Wrestling als Sports Entertainment - Stefan Schubert - E-Book
  • Herausgeber: Tectum
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2014
Beschreibung

Die Gattung Professional Wrestling gilt als ein medial inszeniertes Spektakel, welches athletische Artistik mit dramatischen Formen verbindet. Die Akteure stehen sich dabei auf allegorische Weise meist in einer gespielten Auseinandersetzung als "Gut" und "Böse" gegenüber. Von Kritikern wird dieser theatrale Inszenierungscharakter häufig aufgegriffen. Er dient ihnen als Untermauerung für die These, dass Wrestling kein richtiger Sport sei. Die Fragen, die sich hierbei jedoch stellen, sind: Will Professional Wrestling überhaupt ein richtiger Sport sein und sieht sich die Wrestlingindustrie in ihrem Selbstverständnis nicht eher als eine Form der Unterhaltung, gestützt durch athletische Darbietungen? Betrachtet man die Geschichte der Gattung Professional Wrestling, ist dieser Diskurs durchaus berechtigt. So ist innerhalb der gegenwärtigen Wrestlingbranche inzwischen vom Sports Entertainment die Rede, einem Begriff also, der bereits auf die schauhaften Fernsehspektakel der modernen Wrestlingindustrie verweist. Wrestling ist somit eine ebensolche theatrale Zurschaustellung von Schmerzen und Emotionen, wie man sie auf kunstfertige Weise auch aus der Welt des Dramas kennt - oder um es mit den Worten von Roland Barthes zu sagen: "Was dem Publikum somit geboten wird, ist das große Spektakel von Schmerz, Niederlage und Gerechtigkeit." In der Gegenwart des 21. Jahrhunderts präsentiert sich die Gattung Wrestling offen als Unterhaltungsform mit Schaucharakter. Dies war zu großen Teilen des 20. Jahrhunderts jedoch keinesfalls selbstverständlich. Stefan Schubert beschäftigt sich mit den medialen Inszenierungstechniken der Gattung, mit deren Hilfe sie ihr ganz spezielles Narrativ an den Grenzen zwischen Realität und Fiktion entfalten konnte - angefangen bei den Ringertraditionen der Antike, bis hin zum modernen Medienspektakel.

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Seitenzahl:303

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Stefan Schubert

Wrestling als Sports Entertainment

Stefan Schubert

Wrestling als Sports Entertainment

Ein intermediales Spektakel der (athletischen) Narration

Tectum Verlag

Stefan Schubert

Wrestling als Sports Entertainment. Ein intermediales Spektakel der (athletischen) Narration

© Tectum Verlag Marburg, 2014

ISBN: 978-3-8288-6137-4

Umschlagabbildung: shutterstock.com © albund

(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-3488-0 im Tectum Verlag erschienen.)

Besuchen Sie uns im Internet

www.tectum-verlag.de

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

für meine Eltern

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Eine Einführung in die spektakuläre Welt des Sports Entertainments

1.2 Allgemeine Vorüberlegungen zum Forschungsgegenstand

2 Eine mediale Historiografie des Mythos Wrestling

2.1 Ein historischer Abriss der medialen Darstellung vom Ringkampf zum Sports Entertainment

2.2 Kayfabe: Die geheime Sprache des Professional Wrestlings (von der mündlichen Überlieferung bis zum World Wide Web)

3 Sports Entertainment als intermediales Netzwerk der theatralen Darstellungen

3.1 Professional Wrestling als Fernsehphänomen zwischen Sportübertragung und Seifenoper

3.2 Theatrale Spektakel als intermediale Inszenierungen im Sports Entertaiment

4 Schlussbetrachtungen

Quellenverzeichnis

I. Literaturverzeichnis

II. Online-Quellen

a) Online-Artikel

b) Online-Videos

c) Online-Bildquellen

III. Video-Quellen

a) Blu-Ray

b) DVD

c) VHS

1  Einleitung

Bevor ich den eigentlichen Forschungsgegenstand meiner Masterarbeit im Detail benenne, möchte ich anhand eines exemplarischen Beispiels einen Einblick in die Komplexität der von mir gewählten Thematik geben. Dieser Einstieg soll dabei helfen, das spektakuläre Ereignis „Wrestling“ als Sports Entertainment zu veranschaulichen, bevor ich es anschließend einer ausführlichen wissenschaftlichen Analyse unterziehen werde. Hierbei möchte ich besonders das Potenzial der Fragestellungen verdeutlichen, die sich aus der näheren Betrachtung des von mir gewählten Einstiegsbeispiels ergeben (aus denen sich schließlich die Thesen ableiten lassen, die im weiteren Diskurs mit dem Phänomen Sports Entertainment zu erörtern sein werden).

So möchte ich in Kapitel 1.1 zunächst eine konkrete Wrestlingstoryline vorstellen, die unmittelbar zu einem spezifischen Match und dessen Analyse führt. Indem ich somit die Spezifika der Wrestlingwelt in ihrer Rohform präsentiere, könnte dieser Einstieg evtl. etwas feuilletonistisch anmuten, jedoch sollen entsprechende Forschungsfelder, die im konzeptuellen Rahmen meiner Recherchen noch näher untersucht werden, hierbei bereits in ihren kontextuellen Zusammenhängen ersichtlich werden. Basierend auf diesem ersten Überblick werde ich in Kapitel 1.2 schließlich den konkreten Forschungsgegenstand meiner Masterarbeit formulieren und die Einblicke des vorangegangenen Kapitels entsprechend vertiefen.

