Beschreibung

Bei einer Papstaudienz für Pilger und Diplomaten bekommt der junge deutsche Diplomat Konrad Hartwig die atemberaubend schöne Römerin Claudia zum ersten Mal zu Gesicht. Ihr Blick lässt ihn nicht mehr los, obwohl auch seine Verlobte an der Audienz teilnimmt. Von diesem Augenblick an ist es um den sonst so besonnenen Mann geschehen: Er sieht schließlich keine andere Möglichkeit, als sich von seiner Verlobten Annette zu trennen, die ihn innig liebt. Contessa Claudia Orlini erwidert seine Gefühle. Sie ist verheiratet mit dem einflussreichen Conte Ottavio, der vor Eifersucht rast. Während vor der Sacra Rota Romana, dem höchsten Gericht der Kirche, die Annullierung dieser Ehe verhandelt wird, werden die Lebensumstände für die Liebenden immer verzweifelter. Marie Louise Fischer wurde 1922 in Düsseldorf geboren. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Lektorin bei der Prag-Film. Da sie die Goldene Stadt nicht rechtzeitig verlassen konnte, wurde sie 1945 interniert und musste über eineinhalb Jahre Zwangsarbeit leisten. Mit dem Kriminalroman "Zerfetzte Segel" hatte sie 1951 ihren ersten großen Erfolg. Von da an entwickelte sich Marie Louise Fischer zu einer überaus erfolgreichen Unterhaltungs- und Jugendschriftstellerin. Ihre über 100 Romane und Krimis und ihre mehr als 50 Kinder- und Jugendbücher wurden in 23 Sprachen übersetzt und erreichten allein in Deutschland eine Gesamtauflage von über 70 Millionen Exemplaren. 82-jährig verstarb die beliebte Schriftstellerin am 2. April 2005 in Prien am Chiemsee.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 341

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Marie Louise Fischer

Versuchung in Rom

Roman

SAGA Egmont

Versuchung in Rom

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1966 by Schweizer Verlagshaus

All rights reserved

ISBN: 9788711719251

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Unserem lieben Don Giovanni – Rom – Eichstätt – Porto Alegre, Brasilien – in Herzlichkeit.

»Il Papa!«

Erst war es nur ein einziger Schrei, der das Raunen durchbrach, dann schwoll er zu vielstimmigem Jubel an, der am rechten Nebenportal begann und sich wie eine Woge von Pilgergruppe zu Pilgergruppe fortsetzte, aufbrandete bis in die mächtige Kuppel des Petersdoms hinauf.

»Il Papa, il Papa! Viva il Papa!«

In die Schweizergardisten, die – sehr malerisch in ihren mittelalterlichen Landsknechtuniformen, den Helm auf dem Kopf, die lange Hellebarde in der Rechten – um den Hochaltar gruppiert waren, kam Bewegung, die tausendköpfige Menge auf den Tribünen erhob sich wie ein Mann.

»Er kommt!« flüsterte Anette Sörgel und kniff ihren Verlobten aufgeregt in den Arm.

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um von der Diplomatentribüne herab am Hochaltar vorbeispähen zu können, dorthin, wo in diesem Augenblick die Sänfte, getragen von vier Sänftenträgern, Sediarii genannt, hoch über den Köpfen der Gläubigen sich schwankend näherte. Papst Paul VI. wurde sichtbar, eine weiße, schmale Gestalt, die mit großer und doch bescheidener Gebärde nach links und rechts segnend grüßte – mit ernsten Augen, ein Lächeln um den schmalen, gut geschnittenen Mund. Konrad Hartwig blieb gelassen. Er, der frischgebackene Kultur-Attaché an der Deutschen Botschaft in Rom, hatte sich fest vorgenommen, sich weder imponieren noch von der allgemeinen Begeisterung anstecken zu lassen. Die Träger verhielten den Schritt. Die Sänfte kam, nur wenige Meter von der Diplomatentribüne entfernt und fast in gleicher Höhe, zum Stillstand.

Und in diesem Augenblick geschah es, daß Papst Paul den jungen Diplomaten ansah, mit einem großen reinen Blick, der – so schien es dem jungen Mann – bis auf den Grund seiner Seele drang. Ein seltsames Gefühl, ergreifend, beschämend und erhebend zugleich, überströmte ihn, das Lächeln verging ihm, und er spürte eine Sekunde lang die starke Ausstrahlung dieses durch Schmerz, Erkenntnis und Glauben geläuterten Menschen, der das Oberhaupt der katholischen Christenheit war.

Dann war es vorüber.

Die Sänfte wurde abgesetzt, der Papst stieg die teppichbelegten Stufen zum Hochaltar hinauf, nahm auf dem Sessel unter dem Baldachin zwischen den riesigen gewundenen Säulen Berninis Platz.

»Ist er nicht toll?« flüsterte Anette.

Aber Konrad Hartwig antwortete nicht. Er empfand diese Bemerkung seiner Verlobten als abstoßend banal, wußte gleichzeitig, daß er ihr unrecht tat, da sie normal und ihrer Beziehung entsprechend reagierte, während tatsächlich er es war, der sein inneres Gleichgewicht verloren hatte.

Sie hatten sich wieder gesetzt. Anettes feste Hand schmiegte sich in seine. »Gefällt’s dir nicht?« flüsterte sie.

Er tat, als wenn er nichts gehört hätte, war erleichtert, als sie, abgelenkt durch das, was jetzt geschah, Ruhe gab. Er sehnte sich nach frischer Luft, einer Zigarette, vielleicht auch einem Cognac, aber daran war in absehbarer Zeit natürlich nicht zu denken.

Papst Paul begrüßte die einzelnen Pilgergruppen, die aus der ganzen Welt hier im Petersdom zusammengekommen waren. Jede Gruppe antwortete, sobald sie aufgerufen worden war, mit Beifall, der dem Papst den Platz anzeigte, wo sie saß, daß er ihr zuwinken konnte. Der Aufruhr in Konrad Hartwigs Herzen verebbte, er konnte wieder ruhig denken, kühl beobachten – aber er wußte, daß dieser forschende und durchdringende Blick des Papstes ein Höhepunkt in seinem Leben gewesen war, der sich niemals wiederholen und über den er wohl kaum je mit einem anderen Menschen würde sprechen können.

Er registrierte, daß die deutschen Pilgergruppen sehr ungünstig placiert waren. Sie saßen jenseits des Hochaltars, so daß sie während der ganzen Audienz nicht einmal einen Blick auf den Papst werfen konnten. War das Zufall? Oder Absicht? Er überlegte, ob er mit dem Botschafter darüber sprechen sollte, verwarf diesen Gedanken aber sofort wieder. Es handelte sich ja um eine rein kirchliche Angelegenheit, in der ihm jede Stellungnahme versagt bleiben mußte.

