Hart auf hart - T.C. Boyle - E-Book

Hart auf hart E-Book

T. C. Boyle

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11,99 €

Beschreibung

Absoluter Freiheitsanspruch und Verfolgungswahn – T. C. Boyle erkundet in seinem neuen Roman die dunkle Seite der USA. Adam, den seine Eltern nach etlichen Schulverweisen und Therapiesitzungen aufgegeben haben, ist eine wandelnde Zeitbombe: In der Wildnis, wo er ein Schlafmohnfeld angelegt hat, führt er ein Einsiedlerleben und hortet Waffen gegen imaginäre Feinde. Aber es gibt jemanden, der sich in ihn verliebt. Sara hat ebenfalls ausreichend Feindbilder: Spießertum, Globalisierung, Verschwörer und die Staatsgewalt. Als sie Adam am Straßenrand aufgabelt, beginnt eine leidenschaftliche Liaison. Doch bald merkt Sara, dass Adam es ernst meint mit den Feinden, sehr ernst.

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Seitenzahl: 595

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Hanser E-Book

T. Coraghessan Boyle

HART auf HART

Roman

Aus dem Englischen

von Dirk van Gunsteren

Carl Hanser Verlag

Die amerikanische Originalausgabe erschien

2015 unter dem Titel The Harder They Come

bei Ecco in New York.

ISBN 978-3-446-24846-5

© 2015 by T. Coraghessan Boyle

Alle Rechte der deutschen Ausgabe

© Carl Hanser Verlag München 2015

2. E-Book-Auflage 2017

Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München

© plainpicture/Glasshouse/Paul Mason – aus der plainpicture Kollektion Rauschen

Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann, Leutkirch

Unser gesamtes lieferbares Programm

und viele andere Informationen finden Sie unter:

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Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

Inhalt

Teil I  Puerto Limón

Teil II  Willits

Teil III  Northspur

Teil IV  Mendocino

Teil V  Der Noyo

Teil VI  Der Jefferson

Teil VII  Fort Bragg

Teil VIII  Ukiah

Teil IX  Die Plantage

Teil X  Big River

Teil XI  Route 20

Teil XII  Die Todeszone

Teil XIII  Little River

Die amerikanische Seele ist ihrem Wesen nach hart,

einzelgängerisch, stoisch und ein Mörder. Sie ist noch

nicht geschmolzen.

D. H. Lawrence:

Studies in Classic American Literature

Für Scott und Nicky, Chuck und Donna,

von Quintara Street bis Lion Loop

Teil I

PUERTO LIMÓN

1

Die Sonne stand senkrecht, sie war einfach da, direkt über ihnen, glühend heiß, und ließ ihn schwitzen, so dass die Unterhose scheuerte und das Hemd am Rücken klebte, als wäre es mit der Haut verleimt, und warum er sich von Carolee zu dieser Sache hatte überreden lassen, würde ihm für immer ein Rätsel bleiben. Der Bus schlingerte. Es stank nach Diesel. Unter dem Boden knirschte und kreischte das Getriebe, Metall auf Metall, als wollten sich die Zahnräder festfressen oder als würde das ganze Ding gleich in tausend Stücke zerspringen. Er sah an Carolee vorbei aus dem Fenster und fühlte sich ein bisschen flau, obgleich jeder ihm versichert hatte, das Wasser hier sei gut – trinkbar, das war das Wort, das alle benutzten, als müssten sie es sich einreden. Außerdem genügte das Essen höchsten Ansprüchen, und die Gläser, aus denen sie ihren Rumpunsch, ihren Cuba Libre, ihren Rum Tonic tranken, wurden in heißer, mit unverfälschtem Brunnenwasser bereiteter Seifenlauge gründlichst gespült, denn das hier war schließlich nicht Mexiko oder Guatemala oder Belize, das hier war etwas Besonderes, es war sauber und ordentlich, eine Art Touristenparadies. Und billig. Das auch.

Obendrein hatte er Kopfschmerzen. Jedenfalls kündigten sich welche an. Aber das war verständlich, immerhin hatte er beim Mittagessen drei Gläser Rumpunsch getrunken. Er war so durstig gewesen, dass er den ganzen Krug hätte austrinken können, den der Kellner in die Mitte des Tischs gestellt hatte, denn nein, das Wasser würde er nicht trinken, ganz gleich, was die anderen sagten – es sei denn, es kam aus einer Flasche mit unversehrtem Verschluss. Er rieb sich über die Augen. In seinem Reisenecessaire an Bord des Schiffs hatte er Aspirin. Und ein Antibiotikum. Aber das half ihm jetzt auch nicht weiter. Nichtssagende Straßen zogen vorbei, Läden, Menschen, Hunde, in den Bäumen hüpften zerrupfte Vögel herum, und vor jedem Geschäft stand ein bewaffneter Wachmann, eine tienda, wie sein Reiseführer wusste, und was sagte das über die Ordnung, die hier herrschte? Buen vecinos. Willkommen. Mi casa es su casa.

Der Bus rumpelte durch eines der eineinhalb Millionen Schlaglöcher, und Carolee griff nach seinem Arm. Der Mann auf der anderen Seite des Mittelgangs – Bill, oder hieß er Phil? – stieß einen Fluch aus. »Kann der nicht ein bisschen langsamer fahren?«, sagte Carolee, und er warf einen Blick auf den Fahrer, auf seinen geschorenen Hinterkopf mit der weißen Narbe am Haaransatz, die wie ein Angelhaken aussah, mit den zu großen Ohren und dem zu dünnen Hals, und dann blickte er durch das verschmierte Fenster zum Hafen, wo das Schiff vor Anker lag und aussah wie ein großes, weiß leuchtendes Gebäude, errichtet von einer untergegangenen Zivilisation – oder vielmehr einer untergehenden. »Ich weiß nicht«, sagte er, und die trockene Kehle ließ seine Stimme knarzen, als wäre er mit einem Mal der alte Louis Armstrong – alles, sogar sein Lachen, klang krächzend –, »mir wär’s eigentlich lieber, er würde aufs Gas drücken, damit wir es bald hinter uns haben. Naturwanderung«, sagte er. »In dieser Hitze? Muss das sein.«

»Ach, komm, Sten, sei nicht so grimmig.« Carolee sah ihn mit einem Blick an, den er aus langer Erfahrung kannte: große Augen, den Kopf ganz leicht nach rechts geneigt, als hätten seine Worte sie ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht. Ihr gefiel das hier. Wenn es nicht die Vögel und Affen waren, dann waren es die Andenkenläden und die kleinen, etwas abgelegenen Restaurants, noch unentdeckt von den Touristen, wie man ihr versicherte, obgleich sie in allen Führern verzeichnet waren und die Kellner praktisch aus ihren Schuhen sprangen, wenn der Tourbus vorfuhr. Carolees Spanischkenntnisse beschränkten sich auf »¿Cuanto?« und »Demasiado«, aber das empfand sie nicht als Hindernis. Sie wollte etwas. Sie wollte Leben, neue Erfahrungen, eine Abwechslung vom täglichen Einerlei. Wozu geht man in Rente, wenn man dann nur rumsitzt und verfault? Das war ihr Satz. Er hatte ihn den ganzen Tag gehört, jeden Tag, bis er schließlich nachgegeben hatte – dabei dachte er insgeheim, dass man ja ohnehin verfaulen musste, und da konnte man es doch lieber zu Hause erledigen, wo man wenigstens Leitungswasser trinken konnte.

»Hast du mir nicht heute Morgen noch erzählt, dass du mal ein bisschen mehr tun willst als Shuffleboard spielen und in der Bar Gläser stemmen?« Sie neigte den Kopf noch ein wenig mehr, so dass ihr noch immer langes Haar über die linke Seite ihres Gesichts fiel, und in diesem Augenblick empfand er, was er schon immer für sie empfunden hatte, er spürte das, was nun schon seit mehr als vierzig Jahren an ihm zupfte. »Oder hab ich unrecht? Hab ich mich vielleicht verhört? Hm, Mister? Wie sieht’s aus?« Sie stupste ihn spielerisch, liebevoll, mit dem Finger in die Rippen, und allem Missmut zum Trotz musste er lächeln.

Bald kurvten sie an der Küste entlang, die Straße wurde schlechter, die Bebauung wurde spärlicher, und alles war so grün, dass es wehtat. Es war ein Uhr. Die Sonne brannte auf das Dach des Busses. Alle dösten, den Kopf zurückgelegt oder auf die Arme gebettet, und obwohl die Fenster offen waren, schien die Luft sich kaum zu bewegen – als wäre sie ein vollkommen anderes Medium, fest und schwer wie Schlamm. Das Mittagessen hatten sie in einem authentischen Café eingenommen, ringsum lauter Ticos (so nannte man die Leute hier), die ihre Gabel zum Mund führten wie andere Leute anderswo. Dass diese Menschen, dieser Ort, unabhängig von ihm und allem, was er kannte, existierte, fand er wieder mal verblüffend, als wäre er aus sich herausgetreten, ein Geist, der durch eine andere Wirklichkeit schwebte. Er versuchte, es mit der Kamera festzuhalten, und knipste pflichtschuldig drauflos, aber die Fotos waren flüchtig, bloße Bilder auf einem Display, sie waren mit nichts verbunden, und niemand würde sie sich je ansehen, das wusste er. Die Kellner hatten Reis und Bohnen gebracht. Irgendeine Art gebratenen Fisch. Und Rumpunsch, Gott sei Dank – aber genau bedacht musste man sich doch fragen, woher die munter klirrenden Eiswürfel in dem Krug eigentlich kamen. Als ob er das nicht längst wüsste.

Der Fahrer kurbelte am Lenkrad, schaltete runter und rauf und wieder runter. Sten fühlte, dass sein Magen sich zusammenkrampfte. Sie kamen an ein paar Häusern vorbei, einem Gemüseladen, einer Schule, und mit einem Mal drängten sich links und rechts der Straße Jungen in weißen Hemden und dunklen Hosen und Mädchen in ebensolchen Blusen und Röcken, und alle marschierten durch den ockergelben Matsch entweder zur Schule oder nach Hause, er wusste es nicht. Die eine Hälfte ging in diese Richtung, die andere Hälfte in die entgegengesetzte. Vielleicht gab es Vor- und Nachmittagsklassen. Oder Siesta. Hielten die Leute hier Siesta?

Jemand hatte gesagt, in diesem Land gebe es eine Schulpflicht bis zur achten Klasse, und danach komme praktisch nichts mehr. Aber das war in Ordnung. Immerhin konnten sie lesen, schreiben und rechnen, und brauchte man in einer auf Tourismus basierenden Wirtschaft denn mehr? Sprachkenntnisse vielleicht. Der Kellner beim Mittagessen hatte ein vernuscheltes Jamaikanisch gesprochen, eine Art Reggae-Englisch, aber man hatte ihn kaum verstehen können. Dennoch, fast jeder sprach wenigstens ein bisschen Englisch, dank des amerikanischen Imperiums und des Konsumfiebers, das sich immer weiter ausbreitete, bis die Botschaft »Kauf jetzt, zahl später« wie ein Stammesgesang in den letzten Vorposten menschlichen Lebens erklang. Wie tief die Kluft doch war zwischen dem, was man brauchte, und dem, was man wollte, dachte er – all diese Sachen, diese Apparate, diese winzigen Computer … aber was er jetzt wollte, nein, brauchte, und zwar dringend, war eine Rast, eine Pause. Und etwas gegen die Trockenheit im Mund: in Flaschen gefülltes Wasser, eine Limonade, Kaugummi, hatte jemand einen Kaugummi?

Auch Carolee döste, ihr Kopf lag unter seinem linken Arm, und sie schwitzte, so dass ihr Schweiß und der seine sich vermischten. Er bemühte sich, sie nicht zu wecken, als er nach ihrer Tasche griff, nach der Plastikflasche mit Schraubverschluss, die sie mitgenommen hatte, im Gegensatz zu ihm. Die Tasche – eins von diesen schwarzen Dingern mit Schulterriemen, die sie sich schräg über die Brust hängte, damit Straßenräuber sie ihr nicht entreißen konnten – lag zu ihren Füßen auf dem Boden. Er beugte sich vor, hielt Carolee im Arm und spürte, wie sich die Muskeln in seinem rechten Hintern verkrampften, als er nach der Tasche griff, nur ein kleines Zwicken, eine Erinnerung an die wiederkehrenden Rückenschmerzen und die Übungen, die sein Physiotherapeut ihm gezeigt hatte, Übungen, die er vernachlässigt hatte, denn schließlich war er im Urlaub, auf einem Kreuzfahrtschiff, und das Wichtigste auf einem Kreuzfahrtschiff schien das Essen und Trinken zu sein: Wenn man nicht zwanzig Pfund zunahm und seine Leberwerte in schwindelnde Höhen trieb, hatte man zuviel bezahlt.

Er schaffte es, die Flasche hervorzuholen, ohne seine Frau zu wecken, deren Gewicht ihn stabilisierte, als er sich vorbeugte, und jetzt schraubte er den Verschluss auf und spülte den Mund aus, bevor er einen großen Schluck trank. In letzter Zeit, so kam es ihm vor, war er immer durstig – zu Hause, auf dem Schiff, unter dieser Sonne –, und flüchtig fragte er sich, ob das vielleicht eine Alterserscheinung war, das erste Anzeichen eines noch nicht diagnostizierten Syndroms, eines gefürchteten Akronyms, das ihn in einem dunklen Erblühen implodierender Zellen zu Fall bringen würde. Die Reifen wimmerten. Ein Schlagloch. Noch ein Schlagloch. Carolee fuhr hoch und schnappte nach Luft. »Was?«, keuchte sie und sah sich verwirrt um.

»Du bist eingenickt.«

Er ließ ihr ein bisschen Zeit, wieder in die Welt zurückzufinden: Da waren der Bus und der aufdringliche, faulige Geruch des lauwarmen Meers und des feuchten Urwalds. Auch sie hatte zum Mittagessen Rum getrunken, so dunkel wie Öl, aus einem schmutzigen Glas, zu zwei Dritteln mit Diet Coke ohne Eis gefüllt. Weder er noch sie waren es gewöhnt, so früh am Tag schon Alkohol zu trinken, aber andererseits: Warum nicht – sie waren doch schließlich im Urlaub, oder nicht? Und er war im Ruhestand – oder vielmehr scheintot, wie er es nannte. Also hoch die Tassen. Machten doch alle so.

»Ich hab geträumt«, sagte sie.

»Ich auch, aber ohne zu schlafen. Hast du einen Kaugummi?«

Sie schüttelte den Kopf. »Wasser?«, sagte sie und sprach es wie eine Frage aus. Sie beugte sich nach ihrer Tasche, bevor sie bemerkte, dass er die Flasche bereits in der verschwitzten Hand hielt. »Das du ja, wie ich sehe, schon gefunden hast.«

Er gab ihr die Flasche, und sie schraubte den Deckel ab und nahm einen Schluck. »Igitt«, sagte sie und verzog das Gesicht, »schmeckt scheußlich.«

»Und ist warm genug, um einen Teebeutel reinzuhängen. Und jede Wette, dass sie die Flaschen einfach an irgendeinem Wasserhahn füllen wie in diesem Film – wie hieß der noch, der in Indien gespielt hat?«

»Nein«, sagte sie, »nein. Die hier hab ich vom Schiff mitgenommen.«

Er sah aus dem Fenster. Noch mehr Kinder, noch mehr Schuluniformen, eine tienda mit weit offenen Türen, und da drinnen gab’s vielleicht was zu trinken, Coca Cola, Naranja Juice. Er sah angebundene Ziegen, Palmen, Bananenstauden, Wäsche auf einer Leine, eine Schwadron weißhaariger Männer, die in einem Hof zwischen weiß getünchten Häusern an einem Tisch saßen und Karten spielten, und das alles flitzte so schnell an ihm vorbei wie ein Film mit der falschen Geschwindigkeit. Und dann, ohne Vorwarnung, bog der Bus an einer Weggabelung nach links ab und schoss durch einen schmalen Tunnel aus Vegetation: Zweige schabten über das Dach, Hunde und Hühner brachten sich in Sicherheit. Carolee fiel, schlaff wie eine Puppe, gegen seine Schulter und ließ die Wasserflasche fallen, die mit einem weichen Gluckern auf den Boden schlug, bevor sie unter den Sitz rollte, und gleich darauf wie von Zauberhand wieder zum Vorschein kam. »Herrgott«, sagte er, »will der Typ uns umbringen?«

Im nächsten Augenblick sprang er auf und ging durch den Mittelgang nach vorn, wobei er sich an den Sitzlehnen festhielt. Er war ein hochgewachsener Mann, eins zweiundneunzig groß und hundert Kilo schwer, und die meisten davon saßen noch an den richtigen Stellen. Er füllte den Gang aus. Die anderen drehten sich nach ihm um – diejenigen jedenfalls, die nicht vom Rum benebelt waren –, aber er konzentrierte sich auf den Hinterkopf des Fahrers und versuchte, das Gleichgewicht zu bewahren. Es waren achtzehn oder zwanzig Passagiere, hauptsächlich Ehepaare in seinem Alter, und die meisten hatte er schon einmal gesehen, und von einigen wusste er sogar die Namen. Die Kreuzfahrt hatte in San Diego begonnen, das Schiff hatte bereits in Cabo San Lucas, Puerto Vallarta, Puerto Quetzal, Puntarenas, im Panamakanal und in Colón angelegt, und obwohl fast zweitausend Passagiere an Bord waren, kannte man die Leute, die Ausflüge wie diesen mitmachten, mittlerweile zumindest vom Sehen.

»Entschuldigen Sie«, sagte er und beugte sich zum Fahrer hinunter, »aber könnten Sie vielleicht ein bisschen langsamer fahren?« In der Windschutzscheibe sah er sein Spiegelbild, das bockend wie ein Rodeostier wieder verschwand. Der Motor heulte auf. Der Fahrer schaltete hinunter, warf einen ungeduldigen Blick über die Schulter und sah wieder nach vorn. »Entschuldigung?«, wiederholte Sten. »Die Leute da hinten mögen das nicht – ich mag das nicht.«

Der Fahrer schien ihn nicht gehört zu haben. Warum? Sten bemerkte, dass der Mann Kopfhörer trug, diese kleinen Stöpsel, die wie Schmuckstücke wirkten, wie die Zapfen aus schwarzem Holz, die Cody, der Freund seines Sohns, in die geweiteten Löcher in seinen Ohrläppchen steckte. Der Bus fuhr weiter, doch die Zeit verlangsamte sich. Sten musterte den Mann von oben, seinen schimmernden, mahagonibraunen Schädel, die Ohren, die abstanden wie Drehschalter, die spärlich sprießenden dünnen Haare, die sich aus seinem Kinn wanden. Die Musik war so laut, dass man sie trotz des Motorenlärms hören konnte. Reggae. Der ewige Reggae, der überall an dieser Küste des Landes gespielt wurde, als hingen vitale Körperfunktionen davon ab. Er hasste Reggae. Er hasste diesen Mistkerl, der nicht langsamer fahren wollte oder gar daran dachte, mal anzuhalten, damit seine Passagiere eine Pinkelpause machen konnten. Und er hasste es, ignoriert zu werden. Also zog er, so sanft wie möglich, an den Kabeln, so dass die Stöpsel aus den Ohren fielen, und sogleich wurde der Bus langsamer, sogleich war der Fahrer – wie alt mochte er sein? dreißig, fünfunddreißig? – sozusagen ganz Ohr.

»Gehen sitzen«, sagte der Mann und sah finster über die Schulter. Er machte eine Handbewegung, als wollte er eine Fliege verscheuchen, fischte eine Sonnenbrille mit schwarzen Gläsern aus der Hemdtasche und setzte sie auf.

»Ich wollte Sie nur bitten, etwas langsamer zu fahren. Es sind ältere Leute an Bord. Wozu die Eile?«

Der Fahrer reagierte nicht, sondern starrte nur auf die Straße. Die Ohrstöpsel hingen jetzt an den Kabeln um seinen Hals, die Musik war auf ein metallisches rhythmisches Scheppern reduziert, in dem sich die dünne, nasal klagende Stimme des Sängers beinahe verlor. Der Bus wurde allmählich wieder schneller. »Müssen sitzen«, sagte der Fahrer, ohne den Kopf zu wenden. »Keiner darf hier sein.« Und er wies auf ein von der Sonne ausgebleichtes Schild, auf dem stand: Linie nicht übertreten.

Sten rührte sich nicht. Er stand nur da, er ragte wie eine Statue über dem Fahrer auf. Mit der einen Hand hielt er sich am Gepäckfach fest, mit der anderen an der Lehne des Fahrersitzes. »Wie wär’s mit einer Pause? Gibt’s hier irgendwo eine Toilette?« Noch während er die Frage aussprach, merkte er, wie idiotisch sie war. Er konnte sich nur vorstellen, was der Fahrer von ihm hielt, von ihnen allen, diesen privilegierten Weißen, die dies und das verlangten, die heute da und morgen wieder fort waren. Was kümmerte es diesen Burschen? Morgen würde ein anderes Schiff kommen und übermorgen und am Tag danach ebenfalls.

Die Spannung zwischen ihnen war wie eine straffe Bogensehne. Der Fahrer warf den Kopf herum. Seine Augen hinter den schwarzen Gläsern waren zwei undeutliche, unstete runde Scheiben. »Fünf Minuten«, sagte er. Die Reggaeklänge schnarrten pulsierend an seiner Kehle, über dem Ausschnitt seines bunt bedruckten Hemds. Reggae. Ding-ding-bumm. Ding-ding-bumm. »Noch fünf Minuten. Gehen sitzen. Jetzt.«

Fünf Minuten? Wohl eher fünfzehn – und natürlich sah er immer wieder auf die Uhr, sein Magen machte Kapriolen, und seine Blase schickte dringende Botschaften durch das Nervensystem zum Gehirn, wo sich etwaige Nachwirkungen des Rums inzwischen restlos verflüchtigt hatten, so dass er sich auf Wichtiges konzentrieren konnte. Wie zum Beispiel, aus dieser Sauna herauszukommen. Oder zu pinkeln. Seine Kehle anzufeuchten. Das hier hinter sich zu bringen, damit er auf das Schiff zurückkehren, duschen, sich auf dem Bett ausstrecken, die Augen schließen und von absolut gar nichts träumen konnte.

Endlich verlangsamte der Fahrer das Tempo, allerdings nur, weil die Straße jetzt praktisch unpassierbar war, so ausgefahren und zerfurcht, als wäre sie mit Mörsern beschossen worden. Die Passagiere wurden hin und her geworfen, während der Bus mit mahlenden Reifen und ächzendem Aufbau von einem Schlagloch ins andere taumelte und das Getriebe ein derart heiseres Wimmern von sich gab, dass Sten sich fragte, ob sie den Rückweg vielleicht zu Fuß würden bewältigen müssen. »Das fehlte noch«, krächzte er, als Carolee heftig gegen ihn stieß. »Oder glaubst du, es gibt hier einen Pannendienst?«

Die Naturwanderung wurde nicht von der Kreuzfahrtgesellschaft veranstaltet, aber die Concierge oder Vergnügungsdirektorin oder wie das hieß – eine kleine, immer grinsende Frau mit breitem Gesicht, lauten Absätzen und ständig hochrutschenden Röcken – hatte ihnen diese und ein Dutzend andere Broschüren in die Hand gedrückt, in denen alle möglichen Aktivitäten angepriesen wurden, von Kajakfahrten im Hafen über Besuche bei Töpfern und Silberschmieden bis hin zu einer selbständig unternommenen Tour durch die örtlichen Rumdestillerien (inklusive Stadtplan). In dem Prospekt war ein eleganter, moderner Kleinbus abgebildet gewesen, zweifarbig lackiert – oben silbergrau, unten blau –, daneben der Fahrer, ein hellhäutiger Tico mit konventionellem Haarschnitt, freundlichem Lächeln und Chauffeursmütze. Nicht dass es Sten gekümmert hätte, ob der Mann am Steuer Schwede oder Mandingo war, aber die Wirklichkeit sah anders aus: Der Fahrer war ein missmutiger Finsterling und das Fahrzeug ein schmutziger, ausgemusterter Schulbus mit so vielen Lackschichten, dass es aussah, als wäre ihm eine Haut gewachsen. Keiner war sonderlich begeistert gewesen (»Keine Klimaanlage? Soll das ein Witz sein?«), aber alle waren eingestiegen. Sie hatten sich auf die Sitze gequetscht, die für irgendwelche Kinder irgendwo anders gemacht waren, in Lubbock oder Yuma oder King City, und gedacht: Wenigstens ist es billig.

Er sah verdrossen aus dem Fenster und wurde immer gereizter, als sie an einen seichten Bach kamen, der ein Bestandteil der Straße mit ihren Wackersteinen und ihren schlammgefüllten Schlaglöchern zu sein schien, nur dass er in Bewegung war und breit plätschernd vor ihnen dahinfloss. Die Räder tauchten mit leisem Zischen ein, Wasser spritzte auf, und mit einem Mal dachte er an die Fische, die es an den tieferen Stellen geben musste, an die tropischen Fische, die Salmler, die Buntbarsche und die ziegelroten Platys, die er als Junge in seinem Aquarium gehalten hatte. Er versank in Erinnerungen an die leuchtende Wand aus Aquarien in dem Zoogeschäft, in das er jeden Tag nach der Schule gegangen war, an die Freude, die es ihm bereitet hatte, sich einen Fisch auszusuchen und mit seinem eigenen Geld zu bezahlen, sein erstes Aquarium einzurichten, die Steine zu arrangieren und die Wasserpflanzen in den Kies zu pflanzen. Wie hatten die noch geheißen? Wasserpest, ja. Und die Schwertpflanzen aus dem Amazonasgebiet, die aussahen wie winzige Avocadobäume. Und was noch? Diese Albino-Zwergwelse, deren Namen er vergessen hatte.

Daran hatte er seit Jahren nicht mehr gedacht. Oder daran, wie seine Mutter sich mit gespieltem Entsetzen vor den Tubifexwürmern geekelt hatte, die er in einem Plastikbecher im Kühlschrank aufbewahrt hatte. Fischfutter. Die fadendünnen Würmer, ihr Geruch, der Geruch des Aquariums, der einem entgegenschlug, wenn man die Deckplatte anhob und die Welt, die man erschaffen hatte, einem ins Gesicht atmete. Er spürte, dass seine Laune sich besserte. Carolee hatte Recht. Dies war tatsächlich ein Abenteuer, ein Ausbruch aus der Routine, etwas, das ihn aus seiner trägen Bequemlichkeit reißen würde. Die Broschüre versprach, man werde vier Affenarten, Agutis, Faultiere, Pekaris und vielleicht sogar einen Jaguar oder Ozelot sehen, und er regte sich auf, weil keine Pinkelpause vorgesehen war. Beinahe schämte er sich, doch dann fiel sein Blick auf den Fahrer, der wie ein großer Klotz am Steuer saß, und sogleich kehrte sein Ärger wieder zurück. Der Typ war ein Dummkopf. Ein Idiot. Ein Spatzenhirn. Sten wollte gerade aufstehen, wieder nach vorn gehen, sich zu dem Mann hinunterbeugen und zischen: Sie hatten was von fünf Minuten gesagt, oder?, als der Bus auf eine matschige, von Reifenspuren durchzogene Lichtung einbog und anhielt. Alle sahen auf.

