1,99 €
Perchtenläufe sind eine alpenländische Tradition, die vor allem in Österreich, Bayern und Osttirol verbreitet ist. Als unheimliche Gestalten verkleidete Menschen ziehen dabei in der kalten Jahreszeit lärmend durch die Straßen von Städten und Dörfern, um böse Geister zu vertreiben und das nahende neue Jahr willkommen zu heißen. An einem dieser Perchten- oder Krampusläufe nimmt auch der Wiener Geisterjäger Andreas Brauner teil, allerdings mehr unfreiwillig. Denn er ist nach Osttirol gekommen, um am Nikolaustag die Geburt des Antichristen, des Sohns des Teufels, zu verhindern!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Inhalt
Schrei, wenn dich der Krampus holt
Leserseite
Vorschau
Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?
Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
von Michael Blihall
Wo bin ich?
Dumpf und fern, als läge sie unter Wasser, drang ein gutturaler Singsang an ihr Ohr. Schatten flackerten um sie herum, und ein beißender Geruch, eine Mischung aus Blut, Rauch und feuchtem Gestein, kroch ihr in die Nase.
Langsam dämmerte ihr, dass sie im Mittelpunkt eines Kreises lag. Umgeben von bizarren Gestalten.
Hände berührten sie. Aus unzähligen tiefen Kehlen schwoll der Gesang weiter an.
Auf einmal wich die Menge um sie träge zurück. Sie machte Platz. Für jemanden – oder etwas!
Eine riesenhafte Gestalt trat in ihr Blickfeld. Wie aus dem Nichts baute sie sich vor ihr auf. Eine dunkle, massige, unmenschliche Präsenz.
Es brannte auf ihrer Haut, als ER sich über sie beugte. Sie spürte SEIN Gewicht, fühlte die Hitze, die von SEINEM Körper ausging.
ER lachte. Und mit IHM lachten alle um sie herum.
Die Gestalt über ihr war ... DER TEUFEL!
Stift St. Paul im Lavanttal, 11. Oktober 2025
Pater Wilhelm strich mit der Hand über einen ledergebundenen Folianten. Er spürte den Staub unter seinen Fingerspitzen und holte ein weiches Tuch hervor, mit dem er ihn vorsichtig vom Einband wischte.
Er stellte das Buch mit derselben Sorgfalt wieder an seinen angestammten Platz in der Stiftsbibliothek zurück.
Er seufzte und sah sich um. Nach seiner Versetzung aus Wien als Bibliothekar dieses Benediktinerklosters hatte er gehofft, in der Stille zwischen den unzähligen hohen Regalen Ruhe zu finden.
Doch diese Stille war nicht von jener Art, die ihn beruhigte. Irgendetwas schien darin zu lauern. Und auf ihn zu warten.
Außerhalb der Bibliothek blieb es meist still um ihn. Wenn er einen Raum betrat, bemerkte er oft, wie die Gespräche der Klosterbrüder abrupt verstummten. Die Benediktiner begegneten ihm zwar mit höflicher Distanz, ließen ihn aber auch spüren, dass er keiner von ihnen war.
Er wurde immer noch wie ein Gast behandelt. Ein Gast im Talar. Nicht mehr.
Seine Vergangenheit hing wie Schwefelgeruch an ihm. Niemand sprach darüber – er erkannte es in ihren Blicken.
Keiner sagte »Bruder« zu ihm. Sie nannten ihn immer noch förmlich »Pater Wilhelm«, manche sprachen ihn sogar lieber mit seinem Nachnamen an. Pater Fink.
Das war allerdings immer noch besser als der Spitzname, der nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen wurde. Dennoch hatte er ihn eines Tages zufällig aufgeschnappt.
Für die ihm weniger wohlgesonnenen Mönche war er der »Exorzisten-Willi«.
Er wusste, warum.
Die Mönche dieses Stifts lebten nicht so abgeschieden von der Welt, dass sie die Ereignisse, die nun schon fast zwei Jahre zurücklagen, nicht mitbekommen hätten.
