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Lesen, was glücklich macht. Und das zum Sparpreis!
Seit Jahrzehnten erfreut sich das Genre des Heimat-Bergromans sehr großer Beliebtheit. Je hektischer unser Alltag ist, umso größer wird unsere Sehnsucht nach dem einfachen Leben, wo nur das Plätschern des Brunnens und der Gesang der Amsel die Feierabendstille unterbrechen.
Zwischenmenschliche Konflikte sind ebenso Thema wie Tradition, Bauernstolz und romantische heimliche Abenteuer. Ob es die schöne Magd ist oder der erfolgreiche Großbauer - die Liebe dieser Menschen wird von unseren beliebtesten und erfolgreichsten Autoren mit Gefühl und viel dramatischem Empfinden in Szene gesetzt.
Alle Geschichten werden mit solcher Intensität erzählt, dass sie niemanden unberührt lassen. Reisen Sie mit unseren Helden und Heldinnen in eine herrliche Bergwelt, die sich ihren Zauber bewahrt hat.
Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane:
Alpengold 176: Einladung zum Fensterln
Bergkristall 257: Gefahr im Wildeggtal
Der Bergdoktor 1709: Ich will dir Heimat sein
Der Bergdoktor 1710: Für dich habe ich gelogen
Das Berghotel 113: Nie verlass ich meine Heimat!
Der Inhalt dieses Sammelbands entspricht ca. 320 Taschenbuchseiten.
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Seitenzahl: 610
Veröffentlichungsjahr: 2020
Dunja Wild, Marianne Burger, Andreas Kufsteiner, Verena Kufsteiner
Heimat-Roman Treueband 18 - Sammelband
Cover
Impressum
Einladung zum Fensterln
Vorschau
Einladung zum Fensterln
Wunderschöner Roman um heißblütige Burschen und ein viel zu braves Madl
Von Dunja Wild
Mit einem kecken Jodler auf den Lippen steigt der fesche Lugner-Thomas bergauf, der kleinen Sennhütte zu. Schon von Weitem sieht die hübsche Christine ihn näherkommen, und widerwillig registriert sie, wie ihr Herz bei seinem Anblick wilde Kapriolen schlägt. Zugegeben, ein Bursch wie aus dem Bilderbuch, das ist der Thomas, breitschultrig, kernig und braun gebrannt. Doch ihm eilt der Ruf voraus, ein waschechter Hallodri zu sein, der keinem Madl lange treu ist. Besser, sie verschließt ihr Herz vor ihm …
Aber auch Christine kann Thomas’ Charmeoffensive nicht widerstehen, und schon bald findet sie sich in seinen Armen wieder. Aber meint es der reiche Bauernsohn ernst mit ihr, der mittellosen Sennerin?
Christine kann’s nicht glauben und stellt ihm eine Liebesfalle …
Als die Meinl-Christine die Forststraße hinunter nach Thiersee radelte, hing im Osten bereits ein heller Schein. Auf den geraden Strecken trat sie kräftig in die Pedale. Sie war spät dran. Die Zeitung musste bis fünf Uhr in der Früh ausgetragen sein. Trotz der Eile genoss sie die Fahrt.
Im ersten Licht des Tages funkelte der Tau in den Wiesen. Heller Vogelgesang begleitete ihren Weg, und wieder wurde ihr bewusst, wie gut es ihr doch ging, trotz der schweren Arbeit.
Als sie im Tal ankam, zeigte sich der rosige Morgen schon auf den Bergspitzen, während hier unten noch graublaue Schatten geisterten. Um diese Uhrzeit lagen die Häuser still und verschwiegen zu beiden Seiten der Hauptstraße. Nur in der Backstube und auf den umliegenden Höfen war das Leben schon im Gange.
An der Bushaltestelle warteten bereits die Zeitungspakete. Christine warf sie rasch auf ihren Fahrradanhänger und machte sich an die Arbeit.
Die Uhr der kleinen weißen Kirche schlug vier Mal, als die junge Frau auf ein bäuerliches Anwesen zufuhr, dem größten im Tal. Es gehörte dem reichen Lugner-Bauern, einem angeblich unangenehmen und geldgierigen Mann.
Natürlich schlief der Großbauer um diese Zeit noch, worüber Christine nicht traurig war. Erschrocken zuckte sie deshalb zurück, als sich die kunstvoll geschnitzte Tür des herrschaftlichen Bauernhauses öffnete, gerade in dem Moment, in dem sie die Zeitung in den Kasten stecken wollte.
Vor ihr stand jedoch kein alter, mürrischer Mann in Nachthemd und mit Schlafmütze, sondern ein junger, fescher in Jagdkleidung mit Flinte. Er war ihr auf den ersten Blick sympathisch. Nein, das wäre untertrieben gewesen. Sie fühlte sich vielmehr auf ganz merkwürdige Weise von ihm angezogen.
Lag dies an dem intensiven Blick aus seinen unverschämt blauen Augen? Oder vielleicht daran, dass sie an diesem frühen Morgen, an dem die frische Luft wie Champagner prickelte, mit dem äußerst attraktiven Fremden allein auf der Welt zu sein schien? Vielleicht aber auch daran, dass jetzt die ersten goldenen Sonnenstrahlen die Berglandschaft um sie herum verzauberten und auch sie selbst.
All diese Gedanken und Eindrücke jagten der Meinl-Christine binnen der wenigen Sekunden durch den Kopf, in denen sie den Jäger mit den blonden langen Locken ansah.
***
Als der Lugner-Thomas an diesem Morgen von dem ersten Vogelgezwitscher geweckt wurde, warf er einen Blick auf den Wecker.
Nun gut, es war früher, als er geplant hatte aufzustehen, aber das konnte nicht schaden. Er wollte auf den Morgenansitz gehen.
Voller Zuversicht auf einen guten Abschuss schwang er die Beine aus dem Bett und sprang unter die Dusche. Als er fünfzehn Minuten später vor die Haustür trat, staunte er nicht schlecht, als er sich einer jungen Frau gegenübersah.
Binnen eines Bruchteils einer Sekunde nahm er alles an ihr auf einmal wahr: die zierliche und trotzdem weibliche Figur, das lange hellbraune Haar, die bernsteinfarbenen Augen, in denen goldene Punkte tanzten.
Was machte sie hier zu dieser frühen Stunde? Er schätzte sie auf Mitte zwanzig, also ungefähr so alt wie er selbst. Völlig perplex starrte er sie an wie eine Erscheinung.
Sie schien sich von der Überraschung, die ihr ins ebenmäßig geschnittene Gesicht geschrieben stand, deutlich schneller zu erholen als er. Die Fremde begann zu lächeln, und in diesem Augenblick war ihm zumute, als hätte sich die Sonne an diesem Tag besonders beeilt aufzugehen.
»Grüß dich«, sagte sie mit einer Stimme, die wie Musik in seinen Ohren klang. »Ich bringe die Zeitung.«
»Grüß dich«, erwiderte er, immer noch verwirrt über seine vielfältigen Regungen. »Ich hab dich noch nie hier gesehen«, fügte er hinzu.
»Seit drei Tagen trage ich die Zeitung hier im Tal aus«, erklärte sie ihm und fügte mit spitzbübischem Blick hinzu: »Wahrscheinlich schläfst du um diese Uhrzeit normalerweise noch.«
Auch ihr helles wohlklingendes Lachen gefiel ihm und ganz besonders, dass sie dabei perfekte Zähne zeigte.
»Dann hab ich ja heut Morgen Glück gehabt«, sagte er und kam sich gleich darauf ziemlich deppert vor.
Normalerweise fielen seine Komplimente einfallsreicher aus. Er hatte schließlich Übung darin. Aber allein der Anblick dieses wunderschönen Wesens, das aus dem Nichts völlig unerwartet vor ihm aufgetaucht war, brachte ihn total durcheinander.
Darüber hinaus ging von ihr etwas aus, was ihm die Lockerheit nahm, mit der er sonst mit Frauen umzugehen pflegte. Trotz der ausgeleierten Jogginghose und den sichtbar verschlissenen Turnschuhen strahlte sie Klasse und Format aus. Und eine Herzenswärme, die ihn noch viel mehr anzog als ihre natürliche Schönheit.
Sie standen sich immer noch gegenüber und sahen sich lächelnd an. Verflixt, er wusste nicht, was er sagen sollte. Er wollte auch nicht den Zauber dieser ganz besonderen Situation zerstören, indem er irgendeinen Unsinn von sich gab oder sich gar von ihr verabschiedete. Andererseits konnten sie auch nicht noch eine Ewigkeit hier stumm herumstehen, sich in die Augen schauen und einander anlächeln.
»Ich muss weiter«, sagte die Zauberfrau nun mit ihrer melodisch klingenden Stimme. »Zu den anderen Kunden …«
Er räusperte sich. »Ja, klar. Also dann … Servus«, erwiderte er, während sich Enttäuschung in ihm ausbreitete.
Sie trat ein paar Schritte zurück, hob die Hand und sandte ihm mit dem Blick aus ihren Bernsteinaugen noch einmal einen wärmenden Sonnenstrahl ins Herz.