1.1  Eine Einführung in die spektakuläre Welt des Sports Entertainments

„See, your problem is that you’re looking at this as a wrestling battle – two guys getting into the ring together to see who’s the better athlete. But it goes so much deeper than that. […] But there’s more at stake than just wrestling, my man. There’s a morality play. Randy Savage thinks he represents the light of righteousness. But, you know, it takes an awful lot of light to illuminate a dark kingdom. The Macho Man’s already in my kingdom, and his candle’s ready to blow out. Pretty soon, the darkness will overtake him. But it will be too late when he finds out yet again that when you play with snakes, you always get bitten.“

- Jake „The Snake“ Roberts1

Wir schreiben das Jahr 1991 in der World Wrestling Federation (WWF). Obwohl der „Macho Man“ Randy Savage im März des Jahres bei dem jährlich stattfindenden Großereignis Wrestlemania ein Match gegen seinen damaligen Erzrivalen, den Ultimate Warrior verlor, ging er dennoch als moralischer Sieger aus diesem Kampf hervor. Grund hierfür war die Wiedervereinigung mit seiner langjährigen Ringbegleiterin Miss Elizabeth. In den 80er Jahren galten diese beiden Protagonisten als das Vorzeigepaar der Wrestlingwelt schlechthin. Jedoch sollten beide Charaktere aufgrund verschiedener Differenzen in den Storylines der WWF Fernsehshows in den frühen 90er Jahren zunächst getrennte Wege gehen (hier folgt auch die Wrestlingindustrie ähnlichen narrativen Strukturen, wie man sie aus Seifenopern kennt – die im Fernsehen porträtierten zwischenmenschlichen Beziehungen sind hierbei stetigen Veränderungen unterzogen), bis sich die kreativen Köpfe der damaligen WWF (heute als WWE bekannt2) für eine dramatische Wendung entschieden und Elizabeth (die seit Monaten nicht mehr im Programm der World Wrestling Federation zu sehen war) aus dem Nichts auftauchte, um ihrem früheren Gefährten in der Stunde seiner Niederlage beizustehen.3

Eine Sonderklausel des Matches gegen den Ultimate Warrior besagte, dass der Verlierer seine aktive Karriere als Wrestler beenden müsste. Aus diesem Grund war Randy Savage in den Sommermonaten des Jahres 1991 in erster Linie als Kommentator der wöchentlichen Fernsehshows tätig und versuchte, seine frühere Beziehung zu Elizabeth wieder vor laufenden Kameras aufblühen zu lassen. Diese eher leichtherzige Storyline stand somit im Kontrast zu den zahlreichen erbitterten Fehden, die letztendlich zu den Wrestlingmatches der wöchentlichen WWF-Programme führten. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Fernsehromanze im Sommer des Jahres 1991, als Randy Savage seiner langjährigen Managerin einen Heiratsantrag machte. Dieser Antrag sollte schließlich zu einer spektakulären Hochzeit im Wrestlingring führen.4 Unter dem Motto „[A] Match made in Heaven“5, gaben sich Randy Savage und Elizabeth beim Summerslam 1991 im legendären New Yorker Madison Square Garden ihr gegenseitiges Ja-Wort.6

Hierbei handelt es sich um einen der vielen seltsamen Momente in der Welt des Sports Entertainments, in dem sich fiktive Storylines der Fernsehshows mit realen Elementen aus dem Leben der Wrestler überschneiden. Im wahren Leben waren der „Macho Man“ Randy Savage und Miss Elizabeth bereits seit Jahren verheiratet. In einem Versuch, ihre tatsächlich kriselnde Ehe aufzufrischen, entschlossen sie sich dazu, Ansätze ihres Privatlebens in die Storylines der World Wrestling Federation zu übertragen. Auf das Privatleben des Paares hatte diese Entscheidung jedoch wenig Auswirkungen, da ihre angeschlagene reale Ehe im Folgejahr zur Scheidung führte. Dafür brachte der Plan einer spektakulär inszenierten Hochzeit im Ring, der World Wrestling Federation zumindest einen kommerziell vermarktbaren Erfolg. Denn die Geschehnisse rund um diese Hochzeit sollten den Rest des Fernsehjahres 1991 der WWF entscheidend mitbestimmen.

Im Anschluss an die Hochzeit im Wrestlingring wurden die Fernsehzuschauer noch Zeugen der Feierlichkeiten hinter den Kulissen. Man spielte hierbei mit den Konventionen, die man aus dem Hochzeitsbrauchtum kennt: Glückwünsche wurden ausgetauscht, Reden wurden gehalten, es wurde getanzt, eine Hochzeitstorte wurde angeschnitten und das Brautpaar packte typische Geschenke aus, die meist aus Haushaltsgegenständen und Küchenutensilien bestanden. Doch dies wäre keine charakteristische Wrestlingshow, wenn nicht noch etwas Unvorhergesehenes geschehen würde, was die Konventionen jener Hochzeitsfeier durchbricht und den Auftakt für einen packenden Fernsehstoff bietet, der für die kommenden Monate die Inhalte der WWF Shows beeinflussen sollte.

Nachdem die Kameras das Brautpaar dabei filmten, wie sie ein Geschenk nach dem anderen öffneten, wurde die Idylle der Hochzeitsfeier plötzlich durch einen panischen Schrei der Braut durchbrochen.7 Als Elizabeth nämlich ein weiteres Paket öffnete, kam daraus eine lebendige Königskobra zum Vorschein – ein makabrer Scherz des Reptilien liebenden Wrestlingschurken Jake „The Snake“ Roberts, der genauso plötzlich wie seine Schlange aus dem Nichts auftauchte und das daraufhin entstandene Chaos nutzte, um die Hochzeitsfeier durch sein Erscheinen zu sabotieren. Unterstützt wurde er dabei vom Undertaker, der den Charakter eines ganz in schwarz gekleideten, über zwei Meter großen Totengräbers porträtierte, der in seinem Auftreten an eine Mischung aus einem Untoten und einer düsteren Figur aus Wild-West-Legenden erinnerte. Dieser schlug, mit einer Urne bewaffnet, den „Macho Man“ zu Boden, so dass seine Braut Elizabeth den Provokationen des Schlangenmannes Jake Roberts schutzlos ausgeliefert war. Während unter den Hochzeitsgästen Panik herrschte, schüchterte Roberts die wehrlose Frau des „Macho Man“ mit seiner Kobra weiter ein. Angeschlagen von der Urnenattacke lag Randy Savage noch immer bewusstlos am Boden und konnte seiner Frau nicht zu Hilfe eilen. Die Lage erschien hoffnungslos, bis WWF-Neuling Sid Justice als Retter in der Not auftauchte und die beiden Hochzeits-Saboteure mit einem Klappstuhl vertreiben konnte.8 Die eigentliche Hochzeitsfeier endete somit in einem größtmöglichen Chaos und mit der entsprechenden Konfusion auch die Fernsehübertragung dieser Veranstaltung. Um nähere Informationen über das Nachspiel der sabotierten Hochzeitsfeier zu erfahren, blieb den Zuschauern also nichts anderes übrig, als weiterhin die wöchentlichen Fernsehformate der World Wrestling Federation zu verfolgen. Diese episodischen Strukturen der Fernsehübertragungen im Sports Entertainment ähneln somit den Methoden anderer Sendeprofile, die unter anderem fernsehtypische Verfahren wie sogenannte Cliffhanger verwenden (als Momente höchster Spannung, an denen die Sendung jedoch abrupt ein Ende findet), um die Zuschauer zu animieren, auch die nächsten Episoden zu verfolgen. Mit der Inszenierung dieser TV-Hochzeit ist die WWF einem kennzeichnenden narrativen Element aus der Welt des Fernsehens gefolgt, wie man es bspw. aus dem Bereich der Daily-Soaps kennt, in denen Störungen von Hochzeitsfeierlichkeiten zur typischen, zu erwartenden, narrativen Struktur gehören, die von den Autoren dieser Gattung immer wieder aufgegriffen werden. Demnach verweist das Sports Entertainment auch auf eine gewisse verwandtschaftliche Beziehung zu Fernsehformaten wie der Seifenoper und bedient sich dabei auch ähnlicher Konventionen im Aufbau der entsprechenden narrativen Muster ihrer handelnden Figuren.

