Harry - Ein Leben zwischen Liebe und Verlust - Katie Nicholl - E-Book

Harry - Ein Leben zwischen Liebe und Verlust E-Book

Katie Nicholl

4,9
15,99 €

Beschreibung

Der Verlust seiner Mutter und die ständige Beobachtung durch eine Öffentlichkeit, die keinen Skandal verzeiht - Harry führt ein Leben zwischen königlichem Luxus und bitteren Schicksalsschlägen. Als sich der Prinz von Großbritannien und Nordirland im November 2017 mit der amerikanischen Schauspielerin Meghan Markle verlobt, jubelt die ganze Welt. Begleiten Sie Harry durch die bewegenden Momente seines Lebens und erfahren Sie bisher unbekannte Hintergründe zu den Ereignissen, die den einzigartigen Prinzen am meisten prägten. Katie Nicholl, Korrespondentin von The Mail on Sunday am britischen Königshof, kennt sich aus bei den Royals. Sie ist bereits erfolgreiche Autorin diverser Adelsbiografien. In Harry - Ein Leben zwischen Liebe und Verlust gibt sie tiefe Einblicke in das Leben des Prinzen im und außerhalb des Buckingham Palace. Bisher unveröffentlichtes Bildmaterial, exklusive Interviews mit Palastangestellten und wichtigen Personen aus seinem Privatleben zeigen Harry von seiner persönlichsten Seite. Freunde und Familienangehörige sprechen über seine heimlichen Geliebten, royale Familienfehden und Geheimnisse, die noch nie zuvor offenbart wurden. "Erfahren Sie alles über heimliche Geliebte, royale Familienfehden und nie offenbarte Geheimnisse. Spannend und wahr!" Super illu

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Seitenzahl: 405

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HarperCollins®

Copyright © 2018 by HarperCollins in der HarperCollins Germany GmbH

© 2018 by Katie Nicholl Originaltitel: »Harry: Life, Loss and Love« erschienen bei: Hachette Books, New York

Covergestaltung: HarperCollins Germany/Birgit Tonn Coverabbildung: Mark Cuthbert/Kontributor/Getty Images Redaktion: Anne Schünemann

ISBN E-Book 9783959677899

www.harpercollins.de

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

WIDMUNG

Für Chris, Matilda und George

PROLOG

Ich schreibe seit mehr als zehn Jahren über die königliche Familie. Tatsächlich begann meine Karriere als Hofberichterstatterin, nachdem ich Harry 2003 persönlich kennengelernt hatte. Ich war eine junge Boulevardjournalistin, die über ein Event im Kensington Roof Gardens berichten sollte, als Harry, der dort eine andere Party im VIP-Raum veranstaltete, mich einlud, ihm Gesellschaft zu leisten. Der Prinz ging noch zur Schule und hätte eigentlich lernen sollen, stattdessen feierte er und war entschlossen, sich zu amüsieren. Er war einnehmend und sympathisch, mit einem spitzbübischen Funkeln in den Augen.

Von da an habe ich beobachtet, wie er sich von einem manchmal eigensinnigen Royal zu einem beeindruckenden jungen Mann entwickelt hat.

Seit Harry mit zwölf seine Mutter verlor, gehört ihm ein Platz in unseren Herzen. Deshalb wurden ihm seine gut dokumentierten Abstürze stets verziehen: Von dem Geburtstag eines Freundes, auf dem er eine Naziuniform trug, über eine Partynacht, in der er aus einem Club herausstürzte und auf Paparazzi losging, bis hin zu dem Vorfall in Las Vegas, für den er sich entschuldigt hat. Heute, nachdem er die Dämonen der Vergangenheit bekämpft hat, nimmt Harry nicht nur einen wichtigen Platz innerhalb der royalen Familie ein, sondern hat auch eine Frau gefunden, mit der er das Leben teilen will.

Obwohl die Romanze mit der amerikanischen Schauspielerin Meghan Markle gemessen an royalen Standards mindestens als stürmisch zu bezeichnen ist, hat Harry nie glücklicher ausgesehen.

Wenn sie sich am 19. Mai in der St. George’s Chapel auf Windsor Castle das Jawort geben, wird mit Meghan die erste geschiedene Frau mit afroamerikanischen Wurzeln in die königliche Familie einheiraten. Sie könnte sich nicht stärker von den blaublütigen Aristokratinnen unterscheiden, mit denen Harry in der Vergangenheit in Verbindung gebracht wurde.

Harrys Mutter, Prinzessin Diana, wäre zweifellos hocherfreut, dass ihr jüngster Sohn genau wie sie mit der royalen Tradition bricht. Es war Diana, die ihren Söhnen geraten hat, aus Liebe zu heiraten, und Harry ist ihrem Rat gefolgt. Wie sein Bruder, Prinz William, hat er eine Bürgerliche zur Frau gewählt, und es besteht große Hoffnung, dass diese Ehe genauso glücklich wird wie die der Cambridges. Die Geschichte des Königshauses wird geschrieben, und wir haben einen Platz in der ersten Reihe.

KAPITEL EINS

DER KLEINE WALES

Der Verlust meiner Mum mit zwölf und dass ich dadurch in den letzten zwanzig Jahren meine Gefühle in mir verschloss, hatte gravierende Auswirkungen auf mein Privatleben und die Arbeit.

Prinz Harry, April 2017

Seine Mutter zu verlieren ist für jedes Kind eine traumatische, einschneidende Erfahrung. Für einen zwölfjährigen Prinzen, der im Scheinwerferlicht der Medien steht, war es unerträglich. Das Bild von Harry hinter dem Sarg seiner Mutter neben seinem fünfzehnjährigen Bruder William, flankiert von seinem Vater, dem Prince of Wales, und seinem Großvater, dem Duke of Edinburgh, sowie seinem Onkel mütterlicherseits, Charles Spencer, wird für immer die Erinnerung an jene dunklen Tage prägen. Die kleinen Fäuste geballt und den Kopf gesenkt konnte Harry es nicht einmal über sich bringen, den Sarg seiner Mutter anzusehen.

»Kein Kind«, sagte Harry später, »sollte gezwungen werden, hinter dem Sarg seiner Mutter zu gehen«, und ohne Zweifel war der Prinz von der Erfahrung jenes Tages gezeichnet. Hier zeigt sich, wie der Tod seiner Mutter die beiden folgenden turbulenten Jahrzehnte prägte und warum er den größten Teil seines erwachsenen Lebens nicht in der Lage war, sich seiner Trauer zu stellen.

Harry war Ende zwanzig, als er sich auf eine sehr persönliche Selbstentdeckungsreise begab, die es ihm ermöglichte, ein Ziel im Leben zu finden. Es war ein holpriger Weg bis dahin – er hatte zu viel getrunken, schlechte Entscheidungen getroffen und war auf Paparazzi losgegangen, die er für den Tod seiner Mutter verantwortlich machte, und hatte seine Trauer unterdrückt, die ihren Höhepunkt in »zwei chaotischen Jahren« fand, wie er später zugab. Er haderte mit seiner königlichen Rolle, wie er gestand: »Es gab eine Zeit, in der ich dort rauswollte«, und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass er sich oft wünschte, nicht als Prinz geboren worden zu sein. »Ich habe meine Zeit mit Nichtstun verbracht und wollte nicht erwachsen werden«, hat er einmal gesagt.

Anders als William, der zukünftige König, musste Harry sich eine eigene Identität aufbauen, da er oft im Schatten seines älteren Bruders stand. Es war seit jeher nicht einfach, auf der Ersatzbank zu sitzen. Die jüngere Schwester der Queen, die verstorbene Prinzessin Margaret, kämpfte mit dieser Rolle, und auch Prinz Andrew, der sein Leben lang im Schatten von Prinz Charles stand. Harry ist im vollen Bewusstsein der Schwierigkeiten aufgewachsen, die es mit sich bringt, der zweitgeborene Sohn zu sein. »Jeder scheint anzunehmen, dass man von allein in diese Position hineinwächst. Aber es ist wie mit jedem anderen Job – man muss ihn lernen«, wie er einmal verkündete.

Und das hat Harry getan. Seine Veränderung ist bemerkenswert, und er hat sich als einer der größten Aktivposten der königlichen Familie erwiesen, seine Bedeutung und Popularität innerhalb der königlichen Hierarchie steigen ständig. Mit Diplomatie und Charme absolviert er Staatsbesuche für seine Großmutter, die Queen, und entwickelt sich zu einem bedeutenden Naturschützer, Philanthropen und setzt sich für wohltätige Zwecke ein. So führt er das Engagement seiner Mutter für Menschen, die an Aids leiden, weiter und schafft zugleich mit den Invictus Games, einer paralympischen Sportveranstaltung für kriegsversehrte Soldaten und Soldatinnen, sein eigenes Vermächtnis. Wie Diana fürchtet er sich nicht davor, schwierige Themen wie das der psychischen Gesundheit anzugehen, und hat eine einmalige Art, mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und Lebensbereichen zu kommunizieren, egal ob jung oder alt. »Meine Mutter war davon überzeugt«, hat er einmal gesagt, »dass du in einer privilegierten oder verantwortlichen Position deinen Namen für etwas einsetzen kannst, an das du wirklich glaubst … und dass du dann jedes Stigma zerschlagen kannst.«

Harry hat oft davon gesprochen, dass er drei Personen sei: ein Prinz, ein Soldat und eine Privatperson. Es gibt jedoch noch viele andere Seiten an ihm. Als Partyprinz, der bereit war, sein Leben im Krieg zu riskieren, hat er die Zuneigung und Achtung von Royalisten, Veteranen und der gesamten Weltöffentlichkeit gewonnen. Er ist ein pflichtbewusster Sohn, liebevoller Bruder, ein lustiger Onkel, und sehr bald wird er ein verheirateter Mann sein, der hofft, wie er selbst meinte, seine eigene Familie zu gründen. Und mit Meghan Markle scheint er die ideale Partnerin gefunden zu haben.

Harrys Suche nach einer sinnvollen Rolle im Leben und einer Ehefrau war lang und mühsam, ein Kampf an vielen Fronten. Aber nur wenn wir diesen Kampf verstehen, können wir Prinz Harry wirklich verstehen.

Am Sonnabend, den 15. September 1984, brachte Prinzessin Diana ihren zweiten Sohn, Prinz Henry Charles Albert David, zur Welt. Harry – wie er genannt werden sollte – wurde im selben Zimmer im Lindo Wing des St. Mary’s Hospital in Paddington geboren wie sein älterer Bruder William. Er wog gesunde 3100 Gramm und sein Vater, Prinz Charles, war während der neunstündigen Geburt an der Seite seiner Frau gewesen und hatte sie mit Eiswürfeln versorgt. »Er ist wunderbar, einfach wunderbar«, sagte er später zu Gratulanten, wobei er an einer roten Stelle im Gesicht fingerte, die er sich zugezogen hatte, als er sich beim Warten auf die Geburt an eine Wand gelehnt hatte. »Seine Augen sind blau und seine Haare haben eine unbestimmte Farbe. Diana geht es gut, und sie ist jetzt sehr glücklich.«

Prinz William hatte sein kleines Brüderchen schon gesehen, hatte sich von der Hand seiner Nanny Barbara Barnes losgerissen, um den Flur des Krankenhauses hinunterzulaufen, und wartete im Kensington Palace, um Harry in seinem Kinderzimmer mit den fröhlichen Wandbildern von kleinen Hasen in Rosa und Hellblau und einem Haufen neuer Kuscheltiere zu empfangen. Als Diana und Charles am nächsten Tag das Krankenhaus verließen, Harry geborgen im Arm seiner Mutter, sahen sie wie jedes andere glückliche Paar aus, das sein geliebtes Baby nach Hause bringt.

Aber es war nicht alles in Ordnung. Die Ehe der Princess und des Prince of Wales steckte schon eine ganze Weile in einer Krise. Das Märchen verwandelte sich nach und nach auf schmerzliche Weise in eine Geschichte gestörter Verhältnisse und Kummer. Diana war emotional fragil, erkrankte an Bulimie, hegte tief sitzende Selbstzweifel und litt nach Williams Geburt eine Zeit lang an einer ausgeprägten postnatalen Depression. Es hatte sie viel Kraft gekostet, nach der Geburt ihre royalen Pflichten zu erfüllen, besonders weil sie zu der Überzeugung gelangt war, dass Charles sich mit seiner Ex-Freundin Camilla Parker Bowles traf, ein Verdacht, der sie unsäglich quälte.

Charles hatte ebenfalls seine Schwierigkeiten – besonders seine Unfähigkeit, die Probleme seiner Frau zu verstehen oder etwas dagegen ausrichten zu können –, zog es jedoch vor, sich in seine Pflichten zu stürzen, statt Dianas Lage ernst zu nehmen. Um die Zeit von Harrys Geburt, nach der er und Diana überall mit großer Begeisterung empfangen wurden – sein Jugendhilfeprojekt »The Prince’s Trust« war ein Erfolg, und Diana wurde durch ihre Wohltätigkeitsarbeit noch beliebter –, ärgerte sich Charles zunehmend über ihre Verschiedenheit. In nichts zeigte sich diese deutlicher als in Dianas Gleichgültigkeit gegenüber Highgrove, Charles’ Landsitz in Gloucestershire. Es gab für Charles nichts Schöneres, als seine Wochenenden fernab von London, draußen in der frischen Luft zu verbringen, seine Gärten zu pflegen oder seiner Leidenschaft für ländlichen Sport nachzugehen. Diana, die zwölf Jahre jünger war als er, fuhr nur widerwillig nach Highgrove, schloss sich selten den Outdoor-Aktivitäten an und blieb lieber drinnen, um ihre Lieblingssoaps im Fernsehen anzuschauen oder mit ihren Londoner Freunden zu telefonieren.

Diana gestand später, dass Harrys Empfängnis »wie durch ein Wunder« geschehen sei, dabei war es vor seiner Geburt tatsächlich zu einer kurzen Atempause im Kleinkrieg seiner Eltern gekommen. Es bestand kein Zweifel, dass die Aussicht auf ein zweites Kind Charles zuversichtlich gestimmt hatte, besonders nachdem er öffentlich den Wunsch nach einer Tochter geäußert hatte. Wie viele Paare, die glauben, dass die Geburt eines Kindes die kaputte Beziehung reparieren könne, freuten sich beide auf den Neuankömmling. Tatsächlich waren sich Diana und Charles laut Dianas Aussage »sehr nahe in den sechs Wochen, bevor Harry geboren wurde, näher als wir uns jemals gewesen waren und jemals wieder sein« würden, obwohl sie wusste, dass Harry ein Junge sein würde, und es ihrem Mann verschwieg.

Die Lage verschlechterte sich jedoch ziemlich schnell nach Harrys Geburt. Außerhalb der Öffentlichkeit soll Charles angeblich gesagt haben: »Oh, es ist ein Junge, und er hat sogar rote Haare.« Dass er ein paar Stunden, nachdem er Diana und Harry zurück in den Kensington Palace gebracht hatte, mit seinem Aston Martin davonbrauste, um im Windsor Great Park Polo zu spielen, trug erheblich zu Dianas Schmerz bei. »Etwas in mir ist gestorben«, sagte sie später. Bald war klar, dass Harrys Geburt nichts besser gemacht hatte, was ihre Ehe anging.

