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Kurz vor ihrem 40.Geburtstag stellt sich Marina ein paar Fragen:Was erwarte ich noch vom Leben? Habe ich alle meine Träume verwirklichen können? Sie denkt zurück an die Anfänge ihrer Beziehung zu Martin, bei der das "7.Jahr" schon vor der Hochzeit kam. Marina schildert, was vor ihrem runden Geburtstag alles auf sie zu kam. Wird sie ihre Liebe retten können. Ist der 40, der Weltuntergang?
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Seitenzahl: 272
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Elfi Loth
Hilfe, fast 40!
Mein Leben und andere "Katastrophen"
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung:
Der ganz normale Alltagswahnsinn
Von Anfang an
Eine schwere Entscheidung
Wohnungssuche
So schnell kann`s gehen
Werden Träume wahr?
Auch Bilder können täuschen
Umzugskartons
Kinderüberraschung und Kreißsaalfliesen
Anderes Land, lustige Wörter
Kellergewölbe mit Überraschungseffekt
Schlechte Nachrichten
„Anpassungsschwierigkeiten“
Mit Schminke ist doch jede schön!
Jetzt wird geheiratet!
Überraschungen und harte Brotkanten
„Quarklaufschuhe“
Berge, wir kommen!
Krankes Kind
Familienausflug mit Übelkeit
Urlaubssouvenir
Der Traum vom Haus
Almhüttenbaby oder Blitzgeburt
Umzugsstress mit Frischkäse statt Kräuterquark
Ehealltag und Pausensex
Bewerbung auf österreichisch
Fünf vor um ist fast zu spät
Ein lustiger Abend
Doch kein Weltuntergang
Danke,
Impressum neobooks
Für mich!
Endlich habe ich was fertig gemacht,
Der Wecker klingelt! Wie immer, viel zu früh! Verdammt wie spät ist es? Waaaas? Schon halb sieben!
Mist, Mist, Mist!
Wie oft habe ich dieses Teil heute schon ausgedrückt? Keine Ahnung, aber eindeutig zu oft. Mein Mann schläft auch noch.
"Schatz, wir haben verpennt!"
Ich springe aus dem Bett, renne mehr als dass ich laufe durch den Flur ins Kinderzimmer.
"Mädels, schwingt die Beine raus! Wir haben verschlafen. Hopp, hopp sonst ist der Schulbus auch noch weg!"
Zwei verschlafene Augenpaare schauen mich ungläubig an.
Meine hübschen Mädels!
In Null Komma nix sind wir angezogen. Auf das Frühstück müssen wir heute leider verzichten. Schuhe an und los.
Wo ist denn der Schlüssel für die Haustür? Ah, ich hab ihn. Ich schließe die Tür auf und glaube ich sehe nicht richtig. Was ist denn da passiert? Unsere Katze steht mit einem zerfetzten Vogel im Maul vor der Tür und will rein. Überall Federn. Das muss ein Kampf gewesen sein.
"Nee Mietze, jetzt kann ich dich nicht reinlassen, wir sind schon zu spät dran."Jacky schaut mich verständnislos an, macht mit dem Vogel im Maul kehrt und verschwindet im Garten.
"Kommt Kinder, macht doch mal schneller, ich höre den Bus schon!"
Wir stürmen aus dem Tor, schnell noch ein Küsschen mit auf den Weg und ab geht’s.
Moment! Irgendwas hab ich doch vergessen? Irgendwas ist anders als sonst!
Oh mein Gott, na klar- meinen Mann!
Ich schließe die Tür wieder auf, stürme ins Schlafzimmer und ziehe ihm die Decke weg. “Aufstehen! Du kommst zu spät in die Arbeit!" Er schnappt sich die Decke wieder und grinst mich an.
"Ich habe heute frei und gehe mal wieder ins Fitnessstudio! Das habe ich dir doch gestern gesagt. Hast du mir wieder nicht zugehört?!"
Ach du Schreck, jetzt fällt es mir auch wieder ein.
"Okay, dann schlaf weiter, ich war gar nicht da!", sage ich und verschwinde aus dem Schlafzimmer.
Ich schüttle über mich selber den Kopf. Immer wieder dasselbe! Wo bin ich nur ständig mit meinen Gedanken? Martin beschwert sich oft, dass ich ihm nicht zuhöre. Dann muss er eben mal lauter mit mir reden! Immerhin bin ich auch nicht mehr die Jüngste mit 39! Verdammt, ich werde dieses Jahr 40! Bloß nicht daran denken. 40! Das ist irgendwie eine magische Zahl für mich. Vielleicht auch für andere Frauen?
Mit fast 40 Jahren kommt man an den Punkt, wo man sich schon mal fragt, ob man alles erreicht hat im Leben, was man wollte. Welche Träume man noch zu verwirklichen gedenkt, wenn man, im günstigsten Fall, noch welche hat. Es ist das Alter, wo die Zeit schneller vergeht, als man mit dem Gefühl nachkommt und man den Spruch „Man ist so alt wie man sich fühlt!“ endlich versteht.
