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Persil, Ata, Pril, Somat, Pritt – viele Marken, die zum Unternehmenskosmos von Henkel gehören, sind seit Jahrzehnten fester Bestandteil des Alltagslebens. Nur wenigen jedoch dürfte die vielschichtige und wandlungsreiche Geschichte bekannt sein, die sich hinter dem Namen Henkel verbirgt. Joachim Scholtyseck zeichnet den Weg dieses zunächst für Deutschland und heute weltweit bedeutsamen Unternehmens seit 1876 erstmals umfassend auf wissenschaftlicher Grundlage nach und zeigt, wie sich Henkel vom Waschmittelhersteller zum Weltkonzern wandelte, der heute insbesondere im Bereich Klebstoffe weltweit führend ist. Henkel ist ein Kind des frühen Kaiserreichs und profitierte vom wirtschaftlichen Aufstieg des jungen deutschen Nationalstaats. Der steigende Lebensstandard der Bevölkerung erhöhte die Nachfrage nach Konsumgütern des täglichen Bedarfs, die das Unternehmen mit seinem schnell wachsenden Waschmittelgeschäft bedienen konnte. 1876 von Fritz Henkel in Aachen gegründet, expandierte das Unternehmen rasch und verlegte seinen Hauptstandort 1878 nach Düsseldorf, wo sich noch heute der Hauptsitz befindet. 1907 kam das revolutionäre Waschmittel Persil auf den Markt, das auf innovative Weise beworben wurde und für das Unternehmen einen Quantensprung bedeutete. Bis heute dürfte es die bekannteste Marke sein, mit der Henkel weithin verbunden wird. Doch das war schon Anfang des 20. Jahrhunderts eine Verkürzung des vielseitigen Unternehmens. Joachim Scholtyseck fragt nach den Erfolgsfaktoren, die aus dem Aachener Start-up eine florierende Firma machten, arbeitet die Rolle der Firma im Dritten Reich auf und zeigt, wie aus dem Waschmittelproduzenten ein Weltunternehmen wurde.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Joachim Scholtyseck
Henkel
Vom Waschmittelhersteller zum Weltunternehmen
C.H.Beck
Cover
Inhalt
Textbeginn
Titel
Inhalt
Einleitung
Quellen und Literatur
Erster Teil: Die Anfänge des Unternehmens 1876 bis 1930
Gute Voraussetzungen? Der familiäre Hintergrund von Fritz Henkel
1871: eine neue Nation im wirtschaftlichen Aufbruch
1876 und 1878: Universal-Waschmittel, Henkel’s Bleich-Soda und Wasserglas
Vom Kleinbetrieb in Aachen zur großindustriellen Fertigung in Holthausen
Eine Produkt- und Marketingrevolution: Persil
Kartelle, Diversifizierungen und wirtschaftliche Irrwege
Fritz Henkel: ein moderner Patriarch im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert
Im Alltag des Geschäfts: Arbeitszeiten und Löhne
Bürgerliche Lebenswelten
Fritz Henkel jun. und Hugo Henkel: Die Söhne übernehmen Verantwortung
Das frühe Auslandsgeschäft
Der Erste Weltkrieg
Im Bann der Rüstung: Sprengstoffproduktion und Zwangsarbeit
Henkel und das Ende des Kaiserreichs
Neue Hoffnungsschimmer: das Ende der Zwangsbewirtschaftung und der Bau des Zweigwerks Genthin
Henkel-Krisen: Hyperinflation und Ruhrbesetzung 1923/24
Der Wettbewerb um Thompson und Sunlicht: Vorboten der Auseinandersetzungen zwischen Henkel und Unilever
Der Kampf um die Persil-Markenrechte
Eine goldene Zeit? Henkel in den Jahren der vorübergehenden Stabilisierung
Eine bedeutende Diversifizierung: Klebstoffe bei Henkel
1930 – das Annus horribilis
Die
UMA
als Holding der Henkel-Auslandsgesellschaften
Der lange Weg zur ersten Internationalisierung: das Henkel-Auslandsgeschäft bis in die Mitte der 1930er-Jahre
Zweiter Teil: Die Entwicklung des Unternehmens 1931 bis 1947
High-Tech-Produkte für die Synthese: Dehydag und Böhme Fettchemie
Henkel und der Aufstieg des Nationalsozialismus
Das nationalsozialistische «Wirtschaftswunder»
Autarkie und «Fettlücke»
Der Walfang
Der Betriebsalltag im «Dritten Reich»
Werner Lüps und die Ausschaltung von Hugo Henkel 1938
Finanzzauberei: der Konsortial-Fonds
Die Produktion im Zweiten Weltkrieg
Henkel und die Degussa: Geschäftsfreunde in schwierigem Fahrwasser
«Arisierungen»
«Arisierungen» bei Henkel
Die Kerzenfabrik Heilborn
Weitere «Arisierungen»
Revanche für den Verlust der Persil-Rechte: der Kampf mit Unilever um die Vorherrschaft auf dem Kontinent im Zweiten Weltkrieg
Der Machtkampf des Jahres 1942 und der Tod von Werner Lüps
Die Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg: ein Überblick
Zwangsarbeit bei Henkel
Die Unterbringung in Düsseldorf-Holthausen
Verpflegung und medizinische Betreuung
Arbeitszeit, Bezahlung, Freizeit und Alltag
Arbeitsleistungen, Sanktionen und Bestrafungen
Henkel in der Agonie des «Dritten Reiches»
Kriegsende 1945: ein unsicherer Neubeginn
Das Ende des Familienunternehmens? Die Firma unter Treuhänderschaft
Demontage?
Die Rückkehr der Familie in die Firma
Entnazifizierung und «Vergangenheitsbewältigung»
Dritter Teil: Wiederaufbau und Globalisierung 1948 bis 2008/09
Nachwehen: die Abwicklung der
UMA
und des Konsortial-Fonds
Henkel im «Wirtschaftswunder»: von der «Vollendung unserer Auferstehung» bis zur Persil-Krise
Der Erfolg synthetischer Vollwaschmittel
Konrad Henkel: Familienführung in der frühen Bundesrepublik
«Angewandte Chemie»: Henkel, Degussa, Metallgesellschaft
Waschmittel im globalen Wettbewerb
Nicht nur Persil: Pril, Imi, P3 und die Reinigungsmittel für die Industrie
Kosmetikprodukte: von TheraChemie über Schwarzkopf zu Beauty Care
Ein schlummernder Riese: Klebstoffe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Die Übernahme von Sichel
Teroson
Firma & Familie: Börsengang, Gesellschafterausschuss, Aktienbindungsvertrag und Generationenfrage
Der Sonderfall
DDR
Die Trennung vom Geschäft mit Chemieprodukten
Soziale Fragen bei Henkel in Zeiten der Demokratie
Betriebszeitschriften
Werkswohnungsbau
«Gastarbeiter» bei Henkel
Bildung, Weiterbildung, Rekrutierung
Manager an die Macht: das Ende des Patriarchentums
Netzwerke, Lobbyismus und der Parteispendenskandal
Corporate Identity und Mission Statements als neue Zugpferde
Vom «Persilmädchen» zu
LGBTQIA+
: Geschlechterverhältnisse bei Henkel
Nicht nur Umweltschutz: nachhaltiges Wirtschaften
Das Streben nach «Öko Leadership» in den 1990er-Jahren
Logistik und Supply Chains
Nachhaltigkeit versus Gewinn?
Lochkarten und «Smart Factory»: Forschung, Digitalisierung und Logistik
Henkel in der digitalen Welt
Vierter Teil: Das Auslandsgeschäft nach dem Zweiten Weltkrieg: von der Internationalisierung zur Globalisierung
Deutschland, Europa oder die Welt?
West-, Süd- und Nordeuropa
Schweiz
Österreich
Belgien und die Niederlande
Frankreich
Italien
Spanien und Portugal
Großbritannien und Irland
Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland
Griechenland
Mittel-, Ost- und Südosteuropa
Russland
Polen
Jugoslawien und die Nachfolgestaaten
Ungarn
Tschechien und Slowakei
Rumänien und Bulgarien
Ukraine
Nordamerika
Lateinamerika
Mexiko
Brasilien
Argentinien, Venezuela, Kolumbien, Guatemala, Peru, die Dominikanische Republik und Chile
Asien und Pazifik
Japan
Indonesien, Philippinen, Malaysia
China
Taiwan, Südkorea und Vietnam
Australien und Neuseeland
Indien, der Nahe Osten und der afrikanische Kontinent
Türkei
Indien
Der afrikanische Kontinent
Ein frühes Auslandsgeschäft nach 1945: Südafrika
Ägypten
Libyen
Nigeria
Algerien, Tunesien, Marokko
Libanon und Syrien
Israel
Saudi-Arabien und die Golfregion
Iran
Henkel im 21. Jahrhundert: Klebstofftechnologien, Waschmittel und Kosmetikmarken für die ganze Welt
Neuanfang und Neuausrichtung
Adhesive Technologies
Die Corona-Pandemie und der Überfall auf die Ukraine
Fazit
Anhang
Danksagung
Abkürzungsverzeichnis
Anmerkungen
Einleitung
Erster Teil:
Die Anfänge des Unternehmens 1876 bis 1930
Gute Voraussetzungen? Der familiäre Hintergrund von Fritz Henkel
1871: eine neue Nation im wirtschaftlichen Aufbruch
1876 und 1878: Universal-Waschmittel, Henkel’s Bleich-Soda und Wasserglas
Vom Kleinbetrieb in Aachen zur großindustriellen Fertigung in Holthausen
Eine Produkt- und Marketingrevolution: Persil
Kartelle, Diversifizierungen und wirtschaftliche Irrwege
Fritz Henkel: ein moderner Patriarch im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert
Im Alltag des Geschäfts: Arbeitszeiten und Löhne
Bürgerliche Lebenswelten
Fritz Henkel jun. und Hugo Henkel: Die Söhne übernehmen Verantwortung
Das frühe Auslandsgeschäft
Der Erste Weltkrieg
Im Bann der Rüstung: Sprengstoffproduktion und Zwangsarbeit
Henkel und das Ende des Kaiserreichs
Neue Hoffnungsschimmer: das Ende der Zwangsbewirtschaftung und der Bau des Zweigwerks Genthin
Henkel-Krisen: Hyperinflation und Ruhrbesetzung 1923/24
Der Wettbewerb um Thompson und Sunlicht: Vorboten der Auseinandersetzungen zwischen Henkel und Unilever
Der Kampf um die Persil-Markenrechte
Eine goldene Zeit? Henkel in den Jahren der vorübergehenden Stabilisierung
Eine bedeutende Diversifizierung: Klebstoffe bei Henkel
1930 – das Annus horribilis
Die UMA als Holding der Henkel-Auslandsgesellschaften
Der lange Weg zur ersten Internationalisierung: Das Henkel-Auslandsgeschäft bis in die Mitte der 1930er-Jahre
Zweiter Teil:
Die Entwicklung des Unternehmens 1931 bis 1947
High-Tech-Produkte für die Synthese: Dehydag und Böhme Fettchemie
Henkel und der Aufstieg des Nationalsozialismus
Das nationalsozialistische «Wirtschaftswunder»
Autarkie und «Fettlücke»
Der Walfang
Der Betriebsalltag im «Dritten Reich»
Werner Lüps und die Ausschaltung von Hugo Henkel 1938
Finanzzauberei: der Konsortial-Fonds
Die Produktion im Zweiten Weltkrieg
Henkel und die Degussa: Geschäftsfreunde in schwierigem Fahrwasser
«Arisierungen»
Revanche für den Verlust der Persil-Rechte: der Kampf mit Unilever um die Vorherrschaft auf dem Kontinent im Zweiten Weltkrieg
Der Machtkampf des Jahres 1942 und der Tod von Werner Lüps
Die Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg: ein Überblick
Zwangsarbeit bei Henkel
Henkel in der Agonie des «Dritten Reiches»
Kriegsende 1945: ein unsicherer Neubeginn
Das Ende des Familienunternehmens? Die Firma unter Treuhänderschaft
Demontage?
