Gründe und Abgründe des Lebens - Helmut Lauschke - E-Book

Gründe und Abgründe des Lebens E-Book

Helmut Lauschke

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Beschreibung

Der Existentialismus der Tage ist ein schmerzhaft einschnürendes Ding, wenn die Dialektik die Schleifen enger um die dünnen Hälse schlingt und den arglosen Betrachter ins verrenkt-verengte Denken zwingt. Wieviel größer ist die alte Freiheit, in der Platon das Höhlengleichnis bringt, aus dem der feste Verbund aus Ethik und Ästhetik jener Zeiten noch herüberklingt. Aus den Zeiten und ihren Böden sprossen die Talente zwischen all dem Schlingenkraut und Ungeziefer. Bricht die junge Blume dann im Sturm, liegen die Fragmente gebrochen wie im tiefen Frost der Ast der alten Kiefer. Wenn weggebrochene Äste Wald und Weg verwildern, wo dazwischen das Unverbrauchte mit den neuen Bildern zur großen Hoffnung auserkoren, aber sinn- und ziellos liegt, dann ist's der Abbruch, mit dem der Schöpfungskreis verlorengeht. Es ist das ständige Zaudern im Leben mit dem Zetern vorm Tod, vom Sauerstoff getragen, was einsetzt mit dem ersten Atemzug, wenn von Schwelle zu Schwelle sich streckt die frühe Not, fesselnd auf Atmung und Kreislauf drückt, als wär's ein Trug durch die Vergänglichkeit, dass sich die Mühe nicht lohnt, was im Brüllen reißender Stürme durch die Gassen hohnt, dass es nutzlos ist, das Gute zu tun und das Böse zu lassen, solange es den Tötungswahn der Kriege gibt mit dem Hassen. Wenn Menschheit die Worte 'Recht und Freiheit' im hohen Pathos spricht, während der Schmerz quälender Einsamkeiten im Menschen tief sitzt, dann spricht sie das Wort wie andere Worte an der Sache vorbei, denn verkehrte Menschheitsreden gab's und gibt es zuhauf und vielerlei. So gilt's, die stummen Spuren zu verfolgen, wenn Füße ihre Fersendrücke setzen, was flutende Wasser verwaschen und Winde in den sandigen Weiten verwehen. Ganze Leben zerbrechen und zerreißen samt Kleidern zu kümmerlichen Fetzen, wenn sie dem letzten Wahnsinnstritt folgen, das dann fersenverdreht. Befreit von Eitelkeit, von Schmutz und Schwäche steht der gerade Mensch recht ordentlich da.

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Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Helmut Lauschke

Gründe und Abgründe des Lebens

Botschafter zwischen den Säulen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Gründe und Abgründe des Lebens

Prolog

Rückkehr aus dem Traum

Tüftelhaus

Morgendämmerung

Im großen Saal

Menschen füllen den Marktplatz

Vor dem großen Tisch

In enger Gasse

Auf dem Weg zum Saal

Im Saal

Arbeitszimmer

Leibesvisitation

Anatomisches Institut

Café vor der Philharmonie

Das Konzert

Auf einer Bank vor der Philharmonie

Vierhändiger Klavierabend mit den Schülern im Zehlendorfer Gymnasium

‘Ludwig van Beethoven, der zweite’

Das Verhör

Der Urteilsspruch

Von der gefesselten Freiheit

An der Würstchenbude

Fabian betrachtet mit einem Spätheimkehrer vom Mansardenfenster aus den Nachthimmel

Fabian allein im Mansardenzimmer

Zwiegespräch mit dem Zeitgeist

Epilog

Impressum neobooks

Gründe und Abgründe des Lebens

Prolog

Tempelherr: Der Aberglaub’, in dem wir aufgewachsen, verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum doch seine Macht nicht über uns. – Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten. [IV/4]

Saladin: Wenn alles sich verhält, wie du mir sagest: Kann ich mich selber kaum in Nathan finden. – Indes, er ist mein Freund, und meiner Freunde muss keiner mit dem andern hadern. – Lass dich weisen! Geh behutsam! Gib ihn nicht sofort den Schwärmern deines Pöbels preis! Verschweig, was deine Geistlichkeit, an ihm zu rächen, mir so nahe legen würde! Sei keinem Juden, keinem Muselmanne zum Trotz ein Christ! [IV/4]

