George Lucas - Brian Jay Jones - E-Book
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George Lucas E-Book

Brian Jay Jones

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Beschreibung

Als 1977 in einem US-Vorstadtkino ein unbekannter Science-Fiction-Film anlief, ahnte niemand, dass hieraus das erfolgreichste Filmprojekt aller Zeiten werden würde. Star Wars veränderte alles: die Sehgewohnheiten, die Art und Weise Filme zu machen und zu vermarkten, wie Produzenten wahrgenommen werden. Der Mann dahinter wird heute in einem Atemzug mit Steve Jobs oder Walt Disney genannt: George Lucas quälte sich beim Schreiben und im Umgang mit Schauspielern, war aber unerbittlich, wenn er von einer Idee überzeugt war. Ein brillanter Regisseur, der neue Standards setzte, ein Genie am Schnittplatz und ein Unternehmer, der die Filmvermarktung auf eine völlig neue Stufe hob. Bestsellerautor Brian Jay Jones legt nun die erste umfassende Biografie vor - nicht nur eine packende Darstellung des Lebens und Werks von George Lucas, sondern auch ein wichtiges Stück Film- und Wirtschaftsgeschichte.

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Edel Books

Ein Verlag der Edel Germany GmbH

Copyright © 2016 Brian Jay Jones

This edition published by arrangement with Little, Brown and Company, New York, New York, USA. All rights reserved.

Copyright © 2017 Edel Germany GmbH, Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Übersetzung: Ursula Fethke, Ronit Jariv, Kathrin Jurgenowski

Projektkoordination: Dr. Marten Brandt

Lektorat: Simone Nörling, derschönstesatz, Köln

Covergestaltung: Groothuis. Gesellschaft der Ideen und Passionen mbH | www.groothuis.de

Layout und Satz: Datagrafix

ePub-Konvertierung: Datagrafix GmbH Berlin

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

ISBN 9-783-8419-0579-6

Für Barb (in der die Macht stark ist)

Inhaltsverzeichnis

Prolog:Außer KontrolleMärz 1976

TEIL I: Hoffnung1944–1973

1Dürrer kleiner Teufel1944–1962

2Geeks und Nerds1962–1966

3Das richtige Pferd 1967

4Radikale und Hippies 1967–1971

5American Graffiti 1971–1973

TEIL II: Empire 1973–1983

6Mit Blut geschrieben 1973–1976

7„Ich habe kein gutes Gefühl“ 1976–1977

8George schlägt zurück 1977–1979

9Der Himmel verdunkelt sich 1979–1983

TEIL III: Rückkehr 1983–2016

10Leeres Spektakel 1983–1994

11Ein digitales Universum 1994–1999

12Zynischer Optimismus 1999–2005

13Loslassen 2005–2016

Endnoten

Ausgewählte Bibliografie

Danksagung

Bildteil

Prolog

Außer Kontrolle

März 1976

R2-D2 streikte.

Es lag nicht an seiner Sturheit (eine Eigenschaft, für die ihn später Millionen von Star Wars-Fans weltweit lieben sollten). Am ersten Drehtag, am Morgen des 22. März 1976, in der tunesischen Wüste, konnte R2-D2 einfach nicht mehr. Seine Batterien waren leer.

Nicht nur der kleine Droide hatte Probleme. Auch einige andere Roboter funktionierten nicht. Sie wurden per Fernsteuerung von Mitgliedern des Drehteams bedient. Einige Roboter fielen vornüber, manche bewegten sich gar nicht. Wieder andere rasten völlig außer Kontrolle durch den Sand oder prallten gegeneinander. Der Wüstensand reflektierte die Radiowellen arabischer Sender und störte damit die Signale der Fernbedienungen. „Die Roboter drehten durch, knallten gegeneinander, fielen hin, zerstörten sich gegenseitig. Es dauerte Stunden, bis sie wieder einsatzbereit waren“1, erinnerte sich Mark Hamill, der sonnengebräunte vierundzwanzigjährige Darsteller des Helden Luke Skywalker.

Und Regisseur George Lucas, der grüblerische, bärtige Kalifornier, einunddreißig Jahre alt – er wartete einfach. Sobald ein Roboter wieder funktionierte, filmte er so viel Material wie irgend möglich, bevor der Droide wieder stotternd zum Stehen kam. Manchmal ließ er Roboter an einem nicht sichtbaren Draht laufen, bis der Draht riss oder sie umfielen. Es machte sowieso nichts, denn Lucas wollte alle Probleme im Schneideraum beseitigen. Dort war er am liebsten – jedenfalls lieber, als mitten in der Wüste zu sitzen und in einen Kamerasucher zu blinzeln.

Das war der erste von vierundachtzig langen, qualvollen Drehtagen – zwanzig mehr als angesetzt. Von Anfang an gestalteten sich die Dreharbeiten als Katastrophe. „Das Ganze hat mich sehr deprimiert“, sagte Lucas später.2

Lucas’ Stimmung war unter anderem deshalb so schlecht, weil er glaubte, bereits jetzt die Kontrolle über den Film verloren zu haben. Aus seiner Sicht lag das an den geizigen Managern bei 20th Century Fox, die ihn von Anfang an finanziell kurzgehalten hatten. Sie verweigertem ihm das Geld, das er für funktionsfähige Technik gebraucht hätte. Denn die Anzugträger waren skeptisch, sie beharrten darauf, dass Science Fiction ein totes Genre sei, und Ausstattung, Kostüme und Special Effects waren teuer. Aus Sicht des Studios sollte Lucas mit einem Minimalbudget auskommen und seine Roboterprobleme während der Dreharbeiten selbst lösen. „Fox hat das Geld erst reingesteckt, als es zu spät war“, schäumte Lucas vor Wut. „Wir verloren täglich etwa eine Stunde wegen dieser Roboter. Das wäre nicht passiert, wenn wir sechs Wochen mehr Vorlauf gehabt hätten, um sie zu bauen, zu testen und funktionsfähig zu machen, bevor der Dreh beginnt.“3

Aber nicht nur die ferngesteuerten Roboter sorgten für Probleme. Anthony Daniels, klassisch ausgebildet, „very british“, spielte den Protokolldroiden C-3PO. Es ging ihm miserabel in seinem schlecht sitzenden goldenen Plastikanzug. Er sah und hörte so gut wie nichts. Bei jeder Bewegung piekste oder schnitt das Kostüm ihm ins Fleisch: „Ich war von blauen Flecken und Kratzern übersät“, erzählte er seufzend. Und wenn er wie so oft vornüberfiel, musste er warten, bis jemand aus der Crew es bemerkte und ihm wieder auf die Füße half.4 Nach der ersten Woche fürchtete Daniels, die Dreharbeiten nicht lebend zu überstehen. „Es war sehr, sehr schwierig, die Dinge ans Laufen zu bringen“, erzählte Lucas später. „Die Roboter funktionierten überhaupt nicht. Die Arbeit mit C-3PO war sehr mühsam. R2-D2 konnte kaum mehr als einen Meter gehen, ohne irgendwo anzuecken … Wir hatten nur Prototypen … Frei nach dem Motto: ‚Wir bauen das jetzt einfach mal. Wir haben zwar kein Geld, versuchen aber, es irgendwie so hinzukriegen, dass es funktioniert.‘ Aber nichts funktionierte richtig.“5 Lucas schwor sich, dass er nie wieder die Kontrolle über seine Filme an die Manager einer Filmproduktion abgeben würde. Was wussten die schon vom Filmemachen? „Sie geben völlig sinnlose Anweisungen“, beschwerte sich Lucas. „Irgendwann haben sie beschlossen, dass sie mehr Ahnung vom Filmemachen haben als die Regisseure. Produzententypen. Und du kommst nicht gegen sie an, weil sie das Geld haben.“6

Falls er mit Star Wars Erfolg hätte, würde sich danach eine Sache ändern: Er würde die Kontrolle über das Geld übernehmen.

Natürlich gab es auch Dinge, die man niemals kontrollieren konnte, so sehr man es sich auch wünschte. Das vollkommen unvorhersagbare tunesische Wetter zum Beispiel machte die Dreharbeiten nicht gerade einfacher. In der ersten Drehwoche im Nefta-Tal regnete es, zum ersten Mal seit sieben Jahren, und zwar vier Tage lang. Equipment und Fahrzeuge blieben im Schlamm stecken; die tunesische Armee musste anrücken und beim Herausziehen helfen. Morgens war es kalt, am Nachmittag glühend heiß. Lucas trug in der Frühe meistens einen braunen Mantel und hatte die Hände tief in die Taschen vergraben, wenn er durch den Sucher schaute. Sobald die Sonne höher stieg, legte er den Mantel ab, setzte eine Sonnenbrille auf und gab den Schauspielern seine Anweisungen im Holzfällerhemd, die Basecap tief in die Stirn gezogen. Wenn es nicht regnete, machte starker Wind dem Set zu schaffen. Der Sandkriecher wurde zerstört und eine Kulisse, so drückte es ein Crewmitglied aus, „bis fast nach Algerien“7 geblasen.

Der Sand, so schien es, drang überall ein. Brannte in den Augen, scheuerte auf der Haut, kroch in jede Ritze und Spalte. Lucas ließ die Panavisions in Plastikfolie hüllen, und trotzdem wurde das Objektiv einer Kamera fast ruiniert. Zu den Problemen mit der Technik gesellte sich manchmal aber auch schieres Pech. Ein LKW fing Feuer und beschädigte mehrere Roboter, einige Trucks blieben liegen; am Ende ließ Lucas das Equipment von Eseln tragen.

