Gewalt ist eine Lösung - Stefan Schubert - E-Book + Hörbuch
Beschreibung

Polizist als Hooligan entlarvt - diese Schockmeldung erschütterte 1996 die ganze Nation. Nach einem Fußballspiel hatten Hooligans in der Bielefelder Innenstadt eine Straßenschlacht mit 55 Verletzten angezettelt - an vorderster Front dabei: Stefan S., Polizist. Acht Jahre lang hatte der Polizeiobermeister in zwei Welten gelebt: Während er unter der Woche in Uniform auf Streife ging, zog er am Wochenende deutschland- und europaweit durch die Stadien. Hart und ehrlich berichtet Stefan Schubert von dem süchtig machenden Rausch der Gewalt und deckt zugleich das Versagen der Polizei auf, die ihn unbehelligt ließ, obwohl sie von seinem blutigen Hobby wusste. Nach einem geheimen Deal zwischen Staatsanwaltschaft, Gericht und Polizeiführung schied er aus dem Polizeidienst aus - jetzt packt er im Buch ***Gewalt ist eine Lösung*** aus.

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Seitenzahl:361

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Zeit:3 Std. 37 min

Sprecher:Fabian Gröver


Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National-bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.  

Für Fragen und Anregungen:schubert@rivaverlag.de

Die Namen aller im Buch erwähnten Personen wurden geändert.  

7. Auflage 2012

© 2010 by riva Verlag, ein Imprint der FinanzBuch Verlag GmbH

Nymphenburger Straße 86 D-80636 München Tel.: 089 651285-0 Fax: 089 652096  

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.  

Manuskriptbearbeitung: Michael Gösele, München

Umschlaggestaltung: Moritz Röder, München

Umschlagabbildung: stockxpert

Satz: Manfred Zech, Landsberg am Lech

EPUB: Grafikstudio Foerster, Belgern  

ISBN 978-3-86413-005-2  

Dieses Buch ist all denen gewidmet, deren Geschichten hier erzählt werden.

Inhalt

Spielbericht – Die verhängnisvolle SchlagzeileAufwärmprogramm – Das erste Mal GewaltMannschaftsaufstellung – Blue Army BielefeldAnpfiff – Als Hooligan zur PolizeiProbetraining – Ein klassischer Knock-outFreistoß – Die Mauer in Berlin fälltAngriff – Das Ende einer Rocker-GangAbwehrschlacht – Der Polizeikessel von EdenkobenKantersieg – Eine verhängnisvolle BegegnungZeugwart – Zwei Koffer zu vielLänderspiel – England verliert im ElfmeterschießenSpieltaktik – Über Jäger und GejagteHalbzeitpause – Rinnesaufen auf der ReeperbahnDer Unparteiische – Der Türsteher im TrenchcoatAuswärtsbegegnung – Bürgerkrieg in BremenFoul – Wenn Autonome in der Küche sitzenSeitenwechsel – Ein Dealer muss büßenBlutgrätsche – Showdown auf MallorcaErgänzungsspieler – Ein Gewalttäter SportVideobeweis – Aufstiegsfeier mit NebenkriegsschauplätzenGelbe Karte – Ein Polizist vor dem PlatzverweisRote Karte – Im Namen des VolkesNachspielzeit – Das zerstörerische GrinsenSchlusspfiff – Gebrandmarkt für immerSpielanalyse – Das Leben danach

Bildteil

Ich danke

1. Spielbericht – Die verhängnisvolle Schlagzeile

Dienstag, 5. November 1996

Die Nachtschicht wollte nicht enden. Es war gerade 04:15 Uhr und es passierte mal wieder nichts. Keine Einsätze, keine Notrufe – nur quälende Langeweile. Noch zwei Stunden bis zum Dienstende. Und noch zwei Stunden bis zum lästigen Dienstabschlussbier. Morgens um kurz nach 6 Uhr! Das gehörte dazu. Wer nicht mittrinken wollte, galt als Außenseiter. Das Ganze fand jeden Morgen im Partyraum unserer Dienststelle statt. Ein Partyraum in gut deutscher Gemütlichkeit. Eckbänke, überzogen mit muffigen Bezügen oder abgewetzten Sitzkissen. Deutsche Beamtengeselligkeit bei Bier und frischen Brötchen im Morgengrauen. Holzgetäfelte Wände, Polizeiwappen, Pokale, schummrige Beleuchtung aus Lampenschirmen, die von dem dicken Qualm der Zigaretten gelblich braun von der Decke hingen.

