Hans Fallada - Jürgen Manthey - E-Book

Hans Fallada E-Book

Jürgen Manthey

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Beschreibung

Hans Fallada (1893–1947), eigentlich Rudolf Ditzen, war einer der wichtigsten Romanautoren deutscher Sprache im 20. Jahrhundert. Seine von der Neuen Sachlichkeit geprägten Werke handeln vom Leben der «kleinen Leute» in unwirtlichen Zeiten, ihrer Ratlosigkeit und Lebenstapferkeit. Romane wie «Kleiner Mann – was nun?» (1932) und «Wer einmal aus dem Blechnapf frisst» (1934) gehören mittlerweile zu den literarischen Klassikern ihrer Zeit. Seitdem sein letzter, postum erschienener Roman «Jeder stirbt für sich allein» in den USA unter dem Titel «Alone in Berlin» erschien und Furore machte, erlebt Fallada weltweit eine Renaissance. Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.

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Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Jürgen Manthey

Hans Fallada

 

 

 

Über dieses Buch

Hans Fallada (1893–1947), eigentlich Rudolf Ditzen, war einer der wichtigsten Romanautoren deutscher Sprache im 20. Jahrhundert. Seine von der Neuen Sachlichkeit geprägten Werke handeln vom Leben der «kleinen Leute» in unwirtlichen Zeiten, ihrer Ratlosigkeit und Lebenstapferkeit. Romane wie «Kleiner Mann – was nun?» (1932) und «Wer einmal aus dem Blechnapf frisst» (1934) gehören mittlerweile zu den literarischen Klassikern ihrer Zeit. Seitdem sein letzter, postum erschienener Roman «Jeder stirbt für sich allein» in den USA unter dem Titel «Alone in Berlin» erschien und Furore machte, erlebt Fallada weltweit eine Renaissance.

 

Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.

Impressum

rowohlts monographien

begründet von Kurt Kusenberg

herausgegeben von Uwe Naumann

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Mai 2018

Copyright © 1963 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten

Redaktionsassistenz Katrin Finkemeier

Umschlaggestaltung any.way, Hamburg

Umschlagfoto Ilse Ehlert, Hamburg (Hans Fallada auf seinem Bootssteg am Carwitzer See)

ISBN 978-3-644-40360-4

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Eltern und Kindheit

Hans Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen, wurde am 21. Juli 1893 in Greifswald geboren. Die Eltern waren erst vor wenigen Monaten in die alte Universitätsstadt gezogen, die vier Kilometer flaches Land von der Ostsee trennt. Fallada nannte sich später gern einen Menschen von der Wasserkante, dachte dabei aber an seine väterliche Abstammung von ostfriesischen Vorfahren. Als Pommer wollte er nicht gelten.

Die Mutter hat in ihren Erinnerungen, die sie im Alter für ihre Kinder aufgeschrieben hat, jene Greifswalder Jahre als die glücklichste Zeit ihres Lebens bezeichnet. Wenn wir heute auf das Leben Falladas zurückblicken, so, wie die Mutter damals auf ihr eigenes zurückgesehen haben mag, dann können wir hinzufügen: Es war auch für Fallada die glücklichste, ja, die einzige ungetrübt glückliche Zeit. Dass dies die frühesten und noch unbewussten Kindheitsjahre waren, gibt der Lebensbeschreibung dieses Schriftstellers von vornherein einen tragischen Akzent: Hans Fallada ist zeit seines übrigen Lebens ein tief unglücklicher Mensch gewesen.

Könnten wir heute noch den Vater nach dieser Zeit fragen, seine Antwort fiele sicherlich anders aus. Es entsprach seiner Lebensauffassung nicht, zwischen Höhe- und Tiefpunkten, zwischen glücklichen und unglücklichen Jahren zu unterscheiden. Ihm fügten sich die sechs Jahre, die er als Strafrichter am Greifswalder Landgericht zu verbringen hatte, notwendig in seine Laufbahn, der sein Ehrgeiz ein hohes Ziel gesteckt hatte, für die Pflichtgefühl aber so maßgeblich geworden war, dass er auf dem langen Weg dorthin nie ungeduldig wurde.

Fallada hat den Vater in seinem Buch Damals bei uns daheim beschrieben. Das Bild, das dabei entstanden ist, enthält, wie die Verwandtschaft bestätigt, alle wesentlichen Züge dieses Mannes.

Wilhelm Ditzen stammte aus dem Oldenburgischen. Sein Vater, Falladas Großvater also, war aus dem Kreis Norden in Ostfriesland, wo die Ditzens seit fünf Generationen als Amtmänner, Pfarrer und Juristen tätig gewesen waren, dorthin übergesiedelt. Er starb 1893, in Falladas Geburtsjahr. Zuletzt war er Kronanwalt in Hannover gewesen.

Sein Sohn blieb nicht lange im Elternhaus, schon für den Fünfzehnjährigen begann ein im Äußeren wechselvolles Dasein. Er besuchte das Gymnasium in Schulpforta, studierte in Leipzig, München und Göttingen Jura und war während der Referendarzeit vorübergehend in fast jeder Kleinstadt Mittelniedersachsens anzutreffen, sofern sie durch ein Amtsgericht als Ausbildungsstätte in Frage kam. Wilhelm Ditzen war auch in seiner Jugend kein Mensch, der Brücken hinter sich abbrach. Bekanntschaften, die er damals schloss, scheint er sein Leben lang nicht mehr vernachlässigt zu haben. Denn später sehen wir einige der Ortsnamen, die seine Ausbildungszeit begleiten, im Lebenslauf des Sohnes wieder auftauchen; als nämlich die Eltern beschließen, das schwierige Kind aus dem Haus zu geben und sich nach einer vertrauenerweckenden Unterbringung umsehen.