Im Moment fühle ich mich nur gestresst! Ich muss in die Arbeit!
Die Scheiben meines Autos sind mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Auch das noch! Leute- es ist April! Schickt endlich mal den Sommer oder von mir aus auch erst den Frühling vorbei. Die Kälte hält ja keiner aus.
Im Büro geht es mal wieder drunter und drüber. Schon das Hochfahren des Computers ist heute eine Herausforderung. Erst hängt er sich auf und dann installiert er auch noch Updates. Updates? Ach nee, heute ist Montag!
Jetzt wird mir alles klar, MONTAG! Dieser erste ungeliebte Tag der Woche, an dem wir wissen, dass wir noch 4 Tage in die Arbeit müssen, bevor wir wieder zu Hause „faulenzen“ können. Dieser ungeliebte Tag, an dem meistens alles schief läuft! Ja, heute ist Montag!
Mit dieser Erkenntnis öffne ich mein E-Mailprogramm und falle fast vom Stuhl! 234 Mails! Puh, da war die Telekom am Wochenende aber fleißig und hat mir viele Rechnungsbestätigungen geschickt. Ich verfasse schnell die obligatorische, Bin- gut- angekommen- Mail an meinen Mann und lege los. Zum Nachdenken habe ich keine Zeit mehr. Ich muss mich konzentrieren, damit hier nichts passiert. Zahlendreher wären die absolute Katastrophe.
Gegen neun schaut mein Kollege zum Büro rein.
“Kaffee?“
“Komme gleich.“
Mein Kaffee steht schon fertig da, als ich es endlich schaffe, mich von meinen E-Mails loszueisen. Er ist schon fast kalt. Ich trinke ihn trotzdem, kalter Kaffee soll ja schön machen und wer kann das nicht brauchen. Schlimmer kann’s nicht werden, also runter damit.
Die Themen in der Kaffeeküche sind wie immer dieselben. Wetter, naja, könnte besser sein. Wer hat was am Wochenende gemacht…der übliche Klatsch und Tratsch eben.
Das muss ich mir nicht anhören. Ich klinke mich gedanklich aus und träume mich schon mal in den Sommerurlaub.
Oh ja, da freu ich mich jetzt schon drauf. Malediven- wir kommen! Nur Martin und ich, ganz alleine. Blaues Meer und viel Strand. Tolles Essen und endlich wieder tauchen.
Das soll unser erster gemeinsamer Urlaub ohne Kinder nach 9 Jahren Ehe, mit Höhen und Tiefen, werden. Das haben wir uns verdient!
Wenn ich an letzten November denke, da wäre ich schon fast ausgezogen.
Ich erinnere mich auch nach 11 Jahren noch ganz genau daran, wie ich Martin kennenlernte.
Es war Juli, um genau zu sein der 22 Juli 2002. Ich war gerade mit meinem damaligen Freund Dieter, aus dem Mexiko- Urlaub zurückgekommen und saß an der Rezeption der Allgemeinarztpraxis von Frau Doktor Fitz.
Das Wartezimmer ist bereits leer. Bald würde ich Feierabend machen können, wenn kein dringender Patient mehr kommt. Gerade denke ich diesen Satz zu Ende, da geht auch schon die Tür auf. Eine ältere Dame in männlicher Begleitung betritt die Praxis. “Schwester, könnte ich bitte noch mit Frau Doktor Fitz sprechen? Es ist wichtig“
Wie immer freundlich und höflich antworte ich „Aber natürlich Frau …, ein Blick auf ihre E-Card,…Frau Liebich. Bitte nehmen Sie im Wartezimmer Platz. Sie werden aufgerufen“
Mit einem dankbaren Lächeln verschwinden Frau Liebich und ihr Begleiter im Warteraum.
Ich verfasse eine kurze Mitteilung per Computer an Frau Doktor und teile ihr mit, dass noch eine Patientin gekommen ist.
Die Krankenakte vom Frau Liebich habe ich schon bereit gelegt. Ein kurzer Blick in ihre Akte sagt mir, dass die Frau Diabetikerin ist. Mit dem Gedanken an einen pünktlichen Feierabend rufe ich Frau Liebich ins Labor, um ihren Blutdruck und ihren Blutzuckerspiegel zu messen.
“Frau Liebich, wie geht es Ihnen.“ Ich rede einfach drauflos, um ein Vertrauensverhältnis zu Frau Liebich aufzubauen.
“Ihr Blutdruck ist ein bisschen hoch und Ihr Blutzuckerspiegel auch. Frau Doktor sieht sich das gleich mal an.“
Sie lächelt mich an.
“Danke Schwester, dass Sie mich noch drannehmen. Heute geht es mir nicht so gut. Mein Enkel wollte nicht, dass ich alleine herkomme und hat mich gefahren.“
Der junge Mann im Warteraum ist also ihr Enkel. Netter Enkel!
Kurze Zeit später bittet Frau Doktor Fitz Frau Liebich zu sich hinein.