Die Begrüßung der Pilgergruppen war zu Ende. Papst Paul hielt eine kleine Ansprache in italienischer Sprache – in klaren, unpathetischen Worten sprach er über die Verantwortung der Kirche in der heutigen Zeit, über die großen Aufgaben, die nur dann zu lösen wären, wenn alle Christen sie gemeinsam zu bewältigen versuchten. »Die Vergangenheit ist unser schönes und schweres Erbe, aber sie muß uns Fundament sein, nicht Ballast. Wenn wir die Aufgaben der Gegenwart und der Zukunft nicht meistern, haben wir auch die Vergangenheit vertan und verspielt.«

Es tat Konrad Hartwig gut, daß sein Herz von einem Mann verzaubert war, zu dem auch sein Verstand ein vorbehaltloses Ja sagen durfte.

Der Papst wiederholte seine Ansprache, um einiges kürzer, aber durchaus sinnentsprechend, in französischer, spanischer, portugiesischer, englischer und deutscher Sprache.

Die Aufmerksamkeit des jungen Attachés ließ nach. Seine Augen begannen zu wandern, tasteten die Gruppe der Auserwählten ab, die, im Angesicht des Hochaltars und schräg gegenüber der Diplomatentribüne, auf den vorderen beiden Stuhlreihen saßen, und die, wie man ihn unterrichtet hatte, anschließend zur Handkuß-Audienz zugelassen sein würden.

Die Herren trugen einen Cut oder zumindest einen schwarzen Anzug, auch die Damen waren – mit Ausnahme einiger Amerikanerinnen, deren gelbe und rote Kleider leuchtend hervorstachen – dunkel gekleidet; aber alle Frauen trugen schwarze Spitzenschleier über dem Haar. Am auffallendsten war die Gruppe um einen riesigen schwarzen Bischof. Er hatte anscheinend die Familie seines Bruders mitgebracht, einen korpulenten Neger in Zivil mit einer jungen, hochgewachsenen Negerin, einer wilden dunklen Schönheit. Auf dem Arm trug sie ein kugelrundes kleines Mädchen, dessen schokoladenbraune Haut sich gegen das weiße europäische Kinderkleidchen appetitlich abhob. Die Kleine, geschmückt mit winzigen goldenen Ohrringen und einem dünnen goldenen Armband, kauerte so erstaunlich still und brav auf dem Schoß der Mutter, als wenn sie zumindest ahnte, daß dies ein feierlicher und großer Moment für ihre Eltern sei.

Konrad Hartwig wollte sich schon wieder zurücklehnen, als der Bischof die Haltung änderte und dadurch den Blick auf ein junges Mädchen freigab, dessen Schönheit ihn sofort faszinierte.

Er sah nur ein gemmenhaft edles Profil, schöne volle, aber ungeschminkte Lippen, dichte, seidige, leicht geschwungene Wimpern, eine Welle kastanienbraunes Haar, die unter dem kostbaren schwarzen Spitzenschleier hervorlugte.

Das Mädchen saß ganz regungslos, in sich versunken, die schmalen, schmucklosen Hände umschlossen ein silberbeschlagenes Gebetbuch. Wenn sich ihr kleiner Busen nicht sanft bei jedem Atemzug gehoben hätte, hätte man sie für eine wunderbare Statue halten können. Auf Konrad Hartwig wirkte sie wie eine Gestalt aus dem Märchenreich, eine wundervolle, zarte junge Fee, ganz unwirklich, dem Alltag und der rauhen Wirklichkeit weit enthoben.

Er sah sie an, unfähig, den Blick von ihr zu wenden, vergaß, wer und wo er war, war nur noch von dem einzigen Wunsch beseelt, daß sie ihr elfenbeinfarbenes Gesicht wenden, ihn ansehen sollte. Er bildete sich ein, daß sie seinen zwingenden Blick spüren, seinem Wunsch folgen müßte – aber sie rührte sich nicht, saß abgeschirmt gegen alles, was um sie herum vorging, die dunklen Wimpern gesenkt.

Anette drückte seine Hand fester, und diese Berührung brachte ihn zur Besinnung.

Er hob den Kopf, sah in die klaren grauen Augen seiner Verlobten, in ihr jungenhaft herbes Gesicht, das ihm in diesem Augenblick ganz fremd schien, wie das eines Menschen, der einem einmal sehr nahegestanden hat und in dem man nach Jahren der Trennung vergebens die alten vertrauten Züge wiederzufinden hofft.

Er zwang sich zu einem Lächeln, das sie sofort strahlend erwiderte und dadurch in ihm ein brennendes Schuldgefühl erweckte. Ihm war es, als wenn er sie betrogen hätte, mit jener schönen unbekannten Römerin, die in Wahrheit nicht einmal etwas von seiner Existenz ahnte. Mit einem Kopfschütteln versuchte er die Faszination abzustreifen, die ihn überwältigt hatte, bemühte sich krampfhaft, nicht mehr in jene Richtung zu schauen, in die es seinen Blick mit magnetischer Kraft ziehen wollte – aber in seinem inneren Auge hatte sich das zarte, gemmenhafte Profil unter dem schwarzen Spitzenschleier tief eingeprägt, so daß er minutenlang völlig außerstande war, irgend etwas anderes wahrzunehmen.

Der Papst hatte seine letzte Ansprache beendet, wieder rauschte Beifall auf. Konrad Hartwig bekämpfte den Wunsch, auf die Knie zu sinken wie die Pilgerscharen, als Papst Paul seinen Segen erteilte. Er senkte den Kopf, fühlte sich jämmerlich, weil er aus Scham nicht wagte, seinem Impuls zu folgen.

Dann stieg der Papst die Stufen vom Hochaltar herab, schritt auf die Sänfte zu, nahm Platz – Konrad glaubte schon, daß alles vorüber wäre, als die päpstlichen Würdenträger in ihren violetten Seiden-Umhängen die zur Bacciamano-Audienz Geladenen einzeln zu holen und in einer Reihe hintereinander aufzustellen begannen.

Es waren etwa zwanzig Gruppen zu zwei oder drei Personen, die so zusammenkamen; die schöne Unbekannte, begleitet von einer hageren, älteren Frau, kam an den dritten Platz. Konrad Hartwig war es nicht gelungen, ihren Namen beim Aufrufen zu verstehen. Aber wollte er das überhaupt? Warum? Er versuchte seine Enttäuschung zu unterdrücken, sich selber zur Vernunft zu rufen. Auch wenn er diesen Namen gewußt hätte, wäre sie für ihn doch so unerreichbar geblieben wie ein Stern am Abendhimmel.

