13,99 €
Die Geschichte des "Planatolwerks Willy Hesselmann" war eng mit der Stadt Rosenheim verbunden. Seit 1952 ist die Fabrik für Klebetechnik, die sich inzwischen in anderen Händen befindet, im benachbarten Thansau ansässig. Zur selben Zeit bezog die Familie eine Villa in der Herbststraße. Willy Hesselmanns Sohn Hans erzählt in diesem Band nicht nur die wechselhafte Geschichte der Firma, er zeichnet auch ein detailgetreues Bild der komplizierten Familienverhältnisse. Der erfolgreiche Geschäftsmann Willy Hesselmann war im Privatleben ein schwieriger Mensch, der in beiden Bereichen die uneingeschränkte Herrschaft ausübte. Anhand der Erinnerungen seiner letzten Frau Charlotte und ehemaliger Firmenangehöriger sowie zahlreicher schriftlicher Quellen und alter Fotos entsteht ein spannender und lesenswerter Roman.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2018
LESEPROBE zu
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2018
© 2018 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelfoto und Fotos im Innenteil: © Hans Hesselmann
Bearbeitung: Beate Decker, München
Worum geht es im Buch?
Hans Hesselmann
Herbststraße – Eine Familiengeschichte
Die Geschichte des »Planatolwerks Willy Hesselmann« war eng mit der Stadt Rosenheim verbunden. Seit 1952 ist die Fabrik für Klebetechnik, die sich inzwischen in anderen Händen befindet, im benachbarten Thansau ansässig. Zur selben Zeit bezog die Familie eine Villa in der Herbststraße.
Willy Hesselmanns Sohn Hans erzählt in diesem Band nicht nur die wechselhafte Geschichte der Firma, er zeichnet auch ein detailgetreues Bild der komplizierten Familienverhältnisse. Der erfolgreiche Geschäftsmann Willy Hesselmann war im Privatleben ein schwieriger Mensch, der in beiden Bereichen die uneingeschränkte Herrschaft ausübte. Anhand der Erinnerungen seiner letzten Frau Charlotte und ehemaliger Firmenangehöriger sowie zahlreicher schriftlicher Quellen und alter Fotos entsteht ein spannender und lesenswerter Roman.
Inhalt
Prolog
Ein unerwarteter Todesfall
Beisetzung
Charlottes Kindheit
Ein schwieriger Aufstieg
Denkwürdige Weihnachten
Charlotte in Berlin
Beklemmender Anblick
Sorgenvolle Zweifel
Charlotte in München
Die Firma wird gegründet
Eine folgenschwere Annonce
Die NSDAP-Karriere des Heinrich H.
Die Zerstörung der Firma
Rehabilitiert
Ein brüskierender Brief
Panische Ängste
Ende einer Odyssee
Bürgermeister Willy Hesselmann
Infame Denunzierung
Der Verrat
Unerwünscht
Der Kollaps
Eine Affäre
Charlotte geht auf Distanz
Villa Herbststraße
Umzug nach Rosenheim
Enttäuschte Hoffnung
Schwerwiegende Entscheidungen
Aus der Zeit gefallen
Von bitteren Erfahrungen zu skeptischem Optimismus
Abgesang
Epilog
Danksagung
Prolog
Im Keller unseres Hauses steht ein alter, grauer und schon ziemlich ramponierter Umzugskarton. In ihm befinden sich zweihundertachtundzwanzig Briefe und mehrere Hundert Fotos, die meiner im Mai 2002 verstorbenen Mutter gehört hatten, alles von ihr akribisch nach Datum geordnet und sorgfältig aufbewahrt. Mein älterer Bruder Peter hatte den Karton bei der Auflösung ihres Haushalts an sich genommen und einige Jahre später an mich übergeben mit der Bitte, bei Gelegenheit zu entscheiden, was damit geschehen solle. Da ich zur damaligen Zeit noch berufstätig war und zunächst nicht die Muße fand, mich mit dem Inhalt des Kartons zu befassen, geriet er in meinem Kopf allmählich in Vergessenheit.
Peter war es schließlich auch, der den Anstoß zu diesem Buch gab. Wann immer ich ihn in seinem Haus in der Nähe von Rosenheim besuchte, brachte er die bitteren Erfahrungen zur Sprache, die wir in unserem Elternhaus gemacht hatten. Die Familiengeschichte ließ ihn nicht los, ebenso wenig wie mich. Doch während er damals noch immer um Erklärungen für das schwer Verständliche rang, wollte ich von unserer gemeinsamen familiären Vergangenheit nichts mehr hören, um meinen über viele Jahre hinweg mühsam erkämpften und noch immer höchst fragilen Seelenfrieden nicht zu gefährden. Deshalb überhörte ich auch geflissentlich seine Worte, als er anfing, laut darüber nachzudenken, dass man eigentlich schriftlich festhalten müsste, was in unserer Familie alles vorgefallen sei, denn ich machte mir keine Illusionen, wen er damit meinte, wenn er von ›man müsste‹ sprach. Und deshalb lehnte ich auch umgehend ab, als er mich schließlich direkt fragte, ob ich die Familiengeschichte aufschreiben würde. Doch seine Worte waren nicht gänzlich wirkungslos verhallt. Sie hatten mich wieder an den alten Umzugskarton in unserem Keller erinnert. Und daran, dass ich über seinen Inhalt nach wie vor nicht mehr wusste, als dass er Briefe und Fotografien enthält.
