Glaubenskriege - Junis Sultan - E-Book

Glaubenskriege E-Book

Junis Sultan

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Beschreibung

Junis Sultan wird in Mosul, Irak, in eine interkulturelle wohlhabende Familie hineingeboren und genießt eine glückliche, privilegierte Kindheit, die mit Beginn des Golfkriegs 1991 plötzlich erschüttert wird. Seine Familie flüchtet nach Deutschland, in einen kleinen, konservativen Vorort von Frankfurt, doch die Integration birgt zahlreiche Herausforderungen. Junis fühlt sich zunehmend zwischen zwei Welten hin- und hergerissen; auf der Suche nach einer eigenen Identität ist er mit den Erwartungen seiner Familie und einer Kultur, die seine Anpassung fordert, konfrontiert. Nach den Terroranschlägen vom 11. September beginnt Junis ein Tagebuch zu führen, in dem er über Fragen zu Familie, Freundschaft, Religion und Politik reflektiert. Diese tiefen Einblicke gehen mit der Zeit über kulturelle Grenzen hinaus, da Junis beginnt, die universellen menschlichen Bedürfnisse nach Verbundenheit und Freiheit zu ergründen. Glaubenskriege: Von Fremden und Freunden ist eine einzigartige, tief berührende wahre Geschichte über Durchhaltevermögen, Vergebung und Selbstverwirklichung, mit einer zeitgemäßen Botschaft über die Bedeutsamkeit eines offenen und liebevollen Umgangs in einer globalen Realität. Das Buch erschien 2017 unter dem Titel Struggles of Strangers: Of Bonding and Freedom auf Englisch. 2019 war es für den Restless Books Prize for New Immigrant Writing nominiert.

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Seitenzahl: 387

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Junis Sultan studierte in Frankfurt am Main, Eichstätt und an der California State University Fullerton. Er erhielt ein Fulbright und ein Horizonte Stipendium. In den letzten sechs Jahren hat er als Gymnasiallehrer Englisch, Politik und Wirtschaft in Frankfurt am Main unterrichtet. Er promoviert an der Universität Heidelberg in der Modernen Politischen Theorie.

Glaubenskriege erschien 2017 unter dem Titel Struggles of Strangers: Of Bonding and Freedom auf Englisch. 2019 war das Buch für den Restless Books Prize for New Immigrant Writing nominiert.

Junis Sultan

Glaubenskriege

Von Fremden und Freunden

Aus dem Englischen übersetzt von Miriam Neidhardt

Königshausen & Neumann

Informationen zum Autor

www.junissultan.com

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Verlag Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg 2021

© Junis Sultan

Übersetzung: Miriam Neidhardt

Lektorat der deutschen Ausgabe: Daniela Dreuth

Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier

Umschlag: skh-softics / coverart

Umschlagabbildung: kharps: Sunrise over village in central Egypt. ID: 157190421. Istockphoto.com / Nadezhda1906: Mother and two kids walking on beach at sunset. ID: 515999574. Istockphoto. com / Airubon: silhouette F-16 falcon fighter jet military aircraft flying on sunset background. ID: 613522562. Istockphoto.com

E-Book: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Alle Rechte vorbehalten

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-8060-8071-5

www.koenigshausen-neumann.de

www.ebook.de

www.buchhandel.de

www.buchkatalog.de

Dank

Mein herzlichster Dank geht an

Joan Herrick und Brenda Clark, meine treuen Freunde. Eure einfühlsame Unterstützung bei den ersten Überarbeitungen hat mir sehr dabei geholfen, meine tiefsten Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen.

Irena Praitis, meine engagierte Schreiblehrerin. Ihre treffsicheren Anmerkungen und Fragen haben mir geholfen, diesen Memoiren den richtigen Schliff zu geben.

den Gotham Writers’ Workshop. Ihr habt mir einen sicheren Ort gegeben, an dem meine Memoiren wachsen und Struktur annehmen konnten.

Nicole Bailey, die mir bei der Überarbeitung des ersten Entwurfs geholfen hat.

Alexandra Eryiğit-Klos, meine stets interessierte und hilfsbereite erste Lektorin.

die Media Kanzlei Frankfurt, die mir mit Fachwissen und Rat zur Seite stand.

Peggy Preciado, meine erste Schreiblehrerin. Sie haben den Wert meiner Familiengeschichte erkannt und mich zum Schreiben ermutigt.

meine lieben Eltern, die mir viele Informationen über unsere Familiengeschichte geliefert haben. Alle Erinnerungen in diesem Buch bis zum Jahr 1990 basieren größtenteils auf euren Erzählungen. Ihr habt in eurem Leben so viele Herausforderungen gemeistert und stets für uns gekämpft. Ich wünsche euch Gesundheit, Glück und Frieden.

das Team bei Brandylane Publishers, insbesondere Robert Pruett, für die großartige Zusammenarbeit sowie meine Projektmanagerin Grace Ball, die stets für mich da war, und nicht zu vergessen Hannah Keeton und Catherine Simpkiss, die mir eine große Hilfe bei der Feinarbeit an meinem Manuskript waren.

den Verlag Königshausen & Neumann, insbesondere Daniel Seger, für die wunderbare Gelegenheit und Markus Heinlein für das Design.

Miriam Neidhardt, meine Übersetzerin. Ihr Interesse und Ihre Expertise waren entscheidend für dieses Projekt.

Für alle, die unbeirrbar daran glauben, dass wir die soziale Kluft eines Tages überwinden werden und feststellen, dass wir gemeinsam stärker sind.

Für alle, die gewaltlos gegen Vorurteile, Fremdenhass und Diskriminierung kämpfen.

Und nicht zuletzt für alle, die ihren Platz in einer globalisierten Welt, die immer mehr zu verlangen scheint, noch nicht gefunden haben. Ich hoffe, dieses Buch ermutigt euch, auf eure Nachbarn zuzugehen, unabhängig von ihren Wurzeln, und zusammen stark zu werden.

Manche Namen, Orte und persönlichen Details wurden zum Schutz der Privatsphäre Einzelner geändert.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Dank

Prolog

Und dann kam der blutrünstige Dreckskerl

Mossul

August 1986 bis Januar 1991

Freestyle auf der Brust

In der Luft und auf der Straße

Januar bis Oktober 1991

Angst und Liebe brauchen keine Sprache

Kastel

November 1991 bis März 1992

Antrag auf Negativbescheinigung

Kastel

März 1992 bis August 1993

Endlich haben wir dich wieder

Kastel

September 1993 bis August 1997

Spielregeln

Kastel

September 1997 bis August 2003

Der Weg zur Gerechtigkeit erfordert Mut

Kastel

September 2003 bis Juni 2006

Der Herbst war gekommen

Kastel

Juli 2006 bis Oktober 2007

Das Leben ist eine konstante Aufholjagd

Kastel

Oktober 2007 bis Dezember 2008

Gestörte Kommunikation

Liederbach

Januar 2009 bis August 2010

Etwas Großes

Fullerton

August 2010 bis April 2011

Friedvoller Aufstieg

Kastel

April 2011 bis Mai 2011

Ius sanguinis

Liederbach

Juni 2011 bis November 2011

Leb wohl

Epilog

Ein Gefühl von Wärme

Nachwort

November 2018

Status quo ante bellum

Zitierte Werke und Leseempfehlungen

Prolog

Und dann kam der blutrünstige Dreckskerl

Als Kind habe ich mich oft gefragt, ob meine Haut eher braun oder eher weiß aussieht. Mein Haar ist zweifellos schwarz und meine Augen sind braun. Viele Abendländer, denen ich begegnete, dachten wahrscheinlich an den Nahen Osten, wenn sie mich sahen oder meinen Namen hörten – Junis Sultan. „Woher kommst du ursprünglich?“, wurde ich unzählige Male gefragt. Viele waren sichtlich überrascht, dass ich ihre Sprache akzentfrei beherrschte. Die Morgenländer hingegen waren immer wieder enttäuscht und fragten nach, warum ich nicht fließend Arabisch sprach. „Warum haben dir deine Eltern das nicht beigebracht?“ Aus vielerlei Gründen war es für andere Menschen alles andere als einfach, mich in eine Schublade zu stecken – Gleiches galt auch andersherum.