Recha: Aber macht denn nur das Blut den Vater?, nur das Blut? [V/7]

Saladin: Das Blut allein macht lange noch den Vater nicht! [V/7]

Nathan (zu Recha): Was fehlt dir? – bist doch meine Tochter noch? … Wenn deinem Herzen sonst nur kein Verlust nicht droht! – Dein Vater ist dir unverloren! [V/8]

Gotthold Ephraim Lessing: >Nathan der Weise< (1779), Universal-Bibliothek Nr. 3, Reclam, Ditzingen 1986

South Africa / Südafrika:

“But the general fight against racial oppression immediately raises the important question of the kind of social order that will be introduced after victory. This is not an insurmountable obstacle. A careful study of the programmes of the various organisations discloses no basic differences, and in some cases there are even remarkable similarities, … . What people usually lose sight of is that the finer details of our future social order will not depend merely on abstract theorising but will be the product of empirical conditions at the moment of victory.”

Aber der allgemeine Kampf gegen die rassische Unterdrückung bringt sofort die grundsätzliche Frage nach der sozialen Ordnung auf, die nach dem Sieg einzuführen ist. Dies ist kein unüberwindliches Hindernis. Ein sorgfältiges Studium der Programme verschiedener Organisationen brachte keine grundlegenden Differenzen und in einigen Fällen sogar beachtliche Ähnlichkeiten, … . Es sind die feineren Details unserer zukünftigen Sozialordnung, wo Menschen gewöhnlich die Sicht verlieren. Diese Ordnung wird nicht nur vom abstrakten Theoretisieren abhängen, sondern wird das Produkt der empirischen Bedingungen im Augenblick des Sieges sein.

Nelson Mandela in: Mac Maharaj: >Reflections in Prison<, Zebra and the Robben Island Museum 2001

“If you walk around the university, you see African students are by and large together, white students are by and large together, Indian students are by and large together. In classrooms you see the same thing. We have a non-racial society that has not yet come together. Or you can say, we have now truly legitimised apartheid. We live in different orbits all the time, sometimes quite comfortably, but at other times we collide. We are still suspicious of each other. We still view the world in our racialised terms.”

Wenn du um die Universität herum gehst, dann siehst du afrikanische Studenten unter sich, weiße Studenten unter sich und indische Studenten unter sich. Dasselbe siehst du in den Klassenräumen. Wir haben eine nichtrassische Gesellschaft, wo die Menschen noch nicht zusammengekommen sind. Oder du kannst sagen, wir haben jetzt eine wirklich legitimierte Apartheid. Wir leben auf unterschiedlichen Umlaufbahnen die ganze Zeit. Das ist zuweilen ganz bequem, zu anderen Zeiten aber kollidieren wir. Wir misstrauen noch jedem anderen und sehen die Welt noch in unseren rassistischen Begriffen.

Malegapuru Makgoba, Vice Chancellor of the University of KwaZulu-Natal in Durban 2007

“When Nelson Mandela and the African National Congress declared victory over the bitter injustice of apartheid, some thought South Africa’s future was assured. But despite Mandela’s mission of reconciliation, rampant inequality remains: race relations are uneasy, violence is endemic and many in the ANC appear to have lost sight of the liberation ideals. With the election in 2009 of Jacob Zuma, a charismatic populist embroiled in scandal, uncertainty over the trajectory of the nation has only intensified.”

Als Nelson Mandela und der ‘African National Congress’ den Sieg über das bittere Unrecht der Apartheid verkündeten, dachten einige, dass die Zukunft Südafrikas gesichert sei. Aber trotz Mandela’s Mission der Versöhnung sind zügellose Ungleichheiten geblieben: die Beziehungen unter den Rassen sind unruhig, die Gewalttätigkeiten sind endemisch, viele im ANC haben den Blick auf die Befreiungsideale verloren. Mit der Wahl 2009 von Jacob Zuma, einem charismatischen, in Skandalen verwickelten Volksvertreter, hat die Unsicherheit bezüglich Flugbahn und Fallkurve der Nation an Intensität weiter zugenommen.