Immerhin hatte der missglückte Exorzismus, der beinahe einem seiner ältesten Freunde das Leben gekostet hätte, ein enormes Medienecho ausgelöst. Schuld daran war auch die anschließende Gerichtsverhandlung gewesen. Ein, zumindest in Österreich, bisher beispielloser Prozess, der Berichterstatter aus aller Herren Länder nach Wien gelockt hatte.*
Bei den hohen Würdenträgern der katholischen Kirche war dieser weltliche Prozess freilich gar nicht gut angekommen. Dabei nahm man es ihm weniger übel, dass der von ihm durchgeführte Exorzismus in einer Katastrophe geendet hatte, als vielmehr, dass er ohne Erlaubnis des Vatikans erfolgt war.
Pater Wilhelm Fink hatte gegen das Gelübde des Gehorsams verstoßen. Punkt.
Dabei war es diesen Würdenträgern scheinbar völlig egal, dass es gerade Pater Wilhelms Einsatz und seinem sympathischen Auftreten vor Gericht und in den Medien zu verdanken war, dass es während und nach der Verhandlung eine Rekordzahl an Ein- und Wiedereintritten in die katholische Kirche gegeben hatte.
Die Beweise, die er dem Gericht vorgelegt hatte und in den Medien breit diskutiert worden waren, hatten die Menschheit offenbar wieder an das Übernatürliche glauben lassen.
Nicht wenige schienen regelrecht in den Schoß der Kirche zurückflüchten zu wollen. Auf der Suche nach Schutz vor dem Bösen und nach Absolution von ihren eigenen Sünden.
So einfach ist das aber nicht, dachte Wilhelm.
Im selben Moment fiel ihm auf, dass er sich schon wieder mit seiner Vergangenheit beschäftigte.
Immer wieder schweiften seine Gedanken zu den damaligen Ereignissen ab, obwohl er gehofft hatte, sie innerhalb der Mauern dieses Stiftes abschütteln zu können.
Er musste sich wieder auf seine Aufgaben als Bibliothekar konzentrieren!
Schließlich empfand er seine Versetzung hierher nicht unbedingt als Strafe. Nein, es war durchaus eine ehrenwerte Aufgabe.
Immerhin war das Stift St. Paul in Kärnten nicht nur für seine umfangreichen Kunstsammlungen bekannt, sondern auch für seine Bibliothek, die neben der Nationalbibliothek in Wien zu den bedeutendsten Österreichs zählte.
Die Sammlung beherbergte unter anderem das älteste Buch des Landes, den Ambrosius-Kodex aus dem fünften Jahrhundert, und das vermutlich erste Druckwerk von Johann Gutenberg: das Missale Speciale abbreviatum.
Zu seinen Aufgaben gehörte es auch, gemeinsam mit dem Museumsdirektor Ausstellungen vorzubereiten, die jedes Jahr zahlreiche Besucher aus dem In- und Ausland in das als »Schatzkammer Kärntens« bekannte Stift lockten.
Die kommende Saison begann zwar erst im Mai, die Planungen fanden jedoch jetzt im Herbst und während des Winters statt.
Die kommende Ausstellung sollte den Titel »Bücher, Codes und Zaubersprüche« tragen. Und gerade bei diesem Thema war Pater Wilhelms ganzer Einsatz gefordert.
Er warf einen Blick auf den kleinen gelben Zettel in seiner Hand. Bei seinen Recherchen im Computer der Bibliothek war er auf den Namen eines Buches gestoßen, von dem er selbst noch nie gehört hatte: den Codex Dolomiticus.
Er konnte sich selbst nicht erklären, warum ihn gerade dieser Titel so faszinierte.
Vielleicht war es der Hinweis auf die Dolomiten, jene Gebirgskette, die sich in Italien von Venetien bis nach Südtirol erstreckt.
Die Museumsbesucher liebten den Österreichbezug in ihren Ausstellungen. Und da Südtirol einst Teil des Habsburgischen Reichs gewesen war, empfanden viele seiner Landsleute immer noch eine tiefe Verbundenheit mit jener Region, in der bis heute Deutsch gesprochen wird.
Als Wilhelm auf den Eintrag in der Bibliothekskartei gestoßen war, hatte er Frater Dominik gefragt, ob ihm der Codex bekannt sei.
