Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein Schneesturm am ersten Advent wirbelt nicht nur Schneeflocken in Herrn Toftis kleine Kaffeestube, sondern auch ungeahnte Veränderungen in seine Familie. Advent bedeutet fortan nicht mehr nur Besinnlichkeit, sondern vor allem jede Menge Kreativität, Improvisation, ein dickes Nervenkostüm und Sinn für Humor. Herr Toftis schrullige Frau ist dafür allerdings nur einer der Gründe...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 50
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Marie-Therese Burger
Herr Toftis Advent
Vier weihnachtliche Kurzgeschichten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Der Kaffee-Koller
Das Bengel-Böhnchen
Die Prütt-Piste
Die Tofti-Tannen
Impressum neobooks
Eine kleine Sammlung vorweihnachtlicher, nostalgisch angehauchter Geschichten für alle, die den Geist der Weihnacht,
auf welche Weise auch immer,
Der Winter stellte sich ein.Nicht heimlich, still und leise, sondern mit großem Getöse und ohne Wenn und Aber. Gestern noch hatte die Sonne die am Boden umherwirbelnden Blätter rot und golden leuchten lassen wie dünnes Transparentpapier, nun war sie verschwunden. Wurde verdrängt von der grauen, tief hängenden Wolkendecke, gegen die die Tischlampen seiner kleinen Kaffeestube stoisch anstrahlten.Viel Publikum erwartete er heute nicht. Niemand wäre so verrückt, freiwillig in den Schneesturm, der das große Schaufenster in seinem Rahmen klirren ließ, hinauszugehen. Doch man konnte ja nie wissen und so perlte in der unscheinbaren Ecke neben der Kuchenvitrine Édith Piaf aus dem Trichter des Grammophons als gäbe es weder Schnee noch Sturm.Hinter der Vitrine sah er die emsigen Hände seiner Frau unnötigerweise wieder und wieder über die glänzende Anrichte putzen, jedes Ventil und jeden Hahn des metallenen Kaffeeautomaten kontrollieren, der, eine neue Errungenschaft der Technik, zwei Tassen gleichzeitig mit feinstem Kaffee füllen konnte. Die antike Bahnhofsuhr oben an der Wand erntete von ihm an diesem Tag nichts als feindselige Blicke, tickte aber aufmüpfig weiter. Aber gut, was konnte sie schon für das Schneechaos?In der heimeligen Wärme der Stube erwischten ihn mit fortschreitender Stunde dieses stürmischen Morgens eiskalt die düsteren Gedanken an die finanziellen Folgen des Wintereinbruchs. Ein Blick aus dem Fenster bestätigte ihm: Heute ging tatsächlich niemand auf die Straße. Die Kundschaft blieb heute aus, vielleicht sogar noch morgen. Die Kasse würde leer bleiben, die Pacht trotzdem anfallen. Hoffentlich kamen die Trupps zur Räumung der Straßen schnell vorwärts. Gab es erst einmal Wege durch die Schneedecke, würde auch bald das Kaffee liebende Publikum wiederkommen.Er wollte gerade ins Gewölbe gehen, um den Bestand aufzunehmen, da bimmelte tatsächlich das Glöckchen über der Tür und hieß Fräulein Amelie Putz willkommen. Eine große Schar Schneeflocken folgte der zierlichen jungen Dame hinein ins Warme und fiel, in Windeseile zu Tropfen geschmolzen, auf die alten Eichendielen, welche jeden von Fräulein Putz‘ Schritten mit nachgiebigem Knarren begleiteten.„Uh, ist das ein Wetter“, sagte sie fröhlich, während sie ihren kirschroten Dufflecoat ablegte, der sich hervorragend mit der altrosa Ornamenttapete des Raums biss. Wohlig seufzend ließ sie sich auf ihrem Stammplatz direkt am großen Fenster nieder.Fräulein Putz strich mit der flachen Hand über die blitzblanke Platte des runden Tisches und zupfte das Spitzendeckchen zurecht. Dass es mit der Zeit aufgrund dessen völlig aus der Form geraten war, schien sie eher zu freuen, nicht zu ärgern. So hatte sie schließlich einen Grund für ihre morgendliche Zupfroutine.Sie summte vor sich hin, wippte taktlos mit dem Fuß und freute sich alsbald über die Tasse frisch aufgebrühten Kaffees, die sein hemdsärmliger Männerarm seitlich in ihr Sichtfeld schob.Er, das war Herr Tofti, der Betreiber der winzigen Kaffeestube „Toftis Böhnchen“. Allmorgendlich, genau genommen seit einem knappen halben Jahr, servierte er Fräulein Putz, ihres Zeichens Dienstmädchen im ehrwürdigen Hause Marschall, ihren Kaffee. Jedes Mal bedankte sie sich mit einem hinreißenden Augenaufschlag, eingerahmt von dick getuschten Wimpern. Und wenn das Fräulein dann noch ihr fein gewebtes Tuch von den Schultern nahm und sich die blonden Locken in gewaltigen Wellen über ihre schmalen Schultern ergossen, dann... Ja, dann konnte an dem Tag nichts, aber auch gar nichts mehr schiefgehen.Es sei denn, Frau Tofti bekam das mit. Meistens schrieb sie die geröteten Wangen ihres ergrauten Gatten aber seinem Arbeitseifer zu. Und so abwegig war das gar nicht, denn kaum etwas betrieb Herr Tofti mit mehr Hingabe und Eifer als sein kleines aromatisches Schmuckstück.Er verbrachte Ewigkeiten im Gewölbe unter dem Gastraum, wo all die Säcke wertvoller Bohnen lagerten, ohne zu bemerken, wie die Zeit verstrich. Er mahlte die Bohnen für seinen Kaffee mit äußerster Sorgfalt und hegte noch immer ein Restmisstrauen gegenüber dem neumodischen Kaffeeautomaten. Er betätigte jeden Knopf und jeden Hebel der Maschine mit größter Vorsicht, um mit seinen großen Händen nichts abzubrechen und führte jede frisch aufgebrühte Tasse Kaffee zum finalen Beschnuppern unter seine Nase, obwohl manch einer munkelte, Herr Tofti könne den Geruch nach all den Jahrzehnten längst nicht mehr wahrnehmen.Seine Arbeit erfüllte ihn und so umspielte tagein, tagaus ein zufriedenes, stilles Lächeln seine mokkabraunen Augen und den – mit zunehmendem Alter immer schmaler gewordenen – Mund.Herr Toftis Frau hingegen war eher großschnäuzig. Abgesehen von der beachtlichen Menge an Worten, die sie gleichzeitig in ihrem Sprechorgan verarbeiten konnte, war auch alles andere an ihr recht üppig geraten. Und sie spielte diese Präsenz mit größter Freude aus.„Fräulein Putz, wie schön! Dass Sie hierher gefunden haben! Bei diesem Wetter!“, krähte sie hinter der Theke, da kam selbst das Piaf’sche „Jézébel!“ nicht gegen an. „Ob die heute noch zum Räumen kommen... Ich glaube es ja nicht. Und uns bleiben alle Gäste weg, nun, außer Ihnen. Direkt als es anfing zu schneien hätten die ausrücken sollen. Aber was reg‘ ich mich auf? Auf mich hört ja keiner.“Und ohne Fräulein Putz‘ Einwand abzuwarten, zu dem diese soeben ansetzte, schoss Frau Tofti ein „Kuchen zum Kaffee?“ hinterher, das das Fräulein dankend ablehnte.Durch das große Fenster sah Herr Tofti seinen Sohn, ein junger Lehrer, zur Arbeit stapfen. Er mietete in einem der Häuser gegenüber eine kleine Dachkammer. Sie müsse auch gleich wieder aufbrechen, meinte in dem Moment das Fräulein, denn Madame Marschall würde ein Zuspätkommen selbst bei diesem Wetter nicht dulden. Herr Tofti hielt dem jungen Gast zum Abschied die Tür auf und schloss sie so schnell die Höflichkeit es zuließ wieder, bevor zu viel Kälte in die Stube eindringen konnte.„Armes Ding“, murmelte er und sah den roten Mantel im weißen Flirren des Schnees verschwinden.
