Beschreibung

Schon als Kind war die schöne Sara ein Star, und seither fungiert ihre dominante Mutter als ihre Managerin. Aber nicht nur über ihre Drehtermine und Interviews bestimmt ihre Mutter, sondern über ihr gesamtes Leben, sodass Sara keine Luft zum Atmen bleibt. Ein Autounfall bringt sie dazu, sich auf sich selbst zu besinnen. Denn dort geschieht etwas, das sich außerhalb der Reichweite ihrer Mutter abspielt: Sara verliebt sich in den attraktiven, engagierten Arzt. Jetzt entschließt sie sich, sich aus dem Schatten der übermächtigen Mutter zu befreien. Aber kann dies eine "Frau, die nicht für einen einzigen Mann geschaffen ist, sondern die den Millionen dienen muss, die ihr zujubeln"? Marie Louise Fischer wurde 1922 in Düsseldorf geboren. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Lektorin bei der Prag-Film. Da sie die Goldene Stadt nicht rechtzeitig verlassen konnte, wurde sie 1945 interniert und musste über eineinhalb Jahre Zwangsarbeit leisten. Mit dem Kriminalroman "Zerfetzte Segel" hatte sie 1951 ihren ersten großen Erfolg. Von da an entwickelte sich Marie Louise Fischer zu einer überaus erfolgreichen Unterhaltungs- und Jugendschriftstellerin. Ihre über 100 Romane und Krimis und ihre mehr als 50 Kinder- und Jugendbücher wurden in 23 Sprachen übersetzt und erreichten allein in Deutschland eine Gesamtauflage von über 70 Millionen Exemplaren. 82-jährig verstarb die beliebte Schriftstellerin am 2. April 2005 in Prien am Chiemsee.

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Marie Louise Fischer

Glück ist keine Insel

Roman

Saga Egmont

Glück ist keine Insel

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1967 by F. Schneider, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711718865

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Prolog

Wir waren zusammen auf dem Münchner Oktoberfest gewesen, eine kleine Gruppe von Leuten aus dem Verlagsund Zeitschriftenwesen, hatten Schweinshaxen gegessen, Bier getrunken und uns einen vergnügten Abend gemacht. Zum guten Schluß war der harte Kern in Charly Holländers behaglicher Maisonette im ›Kurfürstenhof‹ gelandet. Charly ist Chefredakteur eines erfolgreichen Magazins und eingefleischter Junggeselle. Nach einigen Gläsern Whisky fanden wir es dann aber doch an der Zeit, aufzubrechen. Mitternacht war längst vorüber.

Während Charly die Wendeltreppe nach unten in sein Schlafzimmer ging, um unsere Mäntel zu holen, inspizierte ich seine Bücherwand. Als ich mich umdrehte, fiel mein Blick auf ein großes, in Silber gerahmtes Schwarzweißfoto, das mitten auf seinem Schreibtisch stand. Es zeigte Charly Holländer, in seinen Armen eine schöne junge Frau, die mit einem schwer zu deutenden Ausdruck zu ihm aufsah.

»Aber das ist doch«, rief ich unwillkürlich, »Sara König!«

Charly Holländer war inzwischen wieder heraufgekommen, warf die Mäntel achtlos über einen Sessel und trat hinter mich.

»Was erstaunt dich so daran?«

»Ich wußte gar nicht, daß du sie kennst.«

»Ich habe sie gekannt. Zu der Zeit, als ich noch Reporter war.«

»Du hast uns nie davon erzählt.«

»Es ist nicht wichtige.«

»Scheint mir aber doch so, sonst hättest du diesem Foto doch keinen Ehrenplatz eingeräumt.«

»Leg deiner Fantasie Zügel an, Marie Louise!« Man merkte, wie es in seinem Köpfchen tuckerte. »Schon bist du dabei, einen neuen Roman zu entwerfen. Aber damit war nichts.«

»Du hast also nicht ihretwegen auf eine Ehe verzichtet?«

Er lachte. »Typisch für dich! Tut mir leid, dich zu enttäuschen. Eine Romanze hat es nie gegeben.«

»Schade!«

»Nicht zwischen Sara und mir, aber davon abgesehen hat sich damals allerhand um das schöne Kind getan.«

»Wirst du es mir einmal erzählen?«

»Ich habe es sogar aufgeschrieben. Wenn du noch einen Augenblick Zeit hast …« Er begann die Schubladen seines großen Schreibtisches aufzureißen.

Die anderen holten ihre Mäntel, und auch ich zog meine Jacke an.

»Da ist es!« Charly hatte einen hellblauen Schnellhefter in der Hand. »Du kannst es lesen.«

»Darf ich es auch verwenden?«

»Weil du es bist.«

»Danke, Charly.« Ich nahm das Manuskript an mich und gab ihm einen raschen Kuß auf die Wange, der zugleich mein Abschiedskuß war.

Noch in der gleichen Nacht begann ich Charly Holländers Erinnerungen an seine Begegnung mit Sara König zu lesen, und ich fand sie faszinierend genug, um sie ins reine zu schreiben.

Als ich am großen palastartigen Premierenkino vorbeifuhr, nahm ich unwillkürlich Gas weg. Aber es war natürlich längst alles vorbei. Die Menschenmassen hatten sich verstreut, und die Polizisten, die die Absperrung gebildet hatten, waren zurückgezogen worden. Die teils beklommen, teils siegessicher strahlenden Stars und Starlets hatten den Schauplatz verlassen. Kein Wunder, die letzte Vorstellung mußte um zehn oder elf Uhr zu Ende gewesen sein, die Uhr im Armaturenbrett meines Wagens zeigte zwanzig Minuten vor eins.

Aber noch immer warfen die Neonröhren ihr eiskaltes Licht auf das riesige, grob gemalte Plakat Sara Königs in einem neckischen zuckerrosa Trachtendirndl, bei dessen Anblick ich erschauerte. Der Titel des Films: ›Mit siebzehn fängt die Liebe an.‹ Ehrlich gestanden bedauerte ich bei diesem Anblick nicht mehr, zu spät gekommen zu sein, wenn ich auch heute mittag jenes Flittchen, das mich mit stundenlangem Geschwätz in Frankfurt aufhielt, aufrichtig verflucht hatte. Diese kleine Mistbiene hatte einen Brief an unsere Redaktion geschickt, in dem sie sich damit wichtig gemacht hatte, etwas ganz Neues, Unerhörtes über den Fall Nitribitt zu wissen. Natürlich war ich der Spur nachgegangen, und natürlich war es ein Reinfall gewesen. Das war der Grund, warum ich drei Stunden zu spät nach Hamburg gekommen war, aber als ich das schaurig-schöne Plakat sah, wußte ich, daß mir einiges dadurch erspart geblieben war.