Ich ordne schon mal meinen Arbeitsplatz und gehe ins Wartezimmer, um die verstreuten Zeitschriften einzusammeln. Der Enkel von Frau Liebich beobachtet mich und schaut mir eindeutig auf den Hintern, als ich mich bücke, um die Zeitungen in den Zeitungsständer zu stecken. Hastig beende ich meine Arbeit, würdige ihn keines Blickes und setzte mich wieder an meinen Platz an der Rezeption.
Nach einer Weile öffnet sich die Tür zum Behandlungszimmer. Frau Doktor Fitz begleitet Frau Liebich hinaus und gibt ihr die Hand.
“Bitte lassen Sie sich für nächste Woche einen Termin zur Kontrolle geben.“
Der junge Enkel springt auf, kommt aus dem Wartezimmer und hält seiner Oma die Tür auf. Mit einem Blick auf mich verabschiedet er sich.
Meine Chefin steht da und lächelt.
“So ein hübscher junger Mann! Wäre das nichts für Sie Marina?“
Für mich? Warum sagt sie so was? Sie weiß doch, dass ich bereits vergeben bin!
Okay, mein Freund ist schon ein älteres Modell, aber nett zu mir.
Nett? Reicht das denn auf Dauer aus?
Ich denke mal wieder über meine Beziehungsprobleme nach und sehe dem jungen Mann hinterher.
Beim nächsten Mal werde ich ihn mir genauer ansehen. Jetzt habe ich Feierabend.
Am nächsten Tag in der Praxis gehe ich die Post holen. Es ist ein Brief dabei, mit dem ich nichts anfangen kann. Auf dem Umschlag prangt in dicker, schwarzer Schrift das Wort SCHWESTER? Was soll das?
Ob der Brief für mich ist? Ich öffne ihn und lese:
Liebe Schwester…?
Leider habe ich mir Ihren Namen nicht gemerkt und meine Oma war sich auch nicht sicher, wie Sie heißen, aber ich möchte mit Ihnen gerne einen Kaffeetrinken gehen. Bitte rufen Sie mich an. Hier ist meine Handynummer.
Ihr Martin Lork
Oh je, Kaffee trinken! Bloß nicht! Ich bin vergeben! Clever scheint er ja zu sein. Wenn ich ihm per sms antworte, hat er meine Handynummer. Nee nee, daraus wird nichts.
Ich greife zum Festnetztelefon der Praxis und rufe die Handynummer an. Er meldet sich. “Lork“ - erwartungsvolle Stille.
Was tu ich da? Ich wollte ihm sagen, er soll mich in Ruhe lassen. Ich bin vergeben und jetzt bekomme ich kein Wort raus? Schnell lege ich wieder auf.
Das Telefon klingelt. Auf dem Display sehe ich die Handynummer. Seine Nummer.
Nein, nein, nein, nicht rangehen.
“Schwester Marina, heben Sie doch bitte mal ab“. Frau Dr.Fitz klingt genervt.
Okay ich hebe ab.
“Allgemeinarztpraxis Doktor Fitz, was kann ich für Sie tun?“ frage ich.
“Äh, hallo, hier ist Lork, haben Sie mich gerade angerufen?“
Ich? Angerufen? Niemals!!!
Was soll ich bloß sagen?
„Ähm, ja, ich habe gerade angerufen. „
Warum macht mich diese Stimme nur so nervös?
“Haben Sie meinen Brief bekommen?“
“Ja, danke ich habe Ihren Brief bekommen. Aus dem Kaffeetrinken wird nichts. Ich habe einen Freund. Ich möchte mich nicht mit Ihnen treffen!“
So jetzt ist es raus. Stille am anderen Ende der Leitung. Ich warte, ob er noch was sagt. Gerade als ich auflegen will:
“Schade, ich wollte doch nur einen Kaffee mit Ihnen trinken. Mehr nicht!“
Jaja, nur einen Kaffee! Dass ich nicht lache. So fängt es meistens an.
“Ich muss arbeiten. Auf Wiederhören!“ sage ich höflich und lege auf.
Das wäre geklärt!
Mittag.Ich beschließe einen Stadtbummel zu machen. Ich gehe gerade zur Tür hinaus, da steht ER plötzlich vor mir.
“Ich wollte ein Rezept für meine Oma abholen. Das haben wir gestern vergessen.“
Ein Rezept? Was ist das für eine Masche? Ich erinnere mich genau - seine Oma hatte gestern kein Rezept!
Da höre ich ihn auch schon sagen:
“Hätten Sie jetzt Zeit, um mit mir einen Kaffee zu trinken?“
Na der Typ hat Nerven! Das Rezept war offensichtlich nur ein Vorwand. Ich schau mir diesen Martin genauer an. Groß, sehr groß! Ich komme mir vor wie ein Gartenzwerg! Dunkle Haare und helle Augen. Was ist das nur für eine Augenfarbe? So was habe ich ja noch nie gesehen. Blau- grün- grau mit braunen Tupfen. Und wie er mich anschaut…
Er steht ganz verloren da und ich habe Mitleid. Warum kriegt man mich mit mitleidigen Dackelblicken immer rum! Ich ärgere mich über mich selber.
