Henriette - Peter Becher - E-Book

Henriette E-Book

Peter Becher

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Beschreibung

Der junge Casanova, noch mit festem Wohnsitz in Venedig und noch nicht der mit allen Wassern gewaschene Verführer, begegnet unter seltsamen Umständen einer geheimnisvollen Dame in der eleganten Fantasie-Uniform eines Offiziers. Sie ist atemberaubend schön, mit braunen, strahlenden Augen, blondem, gelockten Haar und einem sinnlichen Mund. In ihrem Auftreten ist sie ganz Dame der adligen Gesellschaft. Die beiden frisch Verliebten verbringen in Parma drei Monate ungetrübten Glücks bei völliger geistiger und körperlicher Übereinstimmung. Sie wird die große Liebe seines Lebens. Doch sie offenbart ihre Geheimnisse nicht. Casanova weiß nicht wirklich viel über sie. Schließlich wird sie erkannt und kehrt zu ihrer Familie in die Provence zurück. Sie verpflichtet Casanova bei ihrer Trennung, sich niemals nach ihr zu erkundigen und wenn sie ihn jemals zufällig begegnen sollte, möge er so tun, als kenne er sie nicht. Zwanzig Jahre nach Ihrer ersten Begegnung lüftet sie in vierzig Briefen ihre Geheimnisse. Casanova versteht nun ihre Zurückhaltung, doch wird die Wahrheit zu einem erneuten Treffen führen? Mit der vorliegenden Neuauflage seines Romans verarbeitet der Autor seine neuesten Erkenntnisse und Hinweise von führenden Casanova- Forschern. Wichtige Details erweitern den Inhalt und zusätzliche Bilder runden die Auflage ab. Die Charakterisierung der Henriette als selbstbestimmte, mutige Persönlichkeit, nimmt nun einen breiteren Raum ein.

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EPUB
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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Peter Becher

Henriette

Casanovas große Liebe

Neuauflage des Romans von 2019

© 2021 Peter Becher

Lektorat, Layout, Cover: Dr. Matthias Feldbaum, Augsburg

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40–44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Hardcover:

978-3-347-31085-8

Paperback:

978-3-347-31084-1

E-Book:

978-3-347-31086-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Es ist unmöglich, dass ein Mensch, selbst wenn er keine ausgesprochene Leidenschaft für Musik hat, sich nicht dafür begeistert, wenn das Geschöpf, das er liebt, sie in vollendeter Weise pflegt.

Die menschliche Stimme des Cellos, das im Klang jedes andere Instrument übertrifft, ging mir zu Herzen, wenn Henriette es spielte und sie wusste es.

Sie machte mir jeden Tag diese Freude und ich schlug ihr vor Konzerte zu geben; sie war jedoch klug genug, niemals einzuwilligen.

Giacomo Casanova

Inhalt

Prolog

Erstes Kapitel

Geisterbeschwörung und Seereise + Eine seltsame Begegnung am frühen Morgen + Gemeinsame Reise nach Parma + Glückliche Tage mit Henriette + Eine verhängnisvolle Begegnung im Park + Die Trennung von Henriette

Zweites Kapitel

Ein Unfall mit der Kutsche + Gastfreundschaft in einem schönen Haus + Die Hausherrin und Marcolina werden Freundinnen + Henriette gibt sich zu erkennen + Abreise Marcolinas mit den Gesandten der Republik Venedig

Drittes Kapitel

Casanova in Aix-en-Provence + Die Suche nach Henriette + Begegnung im Karneval + Eine schwere Erkrankung + Die unbekannte Pflegerin + Henriettes Vorschlag

Viertes Kapitel

Die Familien + Heirat und Eheleben + Die Flucht nach Italien + Die Rückkehr in die Provence und die Trennung von Tisch und Bett

Fünftes Kapitel

Die geheime Reise Casanovas + Wiedersehen mit Henriette + Château und Garten der Albertas + Schöne Erinnerungen und gemeinsame glückliche Tage + Ausflug nach Bouc-Bel-Air und ein Cello-Konzert + Casanova als Gartenkenner + Abschied

Epilog

Lebensdaten Henriette

Literaturverzeichnis

Bildnachweis

Erstes Kapitel

Geisterbeschwörung und Seereise + Eine seltsame Begegnung am frühen Morgen + Gemeinsame Reise nach Parma + Glückliche Tage mit Henriette + Eine verhängnisvolle Begegnung im Park + Die Trennung von Henriette

Das Haus des reichen Bauern Giorgio Francia lag eine Viertelmeile vor der Stadt Cesena, frei nach allen Seiten, von weiten Feldern und Wiesen umgeben. Obwohl bereits die Dämmerung eingesetzt hatte, war an diesem frühen Herbstabend noch die Luft von der Tageshitze aufgeheizt, die unangenehme Schwüle ließ für die Nacht eine Abkühlung erwarten. Der Vollmond tauchte das Anwesen in ein unwirkliches Licht.

Geisterbeschwörung und Seereise

Die Frau des Bauern, ihre beiden Töchter und die Dienstboten sowie einige Zuschauer aus der Nachbarschaft warteten auf den großen Magier, der die Erdgeister beschwören konnte, um einen Schatz, der siebzehn und einen halben Klafter tief unter der Erde liegen sollte und einen Wert von zwei Millionen Zechinen hatte, bis an die Erdoberfläche emporzubringen. Auf den Balkon hatten sich der General Graf Bonifazio Spada als Zuschauer eingefunden, der den Magier großzügig mit Feuerwerksmaterial und einen Feuerwerker unterstützt hatte, der Sohn des Kirchenrechtskommissärs Capitani und der Bauer Francia.

Das Zauberwerk begann mit dem Auslegen des magischen Zirkels, bestehend aus 30 miteinander verbundenen Papierbogen, bemalt mit seltsamen Symbolen und Figuren, durch den Sohn des Bauern.