Meine Geschichte ist die ungünstiger Fügungen und der immerwährenden Neuerfindung. Nachdem wir den Golfkrieg überlebt hatten, floh meine Familie im Sommer 1991 aus dem Irak nach Deutschland. Ich war damals vier Jahre alt. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist, wie ich mit meinem Vater in unserem abgewohnten Wohnzimmer saß und die Nachrichten im Fernsehen verfolgte. Er hob einen Finger und rief: „Der Westen hat dem Irak diese bescheuerten Sanktionen auferlegt, nicht Saddam1.“ Verschüchtert von seinem Wutausbruch fragte ich leise, was er damit meinte. Er antwortete: „Der Westen, das sind Europa, Nordamerika und Australien. Die haben Millionen von Menschen getötet, und jetzt töten sie uns.“ Damals hatte ich Angst, doch als ich 1992 in den Kindergarten kam, erwies sich die Warnung schon bald als unnötig. Tatsächlich lebten wir jahrelang glücklich und in Frieden mit den Abendländern zusammen.

Seit frühster Kindheit war ich bestrebt, mit allen Menschen um mich herum in Harmonie zu leben, sowohl mit Morgenländern als auch mit Abendländern. Und obwohl ich dabei immer wieder scheiterte, versuchte ich stets, unseren gemeinsamen Wunsch nach Bindung und unser gemeinsames Bedürfnis nach Freiheit gleichermaßen zu achten. Während meiner Pubertät war mir vor allem die Religionsfreiheit wichtig. Die Kluft zwischen uns, die ich insbesondere nach 9/11 spürte, erschien mir oftmals menschengemacht und schädlich für unser Miteinander, und somit war sie auch selbstzerstörerisch und falsch. Während meiner Jugend in Deutschland sinnierte ich oft über den wahren Sinn unserer Existenz. Waren wir nicht alle kostbare soziale Individuen, miteinander verbunden und dazu geschaffen, uns gegenseitig zu tragen, während wir unsere persönlichen Träume zu erfüllen suchen?

Trotz meines festen Glaubens an das Grundbedürfnis des Menschen nach einem echten Miteinander stellte ich unsere Verbundenheit in der Begegnung mit andern Menschen häufig infrage. Viele Abendländer konfrontierten mich mit negativen Stereotypen: „Trägt deine Mutter einen Hijab oder eine Burka?“ „Wurden die Ehen deiner Schwestern arrangiert?“ „Hasst du Juden, Amerika …?“ Nichts davon traf auf mich zu. Ganz im Gegenteil: Meine Mutter ist Christin und hatte selbst Schwierigkeiten, meine andere Religion zu akzeptieren. Doch auch Morgenländer waren oft von mir enttäuscht und sagten: „Trink das nicht! Trag keine kurzen Hosen! Tu dies und das nicht! Das ist haram.2“ Nach einer solchen Begegnung fühlte ich mich mehr als einmal seltsam, keiner Gruppe zugehörig und immer wieder herausgefordert. Wie konnte ich unsere Beziehung verbessern und stärken? Oder reagierte ich über? Suchten sie nur Gemeinsamkeiten?

Die jahrtausendealten Geschichten meines Namens haben meine komplexe Identität geformt. 1993, in meinem ersten Schuljahr, erzählte mir mein Vater, dass Junis von Yunus kommt, „einem Propheten im Koran, der fest an Gottes Gesetze glaubte“. Im katholischen Religionsunterricht lernte ich, dass auch die hebräische Bibel und das Neue Testament die Geschichte von Yunus kannten – dort jedoch unter dem Namen Jona. „Jona bedeutet Taube auf Hebräisch, und die Taube ist das Symbol des Friedens“, erklärte meine Lehrerin. Anschließend las sie vor: „Jona erhielt von Gott den Befehl, nach Ninive zu gehen und den Bewohnern ob ihrer Bosheit ein Strafgericht Gottes zu prophezeien. Da Jona jedoch Angst hatte, Gott würde den Sündern einfach vergeben, bestieg er ein Schiff und segelte damit in die entgegengesetzte Richtung; ein folgenschwerer Fehler: Als Gott aufgrund seines Ungehorsams einen Sturm über dem Meer entfachte, machten die Segler Jona dafür verantwortlich und warfen ihn über Bord. Jona wurde von einem Wal verschluckt, tat in dessen Bauch Buße, dankte Gott für seine Gnade und unterwarf sich Gottes Willen. Daraufhin spie der Wal ihn aus.“ Ich starrte meine Lehrerin mit großen Augen an. Zwar hatte ich keine Vorstellung, was das Leben für mich bereithielt und wie ich reagieren würde – manchmal wie ein nachtragender, ungehorsamer Ausreißer –, dennoch konnte ich mich mit Jonas Geschichte identifizieren. Auch ich wollte eine Beziehung zu Gott haben und aufgehoben werden, wenn ich fiel.

Mein Vorname sorgte, wenn ich jemanden kennenlernte, meistens für Konfusionen. Viele Deutsche nannten mich Jonas, nachdem ich mich vorgestellt hatte, selbst wenn ich meinen Namen mit „J U N I S“ buchstabiert hatte. Sprach ich so undeutlich oder ignorierten sie meinen richtigen Namen aus Bequemlichkeit oder gar Respektlosigkeit?, fragte ich mich immer wieder. Manchmal wurde ich gebeten, meinen Namen noch einmal zu buchstabieren, und gefragt, woher der Name kam. Das Problem begann, als ich 1991 eingebürgert wurde. „Die internationale Schreibweise ist Younes, aber das wäre für Deutsche zu kompliziert. Deutsche sind das ‚Y‘ nicht gewohnt, damit gibt es im Deutschen nur sehr wenige Wörter“, erklärte der Beamte damals meiner Mutter. Und so wurde mein Vorname eingedeutscht. Ich selbst war zu jung, um die aufgezwungene Anpassung zu bemerken, doch vielen Morgenländern fiel sie sofort auf. „Bist du überhaupt ein echter Araber?“, fragten sie oft, wenn sie meinen Namen lasen. „Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Iraker“, antwortete ich normalerweise, bevor ich erklärte, warum mein Name eingedeutscht worden war – was oft zu betretenem Schweigen führte. Schon als Kind wurde mir klar, wie sehr mein Name mich definierte.

Mein Nachname, Sultan, amüsierte andere manchmal, denn er erinnerte sie an ein Karnevalslied: „Die Karawane zieht weiter, dä Sultan hät Doosch!“ Manchmal führte er aber auch zu Angst oder einer falschen Idolisierung. Sultan ist ursprünglich das arabische Wort für „Stärke“. Mit der Zeit wurde es darüber hinaus zu einem Titel von Führern, die ihre Unabhängigkeit von höheren Herrschern erklärten. Laut Wikipedia hat einer der berühmtesten Sultane, Mehmed II, 1453 Konstantinopel erobert und damit das Ende des tausendjährigen Byzantinischen Reichs besiegelt. Ich nehme an, seine destruktive Art schüchterte den Westen ein, der – wie Professor Edward Said3 sagen würde – stets bestrebt war, im direkten Vergleich zum seiner Ansicht nach bösen Orient als gut zu gelten. Merkwürdigerweise schrieb mein Vater dem Nahen Osten die exakt gegensätzlichen Werte zu. Als ob Mehmed II besser als jeder andere Mörder gewesen wäre und als wären die Morde an viertausend Nicht-Muslimen im Jahr 1453 gut gewesen. Ich habe nie verstanden, warum manche Leute Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund abwerteten oder gar verteufelten, ihre eigenen Leute jedoch idealisierten. Waren wir nicht alle gleich, einfach nur Menschen mit mehr oder weniger Fehlern, aber alle gleich viel wert, geliebt zu werden?

