Zuckerbäcker küssen besser - Isabella Lovegood - E-Book

Zuckerbäcker küssen besser E-Book

Isabella Lovegood

5,0

Beschreibung

Das 'Café Lisbeth' strotzt nur so vor Frauen-Power und Saskia liebt es, dort zu arbeiten. Als ihre Tante und Inhaberin des Cafés einen leichten Herzinfarkt erleidet, sieht sie sich völlig unvorbereitet mit einer männlichen Vertretung konfrontiert. In ihren Augen ist Patrick ein typisches Exemplar Mann, auf das sie gut hätte verzichten können, wenn sie nicht auf seine durchaus beeindruckenden Fähigkeiten als Zuckerbäcker angewiesen wäre. Und als ob das nicht schon genug Durcheinander wäre, lernt sie auf der Hochzeit ihrer besten Freundin Viola auch noch den verführerischen Dominik kennen. Ist er der Richtige für sie? Was hat es mit Patricks Tattoo auf sich? Und wie soll sie auf Tante Lisbeths Vorschlag reagieren? Nach und nach merkt Saskia, dass einiges nicht so ist, wie es anfangs erschien. Die Reihe "Zimmer frei für die Liebe": - Heiße Küsse für das Christkind - Ein Koch zum Verlieben - Die Liebe kommt in Gummistiefeln - Liebe ist kein Computerspiel - Zuckerbäcker küssen besser - Regenbogenküsse - Kreuzfahrt zurück ins Leben - Starthilfe fürs Herz - Herzenskinder Von der Autorin sind außerdem folgende sinnliche Liebesromane erschienen: Die Reihe "Club Red Vulcano" - Zweite Chance für Lust und Liebe - Wer mit dem Feuer spielt Die Reihe "Nachhilfe für die Liebe" - Die Sexpertin - Patchwork mit Herz - Dich zu sehen Die Reihe "Mallorca-Erotic-Romance" - Ich, du und sie - Wir drei für immer - Zitronenblütenküsse und Lebkuchensterne - Weil die Liebe siegt - Wahre Liebe rostet nicht - Das Meer, du und ich - Ein Boot, ein Kuss und du - Du, ich und Weihnachtszauber "Keine Cupcakes für Bad Boys" zwei Romane in einem Buch - (K)ein Bad Boy für Carolin von Isabella Lovegood - Ein Cupcake zur Mittsommernacht von Tamara Leonhard "Traumprinz nicht gesucht und doch gefunden" (Fortsetzung) erscheint am 28. April 2021 Die "Rosen-Reihe": - Sommerflirt mit Folgen - Liebe zu dritt - Rosen-Himmel - Geteilte Liebe - Drei plus zwei und jede Menge Liebe - Auf Liebe gebaut - Herbstgenüsse - Aller guten Dinge sind 5 - Weihnachten am Heckenrosenweg "Hot Holiday Lovers" - erotischer Liebesroman "Neujahrsliebe" - Sinnlich-erotische Kurzgeschichte "Venus trifft Venus" - Sinnlich-erotische Kurzgeschichte Unter dem Pseudonym C.P. Garrett "A Groupie's Dream" - erotische Kurzgeschichte "Nina" - erotischer Roman "Mein 10. Hochzeitstag" - erotische Kurzgeschichte "Der Zucker und das Salz des Lebens" + "Honig und Chili" 2-teiliger, erotischer Roman Unter dem Pseudonym Ingrid Lechner - Die Hexe Veronika: Roman für Kinder ab ca. 5 Jahren und dazu passendes Malbuch

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 271

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Zuckerbäcker

küssen besser

Liebesroman

von

Isabella Lovegood

Band 5 der Reihe

ZIMMER FREI für die Liebe

Copyright © 2017 Isabella Lovegood

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin

www.Isabella-Lovegood.at

[email protected]

Covergestaltung: Isabella Lovegood Cover-Fotos: S.H.exclusiv, Maksim Shebeko und kebox – alle Fotolia

Alle Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten sind rein zufällig und ungewollt.

Die wunderschönen Kurorte Bad Gastein und Bad Hofgastein in den Salzburger Hohen Tauern gibt es tatsächlich. Die Schauplätze der Handlung sind jedoch nur an die realen Örtlichkeiten angelehnt.

Begriffserklärung

Da dieser Roman über weite Teile in einer österreichischen Café-Konditorei spielt, verwende ich auch die ortsüblichen Begriffe.

Damit es zu keiner Verwirrung kommt, erkläre ich hier einige der verwendeten Bezeichnungen.

Gastgarten

Biergarten oder Straßencafé

Germ

Hefe

Gugelhupf

Napfkuchen

Kipferl

Hörnchen

Mürbteig

Mürbeteig

Obers

Sahne

Schlagobers

Schlagsahne

Topfen

Quark

Topfengolatsche

Quarktasche, Quarkteilchen

Zwetschge

Pflaume

Kapitel 1

‚Endlich Urlaub!‘ Patrick streckte sich genüsslich und drehte sich auf die andere Seite. Nun schien ihm die Morgensonne direkt ins Gesicht und drang durch seine geschlossenen Lider. Bedauernd merkte er, dass er immer wacher wurde. Dann bohrten sich die Geräusche des Tages in sein Bewusstsein. Seufzend rollte er sich wieder auf den Rücken. ‚Das wird wohl nichts mehr mit Weiterschlafen. Ich sollte ohnehin aufstehen. Schließlich habe ich Tom versprochen, mit ihm in die Therme zu fahren.‘ Er hatte den Satz noch nicht einmal ganz zu Ende gedacht, als jemand an seine Tür klopfte.

„Ja, was ist denn?“, rief er und zog die Decke wieder hoch, die er bereits zurückgeschlagen hatte.