In einer dieser Kleinstädte nicht weit von Hannover, in Uelzen, bekleidete Wilhelm Ditzen seit 1886 seine erste Amtsrichterstelle. Ein Jahr darauf heiratete er die Pfarrerstochter Elisabeth Lorenz. Die damals Achtzehnjährige lebte allerdings seit ihrem fünften Lebensjahr im Hause eines Onkels, denn ihr Vater war, nach entsagungsvollen Jahren als Gefängnis-Geistlicher in Lüneburg, früh an Lungentuberkulose gestorben. Es hieß, er sei an Güte gestorben, und die Gefangenen haben bei seinem Tod Geld sammeln wollen, um ihm im Gefängnishof ein Denkmal errichten zu lassen. Die Anstaltsverwaltung hat dazu nicht die Einwilligung gegeben. Fallada holte das Vereitelte dann nach und setzte dem Großvater in seinem letzten Roman Jeder stirbt für sich allein dieses Denkmal.

Elisabeth Lorenz wuchs im Hause ihres Onkels auf, der ein recht merkwürdiger Charakter und ein noch merkwürdigerer Erzieher gewesen sein muss. Wir kennen den Onkel, diese Mimose, die sich ihr Leben lang mit Drachenblut ernährt hat, gleichfalls recht gut aus dem Buch Damals bei uns daheim. Falladas Mutter hat durch diesen Onkel eine bedrückende Kindheit gehabt. Ein Abschnitt in Damals bei uns daheim wirft ein Licht auf die Umstände, aus denen sie in die Ehe mit dem Amtsrichter Ditzen floh:

Und die Jahre gingen dahin, und Mutter wurde über alledem achtzehn, und alles schien nie ein Ende nehmen zu wollen. Da kam Vater als Amtsgerichtsrat in die kleine Stadt, er war 36 Jahre alt und noch immer Junggeselle. Die beiden lernten sich kennen, und sie heirateten sich, unter ausdrücklicher Billigung von Onkel Pfeifer (sein wirklicher Name war Seyfahrt). Denn Vater war eine Partie, und Mutter war eine Partie, und da so Partie zu Partie kam, war alles in bester Ordnung.

Es war aber auch wirklich alles in bester Ordnung: Vater nahm Mutter und führte sie aus der Enge in die Weite. Sie, die stets für andere hatte dasein müssen, die nie etwas Eignes hatte sein und besitzen dürfen, lehrte er, ein Mensch zu sein. Er hatte nie Launen, er wurde selten ungeduldig. Zu Anfang wollte der Haushalt gar nicht recht gehen, Mutter konnte nicht selbständig arbeiten, sie wagte nie einem Mädchen ein Wort zu sagen … Aber Vater machte ihr Mut, er half ihr, er tröstete sie, er lobte sie, er lächelte über Mißgeschicke, er tadelte nie … Er machte einen Menschen aus Mutter, aus ihr, die fast ein Automat geworden wäre …

Heute ist meine Mutter über achtzig Jahre und Vater schon lange tot. Aber wenn von Vater gesprochen wird, so sagt sie heute noch: Alles, was ich bin, was ich für euch Kinder tun konnte, ist immer von Vater gekommen. Ich glaube, einen Menschen wie Vater wird es nie wieder geben …

Auch Wilhelm Ditzen hat diese Ehe nie bereut. Den Kindern hinterließ er in seinen Erinnerungen zur Gewissheit: «Und ich weiß so sicher, wie man überhaupt dergleichen wissen kann, daß uns beiden niemals ein Zweifel gekommen ist. Wir haben in der Ehelotterie das Große Los gezogen, das haben wir uns von Anfang an und immer wieder gesagt.»

Der Altersunterschied von achtzehn Jahren – zur Zeit der Eheschließung war Wilhelm Ditzen doppelt so alt wie seine Frau –, die Dankbarkeit, die diese trotz der Demütigungen durch den Onkel harmonische Frau ihr Leben lang für den Mann empfand, brachten die Ehe und später auch die Familie ganz unter den Einfluss seines Wesens. Der Vater entschied, er wusste alles, was in der Familie vorging. Es spricht für seine menschlichen Anlagen, dass er die Überlegenheit offenbar selten zu geduldloser Bevormundung ausgenutzt hat. So scheint es auch keine jener kleinen oder größeren Heimlichkeiten hinter seinem Rücken gegeben zu haben, wie sie häufig zur letzten Freiheit unterdrückter Ehefrauen werden. (Später, viel später hat sie dann doch dem Sohn heimlich Pakete ins Gefängnis geschickt.) Es half zum Beispiel nichts, wenn eins der Kinder etwas ausgefressen hatte und wenn es sich an die leichter zu erreichende Nachsicht der Mutter wandte. Die Mutter nahm den Sünder sicherlich bei der Hand, und er musste sein Schuldbekenntnis vor dem Vater noch einmal ablegen.

Der Vater hat die Bürde, die ihm die Autorität als Verantwortung auferlegte, mit menschlicher Reife getragen. So muss man es wohl nennen, denn er war keinesfalls robust, sondern eher kränklich, stets anfällig für Schnupfen und Grippe und mit einem Magenleiden behaftet, das ihn zwang, seine Mahlzeiten im Liegen einzunehmen. Die auffallend vielen Reisen, die seine Amtszeit immer wieder unterbrechen, erklären sich als Beurlaubungen krankheits- und genesungshalber. Er ist viel und weit gereist, sein Magenleiden ist er dabei nicht losgeworden. Er lernte sich schließlich sogar recht gut damit einzurichten, so gut, dass er kurz vor seinem Tode sagen konnte: «Meinem Magengeschwür verdanke ich mein langes Leben. Es war ja auch gar keins.»