Wie es auch um sie stand, Charles und Diana waren wild entschlossen, ihre Kinder in dem Gefühl der Liebe und Geborgenheit aufwachsen zu lassen. Harry war vielleicht in ein zerrüttetes Elternhaus geboren worden, aber der Kitt, der Charles und Diana noch zusammenhielt, war die tiefe Liebe und gleiche Einstellung zu ihren Söhnen. Keiner von ihnen hatte eine besonders liebevolle und glückliche Kindheit gehabt. Entschlossen, ihre Söhne anders großzuziehen, führten sie ein neues Leitbild royaler Elternschaft ein. Charles hatte häufig darunter gelitten, wie selten er als Kind seine Mutter gesehen hatte, und war gezeichnet von Erinnerungen daran, wie distanziert und förmlich ihr Verhältnis gewesen war. In der Regel war er morgens eine halbe Stunde mit ihr zusammen gewesen und dann wieder vor dem Abendessen. Seinem Biografen Jonathan Dimbleby erzählte er, seine Mutter hätte ihn einmal nach monatelanger Abwesenheit, in der sie die Länder des Commonwealth bereist hatte, mit einem förmlichen Händeschütteln begrüßt. Zu seinem Vater, den er in Dimblebys Buch The Prince of Wales »herrisch« nannte, hatte er ebenfalls kein enges Verhältnis.

Auch Diana hatte zweifellos eine unglückliche Kindheit. Die Ehe ihrer Eltern war zerbrochen, als sie sechs war und ihre Mutter Frances die Familie für ihren Liebhaber Peter Shand Kydd verlassen hatte. Sie erinnerte sich, dass ihre Eltern sich gestritten hatten, weil sie die dritte Tochter war und nicht der vom Vater ersehnte männliche Erbe. Selbst nachdem ihr jüngerer Bruder Charles geboren worden war, fühlte sie sich schuldig, weil sie nicht das sein konnte, was ihre Eltern sich gewünscht hatten. Als ihre Mutter ging, war die Last der Zurückweisung noch schwerer zu ertragen, und sie verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit damit, gegen das Gefühl anzukämpfen, nicht geliebt zu werden und nicht liebenswert zu sein.

Diana war fest entschlossen, ihren Kindern nicht dieselbe schreckliche Erfahrung der Zurückweisung aufzubürden, die sie immer noch quälte. Später erzählte sie Andrew Morton in Diana: Ihre wahre Geschichte: »Ich möchte ihnen Geborgenheit geben, nichts vorwegnehmen, weil sie enttäuscht sein werden. Ich umarme meine Kinder bis zum Erdrücken und gehe abends mit ihnen ins Bett. Ich will sie mit Liebe und Zuneigung nähren. Das ist so wichtig.« Charles zeigte seine Gefühle zwar weniger offen, aber es war klar, dass er mit seiner Frau darin übereinstimmte, dass ihre Kinder wissen sollten, dass sie geliebt werden. »Er liebte alles rund ums Kinderzimmer«, erzählte Diana. Als Harry geboren war, ließ er es sich nicht nehmen, wie bei William zur Badezeit dort zu sein, um seinen Söhnen die Flasche zu geben, nachdem Diana abgestillt hatte.

Und so kam es, dass Harry in einem Haushalt aufwuchs, in dem er und sein Bruder Liebe und Verlässlichkeit erfuhren, obwohl die Beziehung seiner Eltern unglücklich und zerrüttet war. Abgesehen von seinen Eltern gab es eine Armee von Nannys, Leibwächtern und Personal, die Harry bedingungslose Sicherheit und Liebe vermittelten, während er sich an die Welt gewöhnte, in die er hineingeboren war. Voller Freude darüber, wie William auf Harrys plötzliches Erscheinen auf der Bildfläche reagiert hatte, schrieb Diana an Cyril Dickman, einen Butler im Kensington Palace: »William vergöttert seinen kleinen Bruder, überhäuft ihn fortwährend mit Umarmungen und Küssen und lässt die Eltern kaum in seine Nähe!« Und meistens akzeptierte William sein Brüderchen selbstlos und teilte sein Spielzeug mit Harry, dem besonders Williams rotes Rennauto und der grün-weiße Küss-mich-Frosch gefielen.

Harry war ein gutmütiges Kind, das laut Charles »wunderbar schläft und gut isst«. Während der zweijährige William etwas schwierig war – zeitweise wurde er »Basher Wills« [z. Dt. »Schläger-Wills«] genannt –, war Harry nach Aussage seines Vaters »derjenige mit der sanften Natur«. Er konnte früh laufen und watschelte auf seinen kleinen Beinen umher, um möglichst alles zu erforschen. Sein erstes Bad in der Menge nahm er mit achtzehn Monaten, als er auf dem Weg nach Balmoral mit seiner Mutter und seinem Bruder auf dem Flughafen von Aberdeen landete. Er kam auf Dianas Arm aus dem Flugzeug, machte sich aber los, sobald sie das Rollfeld erreichten, und lief zur Überraschung und Freude der wartenden Presse auf diese zu. Im selben Jahr ging er seiner ersten royalen Verpflichtung im Ausland nach, als seine Eltern ihn und William auf eine Reise nach Italien mitnahmen, womit das Paar vom Protokoll abwich und seinen Wunsch offenbarte, die Kinder immer nah bei sich zu haben.

Als Kleinkind verhielt sich Harry ruhiger, als William gewesen war. Er war vorsichtig und überließ seinem großen Bruder die Rolle des Anführers, in dessen Schatten er stand, was bei zweitgeborenen Kindern verbreitet ist und vielleicht umso mehr, wenn der Bruder ein König sein wird. Doch als William in den Kindergarten kam und eine neue Nanny, Ruth Wallace – die er liebevoll »Roof« nannte –, Barbara Barnes ersetzte, verließ er sein Schneckenhaus. Während er lernte, sich flüssiger auszudrücken, wuchs sein Selbstvertrauen. Einem Mitglied des Betreuungspersonals zufolge war Harry »das reinste Vergnügen, [er] war sehr aufgeweckt und viel klüger als sein Bruder in dem Alter«.

Harry war gesprächig und plapperte mit jedem drauflos, der ihm zuhörte. Einer von Dianas Leibwächtern, Ken Wharfe, erinnert sich: »Diana wollte keine Schranken. William und Harry wurden ermuntert, mit den Köchen, den Chauffeuren, Garderobieren, Gärtnern zu sprechen – sie standen alle auf Du und Du mit den Jungs. Harry mochte besonders Frances Simpson, eine der Haushälterinnen. Harry war immer unten in den Personalräumen. Er kannte jeden, den Mann für die Blumen, den Schlachter. Und jeder vergötterte ihn. Er war ein lustiger kleiner Junge.« Darren McGrady, der von 1993 bis 1997 als persönlicher Koch für den Prince und die Princess of Wales und William und Harry arbeitete, erinnert sich: »Harry war immer mein Liebling im Kensington Palace. Ich habe ihn und William heranwachsen sehen. Diana wies mich an: ›Du passt auf den Thronfolger auf, ich auf den Ersatz.‹ Das sagte sie häufig zu mir, wenn wir in der Küche waren. Sie sagte auch, dass Harry ihr mehr ähnle, ein Hohlkopf, scherzte sie, und William mehr seinem Vater.«

Während Williams und Harrys Kindergartenzeit sorgte Diana für eine wöchentliche Routine. Sie verbrachten die Tage im Kensington Palace, trafen sich zum Spielen oder betätigten sich darin, Videos zu schauen oder draußen im Garten herumzulaufen. Mittwochnachmittags besuchte sie mit ihnen die Queen im Buckingham Palace, wobei sie sie auf dem Weg dorthin stets ermahnte, sich so gut wie möglich zu benehmen. Wenn ihr Terminkalender es zuließ, ging sie mit den Jungen ins Kino oder in ein Restaurant in der Nähe. Einen Sonnabend, als Harry fünf und William sieben war, ging Diana mit ihnen zu W. H. Smith in der High Street in Kensington. Die Jungen fanden Dianas Verkleidung an diesem Tag – eine lange braune Perücke und Sonnenbrille – besonders lustig, weil sie so anders aussah, und als sie ihre zu großen Baseballkappen aufsetzten, hielten sie sich an den Händen, lachten und machten Witze, während ihre Personenschützer ihnen in diskretem Abstand folgten. Im Laden steuerte Harry direkt auf seine actionreichen Lieblingscomics über Superhelden zu, aber als er mit einem Comicheft, einem Schokoriegel und einer Packung Kaubonbons zur Kasse kam, wies Diana ihn darauf hin, dass er nicht genug Taschengeld für alle drei Dinge hätte und eins zurücklegen müsste. In der Regel haben Mitglieder der königlichen Familie kein Bargeld bei sich, aber Diana fand es unbedingt notwendig, dass ihre Kinder den Wert des Geldes verstehen lernten, und teilte ihnen Taschengeld zu, das sie bei solchen Ausflügen in Läden ausgeben durften. Harry war einsichtig und legte die Bonbons zurück, sodass Diana entschied, er hätte einen Cheeseburger und Pommes verdient. Die drei steuerten also den nächsten McDonald’s an, wo William und Harry ihr Essen selbst bestellten und ihre Happy Meals zu einem Tisch in der Ecke trugen, nicht weit von ihren Personenschützern, die unauffällig Platz genommen hatten und ihre eigenen Burger verspeisten. Für jeden anderen wäre dies das normalste Mittagessen der Welt gewesen, aber für Diana und die Jungen war es ein besonderes Vergnügen, umso aufregender, weil sie inkognito waren.

Diese Zeiten mit ihrer Mutter, in denen sie Dinge taten, die »normale« Menschen tun, verbunden mit Dianas tiefem Mitgefühl für die Menschen, die sie im Zusammenhang mit ihrer Wohltätigkeitsarbeit traf, sowohl zu Hause als auch im Ausland – jene mit Aids oder Lepra, Obdachlose, Süchtige –, haben William und Harry letztendlich geprägt. Sie waren unglaublich wichtig und die Grundlage dafür, dass sie zu ausgeglichenen, engagierten und emotional intelligenten jungen Männern heranwuchsen. Auch die Wochenenden in Highgrove, obgleich es nicht gerade Dianas bevorzugtes Ziel war, waren äußerst wichtig für William und Harry, denn sie boten ihnen die Möglichkeit, draußen zu sein, die Wunder der Natur kennen- und schätzen zu lernen, sich Spiele auszudenken und vor allen Dingen Zeit mit ihrem Vater zu verbringen, der sie abgöttisch liebt.

Für zwei kleine Jungen war Highgrove mit seinen großen Flächen Land ein Paradies, und Charles freute sich, dass seine Söhne seine Liebe zu dem Ort teilten. Er brachte ihnen bei, sich um ihre Tiere zu kümmern, in Harrys Fall ein kleiner grauer Hase, den er sehr liebte und gewissenhaft pflegte, indem er gründlich seinen Stall säuberte. Charles unternahm lange Spaziergänge mit seinen Söhnen, begleitet von den Hunden, um die Schafe lammen zu sehen, und er ließ Harry und William extra angelegte Gemüsebeete kultivieren, die sie einsäten, aufblühen sahen und deren Erträge sie aßen. Er baute ihnen eine Spielgrube, gefüllt mit bunten Plastikbällen, in der sich die Jungen versteckten und vor Aufregung kreischten, wenn Charles hineintauchte, um sie zu suchen. Später folgte ein Baumhaus, wo die Brüder alle möglichen Spiele erfanden und sich ganze Militärmanöver ausdachten, mit denen sie sich stundenlang beschäftigten.

Charles liebte es, wenn die Jungen in Highgrove waren, und hielt sie nie davon ab, die vielen Zimmer zu erkunden. Wenn er Ruhe brauchte, bat er sie, ihn allein zu lassen, um weiterzuarbeiten, versprach ihnen jedoch, später das Spiel mit dem großen bösen Wolf zu spielen, eines ihrer Lieblingsspiele, das laut Wendy Berry, der Haushälterin in Highgrove, »darin bestand, dass Charles mitten auf der Kinderetage stand und versuchte zu verhindern, dass sie an ihm vorbeikamen. Manchmal wurde es ein bisschen rau, und William und Harry wurden auf das große Sofa an der Seite geschleudert, aber es wurde nie jemand verletzt wegen der vielen Kissen. Stets wurden sie daran gehindert vorbeizukommen und mit schallendem Gelächter auf das Sofa befördert.«

Harry war von klein auf abenteuerlustig, stürzte sich in sportliche Aktivitäten und fand sofort Gefallen am Reiten. Er hatte Reitunterricht bei Marion Cox, der Reitlehrerin am Ort, die mit den Kindern Ausritte auf ihren Shetlandponys unternahm.

Mit vier konnte Harry so gut reiten, dass Marion ihn (unter dem Namen Harry Cox) bei örtlichen Reitturnieren anmeldete, wo er mit seinem Pony Smokey seine erste Schleife gewann. Mit fünf hatte er den Mut, das Pferd seines Vaters, Centennial, zu reiten, das für sein Temperament bekannt war – aber Harrys kleine Beine waren nicht lang genug, um die Steigbügel zu erreichen. Bald nahm er an Turnieren rund um Highgrove oder in Balmoral teil, wo die Jungen ebenfalls ritten, und gewann Schleifen. Harry war ein solches Naturtalent, dass Prinzessin Anne, seine Tante, selbst erfolgreiche Reiterin und Olympionikin, sagte, er hätte einen »guten Sitz«, und wenn er hart trainieren würde, das Talent, an größeren Wettbewerben, möglicherweise auf der internationalen Bühne, teilzunehmen.

Da sich die Ehe von Charles und Diana in einer Abwärtsspirale befand und sie immer weniger Zeit miteinander verbrachten, suchten beide unvermeidlich woanders Trost – Charles bei Camilla Parker Bowles und Diana bei Captain James Hewitt, dem schneidigen rothaarigen Kavallerieoffizier, den sie auf einer Party im Sommer 1986 kennenlernte, als Harry fast zwei Jahre alt war. Er war ein guter Reiter, und als Diana gestand, dass sie sich nicht mehr zutraute zu reiten, bot er an, ihr in der Knightsbridge-Kaserne, wo er stationiert war, Unterricht zu geben. Sie verliebten sich ineinander, und er wurde schnell ein Teil von Williams und Harrys Leben, kam oft im Kensington Palace vorbei und war in Highgrove, wenn Charles nicht da war. James mochte William und Harry von Anfang an, las ihnen aus Williams Lieblingsbuch Winnie Puuh vor, beteiligte sich an nächtlichen Kissenschlachten und sprach mit ihnen über seine Arbeit beim Militär.

Harry begann schon sehr früh, sich für militärische Dinge zu interessieren. William hatte ihn dazu gebracht, sein Lieblingsspiel mitzuspielen – Haltung anzunehmen und ihrem Vater zu salutieren, wenn der Prince of Wales einen Raum betrat oder aus einem Zimmer herauskam. Das amüsierte den Prinzen so, dass er es normalerweise kaum schaffte, ihren Gruß mit unbewegtem Gesicht zu erwidern. Um das Spiel zu fördern, bestellte er gekürzte Uniformen des Fallschirmregiments, von dem er Ehrenoberst war. In Highgrove trugen William und Harry häufig die Uniformen, stellten Straßensperren auf und stoppten das Personal. Sie richteten ihre Spielzeuggewehre auf sie, während die Angestellten die Scheiben herunterkurbelten und die Gebühr von 20 Pence entrichteten, die die Scheinsoldaten verlangten. Hewitt gab nur zu gern Harrys Leidenschaft nach und lud die beiden Jungen in seine Kaserne ein, wo er ihnen die Möglichkeit bot, in Panzer zu klettern, so zu tun, als würden sie mit Maschinengewehren schießen, und andere Offiziere kennenzulernen.

Aber es sollte nicht nur Spiel und Spaß geben. Bald tauchte das Thema Bildung auf. Die Queen hatte erwartet, dass Charles’ Kinder traditionsgemäß zu Hause unterrichtet werden, Diana bestand jedoch darauf – mit Charles’ Zustimmung –, dass ihre beiden Söhne eine Schule besuchen sollten, um mit Kindern ihres Alters zusammen zu sein. Dianas Leibwächter, Ken Wharfe, erinnert sich: »Jeder dachte, sie würden royal aufwachsen, aber sie hatten eine ganz normale Kindheit. Sie besuchten Freunde und hatten Verabredungen zum Spielen.« So kam Harry wie William mit drei Jahren in Mrs. Mynors’ Nursery School, ein paar Straßen vom Kensington Palace entfernt, im Alter von fünf bis sechs in die Wetherby Pre-Preparatory School in Notting Hill und mit sieben nach Ludgrove, eine Internatsschule in Berkshire. Wann immer sie konnte, brachte Diana William und Harry selbst zur Schule, und sowohl Charles als auch Diana besuchten Schulkonzerte, Theateraufführungen und Sportveranstaltungen – wenn ihr Terminplan es erlaubte, und häufig getrennt –, was William und Harry damals viel bedeutete und sie in dem Alter prägte.

Die meiste Zeit war Harry gerne ein Cygnet, ein »junger Schwan«, wie die Mitglieder der jüngsten Gruppe in Mrs. Mynors’ Kindergarten genannt wurden, und er ging auch später gerne in die Wetherby-Vorschule. Anfangs verließ er jedoch nur widerstrebend das häusliche Nest, verbrachte seine Zeit lieber mit seiner Mutter und dachte sich alles Mögliche aus, um bei ihr bleiben zu können. Er kuschelte sich dann in ihren Schoß und schmiegte sich an sie, und sie genossen die Tage, an denen sie zusammen Filme anschauten, Bilderbücher lasen und darauf warteten, dass William nach Hause kam. Sie standen sich außerordentlich nahe. Simone Simmons, eine Freundin der Prinzessin, erinnert sich: »Es war für Harry nicht ungewöhnlich, dass er einen Tag nicht in die Schule ging, weil er sich nicht wohlfühlte. Er hatte häufiger Husten und Erkältungen als William, aber es war nichts Ernstes, ich glaube, meistens wollte er nur zu Hause bei seiner Mummy sein. Er liebte es, sie für sich allein zu haben und nicht mit William konkurrieren zu müssen.«

Diana liebte ihn abgöttisch und glaubte, dass er in Anbetracht seiner Stellung als Ersatz in der Thronfolge ihrer besonderen Fürsorge bedürfe. Simmons erinnert sich: »Harry beschwerte sich, dass William immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, wenn er und William bei der Königinmutter waren. William saß dann neben der Königinmutter in einem Empfangszimmer, das sie klein erscheinen ließ, und Harry saß in einiger Entfernung von ihnen und musste sich mit sich selbst beschäftigen. Besonders verletzte ihn, als bei einer dieser Gelegenheiten der Butler nur für die Königinmutter und William Sandwiches brachte.« Ken Wharfe entsinnt sich, dass Harry sich von klein auf seiner Stellung absolut bewusst war:

Ich erinnere mich an eine Begebenheit, als Harry vier oder fünf war und genau wusste, wer er war. Es war ein Freitagabend, und wir fuhren nach Highgrove. Diana saß vorne, und Olga [Williams und Harrys Nanny] saß mit den Jungs, die sehr laut waren, hinten. Olga befahl ihnen aufzuhören und still zu sein, und William gab eine patzige Antwort. Olga sagte: »Sei nicht frech«, und Harry meldete sich hinten zu Wort: »Das macht nichts, weil William König wird.« Es war außergewöhnlich, selbst in dem Alter wusste er es.

Harry liebte Diana bedingungslos, und selbst als kleines Kind spürte er, dass man auf sie aufpassen musste, weshalb er auch überall erzählte, dass er Polizist oder Feuerwehrmann werden wollte, damit er seine Mummy beschützen könnte.

Während er sich in der Schule ganz gut benahm, erwies Harry sich zu Hause mit wachsendem Selbstbewusstsein als ziemlicher Schlawiner. Wharfe erinnert sich: »Harry steckte häufig in Schwierigkeiten. Prinzessin Margaret, die nebenan im KP wohnte, beklagte sich einmal bei Diana, dass Harry ihre Katzen jagte. Nun, er war oft im Garten, meistens um nachzusehen, ob Füchse in den Fallen waren, die Prinzessin Michael aufgestellt hatte.« Aber es war harmlos, und Dianas Freundin, Carolyn Bartholomew, fand, Harry wäre »der zärtlichste, offenherzigste und knuddeligste kleine Junge«.

Mit vier wurde Harry wegen eines Leistenbruchs operiert, und im selben Jahr, kurz bevor er fünf wurde, kam er in die Wetherby School, ein paar Tage später als geplant, denn er musste sich von einer Virusinfektion erholen. In seiner Uniform, einem grauen Flanellblazer mit rotem Rand, Schulmütze, grauen Socken und Sandalen, ließ Harry Dianas Hand los und William hinter sich, rannte den gepflasterten Weg entlang zur Schulleiterin Frederika Blair-Turner und strahlte sie und die wartende Presse an, während sie sich hinunterbeugte und seine kleine Hand schüttelte. Jonathan Weinberg, ein Freund und Altersgenosse, der die Wetherby School mit ihm besuchte, berichtet: »Es war ziemlich aufregend, einen Prinzen an der Schule zu haben, und Harry war immer beliebt und lustig. Ich erinnere mich, dass eine der Garderoben in der Wetherby School zu einem Raum für Harrys Leibwächter gemacht wurde.«

Zu Hause hielt Harry alle mit seinem Beschäftigungsdrang auf Trab. Regelmäßig besuchte er Ken Wharfe in seinem Zimmer:

Meistens kam er, wenn er müde war, und sagte: »Ken, ich brauche etwas zu tun, gib mir eine Arbeit.« Ich gab ihm immer Aufträge innerhalb des Palastes mit meinem Funkgerät. Eines Tages erhielt ich einen Anruf von der Polizei an den Toren mit der Nachricht: »Wir haben Harry.« Ich hatte gerade mit seiner Tante, Lady Jane, gesprochen und sagte, er könne herunterkommen, um sie zu begrüßen, aber er musste aus dem Palast geschlüpft sein. Ich rief ihn an und fragte: »Wo bist du?« Das Funkgerät knackte, und Harry sagte: »Ich stehe vor Tower Records, Ken.« Noch nie in meinem Leben bin ich so schnell gelaufen. Es war typisch Harry.

Harrys sportliches Können war von früh an offensichtlich, nicht nur auf dem Pferd. Als er sechs war, fuhr Diana mit ihm und William in den Ferien zum Skifahren nach Lech in Österreich. »Ich erinnere mich noch gut daran, als wir Harry das erste Mal zum Skifahren mitnahmen«, erinnert sich Ken Wharfe liebevoll.

Es war spät in der Saison, und es lag nicht mehr viel Schnee. Ein Skilehrer namens Markus Kleisel, der Harry Unterricht geben sollte, ging mit ihm auf die Abfahrtshänge. Harry hatte die strikte Anweisung, ihn nicht zu überholen. Harry machte das zweimal und beim dritten Mal nahm er die Stöcke unter die Arme und fuhr den Berg hinunter. Ich glaube, er hatte zu oft Ski Sundays gesehen. Er bretterte den Hang hinunter, hatte dann keinen Schnee mehr und fuhr 40 Meter über Matsch und landete in einem Busch. Er musste herausgeholt werden und hatte Glück, dass er sich nicht verletzt hatte. Wieder typisch Harry.

Im September 1992 wurde Harry Internatsschüler in Ludgrove – ein »squit«, wie die neuen Internen genannt wurden. Nach anfänglichem Heimweh gewöhnte er sich an die wöchentliche Routine und fand bald Freunde. William, der drei Schuljahre über ihm war, erfreute sich an der ganzen Schule äußerster Beliebtheit, und die Nähe seines älteren Bruders hat Harry zweifellos geholfen, sich daran zu gewöhnen, von zu Hause fort zu sein. Harry war zwar nicht so gut in der Schule wie William, aber er war ein hervorragender Sportler, gut im Football, Rugby, Cricket und Tennis, und die Schule ermunterte ihn zu vielen außerplanmäßigen Veranstaltungen.

In einem weiteren Brief an Cyril Dickman erzählte Diana ihm: »Den Jungen geht es gut, und sie sind gerne im Internat, obwohl Harry ständig in Schwierigkeiten steckt.« Mit »Schwierigkeiten« war anscheinend nichts anderes als der allgemeine Unfug, den er anstellte, und sein Übermut gemeint, wie sich ein enger Freund Harrys erinnert:

Er sorgte für eine Menge Spaß. In seinem Schlafsaal war es immer laut, und er liebte Schlafsaalüberfälle. Er und andere Jungs stachelten sich immer gegenseitig an. Er war bekannt dafür, sich Sachen von anderen in die Tasche zu stecken, aber er gab sie immer zurück. Einmal geriet ein Schlafsaalüberfall ein bisschen außer Kontrolle, und es ging ziemlich wild zu. Wir hüpften auf den Betten, und ein Junge stieß sich heftig am Kopf. Am nächsten Tag kam seine Mutter zur Schule herauf, und Harry musste sich entschuldigen. Er bekam keine Extrabehandlung, er war wirklich einer von uns.

Die anderen Jungen waren fasziniert von Harrys Leibwächtern, die sie »unglaublich lustig« fanden. Ein Schulfreund erinnert sich: »Sie wohnten unten bei den Tennisplätzen und den Kunsträumen. Man sah sie da häufig. Harry hatte einen kleinen schwarzen Notfallknopf mit einem GPS-Satelliten, damit sie immer wussten, wo er war. Harry hat ihn einmal verloren, und wir wurden in unseren Schlafsälen geweckt, weil seine Sicherheitsleute ihn suchten. Er sendete von unserem Zimmer und wurde in der Wäschetonne gefunden!«

Es war ein Glück, dass Harry alt genug für Ludgrove war, als die Ehe seiner Eltern sich ihrem unausweichlichen Ende näherte. Ludgrove war dafür bekannt, eine besonders fürsorgliche Schule zu sein, und der Direktor und seine Frau, Gerald und Jane Barber, hatten Erfahrung darin, ihre Schüler vor Problemen, die sie vielleicht in ihren Elternhäusern hatten, zu schützen. »Es war ein behüteter Ort, an dem Harry seine frühen Schuljahre verbrachte«, bestätigte einer seiner Freunde. »Die wirkliche Welt drang nicht häufig nach Ludgrove. Wir waren Jungen und hatten Spaß, düsten herum und trieben Sport, taten, was Jungs so tun.«

Im September 1992, als Harry ins Internat zog, erreichte der Medienrummel um den Zustand von Charles’ und Dianas Ehe neue Dimensionen. Die Barbers ließen William und Harry keine Sonderbehandlung zukommen, reagierten jedoch hypersensibel auf den Schmerz, den die schockierenden und manchmal bösartigen Überschriften den Jungen bereiten könnten. Es gab Tage, an denen die übliche Morgendiskussion über die neuesten Schlagzeilen schnell auf ein politisches oder moralisches Thema verlagert und alle Zeitungen aus der Schule entfernt wurden. Das im April 1992 veröffentlichte Buch Diana: Ihre wahre Geschichte, geschrieben von Andrew Morton unter Dianas heimlicher Mitwirkung, hatte das Märchen zerstört und das Eindringen von Camilla Parker Bowles in die Ehe der Prinzessin öffentlich gemacht. Für einen weiteren Skandal sorgte später im Jahr die Veröffentlichung abgehörter Telefongespräche zwischen Diana und ihrem engen Freund James Gilbey in der Sun, ein peinlicher Artikel mit dem Titel »Squidgygate«.

Es war für Charles und Diana unmöglich, zusammenzubleiben, und noch bevor ihre Trennung offiziell verkündet wurde, fuhr Diana nach Ludgrove, um William und Harry die Nachricht schonend beizubringen. In Gerald Barbers behaglichem Arbeitszimmer erklärte Diana ihren Jungen, dass sie und Papa sich zwar noch liebten, aber nicht mehr unter demselben Dach leben könnten. Harry brach in Tränen aus und wurde dann still, wollte nichts mehr hören, während William seine Mutter auf die Wange küsste und sagte: »Ich hoffe, ihr beide seid jetzt glücklicher.« Später fragte William die Barbers, ob er mit Harry sprechen könnte, und bat seinen Bruder um das Versprechen, dass keiner von ihnen sich auf eine Seite schlagen oder sich so verhalten würde, als würde er einen Elternteil lieber mögen als den anderen. Harry respektierte seinen älteren Bruder und sah zu ihm auf. Er stimmte Williams klugem, reifem Rat sofort zu.

Am 9. Dezember 1992 verkündete Premierminister John Major im House of Commons die Trennung des Prince und der Princess of Wales. Nach dem Wortlaut der Erklärung des Buckingham Palace war die Entscheidung zur Trennung »in beiderseitigem Einvernehmen« getroffen worden, aber es bestand kein Zweifel, dass die folgenden Monate und Jahre für William und Harry ungeheuer schwer werden, sie innerlich aufwühlen, ihnen Kummer bereiten und Verwirrung stiften würden. Dianas damaliger Privatsekretär Patrick Jephson erinnert sich: »Ihre Eltern hatten sich praktisch bereits getrennt, Charles lebte in Highgrove [und] Diana im Kensington Palace. Hin und wieder trafen sie sich noch zu gemeinsamen Verpflichtungen, aber die Wochenenden waren ein Streitpunkt und ein echtes Problem für beide.«

Drei Jahre später, 1995, ging William nach Eton, während Harry in Ludgrove blieb. Er hing mittlerweile sehr an Tiggy Legge-Bourke, der neuen Nanny, die Charles zur Unterstützung eingestellt hatte, wenn die Jungen bei ihm waren. Patrick Jephson erinnert sich: »Tiggy war eine Art Elternersatz, und sie sollte vor allem eine Ersatzmutter sein, deshalb stand sie den Jungen näher, als es ein Mitglied des Personals normalerweise tat. Ich glaube, Tiggy war ziemlich lustig, besonders wenn du ein kleiner Junge bist, der in dem Bewusstsein aufwächst, dass seine Eltern Probleme haben, und du dann die Kombination aus der entzückenden, lustigen Tiggy und den Freizeitbeschäftigungen auf dem Land bekommst – ein bisschen von allem. Das ist ein sehr attraktives Paket. Diana wusste das, und es hat ihr nicht gefallen.«

Trotz Tiggys tröstlicher Anwesenheit kann kein Zweifel daran bestehen, dass zwei getrennte Haushalte, ein stärkeres Bewusstsein für die Fragilität seiner Mutter, die Verunsicherung seines Vaters, die gegenseitigen Ehebruch-Vorwürfe und der unaufhörliche Angriff auf ihre Privatsphäre durch die Boulevardpresse eine ungeheure emotionale Belastung für Harry waren.

Harry war noch klein, aber es sollte noch viel schlimmer kommen.

KAPITEL ZWEI

GOODBYE, MUMMY

Als sie noch lebte, nahmen wir ihre unvergleichliche Lebenslust, ihr Lachen, ihre Fröhlichkeit und Verrücktheit für vollkommen selbstverständlich. Sie war unser Beistand, unsere Freundin und Beschützerin. Sie war ganz einfach die beste Mutter der Welt.