Der Biervorrat stammte von einem Unternehmen, das mit uns Polizisten gute Umsätze machte. Jede Stadt hat unzählige Abschleppfirmen und Autowerkstätten. Aber die Polizei ruft bei Pannen oder Unfällen immer nur eine an. Und die dankt die lukrativen Schleppfahrten und Reparaturaufträge mit vollen Kühlschränken. Bier, Spezi, Cola – es war wie immer alles da. Und jeder Polizist wusste, wo er seinen Privatwagen günstig warten lassen konnte …

Diese lustige Frühstücksrunde verließ man als junger Polizist erst, wenn ein Dienstältester den Anfang machte. Neulinge sollten diese Polizeitradition nicht durchbrechen, sonst hätten sie verloren. Auch wenn sie nach einer langen Nacht gerne ins Bett wollten. Aufgebrochen wurde erst, wenn sich die Runde nach drei oder vier Absacker-Bieren langsam auflöste. Erst dann fuhren die Hüter über Recht und Ordnung nach Hause. Promillegrenzen gab es in diesem Raum keine. Wer nicht kontrolliert wurde, hatte auch nicht zu viel getrunken – und Polizisten überprüften keine Polizisten. Das war schon immer so.

Seit acht Monaten war ich nun in Bielefeld im Dienst. Nach acht Jahren beim Bundesgrenzschutz, der Landespolizei Nordrhein-Westfalen und bei der Bereitschaftspolizei in Wuppertal und in der Nähe von Dortmund wurde ich in meine Heimatstadt versetzt. In die Polizeiinspektion Süd. Streifendienst. Eigentlich der Traum vieler Polizisten: eine Stelle in der Heimat. Da, wo man aufgewachsen ist, wo man jeden kennt und von jedem gekannt wird. Oder auch anerkannt.

Da war ich also. Eine alte Dienststelle mit 15 Mann. Eine reine Altherrenwelt – gestört nur von einer jungen Kollegin und von mir. Verjüngung nannte man so etwas wohl. Oder auch Ruhestörung für die, die schon seit 15 Jahren und länger hier auf Streife gingen. Zwei junge Polizisten, die beim Dienstabschluss morgens um 6 Uhr allenfalls Malzbier trinken wollten. Und dann auch noch eine Frau, wegen der man die Pin-ups von den Wänden hängen musste.

Diese Nachtschicht wollte wieder nicht zu Ende gehen. Es war gerade mal 04:30. Müde und gelangweilt schaute ich bei der Doppelkopfrunde vorbei, obwohl mir dieses Spiel gerade um diese Tageszeit eher fremd war. Bis es endlich an der Wachtür klingelte. Der erste Lichtblick seit Stunden in dieser Ödnis – die frisch gedruckten Tageszeitungen.

Mein Kollege Rolf saß über dem Westfalen-Blatt. Rolf war zu jener Zeit ein Kollege, den ich sehr schätzte und respektierte, schließlich war er sieben Jahre beim SEK, dem Spezialeinsatzkommando, bei dem ich gerade eine Bewerbung laufen hatte. Was er aus seiner SEK-Zeit erzählte, klang nach Abenteuer. Und nach Actionfilm. Eine völlig andere Welt als die der Polizeiinspektion Süd. Spannender als alles, was man hier im Streifendienst erleben konnte. Sturmhauben, Maschinenpistolen, gefährliche Einsätze – das war das SEK und da wollte ich hin. Für das SEK wäre ich sogar bereit gewesen, mein Leben zu ändern. Wenn es mit meiner Bewerbung endlich klappen würde.

Rolf sah mich mit einem durchdringenden Blick an: »Wie alt bist du jetzt?«, fragte er. Ich? Wie alt? Was soll die Frage um diese Uhrzeit, dachte ich, ohne etwas zu ahnen. »Bist du nicht 26?«, bohrte er weiter.

