Beschreibung

Tessie ist eine kleine Schwindlerin. Dabei möchte sie doch so gern bei der Wahrheit bleiben! Immer wieder gerät sie in eine Lage, aus der sie sich herausschwindeln muss. Da ist einmal das schöne Papier, das ihre Mutter gekauft hat und von dem sie es sich ein Stück nimmt; dann wieder kommt sie erneut zu spät zur Schule und muss sich eine Erklärung ausdenken. Was soll ein fantasievolles Mädchen in diesen Momenten anderes machen, als ein wenig an der Wahrheit zu drehen … Der Nachteil ist, dass man ihr schließlich auch die guten Taten nicht mehr glaubt. Das muss sie über sich ergehen lassen, bis sich eines Tages die Dinge zu ihren Gunsten ändern und Tessie mit einem Mal ganz anders dasteht. Marie Louise Fischer wurde 1922 in Düsseldorf geboren. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Lektorin bei der Prag-Film. Da sie die Goldene Stadt nicht rechtzeitig verlassen konnte, wurde sie 1945 interniert und musste über eineinhalb Jahre Zwangsarbeit leisten. Mit dem Kriminalroman "Zerfetzte Segel" hatte sie 1951 ihren ersten großen Erfolg. Von da an entwickelte sich Marie Louise Fischer zu einer überaus erfolgreichen Unterhaltungs- und Jugendschriftstellerin. Ihre über 100 Romane und Krimis und ihre mehr als 50 Kinder- und Jugendbücher wurden in 23 Sprachen übersetzt und erreichten allein in Deutschland eine Gesamtauflage von über 70 Millionen Exemplaren. 82-jährig verstarb die beliebte Schriftstellerin am 2. April 2005 in Prien am Chiemsee.

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Marie Louise Fischer

Im Schwindeln eine Eins

SAGA Egmont

Im Schwindeln eine Eins

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1960 by F. Schneider, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711719442

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk  – a part of Egmont www.egmont.com

Pech in der Morgenstunde

Die Sonne kletterte gerade erst über die Hausdächer in der großen Stadt, als Tessie erwachte. Ihr kleines Zimmer in der Barerstraße war noch voller Schatten und das zarte Blau des Himmels fast farblos.

Mit einem Ruck fuhr sie hoch. Ihr erster Gedanke war: Ferien! – Dann begriff sie, daß sie sich geirrt hatte. Es war ein ganz gewöhnlicher Samstag im Juni, nicht einmal ein Feiertag. Auf ihrer Armbanduhr, die auf dem Nachttisch lag, war es gerade erst sechs Uhr vorbei. Weshalb war sie dann so früh aufgewacht?

Eine Weile grübelte Tessie über dieses Problem, ohne eine Lösung zu finden. Dann sprang sie mit beiden Beinen aus dem Bett, lief zum Fenster und stieß beide Flügel weit auf.

Tobrucks wohnten im obersten Stockwerk eines großen modernen Mietshauses. Von hier oben kamen Tessie die Menschen und Fahrzeuge auf der Straße vor wie Spielzeug.

Während Tessie hinunterschaute, dachte sie nach. Diese frühe Morgenstunde, die ihr sozusagen als ein Geschenk des Himmels zugefallen war, mußte ausgenutzt werden. Vater und Mutter und die große Schwester Ruth schliefen bestimmt noch. Was sollte sie anfangen?

Ihr fiel ein, daß die Mutter gestern wunderschönes abwaschbares Schrankpapier mitgebracht hatte. Das hatte sie sofort gereizt. Jetzt war die Gelegenheit, sich eine Rolle anzueignen. Barfuß und auf Zehenspitzen huschte Tessie ir die Küche, öffnete sachte die untere Schiebetür des Küchenschrankes, schnappte sich eine der Rollen, rannte aus der Küche, dann noch einmal zurück, weil sie vergessen hatte, die Tür zuzuschieben. Dann lief sie ins Badezimmer, holte die große Schere aus dem Apothekerschrank und kehrte in ihr Zimmer zurück. Vorsichtshalber schloß sie die Tür hinter sich ab.