Plötzlich startete eine Rakete mit einem wahren Donnerschlag und goldene Funken rieselten auf die Erde. Der Feuerwerker zündete die um den Kreis gesteckten Feuerstöcke, die zischend langsam abbrennen.

Aus dem Dunkel heraus, durch die Stöcke hindurch, sprang blitzschnell der Magier mit langem, dichtem aufgelöstem Haar, einer sonderbaren Krone auf dem Kopf und angetan mit einem großen Überwurf, der von den reinen Händen einer Jungfrau genäht worden war, in die Mitte des Zauberkreises. Den Zauberstab aus einem Olivenzweig hielt er in seiner rechten Hand, in der Linken das verrostete Messer, mit dem der heilige Petrus angeblich den Malchus ein Ohr abgehauen hat.2

Nun umkreiste er drei Mal den magischen Zirkel, hob beschwörend die Arme und murmelte Worte in einer unbekannten Sprache. Danach verharrte er in hockender Stellung im Zentrum des Kreises, seine Hände bedeckten sein Gesicht.

Durch seine Finger hindurch sah er plötzlich eine tiefschwarze bedrohliche Wolke, die sich mit einer ungeheuerlichen Geschwindigkeit ausbreitete und nach wenigen Minuten bereits den ganzen Himmel bedeckte. Mehrere grelle Blitze gleichzeitig zuckten in verschiedenen Richtungen aus den Wolken hervor und beleuchteten den Boden gespenstisch. Unmittelbar danach folgten furchtbare Donnerschläge. Mit Rauschen und dumpfen Grollen kündigte sich Starkwind und wolkenbruchähnlicher Regen an.

Als die Blitze unaufhörlich über den Kopf des Magiers aufleuchteten und in der Nähe in den Boden fuhren, glaubte er in seiner Angst fast selbst an die Wirkung seines lächerlichen Zauberkreises und nahm an, dass er darin geschützt sei. Das Unwetter sah er als Bestrafung für seine Freveltaten an.

Ein höheres Wesen nahm wohl Anstoß daran, dass er die Dummheit und Naivität der Menschen mit seinem Hokuspokus ausnutzte, mit seinen Betrügereien zu Geld kam und dabei noch ungeheuren Spaß hatte.

4 Ehemaliger Bauernhof des Giorgio Franca in Cesena wo Casanova eine Geisterbeschwörung zur Hebung eines Schatzes zelebrierte3

So schnell wie das Unwetter gekommen war, so schnell verschwand es auch wieder. Die Wolken lichteten sich, der Vollmond strahlte wieder an den dunkelblauen Nachthimmel.

Der Magier raffte seine Zauberutensilien zusammen und begab sich völlig nass, zitternd und am Ende seiner Kräfte in das Haus. Nachdem er sich abgetrocknet hatte, legte er sich sofort ins Bett.

Der Leser wird natürlich leicht erkannt haben, dass es sich bei dem Magier nur um eine Hauptperson der Erzählung handeln konnte: Giacomo Casanova.

Am nächsten Morgen ließ er den Bauern Francia und den jungen Capitani rufen und berichtete ihnen, er hätte mit den sieben Erdgeistern, die den Schatz bewachten, ein Übereinkommen treffen müssen, die Ausgrabung der Kostbarkeiten noch zu verschieben.

Capitani, ein vollendeter Trottel, sagte ihm, sein Vater würde verzweifeln, wenn er ohne das Messer zurückkäme. Casanova sah das ein. Er war bereit, ihm für 500 römische Scudi das Messer mit der Scheide zu geben. Capitani willigte mit Freuden ein. Casanova ließ ihn ein Schriftstück unterzeichnen, worin er sich verpflichtete, die Scheide zurückzugeben, sobald er ihm das Geld zurückzahlte. Casanova ist nicht zum Rückkauf gekommen. Mit dem Leder aus einen alten Reiterstiefel und etwas Hokuspokus konnte er seine Börse gut auffüllen.

Nach diesem Meisterstück hatte er es eilig. Er befürchtete, ein gläubiger Bauer könnte vielleicht seine Beschwörung gesehen haben und die Inquisition in Kenntnis setzten. Er ließ seine Sachen wieder nach Cesena in den Gasthof zur Post bringen.

Der Wirt überreichte ihm bei seiner Ankunft eine Einladung von Graf Spada zum Abendessen. Er ahnte, dass der Graf einige Fragen zu seiner Geisterbeschwörung haben könnte.

So kam es denn auch. Nach dem Essen nahm ihn der Graf zur Seite, hakte ihn unter und brachte ihn in ein kleines Kabinett, das offenbar auch für andere diskrete Angelegenheiten vorgesehen war.

Schwere Vorhänge, teilweise geschlossen, verdeckten ein breites Bett in einen Alkoven. Zwei Stühle als Ablagen standen unmittelbar davor. Der Graf nahm auf einem kleinen Sofa Platz, Casanova auf einen Sessel vor einen zierlichen Tisch mit Erfrischungen.

Der Graf begann: „Ich habe gestern an ihrem tollen Mummenschanz teilgenommen und hoffe, sie haben sich nach der gewaltigen Dusche gut erholt. Was ich nicht verstehe, wie sind sie überhaupt auf diese Idee gekommen und warum der Aufwand?“

Casanova: „Herr Graf, ich bitte sie um Verständnis, wenn ich die Entstehung der Geschichte in meinen Bericht mit einbeziehe und deshalb vielleicht etwas zu weitschweifig berichte.“

Der Graf beruhigte ihn: „Machen sie sich keine Sorgen, wenn ich ungeduldig werde, unterbreche ich sie.“

Nun berichtete Casanova: „Am Ende meines Aufenthaltes in Mantua machte mich ein junger Mann auf die Sammlungen seines Vaters, des Antonio di Capitani, Kommissär und Präsident des Kirchenrechts, aufmerksam.

Ich besichtigte die Sammlungen und lernte den Kirchenrechtskommissär, einen seltsamen, verschrobenen Sonderling kennen und dieser präsentierte mir ein von Rost zerfressenes altes Messer, von dem er behauptete, es wäre das Messer des heiligen Petrus, womit dieser dem Malchus das Ohr abgehauen habe.

Wegen dieses Schwachsinns konnte ich gerade noch ein lautes Lachen unterdrücken. Zum Spaß ließ ich mich, mit einem Ausruf der Freude und höchstem Erstaunen, auf die Geschichte ein. Um den Kirchenrechtskommissär in meinen Netzen zu fangen, behauptete ich, sein Messer sei ungeheuer wertvoll und ich würde es ihm gern für tausend Zechinen, 500 in Bar und 500 in einem Wechsel, abkaufen. Er war erstaunt, sah sich in seinen Glauben an das Wundermesser bestätigt, wollte aber, wie ich vermutet hatte, auf den Kauf nicht eingehen.

Nun legte ich die eigentlichen Köder aus. Ich erklärte ihm, er müsse auch noch die zum Messer gehörende Scheide haben.

Nur mit Messer und Scheide könne der Schatz gehoben werden, außerdem wäre ein Magier erforderlich, der mit einem magischen Kreis den Schatz bis zur Erdoberfläche heben kann. Er war etwas verunsichert, ich richtete ihn aber wieder auf, indem ich ihm sagte, dass ich die Scheide und den Magier besorgen könnte.“

Graf Spada schüttelte nach diesen Ausführungen ungläubig den Kopf und fragte: „Soweit ich alles richtig verstanden habe, wollten sie in dieser Schurkerei den Magier spielen, was ihnen auch gelungen ist. Wie aber haben sie den Kommissär von ihren Fähigkeiten als Magier überzeugt?“

Casanova lächelte: „Das war gar nicht so schwer. Ich musste immer nur so erscheinen, als ob ich alles wüsste und in die Geheimnisse eingeweiht wäre. In einer öffentlichen Bibliothek schrieb ich aus mehreren Nachschlagebüchern eine Geschichte zusammen über eine Schlacht der Markgräfin Mathilde von Toskana, den großen Zauberer Gregor VII., der den Schatz heben wollte und schließlich, was wichtig war, einen Magier, der kommen und mit einem magischen Kreis den Schatz bis zur Oberfläche der Erde heben werde. Die Notizen gab ich dem Kommissär.“

„Nun bleibt aber noch die Sache mit der Scheide …“

„Das war etwas schwieriger, weil mir erst einmal nichts einfiel. Als ich aber in Gedanken über den Hof des Gasthofes „Zur Post“ in Mantua ging, sah ich in der Ecke die Überreste eines alten Reiterstiefels liegen. Da kam mir der rettende Gedanke. Ich ließ das Leder kochen, brachte eine Öffnung für das Messer an, beschnitt es von allen Seiten und vernähte es. Durch Abreiben mit Sand und geeigneten Steinen täuschte ich ein hohes Alter vor. Als ich es den Kommissär zeigte, passte es zu meiner Erleichterung ausgezeichnet.“

Casanova berichtete nun weiter über seine Streiche: „Es war immer noch nicht klar, wo sich den eigentlich der Schatz befinden sollte. Eine erste Andeutung machte der Kommissär. Der Schatz solle im Kirchenstaat auf dem Grundstück eines wohlhabenden Bauern liegen. Mehr wollte er nicht sagen. Sein Sohn mischte sich aber ein.

Er las aus einem Brief des Bauern einige Sätze vor, aus denen hervorging, dass dieser einen Magier suchte. Er hatte nicht bemerkt, wie ich von der Seite bereits den Ort, Cesena, mitgelesen hatte. Vater und Sohn sagte ich dann, ein Geist würde mir um Mitternacht sagen, wo der Schatz liege.

Für den Morgen hatte ich mir ein Orakel als kleinen Spaß ausgedacht. Das Orakel antwortete, der Schatz liege am Ufer des Rubikon. Die Dummköpfe befragten ein Nachschlagewerk und richtig, der Rubikon fließt bei Cesena vorbei. Sie waren erstaunt und glaubten nun noch fester an meine magischen Fähigkeiten.“

An dieser Stelle entschuldigte sich der Graf, er habe noch eine Verabredung. Er würde sich freuen, wenn er am nächsten Abend den Rest der Geschichte hören könnte. Casanova war über die Unterbrechung dankbar. Er wollte in lustiger Gesellschaft noch ein Spiel wagen.

Am nächsten Abend berichtete Casanova dann weiter über seine Fahrt nach Cesena und der Vorbereitung des Zauberwerkes: „Wir hatten uns geeinigt, der junge Capitani sollte mit mir nach Cesena zu dem Bauern Francia fahren und an der Beschwörung teilnehmen. Sein Vater übergab mir einen Wechselbrief über tausend römische Scudi mit Verfügungsberechtigung für seinen Sohn und beauftragte diesen, den Wechsel nur dann zu zeichnen, wenn ich den Schatz gehoben hätte.

Das Messer und die Scheide sollte ich nur erhalten, wenn ich es für die Zauberei brauchte.

Wir fuhren mit dem Schiff bis nach Ferrara und weiter mit der Kutsche über Bologna nach Cesena und mieteten uns in der „Post“ ein. Am nächsten Morgen machten wir einen Erkundungsspaziergang zu den reichen Bauern, Giorgio Francia, dessen Bekanntschaft sie bereits gemacht haben. Der Hof schien mir geeignet. Die Mutter schien auf den Hof das Sagen zu haben, es gab noch zwei Töchter und einen verblödeten Bruder.

Ich bemerkte eine stinkende Ausdünstung, die die Luft verpestete. Die Hausfrau erklärte mir, dass der Gestank von dem Hanf herrührte, den sie vor fünf oder sechs Tagen eingeweicht hatte.