Ich hatte ein ziemlich schlechtes Gewissen, als ich nach kurzem Zögern anfing, die Briefe meiner Mutter zu lesen, schließlich waren sie ja nicht an mich adressiert, und dennoch, meine Neugier war stärker als mein Schuldgefühl. Es sind insgesamt hundertdreißig Briefe in besagtem Karton, die aus der Feder meiner Mutter stammen, die meisten von ihnen aus den Jahren 1943 bis 1966, ihren Ehejahren mit meinem Vater. Es sind Briefe, die das Herz berühren. Und solche, die erschüttern, weil sie von bitteren Enttäuschungen und Demütigungen, von tiefer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit handeln. Welch ein Kontrast zu den Briefen und Fotografien meiner Mutter aus den dreißiger Jahren, die von einer glückstrahlenden und vor Lebenslust geradezu sprühenden jungen Frau erzählen! Als ich die Briefe meiner Mutter, die aus der Zeit ihrer Ehe mit meinem Vater stammten, gelesen hatte, war ich bestürzt. Dass sie mit ihm alles andere als glücklich geworden war, das hatte ich gewusst. Dass sie über den Zustand ihrer ehelichen Beziehung in Wahrheit jedoch tiefe Verzweiflung empfand, das hatte ich offenkundig aus meinem Gedächtnis verdrängt.
Durch die Lektüre ihrer sorgsam gehüteten Korrespondenz stieß ich aber auch auf zahlreiche Personen und Ereignisse in unserer Familiengeschichte, die mir bis dahin völlig unbekannt geblieben waren und nun meine Neugier weckten. Ich begann zu recherchieren, zog zwei Interviews zu Rate, die mein Sohn Oliver in den neunziger Jahren mit seiner Großmutter über ihr Leben geführt und auf Tonträgern aufgezeichnet hatte, ich befragte Peter, konsultierte nahe und ferne Verwandte, sprach mit ehemaligen Arbeitern und Angestellten meines Vaters, besuchte Archive und Bibliotheken – und hatte bald Blut geleckt. Am Abend des 2. November 2012, im dritten Jahr meines Ruhestands, hatte ich die ersten Sätze unserer Familiengeschichte zu Papier gebracht.
Ich habe eine Familiengeschichte geschrieben, in deren Zentrum meine Eltern stehen. Das war auch von Anfang an so beabsichtigt, denn es ging mir vor allem um eine Auseinandersetzung mit ihren Persönlichkeiten, insbesondere der meines Vaters, um ihr Denken und Handeln besser verstehen zu können, wenigstens im Nachhinein. Ich habe mich in meiner Familiengeschichte so nahe wie möglich an die historischen Ereignisse gehalten. Die Schilderung einiger Begebenheiten entspringt meiner Annahme, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass sie sich so zugetragen haben.
Aus rechtlichen Gründen wurden die Namen mehrerer Personen, die in diesem Roman eine Rolle spielen, geändert.
Ein unerwarteter Todesfall
Rosenheim, Freitag, 18. Februar 1966. Es war vier Uhr morgens, als mich das schrille Klingeln des Telefons weckte. Ein Anruf um diese Zeit? Das war beunruhigend. Als ich mein Zimmer verließ und auf den Gang hinaustrat, schwieg das Telefon. Im Haus blieb alles ruhig. Niemand schien etwas gehört zu haben. Ob ich mich geirrt hatte? Als das Klingeln wieder einsetzte, anhaltend und eindringlich, wuchs meine Beunruhigung. Ich lief die Treppe in die nachtdunkle Eingangshalle hinunter und nahm den Hörer ab.
Peter war am Apparat.
»Ich habe eine schlechte Nachricht, Hans. Der Vater ist tot.«
Die Wucht dieser Worte machte mich sprachlos. Ich stand in der kalten, düster wirkenden Eingangshalle und versuchte zu begreifen, was er mir gerade gesagt hatte.
»Hans, bist du noch dran?«
»Ja.«
»Herr Merkel hat mich gerade angerufen.«
»Wo ist er gestorben? Und wie?«
»Herr Merkel war mit unserem Vater auf einer Geschäftsreise in Frankreich. Auf dem Rückweg sind sie gestern Abend in einem Hotel am Straßburger Bahnhof abgestiegen. Sie waren mit dem Zug unterwegs. Gegen zwei Uhr nachts hat der Chef ihn plötzlich im Hotelzimmer angerufen und verzweifelt um Hilfe gebeten. Als Herr Merkel kam, klagte Vater über Übelkeit und starke Schmerzen in der Brust. Herr Merkel ließ einen Notarzt rufen, aber es war schon zu spät. Als der Arzt eintraf, konnte er nur noch Vaters Tod feststellen.«
»Und woran ist er gestorben?«
»Der Arzt vermutet Herzinfarkt. Genaueres wissen wir aber erst, wenn die Obduktion stattgefunden hat. Sein Todeskampf muss furchtbar gewesen sein. Er hat wohl sehr gelitten. Es sei erschütternd gewesen.«
»Wissen es Theo und Karl-Heinz schon?«
»Theo habe ich schon informiert. Karl-Heinz kann ich nicht erreichen, weil er für die Firma in Amerika unterwegs ist. Schlafen Mutter und Herbert noch?«
»Ja.«
»Du musst sie wecken und es ihnen sagen. Theo und ich fahren jetzt mit Vaters Mercedes nach Straßburg, um alles Notwendige zu erledigen.«
Ich schwieg.