In meiner Schulzeit in Deutschland von 1993 bis 2006 wurde ich hauptsächlich über die Vorzüge des Westens unterrichtet. Wir nahmen das Zeitalter der Aufklärung in Europa im 17. und 18. Jahrhundert durch. Kants4 „kategorischer Imperativ“ – „nur nach derjenigen Maxime zu handeln, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ – erschien mir als ein wertvolles Konzept, das Frieden zwischen allen Menschen bringen kann. Wir lasen die Klassiker der deutschen Literaturperioden, von denen mir die Sturm-und-Drang-Zeit des 18. Jahrhunderts am besten gefiel, da sie die freie Äußerung starker Gefühle erlaubte. Aufgeregt studierte ich die Revolutionen für Werte wie Freiheit und Einheit: 1776 in Amerika, 1789 in Frankreich und 1848 in Deutschland.

Vor allem interessierte ich mich für die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR) von 1948, das erste Dokument, das ich in der Schule gelesen habe, das von einem internationalen Komitee entworfen worden war und den Frieden zwischen allen Menschen zum Ziel hatte – ein Traum, von dem ich wünschte, jeder würde ihn teilen.

Während unsere Lehrer behaupteten, die beispiellosen Schrecken des Zweiten Weltkriegs hätten zur AEMR geführt, erfuhr ich 2009 in einem seltenen Seminar über „Postkolonialismus“ an der Goethe-Universität, dass Nazideutschland kein vorübergehender Fehler war, der mehr als siebzig Millionen Menschen auf der ganzen Welt das Leben kostete, sondern das direkte Ergebnis der propagandistischen und blutigen Geschichte des Westens. Laut Hannah Arendt5 vermischten sich im 18. und 19. Jahrhundert europäische Nationalismen und Kolonialismen mit nachaufklärerischen Rassentheorien über die natürliche Überlegenheit der „weißen Rasse“, wodurch schon fast zwei Jahrhunderte vor Hitler der Weg für eine pseudo-legitimierte Versklavung und Tötung nichtweißer und nicht-christlicher Menschen auf der ganzen Welt geebnet wurde. Unsere Seminardiskussionen offenbarten mir auch, wie seit 1945 aus subtilen, vermeintlich farbenblinden und areligiösen Gründen Millionen von nicht-weißen und nicht-christlichen Menschen weit über die Grenzen des Westens hinaus getötet wurden, und zwar durch wirtschaftliche Ausbeutung, Hunger sowie militärische Interventionen, die Chaos, Zerstörung und sogar Bürgerkriege zur Folge hatten. Doch eine brennende Frage blieb: Wie könnten wir diese Dehumanisierungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beenden?

Das wollte ich unbedingt herausfinden. Nach dem Abschluss meines Grundstudiums an der Goethe-Universität Frankfurt studierte ich von 2010 bis 2011 Politikwissenschaft an der California State University in Fullerton. Während meines Kurses der politischen Philosophie las und lernte ich viel über griechische, hebräische, römische und christliche Gesellschaften, die mein Professor die „Grunderzählungen des Westens“ nannte. Insbesondere gefielen mir die wiederholten Diskussionen darüber, ob es Wahrheiten über Ethik – das richtige individuelle Verhalten – und Politik – das richtige gemeinsame Leben – überhaupt gab. Wie eine Handvoll meiner Kommilitonen war ich dieser Ansicht.

Am Ende des Semesters stellte mein Professor die Theorie auf, dass der moderne, globale Liberalismus des 21. Jahrhunderts eine Synthese aus allen Geschichten des Westens darstellt. Da ich seine eurozentrische Perspektive mit Skepsis betrachtete, fragte ich ihn nach der Rolle des Rests der Welt. Er zögerte eine Sekunde, bevor er den Kopf hob, eine Augenbraue hochzog und antwortete: „Nun ja, da waren Mesopotamien, Ägypten, Persien und dann kam der blutrünstige Dreckskerl Mohammed, der den Islam mit dem Schwert verbreitete.“ Ich saß in der letzten Reihe und schaute ihn ungläubig an. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Als ob die Geschichten des Westens frei von Blutvergießen wären. Ich schwieg und erwartete, mehr über sein schwarz-weißes Weltbild zu hören, doch er unterbrach sich selbst. „O Scheiße, ist sie hier? Die mit dem Kopftuch?“, fragte er und sah sich um.

Ihr Name war Manar, „Leitlicht“ auf Arabisch. An dem Tag war sie nicht im Kurs, ich jedoch schon – und verkörperte eine Mischung aus jüdischen, christlichen, muslimischen, deutschen, arabischen und osmanischen Traditionen. Wie schon so oft zuvor fragte ich mich auch an diesem Tag: Wie könnten wir die feindselige Haltung gegenüber anderen überwinden? Wie könnten wir aufeinander zugehen und uns gegenseitig schätzen? Wie könnten wir mehr Freude und Frieden untereinander und in uns selbst schaffen?

Mossul

August 1986 bis Januar 1991

Freestyle auf der Brust

Sonntag, 31. August 1986, gegen Mittag

Eine brennende Hitze drang von draußen in das Krankenhauszimmer und legte sich auf meine Eltern und mich. Die im irakischen Sommer notwendige Klimaanlage war zur Reparatur und hatte in der Außenwand ein klaffendes Loch hinterlassen. Ab und zu dröhnte ein Hämmern durch die Zimmerwand. Das Krankenhaus am Tigris wurde renoviert, was zu jener Zeit eine eher ungewöhnliche Maßnahme der Regierung war, da sechs Jahre Krieg gegen den Iran einen Großteil der Ressourcen des Landes verschlungen hatten. Trotz der landesweiten Materialknappheit hatte meine Familie Glück: Damals gehörten wir zu den Reichen. An materiellen Dingen fehlte es uns selten.

Mein Vater beugte sich über meine Mutter und drückte ihr einen Kuss auf die schweißnasse Stirn. Sie lag auf einem Metallbett und hielt mich in den Armen. Bei meiner Geburt hatte sie viel Blut verloren.

Ihre sowieso schon blasse Haut war nun fast weiß, ebenso wie einige Strähnen ihres dunklen, schulterlangen Haars. Sie war zweiundvierzig Jahre alt und lebte bei meiner Geburt bereits über dreiundzwanzig Jahre im Irak.

„Wir sollten ihm einen Namen geben, den die Leute in Deutschland leicht aussprechen können“, meinte sie. Mein Vater nickte zustimmend. Zärtlich küsste er mich auf die Wange, bevor er zum Fenster ging. „Guck mal, ich kann Nabi Yunus von hier aus sehen!“, sagte er, deutete nach draußen und schaute auf die weiße Moschee auf dem Hügel der Ruinen von Ninive, wo der Prophet Jona beerdigt sein soll. Ein achteckiges Minarett ragte in den strahlend blauen Himmel. Von ihrem Bett aus konnte meine Mutter den weißen Turm sehen. Sie hatte die alte Moschee schon einmal besucht und war von ihrer Schönheit beeindruckt. „Wir könnten ihn Younes nennen“, schlug er vor. Meine Mutter schaute meinen Vater nachdenklich an. Er trug keinen Schnurrbart, was für einen irakischen Mann ungewöhnlich war. Sein weißes Hemd war feucht, der Schweiß glitzerte auf seiner braunen, glatten Haut. Er war siebenundvierzig, sah jedoch jünger aus. Schließlich schaute sie mich an und lächelte. Der Name gefiel ihr. „Von jetzt an heißt du Younes“, verkündete sie.