„Ah, du bist schon wach! Das ist gut.“ An der Stimme seiner Mutter erkannte Patrick, dass etwas vorgefallen sein musste. Der alarmierte Tonfall, den er in den letzten drei Jahren zu oft gehört hatte, löste sofort Unbehagen in ihm aus.

„Was ist los? Ist was mit Tommy?“

„Nein, der sitzt in der Küche und frühstückt. Onkel Oswald hat angerufen. Lisbeth ist im Krankenhaus.“

Patrick rückte ein wenig zur Seite, damit sich seine Mutter auf die Bettkante setzen konnte. „Sie hatte heute Morgen einen Schwächeanfall. Es könnte auch ein leichter Herzinfarkt gewesen sein, so genau wissen es die Ärzte noch nicht. Sie muss auf jeden Fall mindestens ein oder zwei Tage zur Beobachtung bleiben.“ Wie so oft wünschte er sich, ihr die Sorgenfalten einfach von der Stirn streichen zu können.

„Was ist mit dem Café?“

„Genau das ist das Problem. Sie lässt fragen, ob du eventuell für sie einspringen könntest.“

Patrick erschrak. „Aber ich kenne mich in ihrem Betrieb doch gar nicht aus.“

„Lisbeth meinte, ihre Nichte Saskia kann dir alles zeigen. Es ist die einzige Möglichkeit, die ihr einfällt, sonst muss sie die Konditorei vorübergehend schließen.“

Er wich dem bittenden Blick seiner Mutter aus. Gleichzeitig wusste er, dass er eigentlich keine Wahl hatte. Sie verdankten Lisbeth so viel, dass er es in diesem Leben wohl nicht mehr ausgleichen konnte. „Okay. Sagst du Onkel Oswald, dass sie sich keine Sorgen zu machen braucht? Ich ziehe mich rasch an. Frühstücken kann ich dann wohl im Café“.

„Danke, du bist ein Schatz!“ Einen Moment sah sie aus, als ob sie ihm wie früher, als er noch ein kleiner Junge war, einen Kuss auf die Stirn geben wollte. Stattdessen drückte sie kurz seinen Arm, bevor sie hinausging und die Tür hinter sich schloss.

Seufzend kam Patrick auf die Beine. Er schlüpfte in Jeans und ein weißes T-Shirt. Während er die Zähne putzte, besah er kritisch sein Spiegelbild. ‚Ich muss dringend zum Frisör. Hoffentlich ist Tante Lisbeth bald wieder fit.‘

Toms traurige Stimme drang an sein Ohr, als er die elektrische Zahnbürste abstellte. „Aber er hat es mir versprochen!“ Die sanfte Erwiderung der Mutter konnte Patrick nicht verstehen. Sein Herz zog sich zusammen. Rasch betrat er die Küche und wuschelte seinem Bruder durch die braunen, etwas widerspenstigen Haare.

„Es tut mir wirklich leid, Tommy. Wir werden das nachholen, großes Bruder-Ehrenwort. Soll ich dir etwas mitbringen? Eine Cremeschnitte oder so?“

Die Aussicht, wenigstens eine süße Wiedergutmachung für den verpfuschten Ferientag zu bekommen, heiterte die Miene des Jungen sichtlich auf, als er eifrig nickte.

Kapitel 2

Saskia sah beunruhigt auf die Uhr. Normalerweise empfing sie bereits der warme, süße Kuchenduft aus der Backstube, wenn sie um halb neun ankam. Nun war es fünf Minuten vor neun. Gleich musste sie das Café aufsperren und von Tante Lisbeth war keine Spur. Ein schneller Blick auf das Handy zeigte ihr, dass weder Anruf noch Nachricht eingegangen waren. Prüfend sah sie sich um. Alles war für die ersten Gäste bereit: Die Tische waren gedeckt, die Blumen hatten frisches Wasser und die Kaffeemaschine war auf Betriebstemperatur. Erschrocken fuhr sie herum, als jemand laut an die Glastür klopfte. Ein dunkelhaariger Mann stand davor und legte beide Hände um die Augen, um ins Innere des Lokals spähen zu können.

„Wir haben noch nicht geöffnet“, rief sie durch die geschlossene Tür. Ihr Herz klopfte heftig.

„Das weiß ich! Lisbeth ... Ich meine, Elisabeth Ranninger schickt mich.“

Rasch trat sie näher. „Warum?“

„Damit wir beide den Laden am Laufen halten, Saskia. Jetzt mach schon auf!“

Sie überlegte blitzschnell. Der Mann da draußen sah irgendwie südländisch aus, hatte aber keinen Akzent. Er kannte die Inhaberin des Cafés mit vollem Namen, obwohl die meisten sie einfach Lisbeth nannten. Und er wusste, wer sie selbst war. Entschlossen drehte Saskia den Schlüssel um und öffnete ihm die Tür.

„Na endlich! Ich dachte schon, du brauchst ein Empfehlungsschreiben, bevor du mich reinlässt!“ Er streckte ihr die Hand hin. „Ich bin Patrick. Tante Lisbeth ist im Krankenhaus und hat mich gebeten, für sie einzuspringen.“

„Ich hab zwar keine Ahnung, warum und wieso, aber nachdem die ersten Gäste in ein paar Minuten hier auftauchen, müssen wir das Frage-Antwort-Spiel wohl auf später verlegen. Weißt du überhaupt, was zu tun ist?“

„Lisbeth meinte, das kannst du mir sagen.“ Er lächelte sie treuherzig an. Dabei fiel ihr auf, dass seine Augen ein für seinen dunklen Typ ungewöhnlich helles blaugrau aufwiesen.

„Na prima. Komm, ich erkläre dir rasch die Kaffeemaschine.“ Sie wandte sich um und Patrick folgte ihr.