Ich hatte einen schweren Tag hinter mir und war hundemüde, aber Neugier und Pflichtbewußtsein – die Kardinaltugenden eines guten Journalisten – hielten mich aufrecht.

Im erholsamen Fünfzigkilometertempo schlängelte ich mich durch die Stadt und stand zehn Minuten später vor der Aufgabe, in nächster Nähe des Künstlerklubs ›Die Insel‹ eine Parklücke zu finden. Das war gar nicht so einfach, denn die Straßenkreuzer reihten sich dicht an dicht. Drinnen schien heute was fällig zu sein, und ich stellte beruhigt fest, daß ich zur Premierenfeier nicht zu spät kam.

Etwas abseits, nahe dem Alsterufer, fand ich ein Plätzchen für meinen Gottfried – ich nannte ihn so, weil er mich, weiß, schlank, zäh und sportlich, wie er ist, immer an jenen berühmten Tennisspieler in seinen besten Jahren erinnerte – und zündete mir zuerst einmal eine Zigarette an.

Ich kann nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob es ein Geräusch war oder eine Bewegung, die meine Aufmerksamkeit erregte – jedenfalls spürte ich, daß sich zwischen den Büschen am Alsterufer jemand herumtrieb. Ich stellte den Handscheinwerfer ein. Der kurzgeschorene englische Rasen leuchtete smaragdgrün auf. Dann plötzlich sah ich sie – ein zartes Ding, dessen schmale Taille durch das enganliegende, leuchtend blaue Mieder und den weit abstehenden starren weißen Rock, an dem es wie Silber- und Perlenstickerei glänzte, noch betont wurde. Sie stand mit dem Gesicht zur Alster, ich sah nur ihren Rücken. Die bloßen Schultern waren weiß und schmal, das Haar, das sich weich und zerzaust um den Kopf schmiegte, zeigte ein rötlich überhauchtes Blond. Sie stand einen Augenblick, ohne sich zu rühren, in dem Licht meines Schweinwerferkegels, starr wie ein hypnotisiertes Kaninchen. Dann plötzlich huschte sie, ohne sich auch nur einmal nach mir umzublicken, in den Schutz der rund beschnittenen Büsche.

Ich überlegte einen Augenblick, ob ich ihr nachlaufen sollte. Die Begegnung mit der reizvollen Unbekannten hatte mich seltsam berührt. Was trieb sie so allein am nächtlichen Alsterufer? Warum hatte sie so unnatürlich reagiert? Jeder normale Mensch hätte in meine Richtung geblickt, aber dieses seltsame Wesen war einfach davongelaufen, ohne mir auch nur für eine Sekunde ihr Gesicht zu zeigen. Ich spürte, daß eine gute Story in dieser Begegnung steckte, aber dann verzichtete ich doch darauf, die Sache näher zu untersuchen. Ich kannte meinen Chef nur zu gut. Die besten Stories um ein unbekanntes Mädchen fand er nur halb so interessant wie die schlechten über Farah, Gracia Patricia oder Königin Silvia. Außerdem, ich hatte einen Auftrag und einen gewaltigen Durst. ›Die Insel‹ erschien mir jetzt, da die scheue Unbekannte verschwunden war, entschieden attraktiver.

Den dicken Portier veranlaßte mein Anblick, sich wie der Engel mit dem Flammensehwert aufzuführen. Er vertrat mir energisch den Weg ins Paradies. »He, Sie! Sie können doch nicht …«, rief er und musterte mißbilligend meinen Aufzug. Ich hatte keine Zeit mehr gehabt, mich umzuziehen, und mein dunkelgraues Wollhemd erschien ihm für diese heiligen Hallen äußerst unpassend. Dann erst erkannte er mich. »Ach, Sie sind es, Herr Holländer!« sagte er, und in seiner Stimme schwang die behagliche Erinnerung an einige beachtliche Trinkgelder mit. »Fein, daß Sie auch mal wieder in Hamburg sind!«

»Was macht das Rheuma, alter Seebär?« fragte ich.

»Danke der Nachfrage, Herr Holländer!« Der Portier riß beflissen die Tür auf. »Im Sommer geht es immer ein bißchen besser!«

»Tagen die Orion-Leute noch?«

»Und ob! Sie haben sich das große Extrazimmer reservieren lassen. Wenn Sie mich fragen, gehen die vor morgen früh nicht nach Hause.«

Ich enttäuschte seine Hoffnungen nicht und ließ ein hartes Geldstück in seine Hand gleiten, bevor ich die teppichbelegten Stufen hinaufstieg.

Schon von weitem hörte ich die Melodie des Hauptschlagers aus Sara Königs neuem Film, der seit Monaten von sämtlichen Rundfunkstationen in das Bewußtsein und Unterbewußtsein der Normalverbraucher gehämmert worden war und dessen Refrain den sinnigen Text hatte: ›Ja, erst beim dritten Kuß, da merkt man, ob es Liebe ist oder Spiel!‹

In einer Ecke der geschlossenen Tür stand ein Pärchen, von einer gelblichgrünen Zimmerpalme geschmackvoll dekoriert, und küßte sich mit beneidenswerter Hingabe. Beim ersten Blick auf die mohnrote Mähne der jungen Dame glaubte ich Tamara Tess zu erkennen, aber beim zweiten Blick stellte ich fest, daß es sich nur um eine sehr gelungene Imitation des Sexstars handelte. Die beiden ließen sich durch mich nicht stören, wahrscheinlich hatten sie mich nicht einmal bemerkt.

Niemand wurde auf mich aufmerksam, als ich eintrat. Es waren etwa fünfzig Personen im Raum, und alle schienen ohne Punkt und Komma mit übertriebener Lautstärke aufeinander einzureden. Gelächter dröhnte, perlte, quiekte und schrillte. Gläser klirrten. Die kleine Band marterte ihre Instrumente, um der disharmonischen Geräuschkulisse einen melodischen Hintergrund zu geben. Weiße und bräunliche Frauenschultern schimmerten im Kerzenlicht, das feurigen und kalten Augen gleichermaßen Glanz verlieh, hochkarätige Steine funkelten mit dekorativem Talmi um die Wette. Es herrschte jene hektischheitere Stimmung, die gewisse Filmleute für den Gipfelpunkt Wahrer Fröhlichkeit zu halten pflegen.

