Gestehe, dass... - Dieter Kaspers - E-Book

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Dieter Kaspers

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Beschreibung

Der junge Soldat Georg Dorn kehrt nach Verwundung in Frankreich, Lazarettaufenthalt, kurzer Kriegsgefangenschaft in einem der berüchtigten amerikanischen Rheinwiesenlager auf der sog. "Goldenen Meile" sowie Stationen in Bonn und Köln 1945 in seine weitgehend zerstörte Heimatstadt Duisburg zurück. Erschüttert vom Tod seiner Eltern und seiner Großmutter, lebt Georg zunächst bei seinem Großvater Friedrich Dorn. Dort findet er allmählich in ein einigermaßen normales Leben zurück. Georg beginnt ein Kunststudium, das er 1953 erfolgreich abschließt. Nun realisiert er umgehend seinen großen Wunsch, sich mit einem kleinen Atelier selbstständig zu machen. Zwei Menschen, die er auf einer Kunstausstellung im Frühjahr 1953 trifft, bestimmen fortan sein Leben, nämlich die attraktive Journalistin Lisa Meinhart und der egozentrische Fabrikant Erwin Lohberg, der Georg einen ersten Großauftrag erteilt. Zwischen Georg und Lisa entwickelt sich eine innige Liebe; das Paar verlobt sich noch im selben Jahr. Die Hochzeit soll im Juni 1954 an Lisas 26. Geburtstag stattfinden. Die Leserinnen und Leser erleben die beiden in den ersten Nachkriegsjahren und begleiten sie durch glückliche Monate in Wirtschaftswunderzeiten mit vielen kommunalen, regionalen und überregionalen Bezügen und das vom ersten Satz an mit dem Wissen darüber, was das Schicksal für Georg und Lisa vorgesehen hat. Zwei Wochen vor der geplanten Hochzeit kommt Georg bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben. ---...--- Der Roman beginnt mit Georgs Beisetzung auf dem Alten Friedhof in Duisburg. In den dann folgenden Kapiteln wird die Handlung mit Ausnahme des Kapitels 22 "DANACH" in der Rückblende erzählt. Die Voranstellung von Schillers Ballade "DER RING DES POLYKRATES" wird zunächst nicht kommentiert. Zum einen ist ihr der Titel des Romans "GESTEHE, DASS..." entnommen und zum anderen spielt sie im späteren Verlauf der Handlung eine gewisse Rolle.

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Gestehe, dass...

Gestehe, das... Ein viel zu kurzes Leben // Roman aus Deutschlands Nachkriegszeit01 Abschied02 Zurück03 Sehnsucht nach der Zukunft04 Der graue Lappen05 Klopfen und Klappern06 Begegnungen07 Rendezvous08 Kontakt09 Warum?10 Posthörnchen11 Wir12 Siegfried von Xanten13 Drei Städte am Niederrhein14 Lisa15 Überfall16 Strandbad und Stiefel17 Geld18 Tegernsee19 Männerabend20 Ähnlich21 Das Leben ist schön22 DanachImpressum

Dieter Kaspers

Gestehe, dass…

Ein viel zu kurzes Leben

Roman

 aus 

Deutschlands Nachkriegszeit

*****

Der Ring des Polykrates

Er stand auf seines Daches Zinnen

und schaute mit vergnügten Sinnen

auf das beherrschte Samos hin.

„Dies alles ist mir untertänig“,

begann er zu Ägyptens König,

„gestehe, dass ich glücklich bin.“

„Du hast der Götter Gunst erfahren!

Die vormals deinesgleichen waren,

sie zwingt jetzt deines Zepters Macht.

Doch einer lebt noch, sich zu rächen,

dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,

solang des Feindes Auge wacht.“

Und eh der König noch geendet,

da stellt sich von Milet gesendet,

ein Bote dem Tyrannen dar:

„Lass, Herr, des Opfers Düfte steigen

und mit des Lorbeers muntern Zweigen

bekränze dir dein göttlich Haar!