Alec Russell: >After Mandela – The Battle for the Soul of South Africa<, Windmill Books 2010

In Afrika erfreuen sich die Menschen am Erdgeruch nach dem Regen. Der Regen erfüllt sie mit Dankbarkeit und neuer Hoffnung zur Güte und zum Leben.

Rückkehr aus dem Traum

Ein Spätheimkehrer[berichtet aus dem Leben].Es war doch eine schwere Fahrt, ganz anders als ich mir vorgestellt habe nach der altbekannten Art. Heftig wurde ich geprellt, dass kritisch war die Lage. Ein Weg war kaum zu finden, überall wurde rumgestochen, es war ein Kampf der Diadochen.

Ich fragte einen, was das soll, der lachte voll mir ins Gesicht. Er sagte, ohne Kampf ist hier nichts zu holen, man würde mich kräftig versohlen. Auch war er einer von den Totenköpfen, stramm in eine Uniform gesteckt. Was soll ich mit den leeren Töpfen?, und hielt ihm den Zeigefinger ausgestreckt.

Es ging durch Wälder und durch Auen, überall saßen die verdammten Schlauen. Sie saßen an den besten Stellen, um zu rauben. Gespreizt standen sie um ihre Fahne. Ein Vorbeikommen gab es nicht, ohne für die Weiterfahrt zu zahlen. Vielen wurde das Leben genommen, weil sie nicht zahlen konnten, bekamen sie die Qualen.

Eine Hügellandschaft tat sich auf nicht weit von der Stadt entfernt. Über kilometerlange Strecken lagen sie und türmten Schädel und Beine. Einige standen wie am Stecken erstarrt, ihre Gesichter waren fahl and matt. Es wurde geraubt, geschossen und gestochen. Schon von weither wurde der Tod gerochen.

Der Anblick nahm selbst den Engeln ihre Stärke, so unfassbar waren des Menschen Werke, dass auch sie in Ohnmacht fielen und ihnen das Engelsein verging.

An breiten Ufern schäumten die Meere, auf den Seiten drängten sich die Heere. Mächtig drückte es von hinten nach vorn, dazu setzte der Stiefelmann den Sporn. Es wurde gestoßen auf Teufel komm raus, ganze Ladungen kippten aus dem Haus. Weggespült wurde in grimmigen Fluten, dass es die Wasser kaum schafften.

Es schlugen die Ruten, und von den Ufern kam das Gaffen. Fragen kamen nach stärkeren Waffen, die Atmung der Massen zu erschlaffen. So kam das Gas, so kam das Feuer zu Preisen ganz ohne Steuer.

Gemeine Schieber genossen den Schmaus, von den Genossen machte sich keiner was draus.

Wer das Nachsehen und den Schaden hatte, der brauchte für den Spott nicht zu sorgen. So lebe die Kultur, so lebe der Morgen!

Dann kam der andere, der neue Morgen, mit ihm kamen gleich die neuen Sorgen. Die Frage knallte hart gegen die Wände: Wer wollte einem das Vertrauen noch borgen? Der Gerichtshof hatte noch einmal gewütet, fürchterlich wurden die Urteile vollstreckt. Als es schließlich nichts mehr zu vollstrecken gab,

kam die Ruhe ins Land der Ruinen.

Plötzlich war das Blut- und Kreuzspiel aus, Füße schritten durchs Scherbenmeer, dass man sich besser nicht sehen ließ und blieb im Haus. Den Vorhang ließ man zugezogen und wackelte an ihm gar nicht herum. Versteckt musste werden, was geschehen war, so betete man die Heiligen alphabetisch ab.

Es wurde gesucht und nichts gefunden. Wo waren die Täter mit den Masken? Sie waren über Nacht vom Erdboden verschwunden, und keiner hatte es bedacht.

Man griff auf alte Rezepte zurück und verbrannte Menschen in vollgestopften Scheunen. Schnell wurde die Angst vor dem Kragengriff der Meister. Da boten sich gleich genügend Denunzianten an, dass das Angebot die Nachfrage überstieg und die Verwunderung nicht minder.

Die Sache kam ins Rollen und brachte manchem noch den Tod. Unschuldige gerieten wieder als erste in Not. Hetzjagden liefen auf hohen Touren, dass Frauen ihre Männer versteckten hinter den Fluren. Doch Hinweise auf Versteckte gingen ein. Viele waren dabei gewesen, standen stramm und mäulig am Tresen und klopften spinnköpfige Sprüche. Da kamen Männer mit Bärten zum Vorschein, die durchs System rasiert marschierten. Andere mit Stoppelbart und Glatze, die hatten schon damals ‘ne fiese Fratze.

Man war nicht zimperlich und spannte manche auf die Folter. Dabei gerieten vor allem jene in Not, die es nicht waren. Sie fanden schuldlos den Tod. So wurde gedrosselt und geschlagen, ohne groß zu fragen, ob es wahr war oder nicht, nur weil Menschen ins unschuldige Stottern kamen.

Angst und Not durch Drosselung und Prügel nahmen kein Ende. Vergebens hofften viele auf die lang ersehnte Wende. Bald schlugen ihnen Andersblicke ins Gesicht, und Andersschläge gab es vor Gericht. Wie es auch war, es gab den roten Zunder nach all den Terrorjahren, wen sollte es da noch wundern. Das Karussell drehte sich nach links und mal nach rechts, doch immer mit brüllendem Bumbum. Fasane und Kommissare glichen einander, sie hatten beide blutrot geschwollene Kämme. Es fließen Systeme und stürzen an ihren Dämmen, aber an den Kamm der Verantwortung ließ sich keiner fassen.

Da lernt man doch das Fluchen, das Fürchten und das Hassen.

Tüftelhaus

Professor. Da sitz ich hier mit all dem Krempel und weiß nicht ein und weiß nicht aus. Es ist ein verstaubt verdammter Wissenstempel, ich nenne ihn mein Tüftelhaus mit dem Tisch und seinem ausgesessenen Stuhl. Mit den Stiften zieh ich Linien, lese, unterstreiche, greif heraus die und jene Schriften, auf dass ich das Ergebnis noch erreiche. Ich türme Blätter, Zettel, teils beschriftet immer höher, ziehe das und jenes Blatt heraus. Alles hängt wie angegiftet mir längst aus dem Hals heraus.

Der Appetit ist längst vergangen vom vielen Lesen und dem Schreiben. Es ergraut und trocknet das Verlangen bei der Frage, was wird da noch bleiben.

Es ist ein Wust von Zahlen, Zeilen, was da rumwirrt und mir den Fensterblick verwehrt. Wen kann ich fragen, länger zu verweilen in diesem Tempel, den ich einst hab so verehrt? Das Grau der Wände dunkelt grauer, der Stuck der Decke fällt mir auf den Kopf. Muff und Bücher stapeln sich zur Mauer mit dem kalten Kaffee im verbeulten Topf. Es ist Winter, im Ofen glüht die letzte Kohle nieder, zur neuen Kohle fehlt das Geld. So wiederholt’s sich jährlich wieder, als sei mit der Kälte das Trostlose herbestellt, die beide pünktlich auf der Stelle sind, sich einnisten und auf Dauer bleiben. Wie soll ich lehren dem gehorsamen Kind, Zahlen und Zeilen ordentlich zu schreiben?

In die höhere Mathematik will ich nicht gehn, dafür pfeift der Wind zu laut durch Tür- und Fensterritzen,

dass sich Staub und Blätter auf dem Tisch verwehn, während draußen dunkle Wetter blitzen, die der Gemütlichkeit nicht dienen, die zum differentialen Denken da sein soll. Da hilft auch nicht der Fleiß der Bienen, wenn es bricht und donnert, und der Tisch ist voll. Was tun? Die große ungeheuerliche Frage,

sie stellt sich lange mir an jedem Tag.

Die Antwort, die ich in und mit mir trage, die sich in mir bäumt und krümmt, o Klage, die mir eine fremde, feste Stimme gab, sie sagt: Forsche, lehre oder schaufle dir das Grab, wozu sonst hast du gedacht, gelesen und gelernt, das Ziel, das große, ist nicht weit entfernt. So frag ich euch, ihr lieben Leute, ihr seid und lebt im selben Tag von heute, was ist mit dem Plunder solch ein Forscherleben im Dämmerschein die Jahre durch zu streben, dem einen und andern ein Stück Wissen zu geben, gegen dürftige Bezahlung sie in den Geist zu heben, von dem ich nicht mal weiß, ob er der rechte ist, ob nicht vor dem Denkziel die Säule doch in Stücke bricht.

Ich sage euch, Texte sind genug gelesen, täglich kommen neue noch hinzu. Da drängt es mich zum harten Besen, auszufegen bis zur letzten Klarheit und zur ersten Ruh, die nicht anders zu erreichen sind als durch die radikale Kur. Das Auge stelle sich beim Fegen nur nicht blind, es ist die Antwort auf die zu kurze Wissensschnur.

Die Stile und Denkleitern mögen variieren, die Frage nach dem Kern der Sache bleibt dieselbe, täglich mag man anders konstruieren. Dresden und Hamburg, durch sie fließt die Elbe, die Wahrheit, die wir greifen, bleibt bescheiden, vom Ganzen fassen wir nur einen Teil. Wir können es schwarzweiß oder farbig kleiden, in den Spalt stecken wir nur einen Keil, um das Deckgestein auseinander zu drücken.

Wegsprengen lässt es sich nicht, mit unserm Wissen müssen wir uns bücken vor der Wahrheit mit dem aufkommenden Licht, das sich in der Ganzheit vor unseren Augen verbirgt, ob es uns passt oder nicht.

Wir müssen uns mit den Brocken quälen, bis es würgt, wir klettern die Leitern, bis die erste Sprosse bricht.

Auch als Forscher kennen wir die Pflichten, den Dingen auf den Grund zu gehn, soweit es geht. Tiefer als tief geht’s nicht, wenn wir nicht vernichten, was über Generationen gebaut noch steht, das erhalten bleiben soll für Mensch und Nachwelt, die noch kommen, denn die Städte sind schon übervoll, da quillt und drückt es unbenommen, doch nicht mehr lang. Die Menschen atmen schon mit Sorgen, dass die Luft knapp wird schon am frühen Morgen, wenn im Wahnsinnsverkehr der ersten Stunden der ätzende Gestank steigt in weiten Runden von den Erdgeschossen hoch bis unters Dach. Dazu kommt der fürchterliche Krach, dass Tücher über Mund und Nasen hängen, die Ohren zugestopft sind bei all den Straßengängen.

Dem Alles setzen wir Kümmerliches entgegen, was oft nicht mehr ist als das blanke Tuch. Wir stehen mit unserm Einmaleins verlegen und wälzen ratlos Buch um Buch. Wir stehen mit gewichtiger Miene dennoch auf der falschen Schiene, wo der Zug der Erkenntnis gar nicht fährt und uns das nötige Wissen lehrt. So mancher lässt sich weiterhin verführen vom halben Wissen an alten Schnüren. Wundert’s da, dass sie in engen Gassen landen unterhalb der höheren Trassen neuer breiter asphaltierter Straßen und erschrocken stehen über alle Maßen, dass sie die Bruchlandung fertig brachten, worüber Besserwisser spöttisch lachten?

Morgendämmerung

Ein Mensch. Wenn im warmen Frühlingsregen sich die ersten Blütenzweige heben, dann gibt es Kreuz und Sterne zu den Wegen hin zu immer neuem jungen Leben. Felder werden sanft sich färben im Gold des frühen Morgenlichts. Darunter mögen manche sterben, andere blättern in den Büchern des Gedichts.

Gesichter schauen hoch aus jungen Augen der blanken Unschuld und Unwissenheit, weich formt sich aus der junge Morgen an zarter Haut und Rinde der Ergebenheit. Mit dem Wachsen kommt das Zeigen

im Verlangen nach größerer Höhe hin zum Berg. Es gibt den Blick zu hohen und zu höchsten Zweigen und da hindurch zum ersten großen Werk.

Doch bald drängt es zur erfrischenden Quelle mit dem palatalen Fremdgefühl der Trockenheit, das erhoffte Wunder zeigt sich auf der Stelle im kühlen Brunnenwasser der Erhabenheit. Da geht der Blick auf die nach vorn gebeugten Köpfe mit den Gesichtern hinab bis ans Wasser heran. Junge Hände und Hände mit Schwielen formen die Schöpfe, formen Händeschalen zu Trinkgefäßen vor dem Gewand.