Ich eilte haarscharf dem nächsten freien Barhocker zu und schwang mich hinauf. Beim Anblick der buntetikettierten Flaschen an der Spiegelwand hinter der Bar spürte ich, daß mir die Zunge am Gaumen klebte.

Jerry, der Mixer, erkannte mich sofort. »Was gibt’s Neues in Monaco, Herr Holländer?« fragte er grinsend.

Ich wußte, daß diese Frage rein rhetorisch gemeint war. »Lesen Sie das ›Allerneueste‹, und Sie sind im Bilde, Jerry!« gab ich zurück. »Im übrigen war ich im letzten Monat in Paris!«

Jerry schnalzte neidvoll und anerkennend mit der Zunge. »Ja, ja – von der Presse müßte man sein!« Er goß mir einen tüchtigen Schuß Whisky in ein Glas, hob mit gekonntem Schwung die Wermutflasche von der Spiegelwand. »Einen Manhattan, wie immer?« fragte er.

»Wie immer«, bestätigte ich, »halb und halb.«

In Windeseile servierte er mir das Getränk, in das er einen Tropfen Angostura gespritzt und einen Eiswürfel geworfen hatte. Mit derselben Geschwindigkeit leerte ich das Glas und schob es ihm wieder hin.

Jetzt fühlte ich mich besser. »Wie war die Premiere?« fragte ich.

»Der größte Erfolg des Jahrhunderts, was denn sonst?« Er zwinkerte unverschämt mit den Augen.

»Waren Sie dabei?«

»Nein, danke, keinen Appetit auf Sahnebaisers!«

»Schade«, sagte ich, »ich hätte gern gewußt …« Ich sprach den Satz nicht zu Ende, denn in diesem Augenblick sah ich im Spiegel, wie die Tür hinter meinem Rükken zaghaft geöffnet wurde. Ich erkannte sie sofort – die scheue Unbekannte vom Alsterufer war Sara König. Ihre zarte Haut war fleckig vom Weinen, ihre schönen Augen waren gerötet.

Man behauptete von mir, daß ich ziemlich abgebrüht wäre, aber als sich das Idol unzähliger Fans mit der zerknirschten Miene eines Schulmädchens, das ein schlechtes Zeugnis mit nach Hause bringt, zur Tür hereinschob, erfaßten mich menschliche Gefühle. Das berühmte strahlende Saralächeln, das sie aufsetzte, als die Band zu einem Tusch ansetzte, war so verzweifelt, daß es mir mitten ins Herz schnitt.

Jerry stand da, den Mixbecher in Händen, den er zu schütteln vergessen hatte. »So etwas sollte man sie mal spielen lassen, was?« sagte er, genauso beeindruckt wie ich.

Ich gab ihm keine Antwort, sondern rutschte vom Hokker und lavierte geradewegs auf Sara König zu. Ich hatte mich entschlossen, die Überrumpelungstaktik anzuwenden. »Hallo«, sagte ich nonchalant, »kommen Sie, trinken Sie einen Manhattan mit mir! Es gibt nichts Besseres für Leib und Seele.«

Sie zuckte vor mir zurück, als ob ich nicht, wie man mir von verschiedenen Seiten immer wieder versicherte, ein recht anziehender Mann Anfang Dreißig wäre, sondern ein Ungeheuer aus einem Gruselfilm. In ihren Augen stand für eine Sekunde hilfloses Entsetzen.

Ich fuhr mir mit der Hand über die Wange und stellte fest, daß meine Bartstoppeln ganz schön gewachsen waren. Wahrscheinlich sah ich aus wie ein Räuber aus dem Spessart. »Entschuldigen Sie«, bat ich zerknirscht, »aber ich schwöre Ihnen, ich habe mich heute morgen rasiert.«

Sie hatte sich schon wieder gefaßt. »Dann müssen Sie aber sehr früh aufgestanden sein«, sagte sie mit jener rührend kindlichen Stimme, die sie so berühmt gemacht hatte.

»Sie gefallen mir, Sara«, sagte ich ehrlich, »Donnerwetter – wer hätte das gedacht!« Ich bugsierte sie sanft zur Bar hin, und sie hatte anscheinend gar nichts dagegen einzuwenden.

»Einen Manhattan für die Dame, Jerry!«

Die Art, wie sie sich auf den Barhocker schwang, war ungeschickt, aber nicht ohne Anmut. Ich glaubte, diesen Schmetterling schon eingefangen zu haben, und setzte mein vertrauenerweckendstes Grinsen auf. Aber ich kam gar nicht dazu, loszulegen, denn bevor ich noch den Mund auftun konnte, kam Friedl König wie eine aufgeregte Henne herangeflattert, und auf lautlosen Sohlen folgte ihr der unvermeidliche Manager Geza von Vasary, schmal und superelegant mit seinem schwarzen Bärtchen auf der Oberlippe und purpurroter Weste zum Smoking. Der Hauch eines exquisiten Herrenparfüms umwehte ihn.

Friedl König stürzte sich mit einem Aufschrei auf ihre Tochter und begann sofort loszugackern: »Kind, wo hast du nur gesteckt? Wie konntest du mich so erschrecken! Wie siehst du überhaupt aus? Wo bist du gewesen? Du willst doch nicht etwa Alkohol trinken? Du weißt doch genau, daß du das nicht darfst! Wer ist dieser Mann überhaupt? Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt, wenn du Luft schnappen wolltest?« Sie brachte es fertig, alle diese Fragen ohne einen Atemzug auf Sara niederprasseln zu lassen, und sie hätte wahrscheinlich auch jetzt noch nicht Schluß gemacht, wenn Geza von Vasary es nicht für angebracht gehalten hätte, sie zu unterbrechen.

»Charly Holländer von der ›Allerneuesten‹!« stellte er mich vor.

Sie hatte die Frage, die er ihr beantwortet hatte, anscheinend schon vergessen, denn sie rief konsterniert: »Wieso? Was? Wer?« Dann endlich verstand sie und setzte sofort ihr allerschönstes Käsekuchenlächeln auf. »Ach, Sie sind Charly Holländer!« sagte sie überschwenglich. »Wie reizend, daß Sie zu Saras Premiere gekommen sind! Wie haben Sie sie gefunden? Besser denn je, nicht wahr? Sie war einfach hinreißend. Ich sage immer: Unser Kind ist das reinste Wunder! War sie nicht zauberhaft? Sie müssen doch sagen …«

»Ich habe den Film nicht gesehen«, unterbrach ich sie nach Vasarys Muster.