„Sei mir nicht böse, aber das kannst du dir sparen. Ich trinke gerne Kaffee, doch von den Feinheiten habe ich keine Ahnung. Ach ja, könnte ich vielleicht einen bekommen?“

Saskia warf ihm einen überraschten Blick zu. ‚Er soll mir hier helfen, kennt sich aber mit Kaffee nicht aus? Na, das kann ja heiter werden.‘ „Okay. Wie trinkst du ihn?“

„Schwarz ohne alles, bitte.“

Als sie ihm die Tasse hinschob, betraten die ersten Gäste des Tages das Lokal. Saskia wartete, bis alle saßen, dann griff sie nach ihrem Block und steuerte den mit drei Frauen besetzten Tisch an. Sie nahm die Bestellungen auf und kehrte hinter den Tresen zurück.

„Schaffst du es, die Mehlspeisen anzurichten?“

Patrick nickte. „Das bekomme ich hin.“

„Eine Schwarzwälder Kirschtorte, eine Topfengolatsche und ein Nougatkipferl. Das sind die mit den in Schokolade getauchten Enden. Jedes auf einen Teller. Die sind dort drüben auf dem Board. Und nimm ein Tablett.“ Während er die süßen Köstlichkeiten geschickt auf den Tellern platzierte, merkte sie, dass er sie gleichzeitig beim Zubereiten des Cappuccinos beobachtete. Es machte ihr nichts aus. Für sie war es Routine, ein gleichförmiges Herz in den Milchschaum zu zeichnen.

Bald war das Café, wie um diese Zeit üblich, von fröhlichem Stimmengewirr und Kaffeeduft erfüllt und sie hatten alle Hände voll zu tun. Erleichtert stellte Saskia fest, dass sich dieser junge Mann, den ihre die Tante da geschickt hatte, doch als überraschend brauchbar erwies. Zufrieden ließ Saskia ihren Blick über die Gäste schweifen.

Vier junge Mütter hatten sich an einem Tisch gleich neben dem Kinderspielbereich niedergelassen. Die Kleinen im Krabbelalter beschäftigten sich mit Spielzeug auf dem weichen Teppich, während die Mamis gemütlich Kaffee tranken und plauderten.

In der Mitte saßen einige Kurgäste, die dabei waren, ihre Diätvorschriften zu umgehen.

Zwei alte Damen, die aussahen, als hätten sie das Kaiserreich noch selbst erlebt, genossen mit gezierten Bewegungen ihrer zitternden Hände Torte und Schwarztee mit Milch.

Es war nicht nur die hervorragende Qualität der Speisen und Getränke, die das Lokal so beliebt gemacht hatte. Sehr viel zum Erfolg des Cafés trug die heimelige Atmosphäre bei. Es war in warmen Farben und mit liebevollen Details gestaltet und Tante Lisbeths ganzer Stolz.

„Du magst deinen Job“, stellte Patrick fest und schob sich den letzten Bissen des Marmorgugelhupfs in den Mund. Normalerweise bevorzugte er ein herzhafteres Frühstück, aber jetzt war er froh, dass er endlich etwas in seinen hungrigen Magen bekam.

„Ja, es ist immer etwas los. Ursprünglich wollte ich nach der Matura studieren, aber das ließ sich nicht realisieren. Jetzt bin ich sehr froh, dass mir meine Tante angeboten hat, hier die Lehre zu machen.“

„Wie weit bist du? Du wirkst sehr kompetent!“

Saskia spürte, wie ihre Wangen wegen des unerwarteten Lobs heiß wurden. „Ich habe die Lehrabschlussprüfung zur Restaurantfachfrau vor zwei Wochen mit Auszeichnung bestanden.“ Sie konnte nicht verhindern, dass sich Stolz in ihre Stimme mischte. Die Matura war jetzt drei Jahre her, aber die LAP hatte sie vor allem wegen des praktischen Teils als fast genauso stressig empfunden.

„Gratuliere!“ Er nickte ihr mit ehrlicher Anerkennung zu.

„Danke! Erzählst du mir jetzt mal, was mit Tante Lisbeth los ist? Wie bist du denn dazu gekommen, hier auszuhelfen? Vielen Dank übrigens. Ich weiß wirklich nicht, was ich ohne dich machen würde!“

„Gern geschehen. Lisbeth ist meine Taufpatin und eine enge Freundin der Familie.“ Schnell fasste er zusammen, was er über ihren Zustand wusste.

„Bist du gerade arbeitslos oder wie konntest du so spontan einspringen?“

„Ich bin Konditor und verbringe hier meinen ersten Urlaubstag seit einem halben Jahr.“

„Oh. Wo arbeitest du?“

„Im Zwergenhotel in Bad Gastein. Kennst du es?“

Saskia nickte schmunzelnd. „Ja, kann man so sagen, obwohl ich nicht oft dort bin. Viola ist meine beste Freundin. Wir machen hier die Torten für ihre Hochzeiten.“

Da sie die Stieftochter des Hotelbesitzers war, kannte Patrick sie natürlich, und wusste von ihrer Tätigkeit als Hochzeitsplanerin. „Wann ist die Nächste angesetzt?“

„Am Freitag. Ob Tante Lisbeth bis dahin wieder fit ist?“ Sie sahen einander alarmiert an.