Nach zwei Wochen war der Regisseur völlig fertig. Wegen der ständigen Rückschläge durch schlechtes Wetter, defekte Droiden und schlecht sitzende Kostüme hatte er nur zwei Drittel des geplanten Materials filmen können. Und das Material selbst stellte ihn durchaus nicht zufrieden. „Durch die ganzen Katastrophen war es immer weniger geworden“, beklagte sich Lucas, „und ich fand das Ergebnis nicht besonders gut.“ Er war so niedergeschlagen, dass er seiner eigenen Dreh-Abschlussparty in Tunesien fernblieb. Stattdessen schloss er sich im Hotelzimmer ein und übte sich in Selbstmitleid. „Ich war sehr, sehr deprimiert, weil nichts richtig geklappt hatte“, seufzte er rückblickend. „Alles war schiefgelaufen. Ich war verzweifelt.“8

Ein gutes Jahr bevor Star Wars ins Kino kommen sollte, war das Projekt ein einziges Chaos. Der Film konnte nur ein Reinfall werden.

Davon war Lucas überzeugt.

TEIL I

HOFFNUNG

1944–1973

1

Dürrer kleiner Teufel

1944–1962

Die Story vom siegreichen Underdog – je verkannter, desto besser – hat George Lucas schon immer geliebt. Er fantasierte gerne, dass es in seiner Familiengeschichte irgendein verborgenes Genie gegeben habe, „einen Verbrecher oder jemanden, der aus England oder Frankreich verbannt wurde“, sagte er in einem Interview. Es ist allgemein bekannt, dass Lucas sich gerne geheimnisumwoben gibt; das liegt ihm sozusagen im Blut. „Meine Familie kam aus dem Nichts“, erklärte er einmal. „Niemand weiß, woher wir eigentlich stammen.“9 Lucas ist Kalifornier in vierter Generation und kann seine Abstammung damit weiter zurückverfolgen als die meisten US-Amerikaner. Sein Stammbaum wurzelt tief in der Erde von Modesto, Kalifornien, davor gewachsen in Arkansas, Illinois und Virginia, fast ein Jahrhundert vor der Amerikanischen Revolution. Aber „das war’s“, beharrt Lucas, dort endet die Geschichte. Ob er nun von Farmern abstammt, Flickschustern oder Maurern, egal, der Blick zurück liegt ihm ohnehin nicht. „Ich schaue immer nur nach vorn, das mag gut oder schlecht sein. Das ist einfach eine kleine Macke von mir.“10 Einer Sache ist er sich aber sicher: „Ich bin froh, dass ich nicht als Prinz geboren wurde. Ich glaube an dieses Land, daran, dass man hier alles erreichen kann, wenn man sich anstrengt.“11

Streng dich an. Diese Ermahnung könnte von seinem Vater George Lucas Sr. stammen, einem Kleinstadt-Methodisten. Vielleicht hat er sie sogar tatsächlich geäußert, den Zeigefinger dabei dicht vor dem Gesicht seines einzigen Sohnes erhoben.

Der Sohn beschrieb George Lucas Sr. später als einen „sehr altmodischen Kerl … ein typischer Provinz-Geschäftsmann, wie man ihn in Filmen sieht.“12 In Modesto führte Lucas Sr. den erfolgreichsten Schreibwarenladen des Ortes und er war sogar Präsident des regionalen Einzelhandelsverbandes – eine clevere, konservative Stütze der Gesellschaft. Sein ganzes Leben über hatte er schwer gearbeitet, sich angestrengt.

George Walton Lucas, der Großvater, wurde 1913 im kalifornischen Laton geboren, damals wie heute ein winziges Nest südlich von Fresno. Er war, neben zahlreichen Töchtern, der einzige Sohn von Walton und Maud Lucas. Walton arbeitete auf den Ölfeldern und litt an Diabetes, an deren Folgen er 1928 starb. Sein erfolgreicher Enkel sollte die Krankheit von ihm erben. Im ersten Jahr nach Waltons Tod brachte Maud George Sr. und seine Schwester Eileen zunächst im benachbarten Fresno unter, dann im über hundertvierzig Kilometer entfernten Modesto im San Joaquin Valley. George Sr. würde dort den Rest seines Lebens verbringen.

Modesto, umgeben von Weizenfeldern und am Tuolumne River gelegen, wurde 1870 besiedelt. Es war einer der letzten Haltepunkte an der transkontinentalen Eisenbahnverbindung der Central Pacific Railroad von Los Angeles zur kalifornischen Hauptstadt Sacramento. Die Gründerväter hatten die Ansiedlung Ralston taufen wollen, nach William Ralston, dem Direktor der Central Pacific. Doch dieser hatte die Geste der Ehrerbietung bescheiden abgelehnt, was wiederum angeblich der Stadt ihren Namen bescherte: „Modesto“ ist das spanische Wort für „bescheiden“.

Trotz dieses Namens wollte die Kleinstadt hoch hinaus. Hier herrschte die typisch kalifornische Mentalität, dass alles möglich sei, sowie ein Hang zur sofortigen Bedürfnisbefriedigung. Bei der Gründung 1884 gab es offiziell fünfundzwanzig Häuser am Platz, die meisten davon Gasthäuser. Die Besitzer hatten die gute Geschäftslage gewittert und einfach ihre Büros und Wohnstätten aus Paradise oder Tuolumne County hierher umgesiedelt.

Modesto brauchte Zeit, um zur Großstadt zu werden, erst 1980 erreichte die Einwohnerzahl die 100 000er-Marke. Mit der Größe wuchs auch der Bürgerstolz. Im frühen 20. Jahrhundert stellte man gepflegte Rasenflächen und Blumenrabatten zur Schau und förderte Bildung und Kultur. 1912 errichteten die stolzen Einwohner einen Torbogen, der die Besucher begrüßen sollte, die in ihren Autos über die Ninth Street rumpelten. Vom Automobil, dieser neuen und exotischen Erfindung, wusste noch niemand recht, ob sie Zukunft hatte. Auf dem Bogen über der Straße stand in strahlenden Lettern WASSER, REICHTUM, ZUFRIEDENHEIT, GESUNDHEIT.13 Das Motto der Stadt, so geradeheraus wie ihre Bürger.

Als George Lucas Sr. 1929 mit Mutter und Schwester in Modesto ankam, lebten hier knapp 14 000 Menschen, meist in den ordentlich angeordneten Straßenrastern, wie sie für die Städte im Westen typisch sind. Während die Vereinigten Staaten langsam in die Wirtschaftskrise und die Große Depression rutschten, hatte George mit nur sechzehn Jahren zwei Beschäftigungen: Er besuchte die Modesto Highschool und machte zeitgleich eine Ausbildung als Mechaniker in einer Reparaturwerkstatt für Schreibmaschinen. Bei der Volkszählung von 1930 gaben Maud und Eileen „ohne Beschäftigung“ an. George Sr. fiel also die Rolle des dringend benötigten Versorgers zu, der die Schwester und die verwitwete Mutter unterstützten sollte.14 Diese Verantwortung nahm George Sr. sehr ernst. Er verzettelte sich nie, faulenzte nie, träumte nie vor sich hin. George Sr. beschloss, Jura zu studieren und Anwalt zu werden. In der Highschool strengte er sich sehr an. Doch dann verliebte sich der ernsthafte junge Mann mit dem dunkel gewellten Haar, dem schlanken Körper und dem aufrechten Gang (alles wie gemacht für korrekt sitzende Anzüge) auf den ersten Blick in ein Mädchen aus dem Geschichtskurs. Umgehend erklärte er seiner Mutter, dass er sie heiraten würde – obwohl er noch nicht einmal ihren Namen wusste.15

Nach einer Weile fand George Sr. heraus, dass es Dorothy Bomberger war, die ihn verzaubert hatte. Sie stammte aus einer der ältesten und angesehensten Familien in Modesto. Dass der berühmte Sohn später behaupten konnte, in vierter Generation Kalifornier zu sein, liegt nur daran, dass er ein Abkomme der Bombergers ist, deren Wurzeln bis in die Zeit vor der Unabhängigkeitserklärung zurückreichen. Seit Generationen hatten die Bombergers in Immobilien investiert und damit großen Reichtum und hohes Ansehen erlangt. Um 1900 besaß und verwaltete die Familie Land im San Joaquin Valley. Dorothys Vater Paul war darüber hinaus an Saatgut- und Autogeschäften beteiligt. Im Valley gehörten die Bombergers zu den bekanntesten und wohlhabendsten Familien. Dementsprechend waren sie regelmäßig in den Klatschspalten des Modesto Bee and News-Herald vertreten.

Dorothy war eine Schönheit mit dunklem Haar und dunklen Augen, sehr zart, fast ein wenig zerbrechlich, aber eine wirklich gute Partie. Sie und George Sr. wurden ein beliebtes und sehr verliebtes Paar. In ihrem Highschoolabschlussjahr spielten sie beide im Schultheater, in einer Komödie in drei Akten mit dem Titel Nothing but the Truth (Nichts als die Wahrheit)16. George war Jahrgangssprecher, Dorothy seine Vertreterin. Nach dem Abschluss besuchten beide kurzzeitig die Modesto Business School. George trat in die Studentenverbindung Delta Sigma ein und Dorothy war weiterhin im Phi Gamma Girls’ Club aktiv.17 Bald nahm George einen Job bei Lee Brothers an, einem neuen kleinen Schreibwarengeschäft auf der Tenth Street. Zu seiner eigenen Überraschung gefiel ihm der Schreibwarenhandel. „Es war einfach glückliche Fügung“, sagte er später. „Vorher wusste ich nicht einmal, was das Wort ,Schreibwaren’ genau bedeutete.“18 Den Plan, Jura zu studieren, gab er auf.19

Am 3. August 1933 gaben sich George Sr. und Dorothy in der örtlichen Methodist Episcopal Church das Jawort. Eine „Hochzeit von öffentlichem Interesse“, wie die regionale Presse das Ereignis bejubelte; bereits im Vorfeld hatte sie über die Planungen berichtet und über die Gästeliste spekuliert.20 George war zwanzig, Dorothy achtzehn Jahre alt – und während das junge Paar seinen gemeinsamen Weg antrat, steckte die Nation mitten in der Depression. Doch trotz der miserablen wirtschaftlichen Lage und obwohl sie gut ausbildet war und über beste Verbindungen verfügte, verweigerte der konservative Methodist George seiner Frau die Erlaubnis zu arbeiten. Arbeiten, sich anstrengen, eine Familie versorgen, das waren Männerpflichten. Also würde George arbeiten gehen und Dorothy würde zu Hause bleiben und die Kinder versorgen, die sie, davon war George überzeugt, natürlich haben würden.

