Generationengift - Angela Sh. - E-Book

Generationengift E-Book

Angela Sh.

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Beschreibung

Die Erkennung des Problems war nur der erste Schritt. "Ich sitze weinend in Unterwäsche im Gitterbett in der Wohnung meiner Großeltern, mein Bett ist abgedeckt mit einer Zimmertür, ich fühle mich wie in einem Käfig. Ich esse Tapetenschnipsel von der Wand und kaue die Watte meiner Windel." Dies ist Angelas Geschichte. Eine Geschichte von Narzissmus, der sich über Generationen ihrer Familie ausbreitete und sie stetig weiter vergiftete. Narzissmus hat viele Facetten und die Folgen für einen Menschen, der unter einer narzisstischen Mutter aufwachsen musste, können vielfältig sein. Es braucht Mut, Entscheidungen und tägliche Selbstreflexion, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Erst nachdem sie Michael getroffen hatte, konnte sie dies erkennen und alles aufarbeiten, was bis zu diesem Zeitpunkt falsch gelaufen war.

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Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ich danke meinen drei Kindern. Ihr habt mich dazu gebracht, meine Augen zu öffnen.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Demütigungen

Alles auf Anfang

Meine Entscheidung

Neuanfang mit größtmöglichem Verlust

Mach‘s gut, alter Freund!

Epilog

Prolog

Ich sitze weinend in Unterwäsche im Gitterbett in der Wohnung meiner Großeltern, mein Bett ist abgedeckt mit einer Zimmertür, ich fühle mich wie in einem Käfig. Ich esse Tapetenschnipsel von der Wand und kaue die Watte meiner Windel. Neben mir sehe ich die alte auf Spanplatten aufgebaute Eisenbahn meines Großvaters und darunter baumelnde Kabel. Dies ist meine erste Erinnerung. Ich bin etwa 2 Jahre alt.

Ich heiße Angela.

Meine Mutter erzählte mir, ich habe bei meiner Geburt ausgesehen wie ein Püppchen. Daher entschied sie sich für den Namen Angela, die „Engelsgleiche“. Die Hebamme, die mir in einem katholischen Krankenhaus auf die Welt half, trug einen Bart und dies sollte Unglück bringen. So wurde es mir jedenfalls überliefert. Es war im Sommer 1976, es war heiß wie nie zuvor. Straßendecken platzten von der Hitze und die Temperaturen stiegen weit über 30°. Es sollte für lange Zeit der heißeste Sommer aller Zeiten bleiben.

Nach meiner Geburt kam ich zu meinen Großeltern. Meine Mutter war ein Mädchen, das angeblich 1975 unter unbekannten Umständen nach Hamburg weggelaufen und nach einigen Wochen wieder zurück nach Bielefeld gekommen war. Bei meiner Geburt war sie 16 Jahre alt. Dies allein war zur damaligen Zeit schon eine Katastrophe. Die Umstände meiner Zeugung und meiner Herkunft bleiben bis heute eine Frage, auf die ich wohl keine Antworten mehr erhalten werde.

Mein Start ins Leben

Das Jugendamt entschied, dass ich ab meiner Geburt bei meinen Großeltern leben sollte. Sie sahen meine Mutter nicht dazu imstande, für mich zu sorgen. Mutter erzählte mir später, dass sie meinen Großeltern Geld dafür geben musste, um mich sehen zu dürfen. Meine Oma war eine kleine, zierliche und etwas schrullige Frau mit ständig neuer Haarfarbe und sehr lautem Organ. Ich erinnere mich an viele Einzelheiten: Meistens entschied sie sich für die Farbe Rot oder Aubergine auf ihrem Kopf. In der Wohnung roch es oft nach Rosen- oder Blumenkohl und auf dem Tisch stand immer eine Kanne Kaffee neben einem Zuckerstreuer aus Glas und Metall sowie ein überfüllter Aschenbecher oder eine Untertasse mit ausgedrückten Kippen. Opa war mit seinen etwa 1,90 m sehr groß und dabei dürr. Sein lichtes, aber langes, schwarzes Deckhaar trug er fettig und nach hinten gekämmt und er hatte ein sehr vorstehendes Kinn. Opa lag die meiste Zeit auf dem Sofa und schaute Fußball. Dabei sollte es möglichst still in der Wohnung sein.

1979, ich war 3 Jahre alt, wurde ich in ein Krankenhaus eingeliefert, weil ich mir eine kochend heiße Glaskanne mit frisch aufgebrühtem Kaffee, die an der Kante der Arbeitsplatte stand, über den Arm gekippt und schwerste Verbrennungen erlitten hatte. Im Krankenhaus blieb ich tagelang allein und erinnere mich nur an einen einzigen Besuch von meinem Großvater, der viele Jahre später noch davon erzählte, wie sehr ihn dieser Anblick gequält hatte.

Meine Großeltern zogen in kurzen Abständen immer wieder um. Ich weiß noch, wie ich an einem dunklen, verregneten Tag auf einer Fensterbank saß und unten auf der Straße die Straßenbahnen beobachtete. Überall im Zimmer waren Kartons gestapelt - es ging mal wieder woanders hin. Auf den Kartons waren kleine Kängurus mit zwei Reifen anstatt Füßen abgebildet.

Wenn ich an meine Oma denke, fällt mir schnell Maggi ein - Maggi stand immer auf dem Tisch und sämtliche Gerichte wurden mit Maggi verfeinert. In meinem kindlichen Experimentiersinn fand ich es großartig, möglichst viele Maggitropfen in meine Suppe plumpsen zu lassen; so viele Tropfen, dass die Suppe am Ende braun und ungenießbar war. Aufessen musste ich sie dennoch - da waren meine Großeltern konsequent.