Im weiteren Verlauf der Storyline konnte Randy Savage diesen Zwischenfall natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Die Sabotage seiner Hochzeitsfeier und die Attacken auf seine Braut machten diesen heimtückischen Angriff von Jake Roberts zu einer persönlichen Angelegenheit für den selbst ernannten „Macho Man“, die schließlich Einfluss auf die zukünftigen Fernsehinhalte der World Wrestling Federation nehmen sollte. Jedoch erwies sich hierbei als Problem, dass Randy Savage offiziell noch immer zum Ruhestand gezwungen war, da er wenige Monate zuvor den besagten Kampf verloren hatte, dessen Sonderklausel es ihm verbot, aktiv in den Ring zu steigen. Randy Savage musste sich daher zunächst auf verbale Rededuelle mit Jake Roberts einlassen und wurde regelmäßig von „The Snake“ provoziert. In seiner Würde gekränkt, musste er dies als Kommentator tatenlos hinnehmen, ohne seine Ehre in einem Kampf gegen Roberts verteidigen zu können. Die Storyline wurde weiter voran getrieben, als Jake Roberts den „Macho Man“ derart provozierte, dass es diesen nicht länger hinter seinem Kommentatorenpult hielt und er sich seinem Erzrivalen von Angesicht zu Angesicht stellen wollte. Im Ring angekommen, geriet Savage in einen Hinterhalt, der dazu führte, dass er von der Kobra des Schlangenmannes gebissen wurde.9 Dieses Segment führte erneut zu einer eigenartigen Grenzvermischung zwischen Realität und Fiktion. Natürlich war dieser Angriff im Rahmen der Fernsehsendung geplant, inklusive des darauf folgenden Schlangenbisses. Jedoch waren die Protagonisten Jake Roberts und Randy Savage derart darauf bedacht, mit den Erwartungshaltungen der Zuschauer zu spielen und die Illusion zu erwecken, es handele sich hierbei um einen realen Zwischenfall, der durch die vermeintlich persönlichen Animositäten der Wrestler eskaliert ist. Dabei erscheint es paradox, zu welchen Mitteln Wrestler gelegentlich greifen, um die Illusion einer scheinbaren Realität zu bestärken, da sie sich inmitten der schauhaften Inszenierungen zu Taten entschließen, die dennoch reale Risiken für ihre körperliche Verfassung mit sich bringen können. Zwar wurde die Schlange zu diesem Zwecke zuvor entgiftet, dennoch ist ein solches Unterfangen nicht frei von Gefahren, selbst wenn es Teil einer schauhaften Inszenierung ist. Die Schlange ist nicht in der Lage, einen fingierten Biss zu landen, dagegen bearbeiten sich die Wrestler in ihren Matches vergleichsweise mit zum Teil vorgetäuschten oder zumindest abgeschwächten Aktionen, mit denen sie sich in der Regel keinen realen Schaden zufügen. Auch wenn die Schlange entgiftet wurde, ist sie nicht in der Lage, eine Rolle zu spielen. Sie folgt lediglich ihrem natürlichen Instinkt und sobald sie dieser zum Beißen drängt, tut sie das auch wirklich.10 Inmitten einer komplett durchinszenierten Show sorgt solch ein Vorfall für Authentizität. Die Illusion, dass sich hinter dem Wrestling-Spektakel doch ein realer Kern verbirgt, wird somit aufrecht erhalten. Unterstrichen wurde dieser Effekt noch durch Randy Savages glaubwürdiges Spiel, indem er kurze Zeit nach dem Biss in Folge des vermeintlichen Schlangengiftes zusammenbrach und in Begleitung des medizinischen Personals vor Ort auf einer Trage auf schnellstem Wege aus der Halle gebracht wurde. Nachdem er den diegetischen Raum des Wrestlingrings, als Bühne dieser Inszenierung verlassen hatte, war er natürlich nicht in Lebensgefahr.11 Für das Publikum war die medizinische Versorgung ihres Helden jedoch nicht ersichtlich und die Zuschauer mussten sich die ungewisse Frage stellen, was denn nun eigentlich hinter den Kulissen, außerhalb ihres Sichtbereiches, weiterhin vorging. Die Fans vor Ort (und sicherlich ebenso an den Fernsehschirmen) waren sichtlich verwirrt über das Ereignis, dessen Zeugen sie soeben wurden. Schließlich konnte man sehen, wie sich eine echte Schlange im Arm von Randy Savage festgebissen hat. Dieses Spiel mit der Erwartungshaltung der Fans, die glauben, sie sehen eine fingierte Show, ist ein typisches Verfahren der Wrestlingindustrie, in dem man immer wieder versucht, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion derart zu verschieben, dass sich Sein und Schein nur schwer voneinander unterscheiden lassen. Letztendlich sind es wohl genau diese Verfahren, die zur Faszination des Sports Entertainments beitragen, denn anders als im Film oder auf der Theaterbühne (wo der illusionäre Schein der Gattungen unmissverständlich zum Tragen kommt – Ausnahmen bestätigen hierbei natürlich die Regel) müssen sich die Zuschauer beim Wrestling stets fragen, ob sie ihren Augen trauen können und ob es inmitten dieser überzeichneten Showeinlagen, nicht doch immer wieder ein Fünkchen Wahrheit zu erblicken gibt.