Prinz Harry, August 2007

Zu Harrys Lieblingserinnerungen gehört der Tag, an dem er als »soldatenverrückter« Achtjähriger mit seiner Mutter zu den Light Dragoons nach Deutschland fuhr. Seine Mutter war Ehrenoberst des Regiments und erlaubte ihm, in einer extra in Auftrag gegebenen Uniform und mit einem Helm auf einen zehn Tonnen schweren Scimitar-Spähpanzer hinaufzuklettern. Abgesehen davon, dass sie seine Hobbys und Interessen unterstützte, öffnete Diana sanft seine Augen für das, was jenseits der Grenzen seines privilegierten Lebens lag. Bei einem Besuch in der Passage, einem Obdachlosenheim in der Nähe der Vauxhall Bridge in London, ein Jahr später, konnte Harry unmittelbar erleben, wie ihr Mitgefühl und ihre weitreichende Arbeit Menschen berührte. Diana hatte William und Harry immer ermuntert, mit Menschen, egal welcher gesellschaftlichen Stellung, zu sprechen, und der neunjährige Harry fühlte sich vollkommen wohl unter den Bewohnern, spielte Karten, unterhielt sich und half bei der Ausgabe von Essen. Einige Kommentatoren bemerkten damals, dass Harry außerordentlich höflich war und die Fähigkeit seiner Mutter hatte, sich auf jeden, dem er begegnete, einzulassen. Patrick Jephson erinnert sich, dass Diana zu ihm sagte: »Meine Jungen sind in einem Alter, in dem Eltern ihnen einprägen sollten, nicht mit Fremden zu sprechen, und ich muss meinen Kindern sagen, dass sie immer mit Fremden sprechen sollen. Es ist das, was sie ihr Leben lang tun müssen.« Er erinnert sich, dass »ihre grundlegende Regel für sie war: Ihr gehört zur königlichen Familie. Gewöhnt euch daran, damit sind viele Lasten verbunden und Dinge, zu denen ihr keine Lust habt. Aufgrund eurer Stellung müsst ihr besonders nett zu Menschen sein.«

Es war sowohl Diana als auch Charles wichtig, dass ihre Kinder eine Routine hatten, auch wenn ihr eigenes Leben zerbrochen war. Jeden zweiten Freitag holte Diana Harry und William in Ludgrove ab und brachte sie rechtzeitig zum Abendessen in den Kensington Palace. Am Wochenende ging sie mit ihnen in ihren Fitnessclub, den Harbour Club in Chelsea, wo William und Harry Tennisunterricht nahmen oder Bahnen im Schwimmbecken schwammen. Ab dem Alter von ungefähr neun hatte Harry angefangen, heftig mit William zu wetteifern, und sie verbrachten Nachmittage damit, auf ihren BMX-Rädern durch den Park des Kensington Palace zu rasen oder Computerspiele zu spielen oder, hin und wieder, auf Harrys Lieblings-Gokart-Bahn in Berkshire herumzujagen. Da sie in London lebte, konnte Diana mit ihren Söhnen ins Theater gehen, um Harrys Lieblingsmusical Oliver! anzuschauen. Aber wie viel sie auch unternahmen, für Diana war es schwer, mit Highgrove zu konkurrieren, denn die Jungen hatten dort viel Spaß. Sie waren »energiegeladene Jungen und Teenager«, erinnert sich Jephson, und »ihr Vater konnte ihnen viel mehr bieten als ihre Mutter, was die typisch ländlichen Freizeitbeschäftigungen und Gewehre und Land Rover und Hunde und Country Pubs und all das anbelangte. Ihrer Mutter, sei sie gesegnet, blieb nur ihre Wohnung im Kensington Palace, ein McDonald’s in Kensington High Street, das Regal Cinema, die kuriosen Alton Towers, ein Freizeitpark, und solche Dinge.«

In Highgrove trieben William und Harry weiterhin Outdoor-Sport, und da er mehr Zeit mit seinem Vater draußen verbrachte, entwickelte Harry Interesse für Pflanzen und dafür, Gemüse anzubauen, zu ernten und schließlich zu essen, was sie zusammen gepflanzt und gepflegt hatten. Darren McGrady erinnert sich: »Die Jungen liebten es, auf dem Land zu sein, besonders bei ihrer Großmutter in Balmoral. Sie waren immer draußen zum Schießen, Jagen und Fischen. Nachts waren sie mit ihren Taschenlampen unterwegs und kamen mit ein paar Hasen wieder, die ich zerlegt und den Corgis zu fressen gegeben habe.« Charles, der gerne liest, wollte zudem etwas zur Bildung seiner Söhne beitragen, las Kipling und andere Klassiker mit ihnen und sah sich seine Lieblingsfilme mit ihnen an, etwas anspruchsvollere als die populären Filme, die sie mit ihrer Mutter sahen. Kenneth Branaghs Darstellung von Henry V. war einer ihrer Lieblingsfilme, auch wenn Charles reumütig feststellte, das läge an »den blutrünstigen Stellen«.

Aber letztlich konnte nichts die unterschwellige Spannung in der Familie Wales völlig übertünchen. Am 29. Juni 1994 geriet die Situation in freien Fall, als Prinz Charles in einer BBC-Dokumentation zugab, Ehebruch begangen zu haben. Abgesehen von den Überschriften in den Zeitungen am nächsten Tag, die aufschrien: »Nicht zum Regieren geeignet«, schien die Flut von Anschuldigungen, Enthüllungen und Skandalen auf beiden Seiten, die dadurch ausgelöst wurde, den ganzen Sommer nicht enden zu wollen. In den nächsten Monaten berichtete die Presse über Dianas »belästigende« Telefonanrufe bei ihrem Liebhaber Hoare, verheiratet und Vater dreier Kinder, und über das Leid von Julia Carling nach Dianas angeblicher Affäre mit ihrem Mann Will Carling, dem Kapitän der englischen Rugby-Mannschaft. Als wäre das alles nicht genug, wurde im Oktober unter dem Titel Princess in Love Anna Pasternaks reißerische Darstellung von James Hewitts Affäre mit Diana veröffentlicht. Als im nächsten Monat Jonathan Dimblebys Biografie über den Prince of Wales erschien, waren William und Harry entsetzt, dass ihr Vater zitiert wurde, als er angeblich sagte, dass er ihre Mutter nie geliebt habe und sie nur geheiratet habe, weil Prinz Philip es ihm befohlen habe.

Ein Jahr später, im November 1995, platzte eine weitere Bombe. Ohne Wissen der »Männer in Grau« im Buckingham Palace hatte Diana ein Interview mit dem Journalisten Martin Bashir für die BBC-Sendung Panorama gegeben. War der Inhalt von Andrew Mortons Buch bereits schockierend gewesen, war dieses Interview Sprengstoff. Die Welt schaute gebannt zu, wie Diana mit ihren großen schwarz umrandeten Augen aufsah und Martin Bashirs Fragen über ihre Affären, ihre Ehe, ihre Essstörungen, Selbstverletzungen, die Kälte ihrer Schwiegereltern beantwortete und darüber sprach, wie das »Büro ihres Mannes« sie ausgeschlossen und ihre Stellung geschwächt habe. Sie erzählte von ihrer Liebe zu James Hewitt und behauptete, ihr Ehemann sei nicht dafür geeignet, König zu werden. Dann holte sie zum finalen Schlag aus. Diana sagte in Bezug auf Charles’ Beziehung zu Camilla Parker Bowles, dass es »drei in dieser Ehe gab, deshalb war es ein bisschen überfüllt«.

Camilla Parker Bowles war wieder einmal in den Schlagzeilen, und da Hewitt zur Sprache gebracht worden war, schrieb sich die Presse in einen Rausch und spekulierte wieder, dass er eigentlich Harrys Vater sei. Aber sie hatten nicht nachgerechnet. Diana hatte zwei Jahre nach Harrys Geburt begonnen, ihn zu treffen, schon allein deshalb war die Spekulation abwegig. Es war wenig erquicklich und führte bei Harry zu noch mehr Bitterkeit, verursachte Kummer und tiefe Qual.