»Sie haben nicht …?« Verblüfft runzelte sie die Stirn. »Aber dieses Erlebnis hätten Sie sich wirklich nicht entgehen lassen sollen, mein Lieber, wirklich nicht. Da haben Sie etwas versäumt. Natürlich, Sie können sich den Film auch noch morgen und übermorgen ansehen … Was sage ich, monatelang wird er sich in den deutschen Erstaufführungskinos halten! Aber es ist doch nicht dasselbe wie eine Premiere, nicht wahr? Mein Gott, es war überwältigend! Diese Begeisterung des Publikums! Fast hätten sie mein armes Kind zerrissen, wenn nicht die Polizei …«

»Danke, gnädige Frau«, sagte ich, »es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, aber Sie machen sich wirklich zuviel Mühe. Ich denke, das werde ich sicherlich morgen in irgendeiner Zeitung nachlesen können.«

»Ach so, ja, natürlich. Sie haben recht.« Zum erstenmal begegnete ich dem Blick ihrer flinken Augen und stellte fest, daß er keineswegs so töricht war, wie sie sich gab. »Darf ich wissen, warum Sie überhaupt gekommen sind?« fragte sie mit veränderter, kalter Stimme.

»Herr Holländer wollte mich zu einem Manhattan einladen«, erklärte Sara, »er wußte ja nicht, daß ich ein Milchkind bin.« Ihre Stimme zitterte, und ich hätte gern ihre Hand gestreichelt, aber vor den Augen ihrer Mutter brachte ich nicht den Mut dazu auf.

»Armes Kind« sagte Friedl König sarkastisch, »du glaubst doch wohl nicht im Ernst, daß Herr Holländer deswegen extra von München nach Hamburg gekommen ist?«

»Ihr Fräulein Tochter hat vollkommen recht!« erklärte ich mit Nachdruck. »Ich hatte nichts weiter im Sinn, als mich freundschaftlich ein wenig mit ihr zu unterhalten.«

»Sie wollen das Kind aushorchen! Das hätte ich mir gleich denken können!«

Ich zündete mir eine Zigarette an. »Ich nahm an, daß Sie Wert auf eine gute Presse legen«, bemerkte ich, »falls Sie allerdings der Meinung sind, daß Sara das nicht mehr nötig hat …«

»Keineswegs. Ich hätte es nur für richtiger gefunden, wenn Sie mich, die Mutter, um die Erlaubnis zu einem Interview gebeten hätten. Aber, bitte, unterstellen wir, daß es kein schlechter Wille von Ihnen war. Also, was möchten Sie wissen? Ich bin gern bereit, Ihre Fragen zu beantworten.«

»Ich wollte Sara interviewen, nicht Sie, gnädige Frau. Obwohl ich überzeugt bin, daß auch Sie mir viele interessante Dinge zu erzählen hätten.«

»Sara ist noch ein Kind.«

»Ein Kind, das imstande ist, Millionen zu verdienen.«

»Ohne mich hätte sie das nie fertiggebracht.«

Da ich gute Manieren damals nur dann an den Tag legte, wenn es mir zweckmäßig erschien, drehte ich mich auf dem Barhocker um und wandte Friedl König den Rükken zu. »Na schön, Sie wollen nicht, schon ausgestanden.«.

Sie zeigte sich nicht im geringsten beleidigt, und jetzt erst begriff ich, wie gefährlich sie sein konnte. »Aber wer behauptet denn das!« rief sie unbefangen. »Natürlich wollen wir, nicht wahr, Kind? Fragen Sie nur, was Sie wissen möchten.«

»Die Wahrheit.«

»Leider fürchte ich, daß Sie eine etwas, nun ja, unrichtige Vorstellung von der Wahrheit haben, Herr Holländer«, sagte sie sanft wie Schmierseife. »Im Leben meiner Tochter gibt es keine Skandale. Sie ist ein unschuldiges Kind, unschuldig und völlig unberührt. Ich fürchte wirklich, ich kann Ihnen beim besten Willen nicht das erzählen, was Sie hören möchten.«

Sara war über und über rot geworden. »Mutter, wie kannst du!« rief sie verzweifelt. »Herr Holländer hat doch gar nicht gemeint, daß ich …«

Friedl König tat so, als ob sie erst jetzt wieder an die Gegenwart ihrer Tochter erinnert worden wäre. »Kind, du bist noch auf!« rief sie. »Es ist ja gleich zwei Uhr! Du gehörst längst ins Bett!« Sie zerrte die widerstrebende Sara fast mit Gewalt vom Barhocker, schenkte mir ein betörendes Lächeln und zwitscherte: »Sie müssen uns jetzt entschuldigen, Herr Holländer, das arme Kind hat morgen wieder einen anstrengenden Tag vor sich. Vielleicht sehen wir uns einmal in München, ja?«

Friedl König bewies, daß sie eine Meisterin der Organisation war, denn in wenigen Sekunden hatte sie die Szene aufgelöst und war, Sara vor sich herschiebend, Geza von Vasary im Gefolge, aus dem Raum entschwunden.

»Die hat Haare auf den Zähnen, was?« meinte Jerry mitfühlend und mixte mir einen neuen Manhattan.

»Kann man wohl sagen«, murmelte ich, aber tatsächlich hatte mich der erste Mißerfolg keineswegs entmutigt. Ganz im Gegenteil, die Sache schien wesentlich interessanter zu werden, als ich vermutet hatte. Möglicherweise war Friedl König hysterisch und hatte von ihrer langjährigen Tätigkeit als Operettensoubrette einen Hang zu dramatischen Effekten zurückbehalten. Aber sie war keineswegs dumm, und wenn ihr soviel daran lag, zu verhindern, daß Sara unter vier Augen mit mir sprach, mußte sie einen Grund dazu haben.

Ich hatte mir von Jerry schon die Rechnung geben lassen, als Geza von Vasary sich schmal und elegant neben mir auf den freien Barhocker schwang. »Ein Glas Orangensaft, bitte«, bestellte er mit leiser, höflicher Stimme, ohne mich anzusehen. Mir war klar, daß er etwas von mir wollte. Ich war zu neugierig, einfach fortzugehen, andererseits wollte ich ihm die Sache auch nicht zu leicht machen. So blieb ich sitzen und wartete ab.