„Ich nehme an, es gibt Aufzeichnungen darüber, wie sie aussehen und woraus sie bestehen soll?“

„Ja, Tante Lisbeth ist da sehr genau.“

Das erleichterte Patrick sichtlich. „Wer erledigt bei euch die Bestellung der Zutaten?“

„Den Lagerbestand an Grundzutaten ergänze ich selbstständig. Was sie zusätzlich braucht, schreibt sie mir auf. Bestellt wird Montag, Mittwoch und Freitag.“

„Es gibt bestimmt ein Standardangebot an Mehlspeisen, an dem ich mich orientieren kann?“

„Ja, sieh es dir an. Im Kühlraum ist noch Nachschub, aber der reicht höchstens für heute.“ Nach einem kurzen Kontrollblick, ob alle versorgt waren, bedeutete sie ihm, ihr zu folgen. Ein winziger Durchgangsbereich gleich hinter der Theke diente als Büro. Danach kam die deutlich geräumigere Backstube. Sie schloss einen Schrank auf. Ihm entnahm sie zwei Ordner. „Hier im Roten sind die Aufträge und im Grünen sind Tante Lisbeths Rezepte. Ich hoffe, du kannst damit etwas anfangen.“

„Ja, bestimmt.“ Er fing sofort zu blättern an. Saskia beobachtete unauffällig das Spiel der Muskeln und Sehnen in seinen kräftigen, leicht behaarten Unterarmen. Dabei fiel ihr auf der Innenseite, gleich oberhalb des linken Handgelenks, ein kleines Tattoo auf: Eine Schlange, die sich um einen Stab wand. ‚Das ist doch das Symbol für Apotheken oder so? Seltsam.‘

Er sah von den Rezepten auf. „Spitze. Dann werde ich mich gleich an die Arbeit machen, damit wir rechtzeitig Nachschub anbieten können. Oder brauchst du mich draußen?“

„Nein, gegen Mittag ist es immer ruhiger.“

„Das ist gut. Ich kann mich also voll auf die Bäckerei konzentrieren.“ Er stand auf. „Dann sehe ich mir mal an, was gebraucht wird.“ Patrick inspizierte die Vitrine, danach den Kühlraum.

Es dauerte gar nicht lange, bis köstlicher Kuchenduft aus der Backstube drang. Saskia hätte also keinen Grund gehabt, sich Sorgen zu machen. Trotzdem irritierte sie die Tatsache, dass nun statt ihrer Tante - und somit geballter Frauen-Power - ein junger Mann mit ihr zusammen arbeitete. Auch wenn sie fast widerwillig zugeben musste, dass er ihr sympathisch war.

Kapitel 3

Um fünfzehn Uhr kam Patrizia, um sie abzulösen. Schnell informierte sie ihre Kollegin über den Stand der Dinge.

„Na, das ist ja süß: Patrick und Patrizia. Passt ja perfekt. Wie ist er denn so?“

Saskia zuckte betont gleichmütig mit den Schultern. „Nett. Er sieht eher wie ein Pizzabäcker als ein Zuckerbäcker aus, wenn du mich fragst.“

Patrizia taxierte sie aus schmalen Augen. „Das klingt nicht so, als ob du Interesse hättest.“

Saskia schüttelte den Kopf. „Nein, hab ich nicht. Du hast freie Bahn, wenn es das ist, was du wissen willst.“

Ihre Kollegin zwinkerte ihr zu und warf schwungvoll ihre dunkelbraune Mähne über die Schulter zurück. Mit schwingenden Hüften stakste sie in den hinteren Bereich des Lokals. Saskia sah ihr einen Moment nach, dann wandte sie sich der Abrechnung ihres Umsatzes zu. Als sie beim Zählen zwei Mal auf unterschiedliche Beträge kam, runzelte sie unwillig die Stirn und tippte sich mit dem Zeigefinger überlegend an die Lippen. ‚Warum wurmt es mich bloß so, dass Patrizia ihre Reize bei unserem Aushilfs-Konditor spielen lässt?‘, fragte sie sich irritiert. ‚Ich will nichts von ihm. Keine Affäre und schon gar keine Beziehung. Vermutlich ist es deshalb, weil wir es uns einfach nicht leisten können, dass sie ihn von der Arbeit ablenkt. Außerdem flirtet sie ohnehin mit jedem Mann, da könnte sie wenigstens ihn in Ruhe lassen. Das ist auf jeden Fall ein Vorteil an einem reinen Frauenbetrieb ...‘

Entschlossen verbannte sie jeden Gedanken an das Geschehen in der Backstube aus ihrem Kopf und zählte die Einnahmen konzentriert noch einmal. Dann bereitete sie die Kassa für die Übergabe an Patrizia vor. Fürsorglich sah sie sich um. Das Lokal war derzeit nur mäßig besucht und die Gäste hatten zumindest noch etwas zu trinken vor sich stehen.

‚Es ist ja wirklich zu dumm, dass Simone sich das Bein gebrochen hat. Wenn wir im Service zu dritt gewesen wären wie sonst, ginge alles ein wenig leichter. Aber unter diesen Umständen hat Tante Lisbeth sicher nichts dagegen, wenn ich ein paar Überstunden mache und Patrick zur Hand gehe.‘ Sie strich die Eiscreme in den Edelstahlbehältern zu optisch ansprechenden Hügeln zurecht. ‚Erdbeere und Vanille gehen auch schon zu Ende. Davon braucht Patrizia garantiert welche am Nachmittag.‘ Nach einem Blick auf die Uhr wandte sie sich entschlossen um. ‚Flirt hin oder her, es ist Zeit für den Schichtwechsel. Ran an die Arbeit, Frau Kollegin!‘

Mit leichter Genugtuung stellte sie fest, dass Patrick sich mit Hingabe dem Verstreichen von Schokoladencreme auf einem Tortenboden widmete. Patrizia lehnte ebenso lasziv wie unbeachtet an einem Schrank. Mit deutlich schlechtem Gewissen stieß sie sich davon ab, als sie Saskia sah. „Ich komm ja schon! Die Kassa ist fertig?“

„Ja, aber zähle sie nach, bevor du sie übernimmst. Und vergiss nicht, deine Schuhe zu wechseln.“

Patrizia zog bei den Ermahnungen einen Schmollmund, wagte aber doch nicht, ihr zu widersprechen, und verschwand. Patrick warf Saskia einen amüsierten Blick zu.

„Du entwickelst ja nicht nur bei unerwünschten Eindringlingen Autorität. Hätte nicht gedacht, dass das Küken bei dir so spurt!“

Saskia hob das Kinn ein wenig höher. „Ich bin die offizielle Stellvertreterin von Tante Lisbeth. Außerdem ist Patrizia drei Jahre jünger als ich.“

„Hast du jetzt Dienstschluss?“

„Ja, aber ich dachte, falls du mich brauchen kannst, melde ich mich freiwillig als Hilfskraft. Ehrlich gesagt, ist noch höllisch viel zu tun.“

Patrick richtete sich überrascht auf. „Wirklich? Du würdest mir hier helfen?“ Er machte eine ausholende Bewegung mit der Streichpalette. Dabei rutschte ein Klecks der Schokocreme ab. Saskia fing ihn im Fall und steckte den Finger in den Mund. „Lecker! Eigentlich bleibe ich ja nur, um ein wenig zu naschen!“

Er lächelte sie an. „Damit kann ich leben!“ Unwillkürlich stellte sie fest, dass er einen hübschen, sinnlichen Mund hatte. Ein unkontrolliertes Kribbeln breitete sich in ihrem Unterleib aus. Schnell wandte sie sich ab und schnappte Tante Lisbeths Schürze, die an einem Haken hing.

„Was soll ich tun?“

„Den Rührkessel und den Schneebesen abwaschen.“ Er warf ihr unter halb geschlossenen Lidern einen Blick zu, als wollte er ihre Reaktion sehen. Ohne mit der Wimper zu zucken griff sie danach. Sie waren sperrig zu handhaben und Saskia hatte etwas Mühe damit, sie sauber zu bekommen. Kommentarlos stellte er ihr dann auch die Schüssel hin, in der noch Reste der Schokoladencreme klebten. Patrick grinste, als sie mit der Teigkarte alles zusammenkratzte und ableckte, bevor sie sie in die Lauge tauchte.

„Du magst Süßes wirklich.“

„Ja, auf jeden Fall. Hier zu arbeiten ist der perfekte Job für mich. Nur die ständige Versuchung ist nicht so ideal.“ Sie verzog ein wenig das Gesicht.

„Wem sagst du das. Und einem Mädchen stehen Rundungen nun mal viel besser als einem Mann.“ Nun war er es, der eine bedauernde Grimasse zog. Saskia zog die Augenbrauen erstaunt hoch.

„Na, du scheinst aber keine Figurprobleme zu haben.“

„Das täuscht. Du hättest mich vor eineinhalb Jahren sehen müssen. Da hatte ich noch zehn Kilo mehr um den Bauch.“

„Wow.“ Saskia fand es irgendwie niedlich, dass er zu seiner Schwäche stand. „Bekommst du es nicht über, wenn du den ganzen Tag kostest und die süßen Düfte um die Nase hast?“

Patrick grinste. „Bis jetzt nicht. Und ich arbeite immerhin bereits seit elf Jahren als Konditor, wenn man die Lehrzeit dazu zählt.“

Rasch rechnete Saskia nach. Er musste demnach ungefähr sechsundzwanzig sein. Vier Jahre älter als sie. Er trocknete sich gerade die Hände ab, als sein Telefon klingelte.

„Hallo Mama, gibt es etwas Neues von Tante Lisbeth?“ Seine Miene verdüsterte sich, als er auf die Antwort lauschte und Saskia bekam Herzklopfen.

„Okay. Dann müssen wir eben zusehen, wie wir es ohne sie schaffen.“ Er sandte ihr einen langen Blick, dann zog er die dichten Augenbrauen zusammen. „Oh, das ist morgen? Gut, dass du mich daran erinnerst! Bei diesem Arzt wartet man wenigstens nicht so lange. Um halb zwölf? Ja, das geht bestimmt. Richtest du mir bitte her, was ich mitnehmen muss? Die Befunde und alles?“ Er fuhr sich mit der Hand durch die schwarzen, lockigen Haare und sah auf die Uhr über der Tür. „Ich hab hier noch ein paar Stunden zu tun. Bis später, Mama! Grüße Tommy von mir!“

Er steckte das Telefon wieder in die Gesäßtasche seiner Jeans und wandte sich Saskia zu. „Es steht nun fest, dass es ein leichter Herzinfarkt war. Lisbeth muss sich auf jeden Fall schonen. Diese Woche kommt sie bestimmt nicht arbeiten.“

„Ehrlich gesagt befürchte ich schon länger, dass ihr das alles zu viel werden könnte. Als sie dann auch noch den Vertrag mit Viola abgeschlossen hat ...“

„Ach ja, die Hochzeit! Ich denke, wir sollten uns einen Schlachtplan zurechtlegen, wie wir das alles auf die Reihe bekommen. Was meinst du?“

Saskia nickte. Dass er sie mit einbezog und nicht versuchte, alles an sich zu reißen, rechnete sie ihm hoch an. Sie liebte das Café und fühlte sich als Teil davon. Besonders hatte ihr gefallen, dass sie als reines Frauen-Team den Laden schaukelten. Das war ja nun - zumindest vorübergehend - vorbei.

Kapitel 4

Saskia kam gegen zwanzig Uhr nach Hause. Gleich nach der Wohnungstür streifte sie die Schuhe von ihren schmerzenden Füßen. Barfuß tappte sie am Wohnzimmer vorbei in die kleine Küche. Sie war so erschöpft, dass sie das Chaos bewusst ignorierte, das ihre beiden Brüder und deren Freunde wieder einmal angerichtet hatten. Auf eine warme Mahlzeit wollte sie jedoch trotzdem nicht verzichten. Ein Blick in den Tiefkühlschrank ließ ihre Laune schlagartig noch tiefer sinken. ‚Das darf doch jetzt nicht wahr sein ... Habe ich mich in der Lade geirrt?‘ Bei dem Versuch, die zweite Schublade aufzuziehen, verhakte sich eine Packung Spinat und blockierte. Sie schob sie ein wenig zurück und zog mit einem ungeduldigen Ruck erneut. Polternd verteilten sich die gefrorenen Lebensmittel auf dem Küchenboden. „Au ... Verdammte Scheiße!“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb sie sich über den Rist, wo die Kante der Lade gelandet war. Die Eiseskälte biss in ihre Finger, als sie alles wieder einsammelte und zurück in den Schrank beförderte. Auch in der dritten Schublade fand sie nicht, was sie suchte.

Aus dem Zimmer von Felix drangen laute Männerstimmen, die durcheinanderredeten. Saskia klopfte kurz und kräftig, bevor sie die Tür aufriss. Drinnen bot sich das gewohnte Bild: Fünf junge Männer scharten sich um den Fernsehapparat. Zwei von ihnen spielten an der Konsole, die anderen kommentierten lautstark. Auf dem Couchtisch standen zahlreiche halbvolle und leere Bierflaschen und eine Schüssel mit ein paar Chips-Resten. Teller mit Krümeln und Spuren von Tomatensoße bestärkten Saskias Verdacht.

„Habt ihr meine beiden Pizzen vertilgt?“

Jan drehte sich zu ihr um. „Hey, Schwesterherz, auch schon zu Hause? Sorry, wir hatten solchen Hunger ...“

„Und was denkst du, was ich habe? Nach einer Zwölf-Stunden-Schicht? Geht doch selbst einkaufen! Das ist wirklich das Letzte!“ Mit einem lauten Knall ließ sie die Tür zufallen. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und atmete ein paar Mal tief durch.

In der Küche sah sie sich um. In der Spüle standen einige Kaffeebecher, die Arbeitsfläche war von Müll und Krümeln übersät. Der Geschirrspüler war voll sauberem Geschirr, weil sie ihn am Morgen noch rasch eingeschaltet hatte, bevor sie zur Arbeit gegangen war. Ihr Magen knurrte lautstark. Rasch überlegte sie, was sie statt der Pizza essen könnte. Spinat mit Spiegelei? Als sie den Eierkarton aus dem Kühlschrank nahm, stellte sie fest, dass er leer war. Offenbar hatten ihre Brüder Appetit auf Eier mit Schinken gehabt, denn auch der war verschwunden. Bei genauerem Hinsehen entdeckte sie die Verpackung mit dem Aufdruck des Supermarktes, bei dem sie ihn am Vortag gekauft hatte, zusammengeknüllt auf der Arbeitsplatte. Glücklicherweise mochten Jan und Felix keinen Ziegenkäse, sonst hätte sie für den nächsten Morgen nicht einmal mehr Frühstück gehabt.

‚So kann es nicht weitergehen. Ich habe es so satt, der Depp vom Dienst zu sein!‘ Sie kämpfte mit den Tränen. Müdigkeit, Hunger und die Enttäuschung über die Ignoranz ihrer Brüder trieben sie an ihre Grenzen. Entschlossen kehrte sie dem Chaos den Rücken und zog sich in ihr Zimmer zurück. Sie ließ sich aufs Bett fallen und nahm das Telefon zur Hand. Erleichtert hörte sie nach wenigen Sekunden die Stimme ihrer besten Freundin.

„Hallo Vio, wie geht‘s dir?“

„Alles bestens. Und dir?“

„Du hast nicht zufällig Zeit, oder?“

„Oh weh, so wie du klingst, setze ich mich wohl am besten sofort ins Auto und düse los.“

„Du kennst mich einfach zu gut, Süße. Aber ganz ehrlich, es wäre wirklich toll, dich zu sehen! Hast du schon gegessen?“

„Ich wollte mir gerade unten am Buffet eine Kleinigkeit holen. In einer Viertelstunde bei Antonio?“

„Ja. Perfekt!“

Bald darauf saßen sich die beiden Blondinen in ihrer Lieblingspizzeria gegenüber.

„Erzähl mir, was los ist!“ Unter Violas mitfühlendem und aufmerksamem Blick hatte Saskia Mühe, den plötzlichen Drang zu weinen, zu unterdrücken. Sie schluckte die Tränen hinunter und berichtete von den Geschehnissen des Tages.

„Du hast tatsächlich einen harten Tag hinter dir. So ein Mist! Ehrlich gesagt, bekomme ich fast ein schlechtes Gewissen, weil deine Tante sich so überanstrengt hat. Aber jetzt kann ich mir ja nicht einmal einen anderen Lieferanten suchen, selbst wenn ich das wollte. Schließlich haben wir einen Vertrag miteinander.“

Viola und Saskia rückten ihre Gläser zurecht, damit die Kellnerin Platz für die Pizzateller hatte.