Zugegebenermaßen ist der Vorfall des Schlangenbisses ein sehr extremes und in der Wrestlinggeschichte wohl einmaliges Beispiel gewesen (andere Beispiele, wie im Wrestling der Schein von Realität erzeugt wird, werden im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch näher erläutert werden), aber es verdeutlicht, wie das Sports Entertainment seine theatralen Spektakel direkt an den Grenzen zwischen Realität und Fiktion inszeniert.

Durch dieses Schockmoment motiviert, wurde die Geschichte um Jake Roberts und Randy Savage noch weiter ausgebaut. Der „Macho Man“, als Held dieser Inszenierung, wurde einmal mehr geprüft und musste auf dem Weg, sein Schicksal zu erfüllen, seinen Leidensweg weiterhin aufrecht erhalten, während das Böse, in Form von Jake „The Snake“ Roberts, vorerst noch triumphieren konnte. Die Storyline erinnerte somit längst an einen allegorischen Kampf zwischen Gut und Böse.

In den kommenden Fernsehshows schalteten sich die offiziellen Würdenträger der World Wrestling Federation ein und der damals amtierende WWF Präsident Jack Tunney12 sah nur noch einen Ausweg: Die Sperre des „Macho Man“ sollte aufgehoben werden und dies sollte ihm endlich ermöglichen, in einem Match auf „The Snake“ zu treffen. Dieses über Monate aufgebaute Fernsehdrama spitzte sich zu, indem beide Kontrahenten endlich bei der Großveranstaltung This Tuesday in Texas, die am 3. Dezember 199113 im amerikanischen Bezahlfernsehen landesweit übertragen wurde, aufeinandertrafen. Nach einer neun Monate währenden Zwangspause war dies zugleich die lang erwartete Rückkehr des „Macho Man“ in das aktive Wrestlinggeschehen der WWF.

An dieser Stelle möchte ich an das von mir gewählte Motto dieses Kapitels anknüpfen, in dem sich Jake Roberts in einem Interview mit dem WWF Magazin dazu äußerte, dass seine Fehde mit Randy Savage weitaus mehr darstellt, als eine körperliche Auseinandersetzung im Wrestlingring – vielmehr handele es sich hierbei um ein moralisches Spiel. Dies hat er zwar in seiner Rolle als Wrestlingschurke „The Snake“ von sich gegeben, gleichzeitig ist dies jedochauch eine selbstreflexive Äußerung über die Gestalt der narrativen Sujets im Sports Entertainment.

In der Tat fühlt man sich hierbei an die spätmittelalterliche Dramenform der Moralität erinnert, als ein Lehrstück, welches die „Personifizierung und Allegorisierung abstrakter Begriffe und Eigenschaften“14 beinhaltet – in diesem Fall den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse. Die Fronten zwischen Gut (Randy Savage) und Böse (Jake Roberts) sind durch den Verlauf der monatelangen Storyline deutlich gekennzeichnet. Wie sich dieser allegorische Kampf zwischen Gut und Böse letztendlich innerhalb eines Wrestlingmatches darstellt, möchte ich zum Abschluss dieses Kapitels präsentieren.

Vor dem eigentlichen Kampf werden die beiden Kontrahenten noch ein letztes Mal interviewt, so dass jeder der beiden seinen Standpunkt deutlich machen kann und die Rollen der Wrestler unmissverständlich dargeboten werden. Zunächst ist Jake Roberts in der Umkleidekabine zu sehen. In der Art, wie er sich gegenüber dem Backstage-Reporter Sean Mooney äußert, unterstreicht der Schlangenmann noch einmal seine Rolle als das personifizierte Böse:

„And you look into my eyes, Randy Savage and you see two black holes in the sky. But you look in that snake eyes, and you see something so cold and so devilish […]. Yes, [the snake] takes care what he has to, does what he has to, just like me. […] You’re eyes weren’t even there, you were out, you were gone! But do you know who’s eyes I enjoyed most? Elizabeth’s! […] So small, so intent, so scared for the man that she loved and what a rush I got, man! […] I had goosepumps all over my body listening to you squeal for a man that could not do anything […] and couldn’t help himself, at all.“15

Die Art, wie Roberts dabei redet, ist ruhig, kühl und berechnend. Mit psychologischem Kalkül brüstet er sich mit seinen Taten, im Wissen, den zuhörenden „Macho Man“ kurz vor ihrem gemeinsamen Match weiterhin zu provozieren. Dem verstörten Gesichtsausdruck des Interviewers Sean Mooney wird dabei bereits eine wertende Funktion zuteil, indem er mimisch zum Ausdruck bringt, wie verachtenswert die Schandtaten von Jake Roberts doch waren. Während die Kamera auf den diabolisch grinsenden Jake Roberts zoomt, verweist der Moderator Sean Mooney auf seinen Kollegen Gene Okerlund, der zum Interview mit dem „Macho Man“ bereit steht.