Wir gehen in ein hübsches Cafè im Stadtzentrum. Um diese Zeit ist es noch angenehm leer. Er bestellt zwei Kaffee.
Was will er von mir? Schlecht sieht er nicht aus. Ganz im Gegenteil! Der Typ hat doch bestimmt an jedem Finger eine. Was will er mit mir?
Wir sitzen uns gegenüber und schweigen uns an.
Jetzt sag ich ihm noch mal klipp und klar, was Sache ist. Er interessiert mich nicht!
“Wollen wir uns nicht duzen? Ich bin Martin.“
Hallo? Das weiß ich! Ich kann lesen!
“Okay, also wie ich dir schon gesagt habe. Ich bin in einer Beziehung! Was willst du von mir?“
Mit so einer direkten Ansage hat er wohl nicht gerechnet.
“Ich wollte einfach mal mit dir einen Kaffee trinken gehen und mich ein wenig unterhalten. Ich fand dich nett gestern.“
Aha, er fand mich nett! Mir fallen seine Blicke auf mein Hinterteil wieder ein. Dem hat wohl mein Hintern gefallen! Was mache ich hier? Ich will gehen! Jetzt sofort!
“Aber du kennst mich doch gar nicht!“ stammle ich hervor.
“Du könntest mir deinen Namen verraten. Den weiß ich immer noch nicht.“
Ich will ihm meinen Namen nicht sagen.
“Ich bin Marina“, höre ich mich im selben Moment. Mist, wo kam das her? Habe ich das gerade gesagt?
Der Typ verwirrt mich!
Die Kellnern bringt den Kaffee.
“Und bitte noch zwei Gläser Wasser“, bestellt er. “Zum Kaffee gehört immer ein Glas Wasser!“
Was für ein Klugscheißer! Ich trinke meinen Kaffee immer schwarz! Und ohne Wasser!
Ich lächle milde und überlege krampfhaft, wie ich diesem ganzen Theater entkommen kann. Ein Blick auf meine Uhr und ich hab’s.
“Ähm, meine Pause ist um. Ich muss wieder in die Praxis.“
“Darf ich dich begleiten? Nur bis zur Tür, man weiß ja nie, was hübschen Frauen sonst so passieren kann.“
Was sollte mir denn passieren! Mir? Hat er gerade hübsch gesagt? Er findet mich hübsch?
“Gibst du mir deine Handynummer? Ich würde gerne mal wieder mit dir einen Kaffee trinken gehen. In deiner Pause? So wie heute?“
Ich hab’s doch gewusst! Wie direkt muss man eigentlich sein, um sich irgendwelche Typen von der Pelle zu halten?
“Nein, ich gebe niemandem meine Nummer. Danke fürs Bringen. Tschüß!“
Langsam werde ich böse. Er grinst mich nur an und geht.
Puh…ich hoffe wirklich, das war’s. Ich gehe nach oben, an meinen Arbeitsplatz, und versuche nicht mehr an diesen großen, gutaussehenden Typen mit der seltsamen Augenfarbe zu denken.
Von da an bekomme ich jeden Tag Post. Handgeschrieben! Wer schreibt im Computerzeitalter schon noch selber Briefe. Ich bin richtig beeindruckt!
Ab und zu treffen wir uns nun doch zum Kaffeetrinken und reden über Gott und die Welt. Ich muss zugeben, er interessiert mich.
Meine Beziehung ist schon lange nicht mehr das, was ich mir vorgestellt habe. Dieter arbeitet nur und hat nie Zeit für mich. Gut, er hat mir die Welt gezeigt und ich wohne bei ihm in seinem großen, neugebauten Haus, aber Zeit verbringen wir nur einmal die Woche miteinander, an seinem freien Tag.
Ich sitze im goldenen Käfig. Nichts brauch ich zu machen. Er kocht gerne, er putzt gerne. Eigentlich der Traum jeder Frau! Auf die Dauer kann einen das ganz schön nerven und das tut es auch gewaltig.
Martin dagegen hat Zeit für mich. Arbeitet der Mann denn überhaupt? Er hört mir zu und wir verstehen uns prächtig. Jedes Mal, wenn ich in der Praxis zum Briefkasten gehe, habe ich Schmetterlinge im Bauch. Ich liebe seine Briefe, oder ist da schon mehr zwischen uns? Heute hat er mich in meiner Pause zum Essen eingeladen. Die Zeit zieht sich wie Kaugummi. Wann ist es endlich 12 Uhr?
Als ich dann endlich auf die Strasse trete, sehe ich Ihn schon von Weiten. Bei seiner Größe ist er nicht zu übersehen.
“Hey, wie geht’s Dir?“, begrüßt er mich mit einem Küsschen auf die Wange.
“Super, Danke. Wo gehen wir essen?“, frage ich und sehe Ihn erwartungsvoll an.
“Ich dachte an die Kartoffel?“
Ohja, ich liebe dieses Restaurant.
„Ja, gute Wahl, da weiß ich sogar schon, was ich esse“, verkünde ich.
