Verlag: Droemer eBook Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Größer als das Amt E-Book

James Comey  

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E-Book-Beschreibung Größer als das Amt - James Comey

Die Erinnerungen von Ex-FBI-Chef James B. Comey sind aktuell, brisant und spannend wie ein Krimi. 2017 von Präsident Trump gefeuert, schreibt Comey einen fesselnden Insider-Bericht über politische Machenschaften und das von Donald Trump korrumpierte System. Ein Sachbuch wie ein Kriminalroman der Extraklasse: James Comeys brisante Erinnerungen an die vergangenen 20 Jahre im Zentrum der Macht zeigen ihn als unbeugsamen Ermittler, der gegen die Mafia, gegen CIA-Folter und NSA-Überwachung, und zuletzt im Wahlkampf 2016 gegen Hillary Clintons Umgang mit dienstlichen Emails und Donald Trumps Russland-Verbindungen vorgegangen ist. Der Weg des parteilosen New Yorker Vorzeigejuristen gleicht einer politischen Achterbahnfahrt: stellvertretender Justizminister unter George W. Bush, zum FBI-Direktor ernannt von Barack Obama und gefeuert von Donald Trump wegen angeblicher Illoyalität. Sein Buch ist ein eindrückliches Lehrstück über den aufrechten Gang in einer verantwortungslosen Regierung.

Meinungen über das E-Book Größer als das Amt - James Comey

E-Book-Leseprobe Größer als das Amt - James Comey

James Comey

Größer als das Amt

Auf der Suche nach der Wahrheit – der Ex-FBI-Direktor klagt an

Aus dem Amerikanischen von Pieke Biermann, Elisabeth Liebl, Werner Schmitz, Karl Heinz Siber und Henriette Zeltner

Knaur e-books

Über dieses Buch

Die Erinnerungen von Ex-FBI-Chef James B. Comey sind aktuell, brisant und spannend wie ein Krimi. 2017 von Präsident Trump gefeuert, schreibt Comey einen fesselnden Insider-Bericht über politische Machenschaften und das von Donald Trump korrumpierte System.

Ein Sachbuch wie ein Kriminalroman der Extraklasse: James Comeys brisante Erinnerungen an die vergangenen 20 Jahre im Zentrum der Macht zeigen ihn als unbeugsamen Ermittler, der gegen die Mafia, gegen CIA-Folter und NSA-Überwachung, und zuletzt im Wahlkampf 2016 gegen Hillary Clintons Umgang mit dienstlichen Emails und Donald Trumps Russland-Verbindungen vorgegangen ist. Der Weg des parteilosen New Yorker Vorzeigejuristen gleicht einer politischen Achterbahnfahrt: Stellvertretender Justizminister unter George W. Bush, zum FBI-Direktor ernannt von Barack Obama und gefeuert von Donald Trump wegen angeblicher Illoyalität. Sein Buch ist ein eindrückliches Lehrstück über den aufrechten Gang in einer verantwortungslosen Regierung.

Inhaltsübersicht

WidmungVorbemerkungEinführung1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. KapitelEpilogDank
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Meinen vormaligen Kollegen,

den Beamten des Justizministeriums und des FBI,

deren immerwährender Einsatz für die Wahrheit

die Größe unseres Landes ausmacht.

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Vorbemerkung

Wer bin ich, dass ich mir einbilde, ich sollte anderen Menschen etwas über Führungsethik erzählen? Jeder, der glaubt, darüber ein Buch schreiben zu müssen, läuft Gefahr, als anmaßend, gar scheinheilig wahrgenommen zu werden. Erst recht, wenn er selbst zufällig gerade geräuschvoll aus seinem Amt gefeuert wurde.

Aufgeschriebene Lebensgeschichten werden fast automatisch als Übung in Eitelkeit beargwöhnt, ich weiß das und hatte genau deshalb immer wieder die Idee verworfen, so ein Buch zu schreiben. Aber es gibt einen wichtigen Grund dafür, dass ich meine Meinung geändert habe. Wir durchleben in unserem Land gerade eine gefährliche Zeit, mit einem politischen Klima, in dem Fakten angezweifelt, fundamentale Wahrheiten infrage gestellt, Lügen für normal erklärt und unethisches Verhalten ignoriert, entschuldigt oder sogar belohnt werden. Das passiert nicht nur in unserer Hauptstadt und auch nicht nur in den Vereinigten Staaten. Vielmehr handelt es sich um einen besorgniserregenden Trend, der in Amerika und weltweit die verschiedensten Institutionen erfasst hat – die Vorstandsetagen führender Unternehmen ebenso wie die Nachrichtenredaktionen und Universitäten, die Unterhaltungsindustrie, den Profisport und die Olympischen Spiele. Ein paar Betrüger, Lügner und Verbrecher haben ihre Quittung erhalten. Andere kommen noch immer mit Entschuldigungen und Rechtfertigungen davon und können darauf bauen, dass ihr Umfeld auch weiterhin wegschaut oder ihr schlechtes Benehmen sogar erst möglich macht.

Wenn es also je einen richtigen Zeitpunkt gab, in dem das Nachdenken über einen ethisch integren Führungsstil von Nutzen sein könnte, dann genau jetzt. Ich bin kein Experte für Führungsethik, aber ich habe schon während des Studiums viel darüber gelesen und gegrübelt und mich jahrzehntelang damit herumgeschlagen, was das in der Praxis bedeutet. Es gibt ja nicht die perfekte Führungspersönlichkeit, die uns das beibringen könnte, das heißt, es obliegt uns, denen ethisch geerdetes Handeln wichtig ist, das Thema immer wieder ins Gespräch zu bringen und uns selbst und jedermann in einer politischen Funktion anzuhalten, es besser zu machen.

Der Ethik verpflichtete Führungspersönlichkeiten entziehen sich nicht der Kritik und Selbstkritik und gehen nicht in Deckung vor unbequemen Fragen. Sie sind froh über beides. Jeder Mensch hat Schwächen, ich auch – sogar viele. Zu meinen gehört, wie Sie aus diesem Buch erfahren werden, dass ich dickköpfig sein kann und zu übertriebenem Stolz, zu viel Selbstsicherheit und einem zu großen Ego neige. Damit schlage ich mich schon mein ganzes Leben lang herum. Sehr, sehr oft, wenn ich auf Situationen zurückschaue, wünsche ich mir, ich hätte mich anders verhalten, und manche sind mir regelrecht peinlich. Das geht den meisten von uns so. Wichtig ist aber, etwas daraus zu lernen und es beim nächsten Mal hoffentlich besser zu machen.

Ich finde es nicht angenehm, kritisiert zu werden, aber ich weiß, dass ich mich irren kann, auch wenn ich mir meiner Meinung noch so sicher bin. Denen zuzuhören, die anderer Meinung sind, und sich Zeit für Kritik zu nehmen, ist unerlässlich, wenn man der verführerischen Kraft allzu großer Selbstgewissheit nicht erliegen will. Zweifeln ist Klugheit – das habe ich gelernt. Und je älter ich werde, desto weniger Gewissheiten habe ich. Wer in einer Führungsposition ist und glaubt, nie falschzuliegen, wer sein Urteil oder seinen Standpunkt nie infrage stellt, ist eine Gefahr für die Organisationen und die Menschen, die er führt. In manchen Fällen ist so jemand eine Gefahr für sein Land und die ganze Welt.

Der Ethik verpflichtete Führungspersönlichkeiten sind nach meiner Erfahrung Menschen, die über kurzfristige Ziele und dringliche Anforderungen hinausdenken und sich bei ihrem Handeln an bleibenden Werten orientieren. Die einen beziehen ihre Werte aus einer religiösen Tradition, andere aus einer moralischen Weltanschauung oder sogar aus einem Verständnis für Geschichte. Jedenfalls dienen Werte wie Wahrheit, Redlichkeit und Achtung für andere – um nur einige zu nennen – als äußere Bezugspunkte, nach denen man ethisch integre Entscheidungen trifft, vor allem die schweren, bei denen es keine einfachen oder guten Lösungen gibt. Solche Werte sind wichtiger als das, was Schwarmintelligenz oder Fraktionsdenken gerade vorgeben mögen. Sie sind wichtiger als die spontanen Ideen eines Bosses oder die Vorlieben seiner Untergebenen. Sie sind wichtiger als die Profitabilität und die Bilanzen einer Firma. Ethisch geerdeten Führungspersönlichkeiten ist die tiefe Treue zu fundamentalen Werten wichtiger als der eigene Vorteil.

Der Führungsethik geht es auch um ein Verständnis für Menschen und unser aller Bedürfnis nach Sinngebung. Sie will Arbeitszusammenhänge schaffen, an denen hohe Ansprüche und wenig Angst herrschen, eine Kultur, in der Menschen keine Scheu haben müssen, Wahrheiten offen auszusprechen, und die besten Leistungen herausholen, aus sich selbst und aus ihrer Umgebung.

Ohne ein grundsätzliches Bekenntnis zur Wahrheit – vor allem vonseiten unserer öffentlichen Institutionen und von denen, die sie leiten – sind wir verloren. Um einen juristischen Leitsatz zu formulieren: Unser Rechtssystem kann nur funktionieren, wenn sich Menschen der Wahrheit verpflichten; ohne das zerfällt jede auf Rechtsstaatlichkeit gründende Gesellschaft. Und einen führungsethischen Leitsatz: Jemand in einer Führungsposition, der nicht die Wahrheit sagt oder die Wahrheit nicht hören will, kann keine guten Entscheidungen treffen, er kann sich nicht weiterentwickeln, und er kann kein Vertrauen schaffen bei denjenigen, die ihm folgen.