»Ich melde mich, wenn wir in Straßburg angekommen sind.«
»Ja.«
Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, blieb ich noch einen kurzen Augenblick unschlüssig in der Eingangshalle stehen und ging dann in die angrenzende Küche, öffnete einen der dunkelgrünen hölzernen Fensterläden, setzte mich an den lang gestreckten Arbeitstisch und starrte hinaus in die nächtliche Stille. Die Laterne auf der gegenüberliegenden Straßenseite warf ein fahles Licht auf die hochgewachsene Hecke, die den schmalen Vorgarten unseres Hauses begrenzte. Ich war sehr aufgewühlt, und es fiel mir schwer, meine verwirrenden Gedanken und Empfindungen zu ordnen. Die Vorstellung, dass der Vater in einem anonymen Hotelzimmer sterben musste, erschütterte mich und ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. Unwillkürlich musste ich aber auch daran denken, wie symbolisch dieser Tod für sein Verhältnis zur Familie war. Hatte er nicht immer wieder unmissverständlich erkennen lassen, dass er von uns nichts wissen wollte? War er es nicht gewesen, der die Ablehnung, mit der er seit vielen Jahren unserer Mutter begegnete, auch seine beiden jüngsten Söhne, Herbert und mich, deutlich spüren ließ? Hatten wir beide nicht schmerzlich erfahren, dass er von uns nichts hielt? Bilder der Nichtachtung, der Ablehnung und der Demütigung, die sich tief in mein Gedächtnis eingegraben hatten, gingen mir durch den Kopf. Und ich erinnerte mich wieder an die letzte lautstarke Auseinandersetzung zwischen unseren Eltern, die mein jüngerer Bruder Herbert und ich miterlebten. Als wir nicht mehr ertragen konnten, wie er unsere Mutter herabwürdigte, gingen wir mit den Fäusten auf ihn los. Zitternd vor Erregung saßen wir danach in meinem Zimmer, schweigend und von Schuldgefühlen bedrängt, und doch empfanden wir ein befreiendes, ein ermutigendes Gefühl: Wir hatten nicht mehr still erduldet. Wir hatten uns gewehrt und Partei ergriffen.
Trotz der Trauer über den tragischen Tod des Vaters verspürte ich auch jetzt wieder ein Gefühl der Befreiung, als würde die Anspannung nachlassen und der ganze Ballast unserer gescheiterten Beziehung langsam abfallen. Und leise Hoffnung keimte in mir auf. Würde die wortlose Angst in unserer Familie, die wie ein schleichendes Gift, wie ein Krebsgeschwür ihre Seele auszehrte, jetzt endlich ein Ende finden? Würde unser Haus, das durch die kalte Atmosphäre zu einem düsteren, unwirtlichen Ort geworden war, jetzt ein Zuhause werden? Ich musste wieder daran denken, dass uns der Vater nach der handgreiflichen Konfrontation keines Blickes mehr gewürdigt hatte und wenig später zu seiner Geschäftsreise nach Frankreich aufgebrochen war, von der er nicht mehr nach Hause zurückkehren sollte. Wie so oft in den vergangenen Jahren zogen wir nur aus seiner Abwesenheit die Schlussfolgerung, dass er wohl verreist sein musste. In diesem Augenblick wurde mir wieder schmerzlich bewusst, wie wenig wir über unseren Vater wussten. Er hatte so gut wie nie über sich und nur ganz selten mit uns gesprochen. Er war uns immer fremd, unnahbar, unerreichbar geblieben. Hätten wir auf ihn zugehen und ihn fragen sollen, warum er uns so verschlossen und abweisend begegnete? Was uns entfremdet hatte? Warum die Familie in seinem Leben keinen Platz fand? Hätten wir ihm sagen sollen, was wir so sehr entbehrten? Dass wir unter Ängsten und Selbstzweifeln litten, weil uns die Zuneigung und Anerkennung des Vaters versagt blieben? Hätten wir versuchen sollen, mehr über ihn zu erfahren und an seinem Dasein Anteil zu nehmen, um ihn besser zu verstehen? Mangelte es bei uns an Sorge um ihn? Jetzt hätte ich so gerne mit ihm gesprochen, aber es war zu spät. Ich konnte ihm nichts mehr sagen, ihn nichts mehr fragen. Er würde seine Gedanken und Gefühle, seine Sorgen und Ängste, seine Hoffnungen und Sehnsüchte, seine Unergründlichkeit mit ins Grab nehmen.
Inzwischen war es sechs Uhr morgens geworden. Noch herrschte nächtliches Schweigen. Nur das Motorengeräusch eines Fahrzeugs, das in die Straße vor unserem Haus einbog, unterbrach für einen Augenblick die Stille. Das Scheinwerferlicht tastete sich an der gegenüber liegenden Mauer entlang und ließ sie flüchtig aufscheinen. Im Hause regten sich jetzt die ersten Lebenszeichen. Ich hörte die leisen Schritte der beiden Hausmädchen in ihren Dachkammern. Sie würden sich bald in der Küche zu schaffen machen. Auch unsere Mutter würde jeden Augenblick aufstehen, um sich für ihren Arbeitstag in der Firma zurechtzumachen. Es war Zeit für das Unvermeidliche. Wie würde sie Vaters Tod aufnehmen? Unruhig und zögerlich ging ich die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Als ich sie weckte und ihr das Geschehene mitteilte, schwieg sie lange und starrte gedankenverloren in das Halbdunkel des Zimmers. Der schwache Lichtschein der Nachttischlampe ließ ihr Gesicht aschfahl und hohlwangig aussehen. Was in diesem Augenblick in ihr vorging, konnte ich nur vermuten. Schließlich sagte sie mit leiser, tonloser Stimme:
»Ich muss in die Firma, mit der Belegschaft und der Geschäftsleitung reden, ich muss wissen, was jetzt zu tun ist.«
Die Angst vor dem, was nun unabwendbar auf sie zukommen würde, ließ sie schwer atmen, und ich spürte, wie sie nach Halt suchte in der Haltlosigkeit, in der sie sich sichtlich fühlte.