Das Schrankpapier war tatsächlich noch hübscher, als sie es sich vorgestellt hatte; es waren zierliche bunte Figürchen darauf, Bauern, Bäuerinnen und Kinder, Pferdefuhrwerke, Bauernhäuser, Kühe, Kälber, Schweine und kleine Baumgruppen. Tessies Bücher und Hefte hatten es seit langem nötig, neu eingebunden zu werden. Die ganze Klasse würde staunen, und besonders ihr Klassenlehrer, Dr. Hiltermann, würde Augen machen.

Tessie ging an die Arbeit. Sie nahm zuerst ihr Mathematikbuch, legte es aufgeschlagen auf das Papier und schnitt ein großes Stück heraus, von dem sie annahm, daß es passen mußte. Sie begann das Buch einzuschlagen. Aber sie hatte das Papier zu knapp gemessen. Als sie das Buch zumachen wollte, spannte es. Tessie löste den Umschlag, machte neue Knicke – jetzt paßte das Papier, aber auf Vorder- und Rückseite waren häßliche Kniffe. Nein, so ging das nicht; immerhin konnte sie mit diesem kleinen Stück Papier ihr Vokabelheft einbinden. Wo war es? Sicher in ein anderes Buch gerutscht. Na – wenn schon!

Tessie arbeitete mit glühenden Wangen, aber irgendwie war alles wie verhext. Keiner der Umschläge wurde so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Der eine wurde schief, bei dem anderen riß ihr etwas ein, der dritte bekam Falten, und als die Mutter gegen die Tür klopfte und rief: „Tessie! Aufstehen!“, war sie immer noch nicht fertig. Sie wollte nicht nachgeben. Wenigstens das Mathematikbuch sollte einen schönen Umschlag bekommen. Sie versuchte es noch einmal mit dem letzten Stück, das ihr übriggeblieben war. Aber sie hatte schon die Geduld verloren – der Umschlag wurde schlechter als alle anderen.

Jetzt wurde an der Türklinke gerüttelt. „Tessie! Aufstehen!“ donnerte der Vater. „Was fällt dir ein, dich einzuschließen?“

Tessie imitierte ein Gähnen und sagte: „Hauuuuuah … ich bin ja schon wach!“

„Das Kind wird wieder zu spät in die Schule kommen!“ hörte sie die Stimme ihrer Mutter.

„Dann laß sie doch“, erklärte ihre Schwester Ruth spitz, „aus Schaden wird man klug.“

„Biest!“ murmelte Tessie. Sie runzelte die Stirn und betrachtete unzufrieden ihr Werk. Nein, diese Umschläge sahen nicht so aus, daß man mit ihnen Staat machen konnte. Entschlossen riß sie alle wieder von den Büchern ab, zerknüllte sie und warf sie in den Papierkorb. Dann hob sie die verblichenen, an den Ecken durchgestoßenen alten Umschläge einen nach dem anderen wieder vom Fußboden auf und schob die Bücher und Hefte hinein. Es klappte in der Eile nicht ganz, sie verwechselte das Erdkundebuch mit dem Lesebuch, das Mathematikbuch geriet verkehrt in den Umschlag – aber nun war sie wenigstens fertig. Sie Warf einen Blick auf den Stundenplan, stopfte die Bücher und Hefte, die sie heute brauchen würde, in die Mappe.

Wieder pochte die Mutter gegen die Tür: „Tessie! Wenn du jetzt nicht sofort aufstehst, kommst du zu spät!“

„Ich bin doch schon auf, Mammi!“ gab sie harmlos zurück. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, bevor sie sie umband. Schon halb acht vorbei! Verflixt und zugenäht, sie würde wahrhaftig zu spät kommen! Fürs Waschen blieb keine Zeit mehr. In Sekundenschnelle schlüpfte sie in Hemd und Höschen, zog sich ihr blaues Leinenkleid über, das, wie fast alle ihre Sachen, aus der abgelegten Garderobe ihrer großen Schwester geschneidert worden war. Sie bürstete und kämmte ihr goldbraunes lockiges Haar wie eine Wilde, bändigte es in zwei dicke abstehende Zöpfe, schlüpfte in die Pantoffelschuhe, dann war sie fertig.