Düfte steigen in den frühen Morgen, als gäb’ es täglich neues Leben zu besorgen. Süß und immer süßer wird’s im Munde des frischen Lebens und der Morgenkunde, dass die Herzen schneller schlagen mit den immer jungen Daseinsfragen. Natürlich kommen auf die ersten Plagen, noch sind sie leicht im frühen Tragen.

Gruppe junger Menschen [einzeln und zu vielen]. Seht die Augen der noch Müden, wie sie hinken, humpeln, andere schlürfen, als ob Fäuste aus der Ferne Speere würfen, drum achtet auf das Fehlen mit dem Frieden. Wenn Stürme sich in Städten türmen, dass es bricht und scherbt und zittert, Trümmerberge Platz und Straßen füllen, dann sind die Körper nah an nah und fest vergittert.

Wenn es so ist, dass Wände reißen, stürzen und es kein Halten auf dem Boden mehr gibt, dann sind’s die Längen, die sich hin zum Nichts verkürzen, dass sich Altes in noch Älteres schiebt. Seht, seht hoch in die dunklen Wolkenbänke und dann, wenn dichter Nebelschleier sich verzieht. Hört das dumpfe Schlagen ferner Donnerschränke, es ist dort, wo ein Volk vor dem anderen flieht.

Noch glüht der Hass an frisch gespitzten Pfeilen mit den an- und draufgesetzten Drohgebärden, sie schießen störrisch hoch in steilen Bögen, dass sich keiner mehr erwehren kann. Da verlöschen früh die ersten Strandungsstunden mit dem stillen Hoffen, Warten und Gedulden. Drum zählt die Tage mit den Ängsten und den Wunden mit den Rissen, Gräben und den tiefen Mulden!

Erastus [blickt aus dem Fenster]. Horcht auf ihr Leute, hört das Brüllen, das über hohe Bergesrücken zieht und ihre Hänge streift. Seht, die Risse weiten sich, aufreißen sich die Nebelhüllen, bald ist’s soweit, dass sich der Weltenblick befreit. Brocken werden aus der Felswand brechen, werden donnernd mit Getöse runterstürzen. Wilde Kräfte sind’s, sie werden uns das Böse rächen, dass wir in Angst verstummt den Alltag tragen.

Alte Stunden werden schnell verlöschen, noch schneller geht’s im Stundenflug, wenn mit neuem Leben altes endet, schon davonfährt mit dem letzten Zug. Gestern Ungehörtes heute wird’s gehört, denn in Stunden wird der neue Tag geboren, wenn dämmernd aus dem Spalt die Unschuld tritt mit neuen Köpfen, Händen und im jugendlichen Schritt.

Es kommt der Gang im Tagesblick, vom Hang herab fließt weich die stille Quelle. Bald beginnt das Klopfen Stück für Stück, rauscht und bricht und schlägt die Welle, dass Augen blinzeln, Waden zucken, Ohren staunen vor dem Toben und Brausen mit dem Schwirren im unhaltbaren Aufbruch der jüngsten Wetterlaunen, dass Türen schlagen und die Scheiben klirren.

Der Wald erwacht, und die Stimmen steigen zwitschernd, mal hier mal dort, mal nah mal fern. Rufe wollen vom Beginn der frühen Wunder zeugen, da steht oben noch der Morgenstern. Erschöpft sinken die Stunden des Schlafes nieder durch’s dichte Netz von Zweig und Ästen. Aufgemerkt, schon kommen die ersten Lieder im Erwachen und der Öffnung hin zum Besten.

Ehrfurcht gebieten die hohen Gipfelriesen, denn was sie gestern taten, das tun sie auch heut. Nass liegt der nächtliche Tau in den Morgenwiesen, dass sich manch ein junges Bein noch scheut. Es ist das frühe Licht, das zurückgekehrte, denn der Planetenlauf hat sich dem Tage zugedreht, dass im Flug der Träume, der nachtverwehte sich im frühen Durchqueren doch noch erhellt.

Messbar gewinnt der Glanz an Deutlichkeit, und das Gestern blasst in die Verkürzung zurück. Leute, hebt die Köpfe, schaut auf zur neuen Herrlichkeit, blickt in die hellen Farben, das ist schon das erste Glück. Mit dem Gestuften geht es weiter auf und ab, ihr ahnt das Wissen und haltet alt und jung auf Trab. So hat der neue Tag begonnen, doch nun gebt Acht, seht den Aufstieg zu den Höhen einer neuen Macht.