Das Bild dieses Mannes gilt es wenigstens in einigen wichtigen Zügen wiederzugeben, weil Fallada zu seinem Vater, solange dieser lebte, in einem eigenartig fixierten Verhältnis gestanden hat. Wir werden noch mehrere Male auf dieses Verhältnis zurückkommen und sehen, wie der väterliche Imperativ über die Ablehnung des Sohnes hinweg sogar auf dessen literarisches Werk eingewirkt hat.

Falladas Vater ist kein eintöniger, aber ein durch und durch disziplinierter Mensch gewesen. Ihn charakterisiert folgende Einzelheit: Als er erfuhr, dass man von ihm als Reichsgerichtsrat neben dem Nachweis sämtlicher Ausbildungs- und Bewährungsstufen auch eine tadellose Handschrift erwarten würde, da hat sich der immerhin schon Fünfzigjährige in monatelangen Schönschreib-Übungen die erwünschte «schöne» Handschrift angeeignet. Der Kladden-Stapel mit den Schriftproben wurde in der Familie noch lange aufgehoben, Kindern und Kindeskindern zur Mahnung, für die Freunde als Sehenswürdigkeit. Auf der anderen Seite hatte und befriedigte Wilhelm Ditzen durchaus musische Neigungen. Er war zum Beispiel ein ehrlicher Musikliebhaber. Allerdings musste sich auch diese Leidenschaft dem Bedürfnis nach Regelmäßigkeit unterordnen. Pünktlich an einem bestimmten Tag der Woche, zu einer bestimmten Stunde setzten sich die Eltern ans Klavier und spielten vierhändig ein gewiss reichhaltiges, aber dennoch immer gleich zusammengesetztes Repertoire. So gleich, dass die Kinder, die diesen Musizierstunden beiwohnen mussten, hinter dem Rücken der Eltern ihre Schularbeiten erledigten. Sie wussten sich vor jeder Entdeckung sicher, denn am Klavier mochte man die Stille im Hintergrund für Andacht halten. Nur manchmal, wenn neue Noten auf dem Notenständer anzuordnen waren, bestand die Gefahr, dass sich eins der Eltern flüchtig umsah. Aber da sich, wie gesagt, der Musikvortrag jede Woche in allen einzelnen Teilen stets unverändert wiederholte, wussten die Kinder schon, ohne noch recht hinhören zu müssen, wann ein Musikstück gleich zu Ende sein würde. Die Schulhefte konnten rechtzeitig und rasch unter dem Tisch verschwinden.

Fallada hat bezeichnenderweise den Weg zur Musik erst nach dem Tode seines Vaters – er starb 1937 im hohen Alter von 85 Jahren – gefunden: Solange er lebte, glaubte ich, musikalisch ein Idiot zu sein, außerdem konnte ich Musik «überhaupt nicht ausstehen». Das hängt damit zusammen, daß ich lange Jahre auf Vater «böse» war. Weil ich ihm zürnte, lehnte ich auch das, was er am meisten liebte, ab. Aber das ist ein trübes Kapitel, nur mit Schmerz und Reue denke ich daran zurück, will aber nichts darüber erzählen.

Wir kehren noch einmal zum Vater zurück. So streng dieser seinen Prinzipien verhaftet war, so wenig war andererseits Strenge seine Umgangsform. Er erzog seine Kinder zwar nach dem Lineal, aber nicht mit dem Lineal. Er gab Anregungen, kaum Anweisungen. Er geriet leicht ins Erzählen, wie er auch gern las: Er liebte Jean Paul, Wilhelm Raabe, Theodor Fontane, alles Leute, die es nie fertig gebracht haben, ein Witzwort zu unterdrücken, die sich an geistreichen Spielen erfreuten und die es darum doch mit ihrem Glauben an Wahrheit und Menschentum nicht weniger ernst nahmen.

So kehrten denn auch die Geschichten des Vaters letzten Endes immer das Nutzanwenderische heraus, zielten, obgleich scheinbar leichthin erzählt, stets aufs Preußisch-Pragmatische ab; etwa, wenn in der Geschichte vom Wettbewerb der vier Getreidearten der Roggen ganz selbstverständlich als Sieger hervorging: Ach, was machten die Menschenkinder für Gesichter, als sie jeden Tag feinen Kuchen vorgesetzt bekamen, wie bettelten sie um ein Stückchen trocknes Schwarzbrot!

Wir sehen die Lebensauffassung des Vaters durchdrungen von Sparsamkeit, Genauigkeit und Pflichterfüllung. Sie müssen seiner im Grunde reicheren Natur als Ordnungsprinzipien vorgekommen sein als ein Halt, den er brauchte und der für seine Generation ja auch allgemein noch ein Halt war. Bei seinem Sohn, der später dieselben Ordnungsprinzipien auf sich anzuwenden suchte, versagten sie bereits völlig. Sie schlugen in eine heillose Pedanterie um, vor der sich die Zerklüftung des Wesens nur noch deutlicher abhob.

Diese Beeinträchtigung der Entwicklung des Heranwachsenden durch die Eltern gab Einflüsse weiter, die auch von einigen bürgerlichen Zeitgeistern als unheilvoll empfunden wurden. In Falladas Jugend spitzten sich die gesellschaftlichen Gegensätze in Deutschland zu. Die Spannungen, bevor sie in die Katastrophe mündeten, haben sich auch den scheinbar behüteten Angehörigen des Mittelstands mitgeteilt. Einige, Jüngere begannen den Druck, unter dem sie standen, zu artikulieren, als Ventil sahen sie allerdings weniger die Politik als Kunst und Literatur an. Auf solchem Wege erreichte eine gewisse Unruhe auch den jungen Fallada, der schon als Kind viel und nicht nur das vom Vater Empfohlene las.