Mit einem Aufatmen ergriff sie ihre Schulmappe und wollte aus dem Zimmer stürzen, dabei fiel ihr Blick auf den Papierkorb. Fast hätte sie vergessen, die Überreste ihrer morgendlichen Tätigkeit zu verbergen. Sie knüllte das verschandelte Schrankpapier zusammen und stopfte es in die Schulmappe, sah mit Schrecken, daß überall auf dem Boden noch kleine Papierschnitzel lagen, kroch auf allen vieren herum und gab sich erst zufrieden, als auch der letzte Fetzen in ihrer Schulmappe verschwunden war.

Die übrige Familie saß schon längst auf der Dachterrasse beim Frühstück. Tessie steckte nur schnell den Kopf hinaus und rief: „Auf Wiedersehen! Bis heute mittag!“

„Tessie – willst du denn nicht wenigstens einen Schluck trinken?“

„Danke, Mammi, keine Zeit!“ schrie Tessie und war schon aus der Wohnung.

Herr Tobruck legte seine Serviette zusammen. „So was Dummes“, sagte er, „ich hätte sie doch mit dem Wagen zur Schule bringen können.“

„Du bist viel zu gutmütig, Vater“, erklärte Ruth. „Aus Tessie kann nie etwas werden, wenn du ihre Faulheit noch unterstützt.“

„Na, na“, sagte Herr Tobruck lächelnd, „ich erinnere mich, daß vor Jahren ein kleines Mädchen namens Ruth …“

„So wie Tessie bin ich nie gewesen!“ behauptete Ruth empört.

„Das stimmt!“ ergriff Frau Tobruck sofort die Partei ihrer großen Tochter. „So schlimm wie Tessie war Ruth nie. Ich möchte wirklich wissen, was aus dem Kind noch werden soll.“

Herr Tobruck hatte keine Lust, sich am frühen Morgen wegen Tessie zu zanken. „Wartet es ab“, sagte er gutmütig, „es wird sich herausstellen.“ Er stand auf. „Bist du fertig, Ruth?“

„Natürlich, Vater. Ich möchte nur eben noch mal in den Spiegel schauen!“

„Völlig unnötig. Du bist schön wie der junge Morgen!“ Herr Tobruck betrachtete wohlgefällig seine große Tochter. Sie wirkte mit dem hübsch frisierten blonden Haar, den langen, schwarzgetuschten Wimpern über den großen blauen Augen und dem hellgeschminkten Mund wie einem Modejournal entsprungen.

„Kommt pünktlich nach Hause, ihr beiden!“ mahnte Frau Tobruck. „Heute mittag gibťs was Gutes!“

Sieben weiße Elefanten

Tessie hatte Glück im Unglück. Der Aufzug kam sofort hera if, als sie auf den Knopf drückte, sie verließ das Haus im Laufschritt und konnte noch im letzten Moment auf die Straßenbahn springen.

Als sie über den Schulhof rannte, klingelte gerade die Glocke. Sie wußte nicht, ob es das erste oder das zweite Mal war. Sie hoffte inbrünstig, daß Dr. Hiltermann noch nicht in der Klasse war.

Als sie über den Gang rannte, standen noch verschiedene Klassentüren offen, aber ausgerechnet die Tür mit der Aufschrift: „II a“ war geschlossen. Sollte Dr. Hiltermann schon drin sein? Oder hatten die Klassenkameradinnen wieder mal was zu besprechen? Tessie überlegte nicht lange, sie riß die Tür auf und wollte auf ihren Platz stürzen – sie stockte mitten im Lauf. Dr. Hiltermann stand beim Katheder und blickte sie verblüfft an. Tessie begriff auch später nicht, wie es geschehen war. Bei ihrem plötzlichen Halt im vollen Lauf löste sich ihr rechter Schuh und flog in hohem Bogen gegen die Wandtafel.