Die Kartoffel ist gleich um die Ecke. Das ist praktisch, da habe ich es dann nicht so weit zur Praxis, sollten wir länger auf unser Essen warten müssen. Martin hat sogar einen Tisch bestellt. Wow! Der Typ scheint nichts dem Zufall zu überlassen.
Ich bestelle mir ein Omelette und er nimmt einen Kartoffel-Tomaten-Auflauf.
Während wir auf unser Essen warten, werde ich mal wieder verlegen. Jetzt kennen wir uns schon fast 2 Monate und ich bekomme in seiner Gegenwart immer noch kein vernünftiges Wort heraus. Er macht mich total nervös!
Martin greift über den Tisch und legt seine Hand auf meine.
“Warum hast Du so kalte Hände?“, fragt er und streichelt meine Hand.
Ich kann ihm doch nicht sagen, dass ich nervös bin, dass ER mich nervös macht!
“Frauen haben doch meistens kalte Hände“, antworte ich und versuche ihm meine Hand zu entziehen. Er hält sie fest!
Was wird das denn? Er schaut mich an.
“Ich muss dir etwas sagen, aber ich weiß nicht, wie du reagieren wirst.“
Meine Gedanken rattern los. Was muss er mir sagen? Sehen wir uns nicht mehr? Allein bei dem Gedanken spüre ich Traurigkeit in mir aufsteigen.
“Was musst du mir denn sagen? Was Schlimmes?“ Bitte, bitte nichts Schlimmes, flehe ich innerlich.
„Wir kennen uns jetzt schon ca. 7 Wochen“, fängt er an und sieht mir in die Augen, “Ich habe mich in dich verliebt. Bitte renne nicht gleich weg. Meinst du wir haben eine Chance auf eine Beziehung?“
Ach Du Schreck! Beziehung? Warum gleich Beziehung? Mir fällt die Kinnlade herunter und ich bekomme den Mund nicht zu. Jetzt ist es raus. Jetzt muss ich etwas sagen. Muss ich mich jetzt entscheiden? Vor dieser Situation habe ich mich doch die ganze Zeit gefürchtet, oder ist es das, was ich insgeheim gehofft habe? Ich bin völlig durcheinander. Was soll ich ihm denn sagen? Und was ist mit Dieter? Meine Gedanken überschlagen sich förmlich.
“Denk einfach mal in Ruhe darüber nach. Ich lass dir Zeit!“, sagt er und sieht mich traurig an.
Oh nein, bitte schau mich nicht so an!
Endlich kommt unser Essen. Obwohl ich Omelette sehr gerne esse, will es mir heute nicht so recht schmecken. Ich bin erleichtert, als wir endlich gehen. Martin zahlt, ein Gentleman eben, und bringt mich zurück zur Praxis. Meine Pause ist vorbei und ich bin froh, wieder an die Arbeit zu gehen und nicht über sein Geständnis und seine Frage nachdenken zu müssen.
“Danke für das Essen!.“, verabschiede ich mich, “Ich kann dir jetzt keine Antwort geben, ich muss erstmal nachdenken.“
Er nickt verständnisvoll, winkt mir noch einmal zu und geht.
Ich bin so durcheinander, dass ich mich kaum auf meine Arbeit konzentrieren kann.
Er hat sich in mich verliebt! In mich! Habe ich mich nicht auch schon längst in Ihn verliebt? Wollte ich es mir nur nicht eingestehen, weil es so wie es ist, alles einfacher ist?
Die Stunde der Wahrheit ist gekommen und ich muss mich damit auseinander setzen, ob ich will oder nicht.
Seit ich Martin kenne, fühle ich mich wie ein Teenager. Warum ist mir das nicht schon früher aufgefallen!? Und nun? Was soll ich bloß machen? Auf der anderen Seite ist da noch Dieter und unsere 4 ½ jährige Beziehung. Aber wenn ich mal ganz ehrlich zu mir bin, das ist doch schon lange nicht mehr das Richtige. Ich fürchte mich vor Veränderungen und möchte auch niemandem weh tun. Was für ein Schlamassel! Da muss ich jetzt durch.
Am Abend schlafe ich mal wieder auf der Couch ein, noch bevor Dieter nach Hause kommt. Ich muss dringend mit ihm reden! Meine Entscheidung ist mir wirklich nicht leicht gefallen und ich weiß auch nicht, ob es die Richtige ist. Woher soll man das auch wissen. Ich muss auf mein Herz hören.
Dieter schläft noch, als ich am Morgen in die Arbeit fahre. Ich lasse ihm einen Zettel da.
Hallo Dieter,
komm heute Abend bitte nicht so spät nach Hause. Ich muss dringend mit dir reden!
Wünsche dir einen schönen Arbeitstag, bis später.
Lg Marina
Der erste Schritt ist gemacht. Ich muss wissen, wie Dieter unsere Beziehung sieht. Vor heute Abend graut es mir allerdings jetzt schon. Wie wird er reagieren? Vielleicht sieht er es ja genauso. Hoffentlich! Wenn etwas nicht nach seinem Willen geht, kann er ziemlich unangenehm werden. Er ist Skorpion und sehr nachtragend!