Jetzt kam die junge Römerin an die Reihe. Sie sank mit einer unendlich anmutigen und rührenden Bewegung wie hingeweht auf das samtene Kissen vor dem Papst auf die Knie, ergriff mit beiden Händen die Hand, die er ihr bot, drückte ihre Lippen auf den Fischer-Ring. Konrad sah nur den schmalen Rücken der zarten Gestalt, konnte das, was sie tat, mehr ahnen als sehen. Ihren Rücken überlief ein Schauer – weinte sie?

Papst Paul VI. hob segnend seine Hand über ihr Haupt. Konrad Hartwig glaubte, die Worte von seinen Lippen ablesen zu können: »Mia cara figlia – mia cara figlia …« Der Papst beugte sich tief über die Kniende, schien etwas zu sagen, das nur für ihr Ohr bestimmt war, segnete sie noch einmal.

Sie erhob sich schwankend, kehrte an ihren Platz zurück. Ihre Begleiterin wollte sie stützen, aber sie ließ es nicht zu. Jetzt, zum erstenmal, sah Konrad voll ihr ebenmäßiges Gesicht – der Schleier ihrer Wimpern verdeckte ihre Augen, aus denen Tränen über die Wangen perlten, sich in den leicht herabgebogenen Winkeln ihres Mundes verfingen, ohne daß die Unbekannte auch nur eine Bewegung machte, sie fortzuwischen. Sie schluchzte nicht, ihre Lippen waren geschlossen, ihr schönes junges Gesicht war vom Weinen weder verzerrt noch verunstaltet, nur erfüllt von einer unendlichen ergreifenden Trauer.

Später, als Konrad Hartwig an der Seite Anettes den Petersdom verließ und in den strahlenden Frühlingstag hinaustrat, sah er die schöne Römerin noch einmal. Sie blickte sich nach ihrer Begleiterin um, und für Sekunden begegneten sich ihre Augen.

Ohne zu wissen, was er tat, machte er eine rasche Bewegung auf sie zu – der Griff seiner Verlobten hielt ihn zurück.

»Was ist?« fragte Anette. »Wohin willst du?«

Er kam zur Besinnung, fuhr sich verstört mit der Hand über die Stirn. War er denn wahnsinnig geworden? Er hatte dies ihm gänzlich unbekannte Mädchen ansprechen, es nach seinem Kummer fragen, es trösten wollen! Anette hatte nichts bemerkt, sie hakte sich unbefangen bei ihm ein.

»Ein herrlicher Tag«, sagte sie begeistert.

Er zwang sich, sie anzusehen. »Ja«, sagte er, »wirklich!« Als er sich wieder umblickte, waren die schöne Unbekannte und ihre Begleiterin verschwunden.

Später saßen sie im Garten einer Trattoria auf dem Hügel Monte Mario, der junge Attaché Konrad Hartwig und seine Verlobte, die Studentin Anette Sörgel. Sie tranken roten Landwein, aßen Fische, die in der vergangenen Nacht vom Tyrrhenischen Meer nach Rom gebracht worden waren, und blickten hinab auf die Ewige Stadt, die sich im Glanz der Frühlingssonne unter ihnen ausbreitete.

Anette sah in das markante Gesicht ihres Verlobten, dem nur das jungenhafte Blau der Augen und das widerspenstige Haar eine gewisse Weichheit gab. »Gott sei Dank«, sagte sie, »jetzt hast du endlich Farbe bekommen! Während der Audienz warst du totenblaß, daß ich schon Angst hatte, du würdest in Ohnmacht fallen.«

»Ich weiß selber nicht, was mit mir los war«, antwortete er.

Er atmete tief, reckte die Schultern, leerte sein Glas und fühlte mit Erleichterung, wie die Verzauberung immer mehr und mehr von ihm abfiel – dies alles, der rote Wein, die knospenden Kastanien, der blaue Himmel, die wärmende Sonne und auch die unbekümmerte Anette waren Wirklichkeit, greifbare Wirklichkeit, weit lebendiger als das stumme Bild jener schönen Unglücklichen, das allmählich in ihm zu verblassen begann.

»Als Kind«, plauderte Anette weiter, »war ich mal mit einer Freundin in einer katholischen Messe. Da ist mir auch ganz komisch geworden von dem vielen Weihrauch. Aber erstens ist heute gar nicht geräuchert worden, und zweitens müßtest du als Katholik doch daran gewöhnt sein.«

»Du weißt, daß ich seit Jahren nicht mehr beim Gottesdienst war«, sagte er ausweichend.

Sie drehte spielerisch an ihrem Glas. »Eigentlich schade.«

»Wieso auf einmal?« fragte er und wußte genau, was sie meinte.

»Nur so.« Sie hob das Glas zu den Lippen, nippte. »Euer Papst hat mir mächtig imponiert, dir nicht?«

»Doch!« sagte er und suchte einen Augenblick lang nach Worten, mit denen er ihr das schildern konnte, was er unter dem Blick Pauls VI. empfunden hatte, aber dann fügte er doch nur hinzu: »Er ist ein großer Mann.«

Sie merkte nicht, daß er ihr etwas vorenthielt. »Ganz bestimmt«, bestätigte sie, »und weißt du, wie er von der gläubigen Christenheit als einer Familie sprach – einer Familie, in der es zwar auch zu Streit und Mißverständnissen kommen kann, die aber doch ganz fest zusammengehört – also, na ja, da habe ich so etwas wie Neid empfunden. Kannst du das verstehen? Es müßte schön sein, dazuzugehören.«

»Es bleibt dir ja unbenommen, zu konvertieren«, sagte er mit einem ironischen Lächeln, für das er sich selber verabscheute.

»Ach, Unsinn, so doch nicht«, sagte sie, »ich würde das alles niemals glauben können – Gemeinschaft der Heiligen und so –, aber wenn man hineingeboren wäre, das wäre schön.«

»Dann wärst du wahrscheinlich darüber hinausgewachsen.«

»Wie du«, sagte sie, »ich weiß. Aber hast du nicht manchmal, im tiefsten Innern, Sehnsucht danach?«

»Natürlich«, gab er zu. »Jeder Mensch sehnt sich hin und wieder in die Geborgenheit der Kindheit zurück. Aber diese Tür ist uns verschlossen. Wir sind erwachsen geworden.«

Sie strich sich mit der Hand über ihr blondes Haar, das wie ein glatter goldener Helm ihren Kopf umgab. »Ja, das eben meinte ich, als ich sagte, daß es schade wäre.«

»Schade, aber nicht zu ändern!« Er zog ein Zigarettenpäckchen aus der Tasche, hielt es ihr hin.

Sie bediente sich. Er ließ sein goldenes Feuerzeug aufspringen – ein Geburtstagsgeschenk von ihr – gab ihr Feuer, zündete sich dann selber eine Zigarette an.

