Deshalb sind sie alle hier, sie wollen dabei sein, wenn er dieses Recht einfordert und Stück für Stück durchsetzt. Im Bundestag, auf der Straße, im Fernsehen. Sie wollen sich bei ihm das Wir-gegen-die-Gefühl abholen, er soll ihr Deutschlandbewusstsein stärken, wenn er gleich wieder vom Europa der Vaterländer spricht und «Deutschland den Deutschen» meint.

Bei 30 Grad Hitze wischt er sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und nestelt sein Redemanuskript aus der Innentasche der Tweedjacke. Darunter das nasse Hemd, den obersten Knopf geöffnet. Heute keine Krawatte. Es ist ungewöhnlich heiß in diesem Frühsommer. Aber er mag das Licht und die Wärme. Sie hellen sein Gemüt auf. Gauland hat einen anstrengenden Tag vor sich. Abends wird er noch drüben in Adlershof als Studiogast bei Anne Will über das Thema sprechen, dem er so viel zu verdanken hat: die Flüchtlingskrise, ohne die sich all das hier nicht zutragen würde. Der Glücksfall, der ihn berühmt gemacht hat, seinen Namen und sein Gesicht. Dieses großflächige wächserne Antlitz, die wässrigen blauen Augen, die leicht gekrümmte römische Nase. Jetzt streicht er sich das lichte, klatschnasse Haar mit der flachen Hand in Strähnen über den Kopf. Gleich ist er dran. Noch klingt die Stimme seines Vorredners über den Platz, verhallt dort wirkungslos. Seine Vorstandskollegin Beatrix von Storch ist längst schon durch. Sie läuft in ihrer weißen Jeanshose hibbelig am Bühnenrand entlang und fährt die Menge mit der Kamera ihres Smartphones ab, mit dem sie seit Jahren die Welt betrachtet. Gaulands Welt dagegen ist das, was er wirklich vor sich sieht. Er verschränkt die Hände auf seinem Bauch und wartet ab. Sein Herz ist schwach, es hat ihm schon einmal den Dienst versagt. Sein Arzt sagt, er solle Situationen wie diese unbedingt meiden. Der Arzt sagt auch, dass er nicht so viel Wein trinken soll. Seine Tochter sagt ihm das ständig. Manchmal, wenn es wieder zu viel Rosé war, verpetzt sie ihn sogar bei seinem Arzt, einem alten Bekannten, der die ganze Familie behandelt. Sie sagt auch, dass er endlich aufhören solle, die Menschen aufzuhetzen. Aber er hört nicht auf seinen Arzt, auch nicht auf seine Tochter. Nicht beim Wein und nicht beim Hetzen. Gauland hört auf niemanden mehr.

Er ist weit weg von den Menschen, die ihm früher wichtig waren. Hat sie hinter sich gelassen. Sie fühlen sich von diesem Alexander Gauland abgestoßen, die alten Freunde, die Familie seiner Ehefrau, alte politische Weggefährten. Für seine neuen Parteigänger ist er die Identifikationsfigur und das alterskluge Gesicht der Bewegung. Der Lotse, ohne den diese Bewegung nicht bis zu dem Punkt gekommen wäre, an dem sie das Land verändert hat. Die Politik, die Stimmung, die Gesellschaft. Andere sehen in ihm den «Gauleiter», den «Nazi-Opa», für sie ist sein Gesicht eine Provokation. Beides, Bewunderung und Ablehnung, geben ihm das Gefühl der Anerkennung und Wertschätzung: Es erfüllt ihn wie eine Droge.

Auch in diesem Moment kriecht dieses Gefühl durch seinen alten schweren Körper, dringt bis zu seiner kranken Seele vor. An Tagen wie diesem vergisst er seine schwere Depression, hat er keine Magenschmerzen. Die Droge macht ihn schmerzfrei, lässt ihn diese Ochsentour ertragen. Er ist der letzte von acht Rednern. Einer rief ihn gar zum kommenden Bundeskanzler aus. Dazu verzog er missbilligend die Miene. Die große Anerkennung und Bewunderung, die seine Anhänger ihm entgegenbringen, verstellen ihm nicht den Blick auf die Realität. Darin unterscheidet er sich von vielen der Menschen, die ihn seit einiger Zeit umgeben und den Platz derjenigen eingenommen haben, die er in seinem alten Leben zurückgelassen hat. Gauland hat seine Menschen ausgetauscht.