Der heutige Tag verging viel zu schnell. Martin hat mir keinen Brief geschrieben. Darüber bin ich irgendwie traurig. Aber er hat ja gesagt, er gibt mir Zeit. Trotzdem hatte ich gehofft, er schreibt mir weiter. Ich habe mich schon so an seine täglichen Briefe gewöhnt, dass mir heute irgendwas fehlt. Kein Bauchkribbeln beim öffnen des leeren Briefkastens. Schreibt er mir nie mehr? An so was darfst du gar nicht denken, ermahne ich mich in Gedanken. Das wird schon wieder. Na hoffentlich!
Mittlerweile treffe ich Martin 5 Tage die Woche in meiner Mittagspause. Wir gehen Hand in Hand spazieren und sein Zimmer hat er mir auch gezeigt. Er wohnt noch bei seiner Mutter. Mit 25 ! Wir knutschen, kuscheln, liegen auf seinem Bett einfach nur nebeneinander und reden über unsere Träume.
Wenn ich an die Schmetterlinge in meinen Bauch denke, jedes Mal, wenn ich einen Brief bekomme, an meine Verlegenheit, wenn er in meiner Nähe ist, an seine Küsse… Der Mann kann küssen dass mir schwindlig wird. Verdammt, ich bin verknallt! Ja, ich bin sogar total verknallt. Dabei hatten wir noch nicht einmal Sex miteinander. Den Gedanken schiebe ich beiseite. Sex wird sowieso überbewertet! Er wird doch nicht impotent sein? Wer so küsst, kann nicht impotent sein!
Seit Martins Geständnis habe ich viel nachgedacht und stehe immer noch neben mir. Ich habe eine Entscheidung getroffen! Bitte lass es die Richtige sein!
Feierabend! Ich fahre ganz langsam nach Hause. Vor dem Gespräch mit Dieter fürchte ich mich. Als ich in die Strasse einbiege, sehe ich sein Auto bereits vor dem Haus stehen. Er hat also meinen Zettel gefunden und ist tatsächlich schon zu Hause. Plötzlich wird mir übel.
“Ach, da bist du ja Minimaus“, höre ich ihn aus der Küche rufen, als ich die Haustür öffne.
Minimaus, diesen Spitznamen hat er mir verpasst. Er scheint bester Laune zu sein.
Der Tisch ist gedeckt. Dieter hat gekocht. Kochen kann er richtig gut. Seit ich mit ihm zusammen bin, bekomme ich nur die leckersten Dinge zu essen. Er war mal Koch. Warum hat er das nur aufgegeben und ärgert sich jetzt mit einem eigenen Laden rum?
Er kommt auf mich zu, nimmt mir meine Handtasche ab und dirigiert mich an den Esstisch. Ob er was ahnt? Er muss doch auch gemerkt haben, dass es nicht mehr so ist wie am Anfang.
“Komm, setz dich. Ich habe heute den Laden einfach früher zugesperrt. Gekocht hab ich auch für uns.“
Ich habe keinen Hunger, ich will nichts essen! Ich will das nur endlich hinter mich bringen!
“Dieter, ich muss mit dir reden. Über uns.“
“Wir essen erstmal und dann reden wir. Wie war dein Tag?“
Merkt der Mann denn wirklich nicht, was mit mir los ist? Normalerweise sieht man mir alles an.
“Dieter, bitte, es ist wirklich wichtig! Ich möchte nichts essen.“
Er verzieht seinen Mund zu einer schmalen Linie und presst die Lippen aufeinander.
“Na gut, wenn es dir sooo wichtig ist. Was hast du auf dem Herzen?“, fragt er und sieht mich erwartungsvoll, mit ängstlichen Augen an.
Ich hole tief Luft. Wo soll ich anfangen? Wie kann ich ihm das Ende unserer Beziehung begreiflich machen, ohne ihn zu verletzen?
“Dieter, ich möchte mit dir über unsere Beziehung reden. Ich glaube, es ist besser, wenn wir uns trennen. Ich weiß, du hast mir die Welt zu Füßen gelegt und ich darf in deinem wundervollen Haus leben, aber ich kann so nicht mehr weiter machen. Du hast nie Zeit für mich! In letzter Zeit habe ich dich kaum zu Gesicht bekommen. Wenn du nach Hause kommst, schlafe ich schon. Ich will nicht mehr!“
Es ist raus. Gefühlte 100 Kilo fallen von mir ab. Den ganzen Tag hatte ich Angst vor diesem Moment. Ich habe es wirklich getan! Ich habe unsere Beziehung beendet!
Er schaut er mich ungläubig an.
“Das ist nicht dein Ernst!“
“Du kannst doch nicht behaupten, dass für dich alles in Ordnung war in letzter Zeit, oder?“
“Minimaus, du kannst nicht gehen! Ich lasse dich nicht gehen! Ich weiß, ich habe wenig Zeit, aber ich liebe dich! Du hast mich verzaubert. Du kannst doch nicht einfach so, mir nichts dir nichts, Schluss machen! ICH LASSE DICH NICHT GEHEN!“
Oh nein, genau davor habe ich mich den ganzen Tag gefürchtet. Da sind sie wieder, meine Bedenken. Mache ich wirklich das Richtige? Eigentlich geht es mir doch gut bei Dieter. Jede andere Frau würde mir wahrscheinlich einen Vogel zeigen! Ich habe doch alles, sogar mehr als das, ich lebe im Luxus bei Dieter.