Dominik hatte schon in der Bibliothek ausgeholfen, lange bevor Wilhelm hierher versetzt worden war. Der ohnehin wortkarge Mönch hatte auch diesmal nur die Handflächen nach oben gedreht und mit den Schultern gezuckt.
Sei's drum, hatte Wilhelm gedacht, sich den Standort des Buches auf einem Post-it notiert und sich selbst auf die Suche gemacht.
Doch der Codex Dolomiticus befand sich nicht dort, wo er laut Eintrag hätte sein sollen, und so arbeitete sich Pater Wilhelm nun schon seit mehr als einer halben Stunde durch die Reihe, in der sich das gesuchte Buch befinden sollte.
Er zog ein weiteres in Leder gebundenes Buch aus dem Regal und betrachtete den inzwischen kaum noch lesbaren Buchrücken aus der Nähe.
Wilhelm schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf. Auch dieses Buch war nicht das richtige.
Als er es an seinen Platz zurückstellen wollte, bemerkte er ein Buch, das hinter die anderen Bücher gerutscht war. Der dicke Staub darauf ließ vermuten, dass es sich schon lange in seinem unfreiwilligen Versteck befand.
Wilhelm musste erst vier weitere Folianten aus dem Regal ziehen, bevor er das verborgene Buch endlich befreien konnte.
Sein Puls schlug schneller, als er erkannte, welchen Schatz er gerade in den Händen hielt. Durch reinen Zufall war er endlich auf den Codex Dolomiticus gestoßen!
Jetzt blieb nur zu hoffen, dass sich der Inhalt auch für die geplante Ausstellung eignen würde.
Vorsichtig trug Wilhelm das verhältnismäßig dünne Werk zu einem der Leseplätze in der Bibliothek. Dort zog er seine weißen Handschuhe an und nahm eine Pinzette zur Hand, mit der er die Seiten umblätterte.
Es dauerte nicht lange, bis Wilhelm erkannte, dass er mit der Entdeckung des Buches gerade einen Volltreffer gelandet hatte ...
Zur selben Zeit in Wien
»Ich dachte, du wolltest nichts Förmliches«, sagte Andreas Brauner zu seiner Freundin Johanna Schuster. »Eine einfache Hochzeit.«
»Ja, klar. Und nur weil der Herr Brauner schon einmal verheiratet war, glaubt der Herr Brauner vielleicht, dass seine geliebte zweite Frau mit einem Mann vor den Traualtar tritt, der kurze Hosen und ein Stranger-Things-Shirt trägt«, hielt sie ihm vor.
»Traualtar? Wir waren uns einig, dass wir vorerst nur standesamtlich heiraten!«
»Du sagst es. Vorerst.«
»Außerdem ... was stört dich an meinem Shirt? Es ist das eleganteste, das ich besitze.«
Sie rümpfte die Nase. »Ja, leider hast du da recht. Und genau das ist das Problem.«
Andreas senkte den Blick auf sein T-Shirt und damit auch auf die Schneiderin, die vor ihm kniete und gerade die Länge seiner Beine ausmaß. Wegen seines Bauchs, der sich über dem Gürtel wölbte, konnte er nicht genau erkennen, was die Frau da unten gerade trieb. Und er fühlte sich gar nicht wohl damit, dass da jemand zwischen seinen Beinen herumfuhrwerkte.
»Steh gerade!«, ermahnte ihn Johanna. »Sonst bekommst du noch eine Hose mit zwei verschiedenen Beinlängen.«
Andreas fand Johannas Bemerkung lustiger als die Schneiderin, die mit hochrotem Kopf zu seiner Freundin aufsah.
Sein Freund Felix, der sich inzwischen im Geschäft umgesehen hatte, trat neben ihn und flüsterte ihm ins Ohr: »Dir ist schon klar, was dich das hier kosten wird, oder? Der Laden ist sauteuer, Mann. Selbst die Anzüge von der Stange kosten ein Heidengeld.«
»Du hast gut reden«, murmelte Andreas. »Du brauchst ja keinen Anzug für die Hochzeit. Du trägst ja eh immer nur dasselbe.«
Er spielte auf Felix' Outfit an, das – wie immer – aus schwarzer Lederjacke, weißem Shirt und Stulpenjeans bestand. Dazu trug er rote Converse und sah aus, als wäre er direkt dem Musical Grease entsprungen. Nur die dicke Hornbrille ließ ihn weniger wie Danny Zuko als vielmehr wie Woody Allen aussehen.