»Wenn du es sowieso weißt, was fragst du dann?«

»Lies das hier!«, flüsterte er mir zu und zeigte mit seinem Finger auf die aufgeschlagene Zeitungsseite. »Polizeibeamter ist Fußball-Hooligan«, stand da. In großen Buchstaben. Die Schlagzeile. Polizist – Hooligan – Bielefeld – 26 Jahre. Die meinten mich. Das war meine Geschichte. Um Gottes willen.

Mir wurde auf der Stelle übel. Es war wie ein Schlag in die Magengrube. In derselben Sekunde verschwamm alles um mich herum. Das Gemurmel meiner Kollegen beim Kartenspiel, die verbrauchte Luft, die Töne aus dem Funkgerät – alles wurde blass und verzerrt. Mein Herz raste wie verrückt. Cool bleiben. Lies den Artikel, Schubert, und tu so, als wüsstest du von nichts, versuchte ich mir einzureden. Diese Schmierfinken von der Zeitung! Diese Scheiß-Bürokraten im Polizeipräsidium! Die wollten es mir also tatsächlich besorgen. Acht Jahre lang hatten die mich nicht erwischt und sie würden es auch jetzt nicht schaffen. Oder doch? Meine Gedanken überschlugen sich im Sekundentakt.

Mit mir hatte keiner gesprochen. Kein Vorgesetzter hatte mich zur Rede gestellt. Was sollte das also? Woher wusste dieser Journalist von der Sache? Wie kam der zu seinen Informationen? Wollten die mich rausekeln? Hintenherum? Nicht von Mann zu Mann, sondern ganz perfide über die Medien? Was in diesem Text stand, stimmte sogar. Irgendwie. Aber ich würde kämpfen. So schnell würde ich mich nicht kleinkriegen lassen. Ich nicht!

Ich versuchte, ruhiger zu werden. »Das ist ja ein Ding«, sagte ich – wie in Trance, als zöge mir jemand den Boden unter den Füßen weg. Rolf schaute mich nur an. Wortlos fragend und enttäuscht zog er die Zeitung wieder vor sich auf den Tisch und starrte ins Leere.

Acht Jahre lang konnte mir niemand etwas anhaben. Acht Jahre lang hatte ich im Polizeidienst für Recht und Ordnung gesorgt und in meiner Freizeit als Fußball-Hooligan Nasenbeine und Kieferknochen unzähliger Menschen gebrochen, aber ich wurde bis dahin nie erwischt. Kein Eintrag in der Personalakte, keine Strafanzeige, keine Verurteilung. Gut, es kamen im Laufe der Zeit sechs Ermittlungsverfahren zusammen und das war schon eine ordentliche Anzahl. Aber alle blieben ohne Erfolg. Bewiesen konnte nie etwas werden. Dazu gab es bestimmt noch ein gutes Dutzend Verfahren, bei denen ich als Täter nicht ermittelt werden konnte, aber darüber wusste nur ich Bescheid. Und ein paar meiner Jungs. Die konnten schweigen. Warum also sollte mich mein Glück plötzlich verlassen?

2. Aufwärmprogramm – Das erste Mal Gewalt

Der Tod kam drei Mal, als ich gerade einmal 13 Jahre alt war. Innerhalb von nur sechs Monaten verlor ich drei Menschen, die mir nahestanden. Zuerst starb mein Vater an Krebs. Mein Vater, mit dem ich als kleiner Junge zum ersten Mal auf die Bielefelder Alm gegangen war und der mich nach der Scheidung meiner Eltern regelmäßig zu den Heimspielen der Arminia mitgenommen hatte. Drei Monate später verstarb meine Großmutter und weitere drei Monate später war der Lebensgefährte meiner Mutter tot – auch er erlag einer Krebserkrankung. Meine Mutter musste während eines halben Jahres drei Beerdigungen und drei Haushaltsauflösungen abwickeln – von der Trauer über den Verlust dieser Menschen einmal ganz zu schweigen.

Mich hatten diese Todesfälle in der Schule so sehr zurückgeworfen, dass ich vom Gymnasium auf die Realschule wechseln musste, was – wie sich noch herausstellen wird – auch der Grundstein für meine spätere Hooligan-Karriere sein sollte. Denn mit dem Schulwechsel kam auch ein neuer Schulweg. Mit dem Bus, was sich als fatale Wende in meinem Leben erweisen sollte. Mein Lebensinhalt zu jener Zeit war der Fußball. Mit den Jungs aus meinem Bielefelder Stadtteil Stieghorst zusammen verbrachte ich einen Großteil meiner Jugend auf Bolzplätzen. Gewalt und Aggressionen kannten wir zu jener Zeit nicht. Es war eine heile Welt, in der wir da lebten. Fußball spielen, Arminia gucken, über Fußball reden und ein paar schwärmerische Blicke zu den Mädchen am Spielfeldrand, das war unser Leben. Alles war gut – oder so gut es eben ging. Aber irgendwann sollte diese heile Welt die ersten Risse bekommen.

Mit meinem damals besten Freund Thomas musste ich jeden Morgen mit dem Bus zur Schule fahren. Nur eine Station weiter musste der Schulbus in der sogenannten »Bronx« halten. Es war eine neu errichtete Sozialbausiedlung, in der überwiegend Türken lebten. Dort stiegen fast täglich fünf junge Türken in unserem Alter zu. Die Jungs spielten sich fürchterlich auf und begannen, kaum im Bus, uns anzupöbeln. Sie gehörten zu einer größeren Gruppe, und wann immer sich die Gelegenheit für sie ergab, nahmen sie uns in die Zange. »Scheißdeutsche«, »Drecks-Kartoffelfresser«, »Scheiß-Nazis« – wir Jungs mit unseren 14 oder 15 Jahren wurden fast täglich beschimpft, bedroht und angerempelt, ohne dass wir uns zu wehren wussten. Und ohne zu wissen, was wir eigentlich verbrochen hatten. An manchen Tagen warteten ein paar von ihnen an der Bushaltestelle vor unserem Haus. Jeden Morgen suchte ich von meinem Zimmerfenster aus die Gegend um die Haltestelle herum ab, um zu sehen, ob die Luft rein war.

Was wird heute passieren? Das fragte ich mich fast jeden Morgen. Würden sie uns verprügeln, wie in der Vergangenheit ständig angekündigt? Würden sie uns wieder durch den Bus stoßen, anrempeln und beleidigen? Die Kinder auf dem Weg zur Schule hatten nur noch Angst. Nicht nur Thomas und ich waren das Ziel ihrer Attacken – alle, die nicht Teil dieser Türken-Gang waren, mussten ständig mit dem Schlimmsten rechnen. Mein Magen begann regelmäßig zu brennen, wenn ich morgens verstohlen aus meinem Zimmerfenster schaute und einen von ihnen sah. Wie viele würden in der »Bronx« noch zusteigen? Und würden sie mir heute vielleicht eine knallen? Oder mich bespucken, wie sie es gestern mit Thomas getan hatten? Wir waren mittlerweile 16 Jahre alt und nach zwei Jahren Angst und Demütigungen von harmlosen Jugendlichen zu wütenden jungen Männern gereift. Es musste endlich etwas geschehen – und es sollte etwas geschehen.

Wir mussten uns rüsten. In die umliegenden Kampfsportschulen konnten wir nicht gehen, weil genau dort auch unsere türkischen Gegner und deren Freunde trainierten. Also besorgten wir uns einen Sandsack, befestigten ihn an der Decke unseres Wäschekellers und droschen stundenlang darauf ein. Dazu machten wir Liegestütze auf den Fäusten, so wie wir es in Chuck-Norris-Filmen gesehen hatten. Das gab Kraft und härtete die Hände ab. Wir trainierten wie besessen und meldeten uns nach einiger Zeit in einem Fitness-Studio zum Boxtraining an. Der Laden musste gut sein, schließlich verkehrten und trainierten zahlreiche Bielefelder Türsteher in dem Studio. Unser Plan begann langsam zu reifen.

Frank schloss sich uns an. Damals, mit 16 Jahren, war er schon 1,95 Meter groß und wog knapp 100 Kilo. Uns verband die gemeinsame Leidenschaft zur Arminia Bielefeld und zu unserer Hobby-Mannschaft, mit der wir jedes Wochenende kickten. Frank, Thomas und ich trainierten zweimal die Woche mehrere Stunden und wurden in kürzester Zeit so fit, dass wir uns zusätzlich zum Boxtraining auch noch beim Kickboxen anmeldeten. Es dauerte keine sechs Monate und aus uns Milchbubis wurden junge Kämpfer. Stark, trainiert, ausgebildet und zu vielem bereit. Und uns war klar: Von nun an würden wir unsere Haut teuer verkaufen. Demütigungen, Beleidigungen und Anfeindungen würden wir uns ab sofort nicht mehr gefallen lassen. Und schon bald sollte es zum High Noon kommen.