Erfreulicherweise lassen sich Redlichkeit und die Bereitschaft, Wahrheiten offen auszusprechen, durchaus fördern und tragen ihrerseits bei zu einer Kultur der Ehrlichkeit, Offenheit und Transparenz. Ethisch integre Politiker prägen das kulturelle Klima mit allem, was sie sagen und, noch wichtiger, was sie tun, denn sie stehen unter ständiger Beobachtung. Unglücklicherweise prägen aber auch unehrliche Politiker eine Kultur, indem sie ihrem Wahlvolk Unehrlichkeit, Korruption und Täuschung vorleben. Der Unterschied zwischen einem ethisch geerdeten Politiker und solchen, die nur zufällig auf einer Führungsposition gelandet sind, besteht darin, dass der erstere sich einer tiefen Loyalität gegenüber der Wahrheit verpflichtet fühlt, die größer ist als das Amt. Der Unterschied ist unübersehbar.

Ich habe lange über einen Titel für dieses Buch nachgedacht. In gewissem Sinn ist A Higher Loyalty das Fazit eines seltsamen Abendessens im Weißen Haus, bei dem der neue Präsident der Vereinigten Staaten von mir verlangte, meine Loyalität gegenüber ihm – persönlich – über meine Pflichten als FBI-Direktor gegenüber dem amerikanischen Volk zu stellen. In einem anderen, tieferen Sinn spannt der Titel einen Bogen über vier Jahrzehnte meiner juristischen Tätigkeit als Strafverfolger, als Wirtschaftsjurist und während ich mit drei US-Präsidenten eng zusammenarbeitete. Auf all diesen Posten habe ich von den Menschen um mich herum eines gelernt und anderen weiterzugeben versucht, nämlich dass es in unser aller Leben eine Loyalität gibt, die größer ist als die Treue zu einer Person, einer Partei oder irgendeiner Gruppierung. Und das ist die tiefe Loyalität gegenüber höheren, bleibenden Werten, allen voran der Wahrheit. Ich hoffe, dass dieses Buch uns alle anregen kann über die Werte nachzudenken, die uns tragen, und nach der Art Führung zu streben, die diese Werte verkörpert.

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Einführung

Des Menschen Sinn für Gerechtigkeit macht Demokratie möglich, seine Neigung zur Ungerechtigkeit aber macht Demokratie notwendig.

Reinhold Niebuhr

Zwischen der Zentrale des FBI (Federal Bureau of Investigation) und dem Capitol Hill liegen zehn Häuserblocks, die Strecke hat sich mir bei unzähligen Dienstfahrten die Pennsylvania Avenue hinauf und hinunter tief ins Gedächtnis gegraben. Die Fahrten waren zu einer Art Ritual geworden, vorbei an den Touristenschlangen vor dem Nationalarchiv mit Dokumenten zur Geschichte der Vereinigten Staaten und dem Newseum mit der Steinplatte, auf der der Erste Zusatzartikel zur Verfassung eingraviert ist, vorbei an T-Shirt-Ständen und Imbisswagen.

Jetzt, im Februar 2017, fuhr ich im Fond eines gepanzerten schwarzen Chevrolet Suburban des FBI. Die Mittelbank war entfernt worden, ich saß auf einem der beiden Plätze ganz hinten. Die Welt durch schusssichere kleine Seitenfenster vorbeiziehen zu sehen, war mir zur Gewohnheit geworden. Es ging wieder mal zu einer geheimen Anhörung im Kongress über eine mögliche russische Einflussnahme auf die Wahlen 2016.

Ein Auftritt im Kongress war schon an normalen Tagen schwierig und meistens eher deprimierend. Fast jeder Abgeordnete schien fest auf einer der beiden Seiten zu stehen und nur zuzuhören, um irgendein Goldkörnchen zu finden, das in die jeweils gewünschte Richtung passte. Sie stritten gegeneinander, indem sie durch mich hindurchredeten: »Herr Direktor, wenn jemand das und das behaupten würde, wäre der nicht ein Idiot?« Auch die Gegenposition wurde über mich bezogen: »Herr Direktor, wenn jemand sagen würde, dass jemand, der das und das behauptet, ein Idiot ist, wäre dann derjenige nicht der eigentliche Idiot?«

Stand jene Wahl vor ein paar Wochen auf der Agenda, die allen als die bis dato umstrittenste galt, war der Diskussionsstil unmittelbar danach noch übler; kaum jemand war willens oder imstande, seine jeweiligen politischen Interessen beiseitezuschieben und sich auf die Wahrheit zu konzentrieren. Die Republikaner wollten immer nur bestätigt bekommen, dass Donald Trump nicht von den Russen gewählt worden war. Die Demokraten, noch schwer angeschlagen vom Wahlergebnis, wollten das Gegenteil hören. Gemeinsame Nenner waren Mangelware. Das Ganze hatte etwas von einer Familie, die höchstrichterlich zum gemeinsamen Thanksgiving-Essen verdonnert worden ist.

Das FBI klemmte mitten im Parteiengezänk, auch ich als sein Direktor. Das war eigentlich nichts Neues. Wir waren schon im Juli 2015 in den Wahlkampf hineingezogen worden, als unsere gestandenen FBI-Profis strafrechtliche Ermittlungen zu Hillary Clintons Umgang mit geheimen Informationen über ihr privates E-Mail-Konto eingeleitet hatten. Damals konnten schon die bloßen Wörter »strafrechtlich« und »Ermittlungen« sinnlose Kontroversen auslösen. Ein Jahr später, im Juli 2016, nahmen wir die Ermittlungen zu der Frage auf, ob es massive russische Wahlbeeinflussung gegeben hatte, um Clinton zu beschädigen und Donald Trump ins Amt zu verhelfen.

Dies war für das FBI eine unglückliche, wenngleich unvermeidbare Situation. Eigentlich soll sich das FBI, das ja der Exekutive angehört, aus der Politik heraushalten. Sein Auftrag ist, die Wahrheit herauszufinden, und dafür darf es auf keiner anderen Seite als der des Landes stehen. Natürlich dürfen Mitarbeiter des FBI private politische Ansichten haben wie jeder andere auch, aber wer vor Gericht oder im Kongress aussagt, darf dort nicht als Republikaner oder Demokrat oder Angehöriger sonst irgendeiner Fraktion auftreten. Der Kongress hat, eigens um die Unabhängigkeit dieser Behörde zu untermauern, vor vierzig Jahren die zehnjährige Amtszeit für den FBI-Direktor eingeführt. In der Hauptstadt, überhaupt in einem vom Parteienstreit zerrissenen Land, wirkt eine derart selbstständige Behörde jedoch wie ein wesensfremder Störfaktor und wird ständig herausgefordert. Dadurch waren die Beamten in dauernder Anspannung, besonders, weil ihre Beweggründe ständig infrage gestellt wurden.

Mit mir im Dienstwagen saß Greg Brower, der zukünftige Leiter der Abteilung für Kongressangelegenheiten. Greg war dreiundfünfzig, blond-graumeliert, aus Nevada. Wir hatten ihn 2016 aus einer Anwaltskanzlei abgeworben. Davor war er Staatsanwalt und später in Nevada politisch tätig gewesen. Er kannte den Strafverfolgungsapparat ebenso wie das davon sehr unterschiedliche komplizierte politische Geschäft. Auf seinem neuen Posten hatte er das FBI im Haifischbecken des Kongresses zu vertreten.

Mit einem derart aufreibenden Durcheinander hatte Brower allerdings nicht gerechnet, und es war nach dem schockierenden Wahlausgang Ende 2016 sogar noch heftiger geworden. Da Greg noch nicht allzu lange beim FBI war, machte ich mir Sorgen, dass ihm der Irrsinn und Stress langsam an die Nieren gehen könnte. War er womöglich kurz davor, die Tür des Suburban aufzureißen und das Weite zu suchen? Auf solche Ideen würde ich wahrscheinlich kommen, wenn ich jünger wäre und nicht schon so oft am Zeugentisch des Kongresses gesessen hätte. Ich sah ihn an. Ganz offenbar dachte er dasselbe wie ich: »Wohin hat es mich denn hier verschlagen?«

Ich sah Brower an, wie besorgt er war, und brach das Schweigen.

»DAS IST DOCH DER GIPFEL!«, platzte ich heraus. Die Beamten vorn im Auto konnten es mit Sicherheit hören.

Greg Brower sah mich an.

»Wir stecken in der SCHEISSE«, sagte ich.

Er schien irritiert. Hatte der FBI-Direktor eben »Scheiße« gesagt?

Ja, tatsächlich.

»Wir stecken bis zum Hals in der Scheiße«, sagte ich noch einmal, lächelte ein bisschen zu breit und demonstrierte mit den Armen, bis wohin. »Wo wären Sie denn lieber?« Die Frage garnierte ich mit einem verunglückten Shakespeare-Zitat aus der St.-Crispins-Tag-Rede: »Die Leut’ in England, jetzt im Bett, ersehnen einst, sie wären hier gewesen.«

Er lachte, und seine Miene hellte sich auf. Meine ebenfalls. Ich war zwar sicher, dass ihm die Idee mit dem Sprung aus dem fahrenden Auto noch immer durch den Kopf ging, aber die Spannung war gelöst. Wir holten beide tief Luft. Einen Augenblick lang waren wir einfach zwei Männer in einem Auto irgendwohin. Alles würde gut.

