Hedy Darling - Anthony Loder - E-Book

Hedy Darling E-Book

Anthony Loder

4,9

Beschreibung

Hedy Lamarr ist der geheimnisvollste Mythos Hollywoods. Sie löste den größten Sexskandal der Filmgeschichte aus, zählte zwei Jahrzehnte lang zu den Diven der Traumfabrik, galt als schönste Frau der Welt - und erfand nebenher die Grundlagen der heutigen Mobilfunktechnik und einen Torpedo, um Nazi-Deutschland zu bekämpfen. Wer aber war Hedwig Maria Kiesler, 1914 in Wien geboren, wirklich? Der Autor Jochen Förster hat in Los Angeles wochenlang mit dem Mann gesprochen, der über die Lamarr so viel weiß wie niemand sonst - mit ihrem Sohn Anthony Loder. Gemeinsam zeichnen sie das Porträt einer Leinwand-Göttin, die in Vergessenheit geraten ist. Eine Frau, die so schön war, dass ihr nicht nur Clark Gable oder Pablo Picasso zu Füßen lagen. Eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war - und daran scheiterte. Sie erzählen von Aufstieg und Fall, von Sex, Glamour und Dunkelheit. Bislang unveröffentlichte Familienfotos, Briefe und Geschichten gewähren sehr persönliche Einblicke in ein filmreifes Leben und die schillerndste Epoche Hollywoods.

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Seitenzahl: 269

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Das Leben, Ein Film

Dieses Buch erzählt zwei Geschichten, eine traumhafte und eine traumatische. Die traumhafte handelt von einer jungen Frau, die von der Welt vergöttert wurde wie kaum je eine vor ihr. Die gesegnet war mit einem Gesicht von aphroditischer Perfektion, mit außergewöhnlichem Intellekt, Cleverness und einer gehörigen Portion Verwegenheit. Die von der verwöhnten Wiener Bürgerstochter in kürzester Zeit zu einem der höchstdotierten Hollywood-Stars der späten Dreißiger-, Vierziger- und frühen Fünfzigerjahre avancierte. Die Leben und Liebe in fast allen uns bekannten Facetten genoss. Und die ganz nebenbei eine Erfindung zuwege brachte, die für unser heutiges Alltagsleben maßgeblich ist.

Die andere, traumatische Geschichte handelt von einer Frau, deren Ruhm ihr zum Verhängnis wurde. Die von Hollywood so hofiert, vom Kinopublikum so vergöttert und von den Männer so begehrt wurde, dass sie selbst sich irgendwann als Göttin begriff. Und deren Leben von dem Moment an zum schlechten Film wurde, als dieses Hollywood, dieses Kinopublikum, diese Männer nichts mehr von ihr wissen wollten.

Beide Geschichten handeln von ein und derselben Frau. Zusammen ergeben sie ein Drama, wie es im wirklichen Leben selten so extrem spielt, eine Geschichte von rasantem Aufstieg und noch steilerem Fall, so steil, dass diese Frau heute kaum jemand noch kennt. Beginnen wir fürs Erste bei Letzterem. Beginnen wir also an jenem Punkt ihres Lebens, von dem aus es nur aufwärtsgehen konnte (aber leider nicht mehr ging). Beginnen wir ganz unten.

UNTER DEN MEHR ALS SECHZIG KINOFILMEN, die Andy Warhol zwischen 1963 und 1968 drehte, zählt The 14 Year Old Girl ganz sicher zu den unterhaltsameren. Der gut einstündige Film, auch als Hedy oder The Shoplifter bekannt, erzählt tragikomische Szenen einer schlecht gealterten Frau. Gleich zu Beginn sehen wir, wie sie unterm Messer liegt, Chirurgen schnippeln an ihrem Gesicht herum, derweil sie ihnen in den Ohren liegt, sie mögen sie doch bitteschön „beautiful“ machen. Nach getaner Arbeit betrachtet sie sich im Spiegel und sagt, verzückt von ihrem Angesicht, sie sehe ja aus wie eine Vierzehnjährige. „I feel pretty“, singt sie, sie fühle sich so hübsch. Später klaut sie in einem Warenhaus wahllos Sachen, wird verhaftet, vergiftet die Verkäuferin und landet vor Gericht, wo der zuständige Richter sie zum Tod durch die Giftspritze verurteilt. Die Verurteilte lächelt entrückt dazu und trällert wahlweise „I feel pretty“, „Young at heart“ oder ein Lied darüber, wie man eine echte Kleptomanin wird. Diverse Unverschämtheiten der anwesenden Chirurgen, Verkäuferinnen und Ex-Ehemänner registriert sie gar nicht. Sie dreht sich nur noch um sich selbst.

The 14 Year Old Girl ist für Warhols Verhältnisse ungewöhnlich sarkastisch geraten. Diese Frau ist ein Wrack, keine Frage. Äußerlich eine Kunstfigur – passenderweise dargestellt von Mario Montez, neben Candy Darling damals Warhols Lieblings-Drag-Queen – und innerlich ziemlich plemplem. Der Film zeigt plakativ, schrill und gnadenlos, was Schönheitskult, Ruhmsucht und Konsumwahn bei einer Frau anrichten können. Und er hat, noch ungewöhnlicher für Warhol, einen kaum getarnten biografischen Bezug. The 14 Year Old Girl erzählt die Geschichte von Hedy Lamarr.

1966 – ALS WARHOLS FILM ERSCHIEN – war Hedy Lamarr einundfünfzig Jahre alt und in Hollywoods interner Wertschätzungsskala bei ziemlich genau null angekommen. Im Januar wurde sie in Los Angeles wegen Ladendiebstahls verhaftet, sie hatte in einem Drugstore Waren im Wert von 86 Dollar mitgehen lassen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Hedy Lamarr allein an Gagen um die 30 Millionen Dollar verdient. In den folgenden Monaten gab sie Interviews, die selbst eingefleischte Fans an ihrem Geisteszustand zweifeln ließen. Im Oktober 1966 veröffentlichte sie ihre Autobiografie Ekstase und ich, die eine Indiskretion an die andere reihte und selbst für heutige Verhältnisse als außergewöhnlich freizügig gelten kann. In den Folgejahren ließ sie zahlreiche Schönheitsoperationen an sich vornehmen und verklagte so ziemlich jeden, der nicht bei drei auf dem Baum war. Sie verhielt sich wie in einer drittklassigen Reality Soap. 1967 verschwand sie aus dem Rampenlicht, in das sie bis zu ihrem Tod im Januar 2000 nicht zurückkehrte. Hedy Lamarr wurde fünfundachtzig Jahre alt. Mit Andy Warhol könnte man sagen: Die zweite Hälfte ihres Lebens war ziemlicher Trash.

Die erste Hälfte von Hedy Lamarrs Leben war das genaue Gegenteil. Sie war so reich an Abenteuern, Facetten, Höhe- und Glanzpunkten, dass sie Stoff genug für mehrere Filme böte – weniger nach Art einer Warhol-Satire, eher eines Hollywood-Thrillers. Junge Jüdin aus Österreich erlernt die Schauspielkunst in Berlin, wird dort zum Protegé des Regisseurs Max Reinhardt, der sie zur „schönsten Frau der Welt“ erklärt. Mit gerade mal siebzehn Jahren dreht sie in Prag den Arthouse-Film Ekstase, dessen Nackt- und Sexszenen sie mit einem Schlag weltberühmt machen. Doch statt weiterzufilmen, entsagt sie dem Kinogeschäft und heiratet einen (ebenfalls jüdischstämmigen) Waffenfabrikanten und Austrofaschisten, der nebenbei manisch besitzgierig ist, ihr das Schauspielen verbietet und sie zu Hause einsperren lässt.

Hedy flieht über Paris, London und New York nach Los Angeles, wo sie den Neuanfang in einer fremden Welt wagt, im Gepäck kein Wort Englisch, die skan­dal­träch­tige erste Sexszene der Filmgeschichte sowie ein Gesicht, das fortan Scharen von Fans und Kritikern, Filmbossen und Schauspielkollegen zu Superlativen hinreißt. Aus Hedwig Kiesler wird Hedy Lamarr, Hollywoods schönste Entdeckung der späten Dreißigerjahre. In kürzester Zeit spielt sie sich in die erste Star-Reihe, dreht mit Charles Boyer, Spencer Tracy, Clark Gable, William Powell, James Stewart. Mehr als ein Jahrzehnt zählt sie zu den begehrtesten Kinostars, gilt als Inkarnation perfekter Schönheit, wird das populärste Covergirl der USA, eine Art Marilyn Monroe für die Weltkriegs-Ära. Dazu Trendsetterin, Fashion Icon, Dauerthema der Klatschspalten. Nebenbei – einzigartig für Hollywood-Diven – versucht sie sich erfolgreich als Erfinderin und patentiert, gemeinsam mit dem Komponisten George Antheil, das sogenannte Frequenzsprungverfahren. Gedacht ist es als Kriegswaffe gegen die verhassten Nazis. Heute gilt die Erfindung als Grundlage aller kabellosen Kommunikation. In jedem Mobil­telefon, jedem Bluetooth, jedem WLAN-Netzwerk steckt der Pioniergeist Hedy Lamarrs.

Doch sowenig Ruhm ihr zeitlebens als Erfinderin zuteilwurde, sowenig Wertschätzung erfuhr sie in Hollywood als Filmkünstlerin, Charismatikerin, moderne Frau. Ihre Marke war das makellose Äußere. Beauty-Experten probierten anhand ihrer Proportionen den Archetypus weiblicher Schönheit zu ergründen, so wie zuvor in ähn­lichem Ausmaß nur bei Greta Garbo. „The American Garbo“ nannte man sie auch, da war Hedwig Kiesler in der US-Öffentlichkeit längst eingebürgert.

Entsprechend eigenschaftslos wirkte sie in den meisten ihrer Filmrollen. „Sie spielt nicht, sie erscheint“, schrieb der Filmkritiker Peter Körte in seiner Kurz­bio­grafie Hedy Lamarr. Die stumme Sirene. Auf der Leinwand wie in der People-Presse war Hedy Lamarr eine Art menschgewordenes Marmorgesicht, mehr fürs Standfoto als fürs Bewegtbild geschaffen, das erste Schauspiel-Model mit Superstar-Status, zu einer Zeit, als es Supermodels noch gar nicht gab. Wäre sie heute noch einmal Anfang zwanzig, man könnte sich Hedy Lamarr unschwer als Chanel-Gesicht und Lagerfeld-Darling vorstellen.

An dem, was hinter der Marmorfassade lag, war im Hollywood der Weltkriegsjahre kaum ein Studioboss interessiert. Dabei war die private Hedy alles andere als eigenschaftslos. Sie war politisch interessiert, waghalsig und äußerst intelligent. Ihr Liebesleben war mindestens so atemberaubend wie ihre Karriere, sie hatte sechs Ehen, ungezählte Liebhaber und ein für damalige Zeiten außerordentlich aktives, genießerisches, selbstbewusstes Verhältnis zum Sex. Nebenbei malte sie regelmäßig, besaß eine enorme Kunstsammlung, jagte gern und gut, liebte Hunde und Hyazinthen, Schach und Poker, Bidets und Nacktbaden. Sie hatte jede Menge ruhmreiche Freunde. Im Übrigen dürfte sie einer von wenigen westlichen Stars sein, der in seiner Auto­bio­grafie behauptete, Adolf Hitler habe ihm die Hand geküsst, obwohl das nachweislich nie der Fall war.

Hedys erste Lebenshälfte verlief turbulent, nach hinten raus lief dann einiges schief. Irgendwann in ihren Mittdreißigern ließen die Studios sie fallen, so wie sie seit jeher Schauspielerinnen fallen lassen, die aufgrund ihres Sex-Appeals besetzt werden. „Die Selbstmordjahre“ nannte Hedy Lamarr selbst diese Zeit, das Mitte-Dreißig-Alter für Leinwandgöttinnen, in ihrer Autobiografie. Die Doppelbödigkeit des Ruhms, das Abgründige des Superstardaseins verkörpert Hedy Lamarr wie kaum eine andere. Marilyn Monroe und Romy Schneider machten ihrem Leben ein Ende und sich so selbst unsterblich. Greta Garbo und Marlene Dietrich machten sich im Alter unsichtbar. Brigitte Bardot und Liz Taylor fanden ihr Heil im Tierschutz beziehungsweise in acht Ehen. Ingrid Bergman, Lauren Bacall und Grace Kelly wirkten in vielen unvergesslichen Filmen mit, bevor sie privatisierten. Sie alle haben ihren sicheren Platz im kollektiven Gedächtnis.

Hedy Lamarr ist heute – außer bei ein paar Cineasten, Wiener Lokalpatrioten oder Technik-Freaks – weitgehend vergessen. Von allen Göttinnen der Filmgeschichte ist sie am tiefsten gefallen, und unter den vergessenen Superstars ist sie die vielleicht schillerndste, vielschichtigste Figur. Was trieb Hedy Lamarr in so kurzer Zeit zu solchem Ruhm? Was machte sie derart unwiderstehlich? Wie lebte sie ihr wildes Jetset- und Liebesleben hinter den Kulissen? Wie ging all das in den Vierziger-, Fünfziger- und Sechzigerjahren zusammen mit ihrer Rolle als Mutter? Was trieb sie über Hollywood hinaus zum Erfinden, Malen, Nomadendasein, und was trieb sie derart ins Bodenlose? War sie am Ende zu schlau für Hollywood?

DER MANN, DER ANTWORTEN auf diese Fragen weiß, wohnt in Culver City, einem hübschen Villenvorort von Los Angeles. Anthony Loder, Hedy Lamarrs einziger Sohn, ist ein groß gewachsener Mittsechziger von einnehmendem Wesen, charmant, eloquent und überaus hilfsbereit. Vor allem wenn es um seine Mutter geht. Anthony hat eine ganz ansehnliche Karriere als Netzwerk-Unternehmer hingelegt, die Paläste so mancher Hollywood-Stars hat er mit Telefon-, Netzwerk- und Alarmsystemen ausgestattet, von Michael Douglas bis Kevin Costner, von Cher bis Sharon Stone. Sein größtes Hobby, seine Herzensangelegenheit aber blieb stets das Leben seiner Mutter. Viele Jahre hat er über sie geschrieben. Sein Computer steckt voller Notizen und Erinnerungen, ein ganzes Zimmer steht voll mit gesammelten Hedy-Gemälden, alten Heften, Briefen und unveröffentlichten Fotos.

Im Frühjahr 2012 hatte ich das Glück, einige Wochen Anthony Loders Gast sein zu dürfen. Er zeigte mir die Orte, an denen sich Hedys wildes Leben abspielte, und das abgründige Drama ihrer Familie. Er erzählte mir eine abenteuerliche Anekdote nach der anderen und gewährte mir Zugang zu seinem umfänglichen Archiv. Irgendwann fragte ich ihn, ob er in wenigen Sätzen formulieren könne, wie er seine Mutter heute sieht. Er sagte:

HEDYS LEBEN WAR EIN UNVOLLENDETER Kinofilm, der zweite Teil war für die Katz. Das Starsystem hat meiner Mutter nicht gutgetan. Es hat letztlich eine paranoide Person aus ihr gemacht. Schönheit war erst ihr Kapital, dann ihr Fluch. Meine Mutter mochte es nicht, Hedy Lamarr zu sein. Ihr Sohn zu sein, hat mich ein Leben lang verfolgt.

DIESES BUCH ERZÄHLT DIE FILMREIFE Lebensgeschichte Hedy Lamarrs aus der Perspektive und über weite Strecken mit den Worten ihres Sohnes. Sie beginnt 1914 in Wien, während der letzten Jahre der Habsburg-Monarchie.

Wiener Blut

– Kindheit, Papa, Beccacine, Hedilendelein –

Puppen, jede Menge hübsche Holzpuppen, in einem großen, hellen Kinderzimmer, in einer prächtigen Villa voller Hausangestellter, in einer strahlenden Stadt voller heiterer Menschen, frischer Heuriger, saftiger Bratwürste und beschwingter Musik. Wann immer meine Mutter mir von ihren ersten Lebensjahren erzählte – jedes Mal fiel dieses Wort: „Bilderbuchkindheit“. Hedy schwärmte dann von zahllosen Ausflügen mit ihrem Vater Emil an die nahe Donau oder in den ebenso nahen Wienerwald, erinnerte sich an viel Natur, liebevolle Eltern, eine leichte Lebensart und nur ganz, ganz wenige Sorgen. Immer wenn ich davon träume, einen Film über meine Mutter zu drehen, beginnt dieser zu den ersten Takten von Johann Strauß’ Walzer An der schö­nen blauen Donau. Dadada dadam – dit dit, dit dit. Dadada dadam – dit dit, dit dit …

WIEN IN DEN 1910ER-JAHREN muss ein berauschender Ort gewesen sein. In den Kaffeehauszirkeln der Wiener Moderne verkehrten Männer von Weltgeltung – die Schriftsteller Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal, die Komponisten Gustav Mahler und Arnold Schönberg, die Maler Gustav Klimt und Egon Schiele, der Arzt Sigmund Freud. Schon seit einer Weile galt die Hauptstadt Österreich-Ungarns als Europas heimliche Kulturhauptstadt, eingerahmt vom neoklassizistischen Pomp der kaiserlich-königlichen Ringstraßen-Architektur. Das Wiener Nachtleben galt als ausschweifend, die Moral als freizügig und das „süße Mädel“, das sich gern von wohl­habenden Herren aushalten lässt, brachte es sogar zum eigenen literarischen Typus. „Man lebte gut, man lebte leicht und unbesorgt in jenem alten Wien“, schrieb Stefan Zweig.

Im November 1914 war Wien allerdings mehr denn je eine Weltstadt in Endzeitstimmung. Ein paar Monate zuvor hatte Österreich-Ungarn den Ersten Weltkrieg ausgelöst, nachdem Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo von bosnisch-serbischen Nationalisten ermordet worden war. Der Weltkrieg dauerte vier Jahre, danach war Österreich-Ungarn passé und die Monarchie gleich mit. Als Hedwig Eva Maria Kiesler zur Welt kam, war Wien Dreh- und Angelpunkt eines Riesenreiches kurz vor dem Zerfall. Allein Kaiser Franz Joseph I., „Sissis“ Ehemann, hielt den Vielvölkerstaat zu­sammen. Nach seinem Tod brach das k.u.k.-Reich auseinander – und mit ihm die Fassade bürgerlicher Sicherheit und Unbeschwertheit, für die die Kapitale zuvor so berühmt gewesen war. Wien – vor dem Krieg mit mehr als zwei Millionen Einwohnern nach London, New York und Paris die viertgrößte Stadt der Welt – hatte rund ein Viertel seiner Einwohner verloren. Der kaiserliche Hof war emigriert, die junge österreichische Republik instabil, die Armut überall sichtbar. Sozialdemokraten kämpften gegen Austrofaschisten. Der Antisemitismus wurde immer populärer.

Frühes Foto als Schauspielerin, um 1932

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Klein Hedwig im Jahr 1916 und zwei Jahre später (2. v. li. vorn) mit ihrer Mutter (re.) und ihrer Großmutter (li. vorn)

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Die kleine Hedwig bekam von alldem wenig mit. Sie hatte gebildete, kunstsinnige, betuchte Eltern, die ihr eine unbeschwerte Kindheit ermöglichten. Zwischen Hedys Kosmos und der Welt draußen bestand von Beginn an ein himmelweiter Unterschied. Und so sollte es bleiben.

Im Stadtteil Döbling, 19. Gemeindebezirk, liegt Johann Strauß begraben, Beethoven hat hier seine Eroica komponiert, Peter Alexander starb hier, Christoph Waltz wuchs hier auf. Die Gegend am Südrand des Wienerwalds zählt heute zu den teuersten der Stadt. Als Hedwig Kiesler hier aufwuchs, galt Döbling als Zentrum der liberalen, jüdisch geprägten Kulturelite des Landes – vor allem das Cottageviertel, benannt nach den vielen im englischen Landhausstil erbauten Häusern. Nach ihrer Geburt bewohnte Hedwig mit ihren Eltern die beiden obersten Stockwerke einer dreistöckigen Villa in der Peter-Jordan-Straße 3. Ihre Eltern gehörten dem jüdischen Bürgertum an, das damals zu weiten Teilen assimiliert war und sich seit der Jahrhundertwende mit wachsendem Erfolg in der Wiener Wirtschaft etablierte.

Vater Emil, geboren 1876 in Lemberg, war ein attraktiver, ambitionierter Mann, der 1905 nach Wien immigriert war und es in wenigen Jahren zum Direktor der „Kreditanstalt Bankverein“ gebracht hatte. Mutter Trude, geboren 1894 als Gertrud Lichtwitz in Budapest, stammte aus einer kunstliebenden Familie; für die Ehe mit Emil gab sie ihre Karriere als Konzertpianistin auf. Als die beiden im Frühjahr 1910 in Budapest heirateten, war Trude zum Katholizismus konvertiert. Sie zogen nach Wien. Die Ehe galt als „Mischehe“ – nichts Unübliches zu dieser Zeit.

Die Kieslers genossen das kulturelle und das gesellschaftliche Leben der Stadt, gingen ins Theater oder in die Operette, besuchten Vernissagen oder Kaffeehäuser. Die kleine Hedwig blieb meist allein daheim, ausgestattet mit einem Stab an Haushaltshilfen. Es gab eine Köchin, ein Stuben- und ein Kindermädchen. Inmitten der Erwachsenen wuchs Hedwig wie eine Prinzessin heran. Bedienstete waren für sie selbstverständlich. Die ganze Aufmerksamkeit schenkte sie ihren Lieblingspuppen. Sie steckte sie in schöne Kleider, eigene Betten und eigene Kinderwagen, gab ihnen zuliebe Tea Partys und weinte bitterlich, wenn die Puppen infolge übermäßiger Teeverköstigung irgendwann auseinanderfielen. Ihre Lieblingspuppe, genannt Beccacine, war ihre beste Freundin und Komplizin, bis ins Teenageralter nahm sie sie überallhin mit. „Da draußen gab es hungrige Kinder und dünne Babys“, erinnerte sich Hedy Lamarr Jahrzehnte später, „ich dagegen war ein dickes Baby. Der Krieg kam mir niemals wirklich nah. Wie durch einen magischen Zirkel schirmten meine Eltern mich vor allem Elend, jeder Ahnung von Unheil ab, die dem Rest Europas drohten.“

Andererseits ging vor allem Mutter Trude durchaus nicht zimperlich mit ihrer Tochter um. Sie ermahnte sie, sich nicht ständig im Spiegel zu betrachten, sparte mit Komplimenten und versuchte die kleine Hedwig so wenig wie möglich zu verwöhnen. „Ich hatte kein Fahrrad, machte keine Party, hatte nur Bücher, Bücher, Bücher. Niemand scherte sich um mich, außer meinem Vater und meinem Kindermädchen“, sagte Hedy später. „Meine Mutter hatte sich sehnlichst einen Sohn namens Georg gewünscht. Und nun hatte sie nur eine Tochter.“ Ob das stimmt, sei dahingestellt. Die späte Hedy machte ihre Mutter für vieles verantwortlich, was in ihrem eigenen Leben schieflief. Doch dazu später mehr.

Anthony Loder erfuhr von der Kindheit seiner Mutter aus deren Erzählungen, vor allem aber aus den Erzählungen ihrer Mutter, seiner Großmutter Trude. Anfang der Siebzigerjahre nahmen er und seine damalige Frau Dominique Trude Kiesler bei sich auf. Die letzten Jahre ihres Lebens, bis zu ihrem Tod im Februar 1977 im Alter von zweiundachtzig Jahren, verbrachte Trude in Anthonys Haus, 5721 West Olympic Boulevard, Beverly Hills. Sie erzählte oft aus Hedwigs Kindheit und Jugend. Zum Beispiel wie sie ihren Mann Emil traf, während eines Skiurlaubs in den österreichischen Alpen, im Dezember 1909:

EMIL WAR MIT FREUNDEN für ein Wochenende zum Skilaufen gefahren, wie fast jedes Wochenende im Winter. Trude war mit ihrer Familie auf einem einwöchigen Skiurlaub. An diesem Sonntag wachten beide früher auf als üblich. Normalerweise las Trude an solchen Tagen, bis ihre Eltern aufwachten, und Emil ging mit seinen Freunden frühstücken – an diesem Morgen entschieden sie beide, allein auf die Piste zu gehen. In einem roten Gondellift saßen sie nebeneinander. Emil begann eine freundliche Konversation mit dem hübschen Mädchen neben ihm – sie hielt bis ans Lebensende dieses glücklichen Mannes.

Gertrud (2. v. li.) und Emil Kiesler (8. v. li.) mit Freunden im Skiurlaub, um 1912

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EMIL WAR EIN SELFMADEMAN und eine imposante Gestalt. Ein Hüne, mehr als 1,90 Meter groß, athletisch und gut aussehend. Im Winter ging er Ski fahren, im Sommer bergsteigen, er ruderte gern und galt als besonnen und integer. Als Trude ihn kennenlernte, war sie Anfang zwanzig und er zwanzig Jahre älter als sie. Nach dem Skiurlaub fuhr Emil eine Zeit lang weniger Ski, stattdessen saß er freitags im Zug nach Budapest. Die beiden beschlossen zu heiraten. Kurz darauf wurde sie schwanger. Emil war der einzige Mann meiner Großmutter, ihre große Liebe. Und er war zugleich die große Liebe meiner Mutter. Emil Kiesler liebte Hedy so, wie sie geliebt werden wollte. Stark und unbedingt.

Emil und Trude waren ein glückliches Paar. Im vierten Jahr ihrer Ehe, am 9. November 1914, kam ihre einzige Tochter zur Welt. Sie tauften sie Hedwig, nach einer von Trude besonders geschätzten Cousine. Ihre Mutter nannte sie zumeist „Hedl“, ihr Vater wahlweise „kleine Prinzessin“, „Hedilendelein“ oder „hässliches Entlein“. Für alle anderen war „Hedy“ ihr gängiger Spitzname. Nur wenige Monate nach Hedys Geburt geriet mein Vater, John Loder, bei der Schlacht um Gallipoli vor der türkischen Küste in Kriegsgefangenschaft. Doch dazu später.

Wien, circa 1928

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HEDY WAR EIN GLÜCKLICHES KIND. Sie war oft bei ihren Großeltern in Budapest zu Besuch. Sie hatte ein französisches Kindermädchen, Nicolette, das ihr die erste Fremdsprache beibrachte. Und sie wuchs auf in der Überzeugung, dass sich die Welt um sie drehte. Jeder um sie herum zerriss sich für Hedy, jeder gab ihr das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein. Allen voran ihr Vater.

In ihrer geräumigen Stuckwohnung in der Peter-Jordan-Straße gab es im Wohnzimmer einen großen Kamin, davor ließ sich Emil nach getaner Arbeit auf seinem Ledersofa nieder und las die Abendzeitung, seine kleine Prinzessin auf dem Schoß. Später würde ihr Emil, wie fast jeden Abend, Szenen aus ihren Lieblingsbüchern vor­lesen, Grimms Märchen, Heidi, Struwwelpeter, Max und Moritz, während Trude im Hintergrund leise Klavier spielte. Oder er würde einfach seine Hände falten, so als umklammerten sie ein Buch, und ihr irgendeine ausgedachte Geschichte vortragen. Unterbrach sie ihn mit irgendeiner Frage, erklärte er ihr geduldig alles und tat dann so, als suche er nach der verlorenen Stelle in seinem eingebildeten Buch. Hedy liebte solche Szenen. Vor allem aber liebte sie es, von ihm geliebt zu werden. Emil nahm sein „hässliches Entlein“ an Nachmittagen mit in den Wienerwald, genoss mit ihr die Aussicht auf Wien, schlug ihr keinen Wunsch ab. Er erklärte ihr, wie Druckerpressen funktionierten und was Autos antrieb. Ihr Leben lang sprach meine Mutter von diesen Jahren als den glücklichsten ihres Lebens. Noch ein paar Tage bevor sie starb, am Neujahrstag 2000, rief sie mich aufgeregt an und sagte: „Schalt den Fernseher ein! Die Wiener Philharmoniker sind auf Sendung!“