Sie nahm einen tiefen Zug, stieß den Rauch ihrer Zigarette durch die Nase.

»Aber es wäre doch gut, wenn wir unseren Kindern das wenigstens schenken könnten. Du kannst mich ruhig für eine dumme, sentimentale Gans halten, aber ich überlege ernsthaft, ob wir uns nicht katholisch trauen lassen sollten. Das würde auch deine Eltern freuen.«

»Denen ist das doch völlig egal.«

»Sag das nicht. Deine Mutter geht doch regelmäßig in die Kirche.«

»Weil sie glaubt, daß sich das gehört.«

»O nein! Ich glaube, sie ist fromm. Sie spricht bloß nicht darüber, weil sie Angst hat, wir würden sie auslachen.«

»Hör mal, Anette«, sagte er, »wollen wir nicht das Thema wechseln? – Du scheinst heute deinen religiösen Tag zu haben.«

»Geh ich dir auf die Nerven?« fragte sie erschrocken.

»Ach wo. Bloß – ich habe den Eindruck, daß du im Begriff stehst, dich in etwas zu verrennen. Du kannst dir doch nicht allen Ernstes vornehmen, unsere Kinder katholisch zu erziehen.«

»Und warum nicht!?«

»Weil du keine Ahnung hast.«

»Na wenn schon. Immerhin wirst du mir zugestehen, daß ich einigermaßen intelligent bin. Man kann alles lernen und so ziemlich alles durchführen, wenn man es wirklich will.«

Er sah sie an, und plötzlich verschwand das Lächeln von seinen Lippen. Er begriff, daß er sie unterschätzt hatte. Sie war durchaus nicht so unbekümmert, wie sie sich gab. Sie hatte gespürt, daß eine unerklärliche Macht von ihm Besitz zu nehmen gedroht hatte, sie fürchtete, er könnte ihr entgleiten – und deshalb machte sie ihm das Angebot, seine Kinder in seinem Glauben zu erziehen. Es waren nicht religiöse Überlegungen, die ihr zu schaffen machten, sondern die Angst, ihn zu verlieren. Sie wäre auch Mohammedanerin geworden oder Buddhistin, wenn sie ihm damit hätte näherkommen können.

Er streckte seine Hand aus, legte sie auf ihren festen braunen Arm. »Ich liebe dich sehr«, sagte er.

Tränen stiegen in ihre klaren grauen Augen, sie lachte über sich selber, fuhr sich mit einer rührend kindlichen Geste über das Gesicht.

»Du hast ganz recht, wenn du mich auslachst«, sagte sie und begann in ihrer Tasche nach einem Tuch zu suchen. Er zog sein großes, sorgfältig gefaltetes weißes Taschentuch hervor, reichte es ihr über den Tisch. »Da! Nimm, du Baby!«

Sie trocknete sich die Augen, putzte sich die Nase. »Ich bin wirklich zu blöd!«

»Nein, das bist du nicht! Du bist mein geliebtes, kluges, schönes Mädchen!«

»Red nur so weiter«, sagte sie mit einem kleinen Aufschluchzer, »sonst fang’ ich wirklich noch an zu weinen! Ich bin einfach ein bißchen durchgedreht heute – und ich weiß auch warum: weil ich morgen nach Hause fliegen muß.«

»Aber du mußt doch gar nicht«, sagte er ruhig.

»Du weißt genau, daß ich …«

»Nein. Ich sehe nicht ein, warum. Bleib hier und heirate mich.«

»Um wieviel Uhr?« fragte sie mit einem rührenden Versuch, sein Angebot ins Scherzhafte zu ziehen.

»Morgen oder übermorgen, oder spätestens in einer Woche. Im Ernst, Anette, laß uns jetzt heiraten. Worauf warten wir eigentlich noch?«

»Bis du Legationsrat geworden bist …«

»Damit habe ich es gar nicht so eilig. Wer weiß, wohin ich dann geschickt werde. Vielleicht zu den Eskimos oder ins tiefste Afrika. Laß uns hier und jetzt und in Rom heiraten. Schöner werden wir es so bald nicht wieder haben.«

»Aber ich muß doch erst mein Studium beenden«, sagte sie mit dem verzweifelten Versuch, Argumente gegen seinen Vorschlag zu finden, der ihren eigenen geheimsten Wünschen so sehr entsprach, »man kann doch nicht einfach etwas über den Haufen werfen, das man sich ganz, ganz fest vorgenommen hat.«

»Und warum nicht? Manchmal ist es entschieden besser, zu improvisieren, als an einem vorgefaßten Entschluß hängenzubleiben.«

»Ja, schon …«, gab sie zögernd zu.

»Also – abgemacht?«

Sie sah ihn flehend an. »Ich habe Angst, Konrad«, bekannte sie leise.

»Vor mir?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Vor der Ehe. Du weißt, wie es mit meinen Eltern schiefgegangen ist. Als sie sich endlich scheiden ließen, habe ich mir geschworen …«

»… nie zu heiraten?«

»Ach, Unsinn, nein. Es besser zu machen. Ich will nicht deshalb an meinen Mann gebunden sein, weil er meine Existenz ist, weil ich ohne ihn verloren bin, sondern immer nur freiwillig und so lange die Liebe dauert. Mamas Leben scheint mir entwürdigend, ja, entwürdigend. Auf die monatlichen Zuwendungen eines Mannes angewiesen zu sein, von dem man enttäuscht worden ist, den man haßt – das paßt doch nicht zusammen, verstehst du, was ich meine?«

»Ich finde es einigermaßen merkwürdig, daß du noch vor der Heirat an die Scheidung denkst«, sagte er, leicht verletzt, »wenn du dir allerdings deiner Gefühle so wenig sicher bist …«

»Nein, deiner!« platzte sie heraus. »Entschuldige«, verbesserte sie sich sofort, »ich wollte nur sagen …«

»Schon gut«, wehrte er ab. »Ich habe dich sehr genau verstanden. Nur eines begreife ich nicht: was verlangst du denn noch, daß ich tun soll, um dir meine Liebe zu beweisen?«

Ihr frisches, stupsnasiges Gesicht war ganz ernst geworden. »Auf mich warten, Konrad! Dieses eine Jahr noch, bis ich meine Prüfungen hinter mir habe. Es wäre falsch, wenn wir die Dinge jetzt überstürzen würden, das spüre ich ganz deutlich.«

»Ein Jahr ist sehr lang, Anette, besonders, wenn man nicht beisammen ist.«

»Meinst du, für mich wäre es kürzer?«

»Du bist eine Frau, das ist etwas anderes. Rom ist ein gefährliches Pflaster – hast du auch darüber nachgedacht? Ich bin kein Mann aus Eisen …«

Sie lächelte überraschend, zeigte ihre gesunden weißen Zähne. »Ach, deswegen Konrad«, sagte sie, »machte ich mir keine Gedanken. Diese Abenteuerinnen sind doch nicht ernst zu nehmen. Tob dich nur aus! Es ist besser, du tust das jetzt, als später, wenn wir verheiratet sind …«

Der Abschied am nächsten Tag wurde Anette Sörgel und Konrad Hartwig leicht gemacht. Sie waren nicht allein, als sie zum Flughafen hinausfuhren.