Zunächst verlief jedoch alles noch weitgehend in den Bahnen, in die der Vater die Geschicke seiner Kinder zu lenken hoffte. Die Mutter erinnert sich allerdings später: «Unser Rudolf hatte sich sehr viel langsamer als die anderen Kinder entwickelt. Das lange Kranksein hing ihm nach, und Jungen kommen nach meiner Erfahrung auch nicht so schnell vorwärts wie Mädchen. Er lernte sehr viel später gehen, auch sprechen … zuerst war er auch nicht eigentlich fröhlich, aber nach und nach wurde er sehr lebhaft.»

Zwei ältere Schwestern kümmern sich um den kränklichen, aber temperamentvollen Bruder (die älteste Schwester, Elisabeth, lebt später in Celle, die jüngere, Margarete, in Zittau), schließlich kommt noch ein Bruder dazu, Ulrich. Er ist, 22 Jahre alt, im Ersten Weltkrieg gefallen. Häufiges und zum Teil schweres Kranksein führen zur Absonderung, und wenn das Kind dann, kaum genesen, umso heftiger an den Spielen der Geschwister teilnehmen will, fällt es entweder so unglücklich, dass es mit einer Gehirnerschütterung gleich wieder ins Bett zurückmuss, oder es verletzt sich anders und in so erschreckender Weise, dass der Arzt deswegen ins Haus gerufen wird. Fallada heißt schon früh in der Familie allgemein der «Pechvogel». Bald kommt als neues Unglück die Schule hinzu, die der «reichlich zarte Rudolf» seit 1901, mit einem Jahr Verspätung, besucht. Er hat auch hier gleich wieder Pech: Das blasse Kind wird dem Direktor des so vornehmen wie streng geleiteten Prinz-Heinrich-Gymnasiums in Schöneberg vorgeführt – der Vater war 1899 nach Berlin versetzt worden –, und obgleich der Junge auf diese Begegnung abgerichtet worden ist, versagt er völlig. Er steckt vor Verlegenheit die Hände in die Hosentaschen und antwortet unkonzentriert und ängstlich. Das war gerade das Rechte für einen Altphilologen spartanischer Ausrichtung. Er wird böse und zischt drohend: «Dich werden wir schon zurechtkriegen.»

Das scheint denn auch gelungen zu sein. Fallada ist, solange er diese Schule besucht, ein schlechter Schüler. Zweimal wird er nicht versetzt, und jahrelang steht er fürchterliche Angst vor der Schule aus. So wird ihm die Krankheit jetzt zur willkommenen Zuflucht:

Jeden Morgen beim Aufwachen lag die ganze Penne mit Kameraden, Lehrern, Schularbeiten wie ein Alpdruck vor mir. Wenn ich mich irgend von ihr drücken konnte, tat ich es. Da ich sehr kränklich war und meine Eltern in steter Angst um meine Gesundheit lebten, war es nicht sehr schwer für mich, oft zu Haus bleiben zu dürfen. Sah ich gar zu wohl aus, und schien mir der Tag ganz unüberwindlich, so schlich ich mich in die Speisekammer und nahm ein paar kräftige Schlucke aus der Essigflasche. Dann wurde ich so geisterbleich, daß meine Mutter mich ganz von selbst ins Bett schickte.

Beinahe sämtliche Lehrer des Prinz-Heinrich-Gymnasiums haben ihn «auf dem Kieker», und jeder erinnert sich gewiss aus der eigenen Schulzeit, was das für den Betreffenden bedeutet. Es vergeht kein Tag, an dem Fallada nicht vor der ganzen Klasse in Tränen ausbricht:

Überhaupt gewöhnte ich mir das Heulen bei Professor Olearius an. Es war das einzige Mittel, das ich entdeckte, seiner Anmaßung zu entgehen. Sobald er mich nur aufrief, fing ich an zu heulen. Ich machte überhaupt nicht mehr den Versuch, eine seiner Fragen zu beantworten … Dies kam soweit, daß die Klasse vor der Lateinstunde Wetten abschloß, ob ich heulen würde oder nicht.

Den Rest des Schulvormittags, die Pausen, machen ihm die Klassenkameraden zur Hölle. Zum ersten Mal und schon früh erfährt er den beschränkten Sinn der elterlichen Tugendmaßstäbe, d.h., er bekommt an einem sehr krassen Beispiel zu spüren, dass die Grundsätze des Vaters – die die Mutter unverändert übernahm – nur Sicherheit innerhalb der eng gezogenen Grenzen des Elternhauses versprachen. Je öfter das Kind über diese Grenzen hinaus gerät, desto schutzloser und schwächer kommt es sich vor:

So oft wir die manchmal lästig empfundene Ordnung des eigenen Heims verließen, war alles bedroht. Wir galten nichts mehr. Vor unserm uns solchen Respekt einflößenden Vater schien niemand Respekt zu empfinden, alles Sichere war unsicher geworden.

Schon die Kindergesellschaft, auf die Fallada in der Schule stößt, hat wenig Respekt vor den Sparsamkeitsgrundsätzen des Kammergerichtsrats. So war das Schöneberger Prinz-Heinrich-Gymnasium eine Schule, die in erster Linie von Söhnen des Berliner Offiziers- und Beamtenadels besucht wurde. Dem Stande nach passt der junge Fallada vielleicht gerade noch dorthin, aber er ist ohne Standesbewusstsein erzogen, schon gar ohne Dünkel. Ja, er ist bis dahin ganz selbstverständlich mit geflickten Hosen herumgelaufen, arg und bunt geflickten Hosen übrigens, die ihn hier aber plötzlich wieder zum Außenseiter machen. Er wird wegen dieser Hosen zum Gespött der ganzen Schule:

Ich sehe mich noch stehen, blaß, kränklich, verzweifelt, in meinem Mauerwinkel. Die ganze Penne freute sich ihrer Freiviertelstunde, mir war sie eine Qual.