Hedy wuchs umgeben von schönen Künsten auf. Schon als Kind begleitete sie ihre Eltern in Museen und zu Freiluftkonzerten im Park. Sie reisten gemeinsam nach England, Irland, München, Berlin, Paris, London, Genf, Venedig, Florenz, Rom und Madrid. Am Wochenende machten sie gern Schaufensterbummel in der Innenstadt, sahen den Straßenkünstlern zu oder saßen in Parkcafés, wo Hedy mit Vorliebe ihr Lieblingsgericht aß, Wiener Schnitzel mit Kartoffel-Gurken-Salat. Ein paarmal im Jahr durfte sie im Prater auf dem Riesenrad fahren. Den Sommer verbrachten die Kieslers in ihrem Seehaus nahe Salzburg. Schon im Alter von sechs Jahren durchschwamm Hedwig erstmals den See bis zu einem Holzplateau, wo sie sich von nun an regelmäßig sonnte. Sie war ein Naturkind, von Anfang an, und sie sollte es, trotz aller Hollywood-Irrungen, ihr Leben lang bleiben.

Die kleine Hedwig war wohlerzogen, wohlgeformt und sehr neugierig. Schon als Kind gab sie darauf Acht, aufrecht zu stehen. Ihr Vater hatte ihr beigebracht, sich einen Stock mit beiden Ellenbogen hinter den Rücken zu klemmen, um so ihr Rückengewölbe gerade zu biegen. „Dank meinem Vater habe ich eine perfekte Körperhaltung“, sagte Hedy einmal zu mir.

Der rückhaltlosen Verwöhnung durch den Vater versuchte Trude mit zunehmendem Alter entgegenzuwirken. Im Sommerhaus bekam Hedwig Aufgaben zugeteilt, etwa musste sie den Vogelkäfig reinigen und instand halten. Ihre Mutter unterrichtete sie in Ballett und Klavierspiel, ermahnte sie zu Disziplin und Zurückhaltung, sparte mit Lob und gemahnte sie, sich nicht übertrieben zu schminken.

Hedy warf Trude später oft vor, sie habe sich einen Jungen gewünscht und aus Enttäuschung gegenüber ihrem einzigen Kind Strenge und Distanz walten lassen – infolge von Geburtskomplikationen konnte Trude keine weiteren Kinder bekommen. „Mutter wollte einen Jungen“, sagte Hedy. „Hedy hätte ein Junge sein sollen“, sagte Trude. Ich glaube, ihre Strenge war eher das Ergebnis der frühen Erkenntnis, dass Hedy zum perfekten Prinzessinnen-Fräulein heranreifte. „Ihre spätere Launenhaftigkeit und Selbstverliebtheit waren nicht ihr Fehler“, sagte Trude später einmal zu mir. „Ihr Vater hat sie einfach viel zu sehr verwöhnt.“

SO UM DAS JAHR 1925 herum war allmählich allen Beteiligten klar, dass Hedwig sich zu einem außergewöhnlich hübschen Mädchen entwickelte. Sie selbst muss sehr früh gemerkt haben, dass sie Eindruck machte – und wie sie solchen Eindruck zum eigenen Vorteil nutzen konnte. Einher mit ihrem betörenden Äußeren gingen: ein starker Wille, ein sehr großes Selbstvertrauen sowie eine ausgeprägte Lust an der Selbstinszenierung.

Schon als Kind hatte Hedy Gefallen am Theaterspiel gefunden, der Schreibtisch ihres Vaters war ihre erste Bühne, wo sie für sich selbst Märchen aufführte oder sich Szenen ausdachte, in denen sie wahlweise Norma Talmadge, Gloria Swanson oder Alice White war, die Heldinnen der Kinomagazine, die sie seit Kindesalter verehrte. Mit fünf begann sie zu lesen. Mit acht belohnte Trude ihre Tochter mit einem Theaterbesuch für schulische Leistungen, eine „unvergessliche“ Erfahrung, die sie fortan in jede Schultheatergruppe, auf jedes Musikfestival trieb. Mit zehn erzählte sie jedem, sie liebe Kino über alles und werde dereinst „ein Star“ sein. Mit vierzehn nahm sie heimlich an einem Schönheitswettbewerb teil, den sie selbstredend gewann und sich vom Preisgeld flugs ihren ersten Pelzmantel gönnte. „Sie wusste schon immer, was sie wollte“, erzählte ihre Mutter Trude der bekannten Hollywood-Klatschkolumnistin Gladys Hall 1942, „auch wenn es nicht das war, was wir für sie wollten. Die Bühne zum Beispiel. Ihr Vater war dagegen, und ich später auch. Aber sie fragte uns nicht mal. Sie wusste von Anfang an: Die große Bühne war ihr Ziel.“

Eine überragende Schülerin war Hedwig eher nicht. Unterricht schien sie zu langweilen, sie interessierte sich stattdessen leidenschaftlich für amerikanische Musik, amerikanische Filme, überhaupt alles Amerikanische. Und außerdem schon recht frühzeitig für ihre enorme Wirkung auf Männer, die weit älter waren als sie. Als sie fünfzehn war, war die halbe Stadt in Hedwig Kiesler verliebt. Sie erhielt viele Komplimente. Einmal erzählte sie, der acht Jahre ältere Wolf Albach-Retty (Romy Schneiders Vater) sei ihr erster echter Schwarm gewesen. Einige Biografen vermuteten eine kurze Liaison zwischen den beiden. Belege dafür gibt es nicht. Sicher ist dagegen, dass sie sich im Sommer 1929 mit vierzehn Jahren in einen Vier­und­zwanzig­jährigen namens Hans verliebte, Sprössling einer wohlhabenden russischstämmigen Wiener Familie.