Die Rückkehr der Familie in die Firma
Entnazifizierung und «Vergangenheitsbewältigung»
Dritter Teil:
Wiederaufbau und Globalisierung 1948 bis 2008/09
Nachwehen: die Abwicklung der UMA und des Konsortial-Fonds
Henkel im «Wirtschaftswunder»: von der «Vollendung unserer Auferstehung» bis zur Persil-Krise
Der Erfolg synthetischer Vollwaschmittel
Konrad Henkel: Familienführung in der frühen Bundesrepublik
«Angewandte Chemie»: Henkel, Degussa, Metallgesellschaft
Waschmittel im globalen Wettbewerb
Nicht nur Persil: Pril, Imi, P3 und die Reinigungsmittel für die Industrie
Kosmetikprodukte: von TheraChemie über Schwarzkopf zu Beauty Care
Ein schlummernder Riese: Klebstoffe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Firma & Familie: Börsengang, Gesellschafterausschuss, Aktienbindungsvertrag und Generationenfrage
Der Sonderfall DDR
Die Trennung vom Geschäft mit Chemieprodukten
Soziale Fragen bei Henkel in Zeiten der Demokratie
Manager an die Macht: das Ende des Patriarchentums
Netzwerke, Lobbyismus und der Parteispendenskandal
Corporate Identity und Mission Statements als neue Zugpferde
Vom «Persilmädchen» zu LGBTQIA+: Geschlechterverhältnisse bei Henkel
Nicht nur Umweltschutz: nachhaltiges Wirtschaften
Lochkarten und «Smart Factory»: Forschung, Digitalisierung und Logistik
Vierter Teil:
Das Auslandsgeschäft nach dem Zweiten Weltkrieg: von der Internationalisierung zur Globalisierung
Deutschland, Europa oder die Welt?
West-, Süd- und Nordeuropa
Mittel-, Ost- und Südosteuropa
Nordamerika
Lateinamerika
Asien und Pazifik
Indien, der Nahe Osten und der afrikanische Kontinent
Henkel im 21. Jahrhundert:
Klebstofftechnologien, Waschmittel und Kosmetikmarken für die ganze Welt
Quellenverzeichnis
Konzernarchiv Henkel
Amtsgericht Aachen
Amtsgericht Düsseldorf
Bayerisches Hauptstaatsarchiv (München)
Evonik Industries AG – Konzernarchiv Degussa
Hauptstaatsarchiv Düsseldorf
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen (Duisburg)
National Archives, College Park, USA
Stadtarchiv Aachen
Stadtarchiv Düsseldorf
Schweizerisches Bundesarchiv, Bern
Staatsarchiv Chemnitz (
LASA
)
Österreichisches Staatsarchiv (Wien)
Literaturverzeichnis
Bildnachweis
Personenregister
Unternehmensregister
Zum Buch
Vita
Impressum
Vom Historiker Reinhart Koselleck stammt der bekannte Leitsatz vom «Vetorecht der Quellen».[1] Er hat aber auch Hinweise auf die aus der eigenen Erinnerung abrufbaren «Erfahrungen» gegeben. Diese seien mit «dem Glasauge einer Waschmaschine zu vergleichen, hinter dem dann und wann dieses oder jenes bunte Stück der Wäsche erscheint, die allesamt im Bottich enthalten ist».[2]
Mit einem solchen Bildnis – dem Wäschebottich und der modernen Waschmaschine – ist seit fast 150 Jahren die Geschichte des Familienunternehmens Henkel verbunden. Es firmiert in juristischer Schönheit heute in der Rechtsform als Henkel AG & Co. KGaA und hatte seine Ursprünge in der Herstellung von Waschmitteln. Gegründet wurde das Unternehmen 1876 durch einen jungen Chef, den man heute wahrscheinlich in die Kategorie Start-up-Unternehmer einordnen würde. Die kleine Firma wuchs beständig, erlebte mit der Entwicklung und Markteinführung des Waschmittels Persil im Jahr 1907 einen ungeheuren Erfolg und firmierte in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts, inzwischen auch mit Handwerker-Klebstoffen handelnd, zu einem europaweit agierenden Konzern. Heute ist Henkel, allen globalen Krisen und Umbrüchen zum Trotz, mit seinen beiden Sparten Adhesive Technologies und Consumer Brands ein Global Player: In 55 Staaten und an 161 Produktionsstätten arbeiten weltweit rund 47.150 Mitarbeiter, 8350 davon in Deutschland. Die derzeit größte Produktionsstätte ist das Werk in Bowling Green in Kentucky in den USA, gefolgt vom Stammwerk in Düsseldorf, dem Hauptverwaltungssitz des Konzerns, wo rund 6000 Beschäftigte arbeiten. Henkel hat mit einer Bilanzsumme von über 30 Milliarden Euro eine solide Eigenkapitalquote von über 60 Prozent. Als DAX-Konzern der ersten Stunde mit einem Umsatz von 21,5 Milliarden Euro und einem Gewinn von fast 3,1 Milliarden Euro (2024) ist die Firma nicht nur mit seinen Konsumentenmarken, sondern auch im Industriegeschäft erfolgreich.
Henkel beruft sich immer wieder auf die Gründerfigur Fritz Henkel und verweist auf seine lange Geschichte sowie die Tradition seiner Marken, die Orientierung, Identifikation und ein natürliches Wertegerüst bieten. Wie in anderen erfolgreichen deutschen Familienunternehmen spielen die Bewahrung des Vermögens und die Weitergabe fachlichen Wissens eine besondere Rolle: Firma vor Familie, langfristige Rentabilität und Reinvestition ins Geschäft vor überhöhten Dividenden und Ausschüttungen – so lautet das Credo.[3] Bei einer Firma, die in der vierten, fünften und inzwischen sechsten Generation von der Familie mitbestimmt wird, stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Erfolgsrezept, denn alle Unternehmen unterliegen grundsätzlich einer «permanenten Bestandsbedrohung».[4] Familienunternehmen machen in Deutschland zwischen 80 und 90 Prozent der mittelgroßen Unternehmen aus, generieren rund 50 Prozent des Umsatzes und beschäftigen etwa 60 Prozent aller Mitarbeiter. Sie sind also, anders als vielfach angenommen, kein anachronistisches Relikt oder ein Auslaufmodell.[5] Henkel ist für Krisenrobustheit ein gutes Beispiel: Den gefürchteten «Buddenbrooks-Effekt», die Annahme, dass spätestens in der dritten Generation die unternehmerischen Kräfte einer Familie erlahmen,[6] gab es ebenso wenig wie den für Familienunternehmen ab der fünften Generation aufkommenden gefährlichen Umstand, eher wegen interner Streitigkeiten als aufgrund von wirtschaftlichen Problemen ein Ende zu finden.
Die Gründe für die Überlebensfähigkeit sollen in diesem Buch geschildert werden. Strategische Beweglichkeit, Pioniergeist, Beharrlichkeit, Geschick, Durchhaltevermögen, Optimismus und Kommunikationsfähigkeit spielen eine Rolle, ebenso der Mut zum Risiko und der ebenso typische wie notwendige Wandel vom paternalistischen Familien- zum Managerunternehmen. Die besondere Rechtsform einer Kommanditgesellschaft auf Aktien erfordert den spezifischen Blick auf die Governance-Strukturen,[7] aber auch die jeweiligen Führungspersönlichkeiten müssen betrachtet werden, ebenso Kooperationspartner und Konkurrenten wie Procter & Gamble, Colgate-Palmolive und Unilever. Andere einstmals mächtige Gegenspieler wie den Seifen-Großkonzern Schicht kennt hingegen heute kaum noch jemand. In den letzten Jahren sind jedoch weltweit Klebstoff-Hersteller Mitbewerber geworden, gegen die Henkel seine Vormachtstellung behaupten muss. Das stets notwendige Quäntchen Glück darf auch nicht vernachlässigt werden, obwohl es dem streng an Quellen orientierten Historiker nicht gefällt, weil Fortune nur schwer belegt und berechnet werden kann.
Kontinuitäten und Brüche kennzeichnen die Entwicklung, ebenso der Umstand, dass aus mannigfachen Gründen eine geradlinige und strategische Planung nicht immer erkennbar war. Verhielt sich Fritz Henkel beispielsweise bewusst anders als andere Unternehmer, als er seine Söhne Fritz jun. und Hugo für die Nachfolge vorsah und nicht, wie andere Zeitgenossen, die Firma vollständig in eine Aktiengesellschaft umwandelte? Welche Bedeutung hatten andere Familienmitglieder? Der Blick auf die sorgsam bis heute gewahrte und gepflegte Stammesstruktur mit drei Familienstämmen, mit einem Beteiligungsverhältnis von 40 zu 40 zu 20, ist unerlässlich – nicht nur hinsichtlich der Geschäftspolitik, der Gesellschaftsverträge und der Erbfolgeregelungen, sondern auch bezüglich der Wertvorstellungen.
Nach dem Ersten Weltkrieg erhielten familienfremde Manager eine größere Bedeutung, obwohl sie noch jahrzehntelang eher im Hintergrund blieben. Ab den 1980er-Jahren zog sich die Familie in kluger Selbstbeschränkung aus dem operativen Geschäft zurück. Welche Gründe waren hierfür verantwortlich? Wurden diese Entwicklungen als bewusste Zäsur empfunden, und gab es ein Nachdenken über die langfristigen Konsequenzen?
Ohne hinreichende Reserven sind Unternehmen nicht überlebensfähig. Kapital ist bekanntlich ein scheues Reh, wie schon Fritz Henkel wusste. Auf welche Weise haben der Gründer und seine Nachfolger sich das Geld beschafft? Eine vorausschauende systematische Ausbildung seiner beiden Söhne, die sich das kaufmännische und das chemisch-technische Feld geschickt aufteilten, gehörte für den Selfmade-Man Fritz Henkel zur Strategie. Aber wurde diese Entscheidung bewusst getroffen, oder ergab sie sich eher zufällig aus den natürlichen Neigungen der beiden Söhne?