Nach einem Schnitt zur nächsten Interviewkulisse kommt es zur unmittelbaren Antwort von Randy Savage, der vom Interviewer Gene Okerlund, zu dem zuvor gehörten Statement von Jake Roberts befragt wird:

„You also get a rush, yeah, when you look into Elizabeth’s eyes, yeah, and you see fear […] in my wife’s eyes. […] And we’re gonna get into a situation were I’m standing on top of that turnbuckle, yeah […] and I crush you with that elbow, ‘til 1, 2, 3 – count! […] And than I’m gonna get the rush. […] My rush is gonna be when I look into Elizabeth’s eyes, after a 3 count and you’re down and defeated and destroyed and love and admiration is flowing from Elizabeth’s eyes. […] That’s my rush!“16

Im Gegensatz zu Jake Roberts redet der „Macho Man“ sehr angespannt und versucht in seiner temperamentvollen Ansprache seine monatelang aufgestaute Wut zurück zu halten, was ihm sichtlich nicht gelingt. Der dramatische Effekt dieser Szene wird zudem noch durch die schweigende Elizabeth unterstützt, die besorgt an der Seite ihres Mannes steht. In seinem Interview unterstreicht Randy Savage nochmals das Leid, welches er und seine Frau durch die Taten von Jake Roberts erfahren mussten. Er nimmt die Rolle des geprüften Helden ein, der sich seinem Schicksal nun im Ring stellen muss, um für eine ausgleichende Gerechtigkeit im Kampf gegen das Böse zu sorgen. Savage macht es in seinen Aussagen ganz klar, er kämpft für die Liebe und Bewunderung seiner Frau und es geht ihm darum, das Böse in Form von Jake „The Snake“ Roberts endgültig zu zerstören.

Noch während sich Roberts zu seiner schlangenartig anmutenden Synthesizermusik zum Ring bewegt, wird er bereits hinterrücks vom „Macho Man“ attackiert.17 Mit dieser plötzlichen Attacke wird der persönliche Konflikt dieser Storyline noch einmal hervorgehoben. Streng genommen ist dies zwar ein Regelverstoß, aber im allegorischen Gesamtbild des Kampfes zwischen Gut und Böse sind die Zuschauer bereit, dem „Macho Man“ diese unfaire Attacke zu verzeihen, wenn es dabei um die Bestrafung des personifizierten Bösen schlechthin geht. Schließlich musste Randy Savage im Rahmen dieser Storyline auch Monate darauf warten, offiziell gegen Jake Roberts in den Ring steigen zu können und sein aufgewühltes Temperament erlaubt es ihm nicht, noch einen Moment länger auf seine Vergeltung zu warten.

Auch das Kommentatorenteam (bestehend aus Gorilla Monsoon und Bobby Heenan) trägt seinen Teil dazu bei, die Inszenierung des mythologisch anmutenden Kampfes zwischen Gut und Böse aufrecht zu erhalten, während sie die unaufhaltsam erscheinende Offensive des wütenden „Macho Man“ kommentieren.

Bobby Heenan: „He don’t care about winning!“18

Gorilla Monsoon: „This is for retribution!“19

Schon alleine die Outfits der beiden Kontrahenten sind klare Zeichen für ihre allegorischen Rollen, die sie innerhalb dieser theatralen Inszenierung spielen. So tritt der „Macho Man“ mit seiner Glitzerjacke mit bunten Franzen, dem Cowboyhut mit angesteckter Feder und seinem bunten Ringoutfit als farbenfrohe Lichtgestalt auf, ein sinnbildlicher Heilsbringer in strahlender Rüstung. Jake Roberts verweist dagegen in seiner Kampfkleidung auf seinen schlangenhaften und teuflischen Charakter. So trägt „The Snake“ eine schwarze Hose, die mit einem Flammenmuster verziert ist, aus dem sich Rauchschwaden empor heben, deren Form letztendlich den Körpern von Schlangen gleicht. Dabei gilt die Schlange im kulturellen Gedächtnis bereits seit biblischen Zeiten als Symbol des Teuflischen und auch der Matchkommentar von Bobby Heenan verweist auf Jake Roberts als Sinnbild des Bösen: „That is […] the devil himself!“20 Unterstützt wird dieses Bild zusätzlich noch durch die Schlangenstiefel von Jake Roberts, die mimetisch auf die Haut der Reptilien verweist und ihn gemäß seines Spitznamens „The Snake“ als eine personifizierte Schlange erscheinen lässt, die nichts Gutes im Schilde führt.

Auch der Kampfstil unterstreicht deutlich die Rolleneinteilung beider Wrestler als Vertreter des Guten bzw. Bösen. Der „Macho Man“ kämpft hitzig und ist voller Wut über die zurückliegenden Geschehnisse. Dennoch kämpft er für die Ehre und Genugtuung seiner Frau, die unter der ständigen Bedrohung von Jake Roberts zu leiden hatte. Jake Roberts kämpft dagegen schlangengleich – nämlich kühl, methodisch und berechnend (ähnlich dem rhetorischen Stil seines zuvor gegebenen Interviews). Selbst seine Bewegungen im Ring ähneln einer Schlange. Im Interview vor dem Match deutete Roberts bereits an, er sei bereit, alles zu tun, was seiner Meinung nach nötig ist, um in dieser Welt zu überleben, so wie es in der Natur der Schlangen liegt. Somit ist er auch bereit, zunächst erstmal die Aktionen des wütenden „Macho Man“ einzustecken, bis diesem vor lauter überschäumendem Temperament ein Fehler unterläuft und diesen wird er gnadenlos ausnutzen. Dazu wäre Jake Roberts auch bereit, das Regelwerk zu überschreiten.