Thomas und ich saßen im Schulbus und wie erwartet stiegen in der »Bronx« die vier türkischen Jungs ein. Sie steuerten sofort auf den hinteren Busteil zu und pöbelten uns schon vom Eingang aus an. Thomas und ich blickten uns nur kurz an, nickten uns zu und standen von unseren Sitzen auf. Wir wussten, was wir zu tun hatten. Die Fahrten, bei denen wir eingeschüchtert sitzen geblieben waren, gehörten nun endgültig der Vergangenheit an. Ab sofort würden wir ihnen zeigen, wer künftig Angst vor dem Schulweg haben sollte.

Und dann ging es ganz schnell: Der erste Türke versuchte, Thomas mit dem rechten Arm vor die Brust zu stoßen. Doch der wich geschickt aus und knallte ihm blitzschnell die rechte Faust aufs Auge. Da das Ganze so überraschend kam, setzte er direkt eine Links-rechts-Kombination nach, was die anderen drei in eine Art Schockstarre versetzte. Der Türke, der mir am nächsten stand, bekam mit voller Wucht meine rechte Faust auf die Nase, die in Sekundenschnelle am oberen Kamm platzte und sofort blutete. Der Junge hielt seine blutende Nase, beugte sich nach vorne und wimmerte vor Schmerzen. Seine beiden Kumpels starrten wie gelähmt auf diese bizarre Szenerie, schnappten die beiden verletzten Freunde am Arm und verließen an der folgenden Haltestelle fluchtartig den Bus. Adrenalin und Endorphine durchjagten unsere Körper. Völlig aufgeputscht blieben wir im Bus stehen und blickten in die erschrockenen Gesichter der anderen Schüler. Dann nickten uns die ersten anerkennend zu und der Busfahrer, der die Auseinandersetzung im Rückspiegel beobachtet hatte, setzte – ohne ein Wort zu sagen – die Fahrt zur Schule fort. Thomas und ich schauten uns schweigend an. Was war das? Hatten wir es getan? Hatten wir uns tatsächlich zur Wehr gesetzt? Unsere verlorene Ehre zurückerkämpft? Ja! Wir hatten es geschafft. Oder?

Die Schlägerei im Bus sprach sich wie ein Lauffeuer in unserem Viertel herum und nur zwei Wochen später forderte die Türken-Clique Revanche für die erlittene Schmach im Schulbus. Die meisten jungen Deutschen hatten schon ähnliche Erfahrungen mit der türkischen Gruppe gemacht und bewunderten unsere Gegenwehr. Mit unserem jugendlichen Verstand hatten wir uns geschworen, gemeinsam das Viertel wieder zurückzuerobern.

Wir wollten keine Demütigungen mehr ertragen müssen. Damit war endgültig Schluss. Bald zumindest, hofften wir. Es stand nur noch der Rückkampf aus. Und an einem Freitag sollte es zum Showdown auf unserem Schulhof kommen.

Die Anspannung stieg bis ins Unerträgliche. Die Tage davor hatten Frank, Thomas und ich noch leidenschaftlicher und härter trainiert. Der Freitag kam und niemand wusste, ob es tatsächlich zu einem Fight kommen würde. Wir fühlten die Angst in uns aufsteigen. Die Angst vor einer Niederlage. Aber wir wollten uns dieser Sache auch stellen. Und so läutete es zur zweiten Pause. Der Schulhof füllte sich, wir standen da und warteten. Wir waren bereit – der Gegner musste nur noch kommen.