„Mach dir keine Sorgen, wir werden das bestimmt irgendwie hinbekommen“, meinte Saskia zuversichtlicher, als ihr zumutewar. „Ich habe auf dem Nachhauseweg mit Onkel Oswald telefoniert. Er meinte, es werden jetzt mal einige Tests und Untersuchungen gemacht. Bevor die Ergebnisse nicht da sind, könne man nicht sagen, wie es weitergehen wird. Aber ich muss zugeben, es war schon echt cool, dass Patrick eingesprungen ist.“

Viola nickte. „Seinen Urlaub zu opfern ist extrem nett. Vielleicht sollte ich das Max gar nicht erzählen? Ich habe keine Ahnung, wie das rechtlich aussieht.“

Saskias Hand, die die Gabel zu ihrem Mund führen sollte, erstarrte in der Luft, als ihr die Bedeutung von Violas Worten aufging. „Ich auch nicht. Es wäre echt fies, wenn Patrick deshalb Probleme bekäme.“

„Auf jeden Fall.“

„Wie findest du ihn? Ich finde ihn ziemlich süß. Nicht so sehr wie Max, aber immerhin.“

Saskia entging der erwartungsvolle Unterton in Violas Stimme nicht. Sie winkte ab. „Mach dir keine Hoffnungen. Erstens hab ich mich von meiner letzten Beziehungsschlappe noch nicht wieder erholt. Zweitens ... Na ja, ich weiß nicht so recht, was ich von ihm halten soll. Heute hat ihn seine Mama an einen Arzttermin erinnert. Er lässt sich von ihr alles dafür vorbereiten. Ob sie ihm wohl auch noch die Klamotten herauslegt?“ Sie grinste ein wenig spöttisch. „Ehrlich gesagt, je mehr männliche Wesen ich kennenlerne, umso weniger Lust habe ich, mich tatsächlich nochmal auf eine Beziehung mit einem von ihnen einzulassen. Unsere Väter, meine Brüder, dein Ex Lukas und meine Ex-Freunde. Na, und nach dem, was ich mit Kevin erlebt habe, sieht es so aus, als ließe sich die Reihe unbegrenzt fortsetzen. Ja, ja, ich weiß, Max und dein Stiefvater sind anders“, wehrte sie Viola ab, die den Mund zu einer Entgegnung öffnete. „Aber die sind ja vergeben, also hilft mir das auch nnichts.“

„Ich kann nachvollziehen, dass du keine gute Meinung von Männern hast, aber es gibt wirklich liebe und anständige Typen. Und du findest auch den Richtigen, du wirst sehen! Wie groß waren denn die Chancen, dass meine Mama sogar noch heiratet? Verschwindend gering, würde ich sagen. Und jetzt ist sie so glücklich!“

„Ich glaube eher, aus dir spricht die Hochzeits-Planerin. Du lebst schließlich davon, dass zwei Menschen an das Für-immer-und-ewig glauben.“ Saskia schüttelte lächelnd den Kopf. „Aber eines ist sicher: Wenn ich noch viel länger mit meinen Brüdern zusammen wohne, laufe ich Amok! Ich dachte, das mit der Wohngemeinschaft wäre eine gute Idee.“

„Die beiden nützen dich voll aus, in jeder Hinsicht! Ich wette, du bezahlst den Großteil der Lebensmittel.“

„So ist es. Und im Haushalt machen sie so gut wie nichts. Wer bin ich denn? Ersatzmami? Gratisputzfrau? Nicht mit mir! Ich habe es lange genug versucht und an ihren Teamgeist appelliert. Aber den haben sie anscheinend nur bei ihren Computerspielen!“ Saskias Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie zusammen, als sie frustriert den Kopf schüttelte. „Ich muss mich dringend nach etwas anderem umsehen. Wenn ich die beiden nicht mehr durchfüttere, wird es sich schon für eine eigene, kleine Wohnung ausgehen.“

„Werden sie ohne dich zurechtkommen? Finanziell meine ich. Das Übrige ist nur eine Frage des guten Willens.“

„Da mache ich mir keine Sorgen. Felix verdient beinahe gleich viel wie ich und Jan bekommt zu der Lehrlingsentschädigung noch etwas von Mama dazu. Wir hätten wirklich gut leben können, aber die Herren müssen ja einen auf Pascha machen.“

Zornig versuchte Saskia, eine Olive aufzuspießen, die daraufhin die Flucht ergriff und mit einem eleganten Sprung zwischen Tintenfischringen und Muscheln auf Violas Pizza landete. Gemeinsam lachten sie über das ungewollte Kunststück.

„Jetzt erzähle mal, wie es dir geht! Bist du schon aufgeregt wegen der Hochzeit?“

Viola rollte mit den Augen. „Das kannst du mal annehmen. Aber Max ist beinahe noch nervöser. Ich glaube, er hat Angst, dass ich ausflippe, wenn bei meiner eigenen Feier etwas nicht hundertprozentig klappt.“

Saskia grinste. „Und, wirst du?“

Viola warf selbstbewusst die Haare über die Schulter. „Erstens wird es ein kleines, leicht zu organisierendes Fest. Und zweitens bin ich nur eine Perfektionistin, wenn es um meine Kunden geht. Für mich selbst ist mir vor allem wichtig, dass sich meine Gäste wohlfühlen. Und meine Leute sind, wie du weißt, herrlich unkompliziert.“ Während sie sprach, schnitt sie ein Stück von ihrer Pizza ab. Nachdem sie den Mund wieder frei hatte, sah sie Saskia nachdenklich an. „Ein wenig Sorge macht mir allerdings die Torte. Ich meine, ich weiß schon, dass Patrick ein guter Konditor ist, sonst würde er nicht im Zwergenhotel arbeiten. Aber eine Hochzeitstorte mit Blümchendeko? Meinst du, er bekommt das hin?“

„Wir wollen es hoffen. Er wirkt sehr routiniert, aber mehr kann ich dir auch nicht sagen.“ Die beiden Frauen tauschten einen sorgenvollen Blick. „Na, jedenfalls bin ich jetzt beruhigt, dass du nicht durchdrehst, wenn sie vielleicht nicht absolut perfekt wird!“ Saskia zwinkerte der zukünftigen Braut zu. „Ich bringe sie am Freitagmorgen zum Restaurant und helfe dir dann beim Anziehen wie ausgemacht.“

Viola nickte. „Mein Termin beim Frisör ist um halb acht. Wenn du um halb neun kommen könntest, wäre das perfekt! - Ich bin so froh, dass du deine Kollegin zu einer Doppelschicht überreden konntest! Es wäre so schade gewesen, wenn du nicht bis zum Schluss hättest bleiben können! Noch dazu als Brautjungfer!“

„Sie hat eingesehen, dass die Hochzeit meiner besten Freundin eine absolute Ausnahmesituation ist. Ehrlich gesagt, habe ich den Eindruck, mittlerweile freut sie sich sogar darauf.“

„Wie das?“

„Sie hat ein Auge auf Patrick geworfen und da hat sie ihn dann nur für sich.“

„Das ist aber keine Überraschung. Du hast doch erzählt, dass sie für ihr Leben gern flirtet.“

„Das stimmt. Sie vermittelt den Eindruck, dass sie leicht zu haben wäre. Ob das tatsächlich so ist, kann ich dir nicht sagen. Aber nachdem er ohnehin nur eine Aushilfe ist, die bald wieder von der Bildfläche verschwindet, soll sie machen, was sie will.“

Kapitel 5

Während Patrick die Stufen zur Haustür hinaufstieg, war er mit den Gedanken noch bei den Arbeiten, die in der Bäckerei auf ihn warteten. Der Arzttermin kam ihm sehr ungelegen, war aber nicht zu ändern. Schließlich hatte er ihn absichtlich in seinen Urlaub gelegt, damit seine Mutter nicht frei nehmen musste.

„Hallo Tommy! Bist du bereit?“, rief er schon im Vorraum. Er war später weggekommen als geplant. Die Nusstorte hatte länger gebraucht, bis sie durchgebacken war, als er das gewohnt war. Jeder Ofen hatte seine Eigenheiten und an Tante Lisbeths Backstube musste er sich erst gewöhnen.

„Ich komme schon“, hörte er die angestrengte Stimme seines Bruders, dann das vertraute Geräusch der unregelmäßigen Schritte.

„Keine Schuhe?“

„Holst du bitte den Rollstuhl?“, fragte Thomas zurück.

„Ja klar.“ Patrick ärgerte sich, dass er nicht gleich daran gedacht hatte, ihn vom Windfang hereinzuschieben.

„Wenn ich nicht gehe, brauche ich auch keine Schuhe. Sie drücken.“

Patrick nickte teilnahmsvoll. „Tun sie das nicht immer?“

„Ja, aber jetzt sind sie auch noch zu klein.“

„Schon wieder? Die hast du doch erst ein paar Monate!“ Er wusste es deshalb so genau, weil er sie mit ihm zusammen abgeholt hatte.

„`Tschuldigung, ich kann ja nichts dafür, dass ich so schnell wachse“, antwortete Tommy brummig.

„Na klar. War ja kein Vorwurf!“ Patrick widerstand der Versuchung, ihm dabei zu helfen, von den Krücken zum Rollstuhl zu wechseln und die dünne Decke über seine Beine zu breiten. Es war schließlich wichtig, dass er sich ein Maximum an Selbstständigkeit erhielt. Das hatte ihnen die Physiotherapeutin eingeschärft, die einmal die Woche mit dem Jungen übte, damit er seine Bewegungsabläufe optimierte.

Geschickt rollte der Vierzehnjährige über die Rampe auf den Gartenweg und hinaus auf den Gehsteig. Der Facharzt für Orthopädie war zu Fuß keine zehn Minuten entfernt. Das war einfacher, als für die kurze Wegstrecke den Rollstuhl ins Auto zu verfrachten. Außerdem kam Tommy in den Ferien ohnehin viel zu wenig unter Menschen. Patrick bewunderte ihn im Stillen, wie geschickt er das Gefährt steuerte. Manche Gehsteigkanten waren nur wenig abgeschrägt, andere gar nicht.

Die grauhaarige Sprechstundenhilfe begrüßte sie mit einem mütterlichen Lächeln. „Hallo ihr beiden! Es dauert nicht lange, bis ihr drankommt. Heute ist endlich mal ein richtig schöner Sommertag! Holt euch doch einen Becher Wasser aus unserem neuen Spender!“ Stolz deutete sie in die Ecke, in der das Gerät stand.

Patrick war tatsächlich durstig und füllte einen Becher mit dem kalten Wasser. Bevor er trank, hielt er ihn Tommy hin, doch der lehnte ab. „Lieber nicht, sonst muss ich pinkeln.“ Obwohl die Toilette der Arztpraxis behindertengerecht ausgestattet war, vermied er es nach Möglichkeit, sie zu benutzen.

Bald darauf wurden sie von Dr. Berger aufgerufen.

„Hallo Thomas, wie geht es dir?“ Patrick mochte die ruhige, freundliche Art des älteren Arztes.

„Ich glaube nicht, dass sich seit der letzten Kontrolle viel verändert hat. Außer, dass meine Füße größer geworden sind.“

Dr. Berger lachte. „Du bist insgesamt ein gutes Stück gewachsen in diesem Vierteljahr, würde ich sagen. Ich denke, deinen Bruder hast du bald eingeholt, wenn du so weitermachst. Nun, dann lass mal sehen.“

Tommy zog die Decke von seinen nackten Beinen, die aus den Jeans-Shorts ragten.

Der Arzt untersuchte sie sorgfältig, dann ließ er den Jungen auf und ab gehen und beobachtete ihn genau. „Es sieht gut aus. Deine Haltung ist gerader und sicherer geworden. Du scheinst die Übungen gewissenhaft zu machen! Sehr gut!“ Das Lob des Arztes tat Thomas sichtlich wohl. „Macht dir die Hüfte noch Probleme?“

„Nur wenn ich länger gehe. Aber das kann ich jetzt nicht, weil die Schuhe schon wieder zu klein sind.“