»Jetzt sind wir da«, sagte der Fahrer in seinem auswendig gelernten Englisch und drehte sich um, und rief durch den Mittelgang. »Jetzt alle aussteigen.« Die Stöpsel steckten wieder in den Ohren. Die schwarzen Brillengläser funkelten. Draußen war der Urwald. »Zwei Stunden«, sagte er. Ächzend öffneten sich die Türen.

Alle standen auf und griffen nach Kameras, Taschen und Rucksäcken. Eine der Frauen – Sheila, die um die sechzig war und allein reiste, im Gepäck einen Liter Parfüm und die rosaroten Turnschuhe und die türkisblaue Caprihose, die sie bisher jeden Tag getragen hatte, bei Frühstück, Mittagessen, Tee, Cocktail und Abendessen – fragte: »Und Sie warten hier und bringen uns nachher wieder zurück?«

»Ich bin hier«, sagte der Fahrer und strich mit zwei Fingern über das schüttere Kinnbärtchen. Er reckte sich und ließ die Gelenke knacken. »Zwei Stunden«, wiederholte er.

Sten sah aus dem Fenster. Es gab natürlich keine Toilette, nicht mal ein transportables Klohäuschen, gar nichts – nur ein halbes Dutzend schlammbespritzte Wagen, die in der Nähe der Stelle geparkt waren, wo der Pfad in den Urwald führte. Dort war ein Schild mit der Aufschrift Naturschutzgebiet auf Spanisch und Englisch. Am Rand der Lichtung stand eine palapa, und in der palapa war eine riesige Frau mit einem roten Kopftuch. Sie verkaufte bestimmt etwas zu trinken – eine Flasche Mineralwasser, mehr wollte er gar nicht –, und hinter der palapa würde er einen Baumstamm finden, den er dekorieren konnte, und dann wäre das auch erledigt.

Munter plappernd stiegen sie aus, allen voran Phil – oder nein, Bill, er hieß Bill, denn Sten erinnerte sich deutlich, dass beim Mittagessen zwei Bills an ihrem Tisch gesessen hatten, und der hier war der glatzköpfige. Nicht dass das von Bedeutung gewesen wäre. Wenn das Schiff in Miami angelegt hatte, würde er ihm nie wieder begegnen, und was sie bisher miteinander geredet hatten, ging über Haben Sie gestern die Giants gesehen? und Dürfte ich mal das Salz haben? kaum hinaus.

Es gab einen kurzen Stau, als Sheila, die zweite in der Schlange, es sich nicht verkneifen konnte, den Fahrer zu fragen, wo man Arakangas wohl am besten beobachten könne, und alle mussten warten, während der Fahrer die Stöpsel aus den Ohren nahm und Sheila bat, die Frage zu wiederholen. Sie sahen ihn die Stirn runzeln, die Augenbrauen wölbten sich wie schmale Schmutzstreifen über dem Rand seiner Sonnenbrille. »No sé«, sagte er schließlich und wies mit einer unbestimmten Handbewegung auf den Urwald und den Fußweg. »Ich bin nie –« Er hielt inne und suchte nach dem richtigen Wort.

Sheila sah ihn entgeistert an. »Sie setzen die Leute nur hier ab? Sie sind noch nie dort gewesen? In Ihrem Heimatland? Sind Sie denn nicht neugierig?«

Der Fahrer zuckte die Schultern. Das war sein Job. Warum sich die Schuhe schmutzig machen? Warum sich von Moskitos stechen lassen? Das überließ er den Gringos mit ihren Kameras und Rucksäcken, den schwarzen Futteralen und Bauchtaschen, den lachhaften türkisblauen Hosen und den fetten Brieftaschen mit abgelaufenen Kreditkarten, die etwaige Taschendiebe täuschen sollten, während doch jeder wusste, dass die echten Brieftaschen vorn unter dem Hosenbund waren.

»Na los«, hörte Sten sich sagen, »Sie halten den Betrieb auf.«

Draußen, auf dem Parkplatz, brannte die Sonne unvermindert herab. Er wartete einen Augenblick, während Carolee sich mühte, ihren weichen Strohhut festzubinden und zugleich den Riemen der schwarzen Tasche über den Kopf zu heben, und dann ging er über die Lichtung zu der palapa und der Frau darin. »Ich hole mir was zu trinken«, rief er über die Schulter. »Willst du auch was?«

Nein. Sie hatte ja Wasser mitgenommen. Und ganz gleich, wie es schmeckte, es stammte vom Schiff.

Als die Frau in der palapa ihn kommen sah, erhob sie sich mühsam von ihrem Hocker und stützte die Arme auf die behelfsmäßige Theke. Sie wog mindestens hundertzwanzig Kilo. Ihre schwarze Haut glänzte von Schweiß. Wie der Kellner im Café stammte sie von den westindischen Inseln und gehörte zu den Jamaikanern in Limón – im Führer stand, dort gebe es ein Viertel namens Jamaica Town. Sehr pittoresk. Jede Menge Rum. Jede Menge Reggae. Nippes und Glitzerkram in Hülle und Fülle. »Guten Tag«, sagte sie und schenkte ihm ein breites Lächeln. »Was kann ich für Sie tun?«

Hinter der Theke stand zwischen grünen Kokosnüssen eine Kühlbox aus Plastik. Darüber hing, an einen Querbalken genagelt, ein kleines Regal mit abgepackten Nüssen, Chips und Schokoriegeln. Ein aufgeschlagenes Taschenbuch – El Amor Furioso – lag umgedreht auf der Theke.

»Haben Sie was zu trinken?«, fragte Sten, und beinahe hätte er nach cerveza gefragt, doch er besann sich eines besseren – er war ja ganz ausgedörrt. Und er musste pinkeln. Und zwar dringend.

»Cola, Cola Lite, agua mineral, pipas, carambola, naranja, limón«, zählte sie unentwegt lächelnd auf.

»Cola Lite«, sagte er und griff nach der Brieftasche, und dann hielt er die lauwarme Dose in der Hand und stapfte mit bereits geöffnetem Hosenschlitz durch das müllübersäte hohe Gras hinter dem Stand.

Anfangs wollte nichts kommen – noch so eine Alterserscheinung: Die Blase fühlte sich an wie ein Heißluftballon, aber dann stand man zehn Minuten lang da und wartete, bis es endlich spärlich anfing zu tröpfeln –, doch er ergriff die bewährte Gegenmaßnahme, befreite den Geist von allen Gedanken an das, was er hier vorhatte, und dachte an das Schiff und sein Bett und daran, wie Carolee in dem neuen, extra für diese Reise gekauften Negligee ausgesehen hatte und was das wiederum bei ihm ausgelöst hatte, und schließlich konnte er es erleichtert laufen lassen. Er ließ sich Zeit und pinkelte gegen einen Baum, der von Ameisen wimmelte, von tropischen Ameisen, wie er sie nie zuvor gesehen hatte und wahrscheinlich nie wieder sehen würde. Wenn er Glück hatte.

Es verging ein langer, schwebender Moment. Die Ameisen stießen zusammen und wurden übereinander geworfen von den Fluten dieses neuen, übelriechenden Elements, die sich über sie ergossen. Insekten summten, Vögel schrien, rings umher war nichts als Leben. Die Sonne drang kaum durch das Laubdach, und wo dennoch ein Strahl einfiel, waren die Blätter von einem stumpfen Unterwassergrün, und die Luft war so dicht und schwer, dass er halb damit rechnete, Haie zwischen den Bäumen umherschwimmen zu sehen. Es roch nach Fäulnis, nach fruchtbarer Erde. Ein Tier schrie, ein anderes schrie zurück. Er hätte für immer dort stehen bleiben können, wenn die Moskitos nicht gewesen wären – sie erschienen aus dem Nichts und erinnerten ihn daran, wo er war. Er schloss den Reißverschluss am Hosenschlitz, und erst da entdeckte er wieder die Dose in seiner linken Hand, ein erstaunliches Ding eigentlich, ein Kunstwerk, ein Objekt von fabrizierter Schönheit, das den weiten Weg hierher transportiert worden war, um seinen Durst zu stillen und Aspartam in seine Blutbahn zu pumpen.

Er öffnete die Dose und benetzte die Lippen. Cola Lite. Es schmeckte grässlich, wie das Amalgam, mit dem der Zahnarzt die Löcher in seinen Zähnen gefüllt hatte. Aber egal. Es war flüssig. Er nahm einen Schluck und trat um den Verkaufsstand der dicken Frau herum wieder zurück auf die Lichtung. Der Schatten der Bäume wich dem prallen Licht der nackten Sonne, so dass seine Kopfschmerzen sich wieder meldeten und er sich unwillkürlich und mindestens zum zehnten Mal, seit sie aufgebrochen waren, wünschte, er hätte seine Baseballmütze mitgenommen.

In diesem Augenblick veränderte sich alles, und zwar radikal. Später erinnerte er sich, dass er blinzelnd dagestanden und nach der Sonnenbrille in der Hemdtasche gegriffen hatte, als ihn ein Geräusch – das Schlagen einer Tür – hatte aufblicken lassen. Auf dem Parkplatz stand jetzt ein weiterer Wagen, ein altes amerikanisches Modell – was war es, ein Chevy? –, und er stand direkt neben dem Bus. Der gelbe Lack war verbleicht und an vielen Stellen bis auf das rostige Blech abgeschliffen, so dass die Karosserie gefleckt wirkte wie die großen Katzen, die angeblich durch den Urwald hinter Sten streiften. Er sah drei Männer, Ticos mit kahlgeschorenen Schädeln wie der Busfahrer, zwei mit Kinnbärtchen, einer ohne, und sie schienen zu tanzen, denn sie fuchtelten mit den Armen und hüpften herum, als stünde der Boden unter ihren Füßen in Flammen.