»Vielleicht sieht man sich noch einmal«, schickte er schnell hinterher, als sie sich umdrehen wollte, um aufs Rad zu steigen.
Sie stutzte sichtlich. »Vielleicht«, sagte sie nur und radelte davon, ohne sich noch einmal umzusehen.
***
Der Lugner-Thomas stieß die Luft scharf aus.
Herrschaftszeiten, dachte er, während er sich mit dem Handrücken über die Stirn fuhr. Was war denn das gerade gewesen? Was für eine Frau! Wie ein Wesen von einem anderen Stern, diese natürliche Schönheit und vor allem dieses offene liebreizende Lächeln! Nichts von Koketterie, keinerlei Geziertheit oder gar Anmache.
Ihre Augen hatten es ihm besonders angetan. Es waren aufrichtig blickende Augen, in denen er Ernst und Ruhe gelesen hatte, aber auch den Anflug von Schalk.
Dann kam Bewegung in ihn. Er lief zu seinem Wagen, startete und fuhr viel schneller als erlaubt vom Hof, in der Hoffnung, der schönen Zeitungsausträgerin noch einmal zu begegnen.
Doch die Straße vor ihm war menschenleer. Wo war die Traumfrau geblieben?
Da nahm er eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr und entdeckte sie rechter Hand auf einem schmalen Weg, der durch die Wiesen zum Nachbarbauern führte. Sollte er ihr hinterher fahren? Nein, das wäre vielleicht doch zu platt, zu aufdringlich, sagte er sich. Sie gehörte bestimmt zu den Madln, die von direkter Anmache nichts hielten. Ja, sie strahlte Format aus.
Er bremste, schaute ihr nach. Es tat ihm fast körperlich weh zu sehen, wie die Gestalt auf dem Fahrrad immer kleiner wurde, um schließlich ganz aus seinem Blickfeld zu verschwinden.
Aber nur heute, nahm er sich vor. Er musste sie wiedersehen. Um jeden Preis. Zu dumm, dass er am Abend für drei Tage zur Viehmesse nach Wien fuhr! Die Fremde wäre es wert gewesen, sich morgen früh ab drei Uhr im Flur zu positionieren, um sie bloß nicht zu verpassen.
***
In dieser Woche meinte es der Wettergott gut mit den Leuten im Thierseer Tal. Auch der nächste Tag gehörte zu den ungetrübten Sonnentagen, so, wie es im Sommer sein sollte.
Am Abend saß Christine mit dem alten Hansei vor der Hütte. Sie aßen Brotsuppe, die der Senn gekocht hatte.
Wie viel schöner ist die Arbeit hier oben in dem Frieden und der Stille der Natur als meine ehemalige Arbeitsstelle und die darauf folgenden Gelegenheitsjobs in Innsbruck, dachte Christine wieder einmal, während sich die Dämmerung über das Almfeld senkte. Sie hatte schon viel gelernt. Schnell hatte sie den Dreh herausgehabt, beim Melken der Kühe deren Schwanz auszuweichen, das Gesäuge richtig zu reinigen und die Milchzentrifuge zu bedienen.
Ganz gleich, was sie tat, alles machte ihr Spaß. Selbst die schweren Milchzuber schleppte sie ohne Hanseis Hilfe zum Kaser. Dabei klangen die Viehglocken wie Musik in ihren Ohren. Ihre Tante wäre stolz auf sie gewesen. Ihre Mutter dagegen hätte nur verständnislos den Kopf geschüttelt.
»Kennst du eigentlich den Lugner-Bauern?«, fragte sie Hansei nach einer Weile, als dieser sich nach dem Essen mit seinen steifen Fingern eine Zigarette drehte.
»Den kennt jeder im Tal«, brummte der alte Senn nur, ohne sie anzusehen.
Christine rückte auf die Sitzkante vor. »Hat er Kinder?«
Seit sie gestern Morgen dem attraktiven Jäger begegnet war, fragte sie sich, wer er gewesen sein mochte. Der Sohn vom Lugner-Bauern? Oder vielleicht ein Gast? Der Revierjäger des Großbauern?
Heute Morgen hatte sie vergeblich darauf gehofft, den jungen Mann, mit dessen Bild vor Augen sie abends eingeschlafen war, wiederzusehen. Natürlich hatte ihr Verstand ihr sofort gesagt, wie irrsinnig ihre Hoffnung darauf gewesen war. Als würde ein so gut aussehender Typ wegen einer einfachen Zeitungsfrau sich den Wecker stellen!
»Einen Sohn hat er«, murmelte Hansei in ihre Gedanken hinein.
»Ich glaub, ich bin ihm gestern begegnet. Hat er lange blonde Locken?«
Die Augen des Alten sahen sie forschend an. »Das könnte der Lugner-Thomas gewesen sein. Um die frühe Uhrzeit ist er wahrscheinlich ins Revier gegangen. Er ist ein leidenschaftlicher Jäger.«
»Genau. Er trug Jagdkleidung und eine Flinte«, erwiderte sie, erleichtert darüber, dass sie zumindest schon einmal wusste, um wen es sich bei diesem Mannsbild handelte.
»Er jagt nicht nur vierbeinige Ricken.«
Erstaunt sah sie den Senner an. Was meinte der alte Hansei denn damit? Aber da machte sich in ihr auch schon eine dunkle Ahnung breit.
»Ich meine, dass er ein heißblütiger Bursch ist. Ein netter Kerl und anständiger Charakter, aber halt ein Weiberheld. Nix für ein braves Madl wie dich.«
Super, sagte sie sich. Sie biss sich auf die Lippe und schwieg, wie auch Hansei, der den Rauch in Kringeln in die klare Abendluft blies. Ja, brav war sie. Leider. Manchmal wünschte sie sich, sie wäre Männern gegenüber forscher. Viele ihrer ehemaligen Kollegen in der Firma hatten ihr schöne Augen gemacht, aber sie war halt altmodisch. Sie wartete auf die große Liebe, doch die würde ganz sicherlich kein Hallodri sein.
Also vergiss ihn, sagte ihr nun ihr Verstand. Und auf den war bisher stets Verlass gewesen.
***
Goldene Sonnenstrahlen fielen an diesem Samstagnachmittag von einem blitzblanken Himmel. Sie tanzten auf den Tischen des Cafés, das gegenüber dem großen Weiher in Thiersee lag.
An einem von ihnen saßen zwei junge Frauen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Christine trug ein schlichtes Dirndl. Ihr einziger Schmuck waren ihr herrliches Haar und ihre frische natürliche Schönheit.
Die Halterer-Vroni dagegen hatte sich herausgeputzt, als wollte sie auf einen Ball gehen. Zu viel Schminke, zu viel Modeschmuck und ein Kostüm, das die schlechte Stoffqualität durch eine übertriebene Eleganz wieder wettmachen wollte.
Die beiden kannten sich von früher, noch aus der Zeit, in der die Meinl-Christine in den Ferien auf der Sennhütte ihre Tante selig besucht hatte, die mit Vronis Eltern befreundet gewesen war. Seit Christine die Alm geerbt hatte, sahen sich die beiden Madln häufiger.
»Hast du schon gehört?«, fragte Vroni mit empörtem Blick. »Das Sesselliftprojekt ist jetzt offiziell. Die Ausschreibungen für die Firmen hängen seit gestern aus.« Unlustig lachte sie kurz auf. »Die obersten Herren in der Gemeinde werden dich bestimmt wegen des Verkaufs deines Steilhangs noch ansprechen. Wirst du verkaufen?«
So sehr die Halterer-Vroni auch zur Steigerung ihrer Attraktivität auf künstliche Mittel setzte, so sehr war ihr daran gelegen, die Natur im Thierseer Tal unberührt zu lassen.
»Einer aus dem Gemeinderat hat mich schon angerufen«, erzählte Christine ihr. »Gestern.«
»Und?« Vroni sah sie erwartungsvoll an, wobei ihre grünen Augen bereits einen warnenden Ausdruck bekamen.
Voller Entschlossenheit schüttelte Christine den Kopf.
»Ich werde natürlich net verkaufen. Ich hab ihnen eine Absage erteilt.« Sie schaute hinüber zu den Gipfeln des Kaisergebirges, während sich das Gefühl von Wehmut in ihr Herz schlich. »Ich habe nicht vergessen, was mir meine Tante, der liebe Gott hab sie selig, immer erzählt hat. Wenn man die Hänge abholzt, erhöht sich die Lawinengefahr. Ich will nicht dazu beitragen, dass durch den Bau des Sessellifts vielleicht noch ein Unglück geschieht, dass die Natur sich rächt, weil man sie gestört hat.«
»Wenn ich einen nicht verstehe, dann den Ingenieur, der die Strecke des geplanten Lifts ausgemessen hat«, wetterte ihre Freundin nun los. »Der muss doch auch wissen, dass sich durch die Abholzung die Lawinengefahr um ein Vielfaches erhöhen wird.«
Dann lächelte sie jedoch wieder etwas entspannter und tätschelte Christines Arm. »Ich hab auch keine andere Antwort von dir erwartet«, fuhr sie fort. »Du weißt, dass ich gegen das Projekt bin. Doch mein Wort kann nichts ausrichten. Darum bin ich froh, wenn es Leute wie dich gibt, die helfen, es zu verhindern.«
Christine seufzte. »Die Gemeinde hat mir gedroht, sie könnte mich zwingen, den Steilhang zu verkaufen.
»Gedroht? Und zwingen? Das werden wir noch sehen. Wenn du bei deiner Meinung bleibst und all die anderen im Tal auch, denen das Land gehört, das die Gemeinde braucht, um den Lift zu bauen, dann können die gar nix machen. Darauf kannst du dich verlassen.«
»Keine Sorge, wenn ich mir einmal eine Meinung gebildet habe, falle ich nicht um«, versicherte Christine ihr. »Nur, einen Prozess gegen die Gemeinde führen …?« Bekümmert seufzte sie auf. Ihre finanzielle Lage kam ihr jäh wieder ins Bewusstsein. »Dafür würde mir das Geld fehlen«, beendete sie den begonnenen Satz.
»Wir müssen alle nur fest zusammenhalten«, erwiderte Vroni voller Zuversicht. »Meine Eltern verkaufen die Wiese auch nicht. Der alte Lugner jedoch wird bestimmt der Erste sein, der sein Land abgibt, so geldgierig, wie der ist. Und dem gönne ich am wenigsten, dass er durch den Raubbau an unserer Natur auch noch ein gutes Geschäft macht.«
Christine sah sich um.
Thiersee war tatsächlich ein wunderschöner Ort inmitten eines blühenden Tales. Als sie vor drei Tagen hierhin zurückgekommen war, hatte sie den Eindruck gehabt, die Zeit wäre in den vergangenen Jahren stehen geblieben. Kein lärmender Straßenverkehr und keine laute Betriebsamkeit zerrissen die friedliche Stille, allerdings sehr zum Leidwesen der lebenslustigen Vroni.
»Jesses! Wie todlangweilig es hier heut wieder ist!«, rief diese jetzt auch prompt aus. »Noch nicht einmal ein paar fesche männliche Touristen.«
»Die sind wahrscheinlich alle in Kufstein oder Kitzbühel.«
»Wo du nicht hinwolltest.« Vroni schickte ihr einen pikierten Blick über den Tisch. »Du hast bis vor Kurzem in Innsbruck gelebt«, sagte sie in vorwurfsvollem Ton. »Ich dagegen stehe den ganzen Tag hier im Friseursalon und unterhalte mich nur mit Bäuerinnen übers Wetter, Obst oder Vieh. Ich hab einen Nachholbedarf an modernen Menschen, am Duft der großen weiten Welt.«
»Ich fühle mich hier wirklich total wohl.« Christine schaute hinüber zum Pendling, dessen Spitze in der Sonne wie polierter Stahl glänzte.
Vroni verdrehte die geschminkten Augen. »Na ja, für immer weg wollte ich ja auch nicht. Wenn man statt eines so bescheuerten Lifts wenigstens mal eine Disco bauen würde oder eine nette Bar.« Wieder gab sie einen Seufzer von sich. »Und was die Burschen hier im Tal angeht … Da ist keiner bei, der mir so richtig gefallen tät.«
»Was willst du denn dann in der Disco oder in der Bar, falls es sie geben würde?«, fragte Christine augenzwinkernd.
»Na ja, einen schmucken Kerl gibt es ja doch bei uns«, sagte Vroni und deutete mit dem Kinn in Richtung Parkplatz.
Aus einem schweren Geländewagen stiegen gerade zwei junge Männer. Ein großer kräftiger mit langen blonden Locken und einer Ausstrahlung, die selbst über die Straße hinweg auf Christine wirkte, und ein schwarzhaariger mit dunklem Bartschatten, ohne diese Ausstrahlung, dafür aber bestückt mit Muskelpaketen unter dem engen Shirt, mit breitbeinigem Gang und genauso breitem Grinsen auf dem durchaus hübschen Gesicht.
Als der Muskelbepackte hinüber zu den beiden Madln blickte, begann seine Miene um noch einiges mehr zu strahlen. Er hob die Hand und rief zu der Caféterrasse hinüber: »Hallo, Ladys.«
»O nein«, murmelte Vroni. »Hoffentlich kommt der Pepi jetzt nicht herüber! Dem musst du sofort eine Absage erteilen. Das ist ein ganz Heißer.«
»Und der andere?« Christine schlüpfte die Frage einfach über die Lippen.
Vroni kicherte. »Das ist genauso ein Casanova, aber der Lugner-Thomas ist stilvoller. Der macht nicht jede so plump an. Und sieht auch viel besser aus, wenn du mich fragst.«
Das fand Christine allerdings auch, wobei es ihr wieder einen feinen Stich versetzte zu hören, dass Thomas Lugner ein Hallodri sein sollte. Und dieser Hallodri sah nun zu ihr herüber, eindeutig zu ihr, da täuschte sie sich nicht. Jetzt hob er ebenfalls die Hand, winkte ihr zu. Natürlich winkte sie zurück.
»Kennt der dich?«, erkundigte sich Vroni hörbar überrascht.
»Ich hab ihn vor ein paar Tagen morgens beim Zeitungsaustragen gesehen.«
»Und?« Der Blick ihrer Freundin bekam etwas Lauerndes. »Gefällt er dir?«
»Hm.«
»Bist du narrisch?«, zischte Vroni. »Der lässt nix anbrennen.«
»Das hast du gerade schon gesagt«, erwiderte Christine, während sie noch einmal einen Blick in die Richtung des gerade Genannten wagte.
Die beiden Burschen sprachen miteinander, schienen sich uneinig zu sein. Dann drehten sie dem Café den Rücken zu – Thomas, nicht ohne noch einmal zu winken – und marschierten zum Biergarten des nahe gelegenen Gasthauses. Dort kamen die Einheimischen samstagnachmittags regelmäßig zum Fingerhakeln zusammen.
»Kennst du den Thomas Lugner näher?«, erkundigte sich Christine.
»Wie man sich hier halt kennt, wenn man zusammen im Dorf aufgewachsen ist. Vor zwei Jahren hat er mich mal beim Kirchweihfest zum Tanzen geholt. Danach hatten wir keinen Kontakt mehr. Ich hab gleich gespürt, dass ich nicht sein Typ bin.« Ein prüfender Blick aus den grünen Augen traf Christine. »Aber du wärst es auch nicht. Bitte net bös sein! Der Thomas steht auf Schwarzhaarige. Außerdem wünsche ich dir einen beständigeren, einen soliden Mann. Wo deine Eltern schon nicht mehr leben und du so allein dastehst …«
Vroni nippte an ihrem Cocktail. »Ich würde nicht zu denen gehören wollen, die der schon alle vernascht hat. Oder zu denen, die ihm nachlaufen«, fuhr sie mit hoheitsvoller Miene fort. »Außerdem erzählte mir eine Kundin, dass er seit Kurzem vergeben sein soll. Ein Madl namens Jenny aus Kufstein. Schwer reiche Eltern hat die, Freunde vom alten Lugner, der will, dass sein Sohn endlich sein Lotterleben aufgibt.«
Vroni blies sich eine rotblonde Locke aus der Stirn. »Ich kenne die Jenny flüchtig über andere. Das ist eine ganz arrogante und dumme Person. Nicht einmal hübsch oder gar reizvoll ist sie. Aber wie gesagt, reiche Eltern hat sie, und sie ist ein Einzelkind. Da kannst du dir denken, dass Thomas’ Vater bei einer Heirat eine gute Mitgift wittert.«
Christine senkte den Kopf. Wider alle Vernunft war sie enttäuscht.
»Geld zu Geld passt ja immer«, sagte sie schließlich mit einem tiefen Seufzer.
***
Derweil gingen Thomas und Pepi auf das Gasthaus zu.
»Schad, dass du dich net zu den beiden Madln setzen wolltest!«, sagte Pepi. »Die neue Sennerin hätte ich gern kennengelernt. Sie passt zwar optisch nicht in mein Beuteschema, aber sie soll eine ganz Brave sein. Und genau das tät mich an ihr reizen.« Jovial stieß er Thomas in die Seite. »Wie wir wissen, sind stille Wasser ja bekanntlich tief.«
»Lass bloß die Finger von ihr!«, knurrte der Bauernsohn, woraufhin Pepi überrascht stehen blieb.
»Sag bloß, du hast schon ein Auge auf sie geworfen!«
Thomas hielt seinem verblüfften Blick stand. »Beide.«
»Ich glaub es net! Seit wann kennst du sie denn? Und wie ist sie?«
»Gib Ruh, Pepi!«, erwiderte Thomas plötzlich schlecht gelaunt. »Ich kenne sie noch gar nicht richtig und weiß schon mal gar nicht, wie sie ist. Ich sag dir nur, lass die Finger von ihr. Die ist zu schade für einen Flirt.«
»Mehr als einen Flirt kannst du dir doch gar nicht mehr erlauben, wenn du jetzt mit der Jenny zusammen bist.«
»Ich bin nicht mit ihr zusammen«, widersprach der Lugner-Thomas seinem Freund da heftig. »Themenwechsel«, meinte er dann mit versöhnlichem Lächeln. »Lass uns was trinken!«
»Christine Meinl heißt sie übrigens«, teilte Pepi ihm nun mit triumphierender Miene mit. »Das weiß ich von Vronis Bruder. Und sie lebt droben auf der Alm allein. In ein paar Tagen zumindest, wenn der alte Hansei wieder hinunter ins Dorf zu seiner Schwester zieht. Er hat sie da droben angelernt.«
Da sandte Thomas ihm einen warnenden Blick. »Lass sie in Ruhe! Sonst bekommst du Ärger.«
So kannte Pepi seinen Kameraden gar nicht. Kopfschüttelnd betrachtete er ihn und fragte dann: »Sag mal, kann es sein, dass du dich verändert hast?«
»Sagen wir mal so: Ich stehe kurz davor«, lautete die Antwort.
Pepi fielen fast die Augen aus dem Kopf. »Das glaub ich jetzt net. Es wär doch schad, wenn du dich mit deinem Aussehen zukünftig nur noch auf eine Frau wie die Jenny konzentrieren würdest.«
Das Kompliment seines Freundes berührte Thomas höchst unangenehm. Die Madln bestätigten ihm zwar oft genug seine Attraktivität. Aber das war etwas anderes. Und selbst diese Komplimente konnte er kaum noch hören. War es sein Verdienst, dass ihn die Natur so bevorzugt hatte? Bis jetzt hatten ihm diese Vorzüge nicht immer nur Gutes eingebracht. Wie oft hatte er schon Stress mit den Frauen gehabt! Und überhaupt, die kurzen Affären liefen alle nach dem gleichen Schema ab. Das war auf Dauer langweilig. Sie waren fade geworden.
Erst der aufmunternde Schlag Pepis auf sein Schulterblatt riss Thomas aus seinen Gedanken, aus Gedanken, die ihm selbst noch ein bisschen fremd vorkamen.
***
Als Thomas und Pepi den Biergarten betraten, herrschte schon beste Stimmung an dem langen Tisch, und die Gesichter der Buschen waren nicht nur durch die Sonne erhitzt.
»Da seid ihr ja endlich«, begrüßte sie einer aus der Gruppe.
Pepi lachte ihn an. »Wir hatten noch zu tun.«
»Was denn?«, erkundigte sich ein anderer.
»Auf der Caféterrasse saßen zwei schöne Frauen, die wollten uns nicht gehen lassen«, feixte Pepi, woraufhin Thomas genervt die Augen verdrehte.
»Haben sie auch Namen?«, fragte der Sohn des Metzgers, der Pepi und Thomas die Erfolge bei den Madln im Ort neidete.
»Die Vroni mit der neuen Sennerin droben von der Hütte.«
»Die Vroni will was Besseres. Die will niemanden von hier«, blaffte der junge Metzger zurück.
»Was Besseres?« Pepi warf sich in die Brust. »Das wollen wir noch sehen. Was Besseres als mich gibt es doch nicht.«
Alle lachten.
»Die neue Besitzerin von der Sennhütte ist eine ganz Besondere«, meinte der Älteste aus der Gruppe, die samstags hier zusammenkam. »Sehr hübsch, sehr zurückhaltend. Sie stammt aus Innsbruck und war dort Sekretärin. Ich glaube nicht, dass sie sich für einen von uns interessiert.«
»Können wir jetzt mal anfangen?«, unterbrach der Lugner-Thomas nun das Wortgeplänkel.
Es berührte ihn unangenehm, dass die anderen über die Meinl-Christine sprachen … und dazu noch viel mehr über sie wussten als er.
»Ob die ehemalige Sekretärin auch auf jemanden von uns fliegt, können wir doch ganz leicht herausfinden, wenn wir ihr oben auf der Hütte mal einen Besuch abstatten«, sagte der Jüngste der Junggesellen forsch, woraufhin der Sohn des Metzgers ihm einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter verpasste.
»Manchmal hast du tatsächlich auch mal eine gute Idee«, meinte er grinsend.
Thomas bereute schon, dass er sich von Pepi zum Fingerhakeln hatte überreden lassen. Er war derjenige von allen hier, der am seltensten herkam.
»Also, was ist nun?«, drängte er, um endlich das Thema zu wechseln.
Das offensichtliche Interesse seiner Kameraden an der schönen Zauberfrau machte ihn ganz nervös, und er nahm sich vor, zukünftig genau Obacht darauf zu geben, ob jemand ihr zu nahe treten würde.
***
Strammen Schrittes ging Thomas am nächsten Tag durch den Bergwald. Irgendwo in den hohen Fichten hämmerte ein Specht sein Lied in die Rinde, in der Ferne röhrte ein Hirsch. Bald hatte der Lugner-Thomas die Waldgrenze erreicht. Da sah er auch schon die Sennhütte in einer Mulde liegen. Sie badete in der Mittagssonne. Als Bub war er mehrmals hier oben gewesen. Er kannte sich in dem Gebiet aus, wo ihn um diese Jahreszeit ein Meer von Almrosen begrüßte.
Und eine wunderschöne Zauberfrau, dachte er schmunzelnd. Hoffentlich!
Er strich sich die Locken aus der Stirn.
Weshalb war er sich eigentlich so sicher, dass die Meinl-Christine sich über seinen Besuch freuen würde? Nur weil sie ihm gestern von der Caféterrasse aus zurückgewinkt hatte? Das konnte sie auch aus reiner Höflichkeit getan haben.
Weil unsere Begegnung an diesem einen Morgen so einzigartig war, versicherte ihm eine innere Stimme. So etwas gibt es nur ganz selten im Leben. Und eine so starke Anziehung ist immer beidseitig. Nun gut.
Voller Zuversicht setzte Thomas seinen Weg fort. Er ging an den Kühen vorbei, streichelte sie und sprach mit ihnen. Kurz vor der Hütte blieb er stehen.
Sie war nie ein Schmuckstück gewesen. Aber jetzt machte sie einen ziemlich abbruchreifen Eindruck. Ein paar Fensterläden hingen schief in den Angeln, das Holz brauchte dringend einen Anstrich, dem Zaun fehlten ein paar Latten und dem Dach mehrere Ziegel. Der Zustand des kleinen Gartens jedoch überraschte ihn. Akeleien, Azaleen, Malven, Margeriten und Mohn ließen durch ihre Farbenpracht den übrigen Eindruck schnell vergessen.
Die Hortensien waren gekalkt, der Gemüsegarten umgegraben, die Salate standen in Reih und Glied. Um dies alles hier oben in kürzester Zeit wieder erblühen zu lassen, brauchte es viel Liebe und eine gute Hand für Blumen. Ja, das passte zu seiner Zauberfrau.
Vor Aufregung und Vorfreude auf das Wiedersehen mit Christine schlug ihm das Herz schneller, was ein völlig neues Gefühl für ihn bedeutete. Plötzlich war er sich ganz sicher, dass mit seinem Besuch hier oben ein neuer Abschnitt seines Lebens beginnen würde.
***
Als Christine den Bauernsohn entdeckte, musste sie zweimal hinsehen. Sie konnte nicht glauben, dass der Mann, der nachts durch ihre Träume geisterte, ihr nun leibhaftig in ein paar Metern Entfernung am Zaun gegenüberstand, den grünen Hut keck in den Nacken geschoben, mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht, als hätte er gerade den ersten Preis gewonnen.
Obwohl ihr Herz unter der rot-weiß karierten Bluse, die in ihrer alten Jeans steckte, zum Zerspringen klopfte, zwang sie sich, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen.
Er jagt nicht nur vierbeinige Ricken … Hanseis Satz hatte sie immer noch im Kopf.
»Das ist ja eine Überraschung!«, sagte sie. »Wir kennen uns doch.«
Thomas ging die letzten Schritte auf sie zu, blieb vor ihr stehen und sagte etwas atemlos: »Eine Überraschung ist es nur für dich. Ich hab gehört, dass du hier droben wohnst, und dachte mir, an einem so schönen Sonntag schaue ich einfach mal rein.«
Seine Offenheit machte sie für ein paar Sekunden sprachlos. Sie lachte verlegen.
»Du bist tatsächlich meinetwegen hier?«, fragte sie verunsichert.
Das konnte sie gar nicht glauben. War es nicht viel zu schön, um wahr zu sein?
Sei vorsichtig, warnte sie gleich darauf ihr Verstand.
»Freilich«, antwortete Thomas und nickte bekräftigend. »Ich wollte dich wiedersehen. Das mag dir jetzt vielleicht allzu direkt vorkommen, aber wir Tiroler sind halt so«, fügte er mit fester Stimme hinzu. Er schaute sich um. Dann fing sein Blick sie wieder ein. »Bekommt ein durstiger Wanderer hier oben auch was zu trinken?«, erkundigte er sich mit verwegenem Lächeln.
»Was möchtest du denn haben?« Sie blickte zu ihm hoch.
Er war mehr als ein Kopf größer als sie. Und als sie jetzt das Funkeln in seinen intensiv blauen Augen sah, wusste sie, dass dieser Mann ihr Schicksal war, dem sie nicht würde entrinnen können.
Einerseits erschreckte sie diese Erkenntnis. Ein solches Gefühl hatte sie noch nie gespürt. Andererseits jedoch kam sie ihr auch ganz selbstverständlich vor. Seit ihrer ersten Begegnung hatte sie diesen Mann nicht mehr aus dem Kopf bekommen, glaubte, ihn schon viel besser zu kennen, als es tatsächlich der Fall war. Und das wohl wissend, dass er den Ruf eines Frauenhelden hatte.
Verständnislos schüttelte sie den Kopf, so, als wollte sie sich von dieser wunderschönen, aber auch verrückten Gewissheit befreien. Schnell senkte sie den Blick, räusperte sich und antwortete: »Kalte Milch kannst du haben, ein Bier oder einen Wein oder eine Limo …« Sie hätte noch mehr Getränkesorten aufzählen können, hielt jedoch inne, weil ihr ihre eigene Stimme plötzlich fremd vorkam. Sie bebte, vibrierte vor Aufregung.
»Eine Limo bitte erst einmal«, erwiderte Thomas dagegen in festem Ton.
Er streifte den Rucksack ab und ging auf die lange Bank zu, die vor der Hütte stand. Dann setzte er sich, nahm den Hut ab und sagte mit hörbarer Begeisterung: »Tolle Aussicht.«
»Warst du schon einmal hier droben?«, erkundigte sie sich, froh darüber, ein ganz normales Thema gefunden zu haben.
»Als Junge ein paar Mal.« Er betrachtete das kleine Haus. »Da war es um die Hütte jedoch noch etwas besser gestellt«, fügte er mit besorgtem Blick hinzu.
Mit einem Mal war Christine zumute, als würde sich eine schwarze Wolke vor die strahlende Sonne schieben.
Was musste er von ihr denken, dass sie in so kargen Verhältnissen lebte?
»Ich hole die Limo«, sagte sie hastig und verschwand in der Hütte.
***
Was soll das bringen?, fragte sich die junge Frau, während sie mit fahrigen Bewegungen und rasendem Puls die beiden Flaschen öffnete und zwei Gläser aus dem Regal nahm. Ich werde ihm sofort sagen, wie es ist, nahm sie sich vor. Damit er sich keine falsche Vorstellungen von mir macht.
Mit festem Schritt trat sie wieder ins Freie.
»Ich wollte dich keinesfalls beleidigen, als ich das gerade bezüglich der Hütte gesagt habe«, stellte Thomas nun mit ernstem, eindringlichem Blick richtig.
Sie lächelte matt und sagte: »Kein Problem. Die Fensterläden müssten wirklich einmal repariert werden. Die kann ich nicht mehr schließen.«
»Hast du keine Angst, so allein hier?« Er klang erstaunt.
»Müsste ich das?« Herausfordernd sah sie ihn an.
Da lachte er. »Nein, bei uns im Tal ist die Welt noch in Ordnung.«
»Außerdem tue ich niemandem etwas zuleide«, fügte sie hinzu. »Warum sollte mir jemand schaden wollen?«
Seine Brauen schnellten hoch. »Keine Altlasten in Innsbruck?«
»Altlasten?« Was meinte er denn damit? »Nein, keine.«
Sie sah ihm an, dass er nachdachte. Dann glitt ein spitzbübisches Lächeln über seine männlich-attraktiven Züge.
»Soll ich dir meine Handynummer geben? Für den Notfall. Ich komme jederzeit, Tag und Nacht.«
Da war er, der Hallodri! Dieses herausfordernde Lächeln, der tiefe Blick, der mit ihrem tanzen wollte.
»Vielen Dank. Ich komme schon klar«, antwortete sie hörbar kühler, während ein Schatten über ihr Herz fiel.
»Ich habe kein Problem damit«, fuhr er munter fort. »Ich gebe jedem meine Handynummer.«
Das glaubte sie gern.
Sie wollte schon aufstehen, um ihm anzudeuten, dass sie noch zu tun hatte, doch irgendetwas hielt sie auf der Bank fest.
Wollte sie Hanseis Worten einfach keinen Gauben schenken?
Thomas trank einen Schluck. »Ich muss gleich mal wieder …« Sein Lächeln wirkte freundlich, aber auch deutlich zurückhaltender als vorher. Er zeigte auf die Fensterläden. »Die müssten tatsächlich mal gerichtet werden. Ganz gleich, ob du Angst hast oder nicht. So schaut es unschön aus. Wie auch der Zaun dort hinten.«
Sie biss sich auf die Lippe.
»Man könnte was draus machen«, fuhr er ernst fort. »Ich würde dir gern dabei helfen.«
Wie ein Bienenschwarm schwirrten die Gedanken durch ihren Kopf. Wie verlockend, ihn öfter sehen zu können! Aber auch gefährlich. Noch wusste sie nicht, was er im Schilde führte. Brauchte er nur eine neue Eroberung, die ihm nicht so leicht zufiel wie die anderen Madln? Oder ging es ihm tatsächlich um sie?
»Nein, aber vielen Dank für das Angebot«, wehrte sie ab.
»Ich habe mich ein bisschen schlaugemacht im Dorf«, führte er die Unterhaltung fort, die sie jetzt an dieser Stelle abgebrochen hätte. »Bei uns funktioniert das Buschtelefon noch«, erklärte er mit verschmitztem Augenzwinkern. »Man erzählte mir, dass du aus Innsbruck kommst, die Alm von deiner Tante übernommen hast und Käse herstellen willst.«
»So ist es.« Herausfordernd sah sie ihn an. Sollte er doch darüber denken, wie er wollte! »Hansei lehrt mich das Sennen. Und ich kann es schon ganz gut«, fügte sie nicht ohne Stolz in der Stimme hinzu. »Den Käse werde ich im Dorf und in Kufstein verkaufen, wie meine Tante es gemacht hat.«
»Darf ich fragen, was du vorher gearbeitet hast?«
Sie versteifte sich innerlich. »Darf ich fragen, was du beruflich machst?«, konterte sie freundlich.
»Darfst du. Ich habe Agrarwirtschaft studiert und werde bald den Hof übernehmen. Wir betreiben Milchwirtschaft. Und daneben züchte ich Rinder, die sogar schon Preise gewonnen haben.«
»Respekt.« Kurz entschlossen fasste sie sich ein Herz und erzählte ihm nun mit erhobenem Kinn: »Ich hab als Sekretärin gearbeitet. Die Firma ist leider in die Insolvenz gegangen, und ich war ein Jahr arbeitslos. Dann habe ich Gelegenheitsjobs gehabt, habe meinen Lebensunterhalt sogar mit Putzen verdient. Tja, und dann ist meine Tante gestorben. Da entschloss ich mich, Sennerin zu werden. Das Geld zur Renovierung der Hütte habe ich jedoch nicht, aber es macht mir im Moment auch nichts aus. Vor dem Winter werde ich allerdings am Dach etwas erneuern müssen.«
Der Lugner-Thomas hatte ihr ernst und mit dem Ausdruck von Sorge zugehört. Jetzt sagte er: »Für eine Frau finde ich es nicht so wichtig, ob sie Geld hat oder keines. Die Hauptsache ist, sie hat das Herz am rechten Fleck, liebt Kinder und Tiere und …« Er lächelte sie charmant an. »Na ja, ganz so hässlich sollte sie auch nicht sein. Obwohl …« Sein Blick schweifte hinüber zum Zahmen Kaiser, während er weitersprach: »Obwohl es einen Spruch gibt, der besagt, dass nur die Liebe richtig schön macht. Wenn ich jemanden liebe, sehe ich ihn mit den Augen der Liebe. Und mit diesem Blick ist jeder Mensch schön.«
Diese Worte, die sie ihm niemals zugetraut hätte, gingen ihr unter die Haut, drangen bis tief in ihr Herz. So hatte noch kein Mann mit ihr gesprochen. So reif und bedeutsam. Sie hatte bisher immer die Erfahrung gemacht, dass die jungen Männer nur das »Eine« wollten. Niemand hatte über Gefühle geredet. Schon einmal gar nicht über die Liebe, die sie sich so sehnlich wünschte. Von wegen Hallodri! So sprach doch kein Casanova. Ob Hansei und Vroni sich täuschten?
Sie sah Thomas an, und ihr Blick verlor sich in seinem. Sie fühlte sich von ihm gebannt. Dieses für sie fremde und mit aller Wucht auf sie einbrechende Gefühl war so stark, dass ein Zittern sie durchlief.
»Wow«, sagte Thomas leise, ohne ihren Blick loszulassen. »Ich freue mich echt, hier bei dir zu sitzen.«
Christine schluckte, nahm ihr Glas und trank. Sie musste sich aus dieser Situation, die ihr Blut schneller durch die Adern fließen ließ, befreien, indem sie etwas ganz Normales tat.
Der Lugner-Thomas nahm ebenfalls einen Schluck, stellte sein Glas mit Nachdruck auf den Tisch und fragte frank und frei: »Hast du einen Freund?«
Diese direkte Frage ließ sie unwillkürlich zusammenzucken. »Bitte?«
»Hast du einen Freund oder vielleicht sogar einen Ehemann?«
»Nein.«
»Das verstehe ich nicht. Ich habe auch zwei Jahre in der Stadt gelebt und weiß, wie es dort zugeht. Außerdem eine so super Frau wie du … In Innsbruck wimmelt es doch von reichen attraktiven Männern.«
Sie musste lachen. Ihr Herz hatte bei diesem Kompliment einen Sprung gemacht.
»Ich habe viel gearbeitet«, erwiderte sie ausweichend.
»Trotzdem kann man sich doch ein bisschen Spaß gönnen.«
Ein bisschen Spaß gönnen … Das klang nun wieder nicht nach großer Liebe. Kam jetzt der Lebemann zum Vorschein, Thomas Lugners wahres Gesicht? Hatte er sich nur einen soliden Anstrich geben wollen, um sie zu bezirzen?
»Ich eigne mich nicht für ein bisschen Spaß«, sagte sie kühl.
»Du bist also auf was Ernstes aus?«
Sein eindeutig flirtender Blick und sein verwegenes Lächeln ärgerten sie. Plötzlich saß der große Verführer vor ihr, und der sympathische junge Mann von gerade eben hatte sich verabschiedet.
»Ich bin auf gar nichts aus«, erwiderte sie frostig. »Und ganz sicherlich nicht auf ein Gspusi.«
Thomas lachte unbeschwert. »Obwohl auch das seinen Reiz haben kann«, konterte er. »Besonders, wenn es heimlich ist.«
Da konnte sie sich nicht beherrschen und sagte: »Lass das nicht deine Zukünftige hören!«
Er hob die Brauen, schien überrascht zu sein, dass sie darüber Bescheid wusste.
»Das Buschtelefon«, erklärte sie ihm mit ironischem Lächeln.
»Lass die mal meine Sorge sein!«, erwiderte er in einem Ton, der deutlich machte, wie wenig er über dieses Thema reden wollte. Dann lächelte er sie wieder unbeschwert an. »Ich beneide dich richtig. Hier zu arbeiten muss doch die reine Freude sein.«
»Ist es.«
Wie gern hätte sie ein bisschen mehr über diese Jenny erfahren, seine Verlobte in spe. Sie schien für ihn keine wichtige Rolle zu spielen. Was wiederum auf seinen lockeren Charakter deutete. Von wegen Liebe …
Ziemlich ernüchtert schluckte sie.
In nächsten Moment sprang das schwarze Kätzchen, das sich auf der Fensterbank neben den Geranien sonnte, hinunter auf den Boden. Thomas beugte sich zu ihm hinüber und lockte es mit leiser, sanft klingender Stimme an. Da setzte es zum Sprung an und landete auf seinem Schoß. Er streichelte das weiche Fell. Christine staunte.
»Das wundert mich«, sagte sie spontan und schon wieder etwas herzlicher, wie sie selbst hörte. »Sie ist sonst nicht so zutraulich.«
»Ich mag Tiere. Und die Tiere merken das.«
Er sah sie an. Sie hielt seinem Blick stand. Drei, vier hämmernde Herzschläge lang. Seine Tierliebe brachte ihn ihr wieder näher.
Insekten summten um sie herum, Vögel zwitscherten, der laue Wind streichelte ihr Gesicht. All das nahm sie jedoch nur wie durch einen Schleier wahr. Ja, ob sie wollte oder nicht, dieser Mann zog sie gänzlich in seinen Bann, besonders wenn er wie jetzt so ernst wirkte, so ruhig und besonnen.
In diesen Augenblicken wünschte Christine sich, anstelle des Kätzchens zu sein, das er mit seinen schönen Händen behutsam streichelte. Thomas widersprüchliches Verhalten und ihre genauso widersprüchlichen Gefühle verwirrten sie zutiefst. Sie konnte diese Situation nicht länger aushalten. Abrupt stand sie auf, stellte ihr Glas auf den Tisch und sagte hastig: »Du, ich muss weitermachen! Ich muss den Käse im Kaser wenden.«
»Ja, natürlich …« Er stand ebenfalls auf, nicht ohne das Kätzchen vorher liebevoll auf den Boden zu setzen. »Lass dich nicht aufhalten!« Sein Lächeln wirkte jetzt zurückhaltend und ein bisschen verlegen. »Darf ich noch mal wiederkommen?«
Gehörte diese Bescheidenheit auch zu seiner Masche?
»Ich weiß nicht«, antwortete sie ehrlich, um sich gleich darauf wegen dieser Antwort zu rügen.
Sie war eine erwachsene Frau, eine gute Sekretärin, wie ihr ihr Chef stets bestätigt hatte, im Umgang mit Geschäftspartnern sicher und souverän. Jetzt stand sie hier und benahm sich wie ein kleines verschüchtertes Mädchen.
Sie straffte sich und erwiderte mit hoch erhobenem Kinn: »Du kannst wiederkommen, aber bild dir nicht ein, du könntest ein Gspusi mit mir anfangen! Darauf steh ich net. Dafür bin ich mir zu schade.«
»Das weiß ich.« Sein ernster Blick umfasste sie zwei, drei Lidschläge lang. Dann nahm er seinen Rucksack. »Danke für die Limo. Und bis bald. Ich freu mich.«
***
Sakra noch mal, das ist keine Glanzvorstellung von mir gewesen!, sagte sich der Lugner-Thomas, als er zurück ins Tal marschierte.
Da war doch wieder seine alte Art durchgeschlagen! Die lockeren Sprüche über ein bisschen Spaß hätte er sich nun wirklich verkneifen können. Aber er war so unsicher gewesen.
Die Meinl-Christine entzog sich all seinen Erfahrungen, die er bisher mit Madln gemacht hatte. Er wusste nicht, wie er mit ihr umgehen sollte, um sie für sich zu gewinnen. Ihre ruhig und ernst blickenden Bernsteinaugen, ihre warme weibliche Ausstrahlung, ihre sanft klingende Stimme …
Welch ein Madl! Christine konnte er nicht durch Komplimente oder ein paar flirtende Blicke gewinnen. Sie machte ihn neugierig, faszinierte ihn wie noch keine Frau zuvor. Ihr natürliches Selbstbewusstsein und ihre Selbstständigkeit ergaben zusammen mit dem Eindruck von Unschuld eine pikante Mischung. Sie schien mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen zu stehen, hatte feste Grundsätze. Eine Frau, mit der ein Mannsbild Seite an Seite durchs Leben gehen konnte.
Ich muss sie für mich gewinnen, beschloss er. Ich muss wenigstens versuchen, ihr näherzukommen. Und er hatte da sogar schon eine Idee, ihr zu zeigen, dass er mit ihr etwas anderes anstrebte als nur ein Gspusi.
***
Anfang der neuen Woche fuhr Christine ins Dorf hinunter. Während sie über die Hauptstraße ging, schlich sich natürlich der Gedanke in ihren Kopf, ob sie bei ihren Erledigungen vielleicht dem Lugner-Thomas begegnen könnte.
Noch ganz vertieft in diesen Tagtraum, stieß sie in der Tür zur Post mit jemandem zusammen.
»Autsch!«, rief sie leise aus.
Der junge Mann, der es eilig zu haben schien, hatte sie mit der Schulter, natürlich unabsichtlich, gegen den Rahmen gedrückt. Auf seinem hübschen Gesicht machte sich nun der Ausdruck von Bestürzung breit, der dann jedoch, binnen eines Sekundenbruchteils, in den von Verblüffung und schließlich Freude wechselte.
»Entschuldige bitte!«, legte er sofort los, mit einem Lächeln, das nicht einmal uncharmant war. »Habe ich dir etwa wehgetan?«
»Ist schon okay«, erwiderte sie freundlich.
Sie hatte ihn auf den ersten Blick erkannt.
»Tut mir wirklich leid.« Treuherzig sah Pepi sie an. »Aber ich hatte es so eilig, da rauszukommen. Die Luft dort drinnen kann man schneiden«, erzählte er ihr mit so drolligem Ernst, dass sie lachen musste.
»Weißt du was?«, fuhr er mit strahlender Miene fort, als hätte er gerade einen grandiosen Einfall gehabt. »Ich rate dir, da besser gar nicht erst reinzugehen. Stattdessen lade ich dich zur Entschädigung für irgendwelche Wunden, die du von unserem Zusammenstoß davongetragen haben könntest, zum Kaffee in den Biergarten ein. Die Unterhaltung mit mir ist auch wesentlich interessanter als die mit dem Postbeamten.«
Na, der legte ja ein Tempo vor! Vroni hatte recht.
»Ich hatte gar nicht vor, mich mit dem Postbeamten lange zu unterhalten«, erwiderte sie.
Er zog die Stirn kraus.
Ihre Absage schien ihm zu missfallen.
»Nun gut«, meinte er einlenkend, »das scheint nicht zu ziehen. Dann bleibt mir nur noch als schlagendes Argument die bessere Luft im Biergarten.«
»Tut mir leid, aber auch dieser Aspekt wirkt nicht. Trotzdem danke für die Einladung. Servus.«
Sie drängte sich an ihm vorbei und gelangte dieses Mal ohne Hindernisse in die Post. Als sie sich ans Ende der langen Schlange stellte, hatte sie noch das für einen Mann viel zu süßliche und zu schwere Aftershave in der Nase, das Pepi benutzte.
Wirklich ein bisschen aufdringlich!, sagte sie sich.
***
Als Christine schließlich zurück zu ihrem Wagen ging, hörte sie eine Stimme hinter sich rufen: »Wenn wir uns heute das dritte Mal sehen, gebe ich wirklich einen aus.«
Die Stimme gehörte Pepi. Sollte sie einfach weitergehen oder sich umdrehen?
»Wart mal!«, hörte sie ihn hastig sagen, und da stand er auch schon neben ihr, streckte ihr die Hand entgegen, die sie ganz automatisch ergriff, und stellte sich mit einer Verbeugung vor: »Ich bin der Griesmeyer-Pepi. Meinem Vater gehört die Tankstelle hier.«
»Aha.« Was sollte sie darauf sagen?
»Also, was ist, schöne Frau, trinken wir jetzt einen Kaffee?« So viel Selbstbewusstsein oder gar Selbstüberschätzung entlockten ihr ein belustigtes Lächeln.
»Immer noch nicht«, erwiderte sie. »Aber nichts für ungut, ich muss weiter.
»Bei uns ist es üblich, Zugereiste in die Dorfgemeinschaft herzlich aufzunehmen. Ich meine es nur gut. Wirklich.« Pepis Augen sahen sie so treuherzig an, dass sie wieder lachen musste.
»Und für die weiblichen Zugereisten fühlst du dich also zuständig?«, flachste sie.
»Nur für die hübschen«, konterte er zwinkernd.
Er machte seinem Ruf, ein Hallodri zu sein, wirklich alle Ehre.
»Vielen Dank, aber heut net«, sagte sie und ging weiter.
O nein, dachte sie entsetzt, als sie endlich in ihrem Auto saß. Pepi kam genauso übertrieben herüber wie der Geruch seines Aftershaves.
***
So sehr sich Christine in den nächsten Tagen auch bemühte, den Lugner-Thomas zu vergessen, so wenig gelang es ihr. Und was noch schlimmer war: Sie wartete auf ihn. Besonders, nachdem der alte Hansei zu seiner Schwester gezogen war und sie nun allein auf der Alm lebte. Jeden Morgen beim Austragen der Zeitung hoffte sie, Thomas würde ihr noch einmal die Haustür öffnen.
So ein Schmarren, schimpfte sie mit sich. Als gäbe es nichts anderes auf der Welt zu erledigen, als auf diesen Hallodri zu warten. Schluss jetzt!, sagte sie sich energisch und machte sich wieder an die Arbeit.
In einer alten Jogginghose und einem weiten Hemd ging sie in den kleinen Garten, um Unkraut zu jäten. Eifrig und umtriebig grub sie mit bloßen Händen in der Erde, sog deren würzigen Duft wie ein Lebenselixier ein.
Es ging ihr doch gut. Nachdem sie die Trauer über den Tod ihrer Tante überwunden hatte, konnte sie mit ihrem Leben zufrieden sein. Sie besaß ein Dach über dem Kopf, einen kleinen, zwar klapprigen Wagen, eine Arbeit, die sie erfüllte, und lebte in der schönsten Gegend, die sie sich vorstellen konnte. Inmitten der Natur, mit der Natur.
Wie kam sie nur auf den Gedanken, noch mehr zu wollen? Eine Liebe? Die große Liebe, von der alle Madln träumten? Gab es die nicht nur in Fernsehfilmen oder Romanen? Liebeskummer war nun wirklich das Letzte, was sie sich wünschte neben ihrer finanziellen Situation. Und der war bei einem Thomas Lugner mit Sicherheit vorprogrammiert.
Während sie in der feuchten Erde wühlte, schüttelte sie den Kopf, sodass ihr Zopf hin und her flog. Nein, all ihre dummen Gedanken an diesen Thomas wollte sie hier und jetzt vergraben.
***
Mit diesem Vorsatz fiel sie auch am Abend dieses Tages hundemüde ins Bett. Die körperliche Arbeit an der frischen Luft schenkte ihr schnell einen tiefen Schlaf, aus dem sie dann jedoch aufgeweckt wurde. Sie brauchte ein paar Sekunden, um aus der Welt des Traumes ins Hier und Jetzt zu finden.
Da war es wieder! Sie glaubte, ein Geräusch an der Schindelwand gehört zu haben.
Da! Noch einmal. Ein Schaben, ein Knarren.
Steif vor Schreck blieb sie im Bett sitzen, starrte zum geöffneten Fenster hinaus und lauschte. Alles blieb ruhig. Sie hörte nur das Rauschen des Windes, der aufgekommen war.
Am Himmel stand ein kreisrunder Mond, dessen bleiches Licht immer wieder Wolkenfetzen verhüllten. Jäh traten die Berge wie unter Scheinwerferbestrahlung hervor, wenn er wieder einmal aufleuchtete, um gleich darauf erneut in der Dunkelheit zu verschwinden. Gespenstisch war diese Beleuchtung, und Christine kam es plötzlich so vor, als haftete den Gipfeln, die sie inzwischen so gut kannte und die im hellen Sonnenschein schön und erhaben aussahen, etwas Drohendes und Geheimnisvolles an.
Als alles weiterhin still blieb, entspannte sie sich wieder. Vielleicht ist nur ein Eichhörnchen an der Holzwand hinaufgeklettert, sagte sie sich.
Jetzt knarrte es wieder. Viel zu laut für die Geräusche, die ein Eichhörnchen verursachen konnte!
Sie bekam eine Gänsehaut. Dann entschloss sie sich, der Sache nachzugehen.
Vorsichtig schob sie die Beine unter der Bettdecke hervor und stand auf. Auf Zehenspitzen schlich sie an der Wand entlang zum Fenster. Der Anblick der Leiter, die sich jetzt an der Fensterbank langsam hochschob, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Ein Einbrecher, der gerade seinen Einstieg in ihr Zimmer vorbereitete! Christine hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als sie hörte, dass eine der Stiegen knarrte.
Sie wollte schlucken. Doch ihr Hals war wie zugeschnürt. Eine eiskalte Faust griff um ihr Herz. Sie war wirklich kein Angsthase und hatte bisher noch keinen Gedanken daran verschwendet, dass sie hier auf der Alm in Gefahr sein könnte, aber jetzt stockte ihr das Blut in den Adern.
Was sollte sie tun? Noch ein paar Sekunden, dann würde der Kopf des Einbrechers am Fenster erscheinen, dann würde sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. So weit konnte sie es nicht kommen lassen. Nein, sie musste handeln!
Mit kühner Entschlossenheit sprang sie vor und drückte mit aller Kraft die Leiter von der Hauswand weg. Während diese zwei, drei Sekunden senkrecht in der Luft stehen blieb, hörte sie einen entsetzten Schrei.
»Teifi! Nein!«
Sie wagte einen Blick hinaus und sah einen Mann in der Mitte der schwankenden Stiege stehen, der mit einem Arm in der Luft ruderte und Halt suchte. Als sich die Leiter immer mehr zur Seite neigte, sprang er behände in entgegengesetzter Richtung ab und blieb auf dem Boden liegen.
Ob er etwa tot ist?, fragte sie sich voller Panik. Hatte sie etwa gerade einen Mord begangen?
Da kamen zwei andere Gestalten herangeeilt und beugten sich über ihn.
Was wollen die alle hier?, fragte sie sich entsetzt.
»Sakrafix, damisches Trutscherl«, hörte sie einen der drei, deren Umrisse sie nur schemenhaft erkennen konnte, beherzt fluchen.
Sie war sich jedoch sicher, dass dies die Stimme des Griesmeyer-Pepi war.
»Die kann keinen Spaß verstehen«, rief ein anderer mit deutlich alkoholisierter Stimme.
Da wurde ihr schlagartig klar, dass die Burschen bei ihr fensterln wollten.
Ob etwa auch Thomas Lugner mit von der Partie war?
Eine unbändige Wut verjagte nun die Angst in ihr. Dachte dieser Hallodri etwa, sie wäre Freiwild, nur weil sie hier oben allein lebte?