Vasary räusperte sich, bevor er in seinem gepflegten, etwas gedrechselten Deutsch mit dem starken ungarischen Akzent zu sprechen begann. »Ich hoffe, Sie sind nicht verärgert, Holländer.«

»Durchaus nicht. Warum auch?«

»Ich gebe zu, Frau König ist etwas, nun, sagen wir, schwierig. Ich, als Manager ihrer Tochter, kann ein Lied davon singen, glauben Sie mir. Aber ich weiß, daß nur die Liebe zu Sara …«

»Wollten Sie mir das sagen?«

»Tatsache ist, Sara hat ihrer Mutter viel, wenn nicht alles zu verdanken. Ohne ihre unermüdliche Fürsorge und Energie …«

»Lieber Vasary, sparen Sie sich Ihren Atem. Das alles kann ich auswendig. Ich habe es oft genug in den Waschzetteln des Verleihs gelesen.«

»Dann werden Sie auch verstehen …«

»Wofür entschuldigen Sie sich? Ich habe Ihnen keinen Vorwurf gemacht.«

»Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann …«

»Sie könnten es sicher. Die Frage ist nur, ob Sie es wollen.«

Der sanfte Blick seiner tiefschwarzen Augen unter gebogenen Wimpern hätte jede einsame Frau über Vierzig wahrscheinlich zu Tränen gerührt. Aber ich war keine Frau und alles andere als sentimental. So war ich herzlos genug, zu grinsen.

Vasary wechselte die Taktik. »Weshalb interessieren Sie sich so plötzlich für Sara König?« fragte er.

»Weil mein Brötchengeber mir den Auftrag gegeben hat, die Sara-König-Story zu schreiben. Das ist alles. Persönlich habe ich mich noch nie für sie interessiert.«

»Wenn Herr Steinkampf Ihnen also einen anderen Auftrag geben würde …«, begann er hoffnungsvoll.

»Keine Chancen«, unterbrach ich ihn, »das tut er bestimmt nicht.«

»Nun, vielleicht, wenn ich ein paar Worte mit ihm reden würde …«

»Lieber Vasary, nun machen Sie aber mal ’nen Punkt. Sie sind doch nicht von gestern. Sie wissen ganz genau, daß Steinkampf dann erst recht Blut lecken und mich noch tiefer in die Sache hineinhetzen würde. Machen Sie mir nichts vor, Sie haben etwas zu verbergen. Nein, natürlich nicht Sie persönlich, sondern Friedl König. Ich habe keine Ahnung, was hier gespielt wird, aber ich werde es herausbringen, auch ohne Ihre Hilfe. Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, sagen Sie mir klipp und klar, was los ist. Vielleicht ist es für mich sowieso nicht interessant, und dann verspreche ich Ihnen, nichts darüber zu schreiben.« Ich zündete mir eine Zigarette an und schob Vasary mein Päckchen hin.

»O nein, danke!« sagte er mit einer Bewegung des Abscheus. »Ich rauche nicht.« Er holte eine flache Medikamentenschachtel aus seiner Westentasche, schüttelte zwei Pillen in die offene Hand, ließ sie in den Mund rollen und spülte sie mit einem Schluck Orangensaft hinunter. »Sie sind ein begabter Journalist, ohne Zweifel«, sagte er, »Ihr Fehler ist nur, Sie haben zu viel Fantasie.«

»Mehr als Ihnen lieb ist, das glaube ich Ihnen gern.«

»Das Geheimnis, nach dem Sie suchen, gibt es nicht.«

»Wer spricht denn hier von einem Geheimmis? Ich glaube, ich habe Sie verkannt, Vasary. Sie wollen mich neugierig machen, was? Aber das ist gar nicht nötig. Ich werde die Sara-König-Story schreiben, und sie wird ein Knüller werden, verlassen Sie sich drauf.«

»Sie sind ein schrecklicher Mensch, Holländer! « Vasary seufzte tief. »Ich sehe schon, ich bin Ihnen nicht gewachsen. Ich bin diesem ganzen nervenzerreißenden Filmbetrieb nicht mehr gewachsen. Wissen Sie, was es heißt, Manager zu sein? Nein, Sie wissen es nicht, Sie können es nicht wissen.« Er legte seine schmale Hand mit den sorgfältig manikürten Fingernägeln auf die Stirn. »Mir ist nicht wohl. Mir ist schon seit Tagen nicht mehr wohl. Ich spüre, daß ich Fieber habe. Bitte, entschuldigen Sie mich jetzt. Wann fahren Sie nach München zurück?«

»Spätestens übermorgen.«

»Bitte, besuchen Sie mich in meinem Büro. Wir müssen über diese ganze Sache ausführlich sprechen, wenn ich bei Kräften bin. Ich … Es tut mir wirklich leid, Holländer. Gute Nacht!« Er schob Jerry ein Geldstück über die Bar hinweg zu und verzog sich, ohne seinen Orangensaft auch nur halb ausgetrunken zu haben.

Als ich ging, war die Stimmung im Klub auf den Höhepunkt gestiegen. Die mohnrote Imitation des Sexstars Tamara Tess war auf einen der kleinen Tische geklettert und begann zwischen Gläsern und Sektflaschen einen Cha-Cha-Cha zu tanzen. Ich war so müde, daß selbst dieser Anblick mich nicht reizen konnte, noch fünf Minuten länger zu bleiben.

Am nächsten Tag sah alles anders aus.

Ich hatte mich nicht wecken lassen und erwachte erst gegen zehn Uhr, munter und ausgeschlafen. Von Kater keine Spur. Ich ließ mich mit dem Etagenkellner verbinden und bestellte mir ein Kännchen Mokka und sämtliche Tageszeitungen auf mein Zimmer. Dann zündete ich mir eine Zigarette an und überprüfte erst mal meine Eindrücke vom gestrigen Abend. Dabei kam ich zu dem erschütternden Ergebnis, daß ich ein ausgewachsener Hornochse gewesen war. Warum hatte ich mir eingebildet, einer interessanten Story auf der Spur zu sein? Sara König hatte Kummer gehabt – aber was besagte das bei einer Siebzehnjährigen? Offensichtlich bestand zwischen ihr und ihrer Mutter eine gewisse Spannung – so was kommt doch in den besten Familien vor. Daß Friedl König sie nicht einem gewieften Journalisten ausliefern wollte, war doch nur zu verständlich. Es war bestimmt nicht schwer, diesem Kind irgend etwas in den Mund zu legen, was es gar nicht hätte sagen wollen und seiner Publicity schaden konnte. Wie war ich Vollidiot dazu gekommen, ein Geheimnis zu wittern?