Draußen versengten direkte Sonnenstrahlen fast jeden einzelnen Grashalm, mit Ausnahme derjenigen in der Nähe des Tigris. Das türkisblaue, ruhige und flache Wasser konnte zu dieser Jahreszeit an manchen Stellen fast zu Fuß durchquert werden. Von Oktober bis Mai jedoch würde der Fluss auf eine Breite von hundertachtzig Metern anwachsen und sich majestätisch durch die von mehr als sechshunderttausend Menschen bewohnte Metropole schlängeln.

Der Blick meines Vaters verweilte auf den Wundern am Flussufer. Von Zeit zu Zeit wehten grüne Palmblätter im Wind. Weintrauben und Granatäpfel gediehen ebenso wie Äpfel, Birnen, Feigen und Wassermelonen. Tomaten, Auberginen, Okraschoten und Gurken wuchsen am Ufer, von dem gelegentlich Weichschildkröten ins Wasser sprangen, während Schwärme von schwarz-weißen Kiebitzen auf den hohen Pappeln saßen und aus voller Kehle sangen.

Der Tigris war Mossuls Lebensquelle. Als kleiner Junge hatte mein Vater stundenlang mit seinen Freunden aus Schifa, einem Armenviertel von Mossul, im Fluss gespielt. Oft schlossen sich ihnen schwarze Flussbüffel an, um sich im Wasser abzukühlen, während die Bauern auf Liegestühlen schliefen. Manchmal kletterten mein Vater und seine Freunde sogar auf die Rücken der Büffel, um sich eine Weile auszuruhen, die meisten jedoch wehrten sich gewöhnlich. Einige fraßen Wasserpflanzen, andere koteten ins Wasser. Die Natur sorgte ausreichend für alle, auch für die Jungs. Wenn diese Hunger hatten, pflückten sie eine Wassermelone, aßen sie und sprangen wieder ins Wasser.

Trotz oder gerade wegen seiner einfachen Kindheit griff mein Vater schon früh nach den Sternen. Er wurde am 12. April 1939 geboren. Von 1947 bis 1956 besuchte er die öffentliche Schule in Mossul. Während dieser Zeit teilte sich seine achtköpfige Familie einen Bungalow, der aus einem einzigen, dreiundzwanzig Quadratmeter kleinem Zimmer bestand. Der kleine Raum bot kaum ausreichen Platz für die Grundbedürfnisse: Essen, Wasser, Schutz, Schlafen und Sex. Dennoch war mein Vater im Vergleich zum Rest seiner Familie privilegiert, denn er hatte einen eigenen Tisch zum Lernen. Seine Eltern hatten den Wunsch, dass wenigstens eines ihrer sechs Kinder die Chance bekam, zu studieren und die Welt zu bereisen. Tagsüber half seine älteste Schwester meinem Vater bei den Prüfungsvorbereitungen, während die anderen Familienmitglieder in der Familienbäckerei arbeiteten. Seine Mutter war für die Produktion zuständig, sein Vater für den Verkauf. Damals waren rund vierzehntausend Soldaten in Mossul stationiert, und da sein Vater, ein Veteran des Ersten Weltkriegs, manche von ihnen kannte, wurde ein Großteil des Brots an die Militärbasis verkauft. Schließlich zahlte sich die Teamarbeit aus: Im Frühjahr 1956 erhielt die Familie endlich die erfreuliche Nachricht, dass sich mein Vater aufgrund seines hervorragenden Abschlusses für ein Stipendium im Ausland qualifiziert hatte.

Von 1957 bis 1962 studierte mein Vater Maschinenbau an der University of Wales. Im Winter 1960 besuchte er eine Tanzveranstaltung im Studentenwerk, einem schlichten Gebäude mit Holzstühlen an einer grauen Wand. Er wartete gerade an der Bar auf seine Limonade, als Monika, eine Kommilitonin, mit ihrer neuen Freundin auf ihn zukam. Während Monika ihn der jungen Dame vorstellte, einem Au-Pair-Mädchen aus Deutschland, das sein Englisch verbessern wollte, steckte jemand eine Münze in die Jukebox. Kurz darauf füllten romantische Streicher von Maurice Chevaliers „Gigi“6 den Raum. Ein junger Mann erschien und führte Monika auf die Tanzfläche, wo sich bereits Dutzende von Paaren in enger Umarmung befanden. Trotz seiner ruhigen und schüchternen Art traute sich mein Vater kurz darauf, die junge Frau, die später meine Mutter werden sollte, zum Tanzen aufzufordern. Sie war damals kaum siebzehn Jahre alt, errötete und willigte ein. Beide fühlten sich stark voneinander angezogen und ihnen gefiel die höfliche und freundliche Art des anderen sichtlich. Lächelnd betraten sie händchenhaltend die Tanzfläche – der Beginn einer lebenslangen Verbindung.

In den nächsten Wochen trafen sie sich ein paar Mal auf dem Campus, tranken zusammen Kaffee und führten lange Unterhaltungen. Eines Tages schrieb mein Vater Adil für die Universitätszeitung einen Artikel über eine Campusausstellung. Er hatte ein Foto von meiner Mutter Gabriela gemacht und es auf das Titelblatt gesetzt. Als sie sich am nächsten Tag halb beschämt und halb entzückt bei ihm bedankte, lud er sie zum Abendessen in seine Wohnung ein. Sie nahm die Einladung an, und es wurde ein zwangloser und für beide sehr schöner Abend. Bald besuchte sie ihn öfter. Sie kochten zusammen, hörten Musik und tanzten zu ihren Lieblingsliedern. Da sie wusste, wie viel er lernen musste, blieb sie oft bis spät in den Abend und half ihm bei seinen Hausarbeiten. Sie genossen die gemeinsame Zeit, und ihre Verbindung wurde mit jedem Mal stärker.

Im Sommer 1961 musste Gabriela zurück nach Deutschland, um ihr Abitur zu machen. Bei ihrem letzten Treffen am Hauptbahnhof Cardiff umarmten sie sich. Tränen rannen über ihre Wangen. Sie hatten sich ineinander verliebt, doch sie waren zu konservativ und zu jung, um sich dem anderen zu erklären. Adils Mutter hatte ihm stets eingebläut, dass es eine Sünde war, eine Freundin zu haben, ohne sie zu heiraten, und er hörte auf sie. Gabriela, eine Katzenliebhaberin und Hobby-Fußballspielerin, hatte keinerlei Erfahrung, was romantische Beziehungen anging. Dennoch spürten beide, dass ihre Trennung ausgesprochen schmerzhaft werden würde. Doch was sollten sie dagegen tun?

Während Adil in England blieb und dort weiterstudierte, schickten er und Gabriela viele Briefe voller Kummer hin und her: „Wir können unmöglich noch mehr Tage voneinander getrennt sein. Wir müssen einen Weg finden, wieder zusammen zu sein“, da waren sich beide einig. Doch die Entfernung zwischen ihnen wurde sogar noch größer und dauerte noch länger. Im Frühjahr 1962, nachdem Adil sein Studium mit einem Bachelor of Science mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, kehrte er nach Mossul zurück, um dort die zwölf Pflichtmonate im Militär abzuleisten. Ihre Liebe verlangte daher mutiges Handeln.