Bald steigt die Sonne über meinen Rücken, denn schon traben die ersten Hufe vorbei. Alt und jung, sie werden neu sich bücken hinunter bis zur Bodenkrume und noch tiefer hinein. Das Feuer, das das junge Leben prägt und weiterträgt, nun ist’s das Flammenmeer, das weltweit lodert. Ziellos wird durch Kontinente gerannt und gesägt, als ob das Erwachen es täglich neu erfordert.

Ein Freund. Es treibt mit Kraft das ewig junge Hoffen, dass der Lebenswunsch sich doch erfüllt. Gesichter altern, magern, sind betroffen, dass sich die Zwietracht gar nicht stillt. Völker leben entfremdet und fragend vor sich hin, da bleibt doch die Sonne weiter mir im Rücken, denn dazwischen gibt es keinen Gewinn mit all den Stürzen und den vielen Krücken.

Ein Mensch. Stilles Wasser glättet sanft das Felsgeriff gleitend und stürzend mit den Jahren. Im Wechsel und dem zupackenden Wechselgriff beginnt der Bodensatz endlich sich zu bewahren. Was Freude und Schmerz einander taten im Rauf und Runter und in Worten, schwer wird’s mit dem Für- und Gegenraten

sprachloser Münder vor den brennenden Orten.

Mensch und Freund. So betrachtet den Menschen erst in euch selbst mit seinen vielen unerfüllten Wünschen. Seht, wie er steht und doch nicht weiter weiß, dabei liegt das flache Eisen glühend heiß auf dem Walztisch, auf dem Tender, dass die Schwere biegt und krümmt den Ständer. Spät kommt dann die Frage auf zur letzten Stunde, ob es sie noch gibt, die nächste Tagesrunde.

Im großen Saal

Herr auf dem hohen Stuhl. Gegrüßet seid ihr Groß und Klein, ich grüße das Zusammensein, das auf den zehnten Jahrestag fällt, seit zum Herrscher ihr habt mich bestellt. Ich sehe, der große Saal ist voll, und die Reihen sind geschlossen. Es ist in Ordnung und das ohne Groll, doch vermisse ich Harlekin, den treuen Genossen.

Erster Minister. Er glitt über eine Schleppe und stürzte auf der Treppe, Was sein Befinden nun betrifft, es liegt im Dunkeln, da mögen Vermutungen durcheinander funkeln.

Zweiter Minister. Doch in unverhoffter Schnelle rückt ein anderer an die Stelle, und das nicht weniger farbig aufgemacht mit einer Miene, dass man herzlich lacht.

Bittsteller. Wer ist verwünscht und wird verjagt, wer wird beschimpft und hart verklagt? Wen von den Herren kann ich rufen, ich als ein Mann der unteren Gesellschaftsstufen? Dass ich es bis hierher hab’ geschafft, übersteigt fast meine letzte Kraft.

Herr. Was ist’s, was soll es sein? Vergeude nicht die Zeit, das kannst du später tun in aller Ewigkeit! So rede klar und nicht zum Schein. Wie du siehst in großer Zahl, es sind die Herren meiner Wahl, die mit ihren Reden kommen, die andere hören, da sollst du nicht länger unnütz stören.

Leute im Saal. Was will der mit seinem Rücken, der krumm ist nach dem vielen Bücken? Die Falschheit steht ihm im Gesicht, auf die Bank gehört er vor Gericht. Hier kniet er nur die Wahrheit krumm, dabei schaut er gar nicht dumm mit dem Kopf aus dem geschlossenen Kragen. Man sollte ihn ganz offen fragen, ob er denn weiß, dass jedem die Zeit teuer ist, die man sinnlos nicht verkniet und nicht versitzt,

weil es viel zu denken und zu reden gibt, damit sich das Erste nicht ins Letzte schiebt.

Herr. Ihr seht mit eigenen Augen, dass es mit dem Regieren nicht so einfach ist. Es gibt Männer wie an diesem Morgen, die kommen, dass einem der Atem schwitzt. Von Demokratie will ich hier nicht reden,

denn da verlören wir erst recht die Zeit mit den vielen Worten und dem Wortsalat, den würde es geben

mit der ganzen Hoffart falscher Eitelkeit.