In der Endphase der Wässerung, so um den siebenten Tag, wäre der Geruch besonders schlimm. Francia verpflichtete sich, den Hanf im Laufe des Tages zu verkaufen und den Gestank zu beseitigen. Begonnen hatte die Ernte bereits vor 12 Tagen. Ich musste meine Beschwörung bei Vollmond vollbringen, somit blieben mir noch acht bis zehn Tage, für die Vorbereitung.4 Diese Zeit reichte, auch dank ihrer Unterstützung, für die ich mich noch einmal bedanke. Wie der Hokuspokus ablief, haben sie dann selbst gesehen, sodass ich ihn nicht noch einmal schildern muss.“

„Moment sagte der Graf, so schnell kommen sie mir nicht davon. Wie hoch war eigentlich ihr Gewinn?“

Casanova: „Ich wusste mit der Scheide nichts anzufangen und hatte kein Geld nötig; aber ich hätte mich zu entehren geglaubt, wenn ich sie ihm umsonst gegeben hätte.5 Capitani gab mir voller Freude 500 römische Scudi. Der Graf: „Sie sind ein Schlitzohr aber auch ein sehr amüsanter Mann, haben sie den keine moralischen Bedenken?“

Nach kurzem Nachdenken antwortete Casanova: „Wenn ich einen Dummkopf sage, er soll nicht so leichtgläubig sein, wird er sich kaum an diese schöne Belehrung halten. Wenn ich ihm aber durch seine Leichtgläubigkeit einen Schaden zufüge, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er künftig anders handelt. So gesehen, habe ich auch etwas Gutes für ihn getan.“

Trotz all seiner Verfehlungen und seltsamen Ansichten hat aber General Graf Spada Gefallen an Casanova gefunden und ihn gebeten, die restliche Zeit, die er noch in Cesena sein werde, in seiner Gesellschaft zu verbringen.

Casanova hat in den verschiedensten Situationen seines Lebens gern ein Zitat seines Lieblingsdichters Vergil verwendet:

„Das Schicksal findet seinen Weg“.6

Was er noch nicht wusste: Während er mit dem größten Vergnügen den Magier spielte, war sein Schicksal in Gestalt einer schönen Fee bereits auf dem Weg zu ihm.

Henriette, die Fee, kam auf den Seeweg von Marseille und wollte über die Hafenstadt Civitavecchia nach Rom. In Genua war sie am vierten Tag ihrer Reise bei sehr ungünstigem Wetter angekommen. Nach der Übernachtung wollte der Schiffer am Morgen des nächsten Tages in Richtung Civitavecchia auslaufen, der längsten Etappe seiner Reise.

Vor den Hafen waren aber noch Wellen mit einzelnen Schaumkämmen zu sehen. An der Mole spritzte das Wasser bis in das Hafenbecken und die kleinen Boote im Hafen zerrten an ihren Festmachern. Erst gegen zehn Uhr flaute der steife Wind aus Nordwest langsam ab und der Schiffer entschloss sich zum Auslaufen.

Ein günstiger Wind von Steuerbord achteraus und eine Kreuzdünung, die unangenehme Schlingerbewegungen auslöste, empfingen das Schiff im Golf von Genua.

Das Segelschiff, eine Tartane, pendelte meist zum Transport von Passagieren und Frachten entlang der wichtigsten Häfen zwischen Marseille und Neapel. Bei den Fahrten entlang der Küste orientierte man sich an Landmarken und konnte bei Wetterverschlechterungen Nothäfen schnell erreichen. Die Takelage bestand aus einem Mast mit Lateinsegel und zwei Klüver am Bugspriet. Zum Schutz vor Seeräubern war die Tartane mit vier leichten Geschützen und zwölf Gewehren bestückt. Das frei überbaute Achterschiff war Arbeitsplattform für das Ruder, die Bedienung der Schoten des Lateinsegels und zugleich die Abdeckung für zwei winzige Kajüten, einen Proviantraum sowie einer kleinen Kombüse, die alle durch einen engen Niedergang zu erreichen waren.

Henriette und ihr Begleiter, ein älterer Offizier, hatten Glück. Wahrscheinlich, weil sie schon seit Marseille an Bord waren, konnten sie eine Kajüte bekommen. Für die anderen Passagiere und die Besatzung hatte man an der Steuerbordseite, vor dem Achterschiff, ein Matratzenlager errichtet, welches zum Schutz vor Regen und Sonne, mit einer Persenning überdacht war.

Der Wind hatte nachgelassen, die glatte See hob und senkte sich ohne eine Schaumkrone.

Die Tartane pflügte eine schnell vergehende Furche in die See. Langsam brach die Dämmerung herein. Am Himmel waren bereits einzelne Sterne zu sehen.

Henriette wollte versuchen, etwas Schlaf, nachzuholen. Während sie die Seefahrt gut vertrug, hatte ihr Begleiter größere Probleme. Die Seekrankheit, die ihm den Magen umdrehte und alle Nahrung erbrechen ließ, hatte sich erst in den letzten Stunden etwas gebessert. Sein Antlitz hatte aber immer noch einen gelblich-grünen Schimmer. In den vergangenen Nächten hatte er mehrfach schnelle Läufe zur Reling absolviert, um den Fischen seinen Tribut zu zollen. An Schlafen war unter diesen Bedingungen wenig zu denken gewesen.

Aber mit dem Einschlafen hatte sie jetzt auch Probleme. Die aufregenden letzten Tage gingen ihr durch den Kopf und die Ungewissheit über ihre Zukunft. Auf Deck knarrten Mast und Bugspriet, Blöcke schlugen gegen das Tauwerk in immer gleichem monotonem Takt.

5 Tartane mit Rah-Toppsegel und Heck-Lateinsegel

Schon sehr früh wurde sie wach, zog sich leise an und wollte die stickige Luft in der winzigen Kajüte mit der frischen Luft an Deck vertauschen. Die Morgenröte hatte begonnen, langsam schob sich der Rand der Sonne über den Horizont und tauchte die Wellenspitzen in ein goldenes Licht. An der Backbordseite voraus kam die Silhouette einer Insel in Sicht.