Kurz nach der Hochzeit zog das Paar nach Fresno, wo George eine Stelle bei H. S. Crocker Co. Inc. antrat, einem der größten Schreibwarenhandel Kaliforniens. Der Job brachte fünfundsiebzig Dollar in der Woche ein, das war eine ansehnliche Summe. Ein neuer Kühlschrank kostete damals etwa hundert Dollar.21 Aber Dorothy vermisste ihre Verwandtschaft und so kehrte das Paar nach nur fünf Monaten nach Modesto zurück. George fand Arbeit beim örtlichen Schreibwarenladen L. M. Morris.22

L. M. Morris, 1904 von mehreren Brüdern gegründet, war eins der ältesten Schreibwarengeschäfte in der Region. LeRoy Morris hatte 1918 seine Brüder ausgezahlt und es zu einer Institution in Modesto gemacht. Fast sechzig Jahre lang war es an derselben Adresse auf der I Street ansässig. Als George seine Stelle 1934 antrat, feierte das Unternehmen gerade sein dreißigjähriges Bestehen.23

Morris hatte sich ursprünglich auf Büromöbel, Schreibmaschinen und Rechenmaschinen spezialisiert. Aber im Lauf der Jahre erweiterte er das Angebot um Filmkameras und -projektoren, Kinderbücher und Spielzeug sowie eine Geschenkabteilung „voller neuer Attraktionen“, wie der Besitzer anpries. Wie üblich legte sich George Sr. mit Begeisterung ins Zeug. Schnell tat er sich unter den zwölf Angestellten hervor.24 Auf einer großen Anzeige im Modesto Bee, die LeRoy Morris Ende 1934 schaltete, ist direkt unter seinem eigenen Porträt ein Foto von George Sr. platziert, auf dem dieser den Leser direkt anlächelt.25

George war nicht nur fleißig und ehrgeizig, sondern auch klug, und besaß eine gute Menschenkenntnis. Dazu kam, dass er und LeRoy sich auf Anhieb verstanden, vielleicht, weil sie wussten, dass sie sich gegenseitig brauchten. Der fünfundfünfzigjährige Morris hatte zwei erwachsene verheiratete Töchter, aber keinen Sohn, der sein Geschäft hätte übernehmen können.26 George Sr. wiederum war vaterlos, hatte kein männliches Vorbild; es gab auch kein Familienerbe anzutreten. Beide füllten im Leben des jeweils anderen eine Lücke. Sie pflegten eine subtile, vielschichtige Mentor-Schüler-Beziehung, die Georges Sohn später ebenfalls suchen und auf der Kinoleinwand ausloten würde.

Die Zusammenarbeit lief so gut, dass George Sr., etwas unverfroren, schon nach einem guten Jahr seinem Chef gegenüber erwähnte, dass er mit fünfundzwanzig Jahren gern sein eigenes Geschäft führen „oder zumindest Teilhaber“ werden wollte.27 1937, George war vierundzwanzig, bot Morris seinem fleißigen Protegé zehn Prozent des Geschäfts an, mit Option auf eine echte Teilhaberschaft.

George wandte ein, dass er kein Geld für eine Einlage besaß, aber das ließ Morris nicht gelten. „Du unterschreibst mir einen Schuldzettel“,28 sagte er zu dem jungen Mann und das Geschäft war besiegelt. Als offizieller Teilhaber von L. M. Morris begann George Sr. sechs Tage die Woche zu arbeiten. Er war fest entschlossen, den väterlichen Freund, der so viel Vertrauen in ihn setzte, nicht zu enttäuschen.

Während George sich aufs Geschäft konzentrierte, widmete sich Dorothy mit ebensolcher Hingabe dem Familienleben. Ende 1934 kam Tochter Ann zur Welt, zwei Jahre später Katherine, die Katy oder Kate gerufen wurde. Da die Familie größer wurde und die Geschäfte gut liefen, kaufte George ein Grundstück am Stadtrand, 530 Ramona Avenue. Mit fünftausend Dollar, die er sich von Dorothys Eltern geborgt hatte, baute er ein repräsentatives einstöckiges Haus mit reichlich Stuckverzierungen. Er war sicher, dass sie es bald mit einer Schar von Kindern füllen würden.

Doch zwei Schwangerschaften in drei Jahren hatten Dorothy ziemlich geschwächt. Sie war ohnehin zart und litt wahrscheinlich an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung. Die zweite Schwangerschaft war noch härter als die erste. Dorothy musste über lange Phasen das Bett hüten und nach Kates Geburt empfahl ihr der Arzt, auf weitere Schwangerschaften zu verzichten.29 Trotzdem versuchten sie und George in den nächsten acht Jahren weitere Kinder zu zeugen. Dorothy erlitt mindestens zwei Fehlgeburten.

1943 wurde sie tatsächlich wieder schwanger, und am 14. Mai 1944, einem schönen klaren Sonntag, Muttertag zudem, gebar Dorothy einen Sohn. George, der nicht daran glaubte, dass seine gesundheitlich labile Frau noch weitere Kinder – sprich: Söhne – gebären würde, entschied sich gegen den eigentlich geplanten Namen Jeffrey und wählte den für den Stammhalter einzig angemessenen: George Walton Lucas Jr. George war ein sehr zartes Baby, nur gute fünf Pfund schwer, aber gesund und munter. Als der Arzt ihn nach der Geburt auf Dorothys Bauch legte, wand er sich so sehr, dass er fast heruntergerutscht wäre. „Lassen Sie ihn ja nicht runterfallen!“, rief Dorothy. „Das ist mein einziger Sohn.“30

Wie seine Eltern hatte George Jr. dunkle Haare und dunkle Augen. Ein anderes besonderes Merkmal stammte aus der Lucas-Linie: abstehende Ohren. Bei George Jr. waren sie sogar ausgeprägter als bei den meisten anderen Familienmitgliedern und ein Ohr hing zudem ein wenig schlaff herab. Dem kam George Sr. sofort bei, indem er das Ohr am Kopf festklebte. Später würde er verkünden, die Ohren seien „in Ordnung“31, aber dessen ungeachtet sollten sie für immer zu George Jr.s typischen Kennzeichen gehören. „Er war ein dürrer kleiner Kerl mit großen Ohren“, wie sich seine Schwester Kate erinnerte.32

Dürr. Eins der Adjektive, die Lucas jahrzehntelang zu hören bekam. Als Kleinkind „sehr zierlich“, so seine Mutter. „Ein Winzling.“33 Mit sechs Jahren wog Lucas nur knapp sechzehn Kilo, in der Highschool erreichte er dann seine endgültige Größe von 1,70 Meter bei gerade einmal fünfundvierzig Kilogramm. Als einen „dürren kleinen Teufel“ beschrieb ihn George Lucas Sr.34

Drei Jahre nach George Jr. wurde dann doch noch eine Schwester geboren, Wendy. Die beiden letzten Schwangerschaften setzten Dorothy gesundheitlich weiter zu. Während Georges Kindheit musste seine Mutter immer wieder mal ins Krankenhaus oder zu Hause das Bett hüten. „Gesundheitlich ging es bergab mit ihr“, erinnerte sich Kate. Die Kinderbetreuung übernahm hauptsächlich die Haushälterin Mildred Shelley, die von allen Till gerufen wurde. Till konnte zwar streng sein und teilte auch schnell Ohrfeigen aus, aber sie war auch lebhaft und witzig und erzählte Geschichten in ihrem speziellen Akzent der Südstaaten. Die Lucas-Kinder verehrten sie. Till, so entsann sich Kate, „war eine Mutterfigur für uns“.35 Ihrer Ansicht nach war George Tills Liebling: „Er war der einzige Junge und der Hahn im Korb.“36 Lucas selbst spricht voller Zuneigung von Till: „Ich habe sehr liebevolle Gefühle, wenn ich an diese Zeit denke“; eine ziemlich überschwängliche Formulierung aus dem Munde des sonst eher zugeknöpften George Lucas.37

1949 löste LeRoy Morris sein zehn Jahre zuvor gegebenes Versprechen ein und verkaufte sein Geschäft an George Lucas Sr. Am 26. Januar informierten Morris und Lucas die Öffentlichkeit darüber im Modesto Bee. Morris ging in den Ruhestand – und starb völlig unerwartet sieben Tage später.38 „Er war ein echter Gentleman“, sagte George Sr. über seinen Partner, Ersatzvater und Förderer. „Schritt für Schritt hatte er mich darauf vorbereitet, sein Geschäft zu übernehmen.“39 Jetzt wollte George Sr. dasselbe für seinen Sohn tun. Wenn es nach Plan lief, würde George Jr. schwer arbeiten – sich anstrengen –, ins Geschäft einsteigen und es Stück für Stück übernehmen. Das war ein ehrgeiziges Ziel – und es würde sich als Streitpunkt zwischen Vater und Sohn erweisen.

Es lebte sich nicht schlecht als Sohn des wohlhabendsten Schreibwarenhändlers in Modesto. Doch George Jr.s Erinnerungen an seine Kindheit sind zwiespältig. „Ich hatte viel Spaß, litt aber auch unter diversen Traumata und trug meine Wunden davon.“40 Jeden Sommer zwang der Vater ihn, sich die Haare raspelkurz rasieren zu lassen; George Jr. hasste dieses Ritual. „Mein Vater war streng“, bemerkte er. „Ich meine, er war nicht übermäßig streng“, fügte er hinzu. „Er war vernünftig. Und fair. Mein Vater war extrem fair.“41 Ob fair oder nicht, letztlich war er die meiste Zeit seiner Kindheit zumindest „sehr wütend“ auf seinen Vater.