Getroffen sank dein Feind vom Speere,

mich sendet mit der frohen Märe

dein treuer Feldherr Polydor.“

Und nimmt aus einem schwarzen Becken,

noch blutig, zu der beiden Schrecken,

ein wohlbekanntes Haupt empor.

Der König tritt zurück mit Grauen.

„Doch warn’ ich dich, dem Glück zu trauen“,

versetzt er mit besorgtem Blick.

„Bedenk’, auf ungetreuen Wellen –

wie leicht kann sie der Sturm zerschellen –

schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.“

Und eh er noch das Wort gesprochen,

hat ihn der Jubel unterbrochen,

der von der Reede jauchzend schallt.

Mit fremden Schätzen reich beladen,

kehrt zu den heimischen Gestaden

der Schiffe mastenreicher Wald.

Der königliche Gast erstaunet:

„Dein Glück ist heute gut gelaunet,

doch fürchte seinen Unbestand.

Der Kreter waffenkund’ge Scharen

bedräuen dich mit Kriegsgefahren;

schon nahe sind sie diesem Strand.“

Und eh ihm noch das Wort entfallen,

da sieht man’s von den Schiffen wallen

und tausend Stimmen rufen: „Sieg!

Von Feindesnot sind wir befreiet,

die Kreter hat der Sturm zerstreuet,

vorbei, geendet ist der Krieg!“

Das hört der Gastfreund mit Entsetzen.

„Fürwahr, ich muss dich glücklich schätzen!

Doch“, spricht er, „zittr’ ich für dein Heil.

Mir grauet vor der Götter Neide;

des Lebens ungemischte Freude

ward keinem Irdischen zuteil.

Auch mir ist alles wohlgeraten,

bei allen meinen Herrschertaten

begleitet mich des Himmels Huld;

doch hatt’ ich einen teuren Erben,

den nahm mir Gott, ich sah in sterben,

dem Glück bezahlt ich meine Schuld.

Drum, willst du dich vor Leid bewahren,

so flehe zu den Unsichtbaren,

dass sie zum Glück den Schmerz verleihn.

Noch keinen sah ich fröhlich enden,

auf den mit immer vollen Händen

die Götter ihre Gaben streun.

Und wenn’s die Götter nicht gewähren,

so acht’ auf eines Freundes Lehren

und rufe selbst das Unglück her;

und was von allen deinen Schätzen

dein Herz am höchsten mag ergötzen,

das nimm und wirf’s in dieses Meer!“

Und jener spricht, von Furcht beweget:

„Von allem, was die Insel heget,

ist dieser Ring mein höchstes Gut.

Ihn will ich den Erinen weihen,

ob sie mein Glück mir dann verzeihen“,

und wirft das Kleinod in die Flut.

Und bei des nächsten Morgens Lichte,

da tritt mit fröhlichem Gesichte

ein Fischer vor den Fürsten hin:

„Herr, diesen Fisch hab’ ich gefangen,

wie keiner noch ins Netz gegangen,

dir zum Geschenke bring’ ich ihn.“

Und als der Koch den Fisch zerteilet,

kommt er bestürzt herbeigeeilet

und ruft mit hocherstauntem Blick:

„Sieh, Herr, den Ring, den du getragen,

ihn fand ich in des Fisches Magen,

o, ohne Grenzen ist dein Glück!“

Hier wendet sich der Gast mit Grausen:

„So kann ich hier nicht ferner hausen,

mein Freund kannst du nicht weiter sein.

Die Götter wollen dein Verderben;

fort eil’ ich, nicht mit dir zu sterben.“

Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.

                                                                                                     Friedrich von Schiller

*****

Für Renate *****

Zum Inhalt

Der junge Soldat Georg Dorn kehrt nach Verwundung in Frankreich, Lazarettaufenthalt, kurzer Kriegsgefangenschaft in einem der berüchtigten amerikanischen Rheinwiesenlager auf der sog. "Goldenen Meile" sowie Stationen in Bonn und Köln 1945 in seine weitgehend zerstörte Heimatstadt Duisburg zurück.

Erschüttert vom Tod seiner Eltern und seiner Großmutter, lebt Georg zunächst bei seinem Großvater Friedrich Dorn. Dort findet er allmählich in ein einigermaßen normales Leben zurück. Georg beginnt ein Kunststudium, das er 1953 erfolgreich abschließt. Nun realisiert er umgehend seinen großen Wunsch, sich mit einem kleinen Atelier selbstständig zu machen.

Zwei Menschen, die er auf einer Kunstausstellung im Frühjahr 1953 trifft, bestimmen fortan sein Leben, nämlich die attraktive Journalistin Lisa Meinhart und der egozentrische Fabrikant Erwin Lohberg, der Georg einen ersten  Großauftrag erteilt.

Zwischen Georg und Lisa entwickelt sich eine innige Liebe; das Paar verlobt sich noch im selben Jahr. Die Hochzeit soll im Juni 1954 an Lisas 26. Geburtstag stattfinden.

Die Leserinnen und Leser erleben die beiden in den ersten Nachkriegsjahren und begleiten sie durch glückliche Monate in Wirtschaftswunderzeiten mit vielen kommunalen, regionalen und überregionalen Bezügen und das vom ersten Satz an mit dem Wissen darüber, was das Schicksal für Georg und Lisa vorgesehen hat.

Zwei Wochen vor der geplanten Hochzeit kommt Georg bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben.

---...---

Der Roman beginnt mit Georgs Beisetzung auf dem Alten Friedhof in Duisburg.

In den dann folgenden Kapiteln wird die Handlung mit Ausnahme des Kapitels 22 "DANACH" in der Rückblende erzählt.

Die Voranstellung  von Schillers Ballade "DER RING DES POLYKRATES" wird zunächst nicht kommentiert. Zum einen ist ihr der Titel des Romans "GESTEHE, DASS..." entnommen und zum anderen spielt sie im späteren Verlauf der Handlung eine gewisse Rolle.

Zum Autor

Dieter Kaspers wurde 1937 in Duisburg geboren. Neben seinem Beruf als Industriekaufmann stand er schon Anfang der 1960er Jahre auf verschiedenen Amateur-Bühnen. Er übernahm u. a. Rollen in Hörspielen von Jürgen Becker, Friedrich Dürrenmatt, Günter Eich, Wolfgang Hildesheimer und Siegfried Lenz.

Ab 1999 war er auch dreizehn Jahre lang journalistisch tätig und führte durch weit mehr als hundert Sendungen im Bürgerfunk bei Radio Duisburg.

Von 2000 bis 2008 sah man Dieter Kaspers in Produktionen der Comödien Bochum, Duisburg und Wuppertal.

Als Autor veröffentlichte Dieter Kaspers bereits einige Bücher.

*****

Sämtliche Namen, sowie Ereignisse, Handlungen und Äußerungen der auftretenden bzw. erwähnten Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.Neben den üblichen Recherchen für ein solches Buch war die beratende Begleitung des StD i. R. Günter Johann sehr hilfreich. Dafür an dieser Stelle mein ganz besonderer Dank.

D. K.

01 Abschied                     

Ein kurzer, leiser Aufschrei. Was für ein Schock! Einer der Sargträger ist auf der steilen Treppe, die von der ehrwürdigen Kapelle des Alten Friedhofs hinabführt, ins Straucheln geraten. Für einen Moment sieht es so aus, als risse er seine Kollegen mit. Aber dann siegt die Routine. Der Sarg steht sicher auf dem Wagen. Kränze und Buketts werden aufgeladen. 

Georg hätte diese Situation wahrscheinlich amüsiert, denn er mochte schwarzen Humor. Wie viele Geschichten hatte er gelesen, über die man lachen konnte, obwohl sie mit dem Tod zu tun hatten. Das war auch ein Versuch, sich von den schlimmen Bildern und Eindrücken zu befreien, die wenige Jahre zuvor auf ihn als junger Soldat eingestürzt waren.

