Hineingeworfen - Wolf-Rüdiger Osburg - E-Book

Hineingeworfen E-Book

Wolf-Rüdiger Osburg

4,9

Beschreibung

Wie junge Männer den Ersten Weltkrieg erlebten. Was wissen wir über den Ersten Weltkrieg, über die `Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts´, in der Millionen Menschen ihr Leben ließen? Was wissen wir über die Gefühle und Ängste unserer Großväter und (Ur-)Urgroßväter, ihren Alltag im Krieg? Wolf-Rüdiger Osburgs einzigartige Dokumentation versammelt die Stimmen von 135 ehemaligen deutschen Kriegsteilnehmern. Ihre Erinnerungen fügen sich wie in einem Kaleidoskop zum dramatischen Szenario der Sinnlosigkeit des Krieges.-

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Wolf-Rüdiger Osburg

Hineingeworfen

Der Erste Weltkrieg in den Erinnerungen seiner Teilnehmer

Saga

Für Annette, Anna und Daniel

Gerd Krumeich

Vorwort

Dieses Buch ist ein Glücksfall. Es gibt jedem Leser – dem Fachhistoriker genau wie dem interessierten Laien – die Möglichkeit, sich tief »einzulesen« in das, was die Wirklichkeit des soldatischen Kriegserlebnisses im Ersten Weltkrieg ausmachte. Gerade noch rechtzeitig hatte Wolf-Rüdiger Osburg die richtige Idee, als er zu Beginn der 1990er Jahre mehr als 135 Frontsoldaten aus der Zeit von 1914 bis 1918 aufspürte, die er tatsächlich zum Reden bringen konnte. Zwar mangelte es auch zuvor nicht an direkten und dichterischen Selbstzeugnissen aus dem Ersten Weltkrieg. Dorgelès, Renn, Remarque, Jünger haben das Bild des Weltkrieges mehrerer Generationen geformt und bestimmt. Und vielleicht noch mehr die populären Massenschriftsteller wie Beumelburg oder Dwinger, deren Kriegserzählungen zweifellos eigenem Kriegserleben entsprangen. Schon in den 1920er Jahren gab es wegen der Vielfältigkeit, der Unerhörtheit und der ideologischen Brisanz der »Fronterzählung« immer wieder erbitterten Streit um das »wahre Kriegserlebnis«.

Auch heute noch geht die Auseinandersetzung weiter. Waren »die Soldaten« eher »Opfer« des Krieges oder brachten sie selbstbewusst ihr Opfer für das Vaterland? Waren sie gar »Täter«, die Genugtuung empfanden, wenn sie einen »Tommy« oder »Franzmann« mit dem Maschinengewehr oder dem Spaten direkt töteten oder – abstrakter – mit schwerem Kaliber haufenweise auf Distanz erledigten. Aber wie will man überhaupt Typisches herausfinden, bei allein mehr als 13 Millionen Soldaten auf deutscher Seite? Natürlich gab es da »Opfer« aller Art, aber auch ein Sadist oder Killer konnte auf seine Kosten kommen. Man wird sich sicherlich auf Dauer damit begnügen müssen, dass es einen ungeheuren Spielraum an vielfältigsten Kriegserfahrungen gegeben hat, die aber alle zusammen nicht beliebig austauschbar waren und eine gewisse Typik aufweisen. Dies ganz besonders an der entscheidenden Stelle des Ersten Weltkrieges, nämlich im Bewegungs- und Stellungskrieg an den 700 Kilometern der Westfront, von Flandern bis zu den Vogesen.

Wolf-Rüdiger Osburgs klug strukturierte und kommentierte Sammlung von 135 ungewöhnlich direkten Selbstzeugnissen hilft uns sehr viel weiter beim Erfassen dieser zentralen Kriegswirklichkeit. Das gilt auch für viele andere Fragen, insbesondere das berühmte »Augusterlebnis« von 1914 und die Frustrationen der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Greise, die er zum Sprechen gebracht hat, reden wahr. Anachronismus, also Dinge und Erfahrungen, die wirklich nicht aus jener Zeit stammen können, habe ich an keiner Stelle gefunden. Diese Erzählungen können wegen ihrer Typik genau wie wegen ihrer überraschenden Individualität und direkten Lebendigkeit als signifikante Zeugnisse des Kriegserlebens gewertet werden. Der Gedächtnisforschung ist ja auch das Phänomen bekannt, dass uralte Menschen plötzlich wieder direkt zurückfinden zu Erfahrungen, die durch das Rad der Zeit verformt worden waren. Auch die politische Auseinandersetzung der 1920er Jahre um Kriegsschuld und Niederlage hat ihre Spuren in der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg hinterlassen: Um die »Dolchstoß«-These kommt kaum eine soldatische Kriegeserzählung herum.

Auch mein Vater, Jahrgang 1906, hat immer vom Ersten Weltkrieg erzählt, allerdings unbewusst aus der Perspektive des farbentragendnichtschlagenden Korpsstudenten der 1920er Jahre. Aber kurz vor seinem Tod, 1993, lösten sich ihm solche Fesseln. Jetzt konnte er unvermittelt erzählen, was er tatsächlich als Kriegskind erlebt hatