Herzenskinder - Isabella Lovegood - E-Book

Herzenskinder E-Book

Isabella Lovegood

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Beschreibung

Seit sechs Jahren sind Sabine und Thomas Arbeitskollegen - und nicht mehr. Erst als sie sich gegenseitig in Notlagen zur Seite stehen, fangen sie an, einander mit anderen Augen zu sehen. Bald prickelt es zwischen ihnen mehr, als sie jemals für möglich gehalten hätten. Alles scheint sich perfekt zu entwickeln. Sogar der achtjährige David und die zehnjährige Sandra finden den neuen Mann an Mamas Seite super. Leider kollidiert Sabines abgeschlossene Familienplanung mit dem brennenden Kinderwunsch von Thomas. Das stürzt die beiden in Zweifel und Unsicherheit. Welche Entscheidung sollen sie treffen? Immerhin sind sie beide bereits um die vierzig. Doch wie das oft im Leben so geht, kommt vieles anders als geplant. Ein fröhlicher Wohlfühlroman mit erotischem Prickeln rund um eine liebevolle Patchwork-Familie mit pfiffigen Kindern, die manches schneller begreifen als die Erwachsenen, liebenswerten Charakteren und turbulenter Handlung. Es gibt auch ein Wiedersehen mit vielen Protagonisten aus den Vorbänden. Die Reihe "Zimmer frei für die Liebe": - Heiße Küsse für das Christkind - Ein Koch zum Verlieben - Die Liebe kommt in Gummistiefeln - Liebe ist kein Computerspiel - Zuckerbäcker küssen besser - Regenbogenküsse - Kreuzfahrt zurück ins Leben - Starthilfe fürs Herz - Herzenskinder Von der Autorin sind außerdem folgende sinnliche Liebesromane erschienen: Die Reihe "Club Red Vulcano" - Zweite Chance für Lust und Liebe - Wer mit dem Feuer spielt Die Reihe "Nachhilfe für die Liebe" - Die Sexpertin - Patchwork mit Herz - Dich zu sehen Die Reihe "Mallorca-Erotic-Romance" - Ich, du und sie - Wir drei für immer - Zitronenblütenküsse und Lebkuchensterne - Weil die Liebe siegt - Wahre Liebe rostet nicht - Das Meer, du und ich - Ein Boot, ein Kuss und du - Du, ich und Weihnachtszauber "Keine Cupcakes für Bad Boys" zwei Romane in einem Buch - (K)ein Bad Boy für Carolin von Isabella Lovegood - Ein Cupcake zur Mittsommernacht von Tamara Leonhard "Traumprinz nicht gesucht und doch gefunden" (Fortsetzung) erscheint am 28. April 2021 Die "Rosen-Reihe": - Sommerflirt mit Folgen - Liebe zu dritt - Rosen-Himmel - Geteilte Liebe - Drei plus zwei und jede Menge Liebe - Auf Liebe gebaut - Herbstgenüsse - Aller guten Dinge sind 5 - Weihnachten am Heckenrosenweg "Hot Holiday Lovers" - erotischer Liebesroman "Neujahrsliebe" - Sinnlich-erotische Kurzgeschichte "Venus trifft Venus" - Sinnlich-erotische Kurzgeschichte Unter dem Pseudonym C.P. Garrett "A Groupie's Dream" - erotische Kurzgeschichte "Nina" - erotischer Roman "Mein 10. Hochzeitstag" - erotische Kurzgeschichte "Der Zucker und das Salz des Lebens" + "Honig und Chili" 2-teiliger, erotischer Roman Unter dem Pseudonym Ingrid Lechner - Die Hexe Veronika: Roman für Kinder ab ca. 5 Jahren und dazu passendes Malbuch

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33. Kapitel
Leseprobe aus „Die Hexe Veronika“
Leseprobe aus „Zweite Chance für Lust und Liebe“

Herzenskinder

Liebesroman

von Isabella Lovegood

Band 9 aus

der Reihe „Zimmer frei für die Liebe“

Copyright © 2018 Isabella Lovegood

Alle Rechte vorbehalten. Jede Weitergabe, Kopie oder sonstige Vervielfältigung verletzt das Urheberrecht und fügt der Autorin finanziellen Schaden zu.

www.Isabella-Lovegood.at [email protected]

Covergestaltung: Isabella Lovegood Cover-Fotos: daffodilred - stock.adobe.com kebox - Fotolia

Alle Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten sind rein zufällig und ungewollt.

1. Kapitel

Sabine warf einen Blick auf die Küchenuhr und legte seufzend das Messer weg, mit dem sie selbstgemachten Kräuteraufstrich auf den Pausenbroten ihrer Kinder verteilt hatte. Es war fast jeden Tag das Gleiche. Zumindest an den Schultagen war ihr Sohn nicht aus dem Bett zu bekommen. An den Wochenenden hingegen, wo sie selbst gerne ausgeschlafen hätte, war David meistens schon um sieben Uhr wach.

Als sie an der offenen Badezimmertür vorbeiging, lächelte ihr Sandra aus dem Spiegel entgegen. „Guten Morgen, mein Schatz, brauchst du Hilfe beim Frisieren?“, fragte sie ihre zehnjährige Tochter, die mit einer Bürste durch ihr dichtes, lockiges Haar fuhr. Sandra war blond wie ihr Vater, doch die Naturwelle hatte ihr Sabine vererbt.

„Ich denke, ich bekomme es hin, danke“, antwortete sie und deutete auf die bunten Klappspangen, die sie bereitgelegt hatte. Sabine nickte ihr zu, dann ging sie die wenigen Schritte über den Flur zum Zimmer ihres Sohnes. Wie sie vermutet hatte, lag er noch immer unter der Decke.

„Guten Morgen, David, Zeit, aufzustehen!“ Sie rüttelte sachte an seiner Schulter, doch er rührte sich nicht. In dem Moment, als sie nach der Decke griff, um sie wegzuziehen, fuhr der Kleine wie von der Tarantel gestochen hoch. Beinahe wären ihre Köpfe zusammengestoßen.

„Überraschung!“, quietschte der Junge und warf ihr ungestüm die Arme um den Hals. „Ich bin schon fertig angezogen“, verkündete er stolz. „Freust du dich?“

Sabine drückte ihn liebevoll. „Auf jeden Fall! Das hast du super gemacht!“ Ihr Blick fiel auf seine Füße. Der Rechte steckte in einer blauen Socke, der Linke in einer hell- und dunkelblau gestreiften. David folgte ihrem Blick. „Ich weiß, aber mir gefällt das so.“

Kurz kämpfte sie mit sich, entschied sich jedoch dann dafür, ihn seine Individualität ausleben zu lassen. Wann sonst, wenn nicht in der zweiten Klasse? „Vielleicht hast du ja Lust, einen der beiden dazu passenden Socken in deine Schultasche zu stecken? Nur für den Fall, dass es dich doch im Laufe des Tages stört?“, schlug sie vor. Dabei hatte sie zwar eher Hänseleien im Sinn, aber sie wollte den Glauben ihres Sohnes an die Toleranz seiner Schulkollegen oder der Lehrerin nicht von vorneherein untergraben. Überraschend verständig griff David zur Ringelsocke, die neben dem Bett auf dem Fußboden lag. „Dann die hier.“ Er stopfte sie in seinen Rucksack, hob ihn hoch und machte Anstalten, das Zimmer zu verlassen.