Willy Hesselmann, Gründer und Alleininhaber der Firma Planatolwerk W. Hesselmann, Chemische und Maschinenfabrik für Klebetechnik mit Niederlassungen in den oberbayerischen Orten Rosenheim und Thansau, war am 18. Februar 1966 kurz vor drei Uhr morgens im Alter von 71 Jahren im ›Hôtel des Vosges‹ am Bahnhofsplatz in Straßburg verstorben. Die Obduktion seines Leichnams fand zwei Tage später im Institut für Rechtsmedizin der dortigen Universität statt. Sie bestätigte die Vermutung des Notarztes, denn der Direktor des Instituts, Professor Chaumont, der als amtlicher medizinischer Sachverständiger die Autopsie durchgeführt hatte, stellte in seinem Gutachten abschließend fest:
Herr Wilhelm Hesselmann starb eines natürlichen Todes: Herzinfarkt infolge einer arteriosklerotischen Verstopfung der Koronararterien.
Der Verstorbene hatte auch nicht zum ersten Mal an dieser Erkrankung gelitten, wie Professor Chaumont in der knapp gehaltenen Zusammenfassung seiner Untersuchungsergebnisse attestierte:
Das Leiden war alt, wie einige frühere perlmuttartige Infarkte belegen. Ob der Betroffene von seinem Zustand gewusst hat und ob er bei einem Kardiologen in Behandlung war, entzieht sich meiner Kenntnis. In jedem Fall ergibt sich eine besondere Anfälligkeit für einen plötzlichen Tod durch die Erheblichkeit der anatomischen Schädigungen.
Der Vater muss von seinem bedrohlichen Gesundheitszustand gewusst haben, ohne jedoch die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Und mit uns als seiner Familie hat er nie darüber gesprochen.
Beisetzung
München, Freitag, 25. Februar 1966. Es war ein für diese Jahreszeit ungewöhnlich milder Spätwintertag. Der Himmel hing in eintönigem Grau wie ein nebelhafter Schleier hoch über dem alten Münchner Waldfriedhof, die restlichen Schneeflecken hatten sich in den lauen, frühlingsnahen Temperaturen der vergangenen Wochen längst aufgelöst. Die große und altehrwürdige Aussegnungshalle war bis auf den letzten Platz mit Trauergästen gefüllt, die von dem Verstorbenen Abschied nehmen wollten: Angehörige, Freunde und Bekannte der weitverzweigten Familie, Geschäftspartner aus dem In- und Ausland, Repräsentanten von Wirtschafts- und Arbeitgeberverbänden, Honoratioren und Behördenvertreter aus den Niederlassungsorten der Firma, der Betriebsrat, die gesamte Belegschaft. Die Arbeiter und Angestellten standen dicht gedrängt vor dem aufgebahrten Sarg und folgten sichtlich bewegt dem Requiem für ihren hochverehrten und beliebten Chef. Die Erschütterung über seinen unerwarteten Tod, aber auch die große Sorge um die Zukunft ihres Unternehmens stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Viele waren schon seit langen Jahren in der Fabrik beschäftigt, die Älteren unter ihnen hatten noch ihren schwierigen und mühevollen Neuanfang in den letzten Kriegsjahren miterlebt. Sie alle hatten bisher stets erkennen lassen, wie sehr sie sich der Firma verbunden fühlten und ihren Chef als einen Menschen schätzten, mit dem man reden konnte, der für sie da war, der sich kümmerte. Ihre Unsicherheit über das, was nun kommen würde, war mit Händen zu greifen.
Nach der feierlichen Totenmesse geleitete ein langer, schier endlos wirkender Trauerzug die sterblichen Überreste des Fabrikanten Willy Hesselmann von der Aussegnungshalle auf den von Nadelbäumen und kahlen Birken gesäumten Wegen zu seiner letzten Ruhestätte, dem Familiengrab der Salzmanns, das von einem Meer an Kränzen und Blumen umgeben war.
Als der Verstorbene in zahlreichen Nachrufen mit Worten der Hochachtung und Zuneigung gewürdigt worden war und schließlich der Sarg beigesetzt wurde, der katholische Geistliche seinen Schlusssegen sprach und die Trauernden von dem Toten Abschied nahmen, hatten viele der altgedienten Arbeiter und Angestellten Tränen in den Augen.
Von der Familie weinte niemand.
Die Mutter stand mit versteinertem Gesicht vor der Grabstätte und nahm in stummer Regungslosigkeit das Defilee der kondolierenden Trauergäste ab, eine Anteilnahme, die aber nicht wirklich bei ihr anzukommen schien. Nachdem die Tortur der Beileidsbezeugungen ein Ende gefunden hatte, verharrte sie noch eine Weile vor der offenen Gruft mit dem schlichten grauen Granitgrabstein der Familie Salzmann, auf dem auch der Name Renate Hesselmann zu lesen war, wandte sich dann aber rasch ab und blieb ein paar Schritte entfernt von der Begräbnisstätte stehen, ihr Blick abwesend und in sich gekehrt, als würde sie gar nicht wahrnehmen, was um sie herum geschah. Was mochte in diesem Augenblick in ihr vorgehen?
Als ich am Grab Abschied vom Vater nahm, gingen mir unwillkürlich wieder Bilder unserer fehlgeschlagenen Beziehung durch den Kopf, und ich musste erneut daran denken, wie tief mich seine abfällige Nichtachtung verletzt, wie sehr ich seine Zuwendung, seine Fürsorge, seine Ermutigung ersehnt hatte. Doch ich empfand keinen Schmerz, nur Trauer: Trauer darüber, dass wir beide nie zu einander gefunden hatten, uns nie nahe gekommen waren, und dass daran nun nichts mehr zu ändern war.
Als die Trauergäste die Grabstätte verließen, trat plötzlich ein hochgewachsener Mann mittleren Alters auf meinen Bruder Herbert und mich zu und sagte:
»Wir kennen uns bisher noch nicht. Ich bin Harald, euer ältester Bruder.«
Charlottes Kindheit
Stettin, Dienstag, 9. Oktober 1906. Es ist elf Uhr nachts. Gustav Bressem erhebt sich zum wiederholten Male aus seinem voluminösen Ohrensessel, wandert ruhelos im Wohnzimmer auf und ab und wirft immer wieder einen Blick auf die barocke Standuhr, einem Erbstück aus dem Nachlass seiner Großeltern. Er ist innerlich angespannt, das Wechselbad der Gefühle zwischen Hoffen und Bangen macht ihn nervös. Er versucht sich zu beruhigen, bemüht sich um Gelassenheit, aber es mag ihm nicht recht gelingen. Als es endlich an der Tür klopft und die Hebamme eintritt, eine freundliche, etwas korpulente Mittfünfzigerin, atmet er tief durch und blickt sie erwartungsvoll, ja ungeduldig an:
»Und?«
Sie lächelt, sichtlich erleichtert, als sie ihm gratuliert:
»Sie haben eine gesunde Tochter, Herr Sekretär, es ist alles gut gegangen, es ist alles in Ordnung. Sie können Ihre Frau und das Kind gleich sehen.«
Gustav Bressem schweigt. Wie sehr hatte er gehofft, es würde ein Junge werden. Eine Tochter hat er doch schon, die vierjährige Erna. Natürlich liebt er sie, und er kümmert sich ja auch fürsorglich um das Kind. Aber wie alle Väter hatte er sich nun auch einen Sohn gewünscht, einen strammen Stammhalter. Wie stolz wäre er gewesen, wenn es dieses Mal geklappt hätte. Die Enttäuschung steht dem Königlichen Eisenbahnsekretär ins Gesicht geschrieben. (Als meine Mutter später erfuhr, dass sie eigentlich ein Sohn werden sollte, nahm sie es mit Humor: Aus dem erhofften Carl war eben eine Charlotte geworden.)
Nachdem auch ein weiterer Versuch der Eheleute Gustav und Hedwig Bressem, einen Stammhalter in die Welt zu setzen, nicht wunschgemäß verlaufen war und abermals mit der Geburt einer Tochter, der Annemarie, endete, musste sich der Königliche Eisenbahnsekretär schließlich damit abfinden, ›nur‹ über einen Frauenhaushalt herrschen zu können.
Karl Gustav Franz Bressem wurde 1871, im Jahr der Gründung des Deutschen Kaiserreiches, als Sohn eines Hauptzollamts-Dieners in Hamburg geboren. Die Vorfahren waren Hugenotten gewesen, französische Protestanten, die wegen ihres Glaubens Ende des 17. Jahrhunderts die vorwiegend katholisch geprägte Heimat verlassen mussten und sich schließlich in der Freien Hansestadt niedergelassen hatten. Wenige Jahre nach der Reichsgründung übersiedelte die Familie Bressem nach Stettin, wo Gustav das Gymnasium mit dem Abitur abschloss und schließlich Beamter bei den Preußischen Eisenbahnen wurde. Nach der Ernennung zum Königlichen Eisenbahnsekretär war er in seiner Dienststelle in Stettin für die Zugfahrpläne zuständig, eine verantwortungsvolle Aufgabe, die er mit Genugtuung und der ihm eigenen Akribie erfüllte. Dass seine Geburt in das Jahr der Reichsgründung fiel, hatte geradezu symbolischen Charakter, denn er wurde ein preußischer Beamter, wie er im Buche stand: Konservativ bis in die Knochen, national gesinnt und als überzeugter Monarchist dem Deutschen Kaiser und König von Preußen treu ergeben. Schon sein Äußeres ließ erkennen, wie sehr ihm Wilhelm II. imponierte. Wie er, so trug auch Gustav einen dichten, nach außen gekämmten Schnurrbart mit steil nach oben gezwirbelten Enden. (Und wie sein Monarch, so musste auch er nachts eine Bartbinde tragen, um das Schmuckstück, das im Volksmund als »Es-ist-erreicht-Bart« belächelt wurde, in Form zu halten.)
Gustav Bressem war stolz darauf, Beamter zu sein, denn die Staatsdiener besaßen alles in allem eine angesehene und herausgehobene Stellung in der wilhelminischen Gesellschaft, verkörperten sie doch Macht und Autorität des kaiserlichen Obrigkeitsstaates. Gleichwohl plagten ihn Minderwertigkeitsgefühle, denn auf die Frage, wann und wo er beim Militär »jedient« habe, musste er jedes Mal eingestehen, dass er wegen seiner starken Kurzsichtigkeit einen ablehnenden Bescheid erhalten hatte. Das war ihm sehr unangenehm, ja peinlich, denn wer »unjedient« war, wurde häufig als »schlapper Zivilist« verspottet. Dabei wäre er so gerne Reserveleutnant geworden, war ihm doch bewusst, wie hoch im Kurs das Offizierskorps in der Bevölkerung stand, welch großen Respekt es genoss, wie stark das Militär als Inbegriff preußischer Tradition und Tugenden in nahezu allen Lebens- und Arbeitsbereichen, auch bei der Eisenbahn, als Vorbild galt, wie wirkungsvoll daher ein Reserveoffizierspatent das Ansehen im bürgerlichen Leben steigerte und überdies Nachweis der vaterländischen Gesinnung war. Doch er musste damit leben, dass ihm dieser Wunsch versagt blieb. Das hatte ihm lange Zeit sehr zu schaffen gemacht. »Aber der Mensch, der Mensch fängt erst beim Leutnant an …« Hätte Carl Zuckmayer seine Tragikomödie »Der Hauptmann von Köpenick« schon damals geschrieben, Gustav Bressem hätte diesen Worten aus eigener Erfahrung sicherlich mit Bitterkeit zugestimmt.
Trotz alledem, er bewahrte sich seinen Humor und kompensierte diesen »Makel«, indem er die Freuden, die das Leben bot, in vollen Zügen genoss. Das weibliche Geschlecht hatte es ihm dabei besonders angetan, war er doch nicht nur ein preußischer Beamter, sondern auch ein Mann. Hedwig, ein Kind vom Lande, wurde schließlich seine Herzensdame. Sie hatte ihn ernsthaft entflammt, mit ihr wollte er einen eigenen Hausstand gründen. Doch mochte es da noch einen anderen Grund gegeben haben, der seine Liebe zu ihr beflügelte? Hedwig war nämlich nicht nur eine anmutige und warmherzige junge Frau, sie war zudem auch eine gute Partie, denn sie stammte aus einer begüterten Familie. Ihre Mutter Ernestine Wilhelmine Bamberg besaß in der kleinen pommerschen Landgemeinde Buchholz nahe Stettin eine Ziegelei, einen Gasthof mit geräumigem Tanzsaal und eine großbäuerliche Landwirtschaft mit ausgedehnten Waldungen. Gustav Bressem registrierte dies jedenfalls mit Befriedigung.
Ernestine Bamberg hatte im Laufe ihrer Ehe acht Kinder zur Welt gebracht, die drei Jüngsten waren jedoch schon früh verstorben, so auch ihr Ehemann. Hedwig musste deshalb der Mutter im Haushalt und in der Gastwirtschaft tüchtig zur Hand gehen und sich dabei auch um ihre vier kleineren Geschwister kümmern, was sie rührend tat. Gustav Bressem sah dies alles mit Wohlgefallen: Konnte es denn einen überzeugenderen Beweis dafür geben, dass Hedwig nicht nur eine ansehnliche und tugendhafte Gattin (mit beachtlicher Aussteuer?) wäre, sondern auch eine liebevolle Mutter seiner künftigen Kinder und obendrein noch eine tüchtige Hausfrau? Er befand sich deshalb in Hochstimmung (und sein lädiertes Selbstbewusstsein erholte sich ein wenig), als Hedwig sein Werben schließlich erhörte und ihm ihr Jawort gab. Auch Ernestine Bamberg zeigte sich mit der Wahl ihrer Tochter zufrieden. Ihr angehender Schwiegersohn war fraglos eine stattliche und gepflegte Erscheinung, ein schlanker und hochgewachsener junger Mann mit zuvorkommenden Umgangsformen, stets gut gekleidet, sonntags in grauem Anzug, gestärkter weißer Hemdenbrust mit Stehkragen, Krawatte oder Querbinder (»Fliege«) und schwarzem Hut, dem »Homburg«. Zwar war sein Gehalt noch etwas bescheiden, wenn auch auskömmlich, aber er konnte ihrer Hedwig jedenfalls wirtschaftliche Sicherheit bieten, da er als Beamter eine Stellung auf Lebenszeit mit Pensionsberechtigung besaß. Das wusste sie sehr zu schätzen, gab es damals doch kaum sichere Arbeitsplätze und in aller Regel nur sehr geringe Altersrenten.
Das junge Ehepaar bezog eine Vier-Zimmer-Mietwohnung in der Kronprinzenstraße im Zentrum Stettins, wo auch alle drei Töchter, Erna, Charlotte und Annemarie, geboren wurden und einen Teil ihrer Kindheit verbrachten. Die beiden Eheleute führten ein Familienleben, wie es in der bürgerlichen Welt des Kaiserreiches selbstverständlich war. Gustav Bressem ging seiner beruflichen Tätigkeit bei der Eisenbahn nach, er verdiente den Lebensunterhalt, er repräsentierte die Familie. Politik und gesellschaftliche Angelegenheiten waren seine Sache. Hedwig Bressem dagegen konnte an der Gestaltung des öffentlichen Lebens nicht mitwirken, denn Frauen besaßen damals kein Wahlrecht und durften auch keiner politischen Organisation angehören (was ihnen erst ab 1908 möglich war). Er fühlte sich als Herr im Haus, dem es selbstverständlich oblag, alle maßgeblichen Entscheidungen zu treffen und der stets das letzte Wort hatte, so wie es in der männerdominierten wilhelminischen Gesellschaft Usus und in der Rechtsordnung auch festgeschrieben war. Ihre Rolle dagegen war die der treusorgenden Ehefrau und Mutter, sie kümmerte sich um die Familie, die Kinder und den Haushalt, das war ihre Domäne. Einer Erwerbstätigkeit hätte sie ohne Erlaubnis ihres Mannes auch gar nicht nachgehen dürfen. Und mit einem solchen Wunsch wäre er fraglos nicht einverstanden gewesen, das hätte sein Stolz nicht zugelassen: Als Königlicher Eisenbahnsekretär war er selbstredend in der Lage, seine Familie zu ernähren, seine Frau musste nicht arbeiten gehen!
Gustav Bressem war ein fürsorglicher Vater, einer, der sich um seine Kinder kümmerte, der an ihrem Leben regen Anteil nahm. Aber er war auch ein sehr strenger Vater, einer, der von seinen Töchtern unnachsichtig Gehorsam, Disziplin und Pflichtbewusstsein, Strebsamkeit, Pünktlichkeit und vor allem Ordnungsliebe verlangte, Tugenden, die er selbst exerzierte, wie es seiner Überzeugung nach einem preußischen Beamten mit hugenottischer Herkunft auch geziemte. Wehe der Tochter, die es etwa wagte, sich unerlaubterweise an einem seiner Bücher zu vergreifen! Mit untrüglichem Blick entdeckte er die Freveltat sofort, wenn das corpus delicti nicht mehr exakt an seinem Platz auf dem Regal stand. Dann mussten die drei Mädchen antreten und wurden so lange verhört, bis die Täterin gestand und zurechtgewiesen werden konnte. Zuweilen verwechselte Gustav Bressem Erziehung aber auch mit militärischem Drill und das Kinderzimmer mit einem Kasernenhof. (Kompensierte er da seine Ablehnung durch das Militär, indem er zu Hause wie ein Reserveoffizier agierte?) Die Familie musste jedenfalls immer wieder unter seinen herrischen Allüren, seinem mitunter auch sehr tyrannischen Auftreten, seinem Kommandoton, seiner Rechthaberei leiden. Und oftmals fürchteten die Töchter ihren Vater geradezu, vor allem dann, wenn er sie, wie die leibhaftige Inquisition, zur hochnotpeinlichen Befragung über ihre schulischen Leistungen ins Wohnzimmer zitierte. Gleichwohl stieß seine häusliche Herrschaftsattitüde bei Hedwig auf Widerstand, denn sie kuschte vor ihrem Gustav nicht. Sie konnte das patriarchalische Familienoberhaupt auch immer wieder in seine Schranken weisen, verfügte sie doch über eine wichtige familiäre Machtposition: Sie verwaltete die Familienkasse! Und dies implizierte, den monatlichen Haushaltsplan mit den einzelnen Etatposten zu erstellen, alle Ausgaben zu kontrollieren und sorgfältig Buch zu führen, eine Profession, die sie im elterlichen Familienbetrieb gründlich gelernt hatte. Das musste Gustav Bressem stets bedenken, vornehmlich dann, wenn er einmal im Monat, freitagabends, seine Kneipen-Tour mit Arbeitskollegen unternahm, eine Männerrunde, die regelmäßig sehr feucht und fröhlich endete. Der Königliche Eisenbahnsekretär war zwar im Dienst ein überaus korrekter und gewissenhafter, ja penibler Beamter, aber bei seinen nächtlichen Exkursionen alles andere als ein Kind von Traurigkeit. Doch zu diesem Vergnügen brauchte er Geld aus Hedwigs Kasse und folglich auch ihr Wohlwollen. Wenn er dann spät nachts und sichtlich alkoholisiert nach Hause kam, war er deshalb stets bemüht, sie mit kleinen Geschenken und seinem schlagfertigen Humor versöhnlich zu stimmen. Einer seiner beliebtesten Sprüche ist in der Familie überliefert: Ich trinke selten, dafür öfter und dann umso mehr.
Gustav Bressem fühlte sich als Beamter mit Gymnasialexamen den »gebildeten Ständen« im wilhelminischen Kaiserreich zugehörig. Dies umso mehr, da er sich als einen stets bildungsbeflissenen Staatsdiener betrachtete, als einen, der sich für Geschichte und Literatur interessierte, der über eine ausgewählte häusliche Bibliothek verfügte, der die Klassiker gelesen hatte und sogar aus ihren Werken zitieren konnte. Deshalb war es für ihn auch keine Frage, dass seine Töchter eine standesgemäße Bildung und Ausbildung erfahren sollten. Da klassische Musik im kulturellen Leben der damaligen bürgerlichen Gesellschaft eine herausgehobene Rolle spielte, mussten selbstverständlich auch seine drei Mädchen, wie die meisten »höheren Töchter«, schon sehr frühzeitig das Klavierspielen erlernen und ihre Künste bei gesellschaftlichen Anlässen zu Hause präsentieren. Das war den Eltern ein Anliegen, das erfüllte sie mit Stolz. Charlotte, die sehr musikalisch war, liebte diese Auftritte, ihre Schwestern Erna und Annemarie dagegen empfanden den Klavierunterricht als seelische Tortur und litten regelmäßig Höllenqualen, wenn sie in Gegenwart von Gästen vorspielen mussten. Als die Familie Jahre später eine größere Mietwohnung in der Pestalozzistraße in Stettin bezog, richteten die Eltern dort sogar ein separates Musikzimmer ein, sehr zum Leidwesen von Erna und Annemarie, die erkennen mussten, dass ihr musikalisches Martyrium so schnell nicht enden würde.