»Was soll das heißen, ich trage immer dasselbe?«, fuhr Johanna ihn an. »Sag mal, spinnst du?« Sie stieß ihm mit dem Ellbogen gegen den Arm und wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum.
Andreas erschrak. Er vergaß manchmal immer noch, dass niemand außer ihm seinen Freund Felix sehen oder hören konnte.
Außer vielleicht dieses Medium. Madame Zelda.
Die Geisterseherin war bisher die Einzige gewesen, die Felix ebenfalls wahrgenommen hatte. Was Andreas' bisherige Theorie, bei ihm handle es sich nur um einen imaginären Freund, damals ziemlich ins Wanken gebracht hatte.*
Aber auf die Frage, wer oder was Felix wirklich war, konnte oder wollte bisher nicht einmal der selbst eine Antwort geben.
Felix jedenfalls fand Johannas kleinen Ausraster offenbar amüsant und kicherte blöde. Andreas hätte ihm am liebsten eine reingehauen. Aber selbst das war ja nicht möglich.
»Wann ist denn die Hochzeit?«, fragte die Schneiderin von unten. Wahrscheinlich wollte sie vom Streit ablenken, bevor das zukünftige Brautpaar in ihrem Laden gleich wieder seine Trennung bekannt gab.
»Am fünften Dezember«, antworteten Johanna, Andreas und Felix gleichzeitig.
»Oh, am Krampustag?«, wunderte sie sich. »Hat der Tag vielleicht eine besondere Bedeutung für Sie?«
Das Trio schüttelte den Kopf.
»Nein ... Na ja«, erklärte Johanna, »wir fanden den Termin einfach irgendwie ... ähm, passend. Gerade, weil es der Krampustag ist.«
Die Schneiderin erhob sich und notierte einige Maße in einen kleinen Block.
»Passend?«, fragte sie.
»Das ist eine lange Geschichte«, sagte Johanna und machte damit unmissverständlich klar, dass sie die nicht vor einer fremden Frau ausbreiten wollte.
Der Termin war auf Johannas Wunsch zurückzuführen. Nach all dem, was Andreas während seines dreimonatigen Komas erlebt hatte, war er immer noch der festen Überzeugung, dass der Teufel höchstpersönlich seine Seele geholt hätte, wenn Johanna ihn nicht im letzten Moment davor bewahrt hätte.
Ihre Liebe hatte sogar dem Teufel widerstanden.
Und Johanna war der Meinung, dass eine Besiegelung dieser Liebe ausgerechnet am Krampustag ein Zeichen wäre.
»Damit zeigen wir's dem Teufel«, hatte sie gesagt.
Andreas hatte ihr zwar erklärt, dass der Krampus nicht direkt mit dem Teufel zu tun habe und schon gar keine Inkarnation von ihm sei. Aber das hatte sie nicht von ihrem Wunschtermin abgebracht.
Ihm war es ohnehin egal, wann sie heirateten. Nachdem er ihr vor über einem Jahr im Griechenlandurlaub den Antrag gemacht hatte, war er einfach nur froh, dass es überhaupt passierte!
»Wann können wir denn mit Ihrem Kostenvoranschlag rechnen?«, fragte Andreas die Schneiderin, die daraufhin wieder einen hochroten Kopf bekam.
»Kostenvoranschlag? Ich dachte, Sie wollten einen Anzug kaufen – und nicht nur wissen, was er kostet?«
»Ähm ...«, machte Andreas verlegen. »Zuerst würde ich schon gern wissen, was er kostet. Um zu entscheiden, ob wir ihn kaufen.«
»Die schmeißt euch gleich raus«, flüsterte Felix.
»Ach was«, sagte Andreas.
»Raus!«, knurrte die Schneiderin.