Am liebsten war ich mit Oma in der Stadt unterwegs, denn dort gab es viel zu entdecken. In der Stadtmitte Bielefelds stand ein großes Kunstobjekt: meine geliebte „Sonile“. Man konnte einzelne Stangen, auf denen oben große, blaue Kugeln angebracht waren, anschubsen und die Sonile belohnte dies mit einer Art Glockenklang. Ich war gerne an diesem Ort und konnte Stunden damit verbringen, die Stangen anzuschwingen und ihren Klängen zu lauschen. Irgendwann in den 1990ern wurden die Stangen dann festgeschweißt, da viele Unfälle damit passiert waren, aber für mich bleibt es eine der schönsten Erinnerungen.

Mein Großvater arbeitete damals als Nachtwächter in einem großen holzverarbeitenden Betrieb und meine Oma zeitlebens als Hausdame bei wohlhabenden Leuten oder als Reinigungskraft in privaten Haushalten und Geschäften. Nur zu gern brüstete sie sich mit dem Reichtum ihrer Arbeitgeber. Manchmal bekam sie kleine kostbare Geschenke von ihnen. Daher zierten kleine Vasen und so manches „Stehrümchen“ ihre eigene Wohnung. Außer mir wohnte auch noch mein Onkel dort bei meinen Großeltern. Er war lediglich 8 Jahre älter als ich. Er wurde immer sehr verwöhnt und ist bis heute nicht eigenständig geworden.

Als kleines Kind hatte er eine schwere Mittelohrentzündung, durch die er einen Großteil seiner Hörfähigkeit verlor. Meine Oma hatte sich daran immer schuldig gefühlt und ihn über allen Maßen verhätschelt. Ab einem gewissen Zeitpunkt hatte sie sich zu seinem Eigentum machen lassen. Mehr als einmal wurde die Feuerwehr gerufen, weil er wieder auf der Fensterbank saß, um zu springen, weil er seinen Willen nicht bekam oder irgendetwas nicht nach seinen Vorstellungen verlief. Außerdem hatte meine Mutter noch einen weiteren älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Die Beziehung zwischen diesen Geschwistern war schlecht oder eher gar nicht vorhanden.

Ich schlief gerne im Bett meiner Oma, denn ich liebte ihre himmelblaue Tagesdecke und die dazu passenden Gardinen. Mein Opa nächtigte ohnehin dauerhaft auf dem Sofa. Links vom Bett war das Fenster und vor dem Bett stand ein riesiger glänzender weißer Kleiderschrank mit goldfarbenen Zierleisten. In der Ecke war eine Schminkkommode mit großem aufklappbarem Spiegel positioniert. In jedem Schubfach waren kleine Avon-Lippenstifte, die wohl damals zu Demonstrationszwecken eingesetzt worden waren. Wenn Oma sich hübsch machte, bewunderte ich ihre schönen Kleider und ich liebte es, in ihren Schuhen durch die Wohnung zu klappern, obwohl sie mir viel zu groß waren.

Manchmal lagen Oma und ich zusammen im Bett und erzählten uns Geschichten. Nach meinen wilden Geschichten sagte sie oft „Mal mir nicht den Teufel an die Wand!“ Sie hatte einen kölschen Akzent und das machte es umso lustiger für mich.

Eines Nachts wurde ich mit einem lauten Knall aus dem Tiefschlaf gerissen. Die himmelblauen Gardinen wehten weit in das Zimmer hinein und der Wind klapperte an allen Ecken. Ich stieg voller Angst aus dem Bett und lief ins Wohnzimmer. Es war niemand da. Ich suchte die ganze Wohnung ab, aber sie hatten mich allein gelassen. Das Telefon klingelte und ich nahm zögerlich den Hörer ab, denn eigentlich wusste ich, dass ich nicht ans Telefon gehen durfte.

Opa war dran. Er rief von der Nachtschicht aus an, um sich nach dem Rechten zu erkundigen. Ich sagte ihm, dass niemand da sei und erinnere mich daran, wie er sehr wütend wurde, dass Oma mich allein gelassen hatte. In diesem Moment kamen meine Oma und Mutter herein und schimpften mich aus, weil ich ans Telefon gegangen war.

Meine Todesangst und dass ich ja allein gelassen worden war, interessierte beide nicht. Vielmehr ärgerte sie, dass ich es überhaupt bemerkt hatte.

Omas Plattenschrank war prall gefüllt und mit einem geübten Blick, fasste ich regelmäßig hinein, um Vader Abrahams „Schlümpfe“ herauszuziehen. Ich liebte diese Schallplatte und spielte sie hinauf und herunter. Noch heute erinnere ich mich sehr genau an die Stelle, wo die Schallplatte irgendwann einen Sprung hatte und die Nadel einfach weiterhüpfte. Auf dem Schallplattenschrank stand eine alte Buddha-Figur mit goldfarbenem Kopf, und Oma ermahnte mich immer wieder, vorsichtig damit zu sein und an dieser Figur niemals den Kopf zu berühren, denn das würde Unglück bringen. Die Figur war ein Erbe ihrer Mutter gewesen und ich behandelte sie ehrfürchtig und sorgsam. Oma war in jeder Hinsicht abergläubisch. Ihre Mutter kannte ich nur von einem einzigen Foto und ich himmelte es an. Meine Ur-Oma war eine wunderschöne Frau gewesen.

Oma selbst liebte Roger Whittaker und ihre Augen leuchteten auch noch Jahrzehnte später, wenn sie seine Lieder über Liebe und Erinnerungen hörte. Sie tanzte dazu wie ein junges Mädchen.

Als ich vier Jahre alt war, gab es einen Sorgerechtsstreit, der darin gipfelte, dass ich mit meinem Onkel eingesperrt in einer Gerichtstoilette auf das Urteil wartete. Warum wir dort eingesperrt waren, wusste ich nicht, aber ich weinte und mir wurde der Mund zugehalten. Vermutlich hatten sie mich dort versteckt, damit meine Mutter mich nicht entdeckt. Bis heute ertrage ich keine Dunkelheit und mag nicht festgehalten werden.

Ein neuer Anfang

Von nun an lebte ich bei meiner Mutter in einer kleinen Wohnung mit drei Zimmern und einem Balkon in einem Stadtteil von Bielefeld. Ich hatte mein eigenes kleines Zimmer, wir hatten eine kleine Küche und ein gemütliches Wohnzimmer mit einem orangenen Wählscheiben-Telefon, welches immer mit einem kleinen Schloss verriegelt war, denn ich durfte ab sofort keinen Kontakt mehr zu meinen Großeltern haben. Ich liebte es, wenn meine Mutter mir mit duftender bebe-Creme das Gesicht eincremte und rückblickend war diese kurze Zeit wohl eine der ruhigsten in meinem Leben. Mama war eine hübsche, schlanke Frau mit braunem schulterlangem Haar und ebenso schönen braunen Augen. Sie trug schöne Kleider und manchmal ein Schiffchen auf dem Kopf, passend zum Kleid. Ihr Gesicht war übersäht von vielen Sommersprossen und ich wünschte mir, auch welche zu bekommen, wenn ich einmal groß bin. Ich liebte ihre Hände mit den perlmuttlackierten langen Fingernägeln und genoss es sehr, wenn sie mein Gesicht streichelte. Ich kannte sie nicht sehr gut, aber ich liebte sie.

Unsere direkten Hausnachbarn waren eine jugoslawische Familie mit vielen „rotgefärbten“ Töchtern. Ich weiß nicht, warum die Mutter allen Mädchen, die eigentlich dunkelblonden Haare regelmäßig rot gefärbt hatte, aber ich fand es lustig. Manchmal spielte ich mit ihnen auf dem Spielplatz hinter dem Haus, aber daran erinnere ich mich nicht mehr sehr gut. Ohnehin spielte ich lieber allein; mein Lieblingsspielzeug war ein aufklappbares Puppenhaus mit vier Zimmern und einer Garage mit Rolltor. Ich liebte es, mir Familiengeschichten auszudenken und konnte mich viele Stunden damit beschäftigen.

Alles war ganz plötzlich anders als bei den Großeltern und ich besuchte einen Kindergarten im Nachbarort in der Nähe der Arbeitsstelle meiner Mutter, wo sie für ein Telekommunikationsunternehmen Spulen lötete. Ich erinnere mich gerne an tägliche Abstecher in aller Herrgottsfrühe bei dem kleinen Kiosk, wo ich ein Salamibrötchen für den Kindergarten bekam. Der Geruch von Salamibrötchen mit Papiertüte, beim Öffnen meiner Frühstückstüte, hat sich bis heute positiv in meiner Geruchserinnerung verankert.

Auf dem Weg zum Kindergarten begegneten wir jeden Tag einer kleinwüchsigen Frau im Bus, die mich wahnsinnig faszinierte und ich fragte meiner Mutter Löcher in den Bauch.

„Hat sie denn auch kleine Stühle, eine kleine Küche und eine kleine Toilette?“

Ich glaube, meiner Mutter war das verständlicherweise ein bisschen peinlich, aber sie bejahte alle meine Fragen und ich war zufrieden.

Der Freundeskreis meiner Mutter bestand fast ausschließlich aus Jugoslawen, bei denen wir oft zu Besuch waren. Sie kniffen meine Wangen gerne und ausgiebig zwischen Zeige- und Mittelfinger. Auch wenn dies schmerzhaft war und es dort komisch roch, mochte ich diese herzlichen Leute. Sie wohnten in einer alten Villa in einer Wohnung unter dem Dach und die Treppen ins Obergeschoss knarzten und knackten. Eines Tages, als wir dort zu Besuch waren, und ich hohes Fieber hatte, servierte mir eine Frau dort in der kleinen Küche eine sehr fettreiche Hühnersuppe, auf der dicke Fettaugen wie lange Haare schwammen. Daher verschmähte ich sie, was mit sehr bösen Blicken von Seiten meiner Mutter quittiert wurde.

Über ihre Arbeitskollegin lernte Mutter deren zwei Töchter kennen. Brigitte war eine hübsche Frau mit lockigen, braunen Haaren. Sie war immer ruhig und still, während die wasserstoffblonde Susanne eher die flippigere der beiden war. Die Freundschaft zu beiden hielt sporadisch über mehrere Jahre mit immer wiederkehrenden Unterbrechungen. Mutter lästerte einfach zu häufig bei der einen über die andere, was nicht sehr gut bei beiden ankam.

Wir waren viel in der Stadt unterwegs, wo Mutter sich mit Bekannten oder Freunden in Lokalen traf. Unvergessen in diesem Zusammenhang ist für mich eine große, goldene Kugel an der Fassade eines Kaufhauses mitten in der Fußgängerzone. Diese Kugel spielte zu bestimmten Zeiten eine Melodie und öffnete sich dabei langsam. Zum Vorschein kam ein kleiner, blonder Junge, welcher sich drehte und auf seinem nach oben ausgestrecktem Arm einen kleinen Ball tanzen ließ, bevor sich die Kugel nach wenigen Minuten wieder langsam schloss. Ich liebte diesen kleinen Jungen und er war mir sehr vertraut.

Im Herzen des Einkaufszentrums wurden zur Weihnachtszeit kleine geschäftige Engel ausgestellt. Hinter einem Zaun, unerreichbar für mich, bewegten sie sich fleißig am Backofen, in der Schneiderei oder beim Einpacken der Geschenke, alles in Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Ich konnte Stunden damit verbringen, die Engelchen zu beobachten, während Mutter direkt dahinter am Tisch im Lokal saß und sich mit Freunden unterhielt.