Eine Stunde dauerte der Fußmarsch, den er in sengender Mittagshitze an der Spitze des Demonstrationszugs bis hierher angeführt hat. Zehntausende Menschen um ihn herum, die wütend sind, pfeifen, jubeln. «Ganz Berlin hasst die AfD» schreien die einen, «Volksverräter» und «Lügenpresse» die anderen. Dazwischen Polizisten zu Pferd, andere zu Fuß, das Visier vor den Gesichtern. Es weht ein Hauch von Weimarer Republik durch das Regierungsviertel, dazu der beißende Gestank von Reizgas. Alles dreht sich um Gauland, die Boote auf der Spree mit den riesigen Lautsprechern, der wummernden Technomusik und den tanzenden Gegendemonstranten an Deck, der Polizeihubschrauber, die Dutzenden Kamerateams, die immer wieder ihn suchen. Den körperlichen Mittelpunkt dieser Kakophonie. Sein Gesicht, auf das sich alles fokussiert, wird später in den Abendnachrichten um 20 Uhr in der ARD das Aufmacherbild.

Zurück zum Nachmittag am Brandenburger Tor: Nach drei Stunden ist es endlich so weit. Er wird angekündigt wie von einem Ringsprecher vor dem großen Kampf: «Uuund zum Schluss der Höhepunkt – Aaaalexander Gauland!» Die Menge skandiert «Gauland! Gauland! Gauland!». Dann legt er los mit heiserer Stimme: «Unsere Kinder, unser Land, unsere Zukunft!» Jubel, Fahnenschwenken. Wenn ihn seine Tochter jetzt sehen würde, die Pastorin mit der Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind, was würde sie denken? «Die erspart sich meine Auftritte», hat er vorher lapidar gesagt. Aber an diesem hier wird sie kaum vorbeikommen, überall ist er zu sehen: im Fernsehen, in der Zeitung, im Internet, auf den Bildschirmen in der U-Bahn.

«Der Unterschied zu den Konsensparteien ist – sie lieben unser Land nicht!» So erklärt er Politiker unter lautem Jubel zu Volksverrätern, wiederholt seine Botschaft, damit sie verfängt: «Sie lieben die Fremden, nicht uns, nicht die Deutschen, denen dieses Land gehört. Sie lieben nicht dieses Land, nicht das deutsche Volk und nicht seine Geschichte.» Mit solchen Sätzen erreicht er die Seele der Partei. Das ist sein Ausdruck für eine gelungene Ansprache vor den eigenen Leuten. Alle anderen erklärt er zu Feinden. Nicht direkt, das ist nicht sein Stil. Die letzte Schlussfolgerung überlässt er stets seinen Zuhörern. Also denen, die hier und jetzt «Volksverräter!» skandieren. Gauland hat es ihnen in den Mund gelegt. Das ist seine Art, sich als Redner aus der Verantwortung zu stehlen. So hat er es schon immer gemacht. Auch früher, als er noch für andere die Reden schrieb. Jetzt tut er es für sich und nutzt sein vor langer Zeit erlerntes Handwerk, den gekonnt manipulativen Umgang mit der deutschen Sprache, als Waffe bei der Jagd auf die anderen. Wenn er sie zur Hand nimmt, dann trifft er auch. «Deutschland schafft sich nicht ab, solange wir den Deutschlandabschaffern im Nacken sitzen.» Jubel, Applaus, Pfiffe.

Nur wenige Meter vom ihm entfernt wird ein anderer alter Mann von einem wütenden Mob als «Volksverräter» beschimpft und bedrängt. Zwei zufällig anwesende Kamerateams schützen ihn. Wolfgang Thierse ist wie Gauland ein Kriegskind, geboren in Breslau, er hat schon viel erlebt. Aber der Hass, der ihm hier entgegenschlägt, erschüttert den ehemaligen Bundestagspräsidenten. Gauland ist mitverantwortlich für diesen Hass. Ebenso für die Angriffe auf Bürgermeister, Stadträte oder Minister, die sich im ganzen Land ereignen. Sie geschehen auch deshalb, weil er den Hass der Enthemmten auf die zu Volksverrätern erklärten Menschen bestätigt. Dazu muss er selbst nicht hassen. Dieses Gefühl ist ihm persönlich fremd. Aber er weiß es politisch zu nutzen.