Pater Wilhelm hatte inzwischen Einiges über den Codex Dolomiticus herausgefunden.
Der Codex war um das Jahr 1243 im Südtiroler Raum verfasst worden. Sein Autor stammte ebenfalls aus dem Benediktinerorden, weshalb sich das Buch wohl im Besitz des Stifts St. Paul befand. Bei dem Verfasser handelte es sich offensichtlich um einen Mönch mit dem Namen Anselmus de Castelrotto.
Wie sich herausstellte, war dieser ein Gelehrter gewesen, der sich von der kirchlichen Orthodoxie abgewandt hatte, um sich heimlich mit verbotenen Schriften aus vorchristlicher Zeit und dunkler Dämonologie zu befassen.
Anselmus schrieb in seiner Einleitung, dass es sein Ziel sei, die uralten alpinen Dämonen und Naturgeister der Dolomiten in einem Werk zu bündeln, um die Macht des Christentums mit dessen Wissen über die dunklen Mächte zu vereinen.
Sein Werk war als ketzerisch verurteilt worden und verschwand bald aus den offiziellen Klosterarchiven. Wie es den Weg in die Schatzkammer Kärntens gefunden hatte, war für Wilhelm auch nach erweiterten Recherchen nicht mehr nachvollziehbar.
Der Codex war natürlich in Latein verfasst. Eine Sprache, die Wilhelm jedoch keine Mühe bereitete. Weitaus schwieriger war es für ihn, die schnörkelige Handschrift von Bruder Anselmus zu entziffern.
Wilhelm entdeckte darin nicht nur apokryphe Evangelien und verlorene Texte aus dem Frühmittelalter, sondern sogar Rituale von Exorzismen, die uralte Bergdämonen binden sollten.
Lass das nur nicht Prälat Marius Stöckl wissen, dachte Wilhelm beinahe hämisch. Stöckl war derjenige, dem er in erster Linie seine Versetzung hierher zu verdanken hatte.
Wenn sein erklärter Widersacher innerhalb der katholischen Kirche wüsste, mit welchem Material er sich hier gerade beschäftigte, würde er die Exkommunikation von »Exorzisten-Willi« wohl persönlich beim Heiligen Stuhl einreichen.
Wilhelm war wie gefesselt von den Geschichten, die Bruder Anselmus in seinem Werk erzählte. Geschichten, die ihm selbst bisher vollkommen unbekannt gewesen waren.
Schließlich stieß er auf eine Prophezeiung, die vor einem »Sohn der Berge« warnte und dessen Erscheinen als eine Art Antichrist angekündigt wurde!
In montibus silentibus, ubi umbrae loquuntur, natus est filius bestiae, portans ignem et tenebras. Quem nemo videt, sed omnes timent. Custodite verba, ne temeritate lances, quia in eis vita et mors latent.
Pater Wilhelm beugte sich vor und übersetzte das Geschriebene leise ins Deutsche:
»In den schweigenden Bergen, wo die Schatten sprechen, wurde der Sohn der Bestie geboren, der Feuer und Dunkelheit trägt. Den niemand sieht, doch alle fürchten. Bewahrt die Worte, dass ihr nicht töricht handelt, denn darin liegen Leben und Tod verborgen.«
Wilhelm war zufrieden. Er war nun der Ansicht, dass sich die Suche nach dem Codex mehr als gelohnt hatte.
Der war geradezu ideal für die Ausstellung, die der Direktor des Museums für die kommende Saison plante.
»Na, das hat ja der Herr Brauner wieder wunderbar hingekriegt!«
Johannas Zorn war deutlich hörbar, als sie wieder vor dem Geschäft auf der Simmeringer Hauptstraße standen.
Andreas sah ihr verärgertes Gesicht, wie es sich im Schaufenster der Schneiderei spiegelte. Er wagte noch nicht, sie direkt anzusehen.
Dabei hatte alles so harmlos begonnen. Sie waren an diesem Samstag quer durch Wien gefahren, weil Johanna fester Überzeugung gewesen war, dass man in diesem Laden einen vernünftigen Maßanzug zu einem fairen Preis bekommen konnte.