Dann war der Augenblick vorbei, und wir fuhren zum Kapitol hinauf, um über Putin und Trump und mutmaßliche geheime Absprachen und Geheimdossiers und wer weiß was sonst noch zu sprechen. Es war einfach wieder so ein Augenblick unter absolutem Hochdruck in einer der verrücktesten, folgen-, ja sogar lehrreichsten Phasen meines Lebens – man könnte auch sagen: des ganzen Landes.

Und mehr als einmal ertappte ich mich bei dem Gedanken: Wohin hat es mich denn hier verschlagen?

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1

The Life

Nicht ans Sterben denken heißt nicht ans Leben denken.

Jann Arden

Das Leben beginnt mit einer Lüge.

Diesen Satz hörte ich 1992, als Staatsanwalt in New York. Gesagt hat ihn ein Führungsmitglied eines der berüchtigtsten kriminellen Clans der Vereinigten Staaten, und gemeint war das, was sie The Life nennen.

Salvatore »Sammy the Bull« Gravano war der ranghöchste amerikanische Mafioso, der je Zeuge der Anklage wurde. Er hatte die Seiten gewechselt, weil er nicht lebenslänglich hinter Gitter gehen wollte und nachdem er auf Tonbändern aus den Ermittlungen gehört hatte, wie schlecht sein Boss John Gotti hinter seinem Rücken über ihn redete. Jetzt saß Gravano bei uns in Gewahrsam und führte mich in die Regeln des Mafialebens ein.

Wer als Mitglied bei der Cosa Nostra – noch einer ihrer Begriffe: »Unsere Sache« – aufgenommen werden wollte, musste vor dem Boss, dem Unterboss und dem Consigliere der »Familie« einen Schwur ablegen. Danach war er ein Made Man. Die Initiation erfolgte in einer geheimen Zeremonie, und die erste Frage lautete: »Weißt du, warum du hier bist?« Der Anwärter hatte mit Nein zu antworten. Dabei musste einer schon ein ziemlicher Idiot sein, wie Gravano erklärte, wenn er nicht wusste, warum er sich mitsamt lauter Familienoberhäuptern irgendwo in einem Nachtklubkeller befand.

Fast zwei Jahrzehnte lang hatte die amerikanische Mafia keine neuen Mitglieder mehr aufgenommen. 1957 hatten sich die Bosse darauf verständigt, »die Bücher zu schließen« – die Formulierung verrät, dass sogar echte Unterlagen über die Deck- und Klarnamen der Mitglieder zwischen den Mafiaclans hin und her gingen –, sie waren ernsthaft in Sorge, dass die Geschäfte nicht mehr gut liefen und sie von Informanten infiltriert würden. 1976 kamen sie überein, dass jeder Clan zehn neue Mitglieder aufnehmen durfte und dann die Bücher wieder geschlossen werden sollten. Neue Mitglieder waren nur als Ersatz für verstorbene erlaubt. Diese zehn Neulinge waren in jedem Clan die abgebrühtesten, weil jahrelang gestählten Star-Gangster. Gravano gehörte zu dieser »Spitzenklasse«, als er zur Mafia kam.

Natürlich bedeutete die Aufnahme von zehn neuen Mitgliedern nach so langer Pause zusätzliche Belastungen für die kriminellen Geschäfte. Üblicherweise wurde dem Anwärter beim Einweihungsritual ein Heiligenbildchen mit Blutstropfen von seinem »Abzugsfinger« – dem Zeigefinger – in die offenen Hände gelegt und angezündet. Er musste dazu sagen: »Möge meine Seele brennen wie dieser Heilige, wenn ich je die Cosa Nostra verrate.« Gravano erinnerte sich, dass er am dramatischen Höhepunkt der Zeremonie diese Worte nur über einem brennenden, blutbefleckten Stück Stoff sprechen konnte: Der Gambino-Clan hatte nicht genügend Heiligenbildchen besorgt.

Gravanos Aufnahmeritual begann nicht nur mit einer Lüge, es endete auch mit Lügen. Der Boss las ihm die Regeln der amerikanischen Cosa Nostra vor: »Wir töten nicht mit Sprengstoff, wir töten keine Polizisten, wir töten andere Made Men nur mit Erlaubnis von oben, wir schlafen nicht mit der Frau eines anderen Made Man, und wir handeln nicht mit Drogen.« Die beiden ersten Regeln wurden im Allgemeinen korrekt befolgt. Der Staat hätte jeden vernichtet, der mit Sprengkörpern Unschuldige verletzte oder Angehörige der Strafverfolgungsbehörden tötete. Der Rest des Gelöbnisses – andere Mafiosi nicht zu töten, nicht mit deren Frauen ins Bett zu gehen, nicht mit Drogen zu dealen – war glatt gelogen. Diese drei Regeln wurden von Gravano und seinen Mafiosi regelmäßig gebrochen. Es war, erklärte der mit mir zusammen ermittelnde Staatsanwalt Patrick Fitzgerald, wie beim Hockey: Schubsen und Blocken ist zwar theoretisch verboten, aber auf dem Feld üblich.

Die mit der amerikanischen eng verbundene sizilianische Mafia hatte noch eine Regel, und sie wirft ein Licht auf die fundamentale Funktion der Unehrlichkeit innerhalb der gesamten organisierten Kriminalität auf beiden Seiten des Atlantiks. Neu aufgenommenen Mitgliedern war es verboten, einen anderen Made Man – in Sizilien hieß er »Ehrenmann« – anzulügen, es sei denn, er sollte damit in den Tod gelockt werden. Ein schwerwiegendes »Es sei denn«. Ich habe einmal Francesco Marino Mannoia, einen sizilianischen Mafiakiller, der auch zum Zeugen geworden war, danach gefragt:

»Das heißt also, Franco, Sie können mir vertrauen, es sei denn, wir haben vor, Sie zu töten?«

»Ja«, meine Frage irritierte ihn, »Made Men dürfen nur über die wirklich wichtigen Sachen lügen.«

Leben im Lügengestrüpp. Ein Schweigekreis des Einverständnisses. Totale Kontrolle durch den Boss. Treueschwüre. Eine Weltanschauung nach dem Prinzip »Wir gegen die«. Kleine und große Lügen im Dienst eines verqueren Loyalitätskodex. Solche Regeln und Normen waren charakteristisch für die Mafia, aber ich sollte mich während meiner ganzen Laufbahn immer wieder wundern, wie oft sie auch anderswo galten.

Meine Anfangsjahre als Staatsanwalt, vor allem meine Rolle im Kampf gegen die Mafia, bestärkten mich in der Überzeugung, den richtigen Beruf gewählt zu haben. Die Juristerei war mir nicht in die Wiege gelegt worden. Aber letztlich entschloss ich mich zur juristischen Laufbahn, weil ich glaubte, dadurch anderen Menschen am besten helfen zu können, vor allem denen, die unter den Mächtigen zu leiden hatten, unter Verbrecherbossen und Tyrannen. Vielleicht war meine Entscheidung dafür unausweichlich, aber das war mir damals mit sechzehn nicht klar, als jemand mit der Pistole auf mich zielte. Eine Erfahrung, die mein Leben veränderte.

 

Der Mann mit der Pistole wusste nicht, dass ich an dem Abend zu Hause war. Er hatte durch ein Souterrainfenster beobachtet, wie sich meine Eltern von einer Gestalt verabschiedeten, die im flackernden Fernsehlicht auf dem Wohnzimmerboden lag. Vermutlich hatte er die Gestalt für meine Schwester Trish gehalten. Es war aber mein jüngerer Bruder Pete (Trish war nach den Herbstferien wieder ins College gefahren, und unser jüngster Bruder Chris war bei einem Pfadfindertreffen). Ein paar Minuten nachdem meine Eltern davongefahren waren, trat der Mann die Tür unseres bescheidenen Bungalows ein und ging geradewegs nach unten.

Der Tag, der mein Leben veränderte, war der 28. Oktober 1977, ein Freitag. Die meisten Menschen in New York und Umgebung erlebten die Monate davor als den Summer of Sam, in Angst vor einem Serienmörder, der in der Stadt und den Vororten Pärchen in Autos überfiel. Für die Menschen im nördlichen New Jersey dagegen war es der Sommer – und Herbst – des Ramsey Rapist. Der Täter wurde so genannt wegen eines Dutzends Vergewaltigungen, die im Städtchen Ramsey begonnen hatten. Unser verschlafenes Städtchen Allendale lag gleich südlich davon.

Pete hörte schwere Schritte auf der knarzenden Treppe und ein leises Knurren von unserem Hund, sprang hoch und ging in Deckung. Aber der Einbrecher wusste, dass er da war. Er hielt die Pistole in seine Richtung und herrschte ihn an, er solle aus dem Versteck kommen. Dann fragte er, ob noch jemand im Haus war. Nein, log Pete.

Ich war damals im vierten Highschool-Jahr und ein Nerd, ich hatte kaum Freunde. Wie zum Beweis war ich an diesem Freitagabend zu Hause, um einen Text für die Schülerzeitung zu Ende zu schreiben. Es sollte eine brillante Satire werden, über coole Kids, Mobbing und den erdrückenden Gruppenzwang in der Highschool. Der Text war überfällig und noch nicht gerade brillant, aber ich hatte an diesem Freitagabend nichts anderes vor. Also saß ich in meinem kleinen Zimmer am Schreibtisch und schrieb.