Am Dienstag, den 30. Juli 1963 traf Gabriela gegen den Wunsch ihrer Eltern, die einer interkulturellen Ehe mit einem Iraker skeptisch gegenüberstanden, eine lebensverändernde Entscheidung. Während die Familie im Urlaub in Jugoslawien war, nahm Gabriela einen Zug nach Frankfurt, wo sie in ein Propellerflugzeug stieg, das sie viertausenddreihundertundfünfzig Kilometer gen Südosten nach Bagdad flog. Am späten Abend erhielt Adil ein Telegramm von Stanley, einem Piloten der Iraqi Airways. „Wir haben hier eine junge Deutsche, die nach dir fragt. Sie kann bei uns übernachten. Bitte hol sie morgen ab.“

Gleich am nächsten Tag fuhr Adil im Morgengrauen vierhundert Kilometer in Richtung Süden. Sie trafen sich am Flughafen und umarmten sich mit Freudentränen in den Augen. Die erste Nacht verbrachten sie bei seinem Bruder Nuri im Zentrum von Bagdad.

Am Morgen des 1. August 1963, einem Donnerstag, nahmen sie morgens in ihrer Straßenkleidung einen Bus zum Standesamt, wo Gabriela und Adil sich vor dem Beamten ewige Liebe schworen und anschließend zu Mann und Frau erklärt wurden. Dennoch sollte es Jahre dauern, bis für sie alles gut lief. Nach ihrer standesamtlichen Trauung fuhren sie nach Mossul, um den Rest der Familie in ihrem neuen Zuhause zu treffen, das Adil von seinen ersten Gehältern gebaut hatte. Sie wurden mit Worten und Küssen überschüttet, und obwohl Adil alles ins Englische dolmetschte, fühlte Gabriela sich völlig verunsichert. Sie wusste nicht viel über die irakische Kultur. Sie wusste nicht, was sie von anderen zu erwarten hatte und wie sie sich verhalten sollte. Und sie fragte sich, ob sie wohl akzeptiert werden würde.

Kurz nach dem Tee verwandelte sich ihre Unsicherheit in ein persönliches Trauma. Da sich schnell herumgesprochen hatte, dass „eine Frau aus Europa in die Familie eingeheiratet hatte“, kamen Dutzende von Verwandten vorbei, um sie sich anzusehen. Viele Frauen betrachteten sie von oben bis unten. „Warum hast du dir ausgerechnet eine Europäerin ausgesucht? Wir haben hier selbst viele gute Frauen, die nur auf dich warten“, sagten sie zu Adil. Er ersparte Gabriela die Übersetzung dieser Worte, doch der Schaden war bereits angerichtet. Sie verstand ihre eifersüchtigen Blicke und ihr spöttisches Lachen auch so. Adil befand sich in einem Dilemma: Wenn er seine Verwandten kritisierte oder sich von ihnen abwandte, wäre das in ihren Augen einem Verrat an seinem Volk gleichgekommen. Seine Frau jedoch weiteren Beleidigungen auszusetzen, wäre mindestens genauso falsch gewesen.

Da er nicht wusste, was er tun sollte, beendete er dieses erste Treffen mit seiner Familie und führte Gabriela nach oben in ihr Zimmer, wo sie weinend zusammenbrach. Sie fühlte sich von ihrem eigenen Ehemann, dem Mann, den sie liebte, dem Mann, für den sie ihre Familie, ihre Freunde und ihre Heimat verlassen hatte, verraten. Sie fühlte sich hilflos und hatte niemanden, der sie verteidigte. Auch konnte sie sich nicht selbst schützen, da sie kein Arabisch sprach. Wie sollte sie mit den Feindseligkeiten ihr gegenüber fertigwerden?

In den folgenden Wochen verbrachte Gabriela viele Stunden weinend in ihrem Zimmer, lag auf ihrem Bett unter dem sich drehenden Deckenventilator, fühlte sich einsam, wurde von Moskitos gestochen und schwitzte. Noch nie zuvor war sie einer solchen Hitze von deutlich über dreißig Grad ausgesetzt gewesen. Adil hingegen arbeitete jeden Tag in einem Unternehmen der Klimatechnik, außer am Freitag, dem wöchentlichen Ruhetag.

Was Gabriela unbedingt brauchte, war wenigstens eine Person, die sie bedingungslos unterstützte, und das war trotz seiner anfänglichen Fehler Adil. Schon bald gelang es ihm, für mehr Platz, Privatsphäre und Sicherheit für seine neue Ehe und zukünftige Familie zu sorgen.

Die Beziehung meiner Eltern verbesserte sich nach einem halben Jahr, als Adil einen neuen Job im Bereich der Stromerzeugung antrat. Da er dadurch mehr Geld verdiente, konnten sie es sich leisten, auszuziehen und ein eigenes Haus zu mieten. Gabriela hatte angefangen, Arabisch zu lernen, und sie hatte sich mit den neuen Nachbarn angefreundet, die jung, offen, neugierig und freundlich waren. 1966 wurde Manal, ihr erstes Kind, geboren, und 1969 folgte Malik, dessen viel zu früher Tod im Jahr 1977 nach einer ungeklärten Krankheit für meine Eltern immer noch ein zu schmerzhaftes Thema ist, als dass sie darüber reden könnten.

Während meine Familie immer größer wurde, nahm die berufliche Laufbahn von Adil ungeahnte Dimensionen an. In den Siebzigerjahren arbeitete er an verschiedenen Projekten, wie zum Beispiel dem Aufbau von drei Textilfabriken in Mossul. Als Gabriela 1972 mit dem dritten Kind, Nour, schwanger war, besuchte Adil einen viermonatigen Managementkurs in Schweden. Bald nach seiner Rückkehr wurde er Geschäftsführer besagter drei Textilfabriken. So begann seine Karriere als herausragender Manager, der auch im Industrieministerium ausgesprochen beliebt war. 1979 und 1982 kamen zwei weitere Kinder zur Welt: Malik, benannt nach meinem verstorbenen Bruder, und Alim. Zu dieser Zeit entwickelte Adil Pläne zum Ausbau der irakischen Textilindustrie. 1986 luden ihn Unternehmer und Minister aus aller Welt zu Treffen in exklusiven Hotels und Ministerien ein, um Verträge auszuhandeln. Adil trug damit direkt und indirekt zur besseren Lebensqualität von Hunderttausenden von Menschen im Irak und anderen Ländern bei. Wie das Glück es so wollte, wurde ich in eine erfolgreiche und großzügige Familie der höheren Gesellschaft hineingeboren.

Mittwoch, 3. September 1986

Drei Tage nach meiner Geburt holte Salim, unser privater Chauffeur, meine Mutter und mich ab und brachte uns nach Hause. Er fuhr uns in eine geschlossene Wohnanlage im Bezirk Mansur im Südwesten von Mossul, der an das Industriegebiet grenzte. Innerhalb der Wohnanlage fuhren wir an mehreren Einfamilienhäusern, einem Kindergarten, einer Schule und ein paar Geschäften vorbei, bevor wir an der letzten Rechtskurve gegenüber einem riesigen Gebäude anhielten, das Schönheit und technischen Fortschritt ausstrahlte. Es handelte sich um ein zweistöckiges Herrenhaus mit Flachdach, dessen Fassade aus handgemeißelten Sandsteinen bestand. Raumhohe Flügelfenster führten zu insgesamt vier großen Balkonen. Im Vorgarten schlängelte sich ein gepflasterter Pfad zum Zentrum der Villa, einer zweigeschossigen Eingangshalle, in die man durch eine ausgesprochen hohe und gewölbte Eingangstür gelangte. Rechts und links entlang des Pfads bewässerten Sprinkler den sauber geschnittenen Rasen, auf dem zwei Palmen in den blauen Himmel ragten. Selbst bei hoch stehender Sonne war es im Haus kühl; dafür sorgen zwei Klimaanlagen an der Rückseite des Gebäudes.

Während sich vor uns ein elektronisches Tor nach links öffnete, fuhr Salim langsam auf das Grundstück. Er parkte auf einer langen, gepflasterten Einfahrt. „Wir sind zu Hause“, verkündete er freundlich und öffnete Gabriela die Beifahrertür. „Shukran jazilan7“, dankte sie ihm und stieg aus dem Auto.

Mit mir auf dem Arm ging sie langsam um unser Haus herum. Als sie den Hinterhof betrat, brach ein aufgeregtes Gackern aus. Dutzende von Hühnern fingen an, in ihrem mit Maschendraht umzäunten Gehege zu unserer Linken herumzulaufen. Gabriela lächelte ihre zweibeinigen Freunde an, die unsere Familie jeden Tag mit frischen Eiern versorgten, überquerte den fußballfeldgroßen Rasen und steuerte den bunten Rosengarten an. Die meisten Blumen in unserem Garten waren Rosen. Sie blühten so schön. Trotz ihrer Schmerzen nach der Entbindung beugte sie sich nach unten und sog den süßen Duft der Rosen ein. Wieder lächelte sie. Sie liebte die Natur in unserem Garten.

Sadiq, unser Privatgärtner, entdeckte uns und kam vom Drei-Zimmer-Bungalow, der unseren Angestellten zur Verfügung stand und sich in der äußersten linken Ecke unseres Grundstücks befand, auf uns zu.

„As-salamu alaikum.8 Wen haben Sie uns denn da mitgebracht?“, fragte er lächelnd.

„Das ist Younes“, antwortete sie und lächelte ebenfalls.

„Maschallah!9 Ahlan wa sahlan Younes!“, hieß er mich willkommen.

Er drehte den Gartenschlauch auf und füllte unseren türkisfarbenen Swimmingpool mit frischem Wasser. Hinter dem Pool markierte eine drei Meter hohe Sandsteinmauer die Grenze zu einer der von Adil geführten Textilfabriken. Diese Fabriken verbesserten die Lebensbedingungen der Bevölkerung in vielerlei Hinsicht. Da die Produktion auf sauberes Wasser angewiesen war, hatte Adil den Bau eines neuen Wasserwerks in Mansur finanziert. Dieses belieferte auch andere Wohngebiete von Mossul mit Wasser. Er half gern und vergaß nie, woher er gekommen war. Den Menschen etwas zurückzugeben, war für ihn eine Frage der Gerechtigkeit und der Ehre. Adil wusste aus eigener Erfahrung, welche Auswirkungen Armut auf eine Familie und die gesamte Bevölkerung haben konnte, und hatte deshalb im Lauf der Jahre mit dem von ihm erwirtschafteten Gewinn und mit Freude auch den Bau von zweitausend Wohnungen, einigen Schulen, Kindergärten und Geschäften in Mossul finanziert.

Während das Wasser lief, dankte Gabriela Sadiq für seine Arbeit und verabschiedete sich.

Sie ging zu unserem Haus und betrat unser Wohnzimmer durch eine Glastür mit Aluminiumrahmen. Schwere, rote Vorhänge vor hohen, gebogenen Fenstern verdunkelten den kühlen Raum. Kunstvolle Teppiche bedeckten Teile des hellen Natursteinbodens, während zwei goldene Kronleuchter von der extra hohen Decke hingen.

Bevor Gabriela in die Küche gehen konnte, kamen meine Geschwister angerannt, um sie zu umarmen. „Mama, da bist du ja wieder!“, riefen sie aufgeregt. Unsere Mutter strahlte fröhlich. Nach der ersten schwierigen Zeit in Mossul hätte sie nie gedacht, einmal ein Leben führen zu können, das mit so vielen Kindern und Freunden gesegnet war. Hartnäckigkeit, Geduld und stetiges Streben hatten sich ausgezahlt, und sie fühlte sich in ihrer neuen Umgebung richtig wohl.

Winter 1987

Saddam Hussein verwöhnte die Mitglieder der Baath10-Partei und insbesondere Beamte wie Adil in vielerlei Hinsicht, um sie in seinem autoritären Regime ruhig und loyal zu halten. Fast jedes Jahr erhielten wir ein Stück Land und jeden Monat wurden uns viele Lebensmittel wie Bohnen, Reis und Mehl sowie Eier und Fleisch geschenkt. Darüber hinaus erhielten wir Hausgeräte wie Klimaanlagen und handgeknüpfte Teppiche und Designermöbel zu einem Zehntel des Marktpreises. In Anbetracht der Tatsache, dass im Irak eine Planwirtschaft herrschte, mussten viele Iraker oft Monate warten, bevor sie diese Artikel kaufen konnten, während bestimmte Waren nur für Beamte reserviert waren. Gabriela verteilte die Sachen in ihrer Hilfsbereitschaft stets an Verwandte, Nachbarn und Freunde, da sie davon ausging, dass es uns nie an etwas fehlen würde.

Im Winter 1987 lieferte ein Mann mittleren Alters uns ein Paket, das viermal so groß war wie ich, und stellte es am Morgen in unserer Küche ab. Wir warteten auf Adil, der spät abends von der Arbeit nach Hause kam und den Karton öffnete; darin befand sich ein moderner amerikanischer Kühlschrank mit Eiswürfelbereiter – solche Sachen erhielten nur Leute wie wir. Dabei brauchten wir ihn gar nicht; wir besaßen bereits zwei große Kühlschränke.

Aufgrund des materiellen Überschusses glich unser Keller einem Lagerhaus. Wir nannten noch ein weiteres siebenhundert Quadratmeter großes Anwesen im Bezirk Yarmouk im Westen von Mossul unser Eigen, und Salim fuhr uns jeden Tag zwischen unseren Häusern hin und her, um sicherzugehen, dass es uns an nichts fehlte. Als Kind war ich zu jung, um zu verstehen, wie verwöhnt wir waren bzw. zu welchem Preis wir unseren Status hielten: Die Mitgliedschaft in der Baath-Partei war für Iraker obligatorisch, wenn sie Karriere machen wollten. Das war keine freiwillige Entscheidung.

Adil sprach nicht über Politik, um nicht mit dem alles kontrollierenden Regime Saddam Husseins aneinanderzugeraten. Die einzige Ausnahme war im August 1984. Damals lud Saddam Hussein ihn zu einer Gesprächsrunde ein, weil er zum dritten Mal in Folge vom Industrieministerium zum „Manager des Jahres“ ernannt worden war.

Die Nominierung basierte auf verschiedenen Kategorien wie Produktivität und Arbeitsbedingungen. Die erste Textilfabrik von Mossul hatte 1954 mit vierhundert Mitarbeitern begonnen. Nachdem Adil die Geschäftsführung übernommen hatte, entsorgte er alle alten Maschinen und kaufte (mit einem staatlichen Darlehen) teure, computergesteuerte Näh- und Webmaschinen aus Europa. Da er so die Produktivität und Rentabilität enorm steigerte, konnte er in den Achtzigerjahren neue Mitarbeiter einstellen und sogar zwei neue Fabriken bauen. 1987 arbeiteten mehr als siebentausend Menschen in den fünf von ihm geführten Textilfabriken. Die Mitarbeiter erhielten Unternehmensaktien, regelmäßige Aus und Weiterbildungen sowie eine Renten- und Krankenversicherung auf Kosten des Unternehmens – ein völlig neues Konzept, das mein Vater eingeführt hatte und zu einer faireren Verteilung des Wohlstands führte.