Die letzten Segensworte des Pfarrers am offenen Grab sind gerade verklungen, als eine heftige Bö über den Friedhof fegt und den nahenden Wetterumschwung ankündigt.

Es ist eine große Trauergemeinde, die an diesem gewitterschwülen Junitag Georg Dorn die letzte Ehre erweist. Verwandte, Freundinnen und Freunde, Kunden und Nachbarn. Dicht neben Georgs Großvater, Friedrich Dorn, dem man mit seinem vollen silbergrauen Haar und der stattlichen Figur die sechsundachtzig Jahre nicht ansieht, steht Lisa Meinhart. Lisa, eine zierliche junge Frau, verbirgt ihre blonden Haare unter einem dünnen schwarzen Seidenschal. In der Hand hält sie eine einzige dunkelrote Rose. Es sieht aus, als stützten sich der alte Mann und die junge Frau gegenseitig. Noch vor vier Wochen hatten Lisa und Georg an Friedrich Dorns großem Wohnzimmertisch gesessen und Einzelheiten der für den 19. Juni geplanten Hochzeitsfeier besprochen. Auch Lisas Eltern sind ganz nah bei ihrer Tochter. Lisas Mutter weint leise, lässt ihren Tränen freien Lauf. Ludwig Meinhart versucht, seine Frau zu trösten. Lisa scheint ins Leere zu blicken, während sie ihrer Handtasche einen kleinen blassrosa Briefumschlag entnimmt.

Einige Damen halten besorgt ihre Hüte fest. Eine grauschwarze Gewitterwand baut sich bedrohlich auf. Die Herren, die Hüte in den Händen, fächern sich ab und zu damit etwas Luft zu, manche wischen sich mit großen Taschentüchern den Schweiß aus dem Gesicht.

Erwin Lohberg, korpulent, mittelgroß, in einem eleganten schwarzen Zweireiher, steht etwas abseits. Sein Gesicht ist aschfahl und er wirkt seltsam nervös. Der junge Student Horst Weller beobachtet Lohberg unauffällig. Lohberg war ihm nicht vorgestellt worden, aber er war sicher, dass das der Fabrikant war, von dem ihm Georg das eine oder andere erzählt hatte. Menschliches Verhalten in den verschiedensten Situationen interessiert Horst Weller immer wieder. Sehr sogar. Um sich auch wissenschaftlich damit auseinander zu setzen, hat er die Studiengänge Psychologie und Soziologie gewählt.

„Wie kommst du denn darauf? Das ist ja mal eine exotische Kombination“, war damals die Meinung vieler gewesen.

Horst hatte dagegen gehalten: „Ich sehe die Psychologie bereichsübergreifend. Und zudem kann es sein, dass ich durchaus noch ein drittes Fach studiere.“

Horst Weller kann sich das leisten; er kommt aus begütertem Hause und kennt keinen finanziellen Druck. Horst ist aus Süddeutschland angereist. „Meine Eltern und meine beiden Geschwister sind fassungslos und sehr traurig. Traurig auch, weil sie heute nicht hier sein können. Sie besuchen dich aber noch in diesem Monat.“

Friedrich Dorn hat dankbar genickt; die Familien Weller und Dorn sind seit Jahrzehnten eng befreundet.

Schräg hinter Lohberg steht sein Fahrer, Otto Kowalski, ein schmächtiges Männchen im grauen Anzug mit Dienstmütze. Lohberg hat seinen breitkrempigen Arbeitgeberhut gleich nach dem Segen des Geistlichen wieder aufgesetzt. Seine schwarze Seidenkrawatte verrutscht, als er erneut vergeblich versucht, möglichst unbemerkt den Kragenknopf zu öffnen.