Unten im Keller zwang der Einbrecher Pete, ihm das Schlafzimmer zu zeigen. Kurz darauf hörte ich ihre Schritte, direkt vor meiner Tür gingen zwei Personen in Richtung des Elternschlafzimmers. Dann kamen andere Geräusche, der Wandschrank und die Kommode wurden auf- und zugemacht. Ärgerlich und neugierig stand ich auf und öffnete die Schiebetür zum Bad, das zwischen meinem Zimmer und dem meiner Eltern lag. Dort brannte helles Licht. Ich sah Pete auf einer Seite des Bettes liegen, mit dem Kopf in meine Richtung, aber fest geschlossenen Augen.

Ich ging hinein, sah nach rechts und versteinerte. Ein mittelalter, gedrungener Mann mit Strickmütze und einer Pistole in der Hand starrte in den Kleiderschrank. Dann dehnte sich die Zeit, auf eine Weise, wie ich es nie wieder erlebt habe. Zuerst sah ich gar nichts mehr, dann kam meine Sehkraft wieder, aber seltsam vernebelt, und mein ganzer Körper pulsierte, als wollte mir das Herz im Leibe zerspringen. Als der Mann mit der Pistole mich sah, lief er zu Pete, drückte ihm ein Knie in den Rücken und hielt dem Fünfzehnjährigen mit der linken Hand den Lauf seiner Waffe an den Kopf. Dann sah er mich an.

»Keine Bewegung, Kleiner, oder ich puste ihm das Hirn weg.«

Ich rührte mich nicht.

Der Pistolenmann fing an, Pete zu beschimpfen. »Hattest du nicht gesagt, hier ist sonst keiner im Haus?«

Dann ließ er von ihm ab und befahl mir, mich neben ihn aufs Bett zu legen. Er wollte wissen, wo Geld zu finden wäre. Ich erfuhr erst später, dass Pete die ganze Zeit Geld in der Hosentasche hatte und nicht hergab. Ich gab sofort alles her. Ich nannte jeden Fundort, der mir einfiel – Sparschweine, Portemonnaies, Münzen, die uns unsere Großeltern für Unternehmungen zugesteckt hatten, einfach alles. Mit meinen Informationen versehen, machte sich der Mann auf die Suche und ließ uns auf dem Bett liegen.

Kurze Zeit später war er wieder da, baute sich vor dem Bett auf und richtete seine Waffe auf uns. Ich weiß nicht, wie lange er auf uns zielte, ohne dass etwas zu hören war, aber der Moment war lang genug, um mich zu verändern. Ich war sicher, ich würde gleich sterben. Hoffnungslosigkeit, Panik und Angst schnürten mir die Luft ab. Ich fing an, stumm zu beten, in dem Bewusstsein, dass mein Leben gleich zu Ende sein würde. Im nächsten Moment wurde ich überschwemmt von einer seltsamen Kältewelle, und meine Angst war weg. Ich fing an, logisch zu denken, und überlegte, wenn er zuerst auf Pete schoss, würde ich eine Hechtrolle vom Bett machen und versuchen, ihm die Beine wegzureißen. Und dann redete ich los – genauer gesagt: Ich log los. Die Lügen sprudelten einfach heraus. Ich erzählte ihm, wir seien spinnefeind mit unseren Eltern, ja, wir hassten sie regelrecht, und es sei uns völlig egal, wenn er sie beklaute, wir würden niemandem sagen, dass er hier gewesen war. Ich log ihm die Hucke voll.

Der Pistolenmann befahl, ich solle den Mund halten, und wir sollten aufstehen. Dann schubste er uns über den engen Flur, hielt vor jedem der anderen Zimmer und durchwühlte alle Schränke. Inzwischen glaubte ich zumindest phasenweise an ein Überleben und sah ihm immer wieder direkt ins Gesicht, um ihn später der Polizei beschreiben zu können. Und immer wieder rammte er mir die Pistole in den Rücken und herrschte mich an, wegzugucken.

Wieder sprudelte ich los, beteuerte noch mal und noch mal, er könnte uns doch irgendwo einsperren, wir würden auch bestimmt da bleiben, und er könnte entkommen. Ich zerbrach mir den Kopf, wo im Haus ein passender Raum dafür war – einer, den man zuschließen konnte. Wider alle Vernunft schlug ich das Klo im Souterrain vor, das Fenster da sei klein und lasse sich nicht öffnen, weil mein Vater es winterfest gemacht habe. Das war nur die halbe Wahrheit: Er hatte den Rahmen mit Klarsichtfolie überklebt, damit es nicht so zog, aber es ging ganz einfach auf, man musste nur die untere Scheibe hochschieben.

Der Pistolenmann brachte uns nach unten, schubste uns ins Klo und sagte: »Ihr könnt Mommy und Daddy sagen, dass ihr artige kleine Jungs wart.« Dann verkeilte er die Tür von außen, damit wir nicht abhauen konnten.

Wir hörten die Garagentür auf- und wieder zugehen, als er sich davonmachte. Ich fing an zu schlottern, das Adrenalin ließ nach. Zitternd sah ich zu dem kleinen Fenster, und plötzlich tauchte sein Gesicht darin auf. Der Pistolenmann untersuchte das Fenster von außen. Ich schnappte nach Luft. Als das Gesicht wieder weg war, sagte ich zu Pete, wir sollten lieber hier abwarten, bis Mom und Dad wiederkamen. Pete sah das anders. »Du weißt doch, wer das ist. Der tut den nächsten Leuten was an. Wir müssen Hilfe holen.« Ich glaube, in meinem wackeligen Zustand war mir nicht wirklich klar, was Pete meinte oder wie der Abend hätte verlaufen können, wenn unsere neunzehnjährige Schwester Trish zu Hause gewesen wäre.

Ich war trotzdem dagegen. Ich hatte Angst. Pete stritt noch kurz mit mir, dann sagte er, er werde jetzt gehen. Er zog die Plastikfolie ab, drehte den halbmondförmigen Riegel und schob das Fenster auf. Dann schwang er sich mit den Füßen voran in den Garten. Wahrscheinlich waren es nur ein, zwei Sekunden, aber in meiner Erinnerung stand ich ewig lange vor dem offenen Fensterchen und der Dunkelheit dahinter und grübelte. Sollte ich hierbleiben oder Pete folgen? Dann schwang auch ich die Beine aus dem Fenster. Genau in dem Moment, als meine nackten Füße auf dem kalten Boden im Garten meiner Mutter auftrafen, hörte ich den Pistolenmann brüllen. Ich warf mich auf Hände und Knie und krabbelte wie wild ins dichte Gebüsch hinter unserem Haus. Er hatte Pete erwischt und schrie jetzt in meine Richtung: »Komm da raus, du Knirps, oder deinem Bruder passiert was.« Ich kroch hervor, und der Mann beschimpfte mich, weil ich ihn angelogen hatte. Mir fiel spontan eine andere Lüge ein: »Wir gehen sofort wieder rein«, sagte ich und wollte auf das Klofenster zugehen.

»Zu spät«, sagte er, »an den Zaun.«

Zum zweiten Mal an diesem Abend dachte ich, ich würde sterben. Bis ich hörte, dass Sundance in unseren Garten gesprungen kam, der riesige sibirische Husky unseres Nachbarn, mitsamt seinem Herrchen Steve Murray, unserem Deutschlehrer und Footballtrainer an der Highschool.

Die nächsten Sekunden sind wieder vernebelt in meiner Erinnerung. Ich weiß noch, dass Pete und ich von dem Pistolenmann weg und ins Haus rannten, dicht gefolgt von Coach Murray, und wie hinter uns die Tür zuknallte. Wir schlossen sie ab. Der Pistolenmann war noch draußen und versetzte jetzt Coach Murrays Frau und seine Mutter, die wegen des Tumults bei uns aus dem Haus gekommen waren, in Angst und Schrecken. Noch heute, Jahrzehnte später, quälen mich heftige Schuldgefühle deshalb.

Pete und ich rannten nach oben, machten überall das Licht aus und bewaffneten uns. Ich hatte ein langes Schlachtermesser. Damals gab es bei uns noch keine Polizei-Notrufnummer, also rief ich das Fernamt an und ließ mich mit der Polizei verbinden. Der Telefonist sagte immer wieder, ich solle mich beruhigen. Ich erklärte ihm, ich könne mich nicht beruhigen, ein Mann mit einer Pistole sei vor unserem Haus, der würde gleich wieder reinkommen, wir brauchten jetzt sofort Hilfe. Dann warteten wir im Dunkeln hinter der Haustür und diskutierten, ob wir den Pistolenmann selbst angreifen sollten. Endlich tauchte ein Polizeiwagen vor dem Haus auf. Wir blinkten mit der Außenbeleuchtung, und der Wagen hielt. Wir rissen die Haustür auf und rannten hin, ich barfuß, mit dem Schlachtermesser in der Hand. Der Polizist stieg sofort aus und griff nach seiner Waffe. Ich schrie: »Nein, nein!«, und zeigte auf das Nachbarhaus. »Da ist er. Er ist bewaffnet!« Der Einbrecher löste sich von der Haustür der Murrays und verschwand im nahe gelegenen Wald.

Dann kamen Polizeiwagen aus allen möglichen Bezirken in unsere kleine Straße gerast, und ich strampelte auf meinem Zehngang-Rad barfuß einen halben Kilometer bis zum Gemeindehaus, in dem meine Eltern gerade Tanzstunde hatten. Ich sprang vom Rad, ließ es einfach fallen, riss die Tür auf und schrie aus Leibeskräften: »Daddy!« Alle hörten auf zu tanzen und kamen auf mich zu, vorneweg meine Eltern. Als meine Mutter mein Gesicht sah, fing sie an zu weinen.