“Geld ist nicht alles!“, höre ich meine innere Stimme sagen.“Willst Du weiter im goldenen Käfig sitzen? Meistens allein! Sex hast Du auch kaum! Du bist ein Gefühlsmensch. Hör auf dein Herz.“
Als ob das alles so einfach ist! Ich bin 29 Jahre alt und will nicht wieder von vorne anfangen. Auf der anderen Seite, was kann schon passieren? Endlich fühle ich mich wieder lebendig.
Ich merke, wie ich wütend werde.
“Was heißt, ich lasse dich nicht gehen? Du kannst mich nicht einsperren. Ich gehöre dir nicht! Ich werde mir eine Wohnung suchen und wollte dich fragen, ob ich solange noch hier wohnen darf, bis ich was gefunden habe.“
Dieter schaut mich trotzig an.
“Wenn du gehen willst, dann geh gleich. Aber glaube nicht, dass du angekrochen kommen kannst, wenn du es dir anders überlegst. Vorbei ist vorbei!“
Das hat gesessen. Mit so einer Reaktion hätte ich rechnen müssen. Da kommt der Skorpion sofort durch. Wie bei einem Kleinkind, dem man sein Spielzeug wegnehmen will. Wir sind erwachsen! Warum kann man die Sache nicht vernünftig mit ihm klären? Ich stehe auf, angle mir meine Reisetasche vom Schrank herunter und verschwinde im Schlafzimmer. Er folgt mir.
“Es tut mir leid“, stammelt er verzweifelt hinter mir. “Bitte geh nicht! Ich werde mir mehr Zeit nehmen.“
Ach plötzlich! Wie oft haben wir darüber diskutiert. Sein Laden steht nun mal an erster Stelle. Das versteh ich ja auch, irgendwie.
„Du kannst so lange hier wohnen, wie du möchtest. Bitte denke noch mal darüber nach!“, bettelt er weiter.
Herrgott noch mal, wie soll ich da eine Entscheidung treffen, wenn ein erwachsener Mann mich so anbettelt. Ich muss raus hier! Nachdenken! Alleine und in Ruhe!
Endlich Wochenende! Martin und ich haben einen Wohnungsbesichtigungstermin.
Er holt mich mit seinem Auto ab und wir fahren los. Auf der Fahrt frage ich mich immer wieder, ob es wirklich das Richtige für mich ist. Martin weiß nicht, wie ich mich seit Wochen quäle. Mit Dieter habe ich mich noch um die Möbel streiten müssen, die ich mitnehmen möchte und die mir gehören!
“Ich will doch nicht in einem leeren Haus wohnen, das bleibt alles hier!“, hat er mir per Zettel mitgeteilt.
Seit ich unsere Beziehung beendet habe, kommt er immer erst heim, wenn ich schon schlafe und morgens ist er auch schon weg, wenn ich aufstehe. Im Moment schlafe ich im Gästezimmer. Ich hatte eigentlich auf eine freundschaftliche Trennung gehofft, aber so wie es im Moment aussieht, kann ich das vergessen.
Martin fährt vor einem Hochhaus auf den Parkplatz und wir steigen aus. Er nimmt meine Hand.
“Schau Marina, da ganz oben wird unsere neue Wohnung sein“
Da oben? Hoffentlich gibt es einen Aufzug. Wer soll denn den Einkauf jede Woche bis in den 6.Stock schleppen?
Dieser große, schöne Mann ist sichtlich nervös, als wir auf den Eingang zusteuern. Aus seiner Hosentasche zaubert er den Haustürschlüssel hervor.
“Wo hast du den denn her?“
“Ich kenne den Makler. Wir sehen uns in aller Ruhe um und wenn wir die Wohnung nehmen, können wir gleich loslegen. Den Mitvertrag unterschreiben wir dann nächste Woche. Komm mein Schatz.“
So schnell kann das mit einer Wohnung gehen? Ich staune und bin auf die Wohnung gespannt. Oben angekommen sind wir ganz schön außer Puste. Und da soll ich jeden Tag hoch? Das kann was werden.
Martin gibt mir den Wohnungsschlüssel-
“Schliess du die Tür zu unseren eigenen 4 Wänden auf.“
Eigene 4 Wände hört sich ja toll an aber will ich denn überhaupt hier wohnen?
Als ich die Tür öffne, kommt uns muffige, abgestandene Luft entgegen.
“Hier wohnt schon länger keiner mehr. Es wurde gerade ein neues Bad eingebaut!“, höre ich Martin sagen. Durch den düsteren Flur gelangen wir in das wirklich riesige Wohnzimmer. Eine Nische ist bereits gefliest. Hier soll allem Anschein nach die Küche stehen. Aber wieso ist denn keine drinnen? Küchen kosten viel Geld! Es gibt sogar einen Südbalkon! Martin öffnet die Balkontür.
“Sieh dir die Aussicht an, Schatz!“, ruft er begeistert.
Ich kann da nicht raus. Ich habe Höhenangst! Ängstlich schaue ich durch die Fensterscheibe. Was meint er denn für eine Aussicht? Ich sehe nur Hochhäuser! Da kann einen ja jeder auf den Balkon sehen. Egal - ich geh da nicht raus. Da kriegen mich keine zehn Pferde dazu!
“Komm rein und lass uns den Rest anschauen!“, und schon stehe ich im Bad. Das soll neu gemacht sein? Die Badewannenarmatur hängt krumm und schief in der Wand, die Kloschüssel hat bestimmt auch schon bessere Zeiten gesehen und das Waschbecken hat einen Riss! Das Einzige, was neu zu sein scheint, ist der Waschmaschinenanschluss!
Martin schaut mir über die Schulter und schüttelt den Kopf.
“Na da haben die Handwerker ja ganze Arbeit geleistet. Ach, das kriegen wir schon hin!“ So zuversichtlich möchte ich auch mal sein.
Das Schlafzimmer ist klein, aber für ein Bett und einen Kleiderschrank müsste es reichen. Mann oh Mann, hier muss viel gemacht werden. Die Wände sind der blanke Beton!
“Was soll die Bude denn kosten?“ Darüber denke ich schon eine Weile nach.
Martin nimmt meine Hände, schaut mir in die Augen.
“Diese schöne Wohnung ist echt billig, aber nur, wenn wir alles selber machen.“
Aha, da ist der Haken!
Bisher habe ich in einem wunderschönen, riesigen Haus, mit einem Bad, so groß wie dieses Wohnzimmer hier, gelebt. Meine innere Stimme ermahnt mich.
“Du bist verwöhnt! Schraub` deine Ansprüche mal zurück? Goldener Käfig oder Neuanfang? Weißt du endlich was du willst?“
Nein, ich weiß eben nicht, was ich will. Diese Bude hier will ich nicht!
“Sag mal Martin, hat dein Makler nicht noch was anderes für uns? Nicht so weit oben?“
Er schaut mich verständnislos an.
“Nein, hat er gerade nicht. Weißt du eigentlich, wie schwer es ist, hier eine bezahlbare Wohnung zu bekommen?“
Woher soll ich das denn wissen. Ich habe 4 ½ Jahre keine Wohnung gebraucht.
“Schatz, ich verspreche dir, es wird ganz toll. Bitte steh doch unserem Glück nicht im Wege. Wir renovieren alles. Wir machen es uns so richtig schön.“ Er holt ein paar Blätter Papier aus seiner Jacke und reicht sie mir. Was ist das? Der Mietvertrag? Hat er nicht vorhin gesagt, wir unterschreiben den nächste Woche, wenn uns die Wohnung gefällt? Er hat ja schon unterschrieben!
Ich fühle mich völlig überrumpelt. Warum entscheidet er für mich? Warum entscheiden die Männer immer für mich? Bei Dieter war es doch dasselbe! Sehe ich so hilflos aus? Muss man mich zu meinem Glück zwingen? Daß ich, was solche Entscheidungen betrifft, nicht die Schnellste bin, weiß ich, aber das schlägt dem Fass doch den Boden aus! Ich bin stinksauer!
Martin merkt, dass er eindeutig zu weit gegangen ist. Er nimmt mein Gesicht in seine Hände und hebt meinen Kopf an, sodass ich ihn ansehen muss.
“Bitte sei nicht sauer. Ich habe mir diese Wohnung schon letzte Woche angesehen und wollte dich damit überraschen. Dass sie dir überhaupt nicht gefällt, damit habe ich nicht gerechnet. Es ist doch alles da, was man braucht und die Küche suchen wir gemeinsam aus.“
Typisch Mann! Hauptsache ein Schlafzimmer ist da. Männer sind da irgendwie praktischer als Frauen.
“Ich habe mir auch schon Gedanken gemacht. Komm, lass es dir beschreiben.“
Na gut, ich kann es mir ja mal anhören.
Wir stehen im Wohnzimmer, vor den kahlen grauen Betonwänden, und er deutet in die Runde.
“Hier, diese Wand tapezieren wir in hellgelb, die Essecke in zartem Orange und den Flur lassen wir hell. Am besten weiß, damit er heller wirkt. Na was sagst du?“
Ich versuche mir die Räume nach seinen Beschreibungen vorzustellen. Leider konnte ich das noch nie gut. Ja klar, mit freundlicheren Farben an den Wänden, sieht die Wohnung bestimmt ganz anders aus. Aber was nützt mir ein wunderbarer Südbalkon, wenn ich mich nicht traue, ihn zu betreten!
Martin kommt auf mich zu und schlingt seine Arme von hinten um mich.
“Kannst du es sehen?“
Er dreht mich zu sich um, küsst mich auf den Mund und sieht mich ganz begeistert an. Ihm gefällt die Wohnung wirklich.
“