Es klopfte an der Tür, ich stand auf, schlüpfte in einen Morgenmantel und ließ den Kellner mit dem Frühstück herein. Der Mokka war heiß und stark und tat mir gut. Die Kritiken über Sara Königs letzten Film waren lau wie abgestandene Limonade. Es gab keinen einzigen wirklichen Verriß darunter, aber der wohlwollende, nachsichtige Ton, den die Federfüchse anschlugen, war vernichtend. Ich wußte, daß die Kritiker Sara niemals als Schauspielerin betrachtet hatten. Ihnen war ihr rasanter Aufstieg, ihr strahlender Ruhm von jeher unheimlich gewesen, ein Phänomen, das sie so wenig begreifen konnten wie ich selber. Man spürte deutlich die Genugtuung, mit der sie jetzt zwischen den Zeilen durchblicken ließen, daß Sara Königs Stern im Absinken war.

Für mich gab es bei der ganzen Sache nur noch ein Rätsel – wieso war mein Boß gerade jetzt so scharf hinter einer Sara-König-Story her? Ich hatte keine Ahnung, wie er auf diesen falschen Dampfer gekommen war. Ich für meinen Teil war wild entschlossen, mir die Sache so rasch wie möglich vom Hals zu schaffen.

Als ich das hämische Grinsen sah, mit dem die lieben Kollegen mich am nächsten Tag in der Münchner Redaktion empfingen, änderte ich blitzartig meinen Entschluß. Wenn ich jetzt den Auftrag zurückgab, würden sich alle in dem erhebenden Gedanken sonnen, daß ich es einfach nicht geschafft hätte. Diese Freude wollte ich den Brüdern keinesfalls gönnen.

Baumann, der Chef der Reportage- und Tatsachenabteilung, griff nach mir, als ich mich gerade bis zu meinem Kämmerchen durchgeschlängelt hatte. »Hallo, Charly«, sagte er launig. »Haben Sie sich schon Ihren Geburtstagstisch angesehen?«

Erst als ich meinen Schreibtisch ansah, begriff ich, was er meinte. In schwankenden Stößen war dort alles aufgestapelt, was jemals über Sara König veröffentlicht worden war, mit inbegriffen ein Haufen Fotografien von ihr, die irgendeinmal angekauft und später doch nicht gebracht worden waren.

»Ich hoffe, das hilft Ihnen ein Stückchen weiter«, sagte Baumann und weidete sich an meinem Entsetzen.

Paulchen Bauman war ein feiner Kerl, und er verstand etwas von seinem Fach, aber mir war er nicht ganz grün, weil er sich nicht von der kindlichen Einbildung losreißen konnte, daß meine Arbeit mehr oder weniger darin bestand, große Spesen zu machen und mir mit feinen und weniger feinen Leuten die Nächte um die Ohren zu schlagen. Meine freundschaftlichen Gefühle für ihn waren durch die Tatsache getrübt, daß er es nie unterlassen konnte, in meinen Artikeln herumzustreichen, um das beste in den Papierkorb fallen zu lassen.

Aber ich beherrschte mich. »Danke schön, Paulchen«, sagte ich heiter, »eure Fürsorge rührt mich zu Tränen. Ich werde den Mist sichten, sobald ich Zeit habe.«

»Wann können wir mit der ersten Folge rechnen?«

Ich zog es vor, diese Frage nicht zu beantworten, und bestellte über das Haustelefon in der Kantine zwei ›Halbstarke‹. »Sie trinken doch eine Tasse Kaffee mit mir, wie?« fragte ich, als ich den Hörer aufgelegt hatte.

Baumann hatte sich schon in dem Sessel gegenüber dem Schreibtisch niedergelassen und streckte seine kurzen Beine behaglich aus. Die Hände über dem rundlichen Bauch gefaltet, saß er da und strahlte mich an wie ein gesättigter Säugling. »Nichts erreicht, was?« krähte er. »Mich können Sie nicht für dumm verkaufen.«

»Wie man’s nimmt!« Ich klopfte mir eine Zigarette aus meinem Päckchen und steckte sie in den Mund. »Immerhin habe ich eine Idee!« Ich ließ mein Feuerzeug bewußt umständlich aufklicken, um Zeit zu gewinnen.

»Wirklich? Ich höre immer ›Idee‹. Wollen Sie die Mutter mit einem Holzhammer narkotisieren, damit Sie das Töchterchen in aller Ruhe ausquetschen können?«

»Auch nicht schlecht«, sagte ich und ließ mein Feuerzeug wieder in der Hosentasche verschwinden, »aber die Mutter scheint mir nicht so interessant. Ich würde vorschlagen, wir sollten uns einmal ein bißchen um den Vater kümmern.«

Das hatte gesessen. Paulchen Baumanns Lächeln war wie weggeblasen, er starrte mich mit offenem Mund an. »Um – wen?«

»Ich sagte es schon. Um den Vater. Sara König muß ja schließlich auch einen Vater haben – oder wenigstens gehabt haben.«

»Sollte man annehmen. Aber der ist doch, wie es heißt, längst tot.«

»Was weiß man schon?« Ich wühlte in dem Stapel der Verleihmitteilungen und hatte in wenigen Sekunden gefunden, was ich suchte. ›Schon in frühester Jugend verlor Sara König ihren Vater …‹ las ich, und auf einem anderen Blatt stand: ›Kaum vier Jahre alt, wurde die kleine Sara Waise. Sie verlor den über alles geliebten Vater …‹ Ich legte das Blatt zurück. »Und so weiter und so fort«, sagte ich, »Sie wissen schon, was ich meine.«

»Stimmt«, sagte Paulchen neidisch.»Charly, Sie sind ein Genie! Ich habe Sie immer verkannt. «

»Kann natürlich auch eine Fehlzündung sein«, lenkte ich bescheiden, wie ich manchmal bin, ein, »aber immerhin glaube ich, es wird sich lohnen, die Sache zu untersuchen. Wer war der Vater? Wann starb er? Wie hieß er?«

»König schon mal nicht, da bin ich ganz sicher. König ist der Mädchenname ihrer Mutter.«

»Vielleicht waren ihre Eltern gar nicht verheiratet?« schlug ich vor.