Die beiden trafen sich laut Hedy erstmals auf einer Party in Salzburg, während des Sommerurlaubs der Familie. Hans ging damals mit Hedys bester Freundin und Nachbarstochter Hansi aus. Die beiden forderten Hans auf, sich zu entscheiden. In ihrer Autobiografie Ekstase und ich schreibt Hedy: „Selbstvertrauen ist etwas, womit man geboren wird. Ich weiß, ich hatte Unmassen davon, schon im Alter von fünfzehn Jahren.“ Sie habe damals Hansi gesagt, sie dürfe Hans nicht heiraten, bis sie herausfänden, wen er wirklich liebe. Das Entscheidungstreffen zu dritt fand unter freiem Himmel statt. „Ich ging in den Wald und sie ging in eine andere Richtung. Er folgte mir. Er war vierundzwanzig und sehr reich. Ich war schön und wusste das. (…) Er war sehr liebevoll und sanft. Ich musste aufs Ganze gehen, weil ich dann beweisen konnte, dass er mich liebt. Von da an gingen wir fest miteinander (…) Er liebte mich, weil ich häufige Orgasmen hatte. Es gab ihm das Gefühl, sehr anziehend auf mich zu wirken. Es gab ihm das Gefühl, ein Mann zu sein. Was er nicht wusste, war, dass ich bei jedem Mann häufige Orgasmen hatte.“

An dieser Stelle sei erwähnt, dass Ekstase und ich ein sehr frivoles Buch ist, das mit dem offenkundigen Interesse geschrieben wurde, durch allerlei aufsehenerregende Sexszenen verkaufsfördernd zu wirken. Nach seinem Erscheinen 1966 beteuerte Hedy Lamarr, der Großteil sei von ihren Ghostwritern erfunden worden – eine Haltung, die so von der Nachwelt weitgehend übernommen wurde. Dabei sind viele Fakten nachweislich detailgetreu geschildert, und viele der nicht nachweislichen Szenen wirken eher zu detailgetreu, um komplett aus der Luft gegriffen zu sein. Überdies hat Hedy Lamarr, wie wir sehen werden, ihr eigenes Verhältnis zu Wahrheit und Lüge stets sehr flexibel gehandhabt.

Wie auch immer, ein ausschweifendes Sexleben prägte Hedys öffentliches Image von Beginn an, und das, wie wir ebenfalls sehen werden, aus konkreten Gründen. Sex hatte für die junge Hedy einen hohen Stellenwert. Ihr Sohn Anthony Loder sagt: „Hedy war schon früh sehr sexuell. Anders als viele gut erzogene Mädchen ihrer Zeit hatte sie ein sehr freies Verhältnis zu ihrem Körper und genoss all seine Freuden und Vorzüge. Sie handelte, um zu gefallen, und Sex gefiel Hedy sehr.“

Hans und Hedy trafen sich heimlich, bis ihre Eltern von der Liaison erfuhren und ihr Vater ihr jeden weiteren Kontakt untersagte. Eines Abends, als sie erst um halb zehn Uhr nach Hause kam, platzte ihm der Kragen und er forderte eine Entschuldigung. „Nun gut, ich werde mich entschuldigen, ich werde diese Worte sagen“, entgegnete Hedy, nun stolzer denn je. „Aber die Gedanken sind frei!“

Hedwig Kiesler, angehender Spielfilmstar, um 1930

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Nach dem Besuch der Mädchenmittelschule sandten die Kieslers Hedy auf ein Mädcheninternat in Luzern, um die Mittlere Reife zu erlangen und ein braves, heiratsfähiges Mädchen zu werden. Hedy hasste es dort und ergriff gleich mehrere Male die Flucht, bis ihre Eltern es schließlich aufgaben, sie zurück nach Wien holten und sich Hedy in der Döbling Akademie für das Studienfach Kunst und Design einschrieb.

Ihr Ziel aber war das Filmgeschäft. Einmal war sie zufällig in den Dreh eines Kinofilms hineingestolpert, was sie nachhaltig beeindruckte. „Die Leute hatten wunderschöne weiße Perücken und alte Kostüme. Ich konnte meine Augen nicht abwenden.“ Sascha-Film, Wiens erstes Studio, war von nun an ihr Traum. Eines Tages fälschte sie eine Schulentschuldigung, betrat das Filmbüro und bewarb sich als Skriptgirl. Bereits am nächsten Tag hatte sie ihre erste Statistenrolle in dem Kinofilm Geld auf der Straße. Hedy überredete ihre Eltern, dort weiterarbeiten zu dürfen. Sie gaben nach. Ihr Part als Sekretärin in Sturm im Wasserglas war schon ein wenig größer, wenn auch von ernst zu nehmender Schauspielerei noch weit entfernt.

Zwei Ereignisse fielen in diese Jahre, die so gar nicht zu ihrer bisherigen Bilderbuchjugend passten und sie nach eigenem Bekunden traumatisierten. Das erste wurde viele Jahre später zum Thema diverser Psychotherapien, das zweite führte sie weg von zu Hause. Als sie vierzehn war, versuchte ein Bote von der Wäscherei sie zweimal zu vergewaltigen, als ihre Eltern nicht daheim waren. Beim zweiten Versuch gelang es ihm, wobei Hedwig ihn mit einer Miniatur-Elfenbeinplastik so hart im Genitalbereich schlug, dass die Plastik zerbrach. Hedy hielt den Vorfall vor ihren Eltern geheim und kassierte einige Ohrfeigen für die zerbrochene Kostbarkeit.