Mamas Freund Milan, ein kleiner, etwas untersetzter, aber gutaussehender blauäugiger Mann mit vollem, schwarzem Haar, ging bei uns ein und aus. Er war deutlich älter als sie. Ich glaube, meine Mutter liebte ihn sehr und wurde ebenso sehr von ihm enttäuscht. In einer Straßenbahn sagte er eines Tages zu mir: „Du bist mein Kind!“ Meine Mutter ermahnte ihn, dies nicht vor mir zu sagen, denn wie sich später herausstellte, war er als Gastarbeiter in der Stadt und hatte Frau und Kinder in Jugoslawien zurückgelassen.

Welche Bedeutung dieser Satz eines Tages haben würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich erinnere mich deshalb so gut an diese Situation, weil er einige Minuten später meinen geliebten Monchhichi nahm und ihm mit einem Kugelschreiber eine 4 auf die Stirn mit den Worten „Er ist 4 Jahre alt - genau wie Du“ malte. Damit war mein kleines Äffchen für immer zerstört.

Milan brachte mich gerne ins Bett und las mir auch ab und zu eine Geschichte vor.

An einem Tag jedoch war dieses „Ins Bett bringen“ anders als sonst.

Er hatte sich aus dem Wohnzimmer den Brieföffner meiner Mutter aus dunklem Holz geholt. Meine Mutter staubsaugte den Flur, als er den Brieföffner an meine Genitalien hielt „Das ist alles meins! Du bist mein Kind! Da lässt Du keinen dran, sonst schneide ich das ab!“

Ich war schockiert und bekam Angst, aber meiner Mutter sagte ich nichts.

Nach einigen Monaten durfte ich wieder bei meiner Oma zu Besuch sein und vertraute mich ihr an. Ich hatte große Angst vor der Reaktion meiner Mutter.

Nachdem meine Oma meiner Mutter von diesem Vorfall erzählt hatte, bezeichnete Mutter mich als Lügnerin und sagte, ich hätte eine blühende Fantasie. Sie glaubte mir nicht und ich fühlte mich wie eine schreckliche Verräterin.

Offenbar trennte sie sich dennoch von Milan, denn einige Tage später brachte sie einen anderen Mann mit nach Hause. Bogdan - ebenfalls ein Jugoslawe, groß, gutaussehend und immer daran interessiert, mich möglichst schnell und lange loszuwerden.

So brachte er mir bei jedem Besuch jede Menge Malbücher und Stifte mit, mit denen ich mich dann in mein Zimmer setzen musste und auch erst wieder raus durfte, wenn ich geholt wurde.

Bogdan wurde wenige Wochen später vor meinen Augen von Mutter aus der Wohnung geworfen – fliegendes Geschirr begleitete ihn.

Mein neuer Papa

Über Arbeitskolleginnen lernte Mutter kurze Zeit später erneut einen anderen Mann kennen.

Kurt.

Kurt war so ganz anders als alle bisherigen Männer. Er humpelte ein bisschen, denn wegen eines Autounfalls vor ein paar Jahren hatte man ihm eine künstliche Hüfte eingesetzt. Er war dunkelblond, trug Dauerwelle und die typische 80er-Jahre Brille. Kurt fuhr einen gelben Opel Rekord und eine 500er Yamaha und alles wurde einfacher, denn wir mussten nicht mehr mit der Straßenbahn fahren. Schnell lernten wir auch den Rest seiner Familie kennen und es war eine schöne Zeit. Seine Eltern, Frieda und Albert, lebten zusammen mit ihrem jüngsten Sohn, der an Trisomie 21 erkrankt war, und Friedas Mutter in einem Vierfamilienhaus am Rande von Bielefeld. Frieda war eine mollige, stets mit bunten Kitteln gekleidete Dame, mit dauergewelltem Haar und einer Hornbrille. Albert hatte lichtes schwarzes Haar, eine knollige rote Nase, buschige Augenbrauen und einen Schnauzbart. Kurt lebte mit seinem zweiten Bruder in der Nachbarwohnung und seine Schwester oben in der Dachkammer des Wäschebodens. Unten vor dem Haus war Omas metallicblaues Mofa geparkt, mit dem sie los knatterte, wenn sie Termine hatte oder Erledigungen machte. Es war eine große und liebevolle Familie.

Eines Tages fuhren wir in seinem Auto im Dunkeln nach Hause und Mutter flüsterte mir ins Ohr, dass ich Kurt doch einmal fragen solle, ob er nicht mein Papa werden will.

Ich hatte es erst nicht verstanden und fragte nochmal nach, was genau ich nun sagen solle. Meine Mutter schaute mich böse und geradezu wütend an und zischte mir mit einem giftigen Ton dasselbe noch einmal ins Ohr. Ich verstand es zwar nicht, denn eigentlich war ja Milan mein Vater- so hatte er es jedenfalls gesagt und schließlich war er ja nicht tot, aber ich tat, was sie von mir verlangte und Kurt war ja auch nett.

Kurt freute sich sehr, war aber für den Moment etwas überfordert mit meiner Frage.

Es dauerte nur wenige Wochen, bis meine Mutter schwanger war und auch die Hochzeit sollte nun ganz schnell stattfinden. Vom Tag des Kennenlernens bis zum Tag der Hochzeit waren gerade drei Monate vergangen.

Ich trug ein dunkelblaues Cord-Kleidchen mit vielen kleinen bunten Blumen und es wurde in einem Lokal ein großes Fest gefeiert. Die meisten Menschen kannte ich nicht, denn sie gehörten zur neuen angeheirateten Familie.

An diesem Tag endete die Schwangerschaft meiner Mutter mit einer Fehlgeburt und sie kam direkt am nächsten Morgen ins Krankenhaus.

Ich war ein bisschen traurig darüber, aber ich verstand nicht so wirklich was geschehen war. Kurt ging mit mir in ein Spielzeuggeschäft, wo ich mir zum Trost eine Puppe aussuchen durfte, irgendeine - egal wie teuer. Ich war im Paradies gelandet. Hier gab es hohe Regale mit dutzenden Puppen in jeglicher Farbe, Größe und Frisur. So etwas hatte ich zuvor noch nie gesehen. Ich war überwältigt und zunächst überfordert von diesem riesigen Angebot.

Dann zog ich einen blondgelockten Jungen, mit Klappaugen und Pipi-Funktion, aus dem Regal und trug ihn stolz nach Hause. Er trug einen bunt gestreiften Pullover und eine gelbe Hose.

Nach der Hochzeit bekam ich auch einen neuen Nachnamen und wir zogen wieder um in eine kleine Wohnung in einem anderen Stadtteil.

Es war ein Zweifamilienhaus in einer sehr ruhigen Siedlung, in dem unten der Besitzer - ein Friseur mit seiner Familie - wohnte. Sie hatten zwei Mädchen, mit denen ich ab und zu spielen konnte. Im Garten des Hauses matschten wir mit Puppengeschirr, Waschpulver und Wasser herrlich duftende Breie zusammen. Mein neuer Papa kaufte mir ein rotes Fahrrad mit dicken weißen Reifen und übte das Radfahren mit mir. Er kümmerte sich liebevoll um mich und es war schön, Zeit mit ihm zu verbringen.

Unsere Wohnung war nicht optimal geschnitten, denn der Vermieter ging ständig auf den Dachboden, sein Weg führte durch unsere Wohnung. Die WC-Tür zum Flur hatte einen Glaseinsatz. Mich gruselte es immer, wenn ich dorthin musste, denn es kam mehr als einmal vor, dass der Vermieter plötzlich durch die WC-Tür schaute. Meine Mutter ermahnte mich, das Licht ausgeschaltet zu lassen und die Beine zusammen zu lassen, damit der Vermieter nichts sehen kann.

In unserer schönen Wohnküche gab es Platz für Max und Moritz - meine neuen Schildkröten, die ich manchmal mit Papa zusammen zu einem Wettrennen gegeneinander antreten ließ. In der Küche hatten wir orangefarbene Stühle und die üblichen 80er-Jahre Küchenschränke in weiß mit Aluminiumschienen-Griffen. Auf der anderen Seite standen ein altes Sofa und ein weiterer Tisch. Neben Max und Moritz auf einem alten Schrank stand der kleine wuchtige Röhrenfernseher.

Eines Abends wachte ich wiederholt von einem lauten Knall auf. Es gewitterte und schepperte, blitzte und donnerte wild und laut. Ich verließ mein Zimmer, um zu meinen Eltern zu gehen, aber wieder war niemand da. Schon wieder hatte ich Todesangst und war allein.

Ich schrie und weinte laut, bis die Frau des Vermieters kam und mich mit in ihren Keller nahm, wo sich die ganze Vermieterfamilie versammelt hatte, bis zum Ende des Unwetters. So war das damals. Bei Gewitter wurden alle Stecker gezogen und es wurde ausgeharrt, bis es vorbei war. Etwa eine Stunde später kamen meine Eltern, um mich abzuholen.

Meine Mutter schimpfte mich aus und fragte mich, was das Theater denn sollte. Schließlich sei ich fast sechs Jahre alt und könne ja schon ein paar Stunden allein bleiben.

Ich verstand die Welt nicht mehr, wo Gewitter doch gefährlich waren.

Es war 1981 und ich musste zur Einschulungsuntersuchung. Dorthin ging mein neuer Papa mit mir. Seit der Hochzeit machte er sowieso alles mit mir. Meine Mutter schob sämtliche Aufgaben und die gesamte Verantwortung an ihn ab. schließlich habe er das alles so gewollt, also solle er auch seine Verantwortung tragen.

Nur noch selten beschäftigte mich die Frage nach meinem „richtigen“ Vater. Hin und wieder dachte ich daran und suchte nach einem passenden Zeitpunkt, danach zu fragen. Wenn sich die Gelegenheit ergab, traute ich mich manchmal und bekam immer wieder dieselben Antworten. „Dein Vater ist Berti Kramer aus Hamburg. Er wollte Dich nicht haben. Er ist ein Verbrecher und sitzt in Hamburg im Gefängnis. Wenn Du wissen willst, wie er aussieht, dann schau in den Spiegel!“

Mein Vater war also ein Verbrecher und ich sah aus wie er. Ich schaute oft in den Spiegel und versuchte mir sein Gesicht vorzustellen. Alles, was nicht aussah wie das Gesicht meiner Mutter, musste also mein Vater sein. Ein Foto von ihm hatte sie nicht und so blieb mir nur meine Fantasie und dort sah er aus wie ein bärtiger, alter Seemann, der in Hamburg auf einem Schiff lebte. Irgendwann würde ich ihn finden und mit dem Schiff auf‘s große Meer fahren. An dieser Idee hielt ich viele Jahre fest und ich war sicher, dass es irgendwann Wirklichkeit würde.

Mein neuer Papa und ich besichtigten zusammen die Schule und er meldete mich an. Es war eine schöne Schule mit langen Fluren in gelb und blau und an Fenstern und Wänden hingen gemalte Bilder und Basteleien. Ich freute mich schon auf meine Einschulung.

Meine Mutter war allerdings unzufrieden mit unserer Wohnsituation gewesen und wir zogen wieder um; wieder in einen anderen Stadtteil und alles begann von vorn.