Und die Türken kamen. Sie stürmten den Lehrerparkplatz entlang, zwischen den Gebüschen durch und rannten direkt auf uns zu. In kürzester Zeit entwickelte sich eine wüste Massenschlägerei. Absolutes Chaos. Manche fielen hin. Andere traten mit Füßen auf die Liegenden, Fäuste krachten in Gesichter und in Rippen. Überall nur dumpfes Krachen, Schreie und Gestöhne. Frank mit seiner gewaltigen Körpergröße erwischte einen der Anführer der Gegenseite hart im Gesicht. Dieser konnte sich nur noch taumelnd auf den Füßen halten. Thomas kämpfte weiter hinten links im Getümmel, sodass ich ihn nicht richtig sehen konnte. Ich selbst rang in einem großen Knäuel mit fünf, sechs Türken. Jeder schlug, würgte und trat seinen Gegner. Meine erlernten Boxkenntnisse konnte ich in der chaotischen Schlägerei längst nicht mehr anwenden. Das hier war Straßenkampf – ohne jede Regel. Und diesen Straßenkampf hatten wir für uns entschieden. Dachten wir zumindest, ohne zu wissen, dass die ganze Sache noch ein Nachspiel haben könnte.

Die Lehrer an unserer Schule waren völlig entsetzt über diese Form von Gewalt. Sie konnten und wollten nicht verstehen, was da auf ihrem Schulhof geschehen war, schon gar nicht als typische Vertreter einer ganzen Lehrergeneration – der Alt-68er. Sie weigerten sich beharrlich, zu glauben, dass Jungs aus Einwandererfamilien grundlos uns Schüler angepöbelt und geschlagen hatten. Immer wieder prasselten dieselben Fragen auf uns herein: »Was habt ihr ihnen getan, dass sie sich so verhalten? Euch sogar bis in die Schule verfolgen und angreifen?« Dass die jungen Türken einfach nur Spaß daran hatten, uns zu schikanieren, überstieg das Heile-Welt-Denken unseres Lehrerkollegiums.

Nach der Schlägerei wurde umgehend der Lehrplan geändert. Die verbleibenden zwei Jahre unserer Schulzeit gab es in den Fächern Deutsch, Geschichte und Politik nur noch ein Thema: »Das dritte Reich«. Unsere Fragen, warum diese Jungs sich derart aggressiv und gewalttätig verhalten durften, wurden mit nur einem Begriff beantwortet: Auschwitz. In einem Land, das den Holocaust zu verantworten hatte, durften Ausländer weder beschimpft noch geschlagen werden. Dass wir uns nach monatelangen Bedrohungen, Beleidigungen, Demütigungen und Schlägen nur unserer Haut erwehren wollten, blendeten die Pädagogen völlig aus. Es passte nicht in ihre Ideologie einer multikulturellen Welt.

Dabei hatten wir diese Fragen längst beantwortet. Es folgten noch ein paar weitere Schlägereien und Revierkämpfe. Wem gehörte der Bolzplatz? Das neu eröffnete Jugendzentrum? Das Freibad in unserem Viertel? Gekämpft wurde um ziemlich alles – es gab Siege und Niederlagen, aber mit der Zeit ebbten die Provokationen, Beschimpfungen und Bedrohungen im Viertel langsam ab. Niemand wurde mehr geschlagen. Es gab plötzlich ein Zusammenleben. Irgendwie. Wenn wir ein paar von den türkischen Jungs zufällig trafen, gab es keine feindseligen Blicke mehr. Sie schauten weg und ließen uns in Ruhe. Wir hatten uns Respekt verschafft.

Was also war nun mit der These unserer Lehrer, dass Gewalt keine Lösung sei? Sie hatten sich geirrt. Wir konnten das Gegenteil beweisen: Gewalt ist eine Lösung!

3. Mannschaftsaufstellung Blue Army Bielefeld

Mein Vater hatte mich als kleinen Jungen regelmäßig mit auf die Bielefelder Alm genommen, das Fußballstadion DSC Arminia Bielefeldnotorisch erfolglos mit einigen wenigen Höhen und vielen schmerzhaften Tiefen. Der klassische Underdog-Verein einer Stadt, die seit Jahrzehnten verschworen hinter ihrem Club stand. Das war der Verein meines Vaters und es war auch meiner. Als kleiner Junge hatte ich erstaunt das Spiel, die Reaktionen meines Vaters und die seiner Sitznachbarn beobachtet. In seinen Parka gehüllt, aufgebracht das Spielgeschehen kommentierend. Nun setzte ich die Familientradition also fort und ging wieder regelmäßig zur Arminia. Und die spielte zu jener Zeit in der 3. Liga damals hieß das noch »Amateuroberliga Westfalen«.

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