Der Ramsey Rapist wurde in jener Nacht nicht gefunden. Ein paar Tage später nahm die Polizei einen Verdächtigen fest. Er wurde nie angeklagt, sondern später wieder freigelassen. In jener Nacht aber hörten die Gewalttaten abrupt auf, es gab keine Raubüberfälle und sexuellen Angriffe des Ramsey Rapist mehr.

Meine Begegnung mit ihm trug mir jahrelange Qualen ein. Mindestens fünf Jahre lang musste ich jeden Abend an ihn denken – buchstäblich jeden –, und noch sehr viel länger schlief ich mit einem Messer in Griffweite. Damals konnte ich es noch nicht erkennen, aber auf ihre Art war diese schreckliche Erfahrung auch ein unglaubliches Geschenk. Ich hatte geglaubt – innerlich »gewusst« –, dass ich gleich sterben würde; nun hatte ich überlebt, und das ließ mich das Leben als kostbares, zartes Wunder empfinden. Schon in jungen Jahren, noch auf der Highschool, sah ich gern der Sonne beim Untergehen und den Bäumen beim Knospen zu und bekam ein Gefühl für die Schönheit unserer Welt. Das ist bis heute so, auch wenn dies für Menschen, denen solch eine elementare Bedrohung glücklicherweise erspart geblieben ist, kitschig klingen mag.

Durch den Ramsey Rapist habe ich auch sehr früh gelernt, dass vieles von dem, was wir für wertvoll halten, keinen Wert hat. Wenn ich vor jungen Leuten spreche, empfehle ich immer eine scheinbar abwegige kleine Übung. Ich sage ihnen: Schließt die Augen. Sitzt einfach da und stellt euch vor, ihr seid am Ende eures Lebens. Von dieser Warte aus zerstiebt die Wolke aus Gier nach Anerkennung und Reichtum. Häuser, Autos, Medaillen als Zimmerschmuck? Wen interessiert das? Ihr werdet gleich sterben. Was für ein Mensch möchtet ihr gewesen sein? Und ich erzähle ihnen von meiner Hoffnung, dass einige von ihnen dann gern ein Mensch gewesen sein möchten, der seine Fähigkeiten genutzt hat, um denen zu helfen, die sie brauchten – denen, die sich abstrampeln, die schwächer sind, verängstigt, die drangsaliert werden. Für etwas zu stehen. Etwas zu bewirken. Das ist wahrer Reichtum.

 

Ich bin nicht wegen des Ramsey Rapist Jurist geworden, jedenfalls nicht bewusst und nicht sofort. Damals wollte ich immer noch Arzt werden, ich studierte Chemie am William-and-Mary-College, zur Vorbereitung auf das Medizinstudium. Aber auf dem Weg zum Labor fiel mir eines Tages auf einem Anschlagbrett das Wort TOD ins Auge. Ich blieb stehen. Es ging um einen Kurs bei den Religionswissenschaftlern, die im selben Gebäude saßen wie wir Chemiker. Ich belegte den Kurs, und das änderte alles. Hier konnte ich mich intensiv mit einem für mich sehr wichtigen Thema beschäftigen und erfahren, wie die Religionen der Welt mit dem Tod umgingen. Ich nahm Religion als zweites Hauptfach dazu.

Bei den Religionswissenschaftlern lernte ich die Werke des Philosophen und Theologen Reinhold Niebuhr kennen, die mich tief berührten. Niebuhr sah das Böse in der Welt, er begriff, dass niemand seinen Nächsten lieben kann wie sich selbst, weil unsere menschliche Begrenztheit das verhindert, gleichzeitig aber beschrieb er bezwingend und einleuchtend, dass es gerade in einer unvollkommenen Welt unsere Pflicht ist, immer wieder nach Gerechtigkeit zu suchen. Natürlich hat Niebuhr nie Billy Currington gehört, den Country-Musiker, und die Songzeile: God is great, beer is good, and people are crazy. Aber sie hätte ihm gefallen, und vielleicht hätte er, auch wenn das nicht gerade ein hitverdächtiger Text ist, hinzugefügt: »Und trotzdem musst du versuchen, unsere fehlerhafte Welt wenigstens einigermaßen gerecht zu machen.« Und diese Gerechtigkeit, davon war Niebuhr überzeugt, ließ sich am besten mit den Instrumenten des staatlichen Gewaltmonopols erreichen. Ganz langsam dämmerte mir, dass ich doch nicht Arzt werden wollte. Juristen können viel direkter zur Suche nach Gerechtigkeit beitragen. Vielleicht, dachte ich, wäre das der beste Weg, um etwas zu bewirken.

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2

Unsere Sache

Bleib nah dran an deinen Freunden, aber noch näher dran an deinen Feinden.

Al Pacino (als Michael Corleone), Der Pate, Teil II

Die Vereinigten Staaten sind in vierundneunzig Gerichtsbezirke aufgeteilt. Jedem dieser Bezirke steht ein US-Bundesanwalt (United States Attorney) vor, vom Präsidenten nominiert und vom Senat bestätigt. Die Gerichtsbezirke unterscheiden sich in ihrer Größe und ihrem Zuständigkeitsbereich sehr stark voneinander. Das Bezirksgericht New York Süd hat seinen Sitz in Manhattan und ist eine der größten und die angesehenste Justizbehörde der USA. Es ist berühmt für seine Tatkraft und sein unerschöpfliches Selbstvertrauen, wenn es darum geht, Ermittlungsverfahren einzuleiten. Ein seit Langem gegen diesen Gerichtsbezirk scherzhaft erhobener Vorwurf lautet, seine Anwälte würden ihre Zuständigkeit nur an der einen Frage festmachen: »Geschah es auf Erden?«

Ich trat 1987 in die Dienste des Gerichtsbezirks New York Süd in Manhattan. Es war mein Traumjob. Ich würde für einen Chef arbeiten, der auf dem besten Weg war, zur Legende zu werden – Rudy Giuliani.

 

Als ich 1985 mein Jurastudium an der Universität von Chicago abschloss, wusste ich noch nicht sicher, welche juristische Laufbahn ich anstreben wollte. Nach meinem zweiten Studienjahr hatte ich mich um eine Stelle als Assistent an einem Bundesgericht beworben – eine ein- oder zweijährige Lehrzeit als rechte Hand eines Bundesrichters. In meinem letzten Studienjahr bekam ich schließlich eine solche Stelle, bei einem neu berufenen Bundesrichter in Manhattan.

Dieser Richter, John M. Walker jun., ermunterte uns immer wieder, uns in den Gerichtssaal zu setzen, so könnten wir der einen oder anderen spannenden Verhandlung zusehen. Im Frühjahr 1986 startete die Bundesjustiz den Versuch, auf der Grundlage eines neuen Gesetzes einem Angeklagten die Freilassung gegen Kaution zu verweigern mit der Begründung, er sei eine Gefahr für das Gemeinwesen. Es handelte sich nicht um irgendeinen Angeklagten, sondern um Anthony »Fat Tony« Salerno, den Boss des Genovese-Clans, einer der fünf italienischen Mafiabanden in New York.

Fat Tony war eine Figur, die direkt aus einem Gangsterfilm hätte stammen können. Er war übergewichtig und hatte eine Glatze, er ging am Stock und hatte immer eine kalte Zigarre im Mundwinkel hängen, auch im Gerichtssaal. Seine Reibeisenstimme gebrauchte er vor Gericht immer wieder dazu, Aussagen seines Anwalts lautstarken Nachdruck zu verleihen. »Das is ne Schande, Euerehr’n«, schmetterte er in den Saal. Meinen fünfundzwanzigjährigen Augen kam sein Mitangeklagter Vincent »Fish« Cafaro mit seinem schmalen Gesicht und seinen dunklen Augen tatsächlich wie ein Fisch vor. Zum Beweis dafür, dass Salerno eine Gefahr für das Gemeinwesen darstelle und nicht auf Kaution freikommen dürfe, spielten die Bundesanwälte Tonbandaufnahmen vor, die das FBI mittels einer Wanze angefertigt hatte, angebracht unter einem Tisch im Lokal Palma Boys Social Club, einem Treffpunkt von Fat Tonys Leuten in einer italienischen Enklave in East Harlem. Man hörte auf den Aufnahmen, wie Salerno über von ihm angeordnete Prügelstrafen und Morde schwadronierte und dabei keinen Zweifel an seiner eigenen Rolle ließ: »Wer ich bin? Ich bin der Scheißboss.«

In dem Verfahren zeigte sich, dass in einem Mafiaclan der »Boss« die unanfechtbare oberste Instanz war. Wenn er vom Tod sprach, bedeutete das, dass jemand sterben würde. Die größte aller Sünden war es, den Clan zu verraten, eine »Ratte« zu werden. Treue war das heiligste Gebot der Mafia: Man verließ seinen Clan erst, wenn man die Welt der Lebenden verließ, sei es auf natürliche oder auf andere Weise. Nur Ratten verließen die Mafia lebend.