Mike O’Connor von der Britischen Botschaft hatte sich erboten, sie in seinem Wagen hinzubringen, und Konrad Hartwig war gerne damit einverstanden gewesen. Er selber hatte sich noch nicht ganz an den römischen Verkehr gewöhnt, der zügig, aber ohne ersichtliche Verkehrsregeln dahinfloß. Ihm schien es, als ob jeder Römer seinen Wagen nur nach dem Gefühl und aus der Intuition des Augenblicks heraus lenkte, und das war etwas, was ihm selber nicht lag.

Dem jungen Iren schien es gar nichts auszumachen. Er fuhr mit einer Geschwindigkeit, Sicherheit und Keckheit, die Anette immer wieder den Atem verschlug und die auch Konrad bewundern mußte – obwohl er den Verdacht nicht los wurde, daß Mike O’Connor seine Fahrkünste auf die Spitze trieb, gerade weil Anette neben ihm saß, und er ihr auf diese Weise zu imponieren hoffte.

Konrad und Mike kannten sich seit vielen Jahren. Sie hatten eine Zeitlang im Internat Salem am Bodensee die gleiche Schulbank gedrückt, waren sich nach dem Abitur in Oxford wieder begegnet, wo Konrad zwei Semester studiert hatte, und als sie sich nach seiner Berufung an die Deutsche Botschaft in Rom wieder trafen, war das alte freundschaftliche Verhältnis sofort wiederhergestellt. Von Anette war Mike O’Connor auf Anhieb begeistert gewesen, hatte aber in kluger Hinsicht darauf verzichtet, ihr den Hof zu machen, sondern statt dessen die Rolle des »großen Bruders« übernommen, zurückhaltend und zuverlässig, aber jederzeit bereit, seine breite Brust zum Schutz und Trost anzubieten, falls jemals etwas mit dem jungen Paar schiefgehen sollte.

Auch Anette mochte den baumlangen rothaarigen Iren, sie lachte über seine Späße, konnte aber nicht verbergen, daß er ihr ein bißchen unheimlich war – seine ungebändigte Kraft, sein enormer Appetit, und vor allem die Unmengen Alkohol, die er in sich hineinschütten konnte, ohne auch nur das leiseste Zeichen von Trunkenheit zu zeigen, waren etwas, was sie bisher weder erlebt noch für möglich gehalten hatte.

So rückte sie denn auch auf dieser letzten Fahrt so weit wie möglich von ihm ab und schmiegte sich an ihren Verlobten, der den Arm um ihre Schultern gelegt und sie fest an sich gezogen hatte.

Außer diesen dreien auf dem Vordersitz saßen noch zwei andere Begleiter hinten in Mike O’Connors altem Cadillac, um Anette zum Flughafen Leonardo da Vinci zu begleiten. Der eine war Uwe Holsten, ein semmelblonder, stiernackiger Hamburger, der sich, um Kunststudien zu machen, in Rom aufhielt, ein junger Maler von zweifelhaftem Talent, aber beträchtlichem väterlichem Vermögen, das er mit vollen Händen ausgab. Neben ihm lehnte sich Tino Reggi in die abgeschabten Lederpolster, ein Journalist, der es sich zur Aufgabe gemacht zu haben schien, dieses Vermögen noch schneller unter die Leute zu bringen, als es ohne seine tätige Hilfe der Fall gewesen wäre.

Tino Reggi war klein, dunkel und wendig, verfügte über eine ausgesprochen journalistische Begabung, die ihn nach ganz vorne hätte bringen können, wenn seine Faulheit nicht noch wesentlich größer gewesen wäre. Es war ein offenes Geheimnis, daß er nur gerade so viel arbeitete, um sich eben über Wasser zu halten, sich alles, was darüber hinaus ging, von seinen Freunden bezahlen ließ – seit Monaten vornehmlich von Uwe Holsten, der ihn wegen seiner spitzen Zunge und seiner umfassenden Kenntnis der römischen Gesellschaft schätzte.

Tatsache war, daß Anette einiges Aufsehen erregte, als sie in Begleitung dieser vier gut aussehenden und eleganten jungen Männer den Flughafen betrat, und daß sie es – trotz ihres Abschiedsschmerzes – ein wenig genoß, neidvoll und bewundernd angestarrt zu werden. Sie trug ein hellblaues Kostüm aus leichter Wolle, das ihre sportliche Figur und ihre herbe Blondheit besonders gut zur Geltung brachte, und das Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen, gab ihr eine strahlende Leichtigkeit, die ihr sonst fehlte.

Mike zauberte im letzten Augenblick einen Strauß eben erblühter Teerosen aus dem Kofferraum und überreichte ihn ihr mit verlegener Feierlichkeit, worauf sie sich auf die Zehenspitzen stellte und ihm mit einem Kuß auf die Nase dankte – eine Geste, die den lebhaften Beifall ihrer Kavaliere und der neugierigen Zuschauer hervorrief. Konrad ärgerte sich flüchtig, daß er nicht selber daran gedacht hatte, seiner Verlobten Blumen zu kaufen. Er hätte es jetzt noch auf dem Flughafen tun können, aber es widerstrebte ihm, den Anschein zu erwecken, daß er sich vom Beispiel seines Freundes hätte anregen lassen. Er hielt sich ein wenig zurück, während O’Connor und Reggi den Gepäckträger mit den Koffern Anettes zum Schalter dirigierten, folgte in einigem Abstand, als sie durch die Paßkontrolle schritten.

Konrad Hartwig und O’Connor hatten als Diplomaten das Privileg, Anette in den Ausgangswarteraum zu begleiten. Tino Reggi verlangte das gleiche Vorrecht als Journalist, und es gelang ihm auch mit einem seiner Kniffe, um deretwillen er von Uwe Holsten besonders geschätzt wurde, den Hamburger mit hinein zu schleusen. Mit Anettes Flugkarte und Holstens Geld erstand er eine Flasche zollfreien Whisky, die O’Connor auf der Stelle öffnete und Anette anbot.

»Nein, nein, doch nicht jetzt«, wehrte sie erschrocken ab. Mike O’Connor ließ nicht nach. »Dein Abschiedstrunk, Mädchen, sei nicht fad!«

Sie sah fragend zu ihrem Verlobten. »Soll ich wirklich?« Tino Reggi lachte wiehernd. »Hört euch das einmal an! Und da glaubt man hierzulande, wunder wie selbständig die deutschen Frauen wären!«

»Nimm ruhig einen Schluck«, sagte Konrad rasch, dem die kleine Szene einigermaßen unangenehm war.

»Ja, wirklich«, drängte Uwe Holsten, »denken Sie doch daran, daß Sie in Rom so bald nichts mehr zu trinken bekommen werden!« – Eine Bemerkung, die von Tino Reggi unmäßig belacht wurde.

Anette setzte die Flasche gehorsam an den Mund, verhustete sich. Mike O’Connor hob mit der Linken ihre Arme, klopfte ihr mit der Rechten kräftig auf den Rücken. »Gnade!« rief sie, »hör auf damit, Mike, du zerbrichst mir sämtliche Rippen!«

O’Connor ließ von ihr ab, bat treuherzig um Entschuldigung.

Die Whisky-Flasche kreiste, und auch Konrad Hartwig, der kein Spielverderber sein wollte, trank – hätte den Schluck aber am liebsten gleich wieder ausgespuckt. Er hatte zuviel von dem lauwarmen Getränk in die Kehle bekommen.

Den anderen schien es jedoch sichtlich gut zu schmecken.

»Bitte, Mike, trink nicht mehr«, bat Anette, »ihr kommt sonst nicht mehr heil nach Rom zurück.«

Er hob die buschigen rötlichen Augenbrauen. »Du bist besorgt um mich?«

»Nein, um Konrad«, sagte sie ehrlich.

»Ach was«, schrie Tino, »der kann sich doch ein Taxi nehmen!«

»Kommt überhaupt nicht in Frage«, widersprach O’Connor, »ich würde das als eine persönliche Beleidigung auffassen!«

Anette trat neben Konrad, legte ihre feste braune Hand auf seinen Arm. »Was sind das nur für furchtbare Menschen«, sagte sie lächelnd.

»Auf einmal?« fragte er. »Mir schien es noch vorhin, als wenn du ihre Begleitung durchaus genossen hättest!«

»Du weißt, wieviel lieber ich mit dir allein gefahren wäre!«

»Davon hast du aber niemals auch nur das kleinste Wort verlauten lassen.«

»Weil es deine Freunde sind, weil …« Sie brach ab.

»Ach, Konrad! Müssen wir uns denn in der letzten Minute noch zanken?!«

Er schwieg, wußte selber, daß er ihr Unrecht tat, konnte aber dennoch kein Wort der Versöhnung finden.

»Bist du mir böse, weil ich Mike geküßt habe? Es war doch nur, weil er …«

»Nein«, sagte er, »ich bin nicht eifersüchtig. Das weißt du.«

»Was ist es denn?«

»Gar nichts. Aber du erwartest doch wohl nicht, daß ich strahlender Laune bin, weil du mich heute verläßt!?«

»Das ist es also«, sagte sie erleichtert, »du bist traurig, weil ich abreise?! Ja, glaubst du denn, mir falle der Abschied leicht?«

»Du hättest bleiben können«, sagte er störrisch.

Sie war plötzlich sehr ernst geworden. »Bist du ganz sicher?« fragte sie. »Dann sag nur ein Wort – jetzt und in dieser Minute –, und ich drehe mich auf der Stelle um und komme mit dir nach Rom zurück!«

Ehe er noch das entscheidende Wort sprechen konnte, wurde Anettes Maschine aufgerufen. Ö’Connor brachte ihr ihre Reisetasche, Reggi die Teerosen, die sie dazugelegt hatte, die Freunde umringten sie, es blieb nur noch Zeit für einen letzten flüchtigen Kuß. Dann war alles vorüber.

Konrad Hartwig sah seine Verlobte, wie sie mit geradem Rücken, den blonden Kopf hoch erhoben, aus dem Flugsteig und über das betonierte Feld schritt, sah sie kleiner und kleiner werden und schließlich in der Gruppe der Mitreisenden ganz verschwinden.

Auf der Rolltreppe drehte sie sich noch einmal um und winkte zurück – aber da war sie kaum noch zu erkennen, eine verlorene winzige Gestalt, deren Gesicht er sich schon nicht mehr vorstellen konnte.

Als sie dann endgültig im Inneren des Flugzeuges verschwand, war es ihm, als hätte er sie für immer verloren.

Die Fahrt zurück nach Rom wurde für Konrad zu einer Qual. Die Freunde, jetzt ganz unter sich und durch den rasch genossenen Alkohol enthemmt, überboten sich gegenseitig mit albernen Scherzen und zügellosem Gerede. Es dauerte eine ganze Weile, bis ihnen seine Schweigsamkeit auffiel.

»Was ist los mit dir, alter Junge?« fragte O’Connor. »Du machst ein Gesicht, als wenn du von einem Begräbnis kommst!«

»Er trauert um sein schönes Mädchen«, sagte Uwe Holsten, »das läßt sich immerhin verstehen.«

»Hast du Angst, sie könnte dir untreu werden?« krähte Tino. »Das sollte mich nicht wundem. Jeder weiß, daß ihr kühlen blonden Männer es nicht versteht, die Frauen richtig zu behandeln. Wenn du willst, werde ich dich in die Lehre nehmen und …«

»Ach, sei bloß still, du Angeber«, unterbrach ihn O’Connor, »bei euch ist doch alles nur Strohfeuer, und ich gehe jede Wette ein, daß es bei dir noch nicht einmal dazu reicht!«

Während Holsten lachte, und Tino Reggi heftig protestierte, wandte er sich noch einmal an Konrad Hartwig, fragte leise: »Also … was ist wirklich los?«

»Ich hätte sie nicht fliegen lassen sollen.«

»Natürlich wirst du sie vermissen«, bestätigte der Ire ruhig. »Das ist klar! Aber was soll’s schon!? Für jedes Mädchen gibt es einen Ersatz – und es ist ja nicht so, als wenn sie dich in der Wüste zurückgelassen hätte.«

»Sehr richtig«, rief Tino, der die letzten Worte aufgeschnappt hatte und sich das andere zusammenreimen konnte, »wir leben in Rom, der großartigsten Stadt der Welt. Hier kannst du alles haben, Mädchen wie Sand am Meer, kleine, große, schlanke, dicke, blonde, schwarze, alles, was das Herz begehrt!«

»Ja, gehen wir heute abend bummeln!« rief Holsten.

»Eine sehr gute Idee«, bestätigte O’Connor, »bisher haben wir dir das Nachtleben von Rom noch gar nicht richtig zeigen können. Jetzt hast du endlich Gelegenheit, deine Junggesellenzeit zu genießen!«

»Auf zur Via Veneto!« schrie Tino.

»Also abgemacht«, sagte O’Connor, »wir treffen uns um …«

»Ohne mich«, erklärte Konrad, »tut mir leid. Ich habe zu arbeiten!«

Der Aufruhr, den er damit unter den Freunden hervorrief, ihr Gelächter und ihre Empörung waren so lebhaft, daß er für eine gute Weile jeder weiteren Stellungnahme enthoben war.

Er suchte sich die Worte zurechtzulegen, mit denen er die anderen von seiner Ablehnung überzeugen konnte, ohne sie zu kränken – da sah er sie, die schöne Unbekannte aus dem Petersdom.

Er erkannte sie sofort, obwohl sie diesmal nicht schwarz gekleidet war, sondern einen losen maisgelben Mantel trug, der ihre elfenbeinfarbene Haut noch heller erseheinen ließ. Die Sonne warf goldene Reflexe in ihr kastanienbraunes Haar, das sich in weichen Locken um ihre reine Stirn schmiegte.

Er hatte nur den Bruchteil einer Sekunde Zeit, ihr Bild in sich aufzunehmen, während sich ihre Wege kreuzten, dann war das Auto schon an ihr vorbeigeglitten.

»Halt!« schrie er und griff Mike O’Connor in den Arm. »Halt! Laß mich aussteigen!«

»Wie stellst du dir das vor?« gab der Ire zurück, aber er nahm doch unwillkürlich Gas weg, trat auf die Bremse. Sie hatten die Innenstadt erreicht, fuhren gerade über den sehr verkehrsreichen Lungo Tevere, und an ein Parkieren war nicht zu denken.

Konrad Hartwig begriff, riß die Tür auf und sprang im Fahren ab. Er wäre beinahe in einen Radfahrer hineingerannt, der laut fluchend gerade noch bremsen konnte. Ihn kümmerte es nicht, er stürzte sich in das Gewühl, rannte in die Richtung, in die die Unbekannte sich seiner Erinnerung nach gewendet hatte.

Schon glaubte er, ihre Spur verloren zu haben, da sah er in der Feme wieder ihren maisgelben Mantel aufleuchten, rannte weiter.

Sie bog um eine Ecke, war, als er die Kreuzung erreicht hatte, schon wieder verschwunden. Eine schmale, von alten Bäumen beschattete Straße wand sich winkelig aufwärts. Konrad sah sich noch einmal um und zurück – er konnte nur hoffen, daß sie diese Straße benutzt hatte, sonst hatte er keine Chance mehr, sie einzuholen.

Er entschloß sich, hinaufzusteigen, aber er lief nicht mehr, sondern ging mit großen Schritten, die immer zögernder wurden. Erst jetzt, als die erste Aufregung des Wiedererkennens verebbt war, stellte er sich die Frage, was er tun sollte, wenn sie wirklich vor ihm auftauchte. Konnte er sie ansprechen? Und unter welchem Vorwand? Sie wirkte nicht wie ein Mädchen, das sich von einem Fremden auf der Straße anhalten ließ. Ganz davon abgesehen – das wurde ihm erst jetzt deutlich – war sie auch heute nicht allein gewesen, sondern wieder in Begleitung jener älteren, hageren Frau.

Es war sinnlos, ihnen nachzugehen, er hatte auch nicht die kleinste Chance – dennoch hätte er sich nicht um alle Schätze der Welt zu dem Entschluß durchringen können, umzukehren und sein Vorhaben aufzugeben. Spähend und innerlich aufs äußerste gespannt, schritt er weiter, etwa zehn Minuten lang. Gerade, als er nahe daran war, endgültig alle Hoffnung aufzugeben, entdeckte er sie wieder. Nein, er täuschte sich nicht, es war nicht der maisgelbe Mantel, der ihn narrte – die schmalen Schultern, die anmutige Haltung des Kopfes waren unverkennbar. Ihre Begleiterin öffnete ihr ein Tor zur Linken, und sie trat ein.

Konrad setzte sich wieder in Trab, aber er kam zu spät. Das schwere, kunstvoll geschmiedete Tor, das in eine übermannshohe Mauer eingelassen war, hatte sich hinter den beiden geschlossen. Kein Name war an der Tür zu lesen, die uralten Quader der Mauer standen schweigend und bedrohlich, als hüteten sie ein Geheimnis.

Konrad atmete tief. Dann ging er weiter die Straße bergauf, in der Hoffnung, von hier aus in das so hermetisch abgeschlossene Grundstück blicken zu können. Er kletterte auf einen Steinklotz schräg gegenüber, kam sich dabei schuljungenhaft und peinlich lächerlich vor.

Alles, was er feststellen konnte, war, daß hinter der Mauer ein riesiger Park liegen mußte, dessen Bäume nur eben das Dachgeschoß eines mächtigen Renaissance- Gebäudes freigaben.

Es war nicht anzunehmen, daß die Unbekannte nur zu einem Besuch hier eingetreten war, denn dann hätte sie wohl länger warten müssen, bis ihr das Tor geöffnet wurde. Konrad Hartwig glaubte sich jetzt zu erinnern, daß ihre Begleiterin eine Bewegung des Aufschließens gemacht hatte – ja, so und nicht anders konnte es gewesen sein.

Es hatte keinen Sinn, zu warten. Die Jagd war zu Ende, das scheue Wild war ihm wieder entschlüpft – und doch, schon daß er jetzt sicher war, daß sie in Rom lebte, daß er wußte, wo sie zu Hause war, erfüllte sein Herz mit einem heftigen, nie zuvor gefühlten Glück.

Konrad Hartwig hatte sich ein Appartement im Parioli-Viertel, südlich der Villa Glori, gemietet, das, geschmackvoll und sehr komfortabel eingerichtet, durchaus den Ansprüchen eines verwöhnten Junggesellen genügen konnte. Aber als er an diesem Abend heimkehrte – gegen zehn Uhr, denn er war noch auf der Botschaft gewesen, um die laufenden Arbeiten zu erledigen, die er durch Anettes Besuch ein wenig vernachlässigt hatte, empfand er die moderne Couch, die Einbauschränke, die Teakholzmöbel, die gedämpften Farben der Kissen und Vorhänge als fremd und seltsam seelenlos. Er versuchte sich einzureden, daß es Anette war, die ihm fehlte, aber tatsächlich konnte er sich nur noch schwer vorstellen, daß sie noch am vergangenen Abend hier bei ihm gewesen und in der kleinen Küche gewirtschaftet hatte. Es schien ihm, als wenn schon Monate seit ihrem Abflug vergangen wären.