Lucas’ ergebenste Gefährtin war vermutlich seine jüngere Schwester Wendy, aber er hatte auch gute Freunde, vor allem John Plummer, den George im Alter von vier Jahren kennenlernte und mit dem er bis heute befreundet ist, und den etwas älteren George Frankenstein. Die drei spielten häufig in der Ramona Avenue, wo Plummer und Frankenstein einen weiten Bogen um George Sr. machten. „Man versuchte besser, ihn nicht zu reizen“, erinnerte sich Frankenstein. „Wenn man Georges Vater verärgert hatte, vergaß dieser das nie.“42 Und John drückte es so aus: „Wenn Mr. Lucas da war, hat man sich versteckt.“43

Es hatte auch Vorteile, mit dem Sohn des Schreibwarenhändlers befreundet zu sein: George Jr. besaß immer das neueste Technik-Spielzeug aus dem Laden. „Und er ließ uns gerne teilhaben“, erzählte Frankenstein.44 George spielte mit seinen Freunden bevorzugt mit einer riesigen Märklin-Bahn, sein ganzer Stolz, die, wie er bekannte, „fast mein ganzes Zimmer“ ausfüllte und sich durch aufwendige Miniaturkulissen schlängelte, die George selbst gebaut hatte, samt Soldaten, Spielzeugautos, Gräsern und Pflanzen aus dem Garten.45 Einmal ergatterte er sogar Beton aus einem Holzlager in der Nähe. Die Freunde gossen ihn in selbst gemachte Formen und kreierten so kleine Gebäude, an denen die Lok vorbeiflitzen konnte. Später bastelte George kleine Dioramen in Holzkästen mit gläsernen Deckeln und Seiten – er selbst nannte sie „Environments“, also Schauplätze. „Ich habe schon immer gerne Dinge gebaut“, erinnert sich Lucas. „Also richtete ich mir im Garten einen kleinen Schuppen ein, mit viel Werkzeug. Da habe ich Schachspiele gebastelt, Puppenhäuser und Autos – viele, viele Rennautos, die wir hin- und herschoben und Hügel herunterfahren ließen und so weiter.“46

Eins seiner spektakulärsten Projekte – verwirklicht mit Hilfe des stets bereitwilligen John Plummer – war eine aufwendig konstruierte Kinderachterbahn. Ein Wagen wurde mittels einer Winde aus Telefonkabeln einen steilen Hang hochgezogen und oben ausgehakt, dann rumpelte er mehrere Rampen hinunter. „Ich weiß nicht, warum es keine Todesopfer gab“, räumte Plummer im Nachhinein ein.47 „Wahrscheinlich war der Hang nur 1,20 Meter hoch oder so, aber es war unser Werk. Es hat Spaß gemacht und war eine Attraktion, alle Kinder aus der Nachbarschaft kamen vorbei. Wir wurden sozusagen berühmt mit solchen Sachen. George war kreativ. Er war kein Anführer, aber er hatte die größte Fantasie. Er kam ständig mit neuen Ideen um die Ecke.“48

„Als Kind liebte ich die Illusion“, sagte Lucas. „Aber Illusion, die man mit meinem Technikspielzeug erzeugen konnte, zum Beispiel mit meinen Modellflugzeugen und Autos. Ich nehme an, dieses Interesse hat später dazu geführt, dass ich mich mit Star Wars beschäftigt habe.“49 Andererseits, so Lucas, „gab es in meiner Kindheit nicht viel, was mich zu dem angeregt hätte, was ich heute mache.“50 Wieder so eine leicht widersprüchliche Aussage.

Im Gegensatz zu seinem späteren Freund und Kollegen Steven Spielberg, der die magische Zeit der Kindheit zu einem Herzstück vieler seiner Filme gemacht hat, blickte Lucas nie romantisch oder idealisierend auf sie zurück. „Aufwachsen war nie schön, es war nur … beängstigend“, sagte er einmal. „Ich war sehr häufig unglücklich. Also nicht wirklich unglücklich – ich hatte Spaß in meiner Kindheit. Aber ich glaube, alle Kinder sind auch mal niedergeschlagen oder eingeschüchtert. Auch wenn die Zeit schön war, so erinnere ich mich vor allem daran, dass ich ständig auf der Hut war, weil hinter der nächsten Ecke ein böses Monster lauern konnte.“51

Manchmal lauerten ihm auch die Kinder aus der Nachbarschaft auf. Sie hänselten den kleinen George Jr. und jagten ihm Angst ein. Einmal hielten sie ihn am Boden fest, zogen seine Schuhe aus und warfen sie unter den Rasensprenger. George wehrte sich nicht, sammelte seine nassen Schuhe ein und überließ seine Verteidigung seiner Schwester Wendy.52

Über weite Strecken in seinem Leben suchte sich der schmächtige Lucas starke Bruderfiguren als Mentoren und Beschützer aus. Einer der ersten war der Verlobte seiner Schwester Ann. George war ihm vollkommen ergeben. „So lernt man“, stellte er später fest. „Man schließt sich jemandem an, der älter und klüger ist, lernt alles von ihm, was er einem beibringen kann, und dann zieht man weiter und erreicht seine eigenen Ziele.“ Der junge Mann fiel in Korea; George war am Boden zerstört. Da verwundert es kaum, dass Lucas mit gemischten Gefühlen auf seine Kindheit zurückblickt. Darüber hinaus beteuert er, eine „normale, harte Kindheit voller Unterdrückung, Angst und Beklemmung“ erfahren zu haben. „Grundsätzlich hatte ich Spaß. Es war gut.“53

Ebenfalls ambivalent war das Verhältnis zu seiner Heimatstadt. Jahrelang sprach er nur mit leiser Verlegenheit von Modesto. Nach und nach entwickelte er zwar einen gewissen Stolz auf seine Heimat, und durch seinen Film American Graffiti wurde Modesto sogar zu einer Art Touristenziel, doch in den ersten Jahrzehnten seines Lebens haderte Lucas arg mit seinem Herkunftsort. Auf die Frage, wo er herkomme, antwortete er eher vage mit „Kalifornien“. Wer nachbohrte, erhielt die Antwort „Nordkalifornien“ oder vielleicht die etwas genauere Angabe „südlich von San Francisco“, bevor Lucas schließlich „Modesto“ murmelte.54 Trotzdem erkannte er die Reize der Kleinstadt an. „Modesto war wie gemalt von Norman Rockwell, wie aus den Seiten von Boys’Life Magazine … Samstagnachmittag wurde das Laub geharkt und es gab Freudenfeuer“, beschrieb Lucas die Atmosphäre später. „Es war wirklich das ganz klassische Amerika.“55

Für einen Jungen in den 1950ern bedeutete das auch den regelmäßigen Besuch der Sonntagsschule, eine Pflicht, die Lucas verabscheute. „Als ich alt genug war, etwa zwöf oder dreizehn, habe ich mich dagegen gewehrt“, erinnerte er sich.56 Bereits in einem Alter, in dem die meisten Kinder sich Gott noch als netten bärtigen Mann, der vom Himmel herab auf die Erde schaut, vorstellen, trieben ihn „sehr grundlegende“ Fragen um: „,Was ist Gott?’ und darüber hinaus: ,Was ist die Realität? Was ist das alles?’ Als erreichte man einen Punkt, an dem man plötzlich sagt: ‚Warte mal: Was ist die Welt? Wer sind wir? Wer bin ich? Was ist meine Aufgabe, und was ist hier überhaupt los?‘ “57 Mit diesen Fragen setzte sich Lucas früh auseinander und versuchte sie schließlich mit der Macht in Star Wars zu beantworten.

„Ich habe starke religiöse Empfindungen, fühle mich aber keinem speziellen Glauben zugehörig“, bekannte Lucas.58 Er wurde als Methodist erzogen, aber die Gottesdienste in „Till’s German Lutheran Church“ sagten ihm mehr zu: die Gläubigen mit ihren breiten Hüten, den Hauben, dem scharfen Akzent und dem ehrfurchtsvollen Tonfall. Lucas war fasziniert von den formellen Ritualen, die ihm wie komplexe und aufwendig inszenierte Theaterstücke vorkamen, in denen jeder eine Rolle hatte. „Der Gottesdienst erfüllt ein grundlegendes Bedürfnis der Leute“, konstatierte er.59 Dem Thema Kirche begegnete er seit jeher mit „wissenschaftlicher Neugier“, seine Ansichten über Gott und Religion haben sich mit der Zeit verändert.60 Heute beschreibt er seinen Glauben als eine Mischung aus Methodismus und Buddhismus. (2002 sagte er, auf das „linke“ Image der Gegend anspielend: „Das hier ist Marin County, hier sind wir alle Buddhisten.“)61 Doch als Kind blieb George nichts anderes übrig als ein ergebener, wenn auch desillusionierter Methodist zu sein. Sein Vater hätte nichts anderes zugelassen.

So schlimm die Sonntagsschule war, der Alltag in der Regelschule war noch weitaus schrecklicher. Lucas denkt mit Grauen an seinen ersten Schultag in der John Muir Elementary School zurück: „Ich empfand totale Panik“. Und wirklich besser wurde die Sache nie. „Ich war nie gut in der Schule und deshalb bin ich auch nie gern hingegangen.“62 Dabei fing alles durchaus vielversprechend an. „Er war ein guter Schüler, aufgeweckt“, beschrieb ihn seine Lehrerin Dorothy Elliot. „Aber George war … wie eine kleine Maus. Er sagte nie etwas, außer man sprach ihn an.“63 Aus Lucas’ Sicht gab es für ihn in der Schule freilich auch nicht viel zu sagen. „Das größte Problem war, dass ich immer andere Dinge lernen wollte als die, die unterrichtet wurden“, sagte er. „Ich langweilte mich.“64 Den Kunstunterricht mochte er und in der dritten Klasse wirkte er fleißig im Schultheaterstück mit (auf dessen Programmzettel er als letzter genannt wurde). Dagegen hasste er Mathe, seine Rechtschreibung war miserabel und im Schriftlichen war er unendlich langsam. Noch in der Highschool musste Schwester Wendy seine Hausaufgaben Korrektur lesen.