Dass sich die Wut seiner politischen Gegner deshalb auch gegen ihn persönlich entlädt, nimmt er in Kauf. Die bruchsicheren Fensterscheiben in seiner Wohnung, die Angst seiner Lebensgefährtin, die Gefährdetenansprachen vom polizeilichen Staatsschutz, die Rempeleien und Pöbeleien auf der Straße, den erklärten Wunsch seiner Tochter, den Namen Gauland abzulegen. Erst vor ein paar Tagen, als er sie in Frankfurt besucht hat, ist es wieder passiert: Die Kreisgeschäftsführerin der Grünen hat ihn in der Altstadt erkannt, bedrängt und unter den zustimmenden «Nazis raus»-Rufen anderer aufgefordert, den Ort zu verlassen. Die Szene nahm sie auf Video auf, das machte auf Facebook die Runde. In ihrer politisch-virtuellen Erlebniswelt wurde die Kommunalpolitikerin dafür gefeiert, nach der Methode Storchs, aber eben von links: «Den hab’ ich erfolgreich aus der Altstadt vertrieben.» Gaulands Hetze erzeugt Gegenhetze. Er treibt die gesellschaftliche Spaltung voran.

Es ist ein Belastungstest, den er unserem Land aufzwingt. Er stellt den Grundkonsens der Republik auf die Kippe. Deutschland ist getrieben von der Wucht gesellschaftlicher Verwerfungen, die Gauland für seine Sache nutzt. Dabei ist die Seite, auf der er jetzt steht, eine neue Erfahrung für ihn, stand er doch bis zu seinem 72. Lebensjahr mit all denen, gegen die sich sein Furor heute richtet, auf der etablierten Seite der Gesellschaft. Erst im hohen Alter hat er die Seiten gewechselt und dem Land einen massiven Rechtsruck abgetrotzt. Sein Ziel aber hat er noch nicht erreicht. «Der Widerstand wird so lange bleiben, bis wir Verantwortung übernehmen», ruft er der Menge vor dem Brandenburger Tor zu. Viele in seiner Bewegung sprechen von «Machtergreifung», es ist Gauland, der ihnen den Weg hierher geebnet hat, bis zu dem Punkt, an dem dieses Ziel vielen von ihnen erreichbar scheint.

Gauland ist zu einer zentralen politischen Figur in Deutschland geworden, weil er es verstanden hat, das über Jahrzehnte zerfaserte und zerstrittene rechte Lager zu einen: Vom äußeren Rand der CDU bis weit hin zu Vertretern der gewaltbereiten rechtsextremen Szene hat er es hinter seiner Bewegungspartei versammelt, zu der sich die AfD nach ersten personellen Brüchen in rasantem Tempo entwickelt hat. So ist ein Sog entstanden, der zahlreiche Zweifler, Unzufriedene und Zukurzgekommene aus allen möglichen Richtungen mitreißt oder politisch aktiviert. Diesen Prozess hat sich Gauland nicht ausgedacht, er hat ihn auch nicht ausgelöst, aber er hat ihn kanalisiert. Als Lotse der Bewegung hat er dafür gesorgt, dass ihre losen Teile aufeinander zu liefen, statt sich weiter zu spalten, in der AfD und außerhalb der Partei. Einen solchen Zusammenschluss hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Von ihm ging die Zäsur aus, der unübersehbare Rechtsruck über 70 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft. Nun werden die über Jahrzehnte errichteten Schutzzäune allgemeiner Zivilität von diesem Lager unter Gaulands Führung eingerissen.

Dabei hatte er sich in der Vergangenheit nie an Radikalen orientiert. Das lag ihm gänzlich fern, bis er sich als Wohlstandsrentner entschied, noch einmal aktiv Politik zu machen. Seither zieht er die Radikalen an, weil er ihnen den Weg in die Mitte weist. «Er ist ein anderer Gauland geworden», sagt einer seiner ehemaligen Weggefährten, der ihn seit über 40 Jahren kennt. Dieses Buch geht der Frage nach, wie es dazu kam, dass sich ein lange Zeit unscheinbarer CDU-Politiker aus der zweiten Reihe zum Demagogen entwickelte, zu einem Hetzer, der eine Regierungspolitikerin mit türkischen Wurzeln «nach Anatolien entsorgen» will.

Wer den Politiker Alexander Gauland auch über seine Wegbegleiter verstehen will, trifft vor allem auf zwei Gruppen von Menschen: alte Männer, die lange Zeit viel Einfluss hatten und die ihn deshalb in ihrem eigenen Wirkungskreis kennen gelernt haben, weil er selbst Einfluss hatte. Und Männer im besten Alter, die ihren Einfluss vor allem ihm und der neuen Partei zu verdanken haben, über die sie emporgekommen sind. Aber alle, die ihn persönlich kennen und über ihn reden sollen, sind über alle Maßen vorsichtig. Aus Angst, sich entweder ins gesellschaftliche Abseits zu stellen, weil ihr jeweiliges Milieu den Mann, über den sie reden sollen, rundherum ablehnt. Oder eben aus Angst, dass ihm nicht gefällt, was sie über ihn sagen, und dass sie deshalb bei einem in Ungnade fallen, von dem sie abhängig sind. Andere Menschen, die ihn schon sehr lange kennen, sehen alte Loyalitäten berührt.

Einige sprechen deshalb nur informell über ihn. Viele vermeiden es ganz, tabuisieren den Tabubrecher, blenden die gemeinsame Zeit einfach aus. So als wäre dieser Alexander Gauland von der AfD jetzt ein gänzlich anderer Mensch. Sein langjähriger Freund Peter Iden, Kunstkritiker und ehemaliger Feuilletonchef der Frankfurter Rundschau, hat ihn zu dem ganzen Stress mit seiner neuen Partei gefragt, zu dem Aufwand und all dem Ärger: «Warum tust du dir das an?» Noch dazu ein paar Jahre nach einem lebensbedrohlichen Herzinfarkt, den er nach einem schwierigen Eingriff in der Frankfurter Universitätsklinik nur knapp überlebt hat und der sein Leben fortan unter Bewährung stellt. «Weil ich möchte, dass die AfD aus der deutschen Politik nicht mehr wegzudenken ist», antwortete dieser. «Das hat er ja erreicht», sagt Peter Iden. «Aber jetzt spaltet die AfD unsere Gesellschaft.»

Als einer der wenigen Weggefährten aus Gaulands Frankfurter Zeit hat er nicht mit ihm gebrochen. Doch meidet Iden Treffen mit dem Freund an Orten, an denen eine zufällige Begegnung mit Menschen aus der Kulturwelt wahrscheinlich ist. Eine Einladung zum Frühstück in das Restaurant des Hotels Savoy in Charlottenburg etwa, in dem Thomas Mann einst Stammgast war, schlug er aus diesem Grund aus. Gauland kann dort das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Die Küche ist gut, ihm gefällt das gediegene Flair, und die «Bibliothek des Konservatismus» ist gleich nebenan, ein zentraler Treffpunkt von AfD und neurechter Bewegung. Unmittelbar nach dem Krieg diente das Hotel als britisches Hauptquartier. Für Iden aber ist es kein Ort, an dem er den umstrittenen Freund treffen will. «Denken Sie doch nur an die jüdische Kultur dieses Hotels», sagt er. Das Haus ist ein beliebter Treffpunkt der jüdischen Community in Berlin.

Zwar deutet nichts in den Gesprächen mit Gauland darauf hin, dass er ein Antisemit ist, auch nicht in seinen Texten oder Reden. Als politischer Beamter und konservativer Intellektueller unterhielt er gute Beziehungen zur jüdischen Gemeinde in Frankfurt und zu deren langjährigem Vorsitzenden Ignatz Bubis. Er saß selbst ein Jahr lang im Beirat des dortigen Jüdischen Museums. Damals fühlte Gauland sich verpflichtet, mit dem jüdischen Erbe in Deutschland aus einer historischen Verantwortung heraus gewissenhaft umzugehen. Ein Oppositionsführer im Deutschen Bundestag aber, der den Holocaust aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen verbannen will, der die Verbrechen der Wehrmacht relativiert und seine Landsleute von der moralischen Last dieser Verantwortung befreien will, sorgt für das Gegenteil. Nämlich dafür, dass sich Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland bedroht fühlen. Im Alltag führt es dazu, dass Iden nicht mit Gauland im Hotel Savoy frühstücken will.

Über den Reichstag schrieb Gauland noch vor der Bundestagswahl in der Neuauflage seiner Anleitung zum Konservativsein, des inzwischen zur Kampfschrift mutierten Manifests: «Hier nutzt der Widerstand seine parlamentarischen Möglichkeiten.» Das erinnert an die Strategie des späteren Reichspropagandaministers Joseph Goebbels, der fünf Jahre vor der Machtergreifung in der NSDAP-Zeitung Der Angriff erklärt hatte: «Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen. […] Wenn die Demokratie so dumm ist, uns für diesen Bärendienst Freifahrkarten und Diäten zu geben, so ist das ihre eigene Sache. […] Uns ist jedes gesetzliche Mittel recht, den Zustand von heute zu revolutionieren.»[3]

In der Originalausgabe von Gaulands Anleitung von 2002 war von «Widerstand» noch nicht die Rede. Auch nicht davon, dass «wer sich warum auch immer auf Hitler fixiert», in dessen Bann bleibe.[4] In den Neuauflagen schlägt sich die selbstgewählte Radikalisierung der vergangenen Jahre unmittelbar nieder. Es freut ihn sichtlich, die Bücher aus seinem Bundestagsbüro heraus, wo die Exemplare ein ganzes Regal füllen, an seine Anhängerschaft zu verschicken. Diejenigen, die sich gemeinsam mit ihm wünschen, dass die Erinnerung an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte zu einem «Vogelschiss» verblassen möge, haben nun am Schauplatz ebendieser Geschichte eine eigene Adresse.

Gauland selbst ist kein Rechtsextremist. Er sorgt aber dafür, dass sie hoffähig werden, und liefert ihnen Argumente in bürgerlicher Diktion. Zu denjenigen, denen er exklusiven Zutritt ins Zentrum der Demokratie verschafft, gehören auch einzelne Mitarbeiter seiner Bundestagsfraktion mit nachgewiesen rechtsextremer Vergangenheit, die sich nicht von ihrer staatsfeindlichen Ideologie distanziert haben. Wie selbstverständlich laufen sie inzwischen an den in Marmor eingravierten Hakenkreuzen im einstigen Reichsministeriums des Innern vorbei, in dem heute einige Abgeordnetenbüros eingerichtet sind. Ebenso an den kyrillischen Graffiti, die Rotarmisten nach der «Schlacht um Berlin» und dem Sieg über Hitler mit Fettkreide und Holzkohle auf den Wänden des Reichstags hinterlassen haben. Die Inschriften wurden auf Veranlassung des Architekten Norman Foster freigelegt, um Geschichte erlebbar zu machen. Sie sollen dauerhaft an die schwere deutsche Kriegsschuld erinnern und zu historischer Verantwortung mahnen. Auf den Vorwurf, dass in seiner Fraktion auch Rechtsextremisten beschäftigt werden, antwortet Gauland lapidar mit dem Verweis auf Joschka Fischer. Der ehemalige Außenminister und grüne Vizekanzler sei als radikaler junger Mann schließlich auch gegen Polizisten gewalttätig gewesen. Dabei belässt er es.

Manchmal, wenn Gauland außerhalb der AfD einen Vertrauten zum Reden braucht, ruft er spätabends Peter Iden an. Der kann das aushalten, noch. Auch weil er, anders als viele andere alte Bekannte, nicht in der CDU ist, wo Gauland als Abtrünniger gilt, der die ehemals gemeinsame Sache mutwillig beschädigt. Iden betrachtet ihn als einen Freund, der sich aus ganz persönlichen Gründen für den falschen politischen Weg entschieden hat. Dessen Kritik hört sich der Politiker in aller Ruhe an, aber sie ändert nichts an seinem Kurs. Warum sollte es Iden anders ergehen als Gaulands Tochter?