Ich saß wie hypnotisiert auf meinem Stuhl, während die zwei Anklagevertreter, beide Staatsanwälte, ihre Beweise gegen Fat Tony vorlegten. Sie hatten Tonbandmitschnitte und Zeugenaussagen, die belegten, dass Fat Tony und der Fisch einen Mafiaclan anführten, dass sie ihren Leuten befohlen hatten, »zuzuschlagen«, bestimmten Personen die Knochen zu brechen und Gewerkschafter einzuschüchtern. Die Verteidigung behauptete, die Angeklagten hätten nur »geprotzt«, doch die Ankläger konnten überzeugende Belege vorweisen, die diese lächerliche Schutzbehauptung ad absurdum führten.

Die beiden Staatsanwälte waren nur wenige Jahre älter als ich. Sie standen aufrecht, redeten deutlich und sprachen Klartext. Sie überzeichneten nichts, plusterten sich nicht auf. Sie machten den Eindruck, von nichts anderem beseelt zu sein als dem Wunsch, gegen Unrecht vorzugehen und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Mich traf es wie ein Blitz. »Genau das will ich aus meinem Leben machen«, dachte ich. Ich würde in eine New Yorker Anwaltskanzlei eintreten und das zusätzliche Jahr Praxiserfahrung sammeln, das ich brauchte, um mich um das Amt eines Staatsanwalts bewerben zu können. Es sollte ein Jahr werden, das ich nie vergessen würde, vor allem dank einer Person.

 

Ich war nun ein junger Jurist bei einer Anwaltskanzlei in New York, die mir den großen Gefallen tat, mich für den größten Teil jenes Jahres nach Madison in Wisconsin zu schicken und mich an einem unglaublich komplizierten und langweiligen Versicherungsfall arbeiten zu lassen. Es war dennoch ein Glück, denn als sogenannter lokaler Rechtsbeistand arbeitete an dem Fall, der vor dem Gerichtshof des Staates Wisconsin verhandelt wurde, Richard L. Cates. Den damals einundsechzigjährigen Cates hatte man hinzugezogen, damit er den weltgewandten Großstadtjuristen, die das Verfahren durchziehen sollten, mit seiner Kenntnis der örtlichen Verhältnisse zur Hand ging. Ich lernte Dick Cates als einen freundlichen Menschen kennen, der durchsetzungsstark und selbstbewusst war. Ich sollte Jahrzehnte brauchen, bis mir klar wurde, dass diese Begriffspaare den Wesenskern guter Führung ausmachen. Dick war ein Mann mit sicherem Urteil, der mir auch durch sein leidenschaftliches Eintreten für Ausgewogenheit imponierte.

Dick starb 2011 nach einem glücklichen Leben, das in einem New Yorker Waisenhaus begonnen hatte und erfüllt war vom Streben nach seiner Freude an Arbeit und seinen Freunden und seiner Familie gewidmet war. Er heiratete die Liebe seines Lebens, hatte fünf Kinder, kehrte immer wieder in den öffentlichen Dienst zurück (darunter zweimal in die Marine, jeweils in Kriegszeiten) und wurde, um seinen Sohn zu zitieren, nie müde, »die Schwachen davor zu schützen, von den Starken kleingetreten zu werden«. Er zog mit seiner Familie auf eine Farm in der Nähe von Madison, damit aus seinen Kindern keine Weicheier würden, und fuhr viele Kilometer mit dem Fahrrad ins Büro. Er spielte unzählige Stunden mit seinen Kindern und später mit seinen vielen Enkeln.

Trotz aller Abgründe, in die er geblickt hatte, hatte Dick ein unerschöpfliches Interesse am Leben und an den Menschen und konnte über beides herzlich lachen. Wenn er die Aussage eines Zeugen aufnahm, hatte er normalerweise nichts vor sich liegen, nicht einmal einen Notizblock. Er leitete das Verhör ein, indem er dem Zeugen ein breites Lächeln schenkte und zu ihm sagte: »Erzählen Sie von sich.« Allein mit der Kraft seines Verstandes und seines Gedächtnisses vermochte er die Geschichte seines Gegenübers zu erfassen, wenn nötig, durch stundenlanges Nachfragen.

Ich glaube nicht, dass Dick Cates mir in dem Jahr, in dem wir zusammenarbeiteten, auch nur eine einzige ausdrückliche Lektion erteilt hat, jedenfalls kann ich mich an keine solche erinnern. Es genügte, dass ich als frischgebackener Jurist und demnächst Ehemann an seiner Seite arbeitete und ihn beobachtete. Ich erlebte mit, wie er auf Großspurigkeit ebenso mit Lachen reagierte wie auf Druck. Ich war dabei, wenn er Entscheidungen nach gesundem Menschenverstand traf, während eingeflogene Großstadtjuristen sich in den komplizierten Ausgeburten ihrer juristischen Arroganz verhedderten. Ich beobachtete, wie seine Augen bei der bloßen Erwähnung seiner Frau, seiner Kinder und seiner Enkel aufleuchteten; wie er Himmel und Erde in Bewegung setzte, um an ihren Familienfeiern, ihren Abendessen, ihren Unternehmungen teilnehmen zu können. Ich erlebte, wie egal es ihm war, dass er nur einen Bruchteil dessen verdiente, was die in den Fall eingebundenen Anwälte aus New York und Los Angeles bezahlt bekamen. Er war ein glücklicher Mensch.

»So wie er möchte ich auch einmal werden«, dachte ich mir. Mein Versuch, das Leben eines anderen zu kopieren, ist nicht durchgängig gelungen, aber was ich von Dick gelernt habe, war unbezahlbar: was es bedeutet, aufrecht durchs Leben zu gehen. »Ich bin so froh, dass ich in eine große Anwaltskanzlei eingetreten bin«, ist ein Satz, den man nicht oft zu hören bekommt, aber in meinem Fall trifft er zu.

 

Als Staatsanwalt ist man ein Beamter fern von der Politik, der in seinem Gerichtsbezirk die Vereinigten Staaten in strafrechtlichen oder zivilrechtlichen Verfahren vertritt. Ich landete in der Strafkammer. Meine Aufgabe bestand darin, Vollzugsbeamte des Bundes – vom FBI, von der Drogenvollzugsbehörde DEA (Drug Enforcement Administration), vom Amt für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoffe ATF (Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives), vom Secret Service oder von der US-Postbehörde – bei der Aufklärung von unter Bundesrecht fallenden Verbrechen zu unterstützen und gegebenenfalls Anklage zu erheben und die Fälle vor Gericht zu bringen. In den folgenden sechs Jahren bearbeitete ich als Ermittler und Anklagevertreter Fälle aller Art, von Postdiebstählen über Drogenhandel und Banküberfälle bis hin zu verwickelten Fällen von Betrug, Waffenexport, Schutzgelderpressung und Mord. In meinem ersten Verfahren ging es um die versuchte Ermordung von Bundesbeamten des ATF durch Mitglieder einer Drogenbande während der Vollstreckung eines Durchsuchungsbefehls. Die Dealer hatten die Beamten von einer Feuertreppe aus unter Beschuss genommen, als diese versuchten, in eine Drogenfestung einzudringen.

Im Zuge eines Versuchs, eine wankelmütige Zeugin zur Aussage gegen die Drogenbande zu bewegen, fuhr der ermittelnde Beamte mit mir zu einem Apartmentgebäude im nördlichen Manhattan – einem von Drogenbanden beherrschten Terrain. Wenn die Zeugin, so meinte er, Vertrauen zu dem Staatsanwalt fasste, der sie vor Gericht befragen würde, könnte dies sie zu einer Aussage bewegen. Wir erklommen im Treppenhaus die sechs Stockwerke zur Wohnung der Frau, und der Ermittlungsbeamte klopfte an die Tür. Sie öffnete und ließ uns in ihre kleine Wohnung ein. Sie führte uns durch das vordere Zimmer, in dem ein Mann im Alter zwischen zwanzig und dreißig mit dem Rücken zur Wand auf einem Hocker saß. Er rührte sich nicht und sagte kein Wort, starrte uns aber durchdringend an. In einem hinten gelegenen Zimmer führten wir ein ruhiges und ungestörtes Gespräch mit der Frau. Ich versuchte alles, um sie zu überzeugen, doch sie ließ sich nicht zur Zusammenarbeit bewegen. Als wir die Wohnung verließen, saß der Mann noch immer bewegungslos auf dem Hocker und starrte uns an. Als der Beamte und ich das Gebäude verließen und über den Gehweg zu seinem Wagen gingen, äußerte ich die Vermutung, der junge Mann auf dem Hocker, der auf mich ziemlich bedrohlich gewirkt hatte, habe vermutlich eine Waffe im Hosenbund stecken gehabt.

»Gut, dass der Kerl wusste, dass wir bewaffnet waren, sonst hätte er vielleicht etwas angestellt«, sagte ich. Staatsanwälte trugen keine Feuerwaffen. Das war Sache der Ermittlungsbeamten.

Der Beamte drehte sich ruckartig zu mir um. »Sie hatten eine Pistole dabei? Ich habe meine nämlich unter dem Fahrersitz vergessen.« Er langte ins Auto und holte seine Waffe hervor.

Meiner Frau erzählte ich erst viel später von dieser kleinen Exkursion.

 

Die Arbeit in der Behörde von Rudy Giuliani stand im Zeichen einer ungeschriebenen Grundregel, wie es sie vermutlich in den meisten Organisationen gibt. In diesem Fall besagte die Regel, dass Rudy der Star an der Spitze des Apparats war und die Erfolge der Behörde grundsätzlich ihm ans Revers geheftet wurden. Wer gegen diese Regel verstieß, tat es auf eigene Gefahr. Giuliani war ein Mann mit übergroßem Selbstbewusstsein, und ich als junger Strafverfolger fand sein großspuriges Auftreten aufregend – nicht zuletzt deswegen hatte ich mich von seiner Behörde angezogen gefühlt. Ich fand es toll, dass mein oberster Chef auf den Titelseiten von Zeitschriften zu sehen war, wie er mit in die Hüfte gestemmten Armen auf der Freitreppe des Gerichtsgebäudes stand, als wäre er der Herrscher der Welt. Das stachelte mich an.