Eine Sekunde lang war die Klasse ganz starr, dann brachen alle in ein tosendes Gelächter aus. Tessie stand mit rotem Kopf und gesenkten Augen. Auch das noch!

„Ruhe!“ brüllte Dr. Hiltermann und klopfte mit dem Lineal auf das Katheder. „Theresia Tobruck, es ist unglaublich! Möchtest du mir vielleicht erklären …“

„Entschuldigen Sie bitte, Herr Doktor“, murmelte Tessie, „ ich … ich habe es bestimmt nicht mit Absicht getan. “

„Nicht? Leider kenne ich dich zu gut, um dir das zu glauben.“

„Bestimmt nicht, Herr Doktor! Ich …“

„Setz dich, Theresa.“ Dr. Hiltermann öffnete das Klassenbuch und schrieb etwas hinein.

Tessie seufzte innerlich. Bestimmt hatte ihr Klassenlehrer einen Tadel eingetragen, sie würde wieder eine schlechte Note in Betragen bekommen, und das Fahrrad, das Vater ihr versprochen hatte, würde auch dieses Jahr unerreichbar bleiben.

Sie raffte allen Mut zusammen und hob den Finger.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Dr. Hiltermann aufsah. „Was gibt’s?“ fragte er dann.

Tessie sprang auf. „Ich wollte nur sagen, Herr Doktor … ich kann wirklich nichts dafür, daß ich zu spät gekommen bin … wirklich nicht!“

„Das hatte ich auch nicht anders erwartet“, sagte Dr. Hiltermann spöttisch. „Wann hättest du je etwas dafür gekonnt?“

„Bitte, iassen Sie mich doch erklären …“

„Na, dann los! Ich gebe zu, daß deine Erklärungen nie ohne Reiz sind.“ Dr. Hiltermann lehnte sich im Stuhl zurück und schlug die Arme übereinander.

Tessie zermarterte ihr Gehirn, um eine einleuchtende Entschuldigung zu finden. Plötzlich fiel ihr ein, daß sie im Vorbeifahren große Plakate gesehen hatte, auf denen die Eröffnung des „Zirkus Busch“ für morgen angekündigt war.

„Herr Doktor …“, begann sie erleichtert.

„Na los! Ich warte! Ist etwa eine Straßenbahn entgleist?“

„Nein, das nicht, Herr Doktor. Aber stehengeblieben ist sie. Ja, sie konnte nicht weiterfahren, denn … weil … wegen der Elefanten!“

„Ach so, das erklärt alles.“ Dr. Hiltermann nahm seine Brille ab und beugte sich vor. „Was waren denn das für Elefanten?“

„Vom Zirkus, Herr Doktor. Riesengroße Elefanten, das heißt, der erste war riesengroß und hinterher wurden sie alle immer kleiner, und der zweite hielt den ersten mit dem Rüssel am Schwanz und der dritte den zweiten und immer so weiter, und zum Schluß kam ein ganz kleiner, ein ganz winziger Elefant. Süß waren sie.“

„Und deshalb konnte die Straßenbahn nicht weiterfahren?“

„Ja, natürlich!“

„Waren es etwa weiße Elefanten?“

„Wahrhaftig. Woher wissen Sie das? Weiße Elefanten waren es, und in ihren Stoßzähnen hatten sie glitzernde Steine, und der vorderste hatte auch einen riesengroßen Stern auf der Stirn, und dahinter kamen …“