Das Schreiben fiel ihm immer schwer, aber dafür las er sehr gern, wahrscheinlich angeregt von seiner Mutter, die sich die langen Rekonvaleszenzen in Krankenhausbetten mit Büchern vertrieb. Sie hatte ihm Grimms Märchen vorgelesen, und als er selbst lesen konnte, wandte er sich Abenteuerromanen zu: Entführt oder Die Abenteuer des Robert Balfour,Die Schatzinsel oder Der Schweizerische Robinson. Er sammelte Landmark Books, einer Serie von Geschichtsbüchern und Biografien für Kinder. „Ich war süchtig nach dieser Reihe“, gesteht Lucas. „Mit ihnen begann meine lebenslange Liebe zur Geschichte.“65

Später behauptete Lucas : „Ich war nie ein großer Leser“66, was jedoch nicht ganz stimmte. Neben den Landmark Books las und sammelte Lucas wie besessen Comics. „Ich schäme mich nicht dafür, dass ich so viele Comics gelesen habe“, sagte er.67 Er entdeckte das Genre zu einer Zeit, in der so gut wie jedes Thema sich millionenfach verkaufte: Liebe und Western, Krimi und Horror, Superhelden und Science Fiction. John Plummers Vater hatte Verbindungen zum örtlichen Zeitschriftenhandel und so brachte der Sohn wöchentlich einen Arm voll remittierter Comics – wenn auch ohne Titelseite – mit. „George saß ständig auf unserer Veranda und las“, erinnerte sich Plummer.68 Sogar wenn John schon lange zum Abendessen gerufen worden war, blieb Lucas allein dort sitzen, völlig versunken in seinen Stapel Comics.

Irgendwann legten George und Wendy ihr Taschengeld zusammen, um sich Comics zu kaufen. Für einen Dollar gab es zehn Stück. Bald hatten die Geschwister eine so große Sammlung, dass ihr Vater im Garten einen Schuppen für sie baute. George und Wendy legten den Boden mit Decken aus und verbrachten Stunden über ihren Comics.69 George kam das Genre auch deswegen entgegen, da er Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung hatte und eher durch Bilder als durch Worte lernte. Comics erzählen „Geschichten in Bildern“70, erklärte er, und betonte, dass er durch Comics viele „außergewöhnliche Fakten“ und exotische Wörter wie scone lernte.71 Wenn Lucas in Bestform ist, erinnern seine eigenen Geschichten an die bunte Action eines Comics: Worte und Bilder treiben die Geschichte so schnell voran, dass keine Zeit für lange Reden oder innere Monologe bleibt.

Bezeichnend ist, dass Lucas lieber Science Fiction als Superhelden-Storys las. „Ich mochte Weltraumabenteuer.“72 Er war begeistert von der farbenfrohen Kunst Wally Woods und den wendungsreichen Science-Fiction-Geschichten in der sehr beliebten EC-Reihe Weird Science. Aber am liebsten mochte er Tommy Tomorrow, den bunten intergalaktischen Polizisten von DC Comics, dessen Geschichten regelmäßig auf den hinteren Seiten der Action Comics mit Superman erschienen. Plummer kann das nachvollziehen: „Sie vertraten die Werte, die uns wichtig waren. Es gab die Guten und die Bösen. Ich glaube, das hat ihn ziemlich geprägt.“73

Lucas absolute Lieblingsfigur war jedoch kein Science-Fiction-Held, sondern Dagobert Duck, der geizige weltreisende Onkel von Donald. Die von Carl Barks gezeichneten Comics Walt Disney’s Uncle Scrooge erschienen jeden Monat bei Dell. Die Geschichten waren clever, witzig und sehr anspruchsvoll. Barks schickte Dagobert und ein ausgeklügeltes Ensemble aus schillernden Figuren in südamerikanische Goldminen, auf Berge im Fernen Osten, ins Meer hinab, in die Vergangenheit oder in den Weltraum.

Lucas war begeistert – und Dagoberts Abenteuer in aller Welt fanden später Eingang in die Serie um Indiana Jones. Doch Lucas war nicht nur von Dagoberts Erlebnissen fasziniert, sondern auch von seiner gerissenen Kapitalistenmasche. „Clever sein statt fleißig“ ist Dagoberts Motto, und seine Geschichten wimmeln von findigen Täuschungsmanövern, aus denen er meistens erfolgreich hervorgeht. In Dagoberts Welt lohnt es sich zwar, schwer zu arbeiten – aber genauso lohnt es sich, clever zu sein und Dinge auf bisher unbekannte Weise zu tun. Dagoberts Ethik spiegelte Carl Barks’ eigene Arbeitsmoral wider. Barks schätzte „Ehre, Ehrlichkeit und die Freiheit, an die eigenen Ideen zu glauben, statt in eine Form gezwungen zu werden.“ 74

Lucas fand all das aufregend und inspirierend. „Meiner Meinung nach ist Dagobert die perfekte Verkörperung der amerikanischen Seele“, sagte er später. „So vieles an ihm entspricht exakt dem Wesen Amerikas, es ist unglaublich.“75 Was er von Onkel Dagobert lernte, beeinflusste später bis zu einem gewissen Grad sein Selbstverständnis als Künstler und Geschäftsmann: Er ist konservativ, getrieben, glaubt fest an seine Vision, treibt diese aggressiv voran und pflegt einen Hauch Sehnsucht nach der guten alten Zeit, die es einmal gegeben haben mag – oder vielleicht auch nicht. Als er Jahre später ein Vermögen angehäuft hatte, das selbst den Reichtum Dagoberts in den Schatten stellte, kaufte er eine Originalzeichnung von Carl Barks aus einem der Dagobert-Comics – eine stille Reverenz an sein Idol aus Kindheitstagen.

Neben Carl Barks bewunderte Lucas noch einen weiteren Künstler. Auch dieser erzählte Geschichten in Bildern, nur in etwas anderem Format. Wann immer möglich, erstand Lucas die Saturday Evening Post wegen der fotorealistischen Gemälde Norman Rockwells. Rockwells nostalgische Arbeiten für die Post zeigen Kinder beim Schwimmen, Eislaufen, Ballspielen, Klettern, bei der Gartenarbeit, zu Weihnachten oder am Unabhängigkeitstag. Auch wenn sie etwas anstellen, droht selten Ärger; stattdessen schauen verständnisvolle Eltern und andere Autoritäten wohlwollend auf sie herab. Lucas berauschte sich an Rockwells detailreichen Werken; sie erschienen ihm wie ein ganzer Comic-Strip in einem Einzelbild. Er liebte es, die in dem Gemälde erzählten Geschichten zu entschlüsseln. „Jedes Bild zeigt entweder die Mitte oder das Ende der Geschichte und man kann den Anfang verstehen, obwohl er nicht zu sehen ist. Man erkennt alle fehlenden Teile … Weil dieser eine Ausschnitt alles zeigt, was du wissen musst.“76

Nach Lucas’ Ansicht zeigte Rockwell „das Denken Amerikas, seine Ideale, sein Herz“.77 Es war Lucas egal, dass er noch nie in einen Teich gesprungen war, noch nie weiße Weihnachten erlebt hatte und kaum Baseball spielen konnte: Rockwells Gemälde verbildlichten das Leben, wie es sein sollte. Nie glorifizierte Lucas seine eigene Kindheit, aber er kann sehr rührselig werden, wenn es darum geht, wie seine Kindheit in einem Rockwell-Gemälde hätte sein können. Jahrzehnte später begann er, Rockwell zu sammeln. Es war Kunst, die ihn ansprach.

Als George Lucas im Mai 1954 zehn Jahre alt wurde, hielt eine Neuerung Einzug ins Haus, die sein Leben veränderte: ein Fernseher.

Bislang hatte der kleine George wie Millionen anderer Amerikaner vor dem Radio gehockt und wie verzaubert Hörspielen gelauscht, die damals mitunter unglaublich aufwendig produziert waren und täuschend echte Soundeffekte enthielten. „Die Kreativität des Radios hat mich fasziniert, ich habe liebend gern zugehört und mir im Geist die passenden Bilder dazu ausgemalt.“78 Besonders mochte er Thriller wie Inner Sanctum und The Whistler, aber auch Abenteuergeschichten wie The Lone Ranger. Das Radio „spielte eine wichtige Rolle in meinem Leben“. Aber das war noch nichts im Vergleich zum Fernsehen. 79

John Plummers Familie war die erste in Lucas‛ Umkreis, die einen Fernseher besaß. 1949 hatte Johns Vater einen kleinen Champion-Fernseher gekauft und in der Garage aufgestellt; dazu baute er noch eine kleine Tribüne, sodass sich die Nachbarschaft gemeinsam Boxwettkämpfe anschauen konnte. Georges Vater war fasziniert, aber skeptisch. Er wollte mit der teuren Anschaffung noch ein paar Jahre warten, bis die Technik sich weiterentwickelt hatte. George Jr. schaute also nebenan bei den Plummers so viel fern wie möglich. Es dauerte tatsächlich noch fünf Jahre, bis sich die Familie Lucas ein eigenes Gerät anschaffte.

Und als die Familie dann schließlich einen hatte, wusste George zunächst nicht viel damit anzufangen: „Es gab nicht viel zu sehen.“80 Dennoch führte der Modesto Bee pflichtschuldigst das tägliche Fernsehprogramm auf, für Sender wie KJEO aus Fresno und KOVR aus Sacramento. Deren Signale waren jedoch zu schwach und konnten in Modesto kaum störungsfrei empfangen werden. Man brauchte Geduld und ein wenig Geschick, um die wenigen Sender mit stärkeren Signalen einzustellen, hauptsächlich KRON aus San Francisco und KTVU aus Stockton. Sobald Lucas das geschafft hatte, wollte er nicht mehr abschalten. Nie mehr.