Als einfacher Strafverfolger begegnete man dem Boss fast nie persönlich; umso größer war mein Herzklopfen, als er, nicht lange nachdem ich mein Amt angetreten hatte, in mein Büro hereinschaute. Kurz zuvor hatte man mich mit Ermittlungen betraut, die eine bekannte New Yorker Persönlichkeit betrafen, die sich in der Öffentlichkeit gerne in Hochglanz-Jogginganzügen zeigte und eine Medaille in Nobelpreisgröße um den Hals trug. Der Staat New York ermittelte gegen Al Sharpton wegen der mutmaßlichen Veruntreuung von Geldern aus den Kassen seines Wohltätigkeitsvereins, und mein Auftrag lautete, zu überprüfen, ob der Fall Bundesrecht berührte. Ich hatte Rudy Giuliani nie auch nur auf meinem Stockwerk zu Gesicht bekommen, und jetzt stand er in der Tür meines Büros. Er wollte mich wissen lassen, dass er persönlichen Anteil an dem Ermittlungsverfahren nahm und sicher war, dass ich das gut machen würde. Mir schlug das Herz vor Aufregung und Euphorie, als er mich von der Tür aus so anfeuerte. Er gab mir zu verstehen, dass er auf mich zählte. Schon halb im Gehen, wandte er sich noch einmal um. »Ach ja, und ich will die verdammte Medaille«, sagte er und zog von dannen. Es kam freilich nie zu bundesrechtlichen Ermittlungen gegen Sharpton; die Behörden des Staates New York erhoben Anklage gegen ihn, doch der Prozess endete mit einem Freispruch. Die Medaille blieb bei ihrem Träger.

Ich brauchte eine Weile, um mir darüber klar zu werden, dass nicht die geringste Spur von Bescheidenheit Giulianis Selbstbewusstsein trübte, sodass seinen Mitarbeitern wenig Luft zum Atmen blieb. Früh bekam ich einen Eindruck davon, als ich zum ersten Mal an einer Pressekonferenz teilnahm. Ich hatte in Zusammenarbeit mit dem FBI gegen eine Diebesbande ermittelt, die aus Parkhäusern in Manhattan SUVs entwendete und in der Bronx in Schiffscontainer verlud. Die Container wurden dann auf Frachtschiffe geladen, die Zielhäfen in Afrika oder in der Karibik ansteuerten; dort wurden die Autos verkauft. Die FBI-Ermittler unter Führung von Mary Ellen Beekman, die eine katholische Nonne gewesen war, bevor sie sich als Sonderermittlerin dem FBI angeschlossen hatte, waren über das Vorgehen der Täter im Bilde und fotografierten heimlich das Verladen der Fahrzeuge. Mary Ellen hatte sich auf Autodiebstähle spezialisiert – und insbesondere darauf, hartgesottene Kriminelle durch Überzeugungsarbeit zu Polizeispitzeln umzudrehen. Sie war keine Anhängerin der Gossensprache, die in der Welt der Kriminellen und der Strafverfolger gang und gäbe ist, und leistete bei Verhören dennoch Außerordentliches. Aus ihrer vorherigen Stelle hatte sie die Fähigkeit mitgebracht, Schuldgefühle als wirksame Waffe einzusetzen, mit der sie Verbrecher weich bekam. In dem betreffenden Fall hatte die Diebesbande ihre Masche so weit perfektioniert, dass die Autos schon auf dem Weg in internationale Gewässer waren, bevor sie überhaupt als gestohlen gemeldet wurden. Es war ein Fall mit hohem PR-Potenzial, und so beschlossen das FBI und Giuliani, eine Pressekonferenz dazu abzuhalten.

Mein Vorgesetzter erklärte mir, ich solle mich hinter dem Rednerpodest aufstellen, während Giuliani, der Vertreter des New York Police Department (NYPD) und der Chef des New Yorker FBI-Büros die Fragen der Journalisten beantworteten. Unter keinen Umständen sollte ich etwas sagen oder mich rühren. Er zitierte dann einen Ausspruch, den ich schon früher gehört hatte: »Der gefährlichste Ort in New York ist zwischen Rudy und einem Mikrofon.« Ich stand wie angewurzelt im Hintergrund und kam mir vor wie ein Statist aus einem Basketball-Spielfilm, der sich an den falschen Drehort verirrt hat.

Die Selbstsicherheit Giulianis hatte etwas Mitreißendes, trug aber auch zur Herausbildung eines autokratischen Stils bei, mit der Folge, dass der Kreis der Leute, auf die er hörte, immer kleiner wurde – ein gefährlicher Effekt, wie ich erst viel später erkannte: Eine Führungskraft braucht Leute, die ihr die Wahrheit sagen, doch ein Autokrat bekommt sie von seinen Untergebenen nicht immer zu hören. Das Auftreten Rudys hinterließ eine Spur der Verbitterung bei Dutzenden von Bundesrichtern in Manhattan, von denen viele auf ihrem Weg zum Richteramt seine Behörde durchlaufen hatten. Für sie sah es so aus, dass Giuliani sein Amt als eine Solopartie verstand und die öffentliche Aufmerksamkeit, die seinen Ermittlungsverfahren zuteilwurde, als Treibstoff für seine politischen Ambitionen nutzte, statt damit eine Lanze für die Durchsetzung des Rechts zu brechen. Den bitteren Nachgeschmack konnte ich noch spüren, als ich ein Dutzend Jahre später zum Chef des Gerichtsbezirks New York Süd berufen wurde – und damit auf Rudy Giulianis Stuhl Platz nahm.

Zu den Prioritäten, die Giuliani gesetzt hatte, gehörte der Kampf gegen das organisierte Verbrechen, der freilich auch schon vor Rudys Amtsübernahme weit oben auf der Agenda gestanden hatte. Seine Strafverfolger leiteten Ermittlungen gegen einzelne Mafiabosse wie Salerno ein und erhoben auch Anklage gegen die Oberhäupter der fünf Cosa-Nostra-Clans, die in der »Kommission« saßen, dem Mafia-Gremium, das über die Aufteilung der erbeuteten Gelder zwischen den Clans befand und Streitigkeiten schlichtete. Fast noch wichtiger waren die von Rudys Behörde eingeleiteten zivilrechtlichen Verfahren, die es dem Staat erlaubten, große Gewerkschaften wie die der Fernfahrer, der Elektriker, der Zimmerleute und der Hafenarbeiter an die Kandare zu nehmen und so die Mafia von einigen ihrer ergiebigsten Geldquellen und Machtmitteln abzuschneiden. (Die Mafia hatte sich bis dahin der Gewerkschaften bedient, um rechtschaffenen Gewerbetreibenden Geld abzupressen.) Dieses erfolgreiche Bemühen, die Cosa Nostra zu zerschlagen, blieb noch lange eine Priorität der Behörde, auch nachdem Rudy sein Amt als US-Bundesanwalt niedergelegt hatte, um ein politisches Amt anzustreben.

Der mächtigste der fünf New Yorker Mafiaclans war die Gambino-Sippe. Wie die anderen, war auch sie von Einwanderern aus Sizilien gegründet worden, die sich Reichtum und Macht verschafft hatten, indem sie zuerst ihre eigenen in die USA eingewanderten Landsleute terrorisierten und in der Folge ganze Stadtviertel und Städte. Einen frühen Versuch, gegen die Mafia vorzugehen, hatte die US-Regierung 1946 mit der Deportierung des berüchtigten Bosses Charles »Lucky« Luciano unternommen. Er war nach Sizilien abgeschoben worden, mit dem Ergebnis, dass er prompt die dortige Mafia aufpäppelte und transatlantische Verbindungen zwischen kriminellen Vereinigungen schmiedete, die das Aufblühen eines jahrzehntelang florierenden Heroinhandels beförderten. Eine Zentralfigur dieses Drogenhandels war in den 1970er- und 1980er-Jahren ein Mann namens John Gambino, der fließend Sizilianisch sprach und als wichtigstes Bindeglied zwischen den sizilianischen Mafiasippen und dem US-amerikanischen Gambino-Clan fungierte, zu deren ranghöchsten Vertretern er gehörte.

Ich hatte das Glück, als einer von zwei Anklagevertretern beim Verfahren Vereinigte Staaten ./. John Gambino in die Prozesse gegen den Mann und seinen Clan eingebunden zu sein. Eingeleitet hatten das Verfahren zwei andere Staatsanwälte, die dann aber aus persönlichen Gründen davon zurücktreten mussten. Ich war zu diesem Zeitpunkt in der Behörde in den Rang eines Abteilungsleiters aufgestiegen und stellte für die Arbeit an diesem Fall Patrick Fitzgerald ein, mit dem ich seit unserer gemeinsamen Studienzeit eng befreundet war. Als Sohn irischer Einwanderer in einer kleinen Mietwohnung in Brooklyn aufgewachsen, hatte er in Harvard Jura studiert. Sein Vater arbeitete als Pförtner, und Pat hatte ihn in den Semesterferien manchmal vertreten. Pat war schlagfertig und absolut geradlinig, weshalb er auch kein Problem damit hatte, unangekündigt in der Strandhütte in New Jersey aufzutauchen, die ich zusammen mit Kommilitonen in den Sommerferien gemietet hatte, sich zwischen uns auf die Couch zu zwängen und unser Bier zu trinken.