»Todo!«, rief der ohne Bärtchen. »Machen sus bolsillos leer, Brieftaschen, Handys, todo!« Etwas blitzte auf, einmal, zweimal – die mit den Bärtchen hatten Messer. Und der Glattrasierte, der die ganze Zeit herumschrie, hatte eine Pistole.

Der mit der Pistole bemerkte Sten und zielte auf ihn, obwohl er gut dreißig Meter entfernt war. »Du«, schrie der Mann, und das Adrenalin machte seine Stimme so schrill, dass er fast wie ein kreischendes Mädchen klang. »Du komm her!«

Sten spürte seinen Herzschlag, spürte ihn beschleunigen wie ein Schwarm Enten, die von einem Teich aufstoben – fatsch-fatsch-fatsch. Es war ein Gefühl von früher, und es versetzte ihn zurück in eine andere Zeit und an einen anderen Ort, einen grünen, wimmelnden, wuchernden, nach Fäulnis stinkenden Ort wie diesen, aber jenseits des Ozeans, am anderen Ende der Welt. Auch dort hatte es tropische Fische gegeben. Affen. Männer mit Waffen. Er ließ die Dose fallen und hob die Hände. »Nicht schießen.«

Der Mann mit der Pistole war unvorsichtig. Ach was, Mann – er war ein Bürschchen, alle drei waren Bürschchen, neunzehn, zwanzig Jahre alt, ihre Arme und Beine ragten wie Besenstiele aus den weiten Shorts und übergroßen T-Shirts, und ihre Gesichter leuchteten – das war die Aufregung und vielleicht auch etwas anderes, Drogen vielleicht. Die Waffe war für diesen Kerl nur irgendein Gegenstand, das sah Sten auf den ersten Blick, sie war wie ein Teller voll Essen, den er von einem Tisch zu einem anderen trug. Wie ein Schuh. Wie ein Buch. Wie eine gebrauchte CD, die er im Mülleimer hinter dem Plattenladen gefunden hatte. Er respektierte sie nicht. Er kannte sie nicht. Er wusste nicht mal, wie man sich hinstellte und zielte. »Du«, wiederholte der Kerl. »Komm her. Ahora!«

Schlurfend setzte Sten sich in Bewegung. Seine Füße waren mit einem Mal so schwer, dass er sie kaum heben konnte. Er sah Carolee bei den anderen stehen, ihr Gesicht überzogen mit Angst, die Hutkrempe schief. Sie standen dicht zusammengedrängt da und ließen Taschen, Kameras und Rucksäcke auf den Boden fallen, während die beiden Bürschchen mit den Messern fuchtelten. Jetzt sah er, dass da eine Decke lag, sie war auf dem von der Sonne durchwärmten Matsch ausgebreitet, um die Beute aufzunehmen. Es war eine jener Indianerdecken, wie sie in den Touristenläden entlang der Küste verkauft wurden, und in diesem gleißenden Licht leuchteten die Farben grell.

Als er bei dem mit der Waffe war und der ihm den Pistolenlauf kurz und schmerzhaft in die Rippen stieß und ihn zu den anderen führte, erschrak Sten beim Anblick der Gesichter ringsum. Es waren die Gesichter von Toten, das Leben war aus ihnen gewichen, die Augen waren auf den Boden gerichtet, als sie alles abgaben, was sie hatten, und Geld, Brieftaschen, Armbänder und Uhren auf die Decke fallen ließen, als würden sie Münzen in einen Brunnen werfen. Sheila murmelte in einem fort: »O Gott, o Gott.« Eine andere Frau weinte. Der Mann mit der Pistole stieß ihn erneut an und sagte: »Machen leer – todo. Ahora mismo!«

Er wechselte einen Blick mit Carolee, drehte dann die Taschen um und warf den Inhalt auf die Decke: Schlüsselkarte, die wertlose Brieftasche, Streichhölzer, Handy. Er fand, es habe keinen Sinn, sich für nichts erschießen zu lassen, es habe keinen Sinn, sich aufzuregen, aber dann stieß der mit der Pistole ihn noch einmal an, und unvermittelt wurde Sten innerlich ganz kalt. Sie waren Amateure, Kinder, die Räuber und Gendarm spielten, Kleinkinder, Idioten, zu dumm, um Angst zu haben. Und warum sollten sie auch Angst haben? Das hier war leichte Beute, lauter Senioren, so verängstigt und verzweifelt, dass sie kaum ihre Armbanduhren ablegen, geschweige denn Widerstand leisten konnten. »Todo!«, wiederholte der Mann.

Plötzlich nahm Sten alles ganz deutlich wahr: die beiden mit den Kinnbärtchen, die ihre Hände in die Taschen der Leute und den Hosenbund ihrer Shorts steckten, Sheila, die wimmerte: »Bitte, nein, nicht meinen Pass«, den Fahrer, der sich im Bus eingeschlossen hatte, den Verkaufsstand, aus dem die dicke Frau verschwunden war – sie und der Busfahrer waren Komplizen, so viel war sicher –, und die Unvorsichtigkeit, die unverzeihliche Unvorsichtigkeit dieses Jungen mit der Pistole, der Sten kaum bis zur Schulter reichte, Herrgott, und der sich von ihm abwandte, der Sten den Rücken kehrte, als wäre der nichts, weniger als nichts, bloß alt und schwach und nutzlos. Bei dem, was Sten als Neunzehnjähriger, als Rekrut, als Greenhorn, gelernt hatte, war es nicht um Selbstverteidigung gegangen, sondern ums Töten, und wer konnte so was je vergessen? Schwing dich aufs Fahrrad, schnall dir die Schlittschuhe an, steuere dein Boot in die Stromschnellen – jetzt. Im nächsten Augenblick verpasste er dem Mann von hinten einen so starken Schlag, dass er die Wucht noch spürte, als er ihm den rechten Arm um den Hals schlang, den anderen Arm einhakte und den Kopf des Jungen mit der linken Hand nach vorn drückte, ein simpler Würgegriff, das erste, was sie einem beibrachten: Drück ihm die Luft ab und lass nicht los, ganz gleich, was er macht.

Bei dem Schlag in den Nacken fiel die Pistole zu Boden, und Sten übte nicht nur Druck auf den Hals des Jungen aus, der in seinen Armen zappelte – nein, er hielt ihn fest, denn das hatte man ihn gelehrt, und ihm blieb gar nichts anderes übrig. Es war jenseits jeder Vernunft, es lief automatisch ab, es wurde einfach abgerufen, einmal Marine, immer Marine. Alle erstarrten. Die beiden Figuren mit den Messern sahen aus, als wären sie auf einen anderen Planeten versetzt worden: hilflos, verdutzt, verängstigt. Und dann bückte sich Bill, dessen Glatze im Sonnenlicht leuchtete, und hob die Pistole auf, als wäre es irgend etwas, das ein Passant auf der Straße verloren hatte – ein Schirm, ein Scheckheft, eine Brille –, und sein Gesicht war ruhig und zufrieden und wirkte beinahe so, als wollte er die Waffe dem Mann, den Sten festhielt, zurückgeben. Jemand schrie. Der Mann strampelte. Sten hielt ihn fest, immer fester, sogar als er sah, dass die anderen beiden die Messer fallen ließen und zum Wagen rannten.

Der Motor saugte Treibstoff an, die Räder mahlten im Schlamm, und dann schlingerte der Wagen mit durchdrehenden Reifen und gewaltige Abgaswolken ausstoßend über den Parkplatz. Sten sah ihm nach – alle sahen ihm nach –, während der Chevy Erdbrocken aufwirbelte und sich durch die Pfützen wälzte, bis er schließlich im grünen Tunnel der Straße verschwand, wo die Schlaglöcher sich verdichteten und der Bach in tiefen Gumpen zur Ruhe kam, in denen die ziegelroten Platys schwebten und flitzten. Dann war es still. Der Mann in seinen Armen war schlaff wie ein erschöpfter Tanzpartner, und Sten fiel nichts Besseres ein, als einen Schritt zurückzutreten und ihn auf den Boden zu legen.

Sheila begann wieder zu jammern und Gott anzurufen, und dann war Carolee in seinen Armen, und alle standen um ihn herum und starrten auf den im Schlamm liegenden Mann. Er lag auf dem Rücken, wo Sten ihn abgelegt hatte, mit weit offenen, ins Nichts starrenden Augen. Er wirkte geschrumpft, noch kleiner als die eins siebzig oder so, die er zuvor gemessen hatte. Ein Hänfling – die übergroßen Shorts und das neue, makellos weiße T-Shirt hingen an ihm wie Mehlsäcke. Und die Knöchel … die Knöchel hätte man mit zwei Fingern umfassen können.

»Ist er …?«, sagte jemand, und jetzt beugte sich ein anderer über den leblosen Körper, ein gedrungener, amtlich wirkender Mann mit einem bleistiftdünnen Schnurrbärtchen, von dem Sten hätte schwören können, dass er ihn noch nie zuvor gesehen hatte, und legte das Ohr an die Brust und die Finger an das Handgelenk. Dann sah der Mann – er musste wohl ebenfalls im Bus gewesen sein – auf und verkündete: »Ich bin Rettungssanitäter«, und begann, abwechselnd mit aller Kraft auf die Brust des Bürschchens zu drücken und Luft in seinen Mund zu blasen.

Das war etwas Neues, etwas Spektakuläres, das sich in keinem Reiseführer fand, und während die Sonne auf den ockerfarbenen Matsch des Parkplatzes brannte, standen alle da und sahen zu. Minuten gingen dahin, die Hitze verlangte ihren Tribut in Form von Schweiß, die dicke Frau trat hinter ihrem Verkaufsstand hervor, und der Fahrer stieg so zögernd und vorsichtig aus dem Bus, als bewegte sich der Boden unter ihm wie eine Tretmühle. Die Hauptattraktion, der rücklings auf der Erde liegende Mann, rührte sich nicht. Oder doch, etwas bewegte sich, aber es waren nur die Reaktionen eines unbelebten Körpers auf eine ausgeübte Kraft: Der Sanitäter drückte sinnlos mit übereinandergelegten Händen auf die Brust, hielt inne, um dem Mann mit Fingern die Nase zuzuhalten und seinen Atem an den trockenen Lippen und dem eingedrückten Kehlkopf vorbei in die kollabierten Lungenflügel zu pressen. Dieser Sanitäter war keiner, der so schnell aufgab. Speichel glänzte auf seinem Schnurrbart, und sein Kopf hüpfte auf und ab wie beim Höhepunkt eines beharrlichen Geschlechtsakts. Er ließ nicht ab, ließ nicht ab, ließ nicht ab.

Carolees Stimme war ganz leise, und zuerst wusste er nicht, ob sie zu ihm oder dem Sanitäter sprach. Sie sagte: »Wird er es schaffen?«

Er wusste es nicht – er wusste nicht mal, was er eigentlich getan hatte. Der einzige Mensch, den er in seinem Leben getötet hatte – oder vielleicht getötet hatte, es wurde ja nie bestätigt –, war ein Vietnamese, zweihundert Meter entfernt, in einer mondlosen Nacht. Leuchtraketen hatten ihr zitterndes Licht verströmt, und er hatte etwas gespürt, das einer Panik sehr nahe gekommen war, und sein Gewehr auf Dauerfeuer gestellt.

»Wir sollten ihn in ein Krankenhaus bringen«, sagte Bill, der die Pistole – nein, es war ein Revolver, wie Sten jetzt sah, ein .357er Magnum mit sechs Schuss – noch immer hielt, als wüsste er nicht, was er damit sollte. »Ich meine, gibt es hier ein Krankenhaus? In Limón?«

»Da muss es eins geben«, sagte jemand.

»Aber wo?«, fragte Bill. »Und wenn wir ihn … Ich meine, dürfen wir ihn überhaupt transportieren? Vielleicht hat er eine Halsverletzung« – hier hob er den Blick und sah Sten an –, »ihr wisst schon, wie beim Football. Wenn die mit der Trage kommen.«

Der Kopf des Sanitäters hüpfte auf und ab, auf und ab, und jetzt war die dicke Frau ebenfalls da und spähte über Sheilas Schulter, als müsste sie den Toten identifizieren – und es war tatsächlich ein Toter, ein Leichnam, etwas Unbelebtes, dessen war Sten sicher –, und auch der Fahrer stand da, die Augen hinter der Sonnenbrille verborgen und die untere Hälfte seines Gesichts verschlossen wie ein Safe.

»Sie«, sagte Bill und schien zu hecheln wie ein Hund, der lange steil bergauf gerannt war, »wir müssen diesen Mann ins Krankenhaus bringen. Wo – dónde – gibt es ein Krankenhaus?«

Der Sanitäter sah, ohne seinen Rhythmus zu unterbrechen, auf und sagte auf Spanisch etwas zu dem Fahrer, etwas, in dem das Wort os-pi-tal vorkam, doch der Mann schüttelte nur den Kopf, wandte sich ab und spuckte aus. »Kein Hospital«, sagte er und schüttelte ganz langsam den Kopf. »Leichenhaus.«

»Os-pi-tal«, beharrte der Sanitäter, und Bill schloss sich ihm an und wiederholte mit derselben Intonation: »Os-pi-tal.«

Die dicke Frau machte mit den Lippen ein Geräusch, das sich anhörte, als würde eine Flasche geöffnet, drehte sich um und ging – sie hatte dicke Knöchel und Plattfüße, die in Sandalen steckten und in den ockerfarbenen Matsch einsanken, als wäre es Teig – wieder zu ihrem Verkaufsstand. Noch immer rauschte das Blut in Stens Ohren, doch langsam beruhigte er sich. Was geschehen war, war geschehen. Er dachte an das, was jetzt kommen würde. Natürlich hatte er in Notwehr gehandelt, und hier waren die Zeugen, die das bestätigen würden, aber wer wusste schon, wie die Gesetze hierzulande waren und durch welche brennenden Reifen man ihn springen lassen würde. Würde er einen Anwalt brauchen? Er sah die anderen an – sie standen noch immer da und wussten nicht, was sie tun sollten –, aber kein einziger erwiderte seinen Blick. Er gehörte nicht mehr zu ihnen, er war jetzt etwas anderes.

Er hielt Carolee im Arm, als Sheila zu ihm trat und ihm die Hand schüttelte. »Danke«, murmelte sie. »Sie sind ein Held, ein echter Held.« Dann bückte sie sich zu den Sachen, die auf der Decke lagen, und hob ihre Geldbörse und ihren Pass, ihren kostbaren Pass auf, und als wäre ein Bann gebrochen, traten sie nun alle, einer nach dem anderen, vor, wühlten in dem Haufen und nahmen an sich, was ihnen gehörte.

2

Schließlich standen sie, die ganze Gruppe, vor dem Krankenhaus vom Roten Kreuz (La Clínica de la Cruz Roja), als gehörte das zu ihrem Ausflug. Der Fahrer hatte dasselbe halsbrecherische Tempo vorgelegt wie bei der Hinfahrt – oder nein, er betrachtete die Sache offenbar als Grund, noch schneller zu fahren als zuvor und das Gaspedal bis zum Bodenblech durchzudrücken, als wäre der Bus verkleinert und in einen Krankenwagen verwandelt worden. Doch soweit Sten das beurteilen konnte, gab es keine Veranlassung zur Eile mehr, jedenfalls nicht, soweit es den Räuber betraf. Sten hoffte, dass er sich irrte. Er hoffte, dass der Typ bloß bewusstlos war, im Koma vielleicht, in einem Tiefschlaf, umfangen von Träumen. Im Krankenhaus würde man ihm Sauerstoff geben, ihn defibrillieren, ihm eine Adrenalinspritze verpassen, irgendwas, das sein Herz wieder in Gang setzte und ihn aufweckte … Aber was, wenn er nicht aufwachte? War das dann Totschlag? Ein juristischer Begriff fiel ihm ein: Totschlag in Notwehr. Das war es doch gewesen. Er hatte instinktiv gehandelt, in Notwehr, um seine Frau und die anderen zu verteidigen – er hatte eine Gefahr ausgeschaltet, sonst nichts, und wer konnte ihm daraus einen Vorwurf machen? Aber wenn der Mann nun gelähmt war, irgendwie lebendig zwar, aber vom Hals abwärts tot, was dann? Wer würde die Pflegerin bezahlen, die ihn füttern und seine Windeln wechseln musste? Es gab hier keine staatliche Gesundheitsvorsorge, keine Krankenversicherung, kein gar nichts. Würde man ihn vor Gericht stellen? Prozesse gab es überall. Und Gefängnisse. Gefängnisse gab es auch überall.

Er versuchte, nicht daran zu denken, seinen Kopf von Gedanken frei zu machen. Auf dem ganzen Rückweg hatte er Carolees Hand festgehalten und starr geradeaus gesehen, während der Bus klappernd dahingerast war, bis alle Schrauben und Muttern, die ihn zusammenhielten, wimmerten. Die Zeit schrumpfte. Rechts und links flog der Urwald vorbei, und unter den Rädern explodierten die Schlaglöcher. Ihm war übel. In seinem Kopf war ein Summen, als wäre darin ein Insektenschwarm gefangen. Seine Knie waren steif. Er war wieder schrecklich durstig. Drei Reihen weiter vorn lag im Mittelgang die perspektivisch verkürzte Gestalt des Gangsters. Daneben saß der Sanitäter, aber Sten konnte nur die Fußsohlen des Toten sehen. Sie erinnerten an Klammern, doch den Satz, den sie einschlossen, wollte Sten nicht entziffern.

Anfangs hatte man darüber debattiert, wohin man den Mann legen sollte. Keiner wollte ihn im Bus haben, aber was sollte man machen – ihn auf dem Dach festbinden? Ihn im Schlamm liegen lassen, bis die Polizei ihn holte? Oder die Geier? Die Hunde? Er war ein Mensch, ganz gleich, was er getan hatte oder vielmehr zu tun versucht hatte, da gab es nicht viel zu diskutieren: Sie würden ihn mitnehmen. Das jedenfalls war der Konsens. Alle rangen die Hände, und die Stimmen zitterten. Bills Frau – sorgfältig frisiertes Haar, tief ausgeschnittene Bluse – biss die Zähne zusammen, als hätte sie etwas Verdorbenes im Mund. »Ich will ihn nicht in der Nähe haben«, sagte sie mit Nachdruck, »ich will nicht –« Sie brach ab und schluchzte.