Inzwischen hat sich hinter Friedrich Dorn eine Schlange gebildet. Der alte Mann tritt als erster an das offene Grab seines einzigen Enkels. Er bleibt eine Weile mit gesenktem Kopf stehen, seine rechte Hand tastet nach der kleinen Schaufel, die in dem hellbraunen Erdhügel steckt. Dreimal jenes seltsam dumpfe Poltern, wenn die kleinen Erdbrocken auf den Sarg fallen. Dann verharrt Friedrich Dorn noch einen Augenblick mit gefalteten Händen am Grab, bevor er sich langsam abwendet. Seine Augen spiegeln tiefen Schmerz, als er die Beileidsbekundungen stumm entgegennimmt.

Erdwurf und kleine Blumensträußchen aus dem auf einem dünnen Drahtgestell aufgestellten Körbchen. Einige verzichten auf beides, starren nur auf den Sarg hinab und nehmen so Abschied von Georg, der, für alle unfassbar, so früh gehen musste.

„Mama“, Lisas Stimme klingt tonlos und leise, „Horst Weller wird heute bei Georgs Opa übernachten. Fahrt mit den beiden zurück und kümmert euch vor allem um Friedrich. Ich komme später nach. Das kann aber dauern.“

Noch hat der drohende Regen nicht eingesetzt. Hastiger als sonst üblich laufen die Menschen zurück zum Haupteingang, zurück zur Straßenbahn, um vielleicht doch noch trockenen Fußes nach Hause zu kommen.

Jetzt ist Lisa allein. Sie tritt an das Grab. Mit einer langsamen Bewegung, beinahe zögernd, lässt sie die dunkelrote Rose auf den Sarg fallen. Ein kleiner blassrosa Briefumschlag, auf dem nur ein Wort steht, flattert hinterher. Sehr schnell wendet Lisa sich dann ab, die feuchten Augen mit einer Hand bedeckend.

Am Haupttor des Friedhofs steht Erwin Lohberg. Er hält Ausschau nach Lisa. Und dann kommt sie. Allein. Das irritiert ihn, wollte er doch anbieten, Friedrich Dorn sowie Lisa und ihre Eltern nach Hause zu fahren. „Fräulein Meinhart?“ In diesem Augenblick erfasst ein neuer heftiger Windstoß Lohbergs Hut, der mit hoher Geschwindigkeit, sich immer wieder überschlagend, Richtung Kapelle zurückrollt. Kowalski spurtet hinterher. Ein Friedhofsbesucher versucht, sich der entfesselten Kopfbedeckung in den Weg zu stellen. Dabei stolpert er, wäre beinahe gestürzt. Kowalskis Bemühen bleibt ebenfalls chancenlos. Schließlich drückt der Wind den Hut gegen einen kleinen senkrecht stehenden Grabstein und hält ihn dort wie angeklebt in halber Höhe fest, sodass von der Inschrift nur noch HIER RUHT zu lesen ist.

Der starke Wind hat Lohbergs bereits ziemlich schütteres Haar senkrecht aufgerichtet, als er, erfolglos um Glättung seiner Frisur bemüht, erneut ansetzt: „Fräulein Meinhart, ach, Sie sind allein? Ich wollte Sie und Ihre Eltern… Kann ich denn wenigstens Sie ein Stück mitnehmen?“

Lisa hat mal einen Artikel über Lohbergs Firma geschrieben und ihn zusammen mit Georg ein paar Mal getroffen. Einmal sind sie von Lohberg auch zu einer Feier eingeladen worden. Lisa mag die Art des Unternehmers nicht sonderlich, sein gesamtes Auftreten, sein unentwegtes und oft großspuriges Reden empfindet sie als sehr unangenehm. Allerdings ist sein Verhalten ihr gegenüber schon immer sehr höflich. 

„Das Unwetter wird gleich losgehen.“

Lisa bleibt kurz stehen, hebt leicht abwehrend die rechte Hand. „Nein danke. Sehr freundlich, Herr Lohberg, aber ich möchte jetzt allein sein. Bitte haben Sie dafür Verständnis.“

„Ja schon, aber…“

„Ihr Hut, Chef.“

Bevor Lohberg noch etwas sagen kann, ist Lisa nach rechts in den Sternbuschweg eingebogen und schon ein gutes Stück entfernt. Wenig später startet eine dunkle Limousine in die entgegengesetzte Richtung.