Fitzgerald trat 1988, ein Jahr nach mir, ins Bezirksgericht ein, und ich erhielt den Auftrag, ihn bei seinem ersten Strafprozess zu betreuen. Er hatte den Ruf weg, ein Chaot mit einem geradezu unheimlichen Gedächtnis zu sein. Für den Transport der Prozessakten in den Gerichtssaal und zurück benutzte er einen umgebauten Supermarkt-Einkaufswagen. Als ich darin einmal einen unordentlich aufgeschichteten Stapel wichtiger Verfahrensdokumente erblickte, ermahnte ich Pat, diese Papiere in Ordnern abzuheften. Er nickte. Als ich ihn wiedersah, stellte ich fest, dass er jedes der Dokumente in einen unbeschrifteten Schnellhefter abgelegt und die Schnellhefter wieder zu einem Stapel aufgeschichtet hatte. Irgendwie wusste er aber, wo sich jedes einzelne Dokument befand.

Als das Gambino-Verfahren auf uns zukam, waren wir beide bereits erfahrene Strafverfolger und unterhielten uns telefonisch über denkbare Partner für ihn, denn der Fall Gambino erforderte zwei Anklagevertreter. Ich kam nicht infrage, weil ich vorhatte, mitsamt meiner Familie von New York wegzuziehen. Meine Frau Patrice hatte sich schon immer den Maisfeldern ihres Heimatstaates Iowa und den üppig grünen Vorstädten im Norden Virginias verbundener gefühlt als der Großstadt New York, wo sie es nun seit Jahren tapfer aushielt. Am Anfang unserer Ehe hatten wir vereinbart, dass unsere Kinder in Virginia aufwachsen sollten, eine Abmachung, von der ich abgerückt war, als sich mir die Chance eröffnet hatte, für Rudy Giuliani zu arbeiten. So hatten Patrice und ich uns in New Jersey, an der Peripherie New Yorks, eingerichtet und sechs Jahre dort verbracht, zuerst in einem Schuhkarton über einem Fahrradladen, dann zur Miete in einem bescheidenen Zweifamilienhaus. Jetzt, da unsere beiden Töchter heranwuchsen, wurde es uns in der Doppelhaushälfte zu eng.

Während ich in der Küche stand und mit Fitzgerald telefonierte, hörte Patrice zu. Plötzlich bedeutete sie mir, ich solle auflegen, sie müsse mit mir reden. Ich sagte Pat, ich würde ihn gleich zurückrufen.

»Das klingt nach einem Fall, wie man ihn nur einmal im Leben bekommt«, sagte sie.

»Stimmt«, antwortete ich.

»Dafür werde ich hierbleiben. Dafür, dass du diesen Fall mit einem deiner besten Freunde durchziehst. Ruf ihn zurück und sag ihm, dass du einen Partner für ihn gefunden hast.« Wir verschoben unseren Umzug um ein Jahr.

 

Pat und ich verbrachten Monate damit, uns in den Fall und in die Strukturen der Mafia einzuarbeiten. Zuerst sprachen wir mit dem Mann, der in den Vereinigten Staaten die Cosa Nostra besser kannte als jeder andere. Glücklicherweise befand sich sein Büro auf demselben Stockwerk wie unseres, nur ein Stück den Flur entlang. Kenneth McCabe hatte als Ermittler beim NYPD angefangen und war in der Anfangsphase des Feldzugs gegen die Mafia in das Bezirksgericht New York Süd eingetreten. Ein sanfter Riese von einem Mann – über einen Meter neunzig groß und über 110 Kilo schwer, mit einer tiefen Stimme und ausgeprägtem New Yorker Akzent –, kannte Kenny jedes Mitglied der örtlichen Mafia mit Namen und Spitznamen wie auch von Angesicht. Er verdankte sein gesammeltes Wissen der Tatsache, dass er in seinen mehr als zwanzig Jahren beim NYPD und danach beim Bezirksgericht unzählige Hochzeiten, Trauerwachen und Bestattungen beschattet und Hunderte von Verhören mit Mafiamitgliedern und Mafiaaussteigern geführt hatte.

Aus Gründen, die mir immer etwas unklar geblieben sind, hatten die Mafia-Ermittlungsgruppen des New Yorker FBI jahrelang gezögert, Begräbnisse und Hochzeiten im Mafiamilieu zu überwachen. Meine Vermutung ist die, dass die Beamten einfach keine Lust hatten aus ihrer Vorstadt-Idylle anzureisen, für das Auskundschaften von Ereignissen, die fast immer an Wochenenden oder am Abend stattfanden und von magerem Erkenntniswert waren. McCabe sah das anders – seiner Überzeugung nach konnte man gerade bei diesen Gelegenheiten durch bloßes Beobachten am meisten über die Mafia lernen. In diesem Sinn beobachtete und fotografierte er über Jahre hinweg, bei jedem Wetter, abends und an Wochenenden.

Die Mafiosi kannten ihrerseits Kenny McCabe und respektierten ihn auf eigenartige Weise als achtbaren Gegenspieler. Kenny kannte die Mafiamentalität und wusste, wie wichtig es ihren Mitgliedern war, als Ehrenmänner wahrgenommen zu werden. Er brachte ihnen etwas entgegen, das sie als Respekt auffassten, etwa indem er ihnen Vorladungen nie nach Hause schickte und sie nie mit einer Festnahme vor den Augen ihrer Frauen oder Kinder demütigte. Das führte dazu, dass Mafiosi, die mit dem Gedanken an einen Frontenwechsel spielten, sich oft zuerst an McCabe wandten.

Kenny McCabe brachte uns das Einmaleins der Cosa Nostra bei und nahm uns und die mit dem jeweiligen Fall befassten FBI-Agenten oft mit, wenn er Überläufer aus der Mafia, deren Aussagen die Eckpfeiler unseres Verfahrens waren, in ihrem sicheren Unterschlupf irgendwo in den USA aufsuchte. Einer dieser Überläufer war Salvatore »Sammy the Bull« Gravano, ehemals der zweithöchste Boss des Gambino-Clans.

Ich begegnete Gravano das erste Mal, als Pat, Kenny und ich 1992 ein Sondergefängnis für Kronzeugen in einem entlegenen Winkel der Vereinigten Staaten besuchten. Ich erinnere mich an die leichte Nervosität, die mich beschlich, als wir darauf warteten, dass der frühere Unterboss der Gambinos durch die Tür kam. Wie würde es laufen? Wie würde er auf diese beiden ihm fremden Anklagevertreter reagieren? Wie würde es sich anfühlen, einem Menschen gegenüberzusitzen, der nach eigener Aussage neunzehn Morde begangen hatte?

Der unscheinbare Gravano betrat das Zimmer in Häftlingskleidung und in gummibesohlten Schuhen ohne Schnürsenkel. Seine flinken Augen tasteten den Raum ab und kamen auf dem Koloss McCabe zur Ruhe. Einer Vorstellung bedurfte es nicht. »Es ist mir eine Ehre«, sagte er zu Kenny und streckte ihm die Hand entgegen. Dann wandte er sich um und sprach mich und Fitzgerald an. Wen McCabe mitbrachte, der war in Ordnung.

Gravano war ein entscheidend wichtiger Zeuge. Die US-Justiz bediente sich hier eines Mannes, der sich mit Lug und Trug in der Mafia ganz nach oben gearbeitet hatte, und zwang ihn, vor Gericht die Wahrheit über die Cosa Nostra zu sagen und sie damit auf beiden Seiten des Atlantiks zu vernichten. Sein auf Lüge und Mord aufgebautes Leben war zu einer tragenden Säule für die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit geworden. Nachdem er seine Schuldigkeit als Kronzeuge getan hatte, wurde er in ein neues Leben unter dem Zeugenschutzprogramm entlassen. (Am Ende landete er, vielleicht nicht allzu überraschend, wegen neuer Verbrechen, die er unter seiner neuen Identität begangen hatte, wieder im Gefängnis.)

Von Gravano lernte ich viel über die Kultur der Mafia und über Weisheiten wie die schon zitierte, derzufolge »das Leben mit einer Lüge beginnt«. Auch der sizilianische Auftragskiller der Mafia, Francesco Marino Mannoia, war ein guter Lehrmeister.

Wie Gravano wurde auch Franco Mannoia nicht schlau aus dem US-amerikanischen Justizwesen. So wunderte er sich zum Beispiel darüber, dass Fitzgerald und ich, bevor wir ihn vor einem US-Gericht als Zeugen präsentieren würden, unbedingt lückenlos über alle Gewaltverbrechen Bescheid wissen wollten, an denen er beteiligt gewesen war. Nach amerikanischem Recht war es unabdingbar, dass wir alle Informationen offenlegten, die die Glaubwürdigkeit unseres Zeugen infrage stellen könnten. Auch wenn Mannoia das nicht wirklich einsah, verpflichtete ihn sein Immunitätsabkommen mit der italienischen Regierung auch zur Zusammenarbeit mit der amerikanischen Justiz, und so schilderte er uns in allen Einzelheiten die fünfundzwanzig Morde, an denen er persönlich mitgewirkt hatte.

Bei vielen der in den 1980er-Jahren in Sizilien begangenen Mafiamorde war der zur Hinrichtung bestimmte Made Man