Wie sich zeigte, konnten sie den Mann nicht quer über zwei Sitze legen, und so betteten ihn Bill und der Sanitäter, die ihn an Schultern und Füßen die Stufen hinauf schleppten, im Mittelgang, mit dem Hinterkopf genau auf der verblassten Linie, die man nicht überschreiten durfte. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten bereits eingestiegen, mit bleichen, in sich gekehrten Gesichtern, den Blick starr nach vorn gerichtet, doch die letzten, zu denen auch Sten und Carolee gehörten, mussten über ihn hinwegsteigen, um zu ihren Plätzen zu gelangen. Sten nahm seine Frau am Arm und versuchte, den Anblick der glasigen Augen und der glänzenden Zähne in dem offenen Mund zu vermeiden, und was machte es schon, dass er stolperte und auf das Handgelenk des Manns trat? Der spürte ja keinen Schmerz mehr, und außerdem hatte er es nicht anders gewollt, oder?

Als Letzter stieg der Fahrer ein. Er setzte die Sonnenbrille ab, sah mit zusammengekniffenen Augen durch den Bus und zählte die Passagiere. Dann bückte er sich unbeholfen – Sten sah jetzt, dass er einen Schmerbauch hatte, den Schmerbauch eines Mannes, der sein Geld im Sitzen verdiente – und zog einen leuchtend orangeroten Regenumhang hervor, den er, damit alle hinsahen, umständlich entfaltete. Wollte er ihn über den Toten breiten? War’s das also? War es vorbei, war das Schmierentheater zu Ende? Doch nein, er machte aus dem Umhang ein behelfsmäßiges Kissen, dem er mit ein, zwei Knüffen Volumen verlieh, und dann bückte er sich wieder und schob es dem Mann unter den Kopf. Niemand sagte ein Wort. Fliegen summten. Stens Kehle war so trocken, dass er nicht schlucken konnte. Dennoch griff er nicht nach Carolees Wasserflasche, denn er wollte keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen – oder vielmehr: nicht noch mehr Aufmerksamkeit.

Für einen Augenblick – viel zu lange, denn schließlich handelte es sich doch um einen Notfall, oder? – stand der Fahrer einfach da, betrachtete sein Werk und schüttelte langsam den Kopf. Kannte er den Mann? Waren die beiden Komplizen? Seinem Gesichtsausdruck war wenig zu entnehmen, doch als er sich auf den Fahrersitz sinken ließ und die Tür schloss, warf er einen wütenden Blick durch den Mittelgang und wiederholte sein Mantra – »Sitzen« –, obgleich niemand mehr stand. Ja, es war unglaublich, aber er funkelte sie an, er funkelte sie tatsächlich an, die Strenge, der Tadel, das Urteil in seinem Blick waren unverkennbar – als hätten sie alle die Grenzen des menschlichen Anstands so weit überschritten, dass sich jedes weitere Wort erübrigte, als wären sie Kinder, die sich danebenbenommen hatten, als wären nicht sie es gewesen, die angegriffen worden waren, und als wäre er nicht ein Komplize oder wenigstens ein Mitwisser. Sten war sicher, dass er ein Komplize war. Er fuhr die Touristen hierher, ins Nirgendwo, rief die anderen an und bekam seinen Anteil der Beute. Nichts leichter als das. Der Mann – der Fahrer, der Heuchler – ließ seinen Blick für ein paar Sekunden auf ihnen ruhen, zog die Sonnenbrille hervor und setzte sie so sorgfältig auf, als nähme er eine heikle Operation vor. Dann sagte er überflüssigerweise: »Wir fahren.«

Als sie den Stadtrand erreichten und der Hafen in Sicht kam, bog der Bus von der Hauptstraße ab, fuhr durch eine Reihe von Nebenstraßen und nahm schlingernd eine Kurve nach der anderen, bis der Fahrer schließlich in der Mitte eines Blocks voll unscheinbarer tiendas, Verkaufsstände und Wohnhäuser hart auf die Bremse trat und sie vor einem niedrigen, aus Betonteilen gefertigten Gebäude zum Stehen kamen, das auch ein Lagerhaus oder eine Fabrik hätte sein können, über dessen Eingang aber ein großes rotes Kreuz an die Fassade gemalt war. Sten war auf dieses plötzliche Manöver nicht gefasst, und hätte er nicht Carolee im Arm gehalten – um sie zu beschützen –, dann wäre er vielleicht mit dem Gesicht an die Rücklehne des Sitzes vor ihm geprallt. Es gelang ihm gerade noch, den Stoß mit der Schulter abzufangen. Der Bus schwankte, und aus den Gepäckfächern regneten Taschen, Kameras und Wasserflaschen auf den Boden und suchten ein stabiles Gleichgewicht. Der Sanitäter hatte weniger Glück. Die ganze Zeit hatte er sich über den Gangster gebeugt, die Stöße abgefangen und ihn in den Kurven festgehalten, aber jetzt, im letzten Moment, riss der Leichnam sich los, schoss nach vorn, schob den Regenumhang beiseite und rutschte halb die Treppe hinunter.

Die Blicke richteten sich auf Sten, als wäre das seine Schuld, doch davon wollte er nichts wissen. Das war jetzt das Problem des Sanitäters – er hatte die Sache schließlich in die Hand genommen, oder? Er war der Profi. Sollte er sehen, wie er damit zurechtkam. Für einen kurzen, verdutzten Augenblick starrten alle nur, und dann sprang der Sanitäter – klein, untersetzt, mit einem zu dicken Hintern und einem Gesicht, so rund wie der Vollmond – fluchend auf, stieg die Stufen hinunter und versuchte, den Leichnam aufzurichten, doch er hatte offenbar große Schwierigkeiten, denn der Tote lag jetzt seitlich da, so dass der Kopf in einem steilen Winkel herabhing. »Kann mir mal einer helfen?«, keuchte der Sanitäter, doch keiner rührte sich, jedenfalls nicht rasch genug – sie waren schließlich alt, allesamt alte Leute –, und so griff er dem Toten unter die Schultern, stützte den Kopf, so gut es ging, und zog ihn die Treppe hinunter.

In diesem Augenblick stand Bill – der andere Bill, der mit den Haaren – auf, ging mit kleinen Schritten hin, bückte sich und nahm die Füße des Mannes, aber im letzten Moment entglitten sie ihm und schlugen auf dem heißen Asphalt auf wie tote Fische. Das Geräusch war leise, kaum wahrnehmbar, das kurze, dumpfe Klatschen, mit dem lebloses Fleisch auf unnachgiebige Materie prallt, doch es ließ den ganzen Bus erzittern wie ein Donnerschlag. Sten spürte Carolee zusammenzucken. Alle hielten den Atem an.

Der Sanitäter hatte schon Schlimmeres gesehen. Er schien die Schultern zu zucken und zog seinen Patienten über den Bordstein auf den Bürgersteig, während Bill sich bückte und es schaffte, die abgeschürften Fersen zu packen und anzuheben. »Wir legen ihn hin«, hörten sie den Sanitäter sagen. »Nein, nicht in den Dreck – hier, hier auf den Bürgersteig.« Unbeholfen und tief gebeugt schwang Bill die Beine des Mannes herum, während der Sanitäter ihn langsam hinlegte – Hintern, Schultern, eine Hand stützte behutsam den Kopf –, und dann lag ihre gemeinsame Last, ganz harmlos jetzt, zwischen Kaugummiflecken auf dem Rücken wie ein Sonnenbadender an einem glitzernden Strand. Der Sanitäter richtete sich befriedigt auf und sah kurz zum Bus, bevor er zum Eingang des Gebäudes eilte und darin verschwand. Bill blieb zurück und hielt Wache.

Das war die Szenerie: Dieser Mann namens Bill, dünn, mit Sonnenbrand, hängenden Schultern und wachsfarbenem Haar, das so glatt am Schädel klebte, als wäre es Strähne für Strähne in flüssigem Zustand aufgetragen worden, stand neben dem Mann, der nicht mehr atmete und dessen Kehle unter dem spitz aufragenden Kinn verfärbt war – dunkel, zu dunkel, als hätte er sich doch noch einen Bart wachsen lassen. Bill trat von einem Bein aufs andere, stemmte die Hände in die Hüften, ließ sie wieder sinken. Die Luft roch brackig, nach Meer und vielen kleinen verwesenden Tieren. In der Gasse neben dem Krankenhaus ließ jemand ein Moped aufheulen. Ein Wagen fuhr langsam die Straße hinunter, die Windschutzscheibe gleißte, als wäre sie geschmolzen.