Als Adil 1984 Saddam Hussein in seinem Palast in Bagdad traf, war er recht zuversichtlich, was sich jedoch als gefährlich naiv herausstellte. Die meisten Iraker wagten es nicht, Saddam Hussein in die Augen zu sehen, da das als respektlos hätte gedeutet werden und unvorhersehbare und sogar tödliche Folgen hätte haben können. Dennoch wollte Adil unbedingt neue Möglichkeiten für die irakische Wirtschaft schaffen, und so blickte er Saddam Hussein in die Augen. Einen ausgesprochen angespannten Moment lang, der im staatlichen Fernsehen übertragen wurde, schüttelten sie sich schweigend die Hand. Im anschließenden zweistündigen Gespräch gemeinsam mit anderen wichtigen Politikern und Geschäftsmännern sprach Saddam Hussein überraschend liberal über die Wirtschaft und Politik des Irak, als wäre er nicht mehr der brutale Diktator. Als Adil es wagte, sich für eine Marktwirtschaft einzusetzen, sprach sich Saddam Hussein sogar zum ersten Mal öffentlich dafür aus, obwohl er sich selbst stets als arabisch-nationalistischer Sozialist betrachtet hatte. Adil war außerordentlich stolz darauf, was er erreicht hatte, und blickte wie viele andere Iraker hoffnungsvoll der wirtschaftlichen Entwicklung des Iraks entgegen.

Es war nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass Adil im staatlichen Fernsehen aufgetreten war. Auch Redakteure von Frauenzeitschriften interviewten ihn häufig, da sie sich für das fortschrittliche, frauenfreundliche Konzept seines Unternehmens interessierten. Sechstausend seiner Mitarbeiter und drei seiner sieben Top-Manager waren weiblich. Die im Fernsehen übertragenen Interviews fanden in der Regel in seinem Büro statt. Er saß dann an seinem Teakholztisch, trug einen seiner besten Anzüge und sein kurzes, drahtiges, schwarzes Haar streng zur Seite gekämmt, während er zuhörte und Fragen mit einem konzentrierten und entschlossenen Gesichtsausdruck immer so exakt wie möglich beantwortete.

Im Winter 1987 hing das Foto von ihm und Saddam Hussein, wie sie sich die Hand schütteln, in seinem Büro hinter seinem Schreibtisch und daneben das übliche Porträt von Saddam Hussein in Uniform, das überall im Land zu sehen war. Im Irak war es eine Ehre und zeugte von sozialem Status, mit Saddam Hussein im Bild zu sein – und ihm die Hand zu schütteln. Viele Iraker schauten zu uns auf. Wir waren fast so etwas wie Promis.

August 1988

Gabriela verließ das Haus am Morgen in unserem neuen weißen Toyota Crown, um die letzten Einkäufe für unseren bevorstehenden Sommerurlaub zu erledigen. Sie trug eine übergroße, schwarze Sonnenbrille und ein maßgeschneidertes, schwarzes Kleid, in dem sie ein bisschen aussah wie Audrey Hepburn11, wie ihre Freunde manchmal zu sagen pflegten. Rasala, unser Hausmädchen, machte ein Foto, wie Gabriela unser Haus verließ und in das neue Auto stieg.

Rasala kümmerte sich mit viel Liebe um uns, wenn unsere Mutter nicht da war. Zum Mittagessen fing sie manchmal sogar mit bloßen Händen Spatzen in unserem Garten, um sie für uns zu braten. Malik und Alim schauten sie stets mit großen Augen an, erstaunt und entsetzt darüber, wie schnell und stark ihre Hände waren. Sie war so alt wie Gabriela und auch Christin. Während des Mittagessens saß Rasala neben uns oder hatte uns auf dem Schoß, während sie geduldig wartete, bis wir aufgegessen hatten. Damals war unsere Lieblingsspeise Milchreis mit Zimt und Zucker, den sie mit viel Liebe zubereitete. Wir waren gern bei ihr. Sie war in vielerlei Hinsicht ausgesprochen gut zu uns.

Unsere neue Limousine hatten wir im Frühjahr 1988 fast kostenlos von der Regierung bekommen. Im Irak waren nur wenige Toyota Crowns registriert, und nur Beamte fuhren ein solches Auto, das über eine besondere Ausstattung verfügte: eingebauter Kühlschrank, Zwei-Zonen-Klimaanlage, Leseleuchten und automatische Scheinwerfer. Der Innenraum war noch mit Plastikschutz versehen, als Salim unser neues Auto erstmals in unserer Einfahrt parkte.

Da Salim Adil normalerweise in einem SUV chauffierte, fuhr Gabriela meistens mit unserem neuen Auto.

Als Gabriela 1973 ihren Führerschein erhielt, war sie eine der ersten Frauen im patriarchalischen Mossul, die Auto fuhr. Seit Saddam Husseins Machtübernahme im Jahr 1979 erhielten Frauen in verschiedenen Lebensbereichen mehr Rechte und Freiheiten, wie zum Beispiel Zugang zu höherer Bildung, die Möglichkeit zu arbeiten und öffentliche Kinderbetreuung. Er gründete sogar eine Gewerkschaft für Frauen, die die Rechte der Frauen schützte. Insofern war es 1988 normal, dass Frauen Auto fuhren, sich frei bewegten und moderne Kleidung trugen, die weder Haare noch Körperform verhüllten. Der Irak war zum Teil modern geworden.

Diese Tatsachen wurden, wie ich während meines Studiums zwanzig Jahre später erfuhr, in den Berichten des Westens üblicherweise ignoriert. Saddam Hussein wurde ausschließlich als brutaler, skrupelloser und machthungriger Diktator dargestellt. Für unterschiedliche Menschen repräsentierte er unterschiedliche Sachen. Und doch befahl er im März 1988, dem letzten Jahr des Golfkriegs gegen den Iran, einen chemischen Angriff auf Halabja, eine Stadt nahe der iranischen Grenze, bei der zwischen drei- und fünftausend Zivilisten umkamen. Viele der Opfer waren Kurden, von denen einige Autonomie erlangen wollten. Dieser Angriff war ein klares Verbrechen gegen die Menschheit.

Im August 1988 akzeptierte der Iran den Waffenstillstand. Adil nahm sich zwei Wochen frei, um während der Schulferien Zeit mit uns zu verbringen. In der Vergangenheit waren wir manchmal an den Wochenenden in den Bergen im Nordirak (irakisches Kurdistan) wandern gewesen, doch diesmal hatte er einen Ausflug nach Bagdad geplant, um uns unter anderem den Habbaniyah-See, einen riesigen See in der Nähe des Euphrat, zu zeigen.

Bevor wir aufbrachen, ließ er mich auf dem Fahrersitz unseres Toyotas sitzen, während er auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Mit meinen nicht einmal zwei Jahren konnte ich zwar nicht durch die Windschutzscheibe sehen, aber das Lenkrad erreichen. Aufgeregt hupte ich ein Dutzend Mal. „Schnall dich an“, sagte ich.

„Ay, Sir! Und du guckst auf die Straße“, antwortete er strahlend, als würden wir tatsächlich fahren. Und doch gingen wir auf eine unausgesprochen wunderbare Vater-Sohn-Reise.

Meine Geschwister und ich genossen die Zeit mit unserem Vater sehr, da wir ihn nicht oft zu sehen bekamen. Neben langen Arbeitstagen in Mossul führten ihn seine ständigen Geschäftsreisen bis 1988 in dreiundvierzig Länder. Für jeden Tag, den er im Ausland verbrachte, erhielt er einen zusätzlichen Tagessatz vom Industrieministerium. Seine Geschäftsreisen dauerten zwischen zehn und fünfzehn Tagen. Wenn er zurückkam, hatte er oftmals so viel verdient wie in fünf Monaten in Mossul. Wir verfügten über viel Geld, das materiellen Luxus und auch eine gewisse Art von Freiheit mit sich brachte.