Wie viele Kindergenerationen nach ihm stand Lucas samstagmorgens auf und schaute Fernsehcartoons an, im Schneidersitz mit seiner Katze Dinky auf dem Schoß.81 Der Fernseher lief den ganzen Tag, das Programm reichte von Gameshows über Nachrichten bis hin zu Baseball und Comedy. George Sr. hatte das Gerät auf einem Drehständer montiert, sodass die Familie es zum Esszimmer hin ausrichten und beim Essen weiter fernsehen konnte. An den Abenden gab es Anspruchsvolleres wie das Gerichtsdrama Perry Mason oder Westernserien wie Have Gun, Will Travel, die Lucas nie verpasste.82

Am liebsten erinnerte Lucas sich an die Nachmittage und frühen Abende. Um überhaupt Programm zu haben, füllten die Regionalsender Dreißig-Minuten-Blöcke mit alten Episodenfilmen (Serials) aus den Kinos.83 Es gab Western und Dschungelabenteuer, Serien mit Polizisten oder kanadischen Mounties, Agenten- und Raumfahrtgeschichten, alles in dreißig Minuten erzählt, mit einem Cliffhanger, wie geschaffen fürs Fernsehen. „Die Serials waren das eigentlich Spektakuläre“, begeisterte sich Lucas. „Ich liebte vor allem Flash Gordon.“84

Die Flash-Gordon-Serials wurden in den Dreißiger-Jahren von den Universal Studios produziert und basierten auf dem beliebten Comic von Alex Raymond. Sie waren schnell und billig gemacht, Ausstattung, Sets und Kostüme stammten von anderen Universal-Produktionen aus dem Horror- und Science-Fiction-Genre. Flash Gordon war unkomplizierter Pulp-Fiction-Spaß, völlig übertrieben und pathetisch; der Held kämpft gegen den bösen Ming und rettet schließlich die ganze Galaxie. „Wenn ich daran denke, was mir als Kind wirklich gefallen hat, dann sind es diese Serials, diese bizarre Darstellung“, sagte Lucas. „Ich glaube, das habe ich nie hinter mir gelassen. An die Serials werde ich mich immer erinnern, auch wenn sie technisch ziemlich schlecht waren.“85

Lucas gehört zur ersten Generation, die „vor dem Fernseher“ aufgewachsen ist. Als popkulturelles Phänomen veränderte Fernsehen grundlegend das Verhältnis der Menschen zur Unterhaltung. Schnell, bequem und ersetzbar, ein Knopfdruck genügte und die Sendung flimmerte über den Bildschirm. Eine Geschichte musste in dreißig oder sechzig Minuten erzählt sein und wurde zudem durch Werbung unterbrochen; entsprechend zügig und stringent musste die Handlung vorangetrieben werden, oft auf Kosten der Figurenentwicklung. Die Aufmerksamkeitsspanne war kurz und jede Länge im Plot führte dazu, dass die Zuschauer einfach auf den nächsten Kanal wechselten. Das Fernsehen wurde immer lauter und schneller und Feinheiten zu vermitteln war passé – oder stellte zumindest eine große Herausforderung dar. All diese Umstände bestimmten grundlegend, wie Lucas und andere Filmemacher seiner Generation Leinwandgeschichten mit der Kamera erzählten.

Erstmals musste man nicht mehr ins Kino gehen, um Filme zu sehen. Lucas erinnerte sich daran, „eine ganze Reihe Western im Fernsehen“ geguckt zu haben, „mit John Wayne, unter der Regie von John Ford, den ich damals noch nicht kannte“. Und er fügte hinzu: „Sie haben viel dazu beigetragen, dass ich mich für Filme so begeistert habe.“86

Und was das Kino betraf: Lucas ging selten hin. „Es gab ein paar Kinos in Modesto. Die spielten Der Blob oder Lawrence von Arabien und solche Sachen.“87 Doch das alles packte ihn nicht wirklich. Als Teenager interessierte ihn das Geschehen im Kinosaal mehr als das, was auf der Leinwand vor sich ging. „Ich ging vor allem wegen der Mädchen ins Kino“, gab er rückblickend zu.88 Lucas erinnerte sich zwar, einige beeindruckende Kinoklassiker entweder im Fernsehen oder im Kino gesehen zu haben – Alarm im Weltall, Metropolis, Die Brücke am Kwai –, doch insgesamt stellten Kinofilme für ihn eher eine angenehme Ablenkung dar und keine Inspiration.

Der junge Lucas war vielleicht kein begeisterter Kinogänger, aber es gab eine andere Attraktion, für die er echte Leidenschaft entwickelte: „Ich liebte Disneyland“, betonte er. Und George Lucas Sr. ging es offenbar ebenso, denn die ganze Familie flog im Juli 1955 zur Eröffnung des Parks nach Südkalifornien.89 Sie blieben eine Woche in Anaheim, wohnten im Disneyland-Hotel und fuhren täglich in den Vergnügungspark. Diese Reise nach Disneyland war der Beginn einer Familientradition. Der elfjährige George war stark beeindruckt von den Schauplätzen und Fahrgeschäften, in deren Welten er eintauchen konnte. „Ich lief herum, fuhr Achterbahn und Autoscooter, Dampfboot, ging an die Schießstände, fuhr durch den Dschungel. Ich war im Himmel.“90

Disneyland war in den Fünfzigern noch nicht zu vergleichen mit dem heutigen Themenpark, der den Schwerpunkt auf Nervenkitzel und Achterbahnen legt. Doch damals wie heute entwarf niemand solch spektakuläre Attraktionen wie die Meister der Illusion bei Disney. Eins der verblüffendsten Fahrgeschäfte war die Mondrakete. Es lockte die Besucher mit dem Versprechen, sie zum Mond zu fliegen. Die Konstruktion war einfach, aber wirkungsvoll: Die Besucher saßen in einem kleinen, runden Raum mit sehr großen „Fenstern“ (Videobildschirmen) im Boden und in der Decke, wodurch das Gefühl erzeugt wurde, über ihnen befände sich der Weltraum mit dem Mond, und unter ihnen werde die Erde mit zunehmender Entfernung schnell kleiner. Jahrzehnte später baute Lucas ein Star-Wars-Fahrgeschäft für Disneyland und verwendete dafür eine ähnliche Technik: Videobildschirme dienten als Fenster, die er um moderne Bewegungssimulatoren ergänzte, um den Besuchern ein Gefühl der Schwerelosigkeit zu vermitteln. Doch für den elfjährigen George war die Mondrakete erst mal Nervenkitzel genug – und zurück in Modesto machte sich der Junge, der so ungern schrieb, daran, einen begeisterten Bericht für eine neue Regionalzeitung zu verfassen.

Die Zeitung hieß Daily Bugle und war im Sommer von Lucas und seinem Freund, dem zehnjährigen Melvin Cellini, ins Leben gerufen worden. Cellini hatte sich von einer Fernsehsendung inspirieren lassen, in der ein Name für eine Zeitung gesucht wurde. Für die Gründung seines eigenen Blatts hatte er Lucas als willigen Kompagnon ausgewählt. Auf der ersten Ausgabe prangte die Schlagzeile „MELVIN CELLINI GRÜNDET ZEITUNG – MIT STAR-REPORTER GEORGE LUCAS“.91 Sie erschien am 4. August 1955 und wurde kostenlos an der Muir Elementary School verteilt.

Die Jungen waren voller Elan dabei, aber eine Tageszeitung mit einer Auflage von hundert Stück zu produzieren, machte sehr viel Arbeit. „Die Zeitung erscheint von Montag bis Freitag“, verkündeten sie. „Außer an diesem Freitag, denn der Drucker ist kaputt.“ Lucas’ Do-it-yourself-Mentalität war bereits voll entwickelt und so überredete er seinen Vater, ihn den Matrizendrucker bei L. M. Morris benutzen zu lassen. Er versprach, alle Kosten zu erstatten. Aber nach weniger als einer Woche ließ die Begeisterung für das neue Projekt nach. „Daily Bugle wird eingestellt“, teilten die Herausgeber mit. „Der Weekly Bugle erscheint nur mittwochs, mit den gleichen Nachrichten.“ Und sie betonten: „Wir suchen keine Reporter, Drucker oder Austräger. Abonnements nicht möglich.“92

Schwierigkeiten hin oder her, eine Kinderzeitung war jedenfalls Nachricht genug, um es in den Modesto Bee zu schaffen, inklusive eines gestellten Fotos, auf dem sich Lucas und Cellini im intensiven Gespräch über eine Ausgabe des Weekly Bugle beugen. Lucas, mit kurz rasiertem Haar und Tropenmusterhemd, inszenierte gekonnt sein Image als smarter Starreporter mit einem frisch gespitzten Bleistift hinter dem Ohr.93

Der Bugle wurde bald eingestellt. Cellini war enttäuscht, dass ihm nun die prognostizierten Einkünfte durch „zweihundert verkaufte Exemplare wöchentlich“ zu je einem Penny entgingen, aber Lucas verschwendete keinen Gedanken daran. Er war nicht des Geldes wegen dabei, hatte er schon im Bee mitgeteilt. Alle Einkünfte durch den Bugle würde er wieder ins Geschäft stecken, für Austräger und zur Tilgung der Kosten, die bei L. M. Morris für Papier, Tinte und die Matrizen entstanden waren.94 Lucas mag es nicht gemerkt oder wertgeschätzt haben, doch sein Vater – und Dagobert Duck – hatten ihn etwas Wertvolles gelehrt: Lass dir etwas einfallen, glaube an dich und, wenn möglich, investiere in deine Ideen. Aber zahl deine Schulden zurück.