Das Panorama – Interview, der öffentliche Schlagabtausch zwischen Charles und Diana, die gnadenlos negativen Schlagzeilen und der Wunsch, ihre Enkel zu beschützen, veranlassten die Queen, Charles und Diana schriftlich darum zu bitten, sich scheiden zu lassen. Und obwohl es »der traurigste Tag ihres Lebens war«, gab Diana der Presse gegenüber eine Erklärung ab, in der sie der Bitte zustimmte und sagte, dass sie ihren Titel Königliche Hoheit aufgeben und von da an Diana, Princess of Wales genannt werden würde. Das ärgerte die Königin, denn formal war noch nichts beschlossen worden, als Diana diese Erklärung abgab, und es folgten Monate langwieriger, erbitterter Verhandlungen, bis endlich am 28. August 1996 die Scheidung gewährt wurde.

Für den elfjährigen Harry änderte sich dadurch nicht viel, denn seine Eltern hatten schon lange getrennt gelebt, und er verbrachte viel Zeit in der behüteten Umgebung von Ludgrove. Aber die große Beachtung in der Öffentlichkeit, die unerfreulichen Details und ständigen Schlagzeilen mussten in einer Situation, die in jedem Kinderbuch bereits als schwierig und zutiefst beunruhigend gelten würde, für noch mehr Verunsicherung gesorgt haben. Obwohl er so weit wie möglich beschützt wurde, hat Harry in diesen kostbaren, prägenden Jahren zweifellos gelitten.

Es war ein kalter Nachmittag im November 1996, als Dianas Freundin Simone Simmons sie im Kensington Palace besuchte. Sie schauten gemeinsam Bond-Filme, und Harry lag auf dem Sofa, den Kopf im Schoß seiner Mutter, während die beiden Frauen sich unterhielten. Diana hatte sich seit einiger Zeit für Astrologie und Spiritualismus interessiert, und Simone, damals Heilpraktikerin an der Hale Clinic im Londoner Regent’s Park, war eine enge Freundin geworden und hatte ihr einige Heilverfahren gezeigt, die Diana sowohl bei William als auch Harry angewendet hatte. Simone war Harry als »besondere Frau« bekannt, und es faszinierte ihn, dass einige Menschen seiner Mutter zufolge eine besondere Begabung hatten.

An diesem Nachmittag erzählte Simone Diana etwas, das die Prinzessin ihrer Meinung nach erfahren sollte. Sie beugte sich zu ihrer Freundin und offenbarte ihr eine Vorahnung, die sie gehabt hatte. »Was meinst du damit, ein Unfall?«, flüsterte Diana. »Wer ist im Auto, Simone?« »Ich weiß es nicht«, erwiderte ihre Freundin. »Ich sehe vier Menschen in einem Auto und einen schrecklichen Autounfall. Ich weiß nicht, wer sie sind.«

Es war Spätfrühling 1997, als Mohamed Al-Fayed, gebürtiger Ägypter, Milliardär und Besitzer von Londons Kultkaufhaus Harrods, Diana und die Jungen einlud, auf seiner 15 Millionen Pfund teuren Jacht Jonikal die Ferien am Mittelmeer zu verbringen. Diana ergriff die Gelegenheit, denn sie wusste, dass die Jungen es lieben würden, zusammen mit den jüngeren Kindern Al-Fayeds, Jasmine, Camilla und Omar, mit denen sie sich über die Jahre einige Male zum Spielen getroffen hatten, am Meer zu sein. Draußen auf dem Wasser, fort von den Paparazzi – Al-Fayed hatte ein Spitzenteam von Sicherheitskräften versprochen, die jeden Fotografen vertreiben würden –, Diana erzählte William und Harry, dass sie nach Herzenslust tauchen, Jetski fahren und schwimmen könnten.

Nach vier Tagen tauchte Dodi Al-Fayed, Mohameds ältester Sohn, auf der Jacht auf. Diana hatte kurz zuvor ihre Beziehung mit Hasnat Khan, dem Herzchirurgen, in den sie sich im Sommer 1996 verliebt hatte, beendet, und Mohamed war immer mehr davon überzeugt, dass sie und Dodi zusammenpassten. Seine Ankunft zog jedoch die Paparazzi an, und während die beiden sich gut verstanden, klickten und klackten die Kameras mit Zoom-Objektiven, und Fotos von der Prinzessin, umschlungen mit Dodi, den die Presse den »dickbäuchigen Playboy« nannte, wurden nach Hause geschickt.

Die Ferien waren für William und Harry nicht ganz so unbeschwert, wie Diana gehofft hatte. William war unglücklich, dass die Paparazzi herausgefunden hatten, wo sie waren, während Harry mit Al-Fayeds jüngstem Sohn Omar aneinandergeraten war. Die Jungen konnten es deshalb kaum erwarten, zu ihrem Vater nach Balmoral zu kommen, wo sie den siebenundneunzigsten Geburtstag der Königinmutter feiern würden, und anschließend an Bord der Britannia zu gehen, die zu ihrer letzten Kreuzfahrt zu den äußeren Hebriden auslaufen würde. Diana brach zu den griechischen Inseln auf, um eine Kreuzfahrt mit ihrer engen Freundin Rosa Monckton zu unternehmen, kehrte am 20. August 1997 kurz nach London zurück, bevor sie nach Nizza flog, um wieder mit Dodi auf einer weiteren Kreuzfahrt der Jonikal zusammen zu sein. In der Presse gab es wilde Spekulationen, dass sie schwanger sei und sie und Dodi sich verloben würden. Um einen Abend dem grellen Licht der Kameras zu entkommen, arrangierte Dodi einen romantischen Abend in Paris, noch eine Nacht zusammen, bevor Diana nach London zurückkehren würde, um Zeit mit William und Harry zu verbringen, bevor sie wieder zur Schule gingen. Diana rief William und Harry in Balmoral an, um ihnen zu sagen, dass sie es kaum erwarten könnte, sie am nächsten Tag zu sehen.

Aber es war der Abend, an dem Simones Vorahnung wahr werden würde, ein vollkommen normaler Abend, an dem Harry in der freudigen Erwartung ins Bett gegangen war, am nächsten Morgen aufzuwachen und seine Mutter zu sehen. Ungefähr um elf Uhr, als Charles gerade ins Bett gehen wollte, kam die schockierende Eilmeldung, dass seine Exfrau einen Autounfall im Tunnel des Pont de l’Alma erlitten habe. Das Auto, in dem sie, Dodi, ihr Fahrer Henri Paul und ihr Leibwächter Trevor Rees-Jones saßen, stieß gegen einen Pfeiler, als sie versucht hatten, Paparazzi auf Motorrädern zu entkommen, die sie mit hoher Geschwindigkeit verfolgten. Dodi war tot und Dianas Zustand kritisch, es war nicht bekannt, wie es um die anderen beiden stand. Charles weckte seine Eltern, hielt einige Augenblicke vor Williams und Harrys Zimmern inne und wusste nicht, ob er sie wecken sollte oder nicht. Die Queen riet ihm, es nicht zu tun und sie schlafen zu lassen. Es gab keine Information aus Paris, wie schwer ihre Mutter verletzt war, es kursierten sogar Berichte, sie wäre unversehrt davongekommen.

Am Sonntag, den 31. August um drei Uhr morgens wurde die Familie von der britischen Botschaft in Paris informiert, dass Diana tot war. Glücklicherweise wurden William und Harry nicht durch das Schluchzen ihres Vaters geweckt und schliefen noch, als er allein durch die Moore wanderte und nach Worten suchte, um seinen Kindern zu sagen, dass ihre Mutter gestorben war und sie sie nie wiedersehen würden. Trotz allem wusste Charles, wie sehr Diana ihre Söhne geliebt und beschützt hatte und dass ihr Leben ohne sie trostlos und leer sein würde.