Eine spannende Zeit

Unsere neue Wohnung befand sich in einem Haus in der ersten Etage auf der linken Seite. Es stand an einer ruhigen und wenig befahrenen Straße. Vor dem Haus war eine Rasenfläche und um das Eck-Grundstück herum stand ein dunkelbrauner Jägerzaun. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, war eine kleine Druckerei und direkt davor ein riesiger Walnussbaum. Wir hatten drei Zimmer, Bad und Balkon. Links gab es ein schmales Bad mit Badewanne und die Küche, geradeaus waren mein Zimmer mit Fenster zur Straße und ein kleiner Abstellraum. Rechts war dann das große Wohnzimmer mit schönem Balkon zum Garten hinaus und vom Wohnzimmer aus kam man ins Schlafzimmer. In der Küche auf dem Schrank stand ein Vogelkäfig mit unserem hellblauen Wellensittich Peter! Max und Moritz, meine Schildkröten, hatte meine Mutter ohne mein Wissen weggegeben und stattdessen nun diesen Vogel angeschafft. Ab und zu ließen wir ihn in der Wohnung fliegen, aber ich fand den Anblick eines Vogels in einem Käfig damals schon schrecklich. Ein Vogel musste doch immer und zu jeder Zeit frei fliegen können. Das war doch seine Bestimmung. Jedes eingesperrte Tier tat mir schrecklich leid. Diskussionen darüber gewöhnte ich mir schnell ab, denn meine Einwände verspottete meine Mutter zu gerne hämisch.

Zu diesen Zeiten waren die Hauptfarben in Wohnungen bahamabeige und grün. Im Wohnzimmer standen Möbel in Eiche rustikal. Das war Standard und in fast jeder Wohnung so zu finden. Dicke Berber-Teppiche in braun und beige oder moosgrün lagen auf der Auslegware. Zinnteller und Zinnbecher zierten Wände und Schränke.

Es war schön in der neuen Wohnung, die Nachbarn waren nett, das Haus war sauber und ordentlich und im Nachbarhaus wohnte die Tante meines Papas, der mich auch schon bald adoptieren wollte.

Tante Else. Bei ihr war ich oft zu Besuch. Sie hatte einen Papagei „Coco“. Coco sprach unentwegt. „Coco ist lieb“. Ich mochte dieses neue Familienleben mit den ganz normalen Menschen ohne Dramen und Theater. Papas Familie hatte mich inzwischen gänzlich akzeptiert und sie wohnten alle in der Nähe. Meine Tante - Papas Schwester - holte mich gerne für einen Stadtbummel oder einen Theaterbesuch ab, ließ mir Ohrringe stechen und ab und zu durfte ich bei ihr übernachten. Ich fühlte mich sehr wohl bei ihr. Ihr Mann brachte mir das Binden der Schleife bei, aber als ich es meiner Mutter danach stolz zeigte, war sie beleidigt und fühlte sich in ihrer Ehre gekränkt, statt sich über meinen Erfolg zu freuen. Alles lief geregelt und geordnet bei meiner Tante ab. Bis heute mag ich geregelte Ordnung. Es gibt mir Sicherheit und Zufriedenheit.

Meine Mutter wurde zunehmend depressiv, lag oft weinend im Bett. Ich erinnere mich an eine Situation, als sie dort mal wieder lag, das Fernsehen zeigte die Hochzeit von Diana und Charles und ich weiß nicht mehr, warum oder ob ich etwas angestellt hatte, aber sie lehnte mich komplett ab und wies mich zurück. Ich begann zu weinen, weil ich mit ihr kuscheln wollte, durfte aber nicht zu ihr ins Bett. Ich musste in der Ecke im Schlafzimmer sitzen. Ich habe diese Situation als sehr schlimm in Erinnerung.

Heute vermute ich, dass sie wieder eine Fehlgeburt hatte, aber darüber gesprochen wurde nie.

Die Schwester meiner Mutter und ihr Mann nahmen meinen Onkel und mich in den letzten Ferien vor der Einschulung mit in den Urlaub. Wir fuhren nach Spanien. Ja richtig - wir fuhren! Mit einem nagelneuen, feuerroten Golf 1. Wir waren ewig unterwegs.

Als wir in unserer Ferienanlage ankamen und in unser Haus wollten, bekamen wir einen Schreck. Eine riesige Schlange lag eingerollt direkt vor unserer Tür. Erst ein herbeigerufener Ranger konnte sie sicher entfernen, damit wir eintreten konnten. Etwas mulmig war mir schon. Wer wüsste denn, ob diese Schlangen nicht sonst noch irgendwo herumliegen würden?

Wenn ich an Spanien denke, dann denke ich an Hitze und an den Geruch von Kokos- Sonnencreme am Strand. Die Ferienanlage verfügte über einen Pool, in dem ich nach Herzenslust plantschen konnte. Jedoch rutschte ich am letzten Tag auf den glitschigen Stufen aus, während ich auf allen vieren herauskrabbelte, und fügte mir eine schlimme Platzwunde am Kopf zu. Es blutete stark und ich hatte Schmerzen, aber es kam niemand zu mir. Ich musste meine Tante suchen, die mich dann mit einer Cola tröstete.

Oft blieben wir den ganzen Tag am Meer. Ich durfte bis zum Bauch ins Wasser und erinnere mich an den Geschmack von salzigem Meerwasser in meinem Mund, wenn ich das Tauchen übte. Nach einer Weile wollte ich das Wasser verlassen, hatte aber beim Spielen die Orientierung verloren. Ich ging zurück in Richtung Strand, als ich erschrak. Auf der Wasseroberfläche schwamm ein toter Fisch. Mit jeder meiner Bewegungen trugen die Wellen ihn näher an meine Beine heran. Ich stand stocksteif voller Panik im Wasser und begann zu weinen. Ich muss einige Minuten dort gestanden haben, bis ein fremder Mann kam und mich aus dem Wasser holte.

Meine Tante suchte ich vergebens. Ich konnte sie lange nicht finden und suchte den ganzen Strand ab. Dann plötzlich war sie hinter mir, packte mich fest am Arm und schimpfte, weil ich verloren gegangen war.

Es gab immer wieder diese Situationen, in denen ich mir keiner Schuld bewusst war und auch eigentlich gar nichts falsch gemacht hatte, aber es wurde mir Boshaftigkeit oder Ungehorsam angekreidet.