Lucas bewies ähnlichen Geschäftssinn, wenn es um sein Taschengeld ging. Unter George Sr.s Dach verdiente man sich sein Geld und so wurde erwartet, dass die Kinder für ihr Taschengeld Pflichten im Haus übernahmen. George Jr.s wöchentliche Aufgabe war es, den Rasen mit einem riesigen Handrasenmäher zu mähen. Dieser Job war allerdings sehr mühsam und bald graute ihm davor. „Es war frustrierend. Das Gerät ließ sich nur sehr schwer über den Rasen schieben und ich war ein kleiner Junge“, erzählte Lucas.95 Und so sparte er Geld, von dem er schließlich, mit einem kleinen Kredit seiner Mutter, einen benzinbetriebenen Rasenmäher kaufen konnte. Lucas hatte erkannt, wie er sein Problem lösen konnte, und dann sein eigenes Geld dafür angelegt. Investiere in deine Ideen. Sein Vater war, wenn auch widerwillig, beeindruckt.

George Sr. mag gute Absichten gehabt haben, indem er seinen Kindern das Taschengeld nur aushändigte, wenn sie sich sparsam gezeigt und hart gearbeitet hatten, doch er und sein Sohn hatten immer ein angespanntes Verhältnis zueinander. „Er hörte nie auf mich. Er war der Liebling seiner Mutter“, sagte George Sr. über seinen einzigen Sohn. „Wenn er eine Kamera haben wollte oder dies oder jenes, bekam er es.“96 Je eindringlicher George Sr. versuchte, seinem Sohn die altmodische Methodistenmoral zu vermitteln, desto stärker rebellierte dieser – oder enttäuschte ihn. „Er ist ein konservativer Selfmade-Man“, meinte Lucas später über seinen Vater, „mit einer Menge Vorurteile, die mich sehr gestört haben.“97

Für den Vater müssen die Spannungen besonders belastend gewesen sein, vor allem, da das Geschäft, das er später an seinen Sohn weitergeben wollte, brummte. 1956 war ein gutes Wirtschaftsjahr. L. M. Morris zog in neue Räume an der 1107 I Street um – der erste Adresswechsel des Unternehmens in fünfzig Jahren. Und er eröffnete Lucas Company, den einzigen Handel für die neu aufkommenden Kopiergeräte in der Region. Nun, da das Unternehmen wuchs, suchte George Sr. auch nach einem repräsentativeren Haus. Dasjenige in der Ramona Avenue wurde verkauft und die Familie zog in ein Ranchhaus an der 821 Sylvan Road, mit Swimmingpool und dreizehn Morgen Land mit Walnussbäumen. Es befand sich nur acht Kilometer von der Ramona Avenue entfernt, aber für George hätte es genauso gut auf dem Mond sein können.

Er war „sehr traurig“ über den Umzug, gestand er. „Ich hing sehr an dem Haus (in der Ramona Avenue).“98 Seine Stimmung wurde düster. „Er veränderte sich“, erinnerte sich John Plummer. „Er wandte sich seinen Schallplatten zu. Er war in sich gekehrt. Er wurde fast ein wenig rüpelhaft … schloss sich den Kids mit schlechtem Ruf an.“ Auf diese Aussage reagierte Lucas seinerzeit gereizt. „Ich habe mit allen Zeit verbracht“, konterte er. „Ich war klein und witzig. Ich war sehr umgänglich. Ich fand ziemlich schnell Freunde.“99 Das war seine Sicht der Dinge. Was aber auf jeden Fall stimmte: Lucas entdeckte wie Millionen anderer Teenager den Rock ’n’ Roll.

Er hatte Musikunterricht auf den verschiedensten Instrumenten erhalten und obwohl nichts davon hängenblieb, liebte er Musik. Lucas bewunderte die Märsche von John Philip Sousa und erfasste intuitiv, wie wichtig ein gutes Thema war; es gefiel ihm, wie aufregend ein wohlkomponierter, lauter Marsch im Brustkorb pochte. Aber der September 1956 veränderte sein Leben: Elvis Presley spielte vier Stücke in der Ed Sullivan Show, selbstbewusst und die Lippen schürzend. Als der Sänger im Oktober 1957 in San Francisco auftrat, war Lucas da.100 Fortan schloss er sich täglich nach der Schule in seinem Zimmer im neuen Haus auf der Sylvan Road ein, las seine geliebten Comics, aß Schokoriegel und trank Coke und aus seinem kleinen Plattenspieler drang Rock ’n’ Roll. In den folgenden zehn Jahren häufte er eine „gigantische“ Sammlung an Rock-’n’-Roll-Platten an.101

Insofern ist es kaum überraschend, dass er an der Thomas Downey Highschool, in der er ab 1958 die Schulbank drückte, die besten Noten in Kunst und Musik erzielte. In allen anderen Fächern tummelte er sich im unteren Mittelfeld. „Ich war kein schlechter Schüler, eher ein mittelmäßiger“, erklärte Lucas. „Ich hatte immer eine Drei oder eine Drei minus. Ich war aber definitiv kein Überflieger.“102 Das ist sehr milde ausgedrückt: Am Ende des Schuljahres stand er in Naturwissenschaften und in Englisch auf Ausreichend. „Ich habe viel geträumt“, gab Lucas zu. „Ich galt aber nie als dumm, sondern als jemand, der viel mehr leisten könnte. Ich habe nie meine Möglichkeiten ausgeschöpft. Ich habe mich ja so gelangweilt.“103

Wirklich gelernt hat er wohl eher zu Hause. Dort fing er an, sich mit Fotografie zu beschäftigen. Ein ungenutztes Badezimmer funktionierte er in eine Dunkelkammer um. Er brachte sich die Grundlagen bei, fotografierte Flugzeuge, die über ihm dahinbrausten, und brachte es immerhin so weit, dass er seine Katze mitten im Sprung ablichten konnte. Aber gerade, als die Schule begann, hinter Kunst und Musik zurückzutreten, bekam die Fotografie Konkurrenz von einer zweiten Leidenschaft, die ihn fast sechs Jahre vollkommen beschäftigen sollte – und die ihn beinahe das Leben gekostet hätte. „Meine ganze Jugend habe ich Autos gewidmet“, erinnerte sich Lucas. „Zwischen vierzehn und zwanzig gab es nichts Wichtigeres in meinem Leben.“104

Los ging es mit Motorrädern, auf denen der dreizehnjährige Lucas in halsbrecherischem Tempo mit röhrendem Motor und quietschenden Reifen zwischen den Walnussbaumreihen der Sylvan Ranch hindurchjagte. („Ich habe Geschwindigkeit immer gemocht“, gab er später zu.)105 Mit fünfzehn „drehte es sich plötzlich um Autos“, sagte Lucas. „Ich verbrachte meine Zeit in einer Werkstatt, bastelte an Autos und Motoren herum.“106 Und das konnte er gut, der Junge, der Spielzeugeisenbahnen und eine Kinderachterbahn gebaut hatte; unter der Motorhaube fühlte er sich wie zu Hause. Natürlich wünschte Lucas sich sehnsüchtig ein eigenes Auto. George Sr. hatte gesehen, wie gefährlich schnell sein Sohn mit dem Motorrad über die Ranch gerast war. Vermutlich glaubte er, es sei das Beste für sein geschwindigkeitsbesessenes Kind, dass er ihm einen winzigen gelben Fiat Bianchina mit Zweizylindermotor kaufte. „Er dachte, das sei sicherer, weil ich damit nicht so schnell fahren konnte“, erinnerte sich Lucas.107 Aber der Motor, knurrte er, „war eine Nähmaschine … So ein dämliches kleines Auto. Was sollte ich damit anfangen? Das war praktisch ein Motorroller.“108

Was er damit anfing: Er nahm ihn auseinander, änderte ein paar Dinge und baute ihn wieder zusammen. „Danach fuhr er extrem schnell“, sagte Lucas stolz.109 „Ich kurvte damit wie wild durch die Gegend, geriet irgendwann ins Schleudern und fuhr ihn zu Schrott.“110 Dann fing er von vorne an. Er schleppte den Wagen zum Foreign Car Service, einer auf europäische Autos spezialisierten Werkstatt, und baute den Fiat wieder zusammen, schnitt das Dach ab, verkleinerte die Frontscheibe, bis sie nur noch ein schmales Band war, motzte den Motor auf, baute einen Renngurt und einen Überrollbügel ein und bastelte an der Federung herum. Wie Han Solos Millennium Falke sah das Auto nach nichts aus, aber wo es darauf ankam, hatte es einiges zu bieten. Und viele der speziellen Änderungen hatte Lucas selbst gemacht.