„Danke, es genügt“, sagte Dr. Hiltermann. „Da du so ein auffallendes Interesse für Elefanten hast, Tessie, möchte ich dich bitten, mir für morgen einen Aufsatz zu schreiben über das Thema, na, sagen wir mal … ,Was ich über Elefanten weiß’. Aber bitte nicht unter sieben Seiten und keine Märchenerzählungen, sondern Tatsachen. Ich hoffe, wir haben uns verstanden, ja?“

Tessie schossen die Tränen in die Augen. „Herr Doktor – es ist wirklich wahr! Die Straßenbahn ist stehengeblieben wegen der Elefanten! Da kann ich doch nichts dafür.“

„Wer hat denn das gesagt, Tessie? Ich möchte ganz einfach einen Aufsatz von dir haben. Bitte, tu mir den Gefallen.“ Dr. Hiltermann stand auf, trat zur Tafel und nahm ein Stück Kreide in die Hand. „Und nun wollen wir unsere Aufmerksamkeit für den Rest der Stunde vorübergehend auf mathematische Probleme wenden!“ –

In der kleinen Pause wurde Tessie von allen Seiten bestürmt. „Elefanten?“ – „Ist das wahr?“ – „Hast du sie wirklich gesehen?“ –

„Ach wo. Tessie hat doch Dr. Hiltermann bestimmt nur einen Bären aufbinden wollen!“

„Damit bist du aber fein hereingefallen, was, Tessie?“

Tessie hatte erst einmal in aller Ruhe die Überreste ihrer fehlgeschlagenen Einbindearbeit in den Papierkorb gestopft, jetzt sah sie ihre Freundinnen mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ich habe die Elefanten gesehen. Ich schwindle doch nicht. Wenn ihr mir nicht glaubt, könnt ihr ja heute nachmittag zum Zirkus hinausfahren. Ihr werdet sehen, daß ich recht habe.“

„Aber, Tessie!“ sagte die blonde Rita spöttisch. „Weiße Elefanten! So was haťs doch noch nie in einem Zirkus gegeben!“

„Oder waren sie vielleicht doch nicht ganz weiß?“ versuchte die gutmütige Renate der Freundin eine Brücke zu schlagen.

„Sie waren weiß, und wenn die Zirkusleute sie inzwischen nicht angestrichen haben, sind sie immer noch weiß“, behauptete Tessie kühn.

„Wolien wir wetten?“ schlug Rita vor.

„Um was?“

„Um ein Wochentaschengeld.“

Tessie überlegte. „Ich wette überhaupt nicht“, sagte sie dann, „wetten ist unmoralisch!“

Sie wurde rot, als die anderen lachten.

Die letzte Stunde an diesem Vormittag war Turnen. Tessie hatte in der Eile vergessen, ihr Turnzeug einzupacken. Als die anderen sich schon umgezogen hatten, fiel ihr nichts Besseres ein, als zu Fräulein Ronzky, der Turnlehrerin, zu hinken.

Mit Tränen in den Augen sagte sie: „Fräulein Ronzky … mein Fuß tut so furchtbar weh!“

„Oh je! Hast du ihn dir verletzt?“

Tessie stand auf einem Bein und massierte sich den Knöchel. „Ja … ich glaube, ja.“

„Was ist denn passiert?“

„Ein Elefant ist ihr draufgetreten!“ rief Rita.

Die Klasse brach in jubelndes Gelächter aus. „Ist das wahr?“ fragte Fräulein Ronzky verblüfft. „Ein Elefant?“

„Natürlich nicht“, sagte Tessie ärgerlich; plötzlich kam ihr ein Gedanke. „Schauen Sie doch mal im Klassenbuch nach, Fräulein Ronzky, da steht es ja drin!“

Sie wandte sich an Luise, die Klassenbuchführerin. „Zeig es doch Fräulein Ronzky, Luise!“

Luise kam mit dem Klassenbuch und klappte die Seite des heutigen Tages vor Fräulein Ronzky auf.

Erstaunt las die Tumlehrerin: „Theresa Tobruck betrat fünf Minuten zu spät mit fliegendem Schuh das Klassenzimmer.“

„Was soll denn das heißen?“

„Ja, als ich in die Klasse kam, habe ich den Schuh verloren, Fräulein Ronzky – ich konnte gar nichts dafür. Dabei bin ich umgeknickt, und jetzt tut er mir immer noch weh.“

„Hast du das denn Dr. Hiltermann nicht gesagt?“

„Dodi. Habe ich. Doch der glaubt mir ja nie, was ich sage.“ Tessie sah Fräulein Ronzky mit unschuldsvollen Augen an. „Darf ich jetzt nach Hause gehen? Ich meine … weil ich ja doch nicht mitturnen kann!“

„Nein. Bleib nur hier und schau uns zu. Dabei kann man auch was lernen, Tessie.“ Fräulein Ronzky klatschte in die Hände und wandte sich zu den anderen. „Auf die Plätze … eins-zwei-drei!“

Tessie setzte sich auf die schmale Bank am Rand der Turnhalle, zog die Beine hoch und verschränkte die Hände um die Knie. Während sie den anderen beim Turnen zusah, dachte sie angestrengt nach. Was sollte sie bloß über Elefanten schreiben? Am einfachsten wäre es natürlich, wenn sie am Montag krank würde. Aber sie wußte, ihre Mutter würde sie trotzdem zur Schule schicken. Sie konnte krank sein, soviel sie wollte, niemand glaubte ihr.

Tessie fühlte sich so unverstanden, daß ihr die Tränen in die Augen stiegen. Zu allem Überfluß ließ Fräulein Ronzky die anderen in den letzten zwanzig Minuten Völkerball spielen, Tessies Lieblingsspiel. Sie mußte dabeisitzen und zuschauen. Es war wirklich alles andere als angenehm.

Als Tessie an diesem Samstagnachmittag nach Hause ging, nahm sie sich vor, daß ihr so etwas wie heute nie mehr passieren würde. Von nun an wollte sie immer pünktlich zu Schule kommen und vor allen Dingen nie mehr schwindeln. Sie zog dabei doch immer den kürzeren.

Ein junger Mann namens Heino

Mittags gab es Kirschknödel, und Tessie gelang es, zwölf Stück zu verschlingen. Das war ein Rekord, und sie war sehr stolz darauf. Als Ruth „Vielfraß!“ zu ihr sagte, zuckte sie nur verächtlich die Schultern. Solche ungerechtfertigte Beleidigungen waren wirklich nicht einer Antwort wert.

„Na, wie war’s denn in der Sule?“ fragte Herr Tobruck.

„Wie immer“, behauptete Tessie.

„Bist du noch pünktlich gekommen?“

Tessie war selber überrascht, als sie sich sagen hörte: „Natürlich. Ich bin gerannt.“

„Um so besser für dich“, sagte der Vater. „Du kennst ja unsere Abmachung. Wenn du eine gute Note in Betragen mit heimbringst, kriegst du ein Fahrrad, sonst nicht.“

„Ich benehme mich immer gut“, murmelte Tessie, „nur, ich habe einfach mehr Pech als andere. “

„Mir passieren auch immer die merkwürdigsten Dinge“, sagte die Mutter. „Stellt euch vor, gestern habe ich fünf Rollen Schrankpapier gekauft. Ich könnte schwören, daß es fünf waren. Heute morgen, als ich die Schränke neu auslegen wollte, waren es nur noch vier. Könnt ihr das verstehen?“

Sie sah Tessie scharf an.