War Fritz Henkel ein chemisch-kaufmännischer Pionier oder war es eher seine Stärke, durch kluges Handeln die Trends der Zeit aufzunehmen und sie als einer der sprichwörtlichen «Heroen der Zeit»[8] in unschlagbare Markenprodukte umzusetzen? Ist er ein Paradebeispiel im Sinn von Joseph A. Schumpeters Modell eines dynamischen und schöpferischen Unternehmers, der zwar keine neuen Technologien schafft, das Vorhandene aber weiterentwickelt und innovativ anwendet?[9] War die Diversifizierung des Unternehmens, das schon am Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr nur Bleichsoda und Persil herstellte, ein Indiz für eine vorausschauende Strategie? Lagen dem Einstieg in die Klebstoffherstellung in den 1920er-Jahren und in die Fettchemie in den 1930er-Jahren bewusste Entscheidungen zugrunde, oder entsprangen sie eher pragmatischem Handeln, weil sich die Gelegenheiten dazu boten?
Fritz Henkel hatte den Vorteil, sein Unternehmen in der Bismarckzeit gegründet zu haben, in der die wirtschaftliche Entwicklung einmalige Handlungschancen ermöglichte, vielleicht in einem Maße, wie sie sich danach erst wieder in der Zeit des «Wirtschaftswunders» nach 1945 ergaben. Ohne den Wegfall von Zollgrenzen und die Gründung des Deutschen Reiches von 1871 wären die Dinge sicherlich anders verlaufen. Die ökonomischen Rahmenbedingungen, in denen der Startschuss für den Henkel-Erfolg fiel, verweisen allerdings darauf, dass ein Unternehmen niemals die Politik ausblenden kann, wie die folgenden Jahrzehnte vor Augen führten: Der Erste Weltkrieg, die Inflationszeit, die Weltwirtschaftskrise, der Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg, die Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands, der zunehmende Zusammenschluss Europas, der Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs sowie die Globalisierung waren Faktoren, die Henkel berücksichtigen musste und nach wie vor zu beachten hat. Dachte die Familie Henkel – angefangen beim Senior – politisch? Wie verhielt sich die Chefetage gegenüber politischen Chancen, Herausforderungen und Gefahren?
Eine zentrale Rolle spielt das Feld von Kooperation und Konkurrenz. Seit dem späten 19. Jahrhundert bewegte sich Henkel in einem wahren Geflecht von Verbänden, Kartellen und Interessengemeinschaften. Seit dem Erfolg von Persil im Jahr 1907 wurde die britische Firma Lever (später Unilever) zu einer Art Erzrivalen, nach dem Zweiten Weltkrieg traten auf dem Wasch- und Reinigungsmittelmarkt Procter & Gamble sowie Colgate-Palmolive und Reckitt hinzu. Die Geschichte dieser Konkurrenzen ist bis heute nicht erzählt. Die vorliegende Studie soll daher auch der Beantwortung der Frage dienen, wie sich Henkel grundsätzlich gegenüber seinen Mitspielern verhielt.
Kann man Henkel in erster Linie als Waschmittel-Geschichte schreiben? Dagegen spricht fast alles, obwohl Persil – vor allem in Deutschland – immer noch das bekannteste Produkt ist. Henkel ist heute ein diversifiziertes und global agierendes Unternehmen – und war selbst in der Frühzeit keineswegs nur ein «one trick pony», sondern für eine Vielzahl von Markenprodukten bekannt. Seit den 1920er-Jahren ist die Firma mit Klebstoffen und Industriereinigern auf dem Markt, nach dem Zweiten Weltkrieg zudem mit Kosmetik- und Körperpflegeprodukten. Hinzu kam ein beachtliches Industriegeschäft, anfangs (und heute fast vergessen) hauptsächlich Wasserglas (Silikate), in den 1930er-Jahren die Fettchemie.
Während es Kassenschlager gab, deren Markengeschichte erzählt zu werden verdient, ist auch von Flops zu berichten: Wie bei allen Konsumgüterproduzenten ist die Liste derjenigen Produkte und Marken lang, die still und heimlich wieder in der Versenkung verschwanden. Die Schilderung dieser Entwicklung soll wiederum die Frage beantworten, ob Glück und Zufälle eine Hand im Spiel hatten oder ob es nüchterne Entscheidungen waren, sich ohne Sentimentalitäten von Marken zu trennen, wenn das Unternehmen keinen Nutzen daraus ziehen konnte oder sogar Schaden zu erleiden drohte.
Von einer Globalisierung, die bei vielen deutschen Unternehmen der Chemie- und Elektroindustrie schon im 19. Jahrhundert zu beobachten war, wird man bei Henkel zwar bis in die Zeit der Bundesrepublik nicht sprechen können. Aber nach den Versuchen, über den heimischen Markt hinaus ein europäisches Vertriebsnetzwerk schon vor dem Ersten Weltkrieg zu schaffen, wurde ab den 1920er-Jahren systematisch eine europaweite Produktion aufgebaut und diese nach 1945 mühsam wieder rekonstruiert, nachdem diese Strukturen durch den Zweiten Weltkrieg fast völlig verloren gegangen waren. Global wurde Henkel durch das in Schüben erfolgende, schrittweise Vordringen erst ab den 1960er-Jahren.[10]
Wer glaubt, es gebe in Unternehmen nur «rationale Entscheidungsprozesse einer Gruppe weitblickender Männer, die das Richtige zur richtigen Zeit tun»,[11] liegt nicht nur unter Genderaspekten falsch. Ein Unternehmen ist ein «quasi autonomer Organismus», dessen «einziges Ziel und Lebensprinzip […] offenbar darin besteht, ein unaufhörliches Wachstum zu generieren».[12] Die Henkel-Geschichte soll daher auch die Frage beantworten helfen, ob die «innerwirtschaftliche Umwelt» überhaupt für «Möglichkeiten des Lernens» hinreichend stabil ist.[13] Abstrakte Erklärungsmuster helfen ebenfalls nicht weiter. Individuelle Entscheidungsprozesse lassen sich nicht allein mit Geschäftsberichten, Bilanzen und statistisch-quantifizierendem Material, geschweige denn ökonometrischen Methoden erschöpfend erklären. Mit anderen Worten: Die «empirische Vielfalt und Widersprüchlichkeit gelebten Lebens» lässt sich nicht «herausrechnen».[14]
Um diese Fragen nach Kalkül, Motiven, Rationalität, Pech und Zufällen zu beantworten, bleibt nur die Aktenlektüre. Die Perspektive auf die Unternehmensspitze wird durch den Blick auf die Arbeits- und Lohnstrukturen, die Betriebs- und Sozialpolitik, das Verhältnis zwischen Management, Angestellten und Arbeitern, also die unternehmerische «Mikropolitik»,[15] ergänzt. Neben denjenigen, die in den Fabriken in Aachen und Düsseldorf arbeiteten, gab es seit Persil die relativ große Gruppe von Angestellten, die als «Herren der Landstraße» die Henkel-Produkte an den Mann beziehungsweise vor allem an die Frau brachten. Manche Aspekte der Arbeitswelt und des Alltags können jedoch nicht oder nur kursorisch behandelt werden, wozu beispielsweise die 1911 gegründete Werkfeuerwehr gehört, über die man sich aber erfreulicherweise an anderer Stelle eingehend informieren kann.[16] Gleiches gilt für Altersversorgung, Ruhestandsregelungen, Renten, Betriebskrankenkasse und Pensionsfonds sowie den Arbeitsschutz.[17]
Dass auch eine Firma wie Henkel über ihre Geschichte Rechenschaft ablegt, ist nicht ungewöhnlich. Zahlreiche deutsche Großunternehmen stellen sich nicht mehr, wie das lange Zeit üblich war, aus der Binnensicht in einer «Festschrift» dar, sondern vertrauen auf eine auf breiter Quellenbasis gestützte wissenschaftliche Studie, die auch immer die tradierten «Meistererzählungen» kritisch überprüfen muss. Aus dieser Ausgangslage ergibt sich die Anlage von vier chronologisch-thematisch aufgebauten Hauptkapiteln. Theoretisch wäre auch eine nach Unternehmensbereichen oder Sparten gegliederte Aufteilung möglich gewesen. Dann hätten die Wasch- und Reinigungsmittel im Vordergrund gestanden, aber ebenso die Chemieprodukte, die seit der Ausgliederung 1999 keine Rolle mehr spielen. Einen eigenen Klebstoffbereich gab es in den ersten knapp fünfzig Jahren des Bestehens der Firma Henkel nicht. Für die Darstellung des Geschäfts mit Kosmetik- und Körperpflegeprodukten, das erst nach 1945 Bedeutung erhielt, hätten ebenfalls Abstriche gemacht werden müssen.
Eine Einteilung nach den wechselnden Unternehmensformen – von Henkel & Cie bis zur heutigen Henkel AG & Co. KGaA – wäre für Juristen durchaus interessant, würde aber wesentliche wirtschaftliche und politische Zäsuren der rund 150-jährigen Henkel-Geschichte außer Acht lassen. Eine Anordnung nach Führungspersönlichkeiten und «Regentschaften» würde Fritz Henkel und seine Nachfolger als geradezu dynastische Persönlichkeiten erscheinen lassen. Auch die Kategorisierung nach bedeutenden Innovationen und wichtigen Marken – die Einführung von Persil im Jahr 1907 ist nur das wichtigste Beispiel – ist verlockend, würde aber missachten, dass Henkel ein diversifiziertes und heterogenes Unternehmen ist. Ein geographischer Aufbau würde dem heute auf allen Kontinenten agierenden Unternehmen Henkel gerecht – aber von einer wirklichen Globalisierung konnte erst seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts die Rede sein. Für eine Analyse der Henkel-Geschichte gibt es daher keinen Königsweg. Eine chronologische Gliederung mit thematischen Unterkapiteln ist somit trotz mancher Nachteile die beste Lösung.
Das erste Kapitel behandelt Henkel in der Zeit der Hochindustrialisierung bis zum Jahr 1930. Der Gründer Fritz Henkel bewegte sich mit der Herstellung von Bleichsoda und Wasserglas in einer chemienahen Branche, die neben der elektrotechnischen Industrie und dem Maschinenbau als einer der Leitsterne des Industrialisierungsprozesses galt und durch die wachsende Verkehrsinfrastruktur einen Globalisierungsschub erfuhr. War Fritz Henkel ein Pionier, ein «first mover», oder griff er eher mit kaufmännischem Instinkt vorhandene Trends auf und setzte sie geschickt um? Warum trennte er sich schon nach einem beziehungsweise zweieinhalb Jahren von seinen beiden Kompagnons? Wie erklären sich die Verlagerung der Firma von Aachen nach Düsseldorf und der weitere Umzug innerhalb der Stadt? War schließlich der Produktionsbeginn am 9. März 1900 in einer großzügig eingerichteten neuen Fabrik im damaligen Vorort Holthausen südlich von Düsseldorf ein Hinweis auf die gewachsene industrielle Schlagkraft? Durch die Einführung von Persil im Jahr 1907 erhielt die Firma einen Markenartikel, der einen atemberaubenden Erfolg erlebte. Wäre das daraus resultierende rasante Wachstum auch ohne Persil möglich gewesen? Was wiederum bedeutete dieser Siegeszug für die Struktur der Firma mit ihrer patriarchalischen Unternehmenskultur und einer Mitarbeiterschaft, in der sich bis dahin fast noch jeder gekannt hatte?
Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 wurde Henkel in seiner Entwicklung abrupt gestoppt. Die folgenden Jahre waren von Dauerkrisen gekennzeichnet, aber auch durch wichtige Reorganisationen wie die Schaffung eines Direktoriums im Jahr 1919. Fritz Henkel übertrug den beiden sorgsam für die Nachfolge ausgebildeten Söhnen Fritz Henkel jun. und Hugo Henkel sukzessiv Aufgaben. In den 1920er-Jahren wurde nicht nur ein wichtiges Zweigwerk in Genthin in Mitteldeutschland gegründet, sondern auch das Auslandsgeschäft systematisch aufgebaut. Das Jahr 1930 brachte allerdings eine dreifache Krise: Fritz Henkel jun. und sen. starben kurz nacheinander, die Weltwirtschaftskrise bewirkte neue Herausforderungen und schließlich konnte ein feindlicher Übernahmeversuch durch den Unilever-Konzern nur mühsam abgewehrt werden.
Das zweite Kapitel beschreibt die Zeit nach 1930 und analysiert die Bemühungen von Hugo Henkel – nun alleinverantwortlich für die Geschäftsleitung –, die Firma durch die Krise und durch die Jahre der NS-Diktatur zu führen. Was jedoch waren die Gründe für das Arrangement mit dem nationalsozialistischen Regime – obwohl die Führungskräfte dem nationalliberalen Milieu entstammten, die «große Politik» bis dahin weitgehend aus dem Betrieb herausgehalten hatten und keineswegs begeisterte Anhänger der NS-Ideologie waren? Handelte es sich um puren Opportunismus? Fürchtete man, gegenüber den mächtigeren Konkurrenten wie der I. G. Farben zu kurz zu kommen? Warum wurde die Firma nationalsozialistischer «Musterbetrieb»? Warum musste Hugo Henkel 1938 in den Hintergrund treten? Wie erklärt sich der unter Werner Lüps, seinem Neffen und Nachfolger an der Spitze der Firma, im Zweiten Weltkrieg unternommene Versuch, den großen Konkurrenten Unilever auf dem Kontinent entweder auszuschalten oder zumindest in die Schranken zu weisen und Henkel zum dominanten europäischen Waschmittel-Herrscher zu machen? Henkel war zwar kein Rüstungskonzern, aber Teil der Kriegswirtschaft. Die Analyse der Arbeits- und Lebensbedingungen der Kriegsgefangenen sowie der Fremd- und Zwangsarbeiter in den Henkel-Firmen und der Blick auf die «Arisierungen» sollen eine Antwort auf die Frage nach den Motiven und Verantwortlichkeiten geben. Ebenso werden die Strategien der Firma in der letzten Phase des Krieges verfolgt, als es darum ging, den bevorstehenden Untergang des «Dritten Reiches» zu überleben. Die Schilderung vom Kriegsende, die daran anschließende Besetzung durch die Alliierten, die Phase der Treuhänderschaft und die drohende Demontage bieten die Möglichkeit, Fragen nach Kontinuitäten und Brüchen aufzuwerfen.
Das dritte Kapitel umfasst die Zeit vom «Wirtschaftswunder» bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Hier interessieren die Gründe für den erfolgreichen Wiederaufstieg, der keineswegs nur der Renaissance von Persil zu verdanken war. Der lange Weg von einem Hersteller von Waschmitteln zu einem Unternehmen, das sich in den 1950er-Jahren der Körperpflege zuwandte und den Klebstoffbereich durch ständige Akquisitionen erweiterte, steht hier im Mittelpunkt. Welche Rolle spielten die Empfehlungen von Beratungsunternehmen, die für eine noch stärkere Diversifizierung plädierten? Warum zog sich Henkel ab den späten 1980er-Jahren aus dem Chemiegeschäft zurück? Waren Unternehmensübernahmen, Kooperationen und Joint Ventures Teil einer langfristigen Unternehmensstrategie? Wie erklärt sich, dass Henkel vergleichsweise früh auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit setzte? Was waren die Gründe, ab der Ära Konrad Henkel zunehmend Verantwortung auf Manager zu übertragen, die den fortwährend expandierenden und sich verändernden Global Player Henkel steuerten, während sich die Familie Henkel aus dem operativen Geschäft zurückzog? Wie wurden die Umwandlung in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien im Jahr 1975 und der Börsengang zehn Jahre später begründet? Waren die fast revolutionären Veränderungen eine Konsequenz der Erkenntnis, als Waschmittelhersteller allein zu klein zu sein, um dem Trend und den Herausforderungen der Globalisierung gerecht werden zu können?
Ein viertes Kapitel betrachtet das Auslandsgeschäft nach dem Zweiten Weltkrieg und widmet sich ebenso dem schwierigen Aufbau wie der Globalisierung bis nach der Jahrtausendwende, wobei es weniger um die Vollständigkeit als um die prinzipiellen Entwicklungen geht. Auf welche Weise gelang es, die im Zweiten Weltkrieg verlorenen ausländischen Henkel-Töchter zurückzuerwerben? Wie erklärt sich der in den 1960er-Jahren einsetzende Internationalisierungsschub, der in die USA, nach Lateinamerika und den Fernen Osten führte?
Ein abschließendes Kapitel geht über den Beginn des 21. Jahrhunderts hinaus und beschäftigt sich mit aktuellen Fragen: Gibt es angesichts des Umstands, dass Marken häufig ihre Eigentümer wechseln und von den globalen «Mega-Brands» im heutigen Henkel-Portfolio – Persil, Loctite und Schwarzkopf – nur das Premiumwaschmittel Persil eine Eigenentwicklung ist, eine gemeinsame Henkel-DNA? Welchen Stellenwert und welche Funktion haben die Unternehmensbereiche für Henkel? Was bedeutet die Zusammenlegung der Bereiche Laundry & Home Care und Beauty Care 2023 zu Henkel Consumer Brands, während die Adhesive Technologies unverändert bestehen? Schließlich muss auch nach der Corporate Identity gefragt werden: Sind Claims wie «Pioneers at heart for the good of generations» nur Wortgeklingel der Kommunikationsabteilung, oder steckt mehr dahinter, wenn von «Werten» beziehungsweise neudeutsch von einem «Purpose» die Rede ist? Und, last, but not least: Ist Henkel heute eigentlich noch ein klassisches Familienunternehmen?
Familienunternehmen sind in der Regel stärker als Unternehmen mit anderen Besitz- und Organisationsstrukturen an ihrer eigenen Geschichte interessiert. Traditionsbildung gehört gleichsam zum guten Ton, was sich in der Pflege eines professionell geführten Archivs niederschlägt. Eine kontinuierliche Überlieferung – nicht nur hinsichtlich der Leitungsorganisation – setzte bei Henkel um das Jahr 1900 ein, also knapp ein Vierteljahrhundert nach der Firmengründung.[18] Fritz Henkel und seine beiden Söhne waren Freunde mündlicher Absprachen; die Quellenlage und Überlieferungsdichte sind für die Frühzeit entsprechend schlecht. Die bereits 1910 eingerichtete Werkbibliothek wurde zugleich ein zentraler Erinnerungsort.[19] Das 50-jährige Firmenjubiläum 1926 gab Anlass zur Schaffung eines Raums mit Museumscharakter, in dem Material zur Familie, Werbeschriften, Plakate, Fotografien und rund 300 Mappen mit Aktenstücken gesammelt wurden.[20] Sie sind der Nukleus der Bestände des heutigen Konzernarchivs Henkel (seit 2022 Corporate Heritage) am Stammsitz in Düsseldorf-Holthausen, mit rund 200.000 Produkten eines der größten Produktarchive Europas, mit der Überlieferung von rund sechs Kilometern Akten und konsequenter Bestandserfassung im Sinn moderner Archivpflege.[21]
Es bleiben trotzdem manche Blindstellen: Frauen spielten zwar in Familie und Firma eine bedeutende Rolle, aber im Schriftgut schlägt sich dies kaum nieder, sodass auch in diesem Fall die Feststellung zutrifft, dass ein Archiv häufig nicht nur ein «Palast der Erinnerung», sondern auch ein «Platz des Vergessens» ist.[22] Vergleichsweise gut ist die Überlieferung zum Auslandsgeschäft, zu den Finanzholdings ab den 1930er-Jahren und zur Produktion im «Dritten Reich», obwohl in den letzten Kriegswochen systematisch Akten vernichtet wurden. Für die Rekonstruktion der Geschäftsentwicklung nach 1945 sind besonders die Sitzungsprotokolle der Geschäftsführung beziehungsweise des Vorstands und anderer Führungsgremien aufschlussreich. Ebenso aussagekräftig sind ab 1975 die Protokolle des Gesellschafterausschusses, dem eigentlichen Machtzentrum der Firma. Wie für alle Unternehmen ist allerdings zu beachten, dass häufig aktuelle Entwicklungen im Vordergrund stehen und nur selten ein Bogen zu übergreifenden Aspekten geschlagen wird. Über Misserfolge und Flops sowie ihre Ursachen wird eher kurz berichtet. Die Sozialpolitik lässt sich einigermaßen angemessen nachzeichnen. Anders sieht es bei manchen Personalentscheidungen aus; sämtliche Personalakten der bis 1945 beschäftigten Mitarbeiter hat die Personalabteilung Anfang der 1990er-Jahre vernichtet.[23]
Ergänzende Überlieferungen aus anderen Archiven helfen bei der Beantwortung von Fragen, die sich mit den Beständen in Düsseldorf nicht vollständig klären lassen. Die Akten im Evonik-Unternehmensarchiv ermöglichten einen Einblick in die jahrzehntelangen Beziehungen zur Degussa. Aus den Beständen der National Archives in Washington, D. C., und den National Archives in Kew (Großbritannien) lassen sich Hinweise auf die Besatzungszeit nach 1945 und die alliierten Strategien gegenüber der Firma Henkel entnehmen. Als ausgesprochen wichtig erwies sich die 1914 gegründete und anfangs nur für den Außendienst gedachte Mitarbeiterzeitschrift «Blätter vom Hause».[24] Vor allem für die NS-Zeit aufschlussreich war die ab 1932 erscheinende Mitarbeiterzeitschrift «Henkel-Bote». Ebenso hilfreich waren der 1972 an die Stelle der «Blätter vom Hause» tretende «Henkel-Blick» und ab 2001 die Mitarbeiterzeitschrift «Henkel-Life».