»Sie meinen, unehelich? Das wäre die Masche. Aber ich fürchte, das können wir nicht bringen. Da schlagen uns unsere Leser die Redaktion ein.«

»Wer spricht denn hier von bringen? Bloß – wenn man’s wüßte, könnte man …«

Baumann verstand, was ich sagen wollte, ohne daß ich es aussprach. »Dann hätten wir die Alte in der Tasche«, folgerte er, »Junge, das wäre ein Sieg!«

»Noch sind wir nicht soweit, Paulchen«, dämpfte ich seine Begeisterung. »Denken Sie immer daran – der Vogel, der morgens zu früh singt, den holt am Abend die Katze. Aber immerhin, setzen Sie jemanden dran. Es müßte festgestellt werden, wo Friedl König in den Nachkriegsjahren gesteckt hat, wahrscheinlich war sie an irgendeinem Theater als Soubrette engagiert. Wenn das klar ist, müssen unsere Leute dran, ich denke, man wird dann schon einiges bei den Einwohnermeldeämtern recherchieren können.«

»Wem erzählen Sie das?« fragte Paulchen aufgebracht. »Habe ich Ihnen schon einmal erklärt, wie man eine Reportage schreiben muß?«

»O doch, Paulchen«, sagte ich grinsend, »das tun Sie jedesmal. Sie können von Glück reden, weil ich mich nie nach Ihren Ratschlägen richte.«

Paulchen warf mir aus seinen kugelrunden Augen einen Blick zu, der wohl vernichtend wirken sollte, stemmte seine kurzen Beine auf den Boden und stand auf.

»Wollen Sie schon gehen?« rief ich.

»Ich wüßte nicht, was wir beide noch miteinander zu besprechen hätten«, sagte er mit der Miene einer tiefgekränkten Primadonna, »ich kann es mir nicht erlauben, meine Zeit mit Geschwätz zu vergeuden.«

»Was wird mit Ihrem ›Halbstarken‹?«

»Trinken Sie ihn für mich mit, oder laden Sie eine Ihrer Anbeterinnen dazu ein.« Er stolzierte zur Tür, drehte sich überraschend um und zeigte wieder sein vertrautes Grinsen. »Machen Sie’s gut, Charly!« sagte er. »Sobald wir den Fisch gefangen haben, kriegen Sie ihn serviert. Auf einem silbernen Tablett, versteht sich, wir wissen, was wir Ihnen schuldig sind!«

Er prallte in der Tür mit dem Jungen zusammen, der den Kaffee heraufgebracht hatte.

»Wollen Sie nicht doch …?« fragte ich, aber da war er schon verschwunden.

Auch ich sollte heute mittag nicht mehr in den Genuß meines ›Halbstarken‹ kommen. Noch ehe der Junge die Tassen abgesetzt hatte, schrillte das Telefon. Ich nahm den Hörer ab und war in wenigen Sekunden mit Helmut Steinkampf, dem Chef persönlich, verbunden. Wie gewöhnlich schmetterte er seine Sätze wie Fanfarenstöße ins Telefon und ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen. »Passen Sie auf, Charly!« dröhnte er. »Fahren Sie sofort raus nach Geiselgasteig! Ich habe schon mit Putzi Hoffmann Ihretwegen gesprochen. Sie dürfen herumschnüffeln, soviel Sie wollen. Eine interesante Situation. Gessler hat sich in den Kopf gesetzt, Sara vollkommen umzumodeln. Für Putzi Hoffmann hängt alles davon ab, wie es klappt. Der Verleihvertrag ist noch nicht erneuert. Also reißen Sie die Augen auf. Es liegt an Ihnen, was Sie da herausholen. Fahren Sie sofort los. Ende!«

Es knackte in der Leitung, Steinkampf hatte aufgelegt. Genau zweiunddreißig Sekunden später saß ich in meinem Gottfried und brauste los.

Der Film hieß ›Frühling in Berlin‹. Warum er ausgerechnet in München gedreht wurde, konnte ich nur ahnen. Das Stückchen Kurfürstendamm, im Hintergrund Gedächtniskirche, das sie in Halle vier aufgebaut hatten, war jedenfalls überwältigend. Bestimmt war der Architekt der Überzeugung, daß es in Wirklichkeit gar nicht so echt sein konnte. Schade, daß man die Berliner Luft nicht in der Retorte hatte herstellen können. Denn seit dem frühen Morgen herrschte Föhn in München, und die Stimmung im Geiselgasteiger Filmatelier war dementsprechend. Vielleicht hatte die allgemeine Nervosität auch noch andere Gründe.

Der Produzent Otto Hoffmann, genannt Putzi, saß in einem der leinenbespannten Klappsessel. Seine Miene war grimmig. Putzi Hoffmann war ein alter Filmhase. Er hatte zeit seines Lebens Filme gemacht, und wenn er früher mal etwas anderes betrieben haben sollte, so konnte er sich höchstwahrscheinlich selbst nicht mehr daran erinnern. Er kannte das Filmgeschäft wie seine Hosentasche. Ein paarmal war er bankrott gewesen, aber er war immer wieder auf die Beine gekommen.

Warum er so trübe blickte, wurde mir klar, als ich drei Schritte von ihm entfernt Egon Pauly vom Orion-Verleih entdeckte. Er saß nicht, sondern er stand, und zwar auf eine unübersehbar ostentative Weise. Ich wußte wie jeder andere, daß es sich vom Buchhalter eines Bezirksverleihs zum allmächtigen Verleihchef hinaufgearbeitet hatte. Wer es nicht wußte, hätte es leicht erraten können, denn Egon Pauly sah noch immer aus wie ein Buchhalter in seinem engen, altmodischen, hochgeschlossenen Rock, dem kalten, humorlosen Gesicht und dem Zwicker vor den kurzsichtigen Augen. Pauly kannte keinen künstlerischen Gesichtspunkt und noch weniger Sentimentalitäten. Das einzige, worauf es ihm ankam, war der Kassenbericht. Wenn der nicht stimmte, wurde er sauer. Die Kasse der letzten beiden Sara-Filme hatte nicht ganz gestimmt.

Im Augenblick wurde nicht gedreht. Das Scriptgirl, platinblond, der Regisseur, der Aufnahmeleiter und einige andere Figuren, deren Funktione nich nicht kannte, huschten, über Kabel stolpernd, hin und her, ohne daß ich den Sinn dieser eifrigen Betriebsamkeit hätte deuten können. Das tote Auge der Kamera starrte unablässig auf die noch leere Dekoration vor dem Blumenladen, die schon vollkommen ausgeleuchtet war. Der Hauptdarsteller Peter van Eyck hielt sich etwas abseits im Schatten, die Hände in den Hosentaschen, und wippte unaufhörlich auf den Zehen auf und ab. Ich konnte von meinem Posten aus sein Gesicht unter dem weißblond gefärbten Haar nicht erkennen, aber seine ganze Haltung drückte Unbehagen aus.