„Hast du dir das Gesicht gewaschen?“

Er nickte wenig überzeugend, dann schüttelte er mit einer resignierenden Grimasse den Kopf. „Sandra braucht ja immer so ewig im Badezimmer“, maulte er.

„Sie macht bestimmt kurz für dich Platz. Es wird Zeit, dass ihr an den Frühstückstisch kommt“, mahnte sie ihn. Mit seinen kurzen, glatten Haaren musste er sich nicht einmal kämmen und so war er tatsächlich ruckzuck fertig.

Sabine achtete darauf, dass die beiden ausreichend frühstückten, während sie die Pausenbrote fertig machte und sie in die bunten Dosen legte. Für jeden gab es dann noch einen Apfel und ein paar Walnusskerne, die in einem Extrafach Platz fanden.

Pünktlich machten sie sich auf den Weg. Draußen war es empfindlich kalt, nur wenige Grade über null, obwohl es schon Anfang März war. Die Sonne war bereits aufgegangen und es versprach ein schöner Frühlingstag zu werden.

Sabine lieferte die Kinder auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz bei der Schule ab. Am Nachmittag würden sie mit dem Schulbus nach Hause fahren.

Sie betrat das Büro der Kfz-Werkstatt, in der sie als Sekretärin arbeitete, und schloss die Tür hinter sich wieder ab. Sie hängte ihre Jacke an die Garderobe und schlüpfte aus den Schuhen und in ihre hübschen Pantoffeln mit dem dezenten Keilabsatz. Durch die Verbindungstür erreichte sie die Werkstatt, die noch ruhig und verlassen da lag. Sie durchquerte die Halle und knipste das Licht im Aufenthaltsraum an. Ein erschrockener Schrei entfuhr ihr, als sie beinahe über etwas Großes, Weiches stolperte, das auf dem Boden lag. Erst im nächsten Moment wurde ihr klar, dass es sich um eine menschliche Gestalt in einem Mumienschlafsack handelte. Ein verschlafenes Gesicht tauchte daraus auf.

„Thomas?“, fragte sie verblüfft. „Was machst du denn hier? Und warum schläfst du auf dem Fußboden?“

Der Lackierer setzte sich auf, wobei er mit der Enge des Schlafsacks kämpfte. Verlegen kratzte er sich am Kinn, das eine Rasur vertragen hätte.

„Ich wusste nicht, wo ich sonst auf die Schnelle hätte unterkommen sollen.“ Je wacher er wurde, umso unangenehmer wurde ihm die Situation sichtlich. Sabine ging um ihn herum und schaltete die Kaffeemaschine ein, dann lehnte sie sich mit dem Po gegen die Küchenfront. „Wir haben noch ein paar Minuten, bevor die anderen auftauchen. Erzählst du mir, was los ist?“

Thomas schälte sich aus seiner wärmenden Hülle und rappelte sich mühsam auf. Er hatte in seiner Kleidung geschlafen und es war ihm anzusehen, dass er steif und ungelenkig war. Eilig rollte er den Schlafsack zusammen und stopfte ihn gemeinsam mit der Decke, auf der er gelegen war, in seinen Spind. Dankbar nahm er einen Becher mit aromatisch duftendem Kaffee in Empfang und rührte einen kräftigen Löffel Zucker hinein.

Sie setzte sich mit ihrem Kaffeebecher ihm gegenüber an einen der kleinen Tische. „Was ist passiert? Dass es dir schon länger nicht gut geht, ist uns allen aufgefallen. Du siehst ziemlich fertig aus und du trinkst zu viel.“

Er nickte beschämt. „Ich weiß. Alleine, wenn ich an die Weihnachtsfeier denke ... Damals wurde mir klar, dass ich etwas ändern muss. In meiner Beziehung passt es schon lange nicht mehr so richtig. Vanessa hat nur noch an mir herumgenörgelt, egal was ich machte. Ich wäre sogar bereit gewesen, eine Paartherapie zu machen.“ Ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund. „Gestern hatte ich hier früher Schluss gemacht ...“

Sabine nickte. „Der Zahnarzttermin.“

„Ich fuhr zuhause vorbei, weil ich meine Zahnbürste vergessen hatte. Da hat sich mein Verdacht bestätigt, dass Vanessa eine Affäre hat.“

„Oh“, machte Sabine schockiert.

„Ja, genau. In unserem Bett. Ich konnte mich nicht mehr überwinden, mich da noch einmal hineinzulegen, und wollte nur noch weg.“

„Verständlich“, bemerkte sie trocken. „Und wie geht es weiter? Das hier ist doch keine Dauerlösung.“ Sie wies auf die Stelle, wo sie ihn angetroffen hatte.

„Nein, natürlich nicht. Ursprünglich wollte ich bei meinen Eltern unterkriechen, doch ich hatte in meiner Aufregung vergessen, dass sie auf Urlaub sind. Da beschloss ich, eben im Auto zu pennen. Den Schlafsack hatte ich zufällig noch im Kofferraum. Aber in der Nacht wurde es mir zu kalt. Da war es schon zu spät, bei einem meiner Freunde aufzutauchen. Außerdem sind das alle gemeinsame Freunde und ich will sie nicht in Verlegenheit bringen, Partei ergreifen zu müssen.“ Er nippte an seinem Kaffee und sah vor sich hin. „Ist echt dumm gelaufen. Am besten wäre wohl, ich suche mir ein Zimmer in einer Frühstückspension, was denkst du?“ Er streifte sie mit einem fragenden Blick, obwohl er anscheinend keine Antwort erwartete, denn er sprach gleich weiter. Sabine kam es vor, als wollte er sich einfach alles von der Seele reden. „Ehrlich gesagt fehlt mir dafür im Moment das nötige Kleingeld. Ich hab meine Ersparnisse in die Anzahlung für Vanessas neues Auto gesteckt und der Kredit läuft auch auf mich, weil sie keinen bekommen hätte. Ich wollte, ich hätte auf mein Bauchgefühl gehört, dann wäre ich schon früher gegangen.“