Und dann kam der Sanitäter (er hieß Oscar, erfuhr Sten später, Oscar Ruiz aus Oakland, Kalifornien, zweiundsechzig Jahre alt und seit einem Monat im Ruhestand) wieder aus dem Gebäude, begleitet von einem Pfleger in blassgrüner Uniform, der eine Rollbahre schob. Alle reckten den Kopf, um besser sehen zu können, als der Pfleger sich zu der leblosen Gestalt hinunterbeugte und nach Lebenszeichen suchte – vergeblich, soweit Sten es beurteilen konnte, auch wenn eine Frau immer wieder sagte, das sei kein Grund, die Hoffnung aufzugeben, denn der Elektroschockapparat, der Defibrillator, sei ein echtes Wunder und habe ihren Mann bereits zweimal gerettet. »Der Typ ist hinüber, sehen Sie das nicht?«, sagte der Mann hinter ihr, und sogleich begann eine in gedämpftem Ton geführte Debatte. Sten ignorierte sie. Wie alle anderen saß er schwitzend und durstig da und wollte nur zurück aufs Schiff. Bald würde die Polizei da sein, das wusste er. Seine Aussage, das war das Mindeste, was sie von ihm würden haben wollen. Und dann? Würde Anklage gegen ihn erhoben werden? Würden er und Carolee wochen- oder gar monatelang in diesem stinkenden Drecksloch von Stadt bleiben müssen, während die anderen an Bord gingen und dem Sonnenuntergang entgegenfuhren?

Sein Blick ging zum Fahrer. Der hatte die Beine in den Mittelgang gestreckt, um es bequemer zu haben, und drückte ein Handy ans Ohr, in das er in ratterndem Spanisch sprach, und wen konnte er schon benachrichtigen, wenn nicht die Polizei? Sten sah Carolee an, und sie sagte ganz leise seinen Namen, zweimal, es klang wie ein Stöhnen: »Ach, Sten, Sten.« Sie rutschte auf ihrem Sitz hin und her, und vielleicht geschah es unbewusst, aber sie zog ihre Hand aus seiner und rieb sie an ihren Shorts trocken. Dann flüsterte sie: »Glaubst du, wir dürfen wieder aufs Schiff?«

Er zuckte die Schultern. Ihm war nicht nach reden zumute. Eher nach schlafen. Schlaf, er wollte Schlaf, er wollte aus dieser Realität hinaus und ins Reich der Träume treten. Gleichmütig sah er zu, wie der Sanitäter und der Pfleger den schlaffen Körper auf die Rollbahre hoben und diese durch die weit geöffnete Doppeltür des Krankenhauses schoben. Alle sahen es, die entschwindenden Füße, die Räder der Rollbahre, die Tür, die sich schloss wie zuschnappende Kiefer, und wie auf ein Stichwort kam Leben in die Leute. Da war Bill, der gute Samariter, stieg die Stufen des Busses hinauf und setzte sich in die erste Reihe neben seine Frau. Ein Mann, an den Sten sich gar nicht erinnerte, stand auf und wühlte in dem Tagesrucksack, den er auf der Ablage verstaut hatte. Man hörte das Rascheln von Plastik und Papier, als wehte ein starker Binnenwind durch den Bus. Wasserflaschen wurden hervorgeholt, Schokoriegel, Handys. Die Unannehmlichkeiten waren vorüber, und es war, als wäre gar nichts geschehen: Sie waren Touristen, die um ihre Naturwanderung gebracht worden waren und nun nur noch aufs Schiff zurückkehren wollten, in ihre Kabinen und Suiten, zu Privatsphäre, Klimaanlage, Cocktails und Dinner am Tisch des Kapitäns. Sie hatten etwas erlebt, ja, etwas, über das man eine SMS nach Hause schreiben konnte, aber jetzt war es vorbei.

»Fahrer?« Das war Bill, der erste Bill, der mit der Glatze. Er schien eine Art Sprecher geworden zu sein. Er saß zwei Reihen vor Sten und Carolee, sein Hemd war durchgeschwitzt, und er hatte seine Baseballkappe tief in die Stirn gezogen. Neben ihm war seine Frau, deren sprödes Haar von einem Sonnenstrahl in Flammen gesetzt wurde.

Der Fahrer ließ sich Zeit mit einer Reaktion. Er spitzte den Mund. Klopfte mit dem Handy an sein Ohr. »Fahrer?«, wiederholte Bill, und schließlich drehte sich der Mann um und zog die Augenbrauen hoch, als wollte er sagen: Was ist denn jetzt schon wieder?

»Wir würden gern wissen, warum es nicht weitergeht.«

Der Fahrer sagte etwas ins Handy und hielt es dann hoch, als wäre es ein Beweis vor Gericht. »Ich spreche gerade«, sagte er, »mit la Fuerza Pública. Polizei. Sie müssen machen ein Aussage von« – er suchte das rechte Wort und fand es nicht – »das heute. A la reserva. Von Verbrechen. Müssen machen ein Aussage von Verbrechen.«

»Ja, schön, in Ordnung«, sagte Bill und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Aber das können wir doch auch an Bord. Wir haben eine Menge mitgemacht, das war hier ein Trauma, ein echtes Trauma, und es tut keinem gut, wenn wir hier ohne jeden Grund in der Hitze herumsitzen …«

»Fahren Sie uns zum Schiff«, rief jemand von hinten.

»Ja, setzt das Ding in Bewegung«, rief ein anderer.

Als hätte sie auf dieses Stichwort gewartet, schrie Sheila plötzlich, und ihre Stimme war so angespannt, dass sie beinahe brach: »Wir brauchen eine Toilette. Wir haben … ich meine, ich habe …« Ihr Platz war zwei Reihen weiter vorn, auf der linken Seite, neben der Frau, deren Mann zweimal wiederbelebt worden war (beim dritten Mal war das offenbar nicht mehr gelungen). Ihr Make-up hatte sich in der Hitze verfestigt, und aus Stens Blickwinkel sah es aus, als würde sich die Haut von ihrem Gesicht schälen. »Uns ist heiß. Wir haben Durst. Und ich weiß nicht, wie es den anderen geht, aber ich könnte eine kalte Dusche vertragen.«

Der Fahrer schüttelte langsam den Kopf. »Das ist nicht möglich«, sagte er und hielt das Handy wieder ans Ohr. »Im Augenblick.«

»Was ist das hier?«, hörte Sten sich sagen. »Ein Debattierklub?« Er hatte genug. Wer war dieser hochnäsige Wicht, dass er sie hier festhalten durfte? Er hatte ihnen nichts zu befehlen, er war nichts, weniger als nichts. »Ach was«, sagte er und stand auf. »Wir können ja laufen. Oder ein Taxi nehmen. Hier muss es doch so was wie Taxis geben.«

Und jetzt waren alle in Bewegung. Sie erhoben sich, holten Taschen aus den Gepäckfächern, setzten Rucksäcke auf – weißes Haar, zitternde Hände, das Scharren von Turnschuhen und Sandalen. Im selben Augenblick stand auch der Fahrer auf, als wollte er ihnen den Weg versperren, und Sten dachte: Das soll er mal versuchen. Es hätte vielleicht unentschieden geendet, es hätte aber auch aus dem Ruder laufen können – die Leute waren verängstigt, wütend, ungeduldig –, doch dann schwangen die Türen des Krankenhauses wieder auf, und der Sanitäter, einer der Ihren, eilte auf den Bus zu, um Neuigkeiten zu verkünden.

Sten sah ihn in den Schatten des Busses treten, und dann tauchte er auf der Treppe auf. Sein Gesicht war ausdruckslos. Er sagte zu dem Fahrer etwas auf Spanisch, irgendetwas Ausführliches, aber keiner konnte sich einen Reim darauf machen. Stens Magen krampfte sich zusammen. Aber dann rief der erste Bill, der jetzt mit den anderen im Mittelgang stand: »Also, Oscar, was ist los? Kommt der Typ durch, oder was? Und wann fahren wir endlich weiter?«

Der Sanitäter drehte sich um und sah blinzelnd zu den Gesichtern auf, als könnte er sie nicht recht einordnen.

»Also?«, beharrte Bill.

»Sie brauchen unsere Aussagen.«

Sheila stöhnte. »Was für Aussagen können die denn wollen? Wir haben doch nichts getan.«

Der Sanitäter – Oscar – hob die Hand, bis Ruhe eintrat. »Aber sie sagen, das können sie auch auf dem Schiff erledigen.« Auf dem Schiff – das waren die Zauberworte, auf die sie alle gewartet hatten, die Worte, die den Bann brachen und Rettung verhießen. Alle atmeten gleichzeitig auf. »Das gilt für die Zeugen, und das sind, schätze ich, wir alle.« Sein Blick verharrte auf Sten. »Außer Ihnen – die sagen, Sie müssen hier warten, bis die Polizei da ist.«

Er wusste nicht, ob er grinsen oder eine Grimasse ziehen sollte. Sein Gesicht fühlte sich heiß an. Der Rücken tat ihm weh, ganz unten – offenbar hatte er sich bei dem Kampf auf dem Parkplatz etwas gezerrt, einen der Lateralmuskeln, die er zu selten gebrauchte und die ihm immer Probleme machten.

»Aber keine Sorge«, fuhr Oscar fort, »ich bleibe bei Ihnen, für den Fall, dass Sie einen Dolmetscher brauchen.«

»Ja, okay«, sagte Sten, und ihm war kaum bewusst, worin er da eigentlich einwilligte, und dann setzte er sich in Bewegung – dehydriert, benommen, unsicher auf den Beinen –, und Carolee, die ihre Tasche umgehängt hatte und den Hut umklammerte wie einen Rettungsring, folgte ihm.