Gemäß seiner Aussagen fand Roberts nach der furiosen Anfangsoffensive von Randy Savage durch einen Tiefschlag zurück in das Match. Zuvor hatte er noch um Gnade gefleht (ein typisches Zeichen für Wrestlingschurken innerhalb der theatralen Inszenierung von Wrestlingmatches), um anschließend eine Unachtsamkeit von Savage auszunutzen, die direkt zu seinem Tiefschlag führte.21 Während die Überraschungsattacke des „Macho Man“ zu Beginn des Matches aus moralischer Sicht nachvollziehbar war (schließlich hatte sich in Randy Savage über Monate hinweg eine Wut aufgestaut, die er nun endlich offiziell und ganz legitim an seinem Erzrivalen auslassen konnte), war der Tiefschlag von Jake Roberts als taktische List und Regelbruch zu bewerten. Seinen nun wieder zurückgewonnen Vorteil setzt Jake Roberts zugleich methodisch um, indem er den noch immer bandagierten Arm seines Gegners (vom wenige Wochen zuvor erlittenen Schlangenbiss) bearbeitet.22 Der Verband am Arm des „Macho Man“ dient dabei als ein deutlich für die Zuschauer erkennbares Zeichen, welches bewusst auf die Schwachstelle des Helden verweisen soll (so wie man deutlich sichtbare Schwachstellen als Zeichen der Verwundbarkeit auch von mythologischen Helden kennt, z.B. das Lindenblatt auf Siegfrieds Schulter oder auch die Achillesferse usw.). Indem der angeschlagene Arm nun unerbittlich von Jake Roberts bearbeitet wird, verweist man in der Inszenierung des Matches erneut auf den bereits zurückgelegten Leidensweg des Helden, der diesen nun folglich ein weiteres Mal durchleben muss. Der Angriff auf den bandagierten Arm sollte an den zurückliegenden Angriff der Königskobra erinnern, denn während Jake Roberts als personifizierte Schlange den Arm von Randy Savage bearbeitet, wirkt dies wie ein Zitat auf den wenige Wochen zuvor stattgefundenen Schlangenbiss der Kobra. Wie in den vorangegangenen Rückschlägen dieser Storyline, gibt Randy Savage trotz der erlittenen Schmerzen nicht auf und kämpft nicht nur für sein Recht, sondern auch stellvertretend für seine Frau, für das Publikum, welches ihn moralisch unterstützt und überhaupt für alles allegorisch Gute und Rechtschaffene. Der Verweis auf die zurückliegenden Qualen des Helden wird im Match ebenfalls deutlich, sobald sich Savage in das Match zurückkämpft und sich während seiner Gegenoffensive mit schmerzverzerrtem Gesicht den bandagierten Arm hält. Das Zeichen des bandagierten Armes wird sogar noch verstärkt, als es Roberts gelingt, einen Teil des Verbandes vom Arm des „Macho Man“ zu lösen und auf den darunter liegenden Schichten der Bandagen eine rote Färbung als Verweis auf die Bisswunde zum Vorschein kommt (im Sinne der dramaturgischen Inszenierung hat man den Effekt natürlich mit zusätzlicher Farbe künstlich verstärkt).23

Nachdem Roberts seinen Gegner erneut geschwächt hat, wird er überheblich und lässt sich auf den Ringseilen feiern, als sei er der Held in dieser Auseinandersetzung, wofür er aus dem Publikum jedoch nur Buhrufe erntet. Um die Zuschauer weiter gegen sich aufzubringen, gibt er das Zeichen zum DDT, seinem Spezialmanöver (welches nach dem gleichnamigen hochtoxischen Insektizid benannt ist), mit dem er in der Regel seine Matches beendet (im Wrestling werden diese individuellen Spezialaktionen der Wrestler, die meist zum Ende eines Matches führen, als Finishing Move bzw. Finisher bezeichnet).24 Doch obwohl er in höchstem Maße angeschlagen ist, kontert Randy Savage die verheerende Spezialaktion seines Gegners aus und kämpft sich erneut in das Match zurück. Der Spannungsbogen der Erzählung innerhalb dieses inszenierten Kampfes erfährt somit eine neue Wendung. Wie der sprichwörtliche Phönix aus der Asche steigt Randy Savage im wahrsten Sinne des Wortes erneut empor. Mit einem heldenhaften Comeback gelingt es ihm, Jake Roberts erneut zu schwächen und auf das oberste Seil zu steigen, um von dort seinen Finisher, den patentierten Flying Elbow, vom obersten Seil zu zeigen. Die Symbolik dieser Aktion ist eindeutig. Der „Macho Man“ erhebt sich als Kämpfer für das Gute über das personifizierte Böse in Form von Jake Roberts – trotz all der Widrigkeiten, die er zuvor durchleben musste. Mit seinem Flying Elbow springt Savage vom obersten Seil und besiegt Roberts, nachdem der Ringrichter dessen Schultern bis drei auf der Matte angezählt hat.25 Somit erfüllt sich auch die Vorhersage, die Randy Savage im Interview vor dem Match proleptisch über den Ausgang des Kampfes gegeben hat. Indem der „Macho Man“ mit seinem ausgefahrenen Ellbogen direkt auf dem Brustkorb des Schlangenmannes landet, stößt er wie ein Drachentöter, als mythologischer Archetyp einer heldenhaften Figur, sein sinnbildliches Schwert in das Herz des bösen Drachen (der Drache als reptilienartiges Fabelwesen verweist auf eine ähnliche mythologische Bedeutung als Verkörperung des Bösen, wie dies auch die Schlange tut), der die Ehre einer Jungfrau bedroht (die in diesem konkreten Beispiel durch Elizabeth verkörpert wird). Auch wenn Savage über weite Teile des Matches unterlegen war und mehr einstecken musste, als er gegenüber Roberts austeilen konnte, zeichnet sich die Inszenierung dieses Matchverlaufes durch die Beharrlichkeit des Helden aus, der niemals aufgibt, um am Ende doch noch den übermächtig erscheinenden Gegner besiegen zu können. Kommentator Gorilla Monsoon unterstreicht die Siegesstrategie, getrieben von den Emotionen des „Macho Man“ wie folgt: „His whole gameplan, motivated by love and hate – hate for Jake ‘The Snake’ Roberts and love for his lovely bride Elizabeth!“26

Doch der Sieg des „Macho Man“ war noch nicht das glückliche Ende dieser Storyline, mit dem vermutlich die meisten Zuschauer gerechnet haben. Zunächst sah es so aus, als würde der „Macho Man“ nach dem Match noch seine moralische Genugtuung für all die Dinge, die ihm Roberts angetan hat, erhalten. Zumindest wollte er „The Snake“ nach dem Match noch weiter zusetzen. Doch dazu kam es nicht. Viel eher wurde aus dem scheinbar glücklichen Ende ein retardierendes Moment, da Jake Roberts den nachträglichen Attacken des körperlich ohnehin noch angeschlagenen Randy Savage zuvorkam und dem „Macho Man“ mit der mehrfachen Ausführung seines DDT-Manövers schwer zusetzte. All dies geschah erneut vor den Augen der besorgten Elizabeth, die in der Zwischenzeit zum Ring eilte, um ihrem Mann beizustehen. Roberts drohte Elizabeth, dem „Macho Man“ stünde ein erneuter Schlangenbiss bevor, wenn sie ihn nicht um Gnade anflehe. Diesmal kam jedoch keine echte Schlange zum Einsatz. Die kreativen Köpfe der WWF entschieden sich aus Gründen der Sicherheit der Akteure diesmal dafür, dass das Zeichen des Stoffbeutels, in dem die Schlange sonst aufbewahrt wurde (der in Wirklichkeit diesmal jedoch leer war), genügte, um diese Drohgebärde symbolisch zu untermauern. Das gesamte Szenario endete erneut in einer chaotischen Situation, in der das Böse in Form von Jake Roberts die dominante Macht war, obwohl dieser im Match zuvor gerade eine Niederlage erlitten hatte.27 Erst einige Monate später kam es im Februar 1992 zum finalen Rückmatch dieser lang anhaltenden Auseinandersetzung, in dem Randy Savage seinen Erzrivalen endgültig in seine Schranken verweisen konnte und dieser langfristig aufgebauten Saga ein unwiderrufliches, glückliches Ende bescherte.