Instinktiv legte Sabine die Hand tröstend auf seinen Arm. „Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ich kenne das. Mir ging es ganz ähnlich.“ Sie griff wieder nach ihrem Kaffee und trank einen Schluck, während sie überlegte. „Mit Vijay willst du nicht darüber reden? Vielleicht wüsste er eine Lösung. Jetzt, wo Christof bei Jürgen eingezogen ist, könntest du ja vielleicht in das freie Zimmer ...“

„Nein, das will ich nicht. Dass er Christof als seinen besten Freund vorübergehend aufgenommen hat, ist klar. Vijay ist als Chef schwer in Ordnung, aber ihn in meinen privaten Schlamassel hineinzuziehen, widerstrebt mir zutiefst. Ich komme mir so schon total dämlich vor. Du erzählst niemandem etwas, oder?“

Sabine schüttelte den Kopf und seufzte innerlich. Dass der angeknackste Stolz Thomas schwer zu schaffen machte, konnte sie nachvollziehen. Es war schmerzhaft, sich eingestehen zu müssen, betrogen und ausgenützt worden zu sein. Er tat ihr von Herzen leid, wie er so zerzaust an Körper und Seele da saß und an seinem Kaffee nippte.

„Hör mal, versteh mich nicht falsch ... Wir kennen uns jetzt schon seit sechs Jahren ... Ich hätte ein Gästezimmer, das ich dir vorübergehend anbieten könnte. Das muss aber auch unter uns bleiben. Auf Tratsch kann ich verzichten.“

„Wirklich? Das würdest du für mich tun?“

Von draußen war ein Geräusch zu hören und sie hob schnell den Zeigefinger an die Lippen.

„Guten Morgen!“, grüßten Jürgen und Christof gutgelaunt, als sie den Mitarbeiterraum betraten. Sabine schnellte von ihrem Platz hoch, als ihr blitzartig klar wurde, dass es höchste Zeit war, den Anrufbeantworter auszuschalten und die Bürotür aufzuschließen. Thomas nahm ihr den leeren Kaffeebecher aus der Hand und signalisierte ihr, dass sie sich darum nicht zu kümmern brauchte.

Während Sabine mit ihrer Morgenroutine beschäftigt war, fragte sie sich etwas spät, welche Auswirkungen ihr spontanes Angebot haben würde. Jetzt, mit etwas Abstand, wurde ihr klar, dass da ihre Hilfsbereitschaft etwas mit ihr durchgegangen war. Sicher, sie arbeiteten schon lange im selben Betrieb und er war ein netter, sympathischer Kollege, aber so richtig gut kannten sie sich nicht. Ja, er hatte Probleme, aber was würde dadurch an Schwierigkeiten auf sie selbst zukommen? Wie würden die Kinder auf einen überraschenden Gast reagieren? Das würde sie jedoch noch am selben Tag feststellen können, denn ein Rückzieher kam nicht infrage. Sie würde es den Kids erklären. Sie waren offen und selbstbewusst und fanden den neuen Mitbewohner vielleicht sogar ganz interessant. Es würde schon alles gut gehen. Und sollten die Kinder Thomas nerven, war das sein Problem und nicht ihres. So oder so musste er schnell eine Lösung für sein Wohnproblem finden.

***

Als sich der Feierabend näherte, wurde Thomas zunehmend nervöser. Sabine hatte ihm ihre Adresse gegeben. Sie arbeitete nur bis halb drei am Nachmittag, er bis halb fünf Uhr. Während er das Navigationsgerät mit dem Straßennamen programmierte, fragte er sich, ob er etwas mitbringen sollte. Er wollte ihr seine Dankbarkeit zeigen und bei ihr und den beiden Kindern einen guten Eindruck machen. Als er in Bad Hofgastein am Café Lisbeth vorbeifuhr, durchzuckte ihn die Erinnerung, dass Sabine cremige Torten liebte. Rasch entschlossen suchte er nach einem Parkplatz. Angesichts der verführerisch bestückten Theke fiel ihm die Entscheidung schwer. Am Ende verließ er die Konditorei mit fünf unterschiedlichen Tortenstücken und verschiedenem süßem Gebäck.

„Ich dachte, vielleicht möchten die Kinder sowas ja zum Frühstück essen?“, schlug er vorsichtig vor, als er Sabine das Papiersäckchen in die Hand drückte. Die Kids kamen gemeinsam in den Vorraum und beäugten ihn neugierig.

„Hallo, ich bin Thomas“, stellte er sich vor und streckte dem Mädchen die Hand zur Begrüßung hin.

„Ich bin Sandra und das ist David. Mama hat gesagt, du wirst einige Zeit bei uns wohnen.“

„Ja, das war sehr lieb von ihr und ich werde mich bemühen, euch möglichst wenig zu stören“, erwiderte er. Er fragte sich, was sie den Kindern erzählt hatte.

„In einer halben Stunde gibt es Abendessen. Ihr räumt bitte bis dahin eure Schultaschen für morgen ein. David, deine Jausendose brauche ich noch.“ Mit einer auffordernden Handbewegung scheuchte Sabine ihre Kinder zurück in die hinteren Bereiche der Wohnung. Dann lächelte sie ihn an. „Ich zeige dir schnell mal dein Zimmer und das Badezimmer.“

Thomas schlüpfte eilig aus Jacke und Schuhen. Die Garderobe war etwas überfüllt, aber er fand doch noch ein Plätzchen. Er nahm seine Tasche, in die er am Vorabend rasch ein paar Kleidungsstücke und sein Waschzeug gestopft hatte, und folgte in Socken seiner Gastgeberin. Amüsiert bemerkte er, dass sie einen Hausanzug trug, der sich eng an ihren wohlgeformten Po schmiegte. Sabine deutete auf die erste Tür links neben dem Eingang. „Hier ist die Toilette und gleich daneben das Badezimmer. David habe ich beigebracht, dass er im Sitzen pinkeln muss. Es wäre nett, wenn du dich auch daran halten würdest.“ Sie zwinkerte ihm zu.

„Klar. Daran bin ich ohnehin gewöhnt“, stellte er fest. Vanessa hatte es ihm jedoch nicht mit einem so charmanten Lächeln befohlen. Rasch schob er die Erinnerung beiseite.

„Hier geht es in die Wohnküche, da ist Sandras Zimmer, und hier haust David.“ Die Zimmertür stand offen und Thomas erhaschte einen Blick auf ein etwas chaotisches, bunt-fröhliches Kinderzimmer. Mitten in dem Durcheinander saß der kleine Junge auf dem Boden und sortierte seine Schulsachen. „Daneben befindet sich mein Schlafzimmer. Der letzte Raum auf dem Flur ist das Arbeits-Schrägstrich-Gästezimmer.“ Sabine öffnete eine Tür und ließ ihm den Vortritt. „Das Bett habe ich vorhin frisch überzogen, der Schrank ist leer. Es ist nicht groß, aber als Übergangslösung wird es seinen Zweck erfüllen.“

„Tausend Dank, Sabine, ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich dir bin! Wieder ein Badezimmer und ein richtiges Bett zu haben, ist nach dieser Nacht Luxus pur.“ Er war versucht, sie im Überschwang der Erleichterung zu umarmen, ließ es dann aber doch lieber. Sie sollte nicht den Eindruck haben, dass er die Situation in irgendeiner Weise ausnützen wollte. Obwohl sie in ihrem flauschig wirkenden Hausanzug und mit den zu einem unordentlichen Dutt hochgesteckten Haaren ziemlich niedlich aussah. So richtig zum Anbeißen. Erschrocken stellte er fest, dass sich in seinen unteren Regionen etwas regte. Allerdings hatte er schon so lange keinen Sex mehr gehabt, dass es ihm gar nicht mehr einfallen wollte, wann das gewesen war.

„Mach es dir mal bequem. Wenn du Schmutzwäsche hast, wirf sie in die Tonne im Badezimmer.“

„Hey, das geht doch nicht!“ Die Vorstellung, dass Sabine seine Unterhosen in die Waschmaschine stopfte und auf die Leine knipste, war ihm peinlich. Sie schien seine Gedanken zu erraten und grinste.

„Es macht doch keinen Sinn, wenn du deine Wäsche zusammenkommen lässt, bis eine Trommel voll wird. Ich wasche ohnehin fast täglich, da kommt es auf dein Zeug nicht an.“

„Wir müssen uns unbedingt darüber unterhalten, wie ich dir zur Hand gehen kann. Außer zum Bügeln stehe ich für alles zur Verfügung.“

„Na, das ist doch mal ein Wort. Jemand, der sich freiwillig anbietet!“ Sabine sah eindeutig erfreut aus.

„Ich war zwischendurch immer wieder mal Single. Haushaltstechnisch bin ich fit. Ich kann sogar ein bisschen kochen.“

„Oh, Mist! Ich habe die Nudeln vergessen! So ein Glück, dass die Kinder sie ohnehin lieber matschig essen.“ Sie lief aus dem Zimmer.

Thomas sah sich noch einmal in Ruhe um. Das Zimmer war wirklich nicht groß. An einer Wand stand ein schmales Doppelbett – oder ein extrabreites Einzelbett, je nachdem, wie man es betrachtete. Daneben befanden sich ein Nachtkästchen, ein zweitüriger Schrank und ein schmales Regal, auf dem einige Bücher standen. Ein kleiner Schreibtisch und ein Bord mit ein paar Ordnern vervollständigten das Mobiliar. Der Vorhang war einfärbig in einem angenehmen Moosgrün, das sich auch auf dem Teppich wiederfand. Das Zimmer war schlicht, aber bequem und funktionell eingerichtet. Erleichtert ließ er sich auf das Bett sinken. Überrascht registrierte er, dass der ganze Frust der letzten Wochen und Monate von ihm abgefallen war. Er befand sich in einem ungewohnten Zustand der Zufriedenheit, obwohl sein Privatleben praktisch einem Scherbenhaufen glich. Amüsiert hörte er, wie Sabine ihre Kinder zum Abendessen rief und im nächsten Atemzug auch ihn.

2. Kapitel

Sabine lächelte Thomas zu, als er die Küche betrat. „Guten Morgen! Gut geschlafen?“

Er erwiderte ihr Lächeln. „Guten Morgen! Ja, danke, so gut wie schon lange nicht mehr!“

„Du kannst dir schon Kaffee nehmen, wenn du willst.“ Sie deutete mit dem Kopf in die Ecke, wo die Maschine röchelnd und zischend in den Endspurt der Zubereitung überging.

„Kann ich dir etwas helfen? Oder bringe ich damit nur deine Abläufe durcheinander?“

„Tischdecken wäre nicht schlecht. Das Geschirr ist hier.“ Sie öffnete einen Oberschrank. „Du könntest auch die Mehlspeisen auf einen Teller legen. Sandra und David werden sich freuen.“ Sie fand es ungewohnt, aber nicht schlecht, als sich ihr Kollege bereitwillig an die Arbeit machte. „Was frühstückst du? Süß oder pikant?“, fragte sie, als sie den Kühlschrank öffnete. Sie nahm den Deckel der flachen Box ab, in der sie den Wurstaufschnitt aufbewahrte.

„Normalerweise wenig bis gar nicht.“

„Sag bloß, du bist der ‚Kaffee und Zigarette-Typ‘“, fragte sie schmunzelnd.

Thomas zuckte mit den Schultern. „Kommt auf die Gesellschaft an. Vanessa steht erst später auf und alleine zu frühstücken, macht mir keinen Spaß.“ Er verzog das Gesicht. „Aber das hat sich ja jetzt ohnehin erledigt.“

„Mama? Kommst du bitte mal?“ Sabine drehte die Herdplatte ab, auf der sie die Milch für Davids Kakao wärmte, und folgte der Stimme ihrer Tochter ins Badezimmer. Sie hielt ihr einen Zopfgummi hin. „Flechtest du mir bitte einen Zopf?“

Sabine liebte es, die Bürste durch Sandras dichtes Haar zu ziehen und hochzubürsten. Es war seidig und weich. Die Zeit verging so rasend schnell und bald würde sie so selbstständig sein, dass sie sich von ihr nicht mehr frisieren lassen würde. Geübt teilte sie die Fülle in drei Strähnen, flocht sie und schlang den Gummi um das Ende. „Ist Thomas schon wach?“, fragte das Mädchen.

„Ja, er sitzt schon in der Küche“.

„Er ist nett“, stellte Sandra fest und befestigte ein paar kürzere Haare seitlich mit zwei Spangen. Mutter und Tochter lächelten sich kurz im Spiegel zu.

„Hast du schon was von David gehört?“, fiel ihr dann ein. Sandra schüttelte den Kopf. Alarmiert öffnete Sabine die Tür zum Jungenzimmer. Wie befürchtet lag ihr Sohn noch im Bett. „Aufstehen, Schätzchen, das Frühstück wartet!“

„Ich hab so ein komisches Gefühl im Bauch“, kam es unter der Decke hervor.

Sabine berührte prüfend die lauwarme Stirn und betrachtete sein Gesicht. Es sah verschlafen, aber rosig und gesund aus. „Steh mal auf, dann sehen wir weiter.“ Als sie in die Küche zurückging, überlegte sie, ob sie ihm nicht besser einen Tee zubereiten sollte. Falls sein Magen tatsächlich verrückt spielte, war Kakao nicht die erste Wahl.

Als sich ihr Kleiner jedoch mit Appetit über die Nusskrone hermachte, verflogen ihre Bedenken wieder.