Etwa ein Jahr später, im Sommer 1930, reiste Hedy mit einigen Freundinnen zum Bergsteigen in die Schweizer Alpen. In Vevey, unweit von Lausanne, traf Hedy eines Nachts in einem Club einen jungen Deutschen namens Franz von Hochstetten, den Sohn einer oberbayrischen Industriellenfamilie aus altem Rittergeschlecht. Zwischen beiden entspann sich eine geheime Wochenendbeziehung mit regelmäßigen Rendezvous in Hotelzimmern. Ritter Franz verliebte sich unsterblich, und Hedy wurde schwanger. Er bekniete sie, ihn zu heiraten und mit ihm nach Berlin zu ziehen, wo er ihr ein Luxusleben in Aussicht stellte. Hedy lehnte ab und ließ das Kind abtreiben. Ihrem Sohn erzählte sie einmal, außer Sex hätten sie wenig gemein gehabt, davon abgesehen habe er sie gelangweilt. Kurz nachdem Hedy ihm ihr Nein mitgeteilt hatte, wurde Franz von Hochstetten mit einer Kugel im Kopf gefunden – er hatte sich in dem Hotelzimmer umgebracht, in dem Hedy und er sich stets verabredet hatten.

Als Hedwigs erster Skandal öffentlich wurde, setzte die Döbling Akademie sie unehrenhaft vor die Tür. Sie bat Alex Granowsky, den Direktor der Sascha-Studios, ihr einen Vorstellungstermin in Max Reinhardts Theaterschule zu arrangieren. Ihre Eltern flehte sie an, ihr ein Schauspielstudium zu ermöglichen – immerhin lag Berlin gerade weit genug entfernt vom Skandal um den Liebesselbstmord ihres Verlobten. Irgendwann gaben Emil und Trude nach. Die Bewerbung klappte. Im Herbst 1930 verließ sie Wien in Richtung Berlin.

Die Nackte Kanone

– Berlin, Ekstase, Gefängnis, Flucht –

Otto Preminger war ein mittelgroßer Mann mit kahlem Kopf und scharf geschnittenen Zügen. Natürlich ahnte damals niemand, dass er später ein ruhmreicher Hollywood-Regisseur werden würde, mit Filmen wie Laura, Carmen Jones, Exodus oder Porgy And Bess. Als meine Mutter in Berlin ankam, war er ein junger, aufstrebender Theaterregisseur von Mitte zwanzig. Auch er Österreicher, wie Hedy – und wie Max Reinhardt, als dessen Assistent er am Deutschen Theater arbeitete. Für Hedy war Preminger das einzige, das entscheidende Bindeglied zum Impresario. Meine Mutter hatte ein Empfehlungsschreiben des Journalisten Géza Herczeg im Gepäck, eines alten Freundes Premingers aus Wiener Tagen. Eines Tages tauchte sie unangemeldet in Premingers Sekretariat auf und eröffnete dem Assistenten mit zitternder Stimme, sie heiße Hedwig Kiesler, werde Hedy genannt, sei sechzehn Jahre alt und wolle Schauspielerin werden. Preminger nahm sie bei der Hand und eskortierte sie ins Auditorium, wo er ihr einen leeren Sitz anbot und sich unauffällig davonmachte. Es war still – die Probenden hatten aufgehört zu spielen. Alle starrten Hedy an. Sie wusste damals nicht, dass Max Reinhardt es hasste, wenn Unbekannte bei seinen Proben dabei waren. Noch dazu unangemeldet.

„Und wer zum Teufel sind Sie, einfach so in meine Klasse hereinzuplatzen? Kommen Sie mal auf die Bühne!“

Meine Mutter tat, wie geheißen, stand kerzengerade wie immer und sagte: „Ich wollte nur bei einer Ihrer Proben zusehen. Ich war schon bei einer in Salzburg, als Sie den sterbenden Schwan inszenierten, und würde gern sehen, wie Sie arbeiten, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

„Mein Name ist Reinhardt.“

„Und meiner Kiesler.“

„Was haben Sie vorzuweisen?“

„Ich sollte wohl meinen, ich will Schauspielerin werden, darum bin ich hier.“

„Gut, wir sprechen später. Nehmen Sie dort hinten Platz.“

Urlaubs-Aufnahme aus dem Salzburger Land, um 1935

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DIE SZENE IHRER ERSTEN Begegnung mit dem berühmten Theatermann hat Hedy ihrem Sohn später wohl Dutzende Male erzählt. Es war sozusagen ihr erster großer Auftritt, und ein wegweisender dazu.

Reinhardt war nicht irgendwer. Er konnte Karrieren machen. Seit 1905 leitete der Sohn eines jüdischen Kaufmanns das Deutsche Theater, Brecht und Zuckmayer waren dort Dramaturgen, Gründgens Regisseur, Emil Jannings und Heinrich George, Conrad Veidt und Marianne Hoppe zählten zum Ensemble, und nebenbei gründete Reinhardt auch noch die Salzburger Festspiele und die Komödie am Kurfürstendamm. Obwohl er bereits auf die sechzig zuging, galt er als großer Innovator und Pate modernen Schauspiels – und als Symbol einer aufregenden Metropole, die Wien längst den Rang abgelaufen hatte. In den Kinos war soeben Marlene Dietrich als „blauer Engel“ erschienen, in den Buchläden lag Döblins Berlin Alexanderplatz aus, die Comedian Harmonists aus Friedenau eroberten landesweit die Konzertsäle. Wer im Jahr 1930 nach kulturellen Ereignissen suchte, war in Berlin genau richtig.