Am Abend gingen mein Onkel und meine Tante Essen. Sie erklärten genau, wo sie waren und hinterließen eine Telefonnummer für den Notfall. Mein 8 Jahre älterer Onkel und ich waren allein im Haus, als er plötzlich tobte, weil die beiden fortgegangen waren. Ich hatte keine Angst, denn ich wusste ja genau Bescheid und ich war ja nicht allein. Aber ich konnte den Onkel nicht mehr bändigen. Bis heute weiß ich nicht so richtig, warum er damals so ausflippte, aber inzwischen denke ich, dass es dafür keinen Grund brauchte. Es passte ihm einfach alles nicht. Der Urlaub ging zu Ende und wir fuhren den weiten Weg wieder nach Hause. Dies sind die Erinnerungen an meinen ersten Urlaub.

Im Juni 1982 kam mein Bruder gesund und munter nur wenige Tage vor meinem 6. Geburtstag zur Welt. Es war eine spannende Zeit für mich. Da war er nun, mein kleiner süßer Bruder. Gespannt beobachtete ich alles ganz genau: wickeln, füttern und alles, was ein Baby so macht. Ich war eine richtig stolze, große Schwester.

Ich fand es spannend, dass er nicht aussah, wie ich als Mädchen und schaute offenbar einmal zu lange genau hin, als meine Mutter ihn wickelte. Sie zischte mich harsch an, ich solle weggehen und nicht weiter zuschauen. Einmal mehr wusste ich nicht, was ich falsch gemacht hatte.

Die Sommerferien vergingen sehr schnell und es kam der Tag der Einschulung. Da stand ich nun mit meiner metallicblauen Schultüte, deren Geruch nach Traubenzucker und Schokolade, gemischt mit Radiergummi, noch heute in meine Nase steigt, wenn ich daran denke.

Ich kannte diese Schule nicht, denn angemeldet wurde ich ja in eine andere. Und so fühlte ich mich schon zu Beginn dort fremd und verloren. Andere Kinder kannte ich nicht, denn wann immer ich irgendwo Freunde gefunden hatte, zogen wir wieder um.

Ich bekam eine tolle und liebevolle Lehrerin, an die ich noch heute herzlich zurückdenke. Sie war einfach nur großartig in ihrer ganzen Art. Zu gerne übernahm ich auch den Milchdienst der Klasse, was bedeutete, dass ich zum Hausmeister gehen und die kleine Plastikkiste mit Mich- und Kakaoflaschen holen durfte. Dabei machte es mir viel Freude, mit dem Hausmeister ein Schwätzchen zu halten. Während unserer Unterhaltungen erzählte ich ihm eines Tages, dass ich drei Väter hätte. Meinen neuen Papa Kurt, meinen Vater Milan und meinen echten Vater Berti Kramer. Ich sehe noch heute seine Verwirrung vor mir.

Im Dezember 1982 hatte mein kleiner Bruder gerade das Krabbeln gelernt und nichts war mehr sicher vor ihm. Es war spannend zuzuschauen, wie er immer aktiver wurde. Weihnachten stand vor der Tür und dies war für jedes Kind doch das Schönste. Im Wohnzimmer stand der große Weihnachtsbaum in der Ecke zur Schlafzimmerwand. Ich bekam Ohrenschützer, einen dunkelblauen Schal mit eingearbeiteten Silberfäden, einen Regenschirm und einen Pferderoman geschenkt. Einen Pferderoman! Wusste sie denn nicht, dass ich für Pferde gar nichts übrig hatte? Pferde interessierten mich absolut nicht und ich hatte sogar Angst vor ihnen. Ich versuchte, mich trotzdem zu freuen, damit meine Eltern nicht enttäuscht sein würden und setzte mich auf den Sessel, um mir mein Buch anzuschauen, als ich aus dem Augenwinkel sah, wie der Weihnachtsbaum zu kippen drohte. Mein kleiner Bruder krabbelte auf dem Fußboden und ich sprang blitzschnell auf, um den Baum abzufangen. Es ging gerade noch einmal gut und ich war sehr stolz auf mich, dass meinem Bruder nichts passiert war. Fortan wurde der Weihnachtsbaum jedes Jahr an einem Haken in der Wand festgebunden.

Das erste Schuljahr verging wie im Flug, auch wenn ich mich heute kaum noch daran erinnern kann. Ich fügte mich in die neue Klassengemeinschaft ein, lernte schreiben, rechnen und lesen.

Ich liebte meine kleine Schiefertafel, denn auch wenn diese längst aus den Schulen verschwunden waren, hielt meine Klassenlehrerin noch an ihnen fest. „Baumi“, wie wir unsere Lehrerin nannten, hatte kurzes, blondes Haar. Unter ihren meist sehr flauschigen, rosafarbenen Pullis trug sie immer eine Bluse oder Poloshirts mit hochgeklapptem Kragen. Sie war eine elegante Frau.

Der Türkisch-Lehrer der Schule, der mich eines Tages fragte, warum ich denn nicht zum türkischen Sprachunterricht erscheinen würde, verwunderte mich sehr. Zugegeben - ich sah nicht sehr Deutsch aus. Meine Mutter erklärte mir dies immer damit, dass ich ja in Spanien gewesen war und die Bräune nie mehr ganz verschwand. Diese Theorie erzählte ich auch noch Jahrzehnte später jedem, der mich auf mein Aussehen ansprach.

Als der Wind sich drehte

Zu Hause nahmen die Probleme zu. Ich spürte, wie ich meiner Mutter mehr und mehr zur Last wurde und sie mich ablehnte. Ich wurde permanent gegängelt, machte alles falsch, war plötzlich nicht mehr gut. Es gab kaum noch Streicheleinheiten oder ein liebes Wort und sie betitelte mich zunehmend als faul und fett. Über meine geliebte Lehrerin redete sie schlecht, weil sie eine alleinerziehende Mutter war und unterstellte ihr hinter verschlossenen Türen, auf Elternsprechtagen auf Männerfang zu gehen, weswegen mein Papa nicht mehr an ihnen teilnehmen durfte.