„Gibt es irgendetwas, das du nicht isst?“, fragte sie Thomas. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass sie für ihn mitkochte und er sich dafür finanziell an den Einkäufen beteiligen würde.

„Innereien mag ich nicht, aber sonst bin ich ganz unkompliziert.“

„Was sind Innereien?“, wollte David wissen.

„Das sind die Organe. Leber, Nieren, Herz und so“, erklärte Thomas.

„Iiiih, die esse ich auch nicht“, verkündete David und warf Sabine einen triumphierenden Blick zu.

„Sieh mich nicht so an. Ich kann nichts dafür, dass euch Oma das letztens serviert hat.“ Sie schmunzelte, als sie Thomas erklärte: „Meine Ex-Schwiegermutter hat sich bitter beklagt, dass David die geröstete Leber nicht angerührt hat.“

„Ich hab sie wenigstens gekostet“, erzählte Sandra. „Aber geschmeckt hat es mir nicht und Oma war beleidigt.“

„Und schuld war wiedermal ich, weil ich meine Kinder zu sehr verwöhne.“ Sabine lächelte ironisch.

Thomas schüttelte den Kopf. „Das ist doch Blödsinn. Probieren finde ich gut, aber wenn es nicht schmeckt, würde ich mich auch nicht zum Essen zwingen lassen.“ Er lächelte Sandra anerkennend zu, dann wandte er sich an Sabine. „Vanessa hat mir eine SMS geschickt, dass ich meine Sachen so bald wie möglich abholen soll. Ist es in Ordnung, wenn ich sie hier einlagere?“

„Ich hoffe, du bringst alles im Gästezimmer unter. Mein Kellerabteil ist voll.“

„Du sagst doch immer, dass du es endlich mal aufräumen willst“, mischte sich David ein. „Ich muss mein Zimmer jede Woche aufräumen“, ergänzte er an Thomas gewandt.

„Ertappt“, seufzte sie lächelnd. „Das wäre was für das Wochenende. Helft ihr mir dabei?“, fragte sie ihre Kinder. Die nickten so eifrig, als vermuteten sie, in dem kleinen Verschlag verborgene Schätze zu finden.

„Dann fahre ich heute nach der Arbeit zu Vanessa und fange an zu packen.“

David musterte ihn mitfühlend. „Nicht traurig sein. Es wird dir bei uns gefallen. Gestern Abend war es doch lustig, oder?“

Der treuherzige Blick des Kleinen zauberte Thomas ein Lächeln ins Gesicht. „Ja, das war es.“ Er streckte die Hand aus und strich David über die raspelkurzen Haare.

Sabine berührte diese liebevolle Geste. Ihr Ex-Mann lebte mit seiner neuen Familie mehr als eine Fahrstunde entfernt. Das benutzte er gerne als Ausrede, Sandra und David nur selten zu besuchen. Die Kinder vermissten ihren Vater offensichtlich weit mehr als umgekehrt. Sie schüttelte die trüben Gedanken ab.

„Kinder, macht euch fertig, wir müssen los!“

David verschluckte sich an seinem Kakao, als er sich den letzten Rest in den Mund kippte. Beim daraus resultierenden Hustenanfall spuckte er den halben Tisch voll. Nachdem sie sauber gemacht hatte, steckte Sabine die Jausendosen in die Schultaschen.

Im Vorraum wurde es eng, als alle gleichzeitig mit ihren Jacken und Schuhen kämpften. Mitten in der allgemeinen Betriebsamkeit griff sie in ein kleines Kästchen, das neben der Garderobe hing. Sie hielt Thomas einen einzelnen Schlüssel hin. Als Schlüsselanhänger baumelte daran ein kleiner abgenutzter Fußball. „Damit du hereinkannst, auch wenn ich mal nicht da bin.“

Er ergriff ihn und für einen Moment berührten sich ihre Finger. „Danke für dein Vertrauen!“

„Kein Problem. Aber weißt du was? Tu mir bitte den Gefallen und wirf den Anhänger weg.“ Thomas nickte verstehend. Er vermutete darin ein Relikt ihres Ex-Mannes.

Als Sabine ihren PC hochfuhr, dachte sie an den vergangenen Abend zurück. Nach dem Essen war David mit seinen geliebten UNO-Karten angekommen. Sie hatte nicht erwartet, dass sich Thomas ihnen anschließen würde. Es war ungewohnt und sehr lustig gewesen, an ihrem Küchentisch zu viert zu spielen. Die Kinder hatten es sehr genossen, einen Gast zu haben. Und wenn sie ehrlich war, sie ebenfalls. Während des Spiels hatte David Thomas mit Fragen gelöchert und er hatte sie geduldig beantwortet. Dadurch hatte sie über ihren Kollegen in den knapp zwei Stunden mehr erfahren, als in den vergangenen sechs Jahren. Jetzt wusste sie, dass er Tiere mochte, gerne wanderte, eine Vorliebe für Ritterburgen hatte und im Winter Ski fuhr und Schlittschuh lief. Er war im Gasteinertal aufgewachsen und wollte nie woanders hin.

Sabine stammte aus der Nähe von Salzburg und war wegen ihres Mannes hierher gezogen. Bei der Scheidung waren sie sich einig gewesen, dass es für die Kinder besser sein würde, in der gewohnten Umgebung zu bleiben. Also hatte sie die Eigentumswohnung übernommen, auch wenn die Kreditraten für sie nur schwer leistbar waren. Seit dem vergangenen Sommer, als Vijay Khatun die Werkstatt übernommen hatte, arbeitete sie sechs statt wie früher vier Stunden täglich. Mit dem gestiegenen Einkommen waren zwar noch immer keine großen Sprünge möglich, aber die finanziellen Sorgen und der Druck hatten sich sehr verringert.

***

Thomas‘ Laune war nicht die Beste, als er seine persönlichen Sachen in Vanessas Wohnung zusammensuchte. Er hatte fast vier Jahre bei ihr gelebt. Das, was er im Laufe der Zeit hier investiert hatte, konnte er vergessen. Den Fernsehapparat zum Beispiel, von dem er die Hälfte bezahlt hatte. Den Mikrowellenofen würde er allerdings mitnehmen. Der würde ihm in seiner Junggesellenbude gute Dienste leisten. Es war Vanessas Glück, dass er für die Waschmaschine, die er vor ein paar Monaten gekauft hatte, noch keinen Platz hatte. Unwillkürlich fragte er sich, ob sie damals schon fremdgegangen war, doch eigentlich wollte er es gar nicht so genau wissen. Die Meinungsverschiedenheiten der letzten Monate hatten ihn zermürbt und nun, nachdem Vanessas Affäre aufgeflogen war, wollte er eigentlich nichts mehr mit ihr zu tun haben. Ihm graute schon davor, ihr klar machen zu müssen, dass er das Auto verkaufen würde, falls sie den Kredit nicht übernehmen konnte oder wollte. Vielleicht war sein Nachfolger ja auch ein so gutmütiger Idiot, der sich nach Strich und Faden ausnehmen ließ. Auf dem Balkon rauchte er eine Zigarette. Nachdenklich betrachtete er die leere Packung. Sabines Bemerkung beim Frühstück kam ihm in den Sinn. Sie war absolute Nichtraucherin und er war sich beinahe sicher, dass es sie störte, wenn er auf ihrem kleinen Balkon rauchte, auch wenn sie ihm am Vorabend wortlos einen Aschenbecher in die Hand gedrückt hatte. Spontan beschloss er, dass das eine gute Gelegenheit war, endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Es war in mehr als einer Hinsicht Zeit für einen Neubeginn.