Auch Rolf Gessler, der junge Regisseur, war sichtlich nervös, obwohl er sich alle Mühe gab, es zu verbergen. Er konnte seine Hände keine Augenblick ruhig halten, strich sich immer wieder über das dunkle, leicht gesträubte Haar, gab flüsternd Anweisungen, hierhin und dahin, die nach meiner Ansicht völlig überflüssig waren.

Alle warteten auf Sara König, die sich im Hintergrund des Raumes noch einmal den flinken Händen ihrer Maskenbildnerin überlassen hatte.

Der Duft eines starken exotischen Parfüms verriet mir, daß sich Tamara Tess in meiner Nähe befand, noch bevor ich sie gesehen hatte. Ich drehte mich nicht um, bis sie so nahe bei mir stand, daß ihr mohnrotes Haar meine Wange kitzelte. »Armes Schäfchen«, flüsterte sie.

Ich sah ihr in die aufregend grünen Augen, die durch kohlschwarze Striche geschickt vergrößert waren. »Wo stimmt’s nicht?« fragte ich.

»Du wirst schon sehen!« raunte sie, dann fügte sie in einem Ton hinzu, der unverkennbar ehrlich war: »Ich würde ihr so gern helfen.«

»Können wir?« rief Rolf Gessler in diesem Moment.

Sara König war ins Scheinwerferlicht getreten, auch Peter van Eyck löste sich aus dem Schatten.

»Wir können!« rief jemand von der Kamera her.

»Fein, dann versuchen wir’s jetzt noch mal. Achtung, Aufnahme!«

»Kamera läuft!«

»Ton läuft!«

Ein Jüngling in einem gestreiften Baumwollpullover trat vor die Kamera, die Klappe fiel. »Einstellung zweihundertsiebzehn, das elfte Mal!«

Die weiche Hand der Sexbombe neben mir klammerte sich um meinen Arm.

O weh, dachte ich, das elfte Mal, das ist ein dicker Otto!

Atemlose Stille herrschte im Atelier, als Peter Döring, einen Strauß roter Rosen im Arm, aus der Tür des Blumenladens kam. Sara, im eleganten französischen Kostüm, ein zauberhaftes Frühjahrshütchen auf dem Kopf, ganz auf junge Dame zurechtgemacht, trat ihm entgegen und rief mit glücklicher Stimme: »Für mich?«

Peter van Eycks Gesicht zeigte Verwirrung. Er verstand es mit einer winzigen Geste deutlich zu machen, daß diese Blumen eigentlich für eine andere Dame gedacht waren. Dann aber legte er sie ihr lächelnd in die Arme.

»Danke!« hauchte Sara, stellte sich auf die Zehenspitzen und bot ihm ihren Mund. Sie tat es auf eine natürliche Weise, wie ein Schulmädchen, das von einem guten alten Onkel einen netten kleinen Belobigungskuß erwartet. Und so küßte Peter van Eyck sie denn auch.

»Schluß! Schluß! Aus!« brüllte Rolf Gessler. »Zum Donnerwetter noch einmal! Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen? Dies ist kein Kleinmädchenfilm, dies ist … Verdammt noch mal, van Eyck, warum helfen Sie ihr denn nicht? So macht man das!« Er riß die bestürzte Sara in seine Arme und brannte ihr einen Kuß auf, der alle Sprachen sprach. Sie stand da wie zur Salzsäule erstarrt, als er sie losließ. Er beachtete sie gar nicht. »Und jetzt das Ganze noch mal!« befahl er. »Und du, Sara, vergiß nicht, daß du kein Milchkind mehr bist, fang endlich mal an, ein Mensch zu sein. Zeig, was in dir steckt! Hör auf mit der Jungfernmasche! Du bist doch ein Mädchen, eine Frau, ein …«

Er sprach den Satz nicht zu Ende, denn Sara tat etwas, was niemand, und am allerwenigsten wohl Gessler selber, von ihr erwartet hätte. Sie riß sich das zauberhafte Frühjahrshütchen vom Kopf, warf es mit Schwung zu Boden, trampelte mit beiden Füßen darauf herum und schrie: »Ich will nicht mehr! Nein, nein, nein! Laßt mich in Ruhe! Ich will nicht mehr!« Ehe noch irgend jemand eingreifen konnte, hatte sie sich auf dem Absatz umgedreht und war aus der Halle gerast.

Friedl König, die ich bisher noch gar nicht bemerkt hatte, obwohl ich es mir hätte denken können, daß sie ihr Kind auch vor der Kamera keinen Augenblick allein lassen würde, stürzte ihr wie eine Furie nach. Auch Rolf Gessler machte Anstalten, ihr nachzulaufen, aber Putzi Hoffmann winkte ab. »Lassen Sie, Gessler, es ist sinnlos.«

»Wieso denn?« protestierte Gessler, nicht sehr überzeugt. »Wir werden sie hinkriegen! Ich schwöre es Ihnen, daß ich sie hinkriege! Lassen Sie ihr Zeit!«

Putzi Hoffmann hörte ihm gar nicht zu, sondern warf einen fragenden Blick zu Egon Pauly hinüber, der sich mit angewiderter Miene abgewendet hatte und mit steifen Schritten den Schauplatz verließ.

»Ich glaube, sie ist mit den Nerven runter«, sagte Tamara Tess mit einem Lächeln, das einen Eisblock hätte schmelzen können, »das kann doch schließlich jedem passieren, nicht wahr?«

»Natürlich. Kann.« Putzi Hoffmann erhob sich ächzend aus seinem Sessel. »Aber nicht für mein Geld.«

»Sollen wir ohne Pony weitermachen?« fragte Gessler hilflos.

»Machen Sie, was Sie wollen!« Nach diesem orakelhaften Satz entfernte sich Putzi Hoffmann.

Ich hätte mich gern mal mit Gessler in aller Ruhe über Sara König unterhalten. Der junge Regisseur, der sich mit vier Filmen bereits nach vorn gespielt hatte, war ein sensibler und begabter Bursche. Daß er den Mut aufbrachte, eine neue Sara zu formen, ließ tief blicken. Aber der Zeitpunkt erschien mir dennoch verfehlt.

»Brauchst du mich noch, Rolf?« fragte Tamara mit sanftem Augenaufschlag.

»Fahr zum Teufel!« sagte er grob.