Die ersten Darstellungen der Henkel-Geschichte stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert und beruhen häufig auf Materialien, die zum Teil als verloren gelten müssen. Eine eigentliche Biographie des Firmengründers liegt bemerkenswerterweise bis heute nicht vor, wenn man einmal von einer hagiographischen Überblicksdarstellung aus der Feder von Josef Wilden aus dem Jahr 1933 absieht.[25] Grundlegende Informationen zur Firmenentwicklung aus zeitgenössischer Sicht bieten die Jubiläumsschriften der Jahre 1916 und 1926. Das Jahr 1936 bot die Gelegenheit für einen weiteren stolzen Rückblick, der aber schon ganz im Bann des «Dritten Reiches» stand.[26] Die NS-Zeit blieb in der frühen Nachkriegszeit, nicht anders als bei anderen Großunternehmen, weitgehend ein Tabu oder wurde durch unvollständige Darstellungen eher verschleiert als durchleuchtet.[27] Problematische Aspekte wurden mehr oder weniger geschickt ausgeblendet beziehungsweise mündeten in der selbstgerechten These, unschuldige Opfer des Regimes gewesen zu sein. Ab 1969 erschienen Veröffentlichungen des Werksarchivs, die als «Schriftenreihe» zu Teilaspekten der Unternehmens- beziehungsweise der Produktgeschichte beitrugen. Auch der Walfang und die Geschichten von Wasserglas, Glyzerin und Klebstoff waren in den folgenden Jahren einen Blick wert. Der Schwerpunkt lag allerdings auf den Waschmitteln, obwohl Henkel bereits viel mehr als Persil war. Selbst noch in der zum 100-Jahre-Jubiläum im Jahr 1976 vorgelegten Festschrift war diese Tendenz vorherrschend.
Die 2001 vorgelegte Studie «Menschen und Marken» zur 125-jährigen Geschichte des Unternehmens Henkel, die von Wilfried Feldenkirchen und Susanne Hilger verfasst wurde, stellte einen wichtigen Schritt dar. Sie beruhte auf einer Analyse ausgewählter Archivquellen und behandelte erstmals grundlegend und mit der gebotenen Transparenz Themen wie die bis dahin weitgehend ausgeblendete Zwangsarbeit im «Dritten Reich».[28] Die Bandbreite der Henkel-Marken wurde in dieser Studie ebenfalls deutlicher erkennbar, ebenso die Auslandsentwicklung, die in einem ausführlichen Überblick durch Theo Schatten und Wolfgang Zengerling dargestellt wird. Allerdings war zum Beispiel eine umfassende Analyse der Internationalisierung kaum zu leisten. Dies soll in der vorliegenden Arbeit nachgeholt werden; auch manche Marken, die bislang zu kurz gekommen sind, sollen vorgestellt werden, ebenso die heutigen Hauptmarken Schwarzkopf und Loctite.
Manche Vorgänge und Zusammenhänge, gerade der jüngeren Zeit, erschließen sich aus den Akten nur unvollständig. Hilfreich waren daher zahlreiche Zeitzeugengespräche über die Strategien von Gesellschafterausschuss, Geschäftsführung, Vorstand und Aufsichtsrat. Jan-Dirk Auris, Simone Bagel-Trah, Christoph Henkel, Carsten Knobel, Ulrich Lehner, Bruno Piacenza, Christa und Paul Plichta, Helmut Sihler, Hans-Dietrich Winkhaus und Albrecht Woeste standen für ausführliche Gespräche zur Verfügung.
Aktuelle Verlautbarungen zu Umsatz und Gewinn, zu Renditen, Krediten, Rücklagen und stillen Reserven beruhen auf öffentlich zugänglichen Quellen wie Geschäftsberichten und Presseinformationen. Wie bei Projekten dieser Art üblich, wurde für das an der Universität Bonn angesiedelte Drittmittelprojekt der uneingeschränkte Zugang zu den Akten des Konzernarchivs vereinbart, ebenso der Verzicht auf jeglichen inhaltlichen Eingriff in Manuskript und Buch.
Erster Teil
Fritz Henkel stammte aus Hessen. Die Ursprünge der Familie, die sich bis 1450 zurückverfolgen lassen, waren unauffällig: Handwerker und Landwirte, bisweilen Gemeinderäte, Schöffen, großherzoglich hessische Beigeordnete und gelegentlich ein Bürgermeister. Einige der weitverzweigten Familienmitglieder mit dem häufigen Nachnamen Henkel waren Pottaschensieder, die aus dem südhessischen Wallau stammten, dem Geburtsort des Vaters, was zu der gelegentlichen Vermutung geführt hat, Fritz Henkel sei hierüber mit der Herstellung von Seife und Waschmitteln in Berührung gekommen, was sich aus den Quellen allerdings nicht belegen lässt.[1]
Ortsansicht von Vöhl in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Der Vater von Fritz Henkel, Johann Jost Henkel (1809–1874), wuchs auf einem Bauernhof in Wallau auf, war ein feingeistiger Mensch und zunächst Hauslehrer bei Fürst Wittgenstein, sodann ab 1829 «großherzoglicher Schullehrer» in der zum Kreis Frankenberg gehörenden Gemeinde Vöhl. Das Amt des «Elementarlehrers» übte er jahrzehntelang, bis zu seinem Tod 1874, aus. Darüber hinaus verwaltete er die 1829 gegründete örtliche «Herrschaft Ittersche Spar- und Leihkasse».[2] Aus dieser Kasse, die von allen entsprechenden Einrichtungen des Großherzogtums Hessen verhältnismäßig die meisten Einleger hatte,[3] konnten die Bauern und Handwerker Darlehen beziehen – eine üblich werdende Form der Geldbeschaffung. Als dem Gemeinwohl verpflichteter Bürger wurde Johann Jost Henkel im September 1835 zum Kassierer gewählt. Er beriet die Bauern seiner Gemeinde aber auch in Fragen der Obstzucht und der Feldwirtschaft. Sein Vater habe, berichtete Fritz Henkel rückblickend stolz, siebzig Jahre zuvor die notwendige «Zusammenlegung der Güter in seiner Gemeinde» als Umsetzung der sozialpolitischen Initiativen der Regierung erreicht.[4] Dies war aber nicht nur Landwirtschaftshilfe. Die Darlehnskasse sprang auch bei Auswanderungen oder Verkäufen ein. Allerdings waren die Darlehensempfänger verpflichtet, eine jährliche Abschlagszahlung zu leisten: «Mein Vater hat es auch durchgesetzt, dass er Zinsstundungen bis zu drei Jahren vornehmen konnte, um die Landwirtschaft, wenn sie durch Missernten und Viehseuchen außergewöhnlichen Schaden erlitten hatte, zu unterstützen. Er hatte ferner bestimmt, dass man gegen einen Schuldschein ein Darlehn bis zu 600 Gulden bekommen konnte zu einem Zins von 1 Prozent wie bei Hypotheken, um auch hier bei außergewöhnlichen Ausnahmen der Landwirtschaft helfen zu können.»[5] Sein Vater war dem Subsidiaritätsprinzip und der Hilfe zur Selbsthilfe verpflichtet. Er habe nur denjenigen Bauern geholfen, die «gerade Furchen auf dem Acker» gezogen hätten – eine erzieherische Maßnahme.[6] Die Kasse – aufbewahrt in einer mit drei Schlössern bewehrten Eichentruhe mit Fächern für Bücher und Geldstücke – wurde während der Revolution von 1848 aus Sorge vor einer möglichen Sprengung im Kamin versteckt.[7]
In diesem schicksalsträchtigen Jahr wurde Fritz Henkel am 20. März als fünftes von sechs Kindern geboren.[8] Er verwies später gelegentlich darauf, «im Freiheitsjahre 1848 als Sohn eines Landlehrers das Licht der Welt erblickt» zu haben.[9] Die Bindung an das familiäre Gefüge, die Prägung durch das in Liebe und Verehrung gezeichnete Elternhaus, dessen Geborgenheit Fritz Henkel in Dankbarkeit immer hervorhob, können kaum überschätzt werden. Die beschauliche ländliche Idylle und die Gespräche mit dem Vater bei Spaziergängen in den Wiesen und Wäldern prägten ihn ebenso nachhaltig wie der väterliche Lehrergarten. Sein Vater sei «ein sehr tüchtiger Lehrer» und «auch sonst ein großer Mann» gewesen.[10] Fritz Henkel bewunderte dessen Selbstständigkeit als Beamter im großherzoglichen Dienst und war dankbar, dass er «durch ihn hören und sehen gelernt habe».[11] Zu den «schriftlichen und rechnerischen Arbeiten» für die «Leih- und Sparkasse» wurde der Sohn immer wieder herangezogen.[12] Besonders deutlich wird in diesen Schilderungen, wie stark ihn sein Vater, den er als «fröhliche(n) und gewissenhafte(n) Charakter» zeichnete, als Vorbild geprägt hat. Dieser habe ihn nicht etwa mit allgemeinen Lebensweisheiten versorgt, sondern ihm den Rat gegeben: «Bleibe gesund, und liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.»[13]
Johann Jost Henkel und seine Gattin Johanette. Aus den Porträts spricht die Ernsthaftigkeit des protestantischen Arbeitslebens in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Während Fritz Henkel immer wieder auf die prägende Persönlichkeit seines Vaters verwies, bleibt die Mutter Johanette (1807–1881) wenig präsent. Fritz Henkel betonte zwar immer deren große Verdienste, widmete ihr aber nur wenige Zeilen. Er habe «das Glück gehabt, in einer ausgezeichneten Kinderstube aufgezogen zu werden. Meine Mutter war eine vortreffliche Hausfrau und außerordentlich gute Mutter.»[14] Die Quellenarmut ist umso bedauerlicher, als seine Mutter, zwei Jahre älter als ihr Gatte Johann Jost Henkel, den sie 1832 heiratete, aus einer angesehenen Papiermacher-Fabrikantenfamilie aus Wallau stammte[15] und damit vom Status und wohl auch vom Finanziellen her ihrem Ehemann mehr als ebenbürtig war. Gelegentlich findet sich zwar die Vermutung, die kaufmännische Neigung von Fritz Henkel sei auf seine Mutter zurückzuführen, aber zu dieser Annahme fehlen aussagefähige Quellen. Den Zeitumständen entsprechend, wurde sie als starke Frau an der Seite ihres Lehrersgatten wahrgenommen.
Fritz Henkel im Jahr 1865: ein junger Mann aus der hessischen Provinz, dem die Welt offensteht.
Nach der Elementarschule besuchte Fritz Henkel das Gymnasium im nahen Korbach, wo er sich mehr für Physik und Chemie als für die alten Sprachen interessierte.[16] Ein guter Schüler war er nur bedingt, obwohl die Mutter schon frühzeitig die Talente ihres Sohnes erkannte. Als ihr Mann sich gelegentlich bekümmert über dessen schulische Leistungen beklagte, lautete ihr Kommentar: «Er wird noch unser Bester sein.»[17]
Die nationalliberale Prägung des jungen Mannes entwickelte sich in diesen entscheidenden Jahren der deutschen Nationalstaatswerdung. Seinem Biographen Josef Wilden hat Fritz Henkel später berichtet, den Schülern in Korbach sei von den «geistigen Bewegungen und politischen Strömungen in den großen Städten, vom Bundesparlament in Frankfurt, von der Überwindung der alle Entwicklungen hemmenden Kleinstaaterei und von der ersehnten Einigung des Reiches» vorgeschwärmt worden.[18] In zahlreichen späteren Reden hat Fritz Henkel immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig die Reichseinigung für die wirtschaftliche Entwicklung gewesen sei. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs erinnerte er an diese Aufbruchstimmung, die zu einem Bewusstseinswandel geführt hatte: «Wenn man in meiner Jugendzeit ins Ausland kam und gefragt wurde, was sind Sie für ein Landsmann, so sagte man niemals ‹ich bin ein Deutscher›, sondern man nannte den Namen irgendeines der großen oder kleinen Staaten, die das Deutsche Reich umfaßt. Wir hatten verlernt, daß wir Deutsche waren.»[19]
Eine berufliche Weichenstellung erfolgte früh. Die Anstellung bei der Post, die eine sichere Beamtenlaufbahn bedeutet hätte, war zunächst wegen «nichtvorschriftsmäßigen Alters» nicht möglich,[20] aber sein Vater hatte Vertrauen in die Zukunftschancen seines Sohnes. Noch in hohem Alter hat Fritz Henkel von seinem Auszug aus der Provinz in die große weite Welt berichtet. Mit gerade 17 Jahren habe ihm sein Vater einen Klaps gegeben und gesagt: «So, nun suche Dir einen kleinen Platz in einer großen Stadt.»[21] Er erinnerte sich, auf der Fahrt nach Elberfeld das erste Mal einen Telegraphenmast und auf einer Eisenbahn-Station das erste Mal einen Morse-Apparat gesehen zu haben.[22]
Der kraftstrotzende Elan des 1871 gegründeten Deutschen Reiches bot Fritz Henkel die Basis, um als Kaufmann und Unternehmer die Beschränkungen des elterlichen Lehrermilieus zu durchbrechen. Zahlreiche Handelsschranken fielen, die den industriellen «Take-off» der deutschen Wirtschaft über Jahrzehnte hinweg verlangsamt hatten. Deutschland vollzog die Abkehr vom rückständigen Agrarstaat zum Industriestaat. Der deutsche Zollverein von 1834, die liberale preußische Handelspolitik, die wirtschaftspolitischen Bestimmungen des Norddeutschen Bundes und seiner Gewerbeordnung sowie die Möglichkeiten, die der Eisenbahnverkehr und die Telegraphie geschaffen hatten, wurden durch die Reichsgründung erheblich ausgeweitet und lösten einen wahren «Gründerboom» aus. Der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt notierte 1873 eine «nochmalige außerordentliche Steigerung des Erwerbssinnes» und dessen Folgen: «Die sogenannten ‹besten Köpfe› wenden sich auf das ‹Geschäft› oder werden schon von ihren Eltern hierfür vorbehalten.»[1] Zu dem nun Kontur gewinnenden patriarchalisch auftretenden Interventionsstaat Bismarcks gehörte die Vorliebe für ausgeprägte Überwachung, gekoppelt an das Versprechen der Sekurität und an die auch heute noch hinlänglich bekannte ordnungspolitische Mischung aus Sozialpartnerschaft, Risikovorsorge und Konsensgesellschaft.[2]
Das Münzgesetz und die Gründung der Reichsbank gehörten ebenso dazu wie die Novellierung des Aktiengesetzes und die Schaffung der Reichsgewerbeordnung. Die insgesamt sieben Währungsgebiete – mit sage und schreibe 33 Notenbanken – fanden mit einem Federstrich ein Ende. Die Einführung der Goldmark, die das Umrechnen in Taler und Gulden unnötig machte, schuf ein Währungssystem, das auf der Grundlage des Goldstandards für Verlässlichkeit bürgte. Fixe Wechselkurse erleichterten die transnationale Kooperation auf den Waren- und Kapitalmärkten. Das Bürgerliche Gesetzbuch schuf eine bislang unbekannte einheitliche Rechtssicherheit, die wirtschaftliche Transaktionen erleichterte und Verstöße gegen die Normen angemessen sanktionierte. Für innovative Unternehmer noch wichtiger war die Etablierung eines einheitlichen Patentrechts, das die bisherige Kleinstaaterei auch in dieser Hinsicht beendete. Das 1877 gegründete Kaiserliche Patentamt symbolisierte geradezu die Durchschlagskraft des im selben Jahr erlassenen Reichspatentgesetzes, das eine Rechtssicherheit schuf, auf die sich Erfinder und Unternehmer gleichermaßen berufen konnten.[3] Das Gesetz schuf transparente Verfahren und regte den Wettbewerb an, da die technisch-wissenschaftlichen Hintergründe der Patentanmeldungen schonungslos offengelegt werden mussten, was die Unternehmen wiederum zu einer Professionalisierung und geradezu zum Aufbau von Prüflabors zwang. Gerade in den komplexen internationalen Patentstreitigkeiten um Persil in den Jahren nach 1907 sollte dies für Henkel überlebenswichtig werden. Bei Patenten kam es auf die rechtzeitige Anmeldung an und sie wurden daher häufig als «Waffe im Wirtschaftskampf» eingesetzt,[4] wofür Henkel ein besonders eindrückliches Beispiel bietet.
Die Verwissenschaftlichung und Professionalisierung der Ausbildung an den deutschen Universitäten und Technischen Hochschulen hatten Modellcharakter und trugen zur technologischen «Weltmachtstellung»[5] Deutschlands bei. Dem adäquaten Bildungs- und Schulsystem des Kaiserreichs gelang es im europäischen Vergleich besonders gut, «gleichermaßen in der Basisbildung ein solides Niveau zu erreichen wie im Bereich der akademischen Bildung und der einschlägigen technischen und naturwissenschaftlichen Forschung an der Spitze mitzuhalten».[6] Die Euphorie der «Gründerzeit» verflog zwar schnell, aber die wirtschaftliche Dynamik, der zunehmende Einsatz von Maschinen und Technik in einer Zeit der Transformation von der handwerklichen Fertigung zur industriellen Produktion blieb ungebrochen.
In jenen Jahren der industriellen Großfertigung, die den Übergang von der Manufaktur zur Fabrik und den Wandel von der «Meisterwirtschaft» zur «Ingenieurwirtschaft» markierten,[7] zeichnete sich eine zunehmende Arbeitsteilung zwischen Fabrikation und Vertrieb ab. Der private Konsum wurde in Deutschland seit diesen Jahren bei zurückgehender Arbeitslosigkeit und steigenden Reallöhnen zu einer Stütze des Wirtschaftsaufschwungs.[8] Wachsender Wohlstand, bessere hygienische Bedingungen und eine bessere Gesundheit gingen miteinander einher und erhöhten den Güterbedarf einer immer wohlhabenderen Gesellschaft, deren Wirtschaftssystem eine günstige Massenproduktion ermöglichte. Großhändler, Zwischenhändler, Versandgeschäfte, Einkaufsvereinigungen und andere Grossisten nahmen den Produzenten nun die Ware direkt vom Lager ab und organisierten den Weitervertrieb.[9] Thomas Nipperdey hat diese Umwälzungen als revolutionären «Durchbruch der bürgerlichen Gesellschaft» bezeichnet: «des großen Marktes, des freien Wettbewerbs, des Kapitalismus, der Mobilität, des Leistungsprinzips, gegen alle ständischen und bürokratischen Beschränkungen.»[10] Das Kaiserreich schuf die Möglichkeiten, in denen Fritz Henkel mit seinem Start-up-Unternehmen avant la lettre florieren konnte. Partizipation und individuelle Freiheitsrechte, aber auch die Sicherheit, sich auf die Rechtsstaatlichkeit verlassen zu können, waren hierfür unerlässlich, was auch das charakteristische Vertrauen in den «General Dr. von Staat» erklärt, von dem Thomas Mann ironisch sprach.[11] Zu den spezifischen Ambivalenzen gehörten zum Beispiel anachronistische Agrarzollbestimmungen, die daran erinnerten, dass der Modernisierungsprozess nicht linear verlief. Die expandierenden exportorientierten Industriezweige wandten sich vehement gegen Schutzzölle, die von Agrarverbänden und Teilen der Eisen- und Stahlindustrie als Schutz gegen unliebsame ausländische Konkurrenz verfochten wurden.[12]
Deutschland als hochindustrialisierte Gesellschaft durchlief vor dem Hintergrund von Verwissenschaftlichung, Urbanisierung und Rationalisierung sowie der Ausdifferenzierung der sozialen Bewegungen einen «ganz unverkennbaren Partizipations-, Emanzipations- und Demokratisierungsschub».[13] Die konstitutionelle Monarchie war zwar eine janusköpfige verfassungsrechtliche Mischform mit Kompromisscharakter – Anerkennung des Prinzips der Königsherrschaft bei gleichzeitigem parlamentarischen Mitentscheidungsrecht. Sie entsprach aber insgesamt dem «Normalfall europäischer Verfassungsstandards im 19. und frühen 20. Jahrhundert».[14] Die vom Schweizer Historiker Werner Näf einmal zugespitzte Bemerkung, beim Kaiserreich habe es sich um einen «monarchischen Staat mit demokratischem Zusatz» gehandelt,[15] ist bestenfalls halbrichtig. Die Gesellschaft des Kaiserreichs war fortschrittlicher, als das überkommene Bild eines «autoritären Obrigkeitsstaats» glauben macht. Die «Ordnung des Staatslebens in konstitutionell-monarchischer Form» entsprach zudem dem «Verfassungsverständnis breiter Kreise» Deutschlands.[16] Der Reichstag bot ein von der Öffentlichkeit rege wahrgenommenes Forum für politische Diskussionen und Debatten und wurde entsprechend von allen Seiten genutzt und zugleich instrumentalisiert. Das allgemeine, gleiche und direkte Männerwahlrecht des Deutschen Reiches hatte eine «Erziehungsfunktion» und lief – wenn nicht intendiert, so doch faktisch – auf die politisch-kulturelle Egalisierung der deutschen Gesellschaft hinaus, die von ihrer Struktur her hierarchisch ausgerichtet war. Der Weg zu einer vollständigen Parlamentarisierung stand offen, und daher ist die These eines vermeintlichen deutschen «Sonderwegs» heute vom Bild des «Eigenwegs» abgelöst worden.[17] Wie immer man auch «Bürgertum» definiert, sind Wesenselemente des bürgerlich-liberalen Denkens das Beharren auf einem vernunftbasierten Selbstbestimmungsrecht, die Beschränkung der politischen Staatsmacht und die auf dem Privateigentum ruhende und sich weitgehend selbst verwaltende wettbewerbsorientierte Wirtschaft. Das Bürgertum setzte optimistisch auf eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse durch ökonomischen Wandel und sozialen Fortschritt, eine wandlungsfähige Habitusgemeinschaft, die staatsbejahend zum Establishment wurde.
Die Sozialgesetzgebung war gerade im europäischen Vergleich fortschrittlich und zukunftsweisend, welche instrumentalisierenden Motive damit auch immer verbunden sein mochten. Es ging darum, eine für «die damalige Zeit ökonomisch sinnvolle und zugleich funktionsfähige Absicherung gegen die Risiken der modernen Erwerbsarbeit zu finden».[18] Der Obrigkeitsstaat begann sich aufzulösen, befördert durch die Gewaltenteilung und die «weitgehend ungeplante Evolution der föderalen Verfassungsordnung».[19]
Das Reich errang technologisch eine herausgehobene Stellung. Neben der Schwer- und Stahlindustrie traten besonders die Elektro- und Chemiebranche hervor. Die Forschungsprogramme und experimentellen Verfahren, gekoppelt an patentrechtliche Bestimmungen, die zur Wissenschaft und Professionalisierung geradezu zwangen, erklärten den «shift in industrial leadership from Britain and France to Germany».[20]
Das Reich richtete sich zunehmend international aus. Zum ersten Mal konnte von einer globalisierten Wirtschaft gesprochen werden. Die weltwirtschaftliche Konvergenz – man denke nur an die dramatisch sinkenden Transportkosten – führte zu einer Vernetzung der Welt, was jedoch nicht im Widerspruch zu Nationalismus und Imperialismus stehen musste. Mit der Tendenz zur Öffnung und Entgrenzung des unbeschränkten Welthandels wurden Kaufleute die wichtigsten Akteure bei der Verflechtung der Weltmärkte. Indem sie sich den veränderten Umständen anpassten und sie zugleich mitgestalteten, verknüpften sie entfernte Märkte und trugen zum Aufbau eines grenzüberschreitenden Geschäftsrechts bei.[21] Neue Kommunikationsmöglichkeiten, sei es per Bahn, per Schiff oder per Telegraph, ließen die Welt näher aneinanderrücken. Dieser Siegeszug des nationenübergreifenden Liberalismus war atemberaubend.
Über die Gründe, die Fritz Henkel in der Mitte der 1860er-Jahre nach Elberfeld führten, ist nicht viel bekannt. Das meiste stammt aus einer Darstellung, die er selbst 1916 anlässlich des 40-jährigen Firmenjubiläums veröffentlichte.[22] In diesem Schlüsseldokument hieß es: «Schon als Knabe bekundete ich für chemische Vorgänge lebhafte Neigung; es stand deshalb für mich fest, daß ich mich diesem Berufe zuwenden würde. Meine kaufmännische Ausbildung fand ich in einer aufblühenden chemischen Fabrik, bei Gebr. Gessert in Elberfeld, wo ich auch noch eine Reihe von Jahren verblieb und als Prokurist des Hauses an der eigentlichen Geschäftsführung Anteil nahm.»[23]
Nach Elberfeld wurde Fritz Henkel wohl durch seinen zehn Jahre älteren Bruder Wilhelm vermittelt, der dort Arbeit in der Textilindustrie gefunden hatte.[24] Bei ihm kam der jüngere Bruder eine Zeitlang unter. Elberfeld war eine blühende Industriestadt, deren Webstoffindustrie sich chemischer Innovationen bediente, der Farbstoffextrakte und der Anilinfarben. Während in Vöhl noch das Kirchenjahr und der Erntekalender den Rhythmus der Zeit bestimmt hatten, wurde Elberfeld so etwas wie das damalige Silicon Valley Deutschlands. Zu den innovativsten dieser Firmen zählte die Chemische Fabrik Gebr. Gessert, ein von den Brüdern Carl, Theodor und Dr. Julius Gessert gegründetes Unternehmen, das gerade erst im März 1865 von Breslau nach Elberfeld übersiedelt war.
Fritz Henkel war als kaufmännischer Lehrling mit seinen 17 Jahren ab April 1865 bei diesem Neuanfang von Beginn an mit von der Partie. In der Firma übernahm er, als einer der Inhaber erkrankte, für acht Monate die gesamten kaufmännischen Aufgaben und hielt den Kontakt zu den Wäschereien, Färbereien und Textilfabriken.[25] Gessert stellte Alizarin aus Anthracen her, aber auch verschiedene Säuren und Schmierfett für den Export nach Großbritannien.[26] In Elberfeld siedelten sich zahlreiche Alizarin-Fabriken an. Der 1869 entdeckte Farbstoff wurde meist an die örtlichen Rotfärbereien und Kattundruckereien geliefert.
Seine Lehrchefs schickten bereits den Kommis immer wieder auf Geschäftsreisen. Besonders beeindruckt war Fritz Henkel von Wien, wohin er im Jahr der Weltausstellung 1873 von Gessert gesandt wurde. Die dortige industrielle Leistungsschau war für ihn eine Art Erweckungserlebnis, das sicherlich mit dafür verantwortlich war, dass später Henkel-Produkte besonders prominent auf Ausstellungen präsentiert wurden.[27] Bei Gessert blieb Fritz Henkel neun Jahre. Als die Gesellschaft unter dem Namen «Chemische Industrie AG» in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, wurde er Geschäftsführer.[28]
Im Zug der Gründerkrise geriet das kapitalschwache und offenbar auch schlecht geführte Unternehmen Gessert in eine Schieflage. Die Alizarin-Hersteller lieferten sich «eine fast mörderische Konkurrenz», bei denen einige auf der Strecke blieben.[29] Carl Gessert verließ bereits 1872 die Firma, die 1873 in Liquidation ging; das Verfahren wurde zwei Jahre später durch Zwangsversteigerung beendet. Die Liquidationsmasse wurde im Januar 1877 von Carl Rumpff, einem Mitinhaber der Firma Bayer und Schwiegersohn Friedrich Bayers, für 640.000 Mark erworben und ging 1879 an Friedrich Bayer & Co. über.[30]
Fritz Henkel machte aus der Not rechtzeitig eine Tugend. Eine Zukunft als angestellter Kaufmann befriedigte ihn offensichtlich nicht: Der schlanke junge Mann mit rötlichem Vollbart[31] wollte sein eigener Herr werden. In Elberfeld sah er, welches Potenzial die moderne Chemie für die Herstellung von Reinigungs- und Waschmitteln bot. Auf diesem Feld herrschte in ganz Europa noch weitgehend ein traditionelles, geradezu behäbiges Verständnis von Produktion und Vertrieb: Tausende von Seifensiedern belieferten einen zersplitterten Markt. Für einen jungen Mann mit Ideen boten sich neue Chancen: Der private Haushalt war dabei der eigentliche Ansprechpartner.[32]
Das Hochzeitsfoto von Fritz und Elisabeth Henkel im Jahr 1873. Das Ambiente wirkt traditionell, aber der Jungunternehmer gehörte bereits zu den zukunftsorientierten Pionieren im Kaiserreich.
Nach der Pleite der Firma Gessert musste sich Fritz Henkel neu orientieren und verlegte aus beruflichen Gründen seinen Lebensmittelpunkt nach Aachen, wo er in dem südöstlich des Stadtzentrums gelegenen Burtscheid in der Lothringer Straße 90 ein Haus bezog. Am 2. Oktober 1873 hatte er noch in Elberfeld die 21 Jahre alte Elisabeth von den Steinen geheiratet, die 1852 geborene Tochter eines Kaufmanns und einer Geschäftsinhaberin aus Elberfeld.[33] Zwar war die Heirat im 19. Jahrhundert ein probates Mittel, um «über den Kreis von Brüdern hinaus ein gleichgesinntes unternehmerisches Potenzial und oft auch Kapital» zu finden,[34] aber pekuniäre Aspekte scheinen bei dieser Liebesheirat nur eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Aus finanzieller Sicht hätte es sicherlich bessere Partien gegeben, aber private Hoffnungen und wirtschaftliche Vernunft gingen in diesem Fall Hand in Hand. Der Erstgeborene, August, der im Juli 1874 auf die Welt kam, starb bereits im Alter von knapp fünf Jahren in Vöhl, höchstwahrscheinlich in der Obhut der Großmutter. Das Ehepaar bekam drei weitere Kinder, Fritz jun. (1875), Hugo (1881) und Emmy (1884). In Aachen hatte die Familie bereits ein Kindermädchen, ein untrügliches Zeichen bürgerlichen Wohlstands.[35]
Fritz Henkel wurde 1874 Mitarbeiter in der vom Chemiker Moritz Honigmann betriebenen Ammoniaksoda-Fabrik,[36] die dieser nur wenige Kilometer nördlich von Aachen in Grevenberg betrieb. Honigmann hatte seine Firma 1871 gegründet. Ammoniak war ein innovatives Grundprodukt zur Gewinnung künstlicher Soda, das ähnlich vielversprechend war wie das Alizarin, das Henkel in Elberfeld kennengelernt hatte. Das Wissen über die Chemie der Fette war inzwischen gewachsen. Honigmann hatte ein aussichtsreiches Ammoniak-Verfahren in einer der Fabriken von Ernest Solvay kennengelernt, dem Gründer der gleichnamigen belgischen Firma. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 wollte sich Honigmann von der Dominanz Solvays lösen und experimentierte mit einem eigenen Ammoniaksoda-Verfahren, um mit Natrium-Bicarbonat die Aufarbeitung der Sodalauge zu vereinfachen. Honigmann gründete mit einem Kompagnon im März 1874 die Firma «Honigmann & Eller» in Aachen, die aber schon im Dezember 1875 aufgelöst wurde; im Januar 1876 ging diese kleine Fabrikation, die im Aachener Volksmund «Honigmanns Ammoniak-Bude» genannt wurde,[37] auf Honigmann als Alleininhaber über. Fritz Henkel war nur eine kurze Zeitspanne an diesen Honigmann-Versuchen beteiligt, die sich zudem, anders als erwartet, als erfolglos herausstellten. Aber er gewann in dieser Zeit zweifellos wichtige Kenntnisse für die spätere Wasserglasherstellung.[38]
Ein Familienbild aus dem Jahr 1894: Hugo, Fritz und Emmy, die drei Kinder von Fritz und Elisabeth Henkel.
Nach diesem Intermezzo trat Fritz Henkel am 31. August 1874 als Teilhaber in die in Aachen ansässige Firma Fellinger & Strebel ein, eine Großhandlung für Chemikalien und Farbwaren in der Hochstraße 43, die nun in Henkel & Strebel umfirmierte. Um Teilhaber zu werden, war ein gewisses Finanzpolster notwendig. Die Quellen schweigen darüber, ob der soziale Aufstieg, der sich hier abzeichnete, über seine eigene Geschäftstätigkeit oder über die Unterstützung durch die Familie beziehungsweise die Familie seiner Gattin erfolgte. Er stand nun gemeinsam mit Wilhelm Alexander Strebel dieser «Chemicalien- und Farbwarenhandlung en gros» vor, bei der Carl Strebel als Prokurist eingetragen war.[39]
Fritz Henkel 1876: ein Start-up-Unternehmer der chemisch-technologischen Revolution.
Die Zeit war für die Gründung eines Handelsgeschäfts nicht gerade günstig. Aachen, eine Mittelstadt mit rund 80.000 Einwohnern, war wirtschaftlich von der «Gründerkrise» schwer mitgenommen. Im Jahresbericht 1876 der Handelskammer von Aachen und Burtscheid hieß es, eine solche Krise, deren Ende noch nicht abzusehen sei, habe es «vielleicht niemals seit dem Dreißigjährigen Krieg» gegeben. Henkel & Strebel blieb ebenfalls ein Zwischenspiel. Henkel sah schon nach wenigen Monaten ein, «daß mir ein Handelsgeschäft nicht lag, und ich sehnte mich danach, wieder zur Fabrikation zurückzukehren».[40] Am 24. September 1877 erklärten Fritz Henkel und Carl Strebel vor dem Handelsgericht in Aachen, «daß mit dem heutigen Tage» die zwischen ihnen bestandene Handelsgesellschaft Henkel & Strebel aufgelöst sei. Das Geschäft mit Aktiva und Passiva ging auf Strebel über, dessen Firma im folgenden Frühjahr aus dem Firmenregister gelöscht wurde.[41]
Henkel hatte inzwischen zwei weitere Geschäftsleute kennengelernt, den aus einer Brauerfamilie aus dem niederrheinischen Willich stammenden Otto Dicker und den Kaufmann Otto Scheffen aus Düsseldorf. Die beiden waren im August 1875 nach Aachen gezogen und hatten in der Gemeinde Merkstein im benachbarten Herzogenrath als «Scheffen & Dicker» die Rheinische Wasserglasfabrik gegründet.[42] Das von ihnen hergestellte Produkt war bereits im Mittelalter unter der Bezeichnung «Liquor Silicum» (Kieselsaft) bekannt, war sogar von Goethe in «Dichtung und Wahrheit» beschrieben worden – und sollte zukünftig zu einem wichtigen Grundrohstoff für Waschmittel werden.[43]
Der Beginn des Unternehmens Henkel lässt sich auf den 26. September 1876 datieren. An diesem Tag ließen in Aachen die drei Unternehmer Otto Dicker, Otto Scheffen und Fritz Henkel durch einen Handelsgerichtssekretär die Firma Henkel & Cie ins Handelsregister des Amtsgerichts Aachen eintragen: «Die Gesellschaft beginnt am heutigen Tage und kann von jedem Teilhaber vertreten werden.»[1] In der Liste neuer Gewerbe- und Handelstreibender war Henkel & Cie als «Waschmittelfabrik» eingetragen. Unter derselben Adresse firmierte auch die Wasserglasfabrik «Scheffen & Dicker».[2] Die Gründer der Firma, die man heute als Start-up-Unternehmen bezeichnen würde, begaben sich auf ein Feld, das sich im weitesten Sinn mit Wasch- und Reinigungsmitteln beschäftigte, eine Branche, die sich im chemisch-technologischen Umbruch befand.
Für die Wäsche benutzte man in jenen Jahren neben dem – nicht immer ausreichend vorhandenen – Wasser eine ganze Reihe von Mitteln: Sand, Aschenlauge, Seifenkraut, Rosmarin, Honig, Bohnenmehl und Gerstensauerkraut. Im 19. Jahrhundert war das Bewusstsein gewachsen, dass Hygiene und Sauberkeit den weitverbreiteten Infektionen vorbeugen konnten. Während die Zahl der Wasserleitungen in den industrialisierten Staaten Europas stieg, wuchs die Erkenntnis, dass es wichtig war, den Schmutz zu bekämpfen. «Epidemiologie, Keimtheorie und sanitäre Reformen»[3] gingen Hand in Hand. Auch in den «minder bemittelten Gesellschaftsklassen», so hieß es in einer zeitgenössischen Arbeit, walte das Bestreben, «den äußeren Menschen besser zu gestalten».[4] Statt der weichen Kaliseife verwendete man inzwischen feste Natronseife. Sie wurde zwar meist noch von den zahlreichen lokalen und regionalen Seifensiedern im Familienbetrieb hergestellt. Immer mehr Bedeutung gewannen jedoch Seifen, die in technischen Verfahren von handwerklichen Betrieben oder bereits kleinindustriell produziert wurden.[5] Zusätze wie Farbstoffe und Düfte fanden Verwendung, neue Produkte belebten den Markt, und innovative Herstellungsverfahren wurden zur Norm.
Sieht aus wie wertvolles Kristall, ist aber Wasserglas: Das industriell hergestellte Massenprodukt Natriumsilikat ist in der Mischung mit Seife und Soda ein unverzichtbarer Rohstoff für die Waschmittelherstellung.
Waschen und das, was «die große Wäsche»[6] genannt wurde, war unverändert noch Frauensache. Das Bild der «Idylle des fröhlichen und geschwätzigen Treibens am Bach oder am Dorfbrunnen» entsprach niemals der Realität der Knochenarbeit des «Wäschetretens» in Trögen und Bottichen, dem Scheuern am Waschbrett und der Bewältigung von Unmengen von Wäschebergen: «Hitze, Laugendämpfe und süßliche Seifendünste waren kaum angetan, die Würde und soziale Stellung der Frau zu fördern. Blieb noch als letzter Arbeitsgang die Bleiche, ein weniger mühseliges, aber oft nicht minder langwieriges und mit bescheidenem Erfolg gekröntes Unterfangen. Auch die Chlorbleiche war mit allen Tücken von der unangenehmen Seite her längst bekannt. So war es der Hausfrau überlassen, das geeignete Verfahren zu wählen und das entsprechende Resultat gutzuheißen oder sich darüber zu ärgern.»[7] Die Wäsche mit Waschfass, Bottich oder Bütte war ein ermüdendes, zeitintensives und kleinteiliges Verfahren: Einweichen, Kochen, Waschen, Spülen, Bleichen auf den «Bleichwiesen», wie es noch Erich Kästner in seinem Gedicht «Trockenplatz» beschrieben hat, schließlich Bläuen, Stärken, Trocknen, Mangeln und zum Abschluss das Bügeln und Falten.[8]
Im US-amerikanischen Sezessionskrieg (1861–1865) wurde als Seifenersatz auch eine gallertartige Masse benutzt, die in ihrer Erstarrungsform wie Glas aussah und deshalb «waterglass» genannt wurde, ein «Sammelbegriff für glasartig erstarrte oder auch in Wasser gelöste Schmelzen von Natrium- und Kalium-Silikaten, erschmolzen aus Quarzsand und Soda oder Pottasche».[9] Scheffen & Dicker war eine der ersten deutschen Firmen, die Wasserglas für Waschmittel herstellten. Otto Scheffen hatte im Sommer 1874 bei einem Besuch bei der Spezialfirma Klingenberger & Co. im pfälzischen Grünstadt dessen Inhaber Mathias Klingenberger (1840–1919) gefragt, ob dieser eventuell bereit sei, eine Wasserglasfabrik aufzubauen. Das Vorhaben verzögerte sich noch um ein paar Monate, bevor unter Leitung von Klingenberger ab August 1875 auf einer Ackerparzelle in Herzogenrath ein neues Gebäudeensemble auf insgesamt 2700 Quadratmetern errichtet wurde. Klingenberger übernahm ab 1. September 1875 vertraglich für zehn Jahre die Leitung der Wasserglasfabrik und erhielt dafür ein – durchaus großzügiges – Monatsgehalt von 170 Mark, zudem für «jedes in genannte(r) Fabrik verfertigtes hundert Pfund gutes und verkauftes Wasserglas» fünf Pfennig. Kost und Logis wurden ebenfalls übernommen.[10] Henkel & Cie fanden ihr Domizil zunächst in der Lochnerstraße 15 im Aachener Stadtzentrum. Die Fabrik mit den bescheidenen Grundmaßen von 31 mal 16 Metern war verkehrstechnisch günstig nahe der Eisenbahnstrecke Aachen–Mönchengladbach gelegen und verfügte neben der Produktion über Wohngebäude und ein «Comptoir».
Das angemietete Fabrikgelände in der Rudolfstraße in Aachen blieb ein Intermezzo. Angesichts der beengten Räumlichkeiten und der logistischen Schwierigkeiten war Fritz Henkel auf Standortsuche und zog 1878 nach Düsseldorf. Weil Henkel’s Bleich-Soda, so Fritz Henkel, ein «billiges» Produkt war, hätten die Frachtkosten eine «große Rolle» gespielt. Angesichts der geographisch ungünstigen Randlage von Aachen in Deutschland verlegte er seine Fabrik daher an den Rhein.[1] Den Standortwechsel hat Fritz Henkel später noch ausführlicher begründet: «Deutschland ist groß, ich habe die Rheinlande genommen und habe […] in weitschauender Weise Düsseldorf gewählt. Und das war auch notwendig. Hier waren es nicht hunderte, sondern tausende glänzender Beispiele, wo man lernen konnte, die einem Mut machten, wo man einen Weg sah, voranzukommen.»[2] Die Löschung aus dem Aachener Handelsregister erfolgte am 6. September 1878,[3] am selben Tag erfolgte die Anmeldung im Düsseldorfer Handelsregister.[4]
Die ehemalige Festungs- und Residenzstadt Düsseldorf war inzwischen zu einer Industrie- und Verbändestadt geworden, wesentlich geprägt von einer nationalliberal-konservativen industriellen Elite.[5] Unternehmerfamilien wie Poensgen und Haniel hatten die Stadt, die mittlerweile zu einem Verkehrsknotenpunkt geworden war, zum Produktionsstandort gemacht. Als «Schreibtisch des Ruhrgebietes» war Düsseldorf ein aufstrebender Finanz- und Handelsplatz, der mit seiner Infrastruktur ständig neue Unternehmen anlockte und sich anschickte, dank der Zuwanderung junger und aufstiegswilliger Männer zur «Großstadt und Industriemetropole mit Weltruf» zu werden.[6]
Fritz Henkel wurde in der Schützenstraße 27–33 in Düsseldorf-Flingern unweit des Hauptbahnhofs fündig. Hier befand sich eine leerstehende Seifenfabrik, die 1865 von Carl W. Beckershoff gegründet und nach mehreren Besitzerwechseln zuletzt vom Materialwarenhändler August Fichtel gekauft worden war. Das Gelände war, für den Schiffstransport günstig, nicht weit vom Rhein entfernt. Mit 968 Quadratmetern und einem Fabrikgebäude von 15 mal 20 Metern sowie zwei Schuppen waren Grundstück und Fabrik etwas größer als diejenigen in Aachen. Henkel & Cie pachtete das Areal am 19. Juli 1878 von Fichtel. Fritz Henkel und seine Frau zogen mit ihren beiden Kindern August und Fritz in eine Wohnung in der Leopoldstraße 52, nur einen Steinwurf von der Fabrik entfernt.