Zum letzten Mal wanderte Thomas durch die Wohnung und kontrollierte, ob er nichts vergessen hatte. Im Schlafzimmer kam ihm ein Gedanke, der ihm nicht behagte. Er nahm sich vor, bei seinem Hausarzt nachzufragen, ob er HIV-Tests durchführte. Eine leichte Übelkeit breitete sich in ihm aus. Die ganze Geschichte ging ihm doch mehr an die Nieren, als er erwartet hatte. Nur die Aussicht, den Abend mit Sabine und ihren Kids zu verbringen, hielt ihn davon ab, sich irgendwo an einen Tresen zu setzen und seinen Frust mit ein paar Bieren zu betäuben.

3. Kapitel

„Mama, darf ich zu dir ins Bett?“

„Ja, aber sei leise“, hörte er Sabine im Flüsterton antworten. Ein Blick auf das Handy zeigte Thomas, dass es kurz nach sieben war. Er drehte sich um und zog sich die Decke übers Ohr. Obwohl er es nicht so prickelnd fand, dass David ihn geweckt hatte, musste er doch schmunzeln. Sabine hatte ihn mit Leidensmiene bereits vorgewarnt und vorbeugend um Entschuldigung gebeten.

Er versuchte, wieder einzuschlafen, aber es dauerte nicht lange, bis kleine Kinderfüße über den Gang trappelten. Bald waren die bereits vertrauten Frühstücksgeräusche aus der Küche zu hören. Sein Magen fing an zu rumoren, als sich der Duft nach frischem Kaffee den Weg in seine Nase bahnte. Entschlossen schlug er die Decke zurück und schlüpfte aus dem Bett. In seinen Bademantel gehüllt suchte er die Toilette auf. Dazu musste er am Badezimmer vorbei, wo Sandra gerade dabei war, ihre Lockenmähne zu bändigen. Mit den Lippen hielt sie eine Haarspange fest. Trotzdem schaffte sie es, ihm zuzulächeln.

***

Sabine sah ihrem Gast ein wenig schuldbewusst entgegen. „Guten Morgen, leiser ging es leider nicht.“

„Guten Morgen allerseits! Ist doch kein Problem. Außerdem hat mich letztendlich mein knurrender Magen aus dem Bett getrieben. Es scheint so, als ob er sich daran gewöhnt, dass es Frühstück gibt!“ Er wandte sich zum Küchenschrank und entnahm ihm einen Teller und eine Kaffeetasse.

Es gefiel ihr, dass er sich offensichtlich bereits heimisch fühlte und nicht von ihr erwartete, dass sie ihn bediente. Er schnitt sich eine Scheibe Brot ab und fragte in die Runde: „Noch jemand, bevor ich mich setze?“

„Ja, bitte, ein Stück für mich“, antwortete sie. „Wenn du etwas anderes als Schinken willst, schau in den Kühlschrank, worauf du Lust hast!“

„Darf ich die Salami gleich mit dem Papier auf den Tisch legen?“, fragte er.

Sabine sah ihn verwundert an. „Warum denn nicht?“

Er warf ihr einen etwas gequälten Blick zu. „Bei Vanessa musste man immer alles zuerst schön auf einer Platte auflegen.“

„Bei uns ist das nicht so genau“, schmunzelte sie. „Das wäre nur wieder ein Stück mehr, das abgespült und weggeräumt werden muss. Ich bin schon glücklich, wenn die Kinder überhaupt einen Teller und Besteck benutzen.“

„So schlimm sind wir auch wieder nicht“, protestierte Sandra.

„Nein, im Großen und Ganzen benehmt ihr euch ziemlich zivilisiert“, lobte Sabine lächelnd.

„Was machen wir heute?“, fragte David und baumelte unternehmungslustig mit den Beinen. Um seinen Mund war Erdbeermarmelade verteilt, die er notdürftig mit der Serviette abwischte.

„Ich dachte, wir kümmern uns heute mal um unseren Keller und schaffen ein wenig Platz.“

„Braucht ihr Hilfe?“, erkundigte sich Thomas.

„Nein, danke. Das Abteil ist so klein, dass wir drei uns schon im Weg stehen werden. Was hast du vor?“, fragte sie zurück.

„Ich habe zwei Termine, um Wohnungen zu besichtigen.“

„So schnell?“, wunderte sich Sabine. Thomas schien ein Mann der Tat zu sein. Nicht so wie Leo, der erst wochenlang alles durchdacht, ausführlich besprochen und geplant hatte, bevor er überhaupt aktiv wurde.

„Allzu viel Brauchbares gibt es derzeit leider nicht auf dem Wohnungsmarkt. Ich hoffe, ich finde bald etwas Passendes.“

„Du freust dich bestimmt schon darauf, deine Ruhe zu haben“, stimmte Sabine zu.

„Also mir wäre es zu langweilig, ganz alleine zu wohnen“, stellte Sandra fest. „Ich glaube, wenn ich groß bin, werde ich mir gemeinsam mit meiner Freundin eine Wohnung suchen. Das ist bestimmt lustig.“

„Da hast du recht. Wenn man jemanden hat, mit dem man sich gut versteht, ist das schön. Aber wenn nicht, nervt es, und dann mag man gar nicht nach Hause gehen.“

Sandra nickte nachdenklich. „Ich kann mich noch erinnern, wie es war, als Papa und Mama gestritten haben. Da ist es so viel besser!“

„Papa hat jetzt neue Kinder“, erzählte David ihrem Gast. „Ich glaube, er hat uns schon vergessen.“

Sandra schnitt die Traurigkeit in seinen Augen tief ins Herz. „Nein, das hat er bestimmt nicht. Er hat eben viel zu tun und die Kleinen machen auch viel Arbeit.“

„Wenigstens müssen wir nicht mehr Babysitten!“ Sandra war anzusehen, dass sie es nicht besonders amüsant gefunden hatte, an ihren Papa-Wochenenden auf die kleinen Halbgeschwister aufzupassen, statt mit ihrem Vater etwas zu unternehmen.

„Vielleicht wird es besser, wenn sie größer sind und ihr gemeinsam etwas machen könnt.“ Sabine versuchte, Optimismus zu verströmen, doch David machte nur eine wegwerfende Handbewegung.

„Mein Ex-Mann ist leider nicht dazu zu bewegen, alleine mit unseren beiden Kindern etwas zu unternehmen. Seine Kleinen sind zwei und drei Jahre alt“, erklärte Sabine an Thomas gewandt.

Er nickte verständnisvoll. „Da liegen Welten dazwischen. Das kenne ich von mir selbst. Mein Bruder ist fast sechs Jahre jünger als ich. Jetzt verstehen wir uns recht gut, aber als Kinder konnten wir nie viel miteinander anfangen.“ Er biss von seinem Wurstbrot ab und kaute nachdenklich.

Sabine wandte sich an die Kinder. „Was haltet ihr davon, wenn wir morgen einen Ausflug machen? Das Wetter soll sehr schön werden, habe ich in den Nachrichten gehört. Habt ihr eine Idee?“

„Wir haben doch schon so oft von dem Tierpark in der Nähe von Salzburg gesprochen“, fiel Sandra an.

„Ja, genau! Gehen wir in den Zoo!“ Ihr Bruder war sofort Feuer und Flamme und fing an, auf seinem Sessel herumzuzappeln. Dabei stieß er beinahe den Kakao um. Thomas brachte ihn geistesgegenwärtig in Sicherheit. „Kommst du mit?“ David zeigte den unwiderstehlichen Blick eines bettelnden Welpen. Thomas schmunzelte, dann sah er Sabine fragend an.

„Das würde ich gerne, aber nur, wenn ihr mich dabeihaben wollt!“

„Wirklich?“, fragte sie ungläubig nach. „Du würdest tatsächlich deinen Sonntag gerne im Zoo verbringen? Mit einem nervigen Achtjährigen und einer anstrengenden Zehnjährigen?“ Sie zwinkerte ihren Kindern zu, die gespielt beleidigt mit den Augen rollten.

„Ja. Ehrlich gesagt, war ich schon ewig nicht mehr im Tierpark Hellbrunn. Das ist bestimmt ...“, er rechnete im Geist nach, „mindestens fünfzehn Jahre her.“

Sabine vermutete, dass es für ihn möglicherweise eine willkommene Ablenkung sein würde, um nicht in Versuchung zu kommen, über seine gescheiterte Beziehung nachzugrübeln. „Also, von mir aus kannst du uns gerne begleiten. Aber jammere dann nicht rum, wenn dir langweilig wird“, ermahnte sie ihn breit grinsend.

„Ich werde ganz brav sein“, versprach Thomas mit einem treuherzigen Augenaufschlag, der sie stark an ihren kleinen Sohn erinnerte.

„Hihi, ihr seid witzig“, stellte David kichernd fest. „Morgen wird bestimmt ein toller Tag!“

Sandras Blick wanderte aufmerksam zwischen den Erwachsenen hin und her, aber sie behielt ihre Gedanken für sich.

***

Um zwanzig Uhr hatte es Sabine geschafft, die Kinder ins Bett zu bringen. Beim allabendlichen Vorlesen wechselte sie sich mit David ab. Er las eine Seite, sie zwei. Beim zweiten Kapitel merkte sie, dass ihm die Augen zufielen. „Genug für heute, mein Schätzchen. Schlaf dich gut aus, damit du morgen für den Zoo fit bist!“ Sie küsste ihn auf die Wange, auf die Stirn und die zweite Wange, so wie sie es jeden Abend machte.

„Du Mama, ich hatte heute wieder so komisches Bauchweh, als wir im Keller waren. Ich hab nichts gesagt, damit du mich nicht rauf schickst.“ David hatte eifrig mitgeholfen, in jede Kiste geguckt und seinen Spaß gehabt. „Aber es war bald wieder vorbei und jetzt geht es mir gut.“ Er drehte sich zur Seite, so wie er schon als Baby am liebsten eingeschlafen war. „Ich freue mich auf morgen“, sagte er noch, aber seine Worte waren bereits undeutlich. Sabine strich ihrem Kleinen noch einmal sanft über den Kopf und zog die Decke zurecht. Was sie von seiner Bemerkung halten sollte, wusste sie nicht so recht, aber sie beschloss, ihn genauer im Auge zu behalten.

Als sie die Küche betrat, um das abendliche Essenschaos zu beseitigen, blieb sie überrascht im Türrahmen stehen. Die Arbeitsfläche war leer und Thomas wischte gerade den Tisch sauber. „Du hast aufgeräumt?“

Er wandte sich erstaunt zu ihr um. „Klar! Dachtest du, ich lege die Beine hoch und sehe dir zu?“

Sabine schmunzelte erfreut. Ihr Ex-Mann hatte damit kein Problem gehabt. „Danke!“

„Für mich ist Arbeitsteilung im Haushalt selbstverständlich. Erst recht, wenn beide Partner arbeiten gehen.“ Er lächelte sie an. „Ich finde es toll, wie du mit den Kindern umgehst. David liest schon ziemlich gut für sein Alter, oder? Mein Neffe ist fast neun, aber so flüssig geht das bei ihm noch nicht.“

Sabine wurde erst jetzt klar, dass er die Gute-Nacht-Geschichte mitangehört hatte. Nun war sie froh, dass David nicht darauf bestanden hatte, dass sie ihm vorsang, so wie früher. „Ja, er liest sehr gerne.“

„Gehen die Kids immer so früh ins Bett?“

„Ich versuche es. Sandra darf in ihrem Zimmer noch eine Stunde lesen und leise Musik hören, aber David braucht seinen Schlaf. Außerdem habe ich dann auch ein bisschen Zeit für mich. Obwohl im Endeffekt oft eher Aufräumen oder die Bügelwäsche anstehen als Entspannung.“ Sie zuckte lächelnd mit den Schultern. „Aber das gehört nun mal dazu. Die Kinder sind für mich das Wichtigste. Sie werden ohnehin so schnell selbstständig und dann kann ich nachholen, wofür jetzt keine Zeit ist.“ Sie öffnete den Kühlschrank. „Möchtest du ein Bier? Ich denke, ich habe deine Lieblingssorte eingekauft.“ Sie zeigte ihm die Flasche.

„Perfekt. Ja, gerne. Ich habe mir zwar vorgenommen, weniger Alkohol zu trinken, aber eine Flasche erlaube ich mir.“

„Bevor du fragst, ich habe nichts dagegen, wenn du aus der Flasche trinkst, aber ich habe auch schöne Biertulpen.“ Sie zwinkerte ihm zu, dann goss sie sich ein Glas Rotwein ein. Sie setzte sich auf die Wohnzimmercouch und legte die Beine auf einen Hocker. „Ah, tut das gut!“, seufzte sie genüsslich und hielt ihm das Glas zum Anstoßen entgegen. Thomas nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche, dann stellte er sie auf das niedrige Tischchen. „Vielen Dank nochmal, dass du so eifrig Platz für meine Sachen gemacht hast.“

„Um ehrlich zu sein, war die Entrümpelungsaktion schon lange überfällig. Es stand noch Zeug herum, das Leo einfach hiergelassen hatte. Das meiste habe ich weggeworfen, aber ein paar Stücke haben sich die Kinder ausgesucht.“

„Leiden sie sehr darunter, dass sich ihr Vater nicht kümmert?“

Sabine zuckte mit den Schultern. „Mittlerweile haben sie sich daran gewöhnt. Du hast ja schon mitbekommen, dass die Papa-Wochenenden auch nicht so ablaufen, wie sie sich das wünschen.“ Sie trank einen Schluck Wein. „Ich versuche, mich möglichst neutral zu verhalten, auch wenn ich manchmal eine Riesenwut im Bauch habe. Es ist so unfair, sie einfach abzuschieben. Sie haben genauso ein Recht auf ihren Vater wie die Kinder aus seiner neuen Beziehung.“

Thomas nickte. „Ja, sicher. Ich kann das gar nicht nachvollziehen. Die beiden sind doch super! Total unproblematisch und ausgeglichen. Das ist dein Verdienst, Sabine!“ Er lächelte ihr anerkennend zu. „Außerdem sind sie in einem Alter, wo man schon viel mit ihnen anfangen kann. Ich bin wirklich gespannt auf morgen, muss ich gestehen!“

„Darf ich dich was fragen?“

Er nickte schmunzelnd. „Klar. Ich muss ja nicht antworten.“

„Warum hast du keine Kinder? Du kannst gut mit ihnen umgehen und ich habe den Eindruck, es macht dir auch Spaß. Das hatte ich ehrlich gesagt nicht erwartet.“

„Für mich stand eigentlich immer fest, dass ich irgendwann eine Familie gründe. Aber bisher hatte es nie gepasst. Meine erste feste Partnerin wollte noch warten, doch dann ist die Beziehung in die Brüche gegangen. Die Nächste hatte schon zwei Kinder und irgendwie sind wir nicht miteinander klargekommen. Und Vanessa ... Rückblickend muss ich zugeben, dass ich es hätte besser wissen müssen. Sie ist zwar knapp über dreißig, aber selbst noch ein verwöhntes Kind.“ Er zuckte mit den Schultern. „Also, auf ein Neues. Langsam läuft mir die Zeit davon.“

„Warum das? Für einen Mann ist das Alter doch kein Problem!“

„Das würde ich so nicht sagen. Rechne mal nach: Bevor ich mich darauf einlasse, ein Kind zu zeugen, will ich meine Partnerin gut kennen. Jetzt bin ich neununddreißig. Wenn ich noch lange brauche, bin ich fast sechzig, wenn mein Kind in der Pubertät ist. Mein Vater ist fünfundsechzig und ein toller Opa, aber ich denke, mit einem halbstarken, aufmüpfigen Sohn, wie ich es war, wäre er jetzt heillos überfordert.“ Er nahm die Bierflasche wieder zur Hand, doch bevor er trank, meinte er: „Mehr als zehn Jahre Altersunterschied zu meiner Partnerin fände ich auch nicht so gut, also wird es langsam knapp.“

Sabine musste ihm recht geben, auch wenn sie es schade fand, dass jemand, der so gut zum Vater taugte, es nicht auslebte, während andere, dafür weit weniger geeignete Menschen unbekümmert Kinder in die Welt setzten. Und damit meinte sie nicht Leo, denn er war grundsätzlich kein schlechter Vater. Sabine vermutete eher, dass seine neue Partnerin sehr fordernd war und er zu feige, sich für Sandra und David einzusetzen.

„Wie waren denn die Wohnungen, die du dir angesehen hast?“

„Leider zu vergessen. Eine ist muffig und hat Schimmel in den Ecken. Die andere liegt direkt an der Durchzugsstraße und ist außerdem für die Größe viel zu teuer.“ Er warf ihr einen unsicheren Blick zu. „Ich fürchte, ich werde dir noch ein wenig länger erhalten bleiben.“

„Mach dir keine Sorgen.“ Sie lächelte ihm beruhigend zu. „Bis jetzt läuft es überraschend gut, finde ich.“

„Danke, Sabine. Ich fühle mich sehr wohl hier. Nach dem vielen Streit in den letzten Monaten ist es sehr wohltuend, dass es bei euch so fröhlich zugeht.“

„Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch. Wenn die Kinder streiten, leide ich darunter bestimmt mehr als sie. Ich versuche, ihnen beizubringen, dass man Probleme oder Meinungsverschiedenheiten friedlich bereinigen kann.“

„Du bist auch in der Werkstatt ein Ruhepol. Darüber habe ich eigentlich nie nachgedacht. Du organisierst und hältst alles am Laufen.“ Unter seinem bewundernden Blick wurde Sabine ganz warm.

Sie zuckte abschwächend mit den Schultern. „Was eine Sekretärin eben so macht. Ich denke, in unserem Betrieb sind alle überdurchschnittlich motiviert“, gab sie das Kompliment zurück.

„Da hast du wahrscheinlich recht. Wir haben und hatten mit unseren Chefs aber auch Glück.“

Darauf hob Sabine ihr Glas und prostete ihm durch die Luft zu. In schönster Einigkeit lächelten sie einander zu. Eine wohltuende Atmosphäre von Harmonie und menschlicher Wärme hüllte sie ein und erfüllte sie beide.

4. Kapitel

„Mama, ich hab wieder Bauchschmerzen!“

Ganz automatisch wanderte Sabines erschrockener Blick zu Thomas, bevor sie in die Hocke ging, um mit ihrem Sohn auf Augenhöhe zu sein.

„Denkst du, das zweite Eis war zu viel?“, fragte Thomas besorgt.

David schüttelte entrüstet den Kopf. „Nein, ganz bestimmt nicht. Es ist irgendwie anders da drin.“ Er legte die Hand auf den Unterbauch. „Es grummelt nicht. Es drückt eher.“

„Wann warst du denn das letzte Mal groß auf dem Klo? War da alles ganz normal?“, fragte Sabine leise. David überlegte kurz, dann nickte er.

„Heute in der Früh, bevor wir weggefahren sind. Kannst du mich nicht tragen?“

„Du bist doch kein Baby mehr“, mischte sich Sandra ein. „Ich bin auch müde und gehe selbst.“