Die Gewitterwolken haben das Tageslicht inzwischen nahezu völlig verschluckt. Jetzt klatschen ein paar erste dicke Regentropfen auf die warmen Gehwegplatten. Kleine Dampfwölkchen steigen hier und da empor, dann entlädt sich mit aller Macht ein heftiger Gewitterregen. In schneller Folge zucken Blitze aus der schwarzen Wolkenwand, gefolgt in kurzen Abständen von dröhnenden Donnerschlägen.

02 Zurück

Zwei harte Schläge. Ein nie gekannter stechender Schmerz. Getroffen von zwei Kugeln in Schulter und Bauch bricht Georg Dorn zusammen. Nun hat es dich doch noch erwischt, geht es ihm durch den Kopf, bevor es plötzlich dunkel und ganz ruhig um ihn wird. Dann kehrt sein Bewusstsein noch einmal für einen kurzen Moment zurück. Er dreht seinen Kopf mühsam nach rechts. Seine Hand liegt auf dem Gesicht eines toten Kameraden. Es ist Werner. Werner, der immer so zuversichtlich und fröhlich war. Georg will den Arm bewegen. Fast unmöglich. Die Hand rutscht etwas tiefer und bleibt auf Werners Hals liegen. Im Nu quillt Blut zwischen Georgs Fingern hervor. Eine Kugel hat Werners Hals zerfetzt. Entsetzt wendet Georg sich so gut es geht nach links. Dort liegt, seltsam verkrümmt, Robert. Ebenfalls tot. Eine äußere Verletzung ist nicht zu sehen. Auf Roberts Gesicht – kaum wahrnehmbar – die Andeutung eines Lächelns. Es scheint, als wolle er sagen: „Ich bin glücklich, ich weiß jetzt mehr als ihr Lebenden alle zusammen.“

Wieder schlagen Granaten ein. Das Rattern der todbringenden Maschinengewehrsalven zerhackt die Luft. Eine große Übelkeit kommt in Georg hoch. Über ihm das bizarre Geäst zerschossener Bäume. Die Äste und Zweige beginnen, sich zu drehen. Erst ganz langsam, dann schneller und schneller, bis sie im Dunkel verschwinden. Er sieht ganz deutlich seine geliebte Mutter, die unermüdliche und immer fröhliche Hausfrau, sieht seinen Vater, den vielseitigen Handwerker, der später seinen aktiven Bergmannsberuf, in dem er sich so wohl fühlte, wegen einer langwierigen Krankheit in den dreißiger Jahren aufgeben musste. Er sieht auch seine Eltern im Dunkel verschwinden.

„Du hast großes Glück gehabt“, sagt der Arzt im Feldlazarett. „Sah ziemlich schlimm aus. Wir konnten dich aber wieder zusammenflicken.“

„Glück?“, denkt Georg. „Das wird sich erst noch zeigen. Hoffentlich hat er…“

Die junge Krankenschwester, die sich in diesem Moment über ihn beugt, um Puls und Blutdruck zu kontrollieren, lenkt ihn derart ab, dass seine Gedanken sofort in eine andere Richtung gehen. Er registriert nur flüchtig, was der Doktor sonst noch von sich gibt.

„Brauchst jetzt Schonung. Das geht alles nicht so schnell.“ Und dann senkt der Mann im weißen blutbefleckten Kittel seine Stimme: „Für dich ist der Krieg zu Ende“, und fügt dann mit noch leiserer Stimme fast flüsternd hinzu: „Hoffentlich.“

-----

Das Jahr 1945 ist erst wenige Wochen alt. Georgs Verwundung macht ihm noch immer zu schaffen.

„Wird schon gut. Du hast prima Heilfleisch, Junge“, sagte Mutter früher, wenn er sich mal wieder ein Knie aufgeschlagen hatte oder mit der einen oder anderen Schürfwunde nach Hause gekommen war. Dann machte Georg schon mal eine „Pause“, war aber meistens am nächsten Tag wieder der „wilde“ Georg.