Mit Gejohle wird er als Abgesandter einer «Flickfamilie» begrüßt, unerbittlich und täglich mehrere Male wiederholt sich die Quälerei. Wenn er zu Hause um Erlösung von dieser Flickenhose bittet, bedeutet ihm die Mutter:

Sag nur deinen Jungens … daß du drei Geschwister hast und daß wir sehr sparen müssen. Berlin ist schrecklich teuer, und Vater geht nicht davon ab, alle Jahre zehn Prozent seines Einkommens zurückzulegen, für Notzeiten. Das kommt euch Kinder allen doch einmal zugute.

Oder sie sagt leichthin:

Das sind so Jungenwitze … In einer Woche haben sie es über, dann kommt wieder etwas Neues. Und du bist auch viel zu empfindlich, Junge, du verstehst wirklich schlecht Spaß. Es ist ganz gut, wenn du dich mal an so etwas gewöhnst.

Wieder nur Pech? Ein anderer Zufall, der ihn auf die Leidens- und Dulderseite verschlug? Oder zeigt sich hier nicht schon jenes verhängnisvolle Unverständnis der Eltern, die später den Sohn gerade in der schlimmsten Entwicklungskrise nicht in ihrer Nähe haben wollen?

Erwähnen wir an dieser Stelle noch eine weitere Pein, die die gleiche Verständnislosigkeit der Eltern dem Kinde eintrug. Der Vater bildete sich zum Beispiel ein, dass lange Korkenzieherlocken, vorne in fast ebenso lange Ponys ausgekämmt, an seinem Sohn «schön» aussahen. Diese von den Schulkameraden als Simpelfransen verspottete und gezauste Mädchenfrisur hat der Unglückliche bis in sein zwölftes Lebensjahr hinein tragen müssen. Immer wieder hatte er gebeten, einen Haarschnitt wie alle Jungens haben zu dürfen, und wenn nicht ein beherzter Friseur mit den Worten: «Wat det olle Sauerkraut bloß soll?» die Locken auf eigene Faust abgeschnitten hätte, er würde sie noch länger getragen haben. Als Fallada nach diesem Friseurbesuch zu Hause ankam, brach die Mutter in Tränen aus. Der Vater geriet sogar, was bis dahin selten geschehen war, in einen Wutanfall und kündigte an, dass er mit einem «Zuchthäusler» nicht an die See fahren würde.

In die Zeit nach dem Verlust der Locken fällt der erste rigorose Versuch, sich all dieser Bedrückungen zu entziehen. Dem täglichen Martyrium in der Schule gegenüber bietet sich nach fortgeschrittener Marryat-, Gerstäcker- und (vom Vater verbotener) Karl-May-Lektüre der Ausweg an, nach Hamburg zu fahren und Schiffsjunge zu werden. Je größer das Elend in der Schule wird, umso verlockender und umso einfacher erscheint ihm diese Lösung. Er weiht einen anderen Jungen in seinen Plan ein, der andere lässt sich begeistern, und gemeinsam bereiten sie die Flucht vor.

Überhaupt ist Fallada wie umgewandelt, sobald die Schulstunden vorüber sind. Ist er dort verschüchtert und verstockt während des Unterrichts, der ausgesuchte Prügelknabe in den Pausen, am Nachmittag sehen wir ihn voll Überschwang, laut, ja vorlaut inmitten einer Jungenschar die Straßen durchstreifen. Hier zeigt sich an ihm sogar die Fähigkeit, Freundschaften zu schließen. Die Mutter stellt verwundert fest: «Außerhalb der Schule war Rudolf ein ganz anderes Kind, bei allen Spielen der Leiter, wild und sehr beliebt.» Dieser Doppelexistenz gilt es schon hier Beachtung zu schenken, weil sie letztlich in dieser Form bis zum Lebensende beibehalten wurde. Das Ungewöhnliche daran ist, dass Zweitexistenz und Gegenwelt sich nicht auf ein Doppelleben in Phantasie und Tagtraum beschränken. Schon das Kind steckt voller Pläne, die es auch stets auszuführen sucht. Bei aller Vagheit und Labilität, trotz schwächlicher Konstitution, was zu dauerndem Ungeschick und Pechvogeltum verurteilt, trachtet er doch immer von neuem danach, in die Wirklichkeit zu übertragen, was sich zuerst in der Vorstellung anbot. Träume genügen ihm nicht, immer ist da ein wilder, jäher, ja verrückter Impuls, die Augen zu schließen und mit gesammelter Kraft in eine andere Erlebenssphäre auszubrechen.

Wir werden auf diese Art, der Zwiespältigkeit seines Wesens zu entrinnen, noch einmal zurückkommen, sobald davon die Rede zu sein hat, wann der Heranwachsende zum ersten Mal Identitäts-Schwierigkeiten an sich beobachtet.

Zunächst kehren wir zu dem ersten Versuch zurück, aus dem durch Schule und Elternhaus eingeengten Dasein auszubrechen. Der Versuch misslingt. Am Morgen des Fluchttages verrät sich der Freund dadurch, dass der Mutter die Schultasche des Jungen so merkwürdig vollgepackt vorkommt. Er gesteht, die Eltern Falladas werden verständigt, und hinter einer Litfaßsäule versteckt sieht der Kammergerichtsrat dem Auszug seines Sohnes zu. So auf frischer Tat ertappt, kann dieser sich nicht aufs Leugnen oder Beschönigen verlegen. Die Eltern sind tief gekränkt, besonders noch, als sich herausstellt, dass der Ausreißer die Reise mit Goldmünzen (im Wert von 30 Mark) zu finanzieren gedachte, die er aus der Schreibtischschublade des Vaters «entliehen» hat. Wir glauben ihm eher als die Eltern, dass er sie von seiner ersten Heuer zurückzahlen wollte. Die Eltern dagegen sprechen von «schwerem Diebstahl» und «Vertrauensbruch». Die Mutter ist fassungslos, der Vater verletzt und persönlich getroffen. Es kommt in dieser kritischen Situation bezeichnenderweise nicht dazu, dass der Sohn sich den Eltern anvertraut:

Leider habe ich von Kind auf nie die Gabe besessen, mich aussprechen zu können. Wie ich keinem, nicht einmal dem Freunde Hans Förtsch, etwas Näheres über meine Schulmisere hatte erzählen können, so war es mir auch in dieser Stunde notwendiger Geständnisse nicht gegeben, meinen Eltern mehr als ein paar kümmerliche Fetzen von meinen Drangsalen zu berichten. Was sie da hörten, schien ihnen ganz unbefriedigend, keinesfalls ausreichend zur Begründung eines so wahnsinnigen Schrittes.

Dieser Fluchtversuch hinterlässt bei den Eltern die ersten tieferen Spuren von Kummer und Misstrauen, von denen sie jedoch noch einmal abgelenkt werden durch ein neues Ereignis, das sich diesmal allerdings zugunsten Falladas auswirkt.

War der Vater auch nicht besonders hellhörig, so war er doch gründlich. Beim Verhör war in dunklen und gestotterten Andeutungen von den fürchterlichen Lehrern die Rede gewesen. Er möchte der Sache auf den Grund gehen und beschließt, auch die andere Seite anzuhören. Der Vater besucht den Klassenlehrer, und dessen Zeugnis wollen wir hier wiedergeben, weniger, weil es als psychologisches Frühgutachten von bleibendem Interesse wäre. Es wirft eher ein bedeutungsvolles Licht auf die pädagogischen Einfühlungsgaben des Lehrers:

Ich muß Ihnen empfehlen, mein sehr verehrter Herr Kammergerichtsrat, so wurde dem Vater geraten, Ihren Sohn sofort vom Gymnasium abzumelden. Schon damit er einem consilium abeundi entgeht, denn ich fühle mich verpflichtet, das mir von Ihnen Mitgeteilte dem Lehrerkollegium zu unterbreiten. Für die weitere Bildung Ihres Sohnes halte ich nun freilich eine Volksschule für das höchst Erreichbare, vielleicht wäre noch richtiger eine Anstalt für geistig zurückgebliebene Kinder. Dieses ewige Heulen, diese Unfähigkeit, auch die einfachsten lateinischen Formen zu erlernen, scheinen mir auf einen leichten Schwachsinn zu deuten.

Sosehr der Vater auch gerade in diesem Augenblick seinem Sohn zürnt, sein Gerechtigkeitsgefühl kann angesichts dieses entsetzlichen Gutachtens nicht schweigen, wohl rührt sich auch Vaterstolz, der hier allzu grob verletzt worden ist. Ihn schreckt noch mehr als das Urteil die Böswilligkeit, die er heraushört. Nach einem heftigen Auftritt nimmt er den Sohn von der Schule. «Vielleicht wäre hier der Übergang zum Realgymnasium angebracht gewesen», schreibt die Mutter in ihren Erinnerungen, «aber in damaliger Zeit war das ganz ungewöhnlich. Wir kamen gar nicht darauf.» Fallada wird ans Bismarck-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf umgemeldet. Es ist eine im äußeren Anspruch bescheidenere Anstalt, geflickte Hosen fallen hier nicht auf, und die Lehrer sind wohl auch besser gewesen: Fallada gehört jedenfalls schon bei der nächsten Versetzung zu den sechs besten Schülern der Klasse. Nur in Latein kommt er auch hier ohne Nachhilfestunden nicht aus.

 

1908 geht der Lebenswunsch des Vaters in Erfüllung. Er wird zum Reichsgerichtsrat ernannt und ein Jahr darauf nach Leipzig an die damals höchste Instanz deutscher Gerichtsbarkeit versetzt. Fallada ist da schon fünfzehn, lang aufgeschossen und der geflickten Hose entwachsen. Die Schule ist nun erträglich geworden, dennoch bleibt er trübe, verdrossen, mundfaul und, auf der anderen Seite, mit einer übermäßigen Neigung zu kalbern und vor allem zu necken. Zwar ist er jetzt den Anregungen und Zukunftsermahnungen des Vaters zugänglicher, er bereitet sich einsichtig auf die Aufnahmeprüfung vor, die er in Leipzig wird ablegen müssen, aber daneben ist er zum Beispiel noch immer derselbe Pechvogel:

Meine Mutter hat mir erzählt, daß ich bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr eigentlich alljährlich einmal lebensgefährlich krank gewesen sei, von kleinerem Mißgeschick zu schweigen.

Das kleinere Missgeschick besteht aus Unfällen, die er sich im Übereifer und aus Blindheit für das Zunächst- und Naheliegende zuzieht. Einmal will er zum Beispiel seine Eltern zu Weihnachten mit einer fotografischen Blitzlichtaufnahme überraschen. Dabei behält er das abbrennende Magnesiumpulver in der bloßen Hand. Natürlich kostet es Mühe und Verdruss, am Heiligen Abend einen Arzt zu finden, der die schweren Verbrennungen behandelt. So ist das meiste arglos gemeint, aber gar zu spontan ausgeführt und endet mit Enttäuschungen oder Schlimmerem. Außerdem wird er fortwährend von fixen Ideen geplagt, etwa, eine bestimmte Straßenbahn werde zu brennen anfangen, wenn er einsteigt. Jeden Tag will er etwas anderes werden, und die Eltern sehen voll Sorge auf alles Unstetige und Ungestüme. Längst steht ihren Herzen der früher etwas ruppige und rüde jüngere Bruder näher, denn er ist nicht nur der Beständigere und Folgsamere, auch den Dummheiten, die er machte, fehlte so ganz der Zug von Verhängnis und Unbegreiflichkeit.

Wollten wir nur chronologisch vorgehen, müssten wir schon jetzt Anzeichen erwähnen, die auf eine spätere Existenz als Schriftsteller hindeuten. Einmal jedoch möchten wir von dieser Entwicklung in einem geschlossenen Kapitel berichten. Zum anderen gilt es vorher die Aufführung der äußeren Kindheitseinflüsse noch um einige einschneidende Episoden zu vervollständigen. Sie sind für den weiteren Lebensverlauf mindestens ebenso wichtig gewesen wie die Bemühung des Heranwachsenden, diesen Lebensverlauf aus dem Innern zu bestimmen.

Die vielleicht folgenreichste Geschichte trägt sich vierzehn Tage nach der Übersiedlung der Familie in die Leipziger Schenkendorfstraße zu. Fallada hat die Aufnahmeprüfung am dortigen Königin-Carola-Gymnasium bestanden, zur Belohnung wird ihm ein lange gehegter Wunsch erfüllt: Er bekommt ein Fahrrad. Dieses Fahrrad wird eines Nachmittags gekauft, am nächsten Morgen, zeitig, verproviantisiert Fallada sich in der Küche mit belegten Broten, schleicht die Treppe hinab und holt das Rad heimlich aus dem Keller. Nach kurzer Orientierung auf dem Stadtplan des Vaters beschließt er, einen Onkel zu besuchen, der am Stadtrand von Leipzig wohnt. Er fährt los, isst unterwegs in einem Park seine Brote und klingelt schon wenige Minuten nach sieben an der Gartentür des Onkels. Der ist mehr verwundert als begeistert, nimmt sich aber nach einigem Zögern für eine Zigarettenlänge Zeit. Er bietet auch dem Neffen eine Zigarette an und meint lächelnd, dass dieser doch sicher schon rauche.

Natürlich! lüge ich und nehme eine Zigarette aus dem dargereichten Etui, In Wahrheit habe ich noch nie geraucht, ich bin noch nicht einmal auf den Gedanken gekommen, daß ich rauchen könnte.

Weil dies die erste Zigarette in seinem Leben ist, rettet sie ihm an diesem Tage das Leben. Denn als Fallada an die frische Luft zurückkehrt, muss er sich sofort übergeben. Mit leerem Magen radelt er danach in die Stadt zurück, und die noch immer wenig belebten Straßen verleiten ihn dazu, schneller und schneller zu treten. In eleganter Schräglage segelt er um eine Straßenecke, und:

Ob ich noch versucht habe zu bremsen, weiß ich nicht mehr. Ich weiß überhaupt lange nichts mehr. Ich sehe nur noch zwei braune Pferdebrüste, die hoch, hoch sich über mir erheben, und lange Pferdebeine, mit blinkenden Hufeisen, und die Beine werden auf mich zu immer länger, immer länger …

Ein schwer beladener Fleischerwagen rollt über ihn hinweg. Der herbeigerufene Arzt stellt zunächst erst einmal eine Gehirnerschütterung fest. Im Krankenhaus zeigt sich dann, dass noch ein Fuß gebrochen ist, dass ein Pferdehuf ihm den Kiefer zertreten hat und, schließlich, dass der Magen unter dem Gewicht des Wagenrades geplatzt ist. Wieder wurde ein Krankenwagen bestellt und ich in eine Klinik gefahren … Ich habe dort lange, lange gelegen, über ein Vierteljahr … ich war zu schwach zum Operieren, der Magen mußte stillgelegt werden, also bekam ich nichts zu essen und zu trinken. Statt dessen qualvolle Salzwassereinspritzungen. Und als der Magen notdürftig wieder heil war, bekam ich durch Unachtsamkeit etwas Falsches zu essen, und wieder fing das Bluten und Hungern und Dürsten an!

Er ist noch einmal davongekommen, weil sein Magen sich vor dem Unfall in den Vorgarten des Onkels entleert hatte. Aber die Folgen des Unfalls sind auch für den am Leben Gebliebenen nicht ohne Tragweite. Als ich nach Wochen leidlich repariert wieder nach Hause kam, war ich nur noch ein bleiches Gespenst. Auf einem Fuß hinkte ich – noch viele Monate lang – und im Mund trug ich ein künstliches Gestänge, an dem jeder mir noch verbliebene Zahn mit Draht angehängt war.

Er verliert ein Jahr in der Schule und muss darüber hinaus Versäumtes durch mühevolles Büffeln in strenger Klausur nachholen. Alles wurde dadurch anders. Ich bekam andere Freunde, andere Lehrer. Mein lange hinkendes Bein schloß mich nicht nur von aller körperlichen Betätigung, sondern auch von der Tanzstunde aus. So habe ich auch nie Tanzen gelernt. Ich denke manchmal, mein ganzes Leben wäre anders verlaufen, wenn ich hätte tanzen können. So geriet ich immer mehr in eine Isolierung, ich hatte so vieles nicht mit den anderen gemeinsam.

Von jeher eine Natur, die dem Stillesitzen durch allerlei Streiche hatte zu entkommen suchen, ist er nach der dreimonatigen Geduldsprobe im Krankenhaus erneut zum Zurückdämmen seines eingeborenen Überschwangs angehalten. Wie hier ein Mensch durch nicht nachlassenden äußeren Zwang immer weiter in Isolierung und Introversion getrieben wird, das ist so beispielhaft wie extrem. Dieser ihm aufgedrängten Isolierung will er sich immer wieder entziehen. Aber jeder Versuch endet noch tiefer im Problematischen, jeder Ausbruch trägt neue Wunden ein, statt die schon vorhandenen vergessen zu machen.

Nehmen wir nur den Entschluss des nun schon Siebzehnjährigen, sich der Wandervogel-Bewegung anzuschließen. Diese Episode ist in Damals bei uns daheim beschrieben. Wir können uns daher darauf beschränken, auf den tragischen Akzent auch hier hinzuweisen.

Eines Tages hat die Wandervogel-Gruppe, der Fallada angehört, eine fünfwöchige Ferienfahrt nach Holland beschlossen. Ein zwanzigjähriger Student leitet die «Tour», er ist es dann auch, der den durchweg jüngeren Teilnehmern der Fahrt am fünften Tag eröffnet, dass das Reisegeld verbraucht ist. Fallada, der hier Esau heißt, hat den Einfall, durch Singen und anschließende Kollekte die Fortsetzung der Reise zu finanzieren. Der Vorschlag findet Gegner, wird aber dennoch schließlich angenommen und befolgt. Nur eine Einschränkung drücken die Gegner durch: Esau darf nicht mitsingen, weil er zu unmusikalisch sei. Außerdem müsse einer ja das Geld einsammeln … So kam es, daß ich mit dem Hute in der Hand durch Holland zog …

Um einen Vorgeschmack davon zu geben, auf welche Art Fallada eigene Erlebnisse später in sein Werk übernahm, blenden wir zu einem Abschnitt in Wir hatten mal ein Kind über. Der Held dieses Romans, Johannes Gäntschow, trifft während seiner Wanderschaft auf zehn oder zwölf Gymnasiasten, von einem zwanzigjährigen Studenten geführt. Man beachte das grausame Selbstporträt des Autors:

Die Wandervögel hatten Gitarren und Mandolinen mit, und wenn sie in einen Ort kamen, so stellten sie sich auf den Marktplatz, ließen ihre Klampfen loszittern und sangen dazu alte deutsche Volkslieder. Sie hatten unter sich einen Gymnasiasten, ein langes, wadenloses Tier, ungeschickt, mit einer Brille, das weder ein Instrument spielen noch eine Melodie mitbrummen konnte, das aber einen herrlichen grünen Filzhut mit einer langen Fasanfeder hatte. Wenn dann die Holländer, erfreut über die schöne Abendmusik, klatschten, tauchte das musikalische Untier aus dem Hintergrunde auf, zog seinen Hut und sah, während die andern weitersangen und spielten, das Publikum mit seinen großen, traurigen, bebrillten Eulenaugen an, daß ganz von selbst nicht nur Fünf- und Zehn-Cent-Stücke, sondern auch Gulden in den Hut fielen.

Der Abschluss der Hollandfahrt ist für Fallada noch unheilvoller als deren Verlauf. Wieder bringt ihn seine Ungeschicklichkeit bis in Todesnähe: Eines Tages ist er dazu eingeteilt, den Kessel mit der kochenden Bohnensuppe zu beaufsichtigen, während die anderen in dem endlich nach so vielen Tagesmärschen erreichten Meer baden gehen. Fallada ist ganz froh, einmal allein gelassen zu werden, und eifrig, übereifrig schichtet er Treibholz auf das Feuer, und als er zuletzt noch einen besonders schönen Knüppel unter den Kessel zwängt, kippt dieser um und ergießt seinen Inhalt über den Strand. Fallada ist zu Tode erschrocken, und in seiner Verzweiflung verfällt er darauf, die festen Zutaten der Suppe wie Bohnen, Kartoffeln und Fleisch im Meer abzuspülen, den Kessel mit Meerwasser aufzufüllen und alles so schnell wie möglich wieder zum Kochen zu bringen. Als er merkt, wie schauderhaft salzig die neue Mischung schmeckt, meint er den galligen Geschmack durch Zusatz von Zucker aufheben zu können. Nacheinander entnimmt er sämtlichen Rucksäcken die Zuckervorräte, aber dadurch wird es nur noch schlimmer. Kurz, die andern sind bei ihrer Rückkehr außer sich vor Hunger und Enttäuschung und deshalb zu fürchterlicher Rache entschlossen. Fallada wird so lange unter Wasser getaucht, bis er ohnmächtig ist. Der «Führer» der Gruppe, der mit den Worten Ich habe dich in Schutz genommen, aber du bist wirklich zu gar nichts zu gebrauchen! Du bist kein Mensch, du bist ein Trottel! das Signal zu jeder Art von Sonderbehandlung gegeben hatte, bekommt es nun doch mit der Angst, die allmählich in schlechtes Gewissen übergeht. Denn schon nach kurzer Zeit bekommt Fallada hohes Fieber und muss mit dem Zug den andern vorausfahren. Zu Hause angekommen, stellt sich heraus, dass er sich an dem eingeschluckten Meerwasser infiziert hat. Er hat Typhus. Wieder einmal schließen sich die Türen eines Klinikzimmers hinter ihm. Die Wandervogel-Gefährten stoßen ihn darüber hinaus noch vor den Kopf und zurück in Untüchtigkeits- und Einzelgängerbewusstsein, dem er an ihrer Seite doch gerade hatte entrinnen wollen. Als er einige Zeit später den Gruppen-Führer auf der Straße trifft, brüllt der ihn an: Mensch, Esau! … Du hast doch keinen Typhus gehabt! Erzähl mir doch bloß so was nicht! Dann hätten wir alle den Typhus kriegen müssen! Nein, sie haben dem Wandervogel was auswischen wollen, und da haben sie dich fein dazu gebrauchen können, diese fetten Bürger! und du bist noch so ein Kamel, daß du ihnen alles glaubst! Du weißt doch, Esau, du bist immer ein Kamel gewesen, die ganze Fahrt lang …