Glindower Gesichter - Edith Mende - E-Book

Glindower Gesichter E-Book

Edith Mende

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Beschreibung

Dreizehn Lebensgeschichten von Menschen, die im märkischen Ort Glindow bekannt sind, werden in diesem Büchlein zusammengetragen. Einige der Frauen und Männer sind hier geboren, andere wurden aus unterschiedlichen Gründen zu Glindowern, der Arbeit oder der Liebe wegen oder weil sie als Folge des Zweiten Weltkrieges ihre alte Heimat verloren hatten. Kein Lebensweg gleicht dem anderen. Als das Dorf, heute Ortsteil von Werder (Havel), 2017 seine Ersterwähnung vor 700 Jahren feierte, war das für den Heimatverein Anlass, Biographien von Einwohnern festzuhalten, die in der jüngeren Geschichte Glindower Gesichter sind oder waren.

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Seitenzahl: 59

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Ein Leben in Bewegung

Ein Foto, viel Leben

Am Herzschlag der Glindower

Und plötzlich kamen die Gurken aus Holland...

Picknick in London

Dem einzigen Auto liefen die Kinder nach

Zu Märkern geworden

Etwas anderes als Maler kam nie in Frage

Jung gefreit, nie gereut

Im Tante-Uschi-Laden

Abschied und Vorfreude

Fotonachweis

Vorwort

Wir wissen heute nicht so genau, wie die Menschen waren, die sich vor 700 Jahren hier angesiedelt hatten. Damals, als Glindow zum ersten Mal in einem Dokument erwähnt wurde. Viel mehr, als dass sie vom Fischfang lebten, ist über sie nicht bekannt. Oder doch, mit Ton oder Lehm müssen sie schon gearbeitet haben, gab doch das entsprechende slawische Wort Glina dem Dorf seinen Namen. Dennoch, viele Details ihres Alltags werden wohl für immer im Dunkel der Geschichte bleiben. Wie aber leben die Glindower heute und wie sah ihr Alltag in den vergangenen siebzig oder gar achtzig Jahren aus? Das kann man noch sehr genau erfahren. Wenn man die älteren Einwohner fragt.

Als 2017, im Jahr des Ortsjubiläums, im Heimatverein die Idee geboren wurde, Lebensgeschichten von Menschen festzuhalten, die über Jahrzehnte den Charakter und das Gesicht des Ortes ausmachten, hob ich als Journalistin im Ruhestand den Finger. Da ahnte ich noch nicht, welch interessante und berührende Bekanntschaften ich bei meinen Recherchen machen sollte. Es ist kein Nobelpreisträger unter den bislang elf bislang entstandenen Einzel- und Doppel-Porträts, das war auch gar nicht Ziel der Aktion. Dennoch war ich überrascht, wie viele ganz wunderbare Frauen und Männer in meiner Nachbarschaft leben. Zupackend, fleißig, humorvoll und so herzlich. Ich möchte allen danken, die mich über ihren Gartenzaun blicken ließen in ihren ganz privaten Bereich. Und jedes Leben ist auf irgendeine Art Teil der Glindower Geschichte. Egal, ob jemand im legendären Glindower Krankenhaus oder ganz weit weg geboren wurde. Sie alle haben die Neugier auf weitere spannende Biografien in mir geweckt.

Die Porträts wurden zwischen dem Frühjahr 2017 und dem März 2019 aufgeschrieben. Damit der Leser Ereignisse und Altersangaben zeitlich richtig einordnen kann, habe ich jeweils den Entstehungszeitraum vorangestellt.

Edith Mende, Glindow, 2019

Ein Leben in Bewegung

Günter Arndt (März 2017)

Nichts wie weg aus dem Dorf wollte Günter Arndt nach seinem Schulabschluss. In Berlin konnte der technisch interessierte Junge sich bei einer Tante einquartieren und eine Lehre zum Werkzeugmacher beginnen. Damit das Gewerbe des Vaters in Glindow weitergeführt werden konnte, hatte sein um ein Jahr älterer Bruder Kurt den Weg zum Orthopädieschuhmacher eingeschlagen. Das war in der zweiten Hälfte der 1930-er Jahre. Wenig später begann der zweite Weltkrieg und Kurt fiel. Gerade zwanzigjährig. Dem jüngeren der Arndt-Brüder blieb die Einberufung an die Front nur deshalb erspart, weil sein Berliner Betrieb für die Rüstung produzierte.

Günter Arndt im heimischen Garten.

Seit 55 Jahren sind Ilse und Günter Arndt verheiratet.