Bereits im Frühjahr endet für Georg das Martyrium der amerikanischen Gefangenschaft auf der sog. „Goldenen Meile“ im Rheinwiesenlager bei Remagen mit seinen verheerenden Verhältnissen. Man entlässt den ausgemergelten jungen Mann in eine ungewisse Freiheit, zusammen mit anderen verletzten Soldaten, mit Frauen, Jugendlichen sowie Männern über fünfzig – sofern sie als politisch unverdächtig gelten.

Als Georg Bonn erreicht, macht er zufällig die Bekanntschaft von Else Lange. Seine jämmerliche und zerlumpte Erscheinung rührt die ältere Dame derart, dass sie ihn in ihrem Gartenhäuschen wohnen lässt. Frau Lange gibt ihm Kleidungsstücke ihres Sohnes, der, wie sie sagt, im „Feld" geblieben ist. Auch einen Rucksack, der seine beste Zeit schon lange hinter sich hat und einst ihrem verstorbenen Mann gehörte, schenkt sie ihm.

So gut es geht, versorgt sie Georg, päppelt ihn auf, als wäre es der eigene Sohn. Ihr heiteres Gemüt, das sich Frau Lange trotz aller Schicksalsschläge erhalten hat, tut Georg gut. Frau Langes gelegentliche kleine Scherze hellen immer wieder seine Stimmung auf. Dann erkrankt sie plötzlich, verlässt Bonn und zieht zu einer ihrer Töchter nach Süddeutschland. Zum Abschied schenkt Georg ihr ein Portrait. Es ist ihm besonders gut gelungen und zeigt Frau Lange fast fotografisch genau, was bei ihr große Freude auslöst. Den Zeichenblock und insgesamt sieben Bleistifte darf Georg behalten. Und so zieht er ebenfalls weiter.

In Kölns Trümmerwüste wird Georg schmerzlich klar, wie sehr die Zivilbevölkerung im Krieg gelitten hat und auch jetzt noch leidet. Er kommt mit anderen notdürftig in einer halbzerstörten Werkshalle unter. Trümmerberge, wohin das Auge blickt. Auf vielen Straßen sind Schmalspurschienen notdürftig verlegt worden. Loren transportieren Schutt ab. Dabei suchen ausgemergelte Menschen nach Brauchbarem, vor allem nach einigermaßen erhaltenen Ziegelsteinen, die man auf dem Schwarzmarkt in Lebensmittel umtauschen kann. Notgedrungen versucht Georg, sich an diesem „Geschäft“ zu beteiligen, um hier und da etwas Essbares zu ergattern.

Georg fühlt sich in dieser unwirklichen Welt unwohl und will so schnell wie möglich weiter. Nach Hause. Nach Duisburg. Von den schweren Angriffen auf die Stadt seit 1943 hatte er gehört. Mitte 1944 war jedoch jeder Kontakt abgebrochen. Georg will sich nicht vorstellen, was ihn zu Hause erwartet.

Und dann tritt ein Umstand ein, der ihn noch eine Weile in Köln festhält. An einem sonnigen Nachmittag setzt er sich mitten in der Stadt im Schatten des arg zerstörten Doms auf einen Mauerrest und skizziert mit gekonnten schnellen Strichen das, was er sieht: die allgegenwärtige Trümmerkulisse und natürlich den Dom. Immer wieder den Dom. Es entstehen auch Bilder, die den Dom in seiner ganzen Schönheit unzerstört zeigen. Diese Bilder und ein paar Portraits, die er am Vormittag „nur so“ gemalt hat, liegen, mit kleinen Steinen beschwert, vor ihm auf dem Gehweg. Ein Versuch kann ja nicht schaden, verteidigt er gedanklich seine Idee, aber wer wird sich in diesen Nachkriegszeiten, in dieser brutalen Realität, schon für seine Kunst interessieren? Die Menschen haben doch wahrlich andere Sorgen.