Der Steuermann am Ruder, ein braun gebrannter, junger kräftiger Seemann, begrüßte sie und sie hatte das Gefühl, er hatte sie etwas gefragt. Eigentlich wollte sie kein Gespräch führen.

Sie vermutete, er könne neugierig nach ihrer Verkleidung als Offizier fragen. Dann stieg sie aber auf das Achterschiff und näherte sich den Ruderstand.

Er hatte aber eine andere Frage: „Madame, wie geht es Ihnen und was macht Ihr Begleiter. Mir schien, als ob er ziemlich angeschlagen war?“

Sie antwortete ihm freundlich: „Mich hat die Seekrankheit verschont. Sie haben aber recht, meinen Begleiter ging es nicht gut. Ich glaube, er hat es jetzt überstanden. Aber sagen Sie, wie geht es Ihnen? Sie stehen doch bestimmt schon Stunden am Ruder?“

„Das stimmt“, sagte er, „ich habe die Wache von zwei bis sechs Uhr, wir sagen dazu die Hundewache, weil sie besonders unbeliebt ist. Wenn der Wind wenig dreht, wie heute Nacht, ist sie sehr monoton und langweilig. Ich bin froh, wenn ich mit jemanden sprechen kann. Wollen Sie nicht ein paar Minuten bleiben? Machen Sie es sich doch bequem auf der kleinen Klappbank.“

Henriette zögerte und sagte dann: „Ich merke, es ist doch noch etwas frisch, ich werde wohl besser unter Deck gehen.“ Er blieb aber hartnäckig: „Da kann ich Abhilfe schaffen, Sie können sich die dicke Decke aus der Bank nehmen und wenn Sie einverstanden sind, werde ich für uns noch zwei Tassen heißen Tee bringen lassen.“

Bei so viel Fürsorge konnte sie nicht ablehnen. Der Steuermann pfiff sich einen der beiden Wachposten von der Back heran und befahl ihn zum Teekochen in die Kombüse. Schon nach kurzer Zeit brachte er zwei große Tassen herrlich duftenden Tee auf das Achterdeck. Den Sonnenaufgang konnte sie komfortabel genießen.

Sie fragte: „Wissen Sie, wo wir sind und wann wir voraussichtlich ankommen?“

Darauf erwiderte er: „Ja, das ist kein Problem. Wir befinden uns inzwischen im Seegebiet der Toskanischen Inseln. Die Insel Elba, die größte dieser Inselgruppe, haben wir bereits bei Nacht passiert. An der Backbordseite querab sehen Sie nun die Insel Pianosa. Sie ist die flachste Insel in dieser Gruppe. Gerade einmal 29 Meter ist ihre höchste Erhebung. In der Römerzeit wurde sie zu Verbannungen genutzt.

Am Bug, auch an der Backbordseite, kommt langsam Montecristo in Sicht. Wir nennen sie die Ziegeninsel, weil viele dieser Tiere dort wild leben. Montecristo ist steil, gebirgig und sehr unzugänglich. Die Insel ist ein berüchtigtes Piratenschlupfnest. Wir passieren sie deshalb immer mit besonderer Aufmerksamkeit.

Schließlich wird noch die Insel Giglio in Sicht kommen, gut von See aus erkennbar durch einen alten Medici-Wachturm direkt am Ufer.

Wenn wir diese Insel passiert haben, ändern wir den Kurs und steuern direkt auf den Hafen von Civitavecchia zu. Wir orientieren uns dabei an den wuchtigen Türmen des Forts Michelangelo. Ich gehe davon aus, dass wir gegen neun Uhr den Hafen erreichen.“

Sie bedankte sich dann für die Auskunft und den Tee und sagte, sie müsse erst einmal nach ihrem Begleiter sehen.

Die Zeit verging, die Wache wechselte und langsam kam Bewegung in die gesamte Besatzung. Die Tartane steuerte nach einem Segelmanöver direkt die Küste an, das Matratzenlager wurde aufgelöst, die Festmacherleinen bereitgelegt und die Fender außenbords befestigt. Kurz vor der Mole wurde dann das Lateinsegel gerefft und mithilfe eines Klüvers erreichte das Schiff den Anlegeplatz und machte ohne Probleme fest.

Henriette und ihr Begleiter verabschiedeten sich vom Schiffer und dem Steuermann. Über eine breite Bohle mit Handlauf verließen sie die Tartane.

Die ersten Schritte an Land waren seltsam. Sie hatten das Gefühl, als ob sich der feste Boden unter ihren Füßen wie ein Schiff bewegte. Der ältere Offizier, ihr Begleiter, hatte sein Gepäck vor dem Schiff abgestellt. Henriette schaute aufmerksam in die Menschenmenge, als ob sie jemanden erwartete. Als der Offizier sein Gepäck aufnahm, bat sie ihn, noch einen Moment zu warten. Der Platz leerte sich langsam.

Plötzlich näherte sich ihnen ein junger Mann mit einem Handkarren. Er stellte sich ihnen als Bediensteter eines Gasthofes vor und erklärte, dass er den Auftrag hätte, sie in den Gasthof zu bringen, wo ein Brief für ihren Begleiter abgegeben sei. Sie waren erstaunt, folgten aber dem jungen Mann, der das Gepäck transportierte.

Im Gasthof überreichte der Wirt ihrem Begleiter einen Brief. Der Brief war in italienischer Sprache abgefasst, die der Offizier nicht beherrschte.

Der Wirt konnte aber helfen. Er übersetzte ihn die wichtigsten Passagen in das Lateinische. Nachdem er den Inhalt des Briefes kannte, verfinsterte sich seine Miene. Er machte ihr in Zeichensprache klar, dass sie im Gasthof übernachten werden und am nächsten Tag nach Rom fahren. Weitere Auskünfte zum Inhalt des Briefes gab er nicht.

Henriette war zutiefst verunsichert. Sie befürchtete nicht nur, dass man sie verfolgte, sondern hatte auch Angst vor den Scheitern ihrer Pläne. In diesem Fall würde sie mittellos in einem fremden Land, ohne Ansprechpartner und nur mit ihrer Fantasie-Uniform bekleidet, in einem schlimmen Dilemma stecken. Wie würde es mit ihr weitergehen?

Casanova war unterdessen nach seiner Magierschau ständiger Gast beim Grafen Spada und lernte ihn etwas näher kennen. Die Spadas waren ein uraltes Adelsgeschlecht aus der Gegend um Brisighella, einer kleinen Stadt nicht weit von Cesena. Auf den Monte Spada, einer Erhebung nahe des winzigen Dorfes Zattaglia, befand sich die Residenz der Familie. Der Graf wollte dort den Fortgang von Bauarbeiten kontrollieren und sich nebenbei etwas erholen.

Er bat Casanova, den er zu schätzen gelernt hatte, mit nach Brisighella zu kommen.

Dieser lehnte aber ab, wegen seiner angeblich wichtigen Geschäfte in Neapel. Er wollte aber noch in Cesena bleiben bis zur Abreise des Grafen, wie er es ihm versprochen hatte.

Casanova wohnte, trotz der ständigen Besuche beim Grafen, weiter im Gasthof „Zur Post“. Der Gasthof befand sich direkt im Zentrum der Stadt an der Piazza del Popolo gegenüber dem Rathaus. Wie der Name schon vermuten lässt, war das stattliche Gebäude mit dem Laubengang im Erdgeschoss und dem bodentiefen Fenster mit Klappladen in der ersten und zweiten Etage, Posthalterei, Gaststätte und zugleich auch Hotel.

In der Mitte des Hauses befand sich unter dem Laubengang eine Toreinfahrt durch die man mit Postkutschen und Reitpferden zu einem Platz auf der rechten Rückseite des Hauses gelangen konnten. Hier waren die Stallungen, Futterlager und Einrichtungen für den Postverkehr. Casanova hatte ein schönes Zimmer mit Blick zur Piazza del Popolo und der monumentalen Fontäne (Fontana Masini), sodass er von dem geräuschvollen Betrieb hinter den Gasthof weitgehend verschont blieb.

Eine seltsame Begegnung am frühen Morgen

Etwa zwei Wochen nach der Geisterbeschwörung bei den Bauern Francia ging Casanova nach der Oper noch zum Grafen und setzte kleinere Beträge am Spieltisch.

Er verlor einige Zechinen und da er sich müde fühlte, begab er sich zu Bett. Es dauerte lange, bis er einschlief, die Spielkarten geisterten immer noch vor seinem geistigen Auge hin und her. Gegen Ende der Nacht lag er noch im tiefen Schlaf, als ihn ein furchtbarer Krach in seiner Etage abrupt weckte.

Casanova sprang aus dem Bett, zog sich eine Hose an und noch mit der Nachtmütze auf dem Kopf, lief er auf den Flur. Er sah drei Männer in seltsamen Uniformen vor der geöffneten Tür eines Zimmers mit drohenden Gebärden und lauten Geschrei.

Hinter ihnen stand mit breitem Grinsen der Wirt mit einem Schlüsselbund. Casanova fragte ihn, was das für Leute seien und worum es eigentlich gehe.

Er antwortete: „Wir sind doch hier im Kirchenstaat, da achtet man streng auf die Moral. Die Männer sind Sbirren, beauftragt vom Bischof mit der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Sie werden eingesetzt als Schergen, Häscher, Wachmänner und mitunter auch als Gerichtsdiener. Ihr Ruf ist nicht der beste. Sie gelten als gewalttätig, brutal und korrupt. Es ist besser sich mit ihnen zu verständigen. Eine kleine Zuwendung tut manchmal Wunder.“

„Aber was wollen die eigentlich hier?“

„Hier geht es um die Sittlichkeit. Ein Herr liegt mit einem Mädchen im Bett, wenn sie seine Frau ist, gibt es kein Problem. Wenn er aber nicht durch irgendein Papier beweisen kann, dass er verheiratet ist, landen die beiden im Gefängnis. Aber machen sie sich keine Gedanken, ich spreche mit den Barigèllo (Anführer), für zwei bis drei Zechinen rücken die Sbirren ab. Das Problem ist, der Herr spricht nur Latein und niemand versteht ihn. Wenn sie Latein sprechen, gehen sie in das Zimmer, bringen sie ihn zur Vernunft.“

Casanova war sofort klar, dass es sich um einen bösen Streich handelte und der Wirt mit den Sbirren unter einer Decke steckte. Er fragte, wer die Tür geöffnet habe. Der Wirt schüttelte seinen Schlüsselbund, hob in Augenhöhe hoch und sagte in spöttischen Ton: „Was fragen Sie?

Es ist doch meine Pflicht zu öffnen, wenn die Beauftragten der Geistlichkeit das fordern.“

Casanova wurde langsam wütend: „Sie stehen nicht im Dienst der Kirche, sondern im Dienst der Gäste, die sie vor solchen Gemeinheiten zu schützen haben. Die Beleidigung, die sie den Gästen angetan haben, wird ihnen noch leidtun.“

Anstelle einer Antwort lachte ihm der Wirt höhnisch ins Gesicht. Über diese Frechheit maßlos empört, wollte sich Casanova nun in die Sache einmischen, schon um den Wirt einen Denkzettel zu verpassen.

Die Sbirren lümmelten vor der offenen Tür herum, hinderten ihn aber nicht daran, das Zimmer zu betreten. Als er aber die Tür von innen schließen wollte, leisteten sie Widerstand.

Das Zimmer befand sich im Halbdunkel, die Fensterladen waren noch nicht vollständig geöffnet. Die Einrichtung war identisch mit der in seinem Zimmer: großes, breites Bett an einer Wand, gegenüber einem Schrank, zwei Stühle und ein Tisch mit Waschbecken.

Er bemerkte im Bett, aufrecht sitzend, einen älteren Herrn und neben ihm im Bett, bis über die Haarspitzen zugedeckt, das angebliche Mädchen.

Casanova sprach den Herrn auf Lateinisch an und erläuterte ihm erst, was die Sbirren wollten; er hatte kaum etwas mitbekommen. Wütend äußerte er sich dann zu deren Behauptungen: „Woher will diese Bande wissen, ob die Person, die neben mir liegt, eine Frau ist. Bisher hat sie sich nur in Offiziersuniform gezeigt. Außerdem hat kein Mensch das Recht, mich zu einer Aussage zu zwingen. Wenn ich angezogen bin, werde ich die Spitzbuben mit meinen Säbelhieben Anstand lehren. Auf keinen Fall werde ich etwas bezahlen, um die Sache zu erledigen.“

Erst jetzt bemerkte Casanova auf einem Stuhl eine Uniform mit Verschnürungen, Ärmelaufschlägen und Borden in typisch ungarischen Schnitt. An der Lehne hing ein Säbel.

Der Herr bemerkte seinen Blick und stellte sich vor. Er war Hauptmann in einem ungarischen Regiment der österreichischen Kaiserin.

Im Auftrag vom Kardinal Alessandro Albani, sollte er Depeschen von ihm an den Generalintendanten des Herzogs von Parma, Monsieur Dutilott, überbringen.7

Plötzlich kam ein übel aussehender Kerl in das Zimmer und erklärte, er wäre der Fuhrmann des Hauptmannes und wolle nicht länger warten.

Casanova war sich nun ganz sicher, dass es sich bei dieser Geschichte um ein Komplott handelte. Er bat den Offizier, ihm die Angelegenheit zu überlassen. Dieser war froh darüber, er hätte sich bei seinen Sprachschwierigkeiten ohnehin schwerlich mit dem Fuhrmann verständigen können. Casanova befahl dem Fuhrmann: „Holen sie den Koffer des Hauptmannes, ich werde sie bezahlen.“

Inzwischen überlegte er sich, wie viel der Fuhrmann für den Transport des Koffers und den entgangenen Auftrag erhalten würde – vermutlich nicht mehr als eine Zechine. Da er aber mit den anderen Beteiligten unter einer Decke steckte, könnte man über ihn diskret die Halunken bestechen. Die Höhe der Summe hatte der Wirt schon angedeutet. Die Sbirren wollten zwei bis drei Zechinen haben, es blieben noch die Anteile des Kutschers und des Wirts. Nachdem der Koffer im Zimmer stand, gab er dem Fuhrmann gegen Quittung acht Zechinen und sagte: „Freuen sie sich nicht allzu sehr über die hohe Summe, vergessen sie ihre Kumpane nicht. Sie könnten sonst von mir erfahren, wie großzügig ich war.“

Der Fuhrmann grinste und ging. Danach verließen auch die Sbirren den Gasthof. Der Hauptmann, der auf keinen Fall den Gaunern etwas bezahlen wollte, gab Casanova seine acht Zechinen zurück und merkte nicht, in welche Taschen das Geld geflossen war.

Nun, da alles geklärt war, hätte Casanova keine Veranlassung mehr gehabt, sich noch zu engagieren. Er machte aber weiter und lief zu Höchstform auf. Er wetterte voller Entrüstung über die abscheuliche, schändliche Behandlung von Fremden und verlangte Genugtuung.

Die Gründe für dieses Verhalten waren aber stark durch seinen Charakter begründet. Er stellte sich unter der Bettdecke ein wunderschönes Mädchen vor und der Abenteurer in ihm witterte ein weiteres Abenteuer. Dass er nicht wusste, ob das Mädchen schön war, ihm gefällt und ob es sich überhaupt mit ihm einlassen würde, machte ihm dabei nichts aus. Der Spieler in ihm ging keinem Risiko aus dem Weg und der unverbesserliche Optimist glaubte immer an seinen Erfolg.

Casanova begab sich zum Bischof, drang fast gewaltsam in sein Schlafzimmer ein und schilderte ihm in den grellsten Farben das gemeine Verhalten der Sbirren. Der Bischof schickte ihn zu seinem Kanzler und dort brachte er noch einmal, nur in etwas provozierender Art und Weise, seine Klage vor. Er erreichte, was er wollte: Der Kanzler fragte ihn, ob er noch ganz richtig sei, und verwies in an den Barigèllo.

Sehr zufrieden ging er zum Grafen Spada, seinem Gönner. Dieser war aber erst nach acht Uhr zu sprechen. Die Zeit bis dahin wollte er mit einem Frühstück gemeinsam mit dem ungarischen Hauptmann und den hoffentlich bildschönen Mädchen ausfüllen.

Nach seiner Rückkehr in den Gasthof erstattete er Bericht und lud den Hauptmann und seinen Begleiter zum Frühstück ein. Der Hauptmann forderte ihn auf, den Begleiter doch bitte selbst zu fragen.

„Liebenswürdiger Begleiter des Hauptmanns“, fragte Casanova, „wollen Sie mich als Dritten zu ihrem Frühstück zulassen?“

Sofort sah er unter der Decke einen entzückenden, frischen, lachenden Kopf mit aufgelösten Haaren hervorkommen, der trotz seiner Männermütze einem Geschlecht angehörte, ohne welches der Mann das unglücklichste Tier auf Erden sein würde.8

Casanova war entzückt über diese hübsche Erscheinung, die alle seine Vorstellungen übertraf und sagte zu ihr: „Ich hatte das große Glück, mich für Sie zu interessieren, bevor ich Sie gesehen habe.