Mit dem Ende des Krieges kehrte er zurück in sein Elternhaus. Bis heute ist es das Zuhause von Günter Arndt geblieben. Hier hat er seine Wurzeln. Anfang Juni 2017 feierte er dort auch seinen 95. Geburtstag als einer der ältesten Einwohner Glindows. Leider sind ihrem humorvollen und geselligen Mann in den letzten Jahren nach und nach die alten Freunde verloren gegangen, bedauert seine schon Frau. der Gedanke Manchmal aufgedrängt, habe sich dass ihr ihrem Günter ein gutes und langes Leben vergönnt ist, weil das seines Bruders so früh enden musste.

Das Taxiunternehmen Arndt ist in dem heutigen Ortsteil von Werder noch immer ein Begriff, obwohl es seit zwölf Jahren nicht mehr besteht. Von Ilse oder Günter Arndt konnte man sich beispielsweise nachts abholen lassen, wenn man in Potsdam mal richtig schwofen gehen wollte. Die beiden waren freitags und montags mit ihrem Wagen zur Stelle, wenn die Kinder der Körperbehindertenschule nach Hause oder wieder ins Wohnheim transportiert werden mussten. Viele Aufträge hatte Günter Arndt auch von der Defa. Er brachte Schauspieler wie Angelica Domröse oder Walter Plathe zu den Drehorten, begleitete Filmcrews auch bei längeren Aufenthalten ins Ausland, wie er sich noch gern erinnert. Ungezählt die Touren mit Urlaubern zu oder von einem der Berliner Flugplätze.

Im Elternhaus von Günter Arndt gab es in den 1930-er Jahren noch den Laden des Vaters, der Orthopädie-Schuhmacher war.

Einmal stiegen zwei Männer in sein Taxi, die ihm merkwürdig vorkamen, erzählt Arndt. Nach kurzer Fahrt bedrohten sie ihn, wollten ihn berauben. „Da habe ich Gas gegeben und dann eine Vollbremsung hingelegt. Ehe die sich aufrappeln konnten, war ich aus dem Auto gesprungen und suchte Hilfe“, berichtet er. Die Polizei erwischte die beiden wenig später. Rund ein Jahr musste der Glindower nach einem schweren Unfall im Krankenhaus verbringen, langsam wieder laufen lernen. In Potsdam hatte ihm ein Auto die Vorfahrt genommen.

Als fescher Musiker zog Günter Arndt in den 1950-er Jahren mit der Melodie-Band an den Wochen-enden über die Dörfer und spielte zum Tanz.

Nachdem Arndt 1958 sein Taxiunternehmen mit einem sechs Jahre alten Opel Kapitän gegründet hatte, musste er eines seiner Hobbys aufgeben, die Musik. Als Selbständiger fehlte ihm die Zeit, um weiter mit der Melodie-Band über die Dörfer zu ziehen und zum Tanz aufzuspielen. Eigentlich hatten die musikalischen Arndt-Brüder in ihrer Kindheit Klavierunterricht bekommen. Für die Band war Günter autodidaktisch auf Kontrabass, Gitarre und Hawaiigitarre – in den 1950-ern die ganz große Mode – umgestiegen. Bis ins hohe Alter blieb er aber einer anderen Passion treu, dem Filmen. Über Jahrzehnte hat Günter Arndt von nahezu allen privaten und öffentlichen Glindower Ereignissen Filmdokumente gesammelt, digitalisierte sie nach der Wende. Zu den besonders gehüteten Videos zählt das von der Auszeichnung seiner Frau mit der Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1997. Ilse Arndt war geehrt worden, weil sie über viele Jahre in ihrer Freizeit Pflegebedürftige im Potsdamer Emmaus-Heim betreut hatte.

Seit 55 Jahren sind Ilse und Günter Arndt verheiratet. Die damals 17-jährige Geltowerin, die gerade ihre Lehre bei der Mitropa beendet hatte und in der Bahnhofswirtschaft in Werder aushalf, muss mächtig Eindruck auf den jungen Taxiunternehmer gemacht haben. „Er wollte am liebsten gleich an meinem 18. Geburtstag heiraten“, erzählt Ilse Arndt lachend. „Naja, die Hochzeit war dann zwei Wochen später.“ Sofort wurde die junge Ehefrau für die Fahrschule angemeldet, erwarb nach dem Führerschein auch den Taxischein. Verschmitzt lächelnd fügt ihr Mann hinzu: „Ich brauchte sie doch als Fahrerin.“ Rund 40 Jahre lang waren die beiden in ihren Taxis auf Tour. Zu weiten Urlaubsreisen konnte Günter Arndt seine Frau hingegen nur schwer überreden. „Wir waren ja ständig beruflich unterwegs, da wollte ich lieber die Ruhe zu Hause genießen, im Garten oder auf dem Boot“, erinnert sie sich.

Ein Foto, viel Leben

Helmut Gauert (Juni 2017)