Im Mai 1960 wurde Lucas sechzehn. Nun brauchte er nicht mehr durch die Walnussbäume zu schlingern, um den Fiat zu Schrott zu fahren, sondern konnte, so Lucas „wirklich auf der Straße fahren“.111 Die Schule, noch nie oben auf seiner Prioritätenliste, geriet nun fast gänzlich in Vergessenheit. „Ich habe in der Highschool kaum aufgepasst“, gestand er später. „Ich fand alles ziemlich langweilig und verbrachte meine gesamte Freizeit mit Herumwerken am Auto.“112 Autos „haben in dieser Zeit alles andere in meinem Leben verdrängt.“113

Seine Noten wurden zunehmend schlechter. Lucas glich immer mehr dem jugendlichen Tunichtgut, für den ihn seine Lehrer schon lange hielten. Der Kurzhaarschnitt war herausgewachsen; er kämmte sich jetzt mit Pomade einen „Entenschwanz“ oder türmte die welligen Haare zur Haartolle, eine kalifornische Frisur, die „Breaker“ genannt wurde. Lucas nahm zwar keine wirklich schlechten Gewohnheiten an – er trank keinen Alkohol und seine schlimmste Verfehlung war eine Leidenschaft für Schokoriegel –, aber er sah auf jeden Fall aus wie ein Rowdy mit ungewaschenen Jeans und Stiefeln mit Metallspitze. Allerdings mag er mit seinen 1,70 Meter weniger gefährlich als vielmehr introvertiert gewirkt haben – John Plummer fand, dass sein Freund in Gesellschaft der „Proleten und Rüpel“ der Stadt vor allem verloren wirkte.114

Dem Ruf nach zu urteilen, war eine der größten Gruppen der „Proleten und Rüpel“ in Modesto ein Autoclub namens The Faros. Das abendliche Freizeitprogramm beschrieb ein Mitglied später kurz und bündig: „Mädchen, Bier und Autos“.115 Vermutlich waren die Jungs weniger aggressiv als aufschneiderisch – nach eigenen Angaben wurde gar nicht so viel geraucht und geflucht –, doch sie sahen bedrohlich aus und hatten immer wieder Ärger mit rivalisierenden Gangs und Autoclubs. Lucas, den es schon immer zu Beschützerfiguren hingezogen hatte, hielt sich oft bei den Faros auf, aber eher als Maskottchen denn als echtes Mitglied. „Wenn man nicht zusammengeschlagen werden wollte, musste man Schlägertypen zum Freund haben“, erklärte er. Meistens diente Lucas den Faros als Köder, um rivalisierende Gangs zu provozieren und dann direkt in die Arme der Faros zu locken. „Man schickte mich vor und wartete, bis jemand versuchte sich mit mir anzulegen, und dann mischten sie sich ein und eine Prügelei begann“, sagte Lucas. „Ich war der Lockvogel. Ich hatte immer Angst, dass ich Schläge abbekomme.“116

Lucas ging es nie um Schlägereien. Ein eigenes Auto zu besitzen, hieß für ihn: Rennen fahren und in der Stadt herumkurven. Und Modesto mit seinem gitterförmigen Straßennetz war die perfekte Stadt für beides. George war „süchtig danach, in der Stadt herumzufahren, mehr als jeder andere, den ich kannte“, erinnerte sich Plummer.117 Für Lucas war es jedoch mehr als eine Sucht, es war „das typische amerikanische Balzritual“, wie er es einmal bezeichnete. „Alles passiert hier ja im Auto.“118

Das Ritual war ausgeklügelt, aber vorhersagbar: Lucas und seine Kumpel fuhren langsam die Tenth Street entlang – sie nannten es „über die Tenth ziehen“ –, bogen dann auf eine Verbindungsstraße ab, um an der nächsten Kreuzung auf die Eleventh Street zu stoßen und diese in entgegengesetzter Richtung wieder hochzufahren. Dann wieder abbiegen, auf die Tenth Street, und so weiter, immer rundherum. Manchmal hielten sie am Drive-in, bestellten Essen und schlenderten zwischen den Autos herum, aus denen Buddy Holly oder Chuck Berry dröhnte, unterhielten sich durch heruntergelassene Wagenfenster und schlüpften, wenn alles gut lief, für eine kurze Knutscherei auf den Rücksitz. Dieses Ritual beanspruchte eigentlich seine gesamte Freizeit. „Das war unser hauptsächlicher Zeitvertreib, einfach herumfahren und den Mädchen nachstellen“, erzählte Lucas. „Ich kam um vier Uhr morgens nach Hause, schlief ein paar Stunden und ging zur Schule.“119

Trotz seiner regelmäßigen Versuche bekam Lucas nicht viele Mädchen ab. „Ich hatte nie eine Freundin an der Highschool oder so“, bekannte er. „Ich zog immer herum und sprach Mädchen an und hoffte auf Erfolg.“120 Angeblich verlor er seine Unschuld auf dem Rücksitz eines Autos, aber eigentlich schien ihm die Jagd – das Ritual – mehr Spaß zu bereiten als die Eroberung.121 „Das Herumfahren mit dem Auto ist wie Angeln“, sagte er später. „Wenn du nicht gerade einen Hai erwischst, ist es eigentlich nicht sehr aufregend. Die meiste Zeit sitzt du herum, unterhältst dich, hast Spaß … (Manchmal) fängst du was, aber das ist eigentlich nie besonders spannend.“122

Aufregend hingegen waren die Autorennen. Mit seinem aufgemotzten Bianchina war er eine ernst zu nehmende Größe auf den langen, geraden Straßen von Modesto; der Kleinstwagen war inzwischen auf Geschwindigkeit ausgelegt, tiefergelegt und leicht, und sein Fahrer wog immer noch kaum fünfundvierzig Kilogramm. „George war ein guter Fahrer“, staunte Plummer. „Er war wirklich gut.“ Lucas drehte den Motor gern richtig hoch und „jagte dann mit quietschenden Reifen durch alle vier Gänge … Es war aufregend, etwas richtig gut zu können.“123 Kein Wunder, dass die Polizei ihn schnell im Visier hatte. Er erhielt so viele Strafzettel wegen überhöhter Geschwindigkeit, dass er schließlich vor Gericht erscheinen musste – und zwar im gefürchteten Anzug.

Nach seinem Einstieg in die Autoszene wusste Lucas, was er werden wollte. Einfach nur über die Nebenstraßen rasen reichte ihm nicht; er wollte professioneller Rennfahrer werden. Zu seinem Leidwesen durfte er nach kalifornischem Recht vor seinem einundzwanzigsten Lebensjahr nicht an Rennen teilnehmen. Also klapperte er stattdessen Autocross-Veranstaltungen in Nordkalifornien ab, auf denen er seinen kleinen Fiat auf Parkplätzen oder Rollfeldern austestete, auf mit roten Pylonen abgesteckten Parcours. Er gewann sogar ein paar Pokale, mit denen er vor anderen Autoliebhabern beim Foreign Car Service prahlte.

Dort gab es einen anderen Autocross-Fahrer, der noch besser war als Lucas. Allen Grant, ebenfalls aus Modesto, war vier Jahre älter und verlor offenbar kein Rennen. Lucas war beeindruckt. „George mochte mich, weil ich der Schnellste war, und wir freundeten uns an“, so Grant.124 Auch in ihm sah Lucas einen großen Bruder, dem er sich anschließen konnte. Er wurde Grants Mechaniker und bei Bedarf sein Co-Pilot. Wenn er sich über den Motor beugte, trieb er Grant und die Crew in der Werkstatt oft in den Wahnsinn. „Er quasselte ständig von möglichen Modifikationen: ,Was ist hiermit? Und wenn ich das mache?’“, erzählte Grant. „Wir haben ihn nicht für voll genommen. Aber wir mochten ihn.“125

Die Motorsport-Szene verlieh Lucas‘ Leben die dringend benötigte Struktur. Sie war zwar nicht die Schule, aber sie war sozial, organisiert und auf eine unkonventionelle Weise solide. Lucas trat dem neu gegründeten Ecurie AWOL Sports Car Competition Club bei, den es eigentlich nur gab, damit die Mitglieder gegeneinander beim Autocross antreten konnten. Lucas brachte den Newsletter heraus, schrieb Leitkommentare und füllte die Seiten mit Zeichnungen von Rennwagen. Und er trat seinen ersten Job an, als Mechaniker beim Foreign Car Service. Er sah immer noch wie ein pomadisierter Rock ’n’ Roller aus, aber er war jetzt fast ein professioneller Schrauber, reparierte Autos und Motoren und half Grant, der diese fast mühelos zu gewinnen schien, bei den Rennen beim Boxenstopp.126

Doch es ging nicht nur um den Motorsport und das ziellose Kreuzen durch die Straßen. Das Auto ermöglichte Lucas auch „ein eigenes Leben“, die Freiheit, die Welt jenseits von Modesto zu erkunden.127 Und was er sah, betörte ihn. Zum Beispiel die Arthaus-Kinos, die Filme zeigten, von denen er noch nie gehört hatte. Auf den Leuchttafeln standen seltsame, glamouröse Titel wie Les quatre sont coups oder Á bout de souffle und die Regisseure trugen exotische Namen wie Truffaut und Godard. Mit den existenzialistischen Themen, ihrer Sozialkritik, der mitunter wackligen Kameraführung, mit dem Selbstbewusstsein ihrer Figuren, die das Publikum mitunter direkt ansprachen, waren die Filme der sogenannten Nouvelle Vague grundlegend anders als alles, was Lucas im Modesto Strand Theatre gesehen hatte. „Ich liebte Godards Stil“, schwärmte er später. „Die Zeichnungen, den Humor, seine Sicht auf die Welt – er war ein Filmkünstler.“128 1962 konnte Lucas noch nicht genau ausdrücken, was ihn an den französischen Filmen der Nouvelle Vague bewegte, er begriff nur, dass sie grundlegend anders waren als The Blob oder Aschenblödel.

George Lucas und John Plummer fuhren auch regelmäßig in die Gegend nördlich von Berkeley, zum kürzlich gegründeten Canyon Cinema, eine „floatingCinematheque“, die der Avantgarderegisseur Brice Baillie mit einigen Gleichgesinnten ins Leben gerufen hatte. Sie zeigten experimentelle Underground-Filme. Lucas hatte so etwas noch nie gesehen. Das ursprüngliche Canyon Cinema hatte Baillie in seinem Garten ausgerufen, in dem er kostenlos Popcorn und Wein servierte und die Filme durchs Küchenfenster auf eine Leinwand aus Armeebeständen projizierte. An anderen Orten verwendete die Gruppe manchmal einfach Betttücher.129 Baillie unterstützte vor allem örtliche Regisseure, die wenig Chancen hatten, in einem Kino gezeigt zu werden, aber manchmal schlich sich auch ein Film von Federico Fellini, Ingmar Bergman oder Jonas Mekas ins Programm ein. Lucas fand alles interessant, aber besonders gefielen ihm die echten Avantgardefilme, „die etwas abstrakteren“.130 Nach den Aufführungen fuhr er in seinem Bianchina nach Hause, den Kopf voller Bilder und Klänge.