»Was habe ich denn jetzt wieder verbrochen?«, fragte Andreas, noch immer fassungslos. »Seit wann ist es nicht mehr erlaubt, eine Frage nach einem Kostenvoranschlag zu stellen? Die hat uns doch nur rausgeschmissen, weil sie genau wusste, dass sie uns ihre überteuerten Fetzen ohnehin nicht andrehen kann.«
»Überteuerte Fetzen?«, stieß Johanna wütend aus. »Dieses Geschäft gehört zu den günstigsten Schneidereien in Wien. Was glaubst du, was die Schneider in der Innenstadt verlangen würden? Bei deinem Bauchumfang?«
Sie drehte sich zornig weg und stapfte Richtung Straßenbahnhaltestelle.
Andreas warf noch einen Blick in das Schaufenster. Dort standen zwei Schaufensterpuppen in steifen Smokings. Einer davon offenbar für Kunden mit mehr ... Platzbedarf.
»Mein Bauchumfang?«, rief er ihr nach. »Was hat das mit meinem Bauchumfang zu tun? Und seit wann stört dich auf einmal mein Bauch?«
»Mehr Bauch, mehr Stoff«, antwortete Felix statt Johanna. Der imaginäre Freund stand auf einmal neben ihm.
Andreas rollte mit den Augen.
Er lief Johanna hinterher und holte sie ein.
Sie wich seinem Blick aus.
»Dann kauf ich mir halt einen Anzug von der Stange. So schlimm ist das nun auch wieder nicht. Ich trag den sowieso nur an diesem einen Tag und dann ...«
»Dann was?«, fuhr sie ihn an. »Dann führst du mich nie wieder zum Essen aus? Gehst nie wieder ins Theater mit mir oder mal auf eine Feier?«
Andreas hob abwehrend die Hände. »Das haben wir doch bisher auch nicht gemacht!«
Kaum gesagt, wusste er, dass es ein Fehler gewesen war.
»Ja!«, rief sie. »Eben! Weil du NICHTS ORDENTLICHES ZUM ANZIEHEN HAST!!!«
Er sah sich peinlich berührt um. Zwei Teenager mit Dönern in den Händen musterten sie mit amüsiertem Blick. Eine ältere Dame schüttelte den Kopf.
Andreas runzelte die Stirn. Die dreht doch nur mehr am Rad wegen dieser blöden Hochzeit, dachte er.
Immerhin war ihr Kleid längst ausgesucht. Der Caterer war bestellt.
Warum also so ein Aufriss wegen einem Stück Stoff?
Die Straßenbahn näherte sich bimmelnd.
Felix hatte noch eine Frage. »Weiß sie denn überhaupt schon, dass du im Tanzen auch eine Niete bist?«
Stift St. Paul im Lavanttal, 1. Dezember 2025
Seit Wochen wurde Pater Wilhelm von Albträumen geplagt.
Das Laken war feucht von seinem Schweiß, als er sich in seinem Bett aufrichtete. Und das, obwohl es in seiner Klosterzelle der Jahreszeit entsprechend schon einigermaßen kühl war.
Meist konnte er sich an seine Träume nicht mehr erinnern. In diesem Moment hatte er die Bilder aber noch deutlich vor seinen geistigen Augen.
Am meisten beunruhigte ihn dabei der Gedanke, dass er das Gefühl hatte, diese Bilder schon mehrmals in seinen Träumen gesehen zu haben.
Es waren Fratzen von Dämonen. Hässliche, gehörnte Gestalten mit langen Zungen, die hämisch lachten und auf ihn zeigten.
Wilhelm schüttelte den Kopf.
Träume, dachte er, nicht mehr.
Seine Blase schien fast zu platzen, und er fürchtete sich schon ein wenig vor dem Wasserlassen, da ihm dies seit geraumer Zeit immer mehr Mühe und vor allem Schmerzen bereitete.
Jedes Mal, wenn ihm das unter Anstrengungen und Schweißausbrüchen gelungen war, schwor er sich, bald einen Urologen aufzusuchen. Jedes Mal, nachdem er sich die Hände gewaschen hatte, verschob er dieses Vorhaben wieder.