September 1988

Für die meisten Iraker und auch Deutschen war das Fliegen in den 1980er-Jahren zu teuer, wir jedoch hatten das Geld und die Freiheit, jedes Jahr nach Deutschland zu fliegen, um meine Großmutter in Amtal, einem kleinen Dorf in Niedersachsen zu besuchen.

Im September 1988 flogen wir erneut nach Deutschland, diesmal aus einem besonderen Grund: Gabriela war im fünften Monat schwanger. Hikmat, unser Hausarzt und Freund, hatte ihr empfohlen, für die Entbindung nach Deutschland zu gehen, wo das Klima gemäßigter ist. Er war besorgt, dass die Hitze im Irak zu Komplikationen wegen ihrer Krampfadern führen könnte und dass die lokalen Ärzte für ihre Behandlung nicht ausreichend ausgerüstet wären, obwohl irakische medizinische Einrichtungen damals zu den besten im arabischsprachigen Raum zählten – eine weitere Tatsache, die die westliche Presse bei Berichten über den Irak unter Saddam Hussein meist unerwähnt ließ.

6. Dezember 1988

Sophia, meine jüngste Schwester und das letzte Kind meiner Eltern, wurde im Krankenhaus von Oslar, einer Stadt in der Nähe von Amtal, geboren. Gabriela, Sophia, Nour und ich blieben danach in Amtal, während Adil und meine anderen Geschwister bereits im September wegen Arbeit bzw. Schule zurückflogen.

Obwohl wir fünf Monate lang in Deutschland blieben, war ich zu jung, um mich heute noch daran zu erinnern.

Ende August 1989

Wieder in Mossul ging unser Leben wie üblich weiter; zumindest bis eines morgens. Der Tisch in unserer Küche war nicht für das Frühstück gedeckt, als Malik, Alim und ich nach unten kamen. Stattdessen stand Adil davor. „Wir fahren heute ins Krankenhaus. Dort schneiden sie ein kleines Stück von eurem Penis ab, das ihr nicht braucht“, erklärte er.

„Was? Abschneiden?“, wiederholte ich panisch. Ich war kaum drei Jahre alt und versuchte, in den Garten zu flüchten, doch Adil war schneller, packte mich am Arm und hinderte mich am Weglaufen.

„Das muss sein. Sonst wirst du kein richtiger Mann“, sagte er.

„Ich bin zu klein, um schon ein richtiger Mann zu sein. Lass mich los! Ich komme nicht mit“, entgegnete ich.

„Ich wurde beschnitten, deine Brüder werden beschnitten, jeder wird beschnitten. Das ist Teil unserer Religion.“

„Aber ich will das nicht!“, schrie ich.

„Du musst aber!“, schrie er zurück und zog mich nach draußen, während Malik und Alim brav folgten.

Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Todesangst, und das zu Recht. Während Malik und Alim die Operation problemlos überstanden, starb ich nach mehreren Atem- und Herzstillständen dreimal auf dem Operationstisch. Mein kleiner Körper hatte die Anästhesie schlicht nicht vertragen und die Ärzte brauchten mehr als zwei Stunden, um mich zu stabilisieren.

Normalerweise wurden Jungen muslimischer Familien im Alter zwischen sieben und zehn Jahren beschnitten, wenn die Kinder mehr und mehr in ihren Familien, Institutionen wie Schulen und Moscheen sowie von der restlichen Gesellschaft in den Islam eingeführt wurden. Nicht der Koran forderte die Beschneidung von Jungen, sondern die Sunnah12. Adil, der seit dem Tod des Großen Malik, wie mein verstorbener Bruder in den seltenen und kurzen Momenten, in denen wir über ihn sprachen, von meiner Familie genannt wurde, immer religiöser geworden war, hielt das Ereignis für eine gute Gelegenheit, eine religiöse Tradition zu praktizieren und seine drei männlichen Nachkommen mit der Großfamilie und Freunden zu feiern. Bedauerlicherweise widersprach die Beschneidung der Vereinbarung, die Gabriela und Adil vor der Gründung ihrer Familie getroffen hatten, nämlich, dass alle Kinder die Freiheit haben sollten, sich selbst für eine Religion zu entscheiden. Doch erneut hatte sich Adil dem sozialen Druck gebeugt, und somit waren auch Gabriela und wir Kinder gezwungen, uns ebenfalls zu beugen.

Anfang September 1989

Im Alter von nur drei Jahren war ich traumatisiert. In meinen Träumen sah ich mich immer wieder tot auf einem weißen Operationstisch liegen, während Ärzte um mich herumwuselten. Ich wachte wiederholt schreiend aus diesen Träumen auf und meine Eltern mussten mich jedes Mal beruhigen. Wenn ich wach war, konnte ich immer noch überall das scharfe Desinfektionsmittel des Krankenhauses riechen, obwohl Rasala recht schnell auf ein anderes Reinigungsmittel umstieg, um mich zu schonen.

Anfang September 1989, ein paar Tage nach meinem dritten Geburtstag, lernte ich zudem den metallischen Geruch von Blut kennen. Unsere drei Schafe, die uns Adil ein paar Monate zuvor geschenkt hatte, wurden zur Feier unserer Beschneidung geschlachtet. Ich saß an jenem Morgen gerade auf der Schaukel, als Adil und zwei andere Männer unsere drei Schafe hinter einen Busch zogen. Kurz darauf hörte ich ein hysterisches Geblöke und sah dann Blut auf den Rasen fließen. Ich schrie, so laut ich konnte, „Mama!“. Als sie gerannt kam, entdeckte auch sie das Blut, packte mich und trug mich in die Küche. „Alles ist gut“, sagte sie und versuchte mich zu beruhigen, doch ich konnte nicht aufhören zu weinen. Die Schafe waren extra für diesen Tag gekauft worden, was uns jedoch niemand gesagt hatte. Mir taten die Tiere furchtbar leid, und obwohl ich noch sehr jung war und nicht viel verstand, fühlte ich mich von meinen Eltern betrogen, weil ich gedacht hatte, wir könnten die Schafe behalten, wie sie es uns gesagt hatten.

Am Nachmittag besuchten etwa fünfzig Erwachsene und ein Dutzend Kinder meine Familie in unserem Herrenhaus in Mansur, um mit uns zu feiern. Wir empfingen sie im Hinterhof, wo mehrere Angestellte das Fleisch auf den Grill legten. Ich trauerte immer noch um die Schafe. Meine Mutter, die sich an die Regeln hielt, hatte Malik, Alim und mich in Tracht gekleidet. Wir trugen ein weißes Dischdascha13 und eine goldene Halskette mit einem Koran-Anhänger. Alle gratulierten und küssten uns auf die Wangen. Ammu14 Nuri machte Fotos von uns, wie wir zusammen auf dem Rasen standen. Mein Kopf reichte Adil fast bis zur Taille. Er strahlte fröhlich in die Kamera, während Malik, Alim und ich höflich lächelten. Nach dem Fotoshooting klatschten unsere Gäste aufgeregt, während mein Penis noch wehtat. Das religiöse Ritual, dass ich weder verstand noch mochte, verstörte mich. Da es mir aufgezwungen worden und schmerzhaft war, litt für eine ganze Weile sogar mein Vertrauen in meine Eltern darunter. Entgegen der Behauptungen von Adil war ich noch kein Erwachsener, das spürte ich, sondern nur ein sehr junges, verstümmeltes Kind mit Schmerzen.