In meinem Zeugnis vom Juli 1983 sollte später stehen:

„Angela fiel es zunächst nicht ganz einfach, den Anforderungen im Schulalltag gerecht zu werden. Sie neigte dazu, schnell ermüdet oder lustlos zu werden. Die Konzentration war über einen kurzen Zeitraum belastbar. Angela benötigte noch stärker Spiel- und Erholungspausen. Sie zeigte stets ein ruhiges, freundliches Wesen. Sie fand Kontakt zu den Mitschülern. Die Teilnahme am Unterricht war häufig nicht interessiert genug. In der Regel zeigte Angela aber eine rasche Auffassungsgabe. Sie erledigte die geforderten Arbeiten recht ordentlich und in der Regel zügig. Ihr Verhalten wirkte oft noch sehr kindlich.“

Ein freundliches Wesen also. Ja, das hatte ich wirklich. Ich war eher zurückgezogen, fast schon verschüchtert und hatte noch nicht so richtig meinen Platz gefunden. Und auch in der Schule war es tatsächlich bis zum Schluss so, dass ich Dinge, die mich einfach nicht interessierten, nicht verstanden habe. Da hatte ich eine totale Blockade, die das Verstehen unmöglich machte. Zu gerne hätte ich an Blockflöten- oder Klavierunterricht teilgenommen. Derartige Instrumente zogen mich geradezu an, aber auch dies wurde von meiner Mutter abgelehnt, obwohl ich augenscheinlich talentiert war. Im Laufe der Jahre stellte sich immer deutlicher heraus, dass es nicht die logischen Dinge waren, die mein Gehirn aufnehmen konnte, sondern besonders ausgeprägt waren mein Kunstsinn und das Interesse an lebenspraktischen Dingen.

In meiner Freizeit lernte ich deutlich mehr als in der Schule. Ich verbrachte die meiste Zeit mit Sandra und Stefan, die schräg unter uns mit ihrer Mutter wohnten. Beide waren etwa in meinem Alter und ab und zu spielte Guido aus dem letzten Haus vor dem Bauernhof noch mit. Guido besuchte mit mir zusammen dieselbe Klasse. Auf dem benachbarten Bauernhof, auf dem ich mich gerne aufhielt, lernte ich viel über Schweine und das Leben auf dem Bauernhof. Meine Freunde und ich liebten es, im Schweinestall zu spielen und der Gestank machte uns nichts aus. Der große weiße Hofhund „Fee“ lief uns Kindern immer hinterher und tobte auf dem Heuboden mit uns.

Wir schmarotzten Zuckerrüben und aßen sie roh an Ort und Stelle, während wir auf dem riesigen Zuckerrübenberg saßen.

Der Bauerssohn Dieter, der den Hof inzwischen führte, besaß ein kleines Frettchen, welches mir zugegebenermaßen etwas Angst einflößte, da es wirklich spitze Zähne hatte. Einmal am Tag führte er das Frettchen mit einer kleinen Leine über den Hof, bevor es wieder in der Scheune in den Käfig musste. Die Scheune war eigentlich die Diele des Hauses, groß, kühl und dunkel. Hinter der Scheune hatte die Familie einen großen Gemüsegarten, durch Betonplatten voneinander abgetrennte Gemüsesorten und knorrige, alte Obstbäume.

„Ditzi“ wie wir Dieter nannten, war nicht nur unser Freund, sondern auch ein alter Schulfreund meines Papas, weshalb ich eines Tages die wundervolle Idee hatte, ihn mit nach Hause zu bringen. Papa würde sich bestimmt riesig darüber freuen. Meine Mutter war nachmittags noch im Nachthemd und tobte wegen des unerwünschten Besuchs, doch darüber hatte ich nicht nachgedacht, denn ich wollte Papa nur eine Freude machen, weil er mir doch gesagt hatte, dass er Ditzi so lange nicht gesehen hatte. Papas große Freude darüber, seinen alten Freund wieder zu treffen, wurde ebenso wie meine im Keim erstickt. Die Situation war ihm sehr unangenehm und er verabschiedete ihn zerknirscht schon nach wenigen Minuten.

Wir Kinder fuhren manchmal stundenlang mit ihm auf dem Traktor über die Felder, um sie zu pflügen und uns war niemals langweilig dabei. Der Hof war nicht sehr groß, hatte einen Stall, Wohnhaus und eben diese große Scheune. Hinter dem Wohnhaus gab es noch einen Teich mit einer Schleuse, die in einen Bachlauf führte. Wasser zog uns magisch an und wir entschieden mit Ditzi zusammen, ein Floß zu bauen. Er schaffte alle Materialien heran, Holz, Kanister, Schrauben und alles, was für den Bau eines Floßes notwendig war. Es dauerte nur wenige Tage, bis wir auf unserem selbstgebauten Floß standen, uns mit einem großen Holzpfahl abstießen und uns auf dem Teich fortbewegten. Ditzi ermahnte uns vorsichtshalber mehrfach, das Floß niemals ohne einen Erwachsenen zu betreten.

Im Winter 1984 war es eisig kalt und es schneite. Auf dem Bauernhof war Winterruhe eingekehrt und vom geschäftigen Treiben des Sommers war nichts mehr zu spüren.

Sandra, Stefan und ich steuerten den Teich an, um nach unserem Floß zu schauen. Der Teich war komplett zugefroren und mittendrin: unser Floß. Stefan hielt es für eine großartige Idee, das Floß frei zu stoßen und ein paar Runden damit zu fahren. Was sollte schon passieren?