Jetzt aber, wo ich Sie erblicke, werden meine Anstrengungen, Ihnen behilflich zu sein, sich bestimmt verdoppeln.“

Sie lachte über dieses Kompliment und entgegnete: „Ich bin entzückt einen so selbstlosen und tapferen Retter gefunden zu haben, der den schrecklichen Sbirren ihre Grenzen aufgezeigt hat. Es ist für mich eine Ehre, an Ihrem Frühstück, teilhaben zu dürfen.“

Nachdem der Bediente gemeldet hatte, dass das Frühstück aufgetragen sei, ging Casanova wieder in das Zimmer des ungleichen Paares.

Die Französin war aufgestanden und bekleidet mit einem blauen Überrock. Ihre blonden, gelockten Haare hatte sie in der Kürze der Zeit nur nachlässig als Mann frisiert. Sie schaute ihn lächelnd an und ihr Gesicht mit den strahlenden Augen hatte ihn sofort verzaubert. Er hatte nie an die Liebe auf den ersten Blick geglaubt, aber nun stand er ganz benommen vor einem Mädchen, konnte seine Augen nicht von ihr wenden und hörte wie durch Watte den Hauptmann, der im aufforderte Platz zu nehmen. Sie hatte ihn mit einem Schlag zu ihrem Sklaven gemacht.

Während des Frühstücks redete fast nur der Hauptmann. Er war offenbar froh, mit jemanden in Latein sprechen zu können.

Das Mädchen sprach nur Französisch, der Hauptmann Ungarisch, Deutsch und Latein, sodass sie sich, mithilfe von Zeichensprache, notdürftig verständigten, mussten. Casanova hörte nur halb hin und antwortete nur, wenn es unumgänglich war.

Das Mädchen sagte kein Wort. Sie hatte die Augen niedergeschlagen und Casanova wertete dies als Zeichen der Scham. Er nahm an, ihr war es peinlich, im Bett mit dem Hauptmann gesehen worden zu sein. Einen kurzen Seitenblick konnte er aber von ihr auffangen. Sicher hatte sie bemerkt, wie beeindruckt er von ihr war und machte sich nun ihrerseits ein Bild von ihm.

6 Cesena, Piazza del Popolo. In dem linken roten Gebäude, den ehemaligen Gasthof „Zur Post“, trafen sich Casanova und Henriette Mitte Oktober 1749 zum ersten Mal

Casanova ging um acht Uhr zu General Spada und berichtete ihm die Geschichte. Nachdem er ihm das Verhalten des Kardinals geschildert hatte, sagte er: „Die Priester sollen sich um die Himmelsangelegenheiten kümmern und nicht die Nase in Angelegenheiten dieser Welt stecken.“

Kurz entschlossen, wies er seinen Adjutanten an, dem Bischof mitzuteilen, dass dem Offizier für die gemeine Beleidigung eine Geldsumme zu zahlen sei, deren Höhe dieser selbst bestimme.

Der ungarische Offizier solle erst dann abreisen, wenn er sein Geld habe. Die noch entstehenden Ausgaben würden auf das Konto des Bischofs gehen. Danach solle er die beiden Offiziere zum Mittagessen einladen.

Casanova ging sofort wieder in den Gasthof und teilte dem Hauptmann voller Stolz die Entscheidung des Generals mit. Dieser Sieg brachte ihm die Freundschaft des Offiziers und seiner Begleiterin ein.

Wenig später kamen der Adjutant des Generals und ein Priester der bischöflichen Kanzlei und brachten die Entschädigung. Der Hauptmann war bescheiden und gab sich mit 30 Zechinen zufrieden.

Gegen Mittag holte Casanova die beiden Offiziere ab und begleitete sie zum General. Er sah die Französin zum ersten Mal sorgfältig als Mann frisiert, in ihrer sehr gut sitzenden eleganten Fantasieuniform. Ihre Schönheit und Ausstrahlung ließen ihm keine Wahl, er musste sie um jeden Preis für sich gewinnen.

Er beschloss spontan mit ihnen nach Parma zu fahren, in der Hoffnung, sie könnte dort vom Hauptmann, der bald das sechste Jahrzehnt vollendete, zu ihm wechseln.

Der General hatte sein Kommando in einem Palais unweit der Ponte Vecchio (Alte Brücke) eingerichtet. Vom Gasthof bis zum Palais benötigte man zu Fuß etwa 10 bis 12 Minuten, eine Kutsche war also nicht vonnöten. Es war sonnig, ein leichter Wind minderte aber die Mittagshitze. Sie wurden mit militärischen Ehren empfangen, der Adjutant erwartete sie bereits im Eingangsbereich und führte sie in den Speisesaal. Der General stellte sie den anwesenden Damen und Herren vor.

Die junge Französin in ihrer schicken Uniform zog sofort die ganze Aufmerksamkeit auf sich.

Casanova stellte erstaunt fest, dass die gleiche Dame, die beim Frühstück kein Wort gesagt hatte und nur schamhaft nach unten schaute, nun mit Grazie und Esprit an der Unterhaltung teilnahm und sich sicher und gewandt in der Gesellschaft bewegte.

Natürlich beschäftigte die Geschichte im Gasthof die Anwesenden.

Ein alter Abbe versuchte, die Unschuld des Bischofs zu beweisen und sagte, dass dieser nur die Weisungen der Inquisition ausgeführt habe. Ein junger Offizier berichtete, dass in Spanien die Situation noch viel erniedrigender für die Reisenden sei. Die Türen haben innen keine Riegel, damit sich die Gäste nicht einschließen können. An der Außenseite befinden sich aber Riegel, sodass die Gäste des Nachts wie in einem Gefängnis gefangen sind und jederzeit mit ungebetenen Besuchen rechnen müssen.

Eine Signora fühlte sich wenig beachtet und versuchte nun, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken: „Ich finde es eigentümlich“, sagte sie zu dem jungen Offizier in Uniform, „dass sie miteinander leben können, ohne jemals ein Wort zusammen zu sprechen!“

„Warum eigentümlich, Signora? Wir verstehen uns ausgezeichnet; denn bei dem, was wir miteinander abzumachen haben, sind Worte kaum notwendig.“