Er zündete die Stehlampe an, öffnete eine Flasche Wein, begann umständlich seine Pfeife zu stopfen – aber das gewohnte Behagen wollte sich nicht einstellen. Er öffnete ein interessantes kulturgeschichtliches Buch, versuchte zu lesen, gab es aber bald wieder auf, als er sich darüber klar wurde, daß er zwar die Buchstaben und Worte aneinanderreihen, aber keinen Sinn in ihnen entdecken konnte. Dabei war er keineswegs müde und hätte, wäre er jetzt schon zu Bett gegangen, ganz sicher kein Auge schließen können.

Immer noch war diese seltsam süße Erregung in ihm, die sein Verstand nicht begriff und sein Wille nicht zu unterdrücken vermochte.

Als es an der Tür klingelte, erhob er sich fast erleichtert – jeder Besuch würde besser sein als dieses Alleinsein mit seiner Verwirrung.

Er ging an die Wohnungstür, betätigte den Knopf der Sprechanlage – von unten herauf ertönte Mike O’Connors rauhe vertraute Stimme.

»Komm rauf«, sagte Konrad kurz und drückte auf den Türöffner.

Mike O’Connor trat ein, groß und breitschultrig, ein breites Grinsen im geröteten Gesicht unter dem flammenden Haar, und die Atmosphäre veränderte sich von einer Sekunde zur anderen. Schlagartig schienen die Schatten gebannt, er brachte Leben und Farbe in die kühle kleine Wohnung.

»Mußte doch noch mal nach dir sehen, alter Junge«, sagte er und schüttelte Konrads Hand so kräftig, daß sie in den Gelenken knackte.

»Nett von dir«, erwiderte der junge Attaché aus ehrlichem Herzen.

»Keine Ursache, sich zu bedanken. Du weißt ja, ich habe Anette versprochen, auf dich aufzupassen. Ich kann es nicht zulassen, daß du dich ganz in deinen Strohwitwerschmerz vergräbst.«

Konrad Hartwig stellte ein zweites Glas auf den Tisch, schenkte ein. »Komm, setz dich«, sagte er.

O’Connor ließ sich in einen der niedrigen, breiten Sessel fallen, streckte die langen Beine von sich, schnupperte mißtrauisch an seinem Glas. »Nicht gerade ein harter Tropfen für harte Männer«, sagte er. Dann leerte er es mit einem Zug.

Konrad schenkte nach, nahm die gestopfte Pfeife aus dem Aschenbecher – erst jetzt verspürte er Lust, sie sich anzuzünden.

»Was war los mit dir heute mittag?« fragte O’Connor. »Entschuldige, daß ich so direkt bin, aber du brauchst ja nicht zu antworten, wenn du keine Lust hast.«

»Ich weiß«, sagte Konrad undeutlich, die Pfeife im Mund, an die er gerade das brennende Streichholz hielt.

»Ich hab’ dich noch nie so gesehen«, fuhr O’ Connor fort, »ist dir ein Gespenst begegnet? Fast ist es mir so vorgekommen, wenn es nicht am hellen Tag und dazu noch auf der Lungo Tevere gewesen wäre.«

Konrads Pfeife brannte, er machte ein paar paffende Züge, sagte: »Du kommst der Wahrheit ziemlich nahe.« Er zögerte. »Wahrscheinlich wirst du mich für verrückt halten, wenn ich dir das Ganze erzähle!«

»Das sowieso. Also nur keine Hemmungen.«

Konrad Hartwig sah in das gesunde, ehrliche Gesicht seines Freundes. Er wußte, daß es fast unmöglich war, verstanden zu werden – aber sein Wunsch, sich einem Menschen mitzuteilen, war stärker als seine Zurückhaltung. Stockend, tastend, nach Worten suchend, begann er zu berichten – alles, von jenem Moment im Petersdom an, da er die schöne, todtraurige Unbekannte zum erstenmal gesehen hatte, bis zu dem heutigen Nachmittag, als er sie in das Tor zum Park des Palazzo schlüpfen sah.

Mike O’Connor hörte ihn schweigend an, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen. Endlich, als Konrad geendet hatte, sagte er: »Und ich dachte, du liebtest Anette!«

»Das tue ich ja auch, nach wie vor.«

»Dann begreife ich nicht, warum du einem gänzlich unbekannten jungen Mädchen nachrennst. Zugegeben, es ist bildschön, soviel habe ich ja verstanden, aber was glaubst du, was dabei herauskommt, wenn es den Mund aufmacht?«

»Wenn ich nur einmal mit ihr reden könnte. Mehr will ich gar nicht!«

»Meinst du?« fragte O’Connor skeptisch. »Ich habe eher den Eindruck, daß du ganz schwer in sie verschossen bist. Ich warne dich …«

»Anette ist nicht eifersüchtig!«

»Darum geht es ja gar nicht. Anette ist ein prächtiges Mädchen, sie wird dich sicher verstehen. Besser vielleicht als ich. Aber die andere – soviel ist doch gewiß, es muß sich um eine Römerin aus guter Familie handeln. Mit diesen Mädchen kann man nicht flirten, laß dir das von einem erfahrenen alten Mann gesagt sein, die verstehen keinen Spaß. Mach so einer den Hof, und du bist verheiratet, ehe du überhaupt zum Nachdenken gekommen bist.«

Konrad lachte. »Mal nicht den Teufel an die Wand!«

»Nichts läge mir ferner. Ich will dir nur helfen, die Dinge klar zu sehen.«

»Das hast du getan, und ich danke dir. Aber eigentlich müßtest du doch auch eine Ahnung haben, wer sie sein könnte. Der Palazzo liegt an der Via Corsini.«

»Keinen Schimmer«, erklärte O’Connor, »wenn du es wirklich wissen willst, frag Reggi, wen der nicht kennt, den gibt es nicht.«

»Reggi wäre der letzte, mit dem ich über diese Sache reden möchte!«

»Und damit hast du recht«, bestätigte O’Connor trocken, »wer sich Tino anvertraut, der muß gewärtig sein, daß am nächsten Tag ganz Rom Bescheid weiß.«

Konrad Hartwig sah den Freund an. »Also, was soll ich tun? Was rätst du mir wirklich?«

»Vergiß es. Mehr kann ich dir nicht sagen. Streich dieses Mädchen aus deinem Gedächtnis. Du kannst es, wenn du nur wirklich willst.«

Konrad war nicht überzeugt, aber er begriff, daß es keinen Zweck hatte, länger darüber zu reden. »Vielleicht hast du recht«, sagte er ausweichend.

»Ganz bestimmt sogar.« O’Connor erhob sich. »Und nun, sei nicht fad, komm mit mir zur Via Veneto! Was hast du schon davon, wenn du hier herumsitzt und die Wände anstarrst? Also keine Ausreden, komm!«