Im Aufbau eines Wrestlingmatches wird in der Regel nichts dem Zufall überlassen und jede Aktion hat ihre Bedeutung innerhalb des gesamten dramaturgischen Komplexes. Die Inszenierung der verschiedenen Komponenten eines Kampfgeschehens steht in direkter Verbindung zum Publikum und baut einen Dialog zu den Zuschauern auf, der durch die Zeichenhaftigkeit der theatralen Darbietung hervorgerufen wird. Das Zusammenspiel all dieser verschiedenen Bausteine soll es ermöglichen, den Kampf in seinem Verlauf als eine Geschichte darzustellen (und als eine eben solche zu rezipieren). Die narrative Basis des Sports Entertainments funktioniert hierbei auf zweierlei Ebenen. Einerseits sind dies die Storylines, die sozusagen im Geschehen um den Ring herum das Interesse für den Kampf zweier Wrestler gegeneinander aufbauen – die Storylines sind dabei dramaturgische Mittel zum Zweck, um die Kämpfe interessant zu gestalten und ihnen einen Hintergrund zu verleihen, der die Motivation hinter den Handlungen der Wrestler erklären soll. Andererseits erzählen die Kämpfe selbst auch eine Geschichte. Die theatralen Inszenierungen im Wrestling lassen sich in der Regel in ihrer dramatischen Form mit dem klassischen Dramenmodell nach Gustav Freytag erörtern: „Exposition, Konflikt, Höhepunkt, Verzögerung, Lösung/Katastrophe“.28 Das Dramenmodell lässt sich jedoch in unterschiedlichen Rahmungen auf die Wrestlingwelt beziehen. So kann man es als Schablone über den allgemeinen Aufbau eines Wrestlingmatches legen. Am hier erwähnten Beispiel hätten wir die Exposition in Form der einführenden Interviews; die steigende Handlung durch den Matchverlauf (der zunächst von Randy Savage dominiert wird); bis hin zum Höhepunkt, als Jake Roberts in das Match zurückfindet und den bandagierten Arm des „Macho Man“ bearbeitet; die Verzögerung als das retardierende Moment, wenn Randy Savage den DDT - Finishing Move von Roberts abwehrt und selbst den Sieg einfährt; und die Lösung des Konflikts (der in diesem Fall zu einer weiteren Katastrophe führt), sind die Attacken von Jake Roberts nach dem Match sowie die weiteren Einschüchterungsversuche gegen die Frau des „Macho Man“, Elizabeth.

Das Dramenmodell lässt sich aber auch auf einer Metaebene auf die gesamte Storyline legen. Die Exposition wäre in diesem Fall die Wiedervereinigung des zuvor getrennten Paares Savage und Elizabeth. Der sich steigernde Konflikt wird durch die Hochzeit im Ring mit der anschließend erfolgenden Sabotage der Hochzeitsfeier durch Jake Roberts und den Undertaker dargestellt. Der Höhepunkt erfolgt durch den Schlangenbiss. Und das eben beschriebene Match der This Tuesday in Texas Veranstaltung (vom Dezember 1991) lässt sich als retardierendes Moment im Gesamtkontext der Storyline einfügen, als „Moment der letzten Spannung“29 im vorletzten Akt dieses Fernsehdramas – zwar konnte Randy Savage den Sieg einfahren, wurde jedoch im Anschluss erneut von Jake Roberts attackiert, der daraufhin einmal mehr die Frau des wehrlosen „Macho Man“ bedrohen konnte. Zur Lösung des Konflikts, in diesem Fall zu einer endgültigen guten Wendung für den Helden, kam es dann wenige Monate später, als Randy Savage in einem weiteren Match den finalen Sieg über Jake „The Snake“ Roberts erringen konnte und die Storyline damit auch ihr offizielles Ende fand. Das „Böse“ personifiziert durch Jake „The Snake“ Roberts wurde somit vor den Augen der Zuschauer in seine Schranken verwiesen. Das Gute hatte letztendlich gesiegt und das moralische Gleichgewicht war wieder hergestellt, so dass sich beide Wrestler schon kurze Zeit später in neuen Verwicklungen und Storylines wiederfanden.

Versucht man das Phänomen Wrestling anhand dieses Beispiels näher zu analysieren, erkennt man schnell, dass es zwei wesentliche Richtungen gibt, die hierbei zu berücksichtigen sind. Diese wären zum einen die mediale Beschaffenheit des Sports Entertainments und zum anderen dessen theatrale Strukturen. Da sich Wrestling auf theatrale Weise in Szene setzt und sich dabei verschiedener medialer Rahmungen bedient, bleiben intermediale Vernetzungen und Verfahren hierbei nicht aus, um die verschiedenen dramatischen Strukturen darstellen zu können. Um die von mir beschriebene Nähe zum Drama zu verdeutlichen, möchte ich an dieser Stelle auf Aristoteles verweisen:

„Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden – Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt. Ich bezeichne die Sprache als anziehend geformt, die Rhythmus und Melodie besitzt; ich meine mit der je verschiedenen Anwendung der formenden Mittel die Tatsache, daß einiges nur mit Hilfe von Versen und anderes wiederum mit Hilfe von Melodien ausgeführt wird.“30

Auch wenn ich nachweisen möchte, dass es sich beim Wrestling um eine dramatische Form handelt, geht es mir natürlich nicht darum, die Poetik des Aristoteles und seine damit verbundene Tragödienlehre wortwörtlich auf die Wrestlingthematik zu übertragen. Dennoch möchte ich Aristoteles an dieser Stelle nutzen, um auf die verwandtschaftliche Beziehung des Sports Entertainments zum Drama zu verweisen und darüber hinaus erste Medientheorien zu entwickeln, die im kommenden Kapitel weiter ausgeführt werden sollen. Denn genauer betrachtet, beschreibt Aristoteles an dieser Stelle die Nutzung von Medien (im Sinne eines mehrstimmigen sprachlichen Einsatzes von Melodie und Rhythmus) zur Darstellung dramatischer Formen.