Für Gustav Bressem war es auch keine Frage, dass er seinen jährlichen Urlaub standesgemäß verbringen wollte, glaubte er doch, dies seinem Status als Beamter und Königlicher Eisenbahnsekretär schuldig zu sein. Die Familie reiste deshalb regelmäßig zur »Sommerfrische« in die renommierten Ostseebäder Misdroy, Swinemünde und Ahlbeck, zu deren Gästen stets auch prominente Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft des Kaiserreiches zählten. Dort flanierten und promenierten Gustav und Hedwig Bressem mit ihren Töchtern, elegant herausgeputzt, er im schwarzen Jackett, Hemd und Fliege in Weiß, Kapitänsmütze und Spazierstock, sie chic im hochgeschlossenen, bodenlangen und taillierten Sonntagskleid in dezentem Beige, mit gemusterten Bordüren, auf dem hochgesteckten Haar einen modischen Strohhut, die Kinder in kurzen, bunten Kleidchen mit Schleifen im Haar. Sehen und gesehen zu werden und zu Hause stolz vom Urlaub erzählen zu können, aber auch von den Anforderungen und Zwängen des oftmals grauen Alltags befreit zu sein, Ruhe und Bequemlichkeit zu finden, die See und den Strand zu genießen, Freiluftkonzerte zu erleben, das war es, was die beiden Eheleute und ihre Kinder die Sommerfrische stets herbeisehnen ließ.
Dieses alljährliche Idyll fand jedoch ein jähes Ende, als Anfang August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach. In der deutschen Bevölkerung löste sein Beginn sehr gegensätzliche Stimmungen und Reaktionen aus: Während in der Arbeiterschaft, die in ihrer großen Mehrheit den Krieg ablehnte, Zukunftsangst, Verzweiflung und Resignation dominierten, jubelten vornehmlich die bürgerlichen Kreise der Wilhelminischen Gesellschaft, aber auch viele namhafte Gelehrte, Literaten und Künstler in chauvinistischer Begeisterung und Hurra-Patriotismus.
Und mein Großvater? Welche Gefühle prägten ihn? Auf welcher Seite stand er? Jubelte er mit den Kriegsbefürwortern oder gehörte er zu den Zweiflern und Kritikern? Als stockkonservativer, vaterländisch gesinnter Beamter und überzeugter Monarchist, der das preußische Militär bewunderte und so gerne Reserveleutnant geworden wäre, glaubte er vermutlich die Propaganda der Reichsregierung, es gelte, Deutschland gegen eine ganze Welt von Feinden zu verteidigen, und teilte folglich die Freude über den Kriegsbeginn. Doch ich weiß es nicht sicher, er hat nie darüber gesprochen.
Sie wollen wissen, wie es weitergeht?
Dann laden Sie sich noch heute das komplette E-Book herunter!
Im Rosenheimer Verlagshaus bereits erschienen
Hoffnung auf das große Glück
eISBN 978-3-475-54710-2 (epub)
Ingolstadt 1916: Nach dem tragischen Tod ihrer Mutter wächst die kleine Fanny bei ihren Großeltern auf. Den Ersten Weltkrieg erlebt sie als junges Mädchen im Kreis einer Familie, zu der sie doch nie richtig gehört. Als uneheliches Kind ist sie stets auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit und wird doch immer wieder enttäuscht. Trotzdem verliert sie nie die Hoffnung. Geprägt von Entbehrungen und Schicksalsschlägen geht sie als junge Frau ihren eigenen Weg.
Meine Münchner Kindheit
eISBN 978-3-475-54496-5 (epub)
Franz Freisleder war zu Kriegsbeginn acht Jahre alt. Alt genug, um zu begreifen, dass der Krieg mehr als den Wegfall des Oktoberfestes bedeutete. Aber zu jung, um später Rechenschaft ablegen zu können. Keine andere Stadt stand so im Fokus der Kriegsjahre 1939–1945 wie München. Als »Hauptstadt der Bewegung« bildete sie ein Zentrum des Nazi-Regimes und musste dafür später bitter bezahlen.
Neben den traumatischen Erfahrungen des Krieges erzählt Franz Freisleder auch von schönen Momenten. Theaterbesuche und seine Leidenschaft für Pferde und Trabrennen machten ihm diese Zeit erträglich.
Ins warme Licht der Freiheit
eISBN 978-3-475-54501-6 (epub)
Es hätte eine behütete Kindheit und Jugend sein können im sächsischen Dreiländereck. Doch nach und nach brechen die Schatten der Zeitgeschichte in Ursulas Leben ein: der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg. Schorsch, ihre erste Liebe, fällt in den Kämpfen gegen Kriegsende. Als die Niederlage besiegelt ist, flieht die junge Frau aus dem Dorf vor der Roten Armee. Man will sich nach Prag in Sicherheit bringen – ohne zu ahnen, dass diese Flucht geradewegs in die Hölle führt. Eine lange Zeit wird es dauern, bis Ursula wieder das warme Licht der Freiheit sehen darf …
Klassentreffen
eISBN 978-3-475-54795-9 (epub)
Der bekannte Schriftsteller Helmut Zöpfl erzählt über seine Kindheit: Kein Wunder, dass daraus eine höchst unterhaltsame Lektüre wird. Wir lernen eine längst vergangene Zeit aus dem Blickwinkel eines Münchner Buben kennen. Eine Zeit, in der man sich als stolzer Besitzer eines Fußballs noch wie ein König fühlen konnte. Auch über so manchen gelungenen Lausbubenstreich kann man schmunzeln. Aber auch der ernste Zeithintergrund, der Zweite Weltkrieg mit seinen Bombenangriffen und die Kriegsgefangenschaft des Vaters, kommen zur Sprache.
Besuchen Sie uns im Internet:www.rosenheimer.com