»Ich sage dir jetzt was, Lugner-Bauer«, schrie sie aus dem Fenster hinunter. »Lass dich nie wieder hier oben bei mir blicken! Und falls du es doch tun solltest, werde ich mit der alten Flinte meiner Tante auf dich zielen. Hast du mich verstanden?«
Zuerst antwortete ihr nur ein tiefes Schweigen. Der Bursche, der von der Leiter gefallen war, saß auf dem Boden, rieb sich den Fuß und sah zu ihr hoch. Jetzt hatte ihn das Mondlicht erfasst, und sie erkannte Pepi. Die beiden anderen huschten schnell weg. Feige war er also auch noch, der Lugner-Thomas.
»Jetzt stell dich net so an«, blaffte Pepi zurück. »Bei uns in den Bergen geht es anders zu als in der Stadt. Bei uns ist das Fensterln erlaubt. Wir wollten uns nur ein bisschen gemütlich mit dir unterhalten.«
Zorn machte sich in ihr breit, Zorn und Enttäuschung.
»Dann ist das wohl ein bekanntes Spiel zwischen dir und dem Lugner?«, rief sie mit Grabesstimme hinunter.
»Schmarren, jetzt mach kein Drama draus!«, erwiderte Pepi gereizt. Sie hörte ihm den Alkohol an. »Wir haben ein Bier über den Durst getrunken und kamen auf die Idee.«
»Und dein feiner Freund Thomas verschwindet einfach in der Dunkelheit, weil er zu feig ist, um sich mir zu stellen«, empörte sie sich aus tiefster Enttäuschung.
»Der Thomas ist doch gar net dabei«, verteidigte Pepi in genauso empörtem Ton seinen Kameraden.
Da trat eine hochgewachsene Gestalt in den Lichtkegel des Mondes und sagte: »Irrtum, ich bin doch dabei. Ich hab euch die ganze Zeit beobachtet und wollte dich gerade von der Leiter holen, als Christine es dann für mich erledigt hat.«
»Was sagst du? Du hast uns verfolgt?«, rief Pepi wütend aus.
Nun kamen auch die beiden anderen wieder aus dem Dunklen hervor. Sie lallten irgendetwas.
»Jetzt macht, dass ihr wegkommt, sonst gibt es Ärger!«, sagte Thomas. »Fensterlt bei anderen, aber nicht hier. Nur damit ihr es wisst: Sie steht unter meinem Schutz, und ich kann es nicht vertragen, wenn man in meinem Revier wildert. Habt ihr verstanden? Schleicht euch!«
»Keine Sorge, wir ziehen schon ab. So eine Zimtziege wie …«
Die restlichen Worte verstand Christine nicht mehr und wusste auch nicht, wer sie ausgesprochen hatte. Sie sah nur noch, wie Pepi wankend aus ihrem Blickfeld verschwand.
Thomas blieb unter ihrem Fenster stehen.
»Geht es dir gut?«, rief er zu ihr hoch.
Vielfältige, widersprüchliche Gefühle machten sich in ihrem Herzen breit. Sie fühlte sich erleichtert, weil er nicht bei ihr gefensterlt hatte. Das hätte sie ihm nicht verziehen.
»Sie steht unter meinem Schutz«, hatte er gesagt. Das klang ja ganz danach, als würde er sie schon als zu sich gehörend betrachten. Erwiderte er ihre Zuneigung etwa tatsächlich? Aber wie hatte Vroni über ihn gesagt? »Der ist genauso ein Casanova, nur stilvoller.« War es seine Masche, Frauen vor den schlechten Manieren seiner Kameraden zu retten?
»Ist alles in Ordnung?«, wiederholte Thomas in dieses Gedankenchaos hinein.
»Alles bestens«, antwortete sie. »Und vielen Dank.«
»Keine Ursache. Ich hatte zufällig gehört, was die drei heute vorhatten, habe ihnen aufgelauert und bin ihnen gefolgt.«
»Sehr ehrenhaft.«
»So bin ich nun mal.«
Wenn er jetzt dachte, dass sie ihn zu später Stunde noch hineinbitten würde, hatte er sich getäuscht. Tagelang hatte er sich nicht sehen lassen. Wahrscheinlich war er mit seiner Freundin unterwegs gewesen.
»Nochmals vielen Dank, aber ich möcht jetzt weiterschlafen«, rief sie. »Morgen früh ist meine Nacht um drei zu Ende.«
»Ich weiß, wegen der Zeitungen.«
»Genau. Also dann. Servus.«
Mit diesen Worten schloss sie die Fensterflügel, obwohl ihr Herz hämmernd rebellierte, aber sie wollte und musste unbedingt ihren klaren Verstand behalten. Für ein nächtliches Gspusi war sie sich zu schade.
***
Nachdem Christine am nächsten Morgen vom Zeitungsaustragen zurück war, versorgte sie beim ersten Morgenrot die Kühe. Danach legte sie sich noch einmal hin. Die nächtliche Störung hatte sie um den Schlaf gebracht, aber auch jetzt wurde sie wieder vorzeitig durch Geräusche geweckt. Dieses Mal war es ein rhythmisches Hämmern.
Sie tauchte aus dem Reich der Träume auf, öffnete die Augen und blinzelte in das bereits helle Licht.
Tatsächlich! Das Hämmern kam von draußen, ganz in der Nähe ihrer Hütte.
Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett, trat ans Fenster und prallte zurück.
Unten auf dem Hof stand der Lugner-Thomas. Mit freiem Oberkörper schlug er auf den Gartenzaun ein. Sein kariertes Hemd hing über einem der Pfosten.
Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Träumte sie vielleicht doch noch? Ihr Herzschlag beschleunigte sich, Hitze breitete sich in ihr aus. Unfähig, sich zu rühren, blieb sie am Fenster stehen. Fasziniert betrachtete sie das Spiel der Rückenmuskeln dieses Naturburschen. Wie breit gebaut er war! In Taille und Hüften schmaler. Welch ein umwerfend gut aussehender Mann!
Sie schluckte, wandte sich ab, schämte sich ihrer Gedanken und Gefühle. Einen halb nackten Mann heimlich zu betrachten … Wie konnte sie nur?
Ihre Halsschlagader pochte, als sie mit zitternder Hand die Duschbrause aufdrehte. Noch nie hatte sie sich so schnell abgetrocknet und angezogen. Dann lief sie barfuß in Jeans und weißem Shirt nach draußen. Inzwischen hatte eine aufkeimende Wut in ihr der Bewunderung Platz gemacht. Wie konnte er sich nur derart aufdringlich in ihr Leben drängen? Mit welchem Recht? Er war schließlich in festen Händen.
»Guten Morgen«, begrüßte sie ihn kühl.
Thomas drehte sich um. »Habe ich dich geweckt?«, fragte er mit besorgter Miene.
Er stellte den Hammer auf den Boden und kam auf sie zu.
Schnell wandte sie den Kopf zur Seite und betrachtete angelegentlich die Kühe auf dem Almfeld. Der Anblick seines perfekt geformten Oberkörpers berührte sie unangenehm.
Thomas schien damit jedoch kein Problem zu haben.
»Entschuldige«, sagte er. »Ich habe mich nicht angekündigt, um dich nicht zu wecken«, fuhr er fort. »Es war alles noch so still hier. Aber ich habe mir schon gedacht, dass du irgendwann den Krach hören würdest.«
»Du musst dich nicht entschuldigen, wenn du meinen Zaun reparierst«, entgegnete sie mit belegter Stimme. Sie räusperte sich, hob den Kopf und sah ihm in die Augen. »Hast du diese Nacht hier übernachtet?«
Er lachte. »Nein. Ich bin eben erst gekommen.«
»Warum tust du das?«
»Weil es nötig ist und du das nicht kannst. Und weil ich es gewohnt bin, Unzulänglichkeiten aus der Welt zu schaffen.«
Seine Antwort verblüffte sie.
»Das ist wirklich nett von dir«, stammelte sie ziemlich dümmlich. »Magst du einen Kaffee?«
»Gern.« Sein Lächeln verursachte ihr weiche Knie.
Der Gang zurück in die Hütte kam ihr vor wie eine gnadenvolle Frist, in der sie Luft holen und ihre Gedanken ordnen konnte.
Macht ein Bursche sich solche Arbeit, wenn er das Madl nicht ausstehen kann?, überlegte sie, während sie mit zitternden Händen das Wasser auf dem Holzherd heißmachte. Nein, eindeutig nein.
Keine Frage, dass er dich mag, sagte ihr ihre Vernunft. Sonst wäre er gestern Abend seinen Kameraden nicht nachgegangen, um dich vor ihnen zu beschützen. Aber sei auf der Hut! Er will nichts Festes, sondern nur seinen Spaß haben. Neben seiner reichen Jenny, die er dann heiraten wird.
Wahrscheinlich.
Aber es könnte auch anders kommen, entgegnete sie dieser Stimme. Da war doch irgendetwas zwischen ihr und dem jungen Lugner, das über einen Flirt, ein bisschen Spaß hinausging. Die starke Anziehung, eine innere Übereinstimmung, eine Seelenverwandtschaft?
Blödsinn!, erwiderte ihre Vernunft.