Im Drama um Randy Savage und Elizabeth haben wir die Nachahmung einer geschlossenen Handlung zweier Liebender, die nach einer vorübergehenden Trennung wieder zueinander finden und deren künftiges Zusammenleben vom intriganten Treiben Jake „The Snake“ Roberts gestört wird. Ein Stoff also, der in seinen Grundzügen nichts wirklich Neues darstellt, und der in ähnlicher Form auch Teil eines klassischen Dramas sein könnte. Die handelnden Figuren des Dramas haben, wie es Aristoteles verlangt „notwendigerweise wegen ihres Charakters und ihrer Erkenntnisfähigkeit eine bestimmte Beschaffenheit […].“31 Aristoteles spricht außerdem von der Sprache, die durch verbale Nuancen ebenso wie durch verschiedene Melodien und Rhythmen zum Einsatz kommt und mit deren Hilfe die theatrale Inszenierung des Dramas eine kathartische Wirkung erzielen kann. In der Tat hat das Sports Entertainment seinen eigenen Rhythmus und seine eigene Melodie. Ich erinnere nur an die unterschiedlichen Interviewstile und damit verbunden die Art, wie Roberts und Savage ihre Stimmen im letzten Interview vor ihrem Aufeinandertreffen einsetzten. Diese sprachliche Darstellung im Wrestling kann jedoch auch über das offensichtlich Verbale hinaus gehen bzw. greift das Wrestling auf eine sich überlagernde Mehrstimmigkeit zurück. Somit folgen nicht nur die gesprochenen Worte ihrer differenzierten Betonung, auch die Wrestlingmatches selbst haben ihren eigenen Rhythmus, deren Aufbau den Takt angibt, zu dem der Kampf von den Fans vor Ort begleitet wird. Auch die Kommentatoren tragen dazu bei, dem Match eine zusätzliche Stimme zu geben. Auch wenn diese zunächst den Anschein von Sportreportern erwecken sollen, verkörpern sie ebenso ihre Rollen als ein fester Teil der Inszenierung und verstärken somit das Drama im Ring (im Wrestling kann man die Kommentatoren als moderne Variation des Chors aus der antiken Tragödie betrachten, welche die Handlung auf der Bühne bzw. im Wrestlingring begleiten). Dazu hat jeder Wrestler noch eine eigene Erkennungsmelodie, die individuell mit seinem Ringcharakter verbunden ist und somit kennzeichnend für die Figur ist, die er im Zuge der Inszenierung darstellt. Zu ihrer eigenen Musik schreiten die Wrestler zum Ring und nach gewonnenen Matches feiern sie dazu ihre Siege. Man kann daraus also schließen, dass man es beim Wrestling mit einem mehrstimmigen medialen Verbundsystem zu tun hat.

Darüber hinaus fungiert der Ring als Bühne der theatralen Darstellung des inszenierten Spektakels, dem das Live-Publikum vor Ort folgen kann, und gleichzeitig dient das Fernsehen als Trägermedium zur Berichterstattung der Wrestlingshows, in sämtliche Haushalte auf der gesamten Welt. Die Diskurse zur medialen Beschaffenheit und der theatralen Inszenierung des Wrestlings sollen im Rahmen dieser Arbeit noch eine besondere Beachtung finden.

1.2  Allgemeine Vorüberlegungen zum Forschungsgegenstand

„[Professional Wrestling is] like chess and sometimes ballet, and sometimes like a crude morality play. […] Sometimes it’s like folk drama masquerading as sport; occasionally vaudeville… or else it is physical display decked out with certain elements of antique theatre, [like] masks, hieratic posturing, menace, dread [and] violence […].“

-Angela Carter (New Society)32

Dieses ausführliche Eröffnungsbeispiel des Disputs zwischen Randy Savage und Jake Roberts habe ich natürlich nicht zufällig gewählt. Die Inszenierung dieser Storyline sollte zeigen, dass Wrestling weitaus komplexere Strukturen aufweist, als der fingierte Kampf zweier kostümierter Männer in einem Ring und somit auch mehr darstellt, als lediglich einen simulierten Sport. Bevor ich das Phänomen Wrestling in seiner Beschaffenheit ausführlich erläutere und darüber hinaus meine Fragestellungen an den sich daraus ergebenden Forschungsgegenstand formuliere, wollte ich anhand des zuvor erwähnten Beispiels die Wrestlingindustrie selbst zu Wort kommen lassen. Meine einleitende Darstellung der Storyline zwischen Jake Roberts und Randy Savage sollte, trotz ihres zunächst eher feuilletonistisch anmutenden Schwerpunktes, dazu dienen, dass sich Wrestling als populäre Form der Unterhaltung selber vorstellt und bereits die Forschungsgegenstände anreißt, die im weiteren Verlauf dieser Arbeit relevant sein sollen. So sollte mein einführendes Beispiel bereits auf typische Strukturen des Sports Entertainments, als ein medial inszeniertes Spektakel verweisen, in dem sich auf allegorische Weise das Gute und Böse gegenüberstehen und dessen Kunst gerade darin besteht, trotz seiner überspitzten theatralen Darstellung die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen zu lassen – oder um es mit den Worten von Roland Barthes zu sagen: „Was dem Publikum somit geboten wird, ist das große Spektakel von Schmerz, Niederlage und Gerechtigkeit.“33 Dabei spielt das Wrestling regelmäßig mit der Erwartungshaltung seiner Zuschauer. Denn meistens werden gerade in den Momenten die Grenzen zwischen Schein und Sein zu Gunsten der Realität verschoben, wenn das Publikum sicher daran glaubt, ohnehin nur einer großen, inszenierten Show beizuwohnen.