Tessie erwiderte den Blick ihrer Mutter mit unschuldsvollem Augenaufschlag. „Nö“, sagte sie, „hast du dich vielleicht verzählt?“

„Ganz bestimmt nicht. Hast du keine Ahnung, wohin die fünfte Rolle verschwunden sein könnte, Tessie?“

„Ich? Woher soll ich das denn nun wieder wissen?“

„Ich dachte nur. Weil die Schere aus dem Apothekerschrank heute morgen in deinem Zimmer war.“

„Die Schere?“ Tessie dachte nach. Plötzlich strahlte ihr Gesicht auf. „Natürlich, die Schere! Die habe ich mir gestern abend genommen. Wir haben nämlich in Physik Hebel durchgenommen – die Wirkung einer Schere beruht nämlich auch auf dem Hebelprinzip, habt ihr das gewußt? Dr. Hiltermann hat es jedenfalls behauptet. Deshalb habe ich die Schere genommen und es mal ausprobiert.“

„Du hast dabei nicht zufällig die Rolle Schrankpapier zerschnitten? Beim Ausprobieren, meine ich?“

„Immer werde ich verdächtigt! Warum denn immer ich? Frag doch mal Ruth! Oder Vater!“

„Na, na, na“, sagte Herr Tobruck, „wozu sollte ich denn wohl Schrankpapier gebrauchen?“

„Weiß ich doch nicht.“

Tobrucks hatten wie immer, wenn schönes Wetter war, auf der Dachterrasse gegessen. Hier oben hatte man das Gefühl, direkt unter dem Himmel zu sein, man konnte weit über die ganze Stadt hinwegsehen, und ein großer farbiger Schirm spendete Schatten. Tessie und Ruth halfen der Mutter nach dem Essen abräumen.

Als sie das Geschirr in den Spülstein gestellt hatten, sagte die Mutter: „Tessie, du bist so lieb und trocknest ab, ja?“

„Nein – warum denn, Mutter!?“ rief Ruth. „Das kann ich doch machen!“

„Du? Natürlich, Ruth. Wenn du unbedingt willst.“

„Na, ich möchte mich nicht aufdrängen“, sagte Tessie und schlenderte aus der Küche.

Ruth holte sie ein, als sie gerade in ihr Zimmer gehen wollte. „Sag mal, Tessie, hast du was vor heute nachmittag?“

„Warum?“

„Sei doch nicht so patzig. Du kannst mir doch anständig antworten, wenn ich dich anständig frage.“

„Ich habe nichts vor“, sagte Tessie mit Nachdruck.

„Im ,Odeon’ läuft ein feiner Film. Möchtest du ihn dir nicht ansehen? Ich geb dir auch das Geld dazu.“

„Du … mir?“

„Du hörst es ja.“

Tessie überlegte haarscharf. Ins Kino gehen war nicht schlecht, aber hinter ein Geheimnis zu kommen, war noch besser. Es war ihr sonnenklar, daß Ruth einen Grund für ihre ungewohnte Freundlichkeit hatte.

„Keine Lust“, sagte sie.

„Was willst du denn machen?“

„Nichts.“

„Nun hör mal, Tessie, es kann dir doch gar nichts ausmachen, ins Kino zu gehen! Du gehst doch sonst immer so gern – warum willst du ausgerechnet heute zu Hause bleiben?“

„Warum willst du mich forthaben, Ruth?“

„Ich will dich nicht forthaben – ich will nur …“

„ Aha. Du erwartest wieder mal einen Verehrer, wie?“

„Tessie, du bist abscheulich!“

„Aber wieso denn? Ich hab dir doch gar nichts getan!“

„Otto hast du Schauermärchen über mich erzählt, Georg hast du mit deiner blöden weißen Maus zu Tode erschreckt und …“

„Na, wenn schon. Du hast dir aus ihm ja doch nichts gemacht, wie? Jedenfalls hast du das nachher behauptet.“

„Tessie, ich will nicht, daß du mir Heino auch wieder verscheuchst.“

„Aha. Heino heißt er.“

„Ja. Er heißt Heino, und er ist wirklich sehr nett. Glaub mir doch, Tessie.“

„Interessiert mich gar nicht. Schließlich ist er ja dein Verehrer und nicht meiner.“

„Bitte, Tessie, liebe, liebe Tessie … tu mir den einen Gefallen und geh heute nachmittag ins Kino.“

„Ich denke nicht daran. Nun gerade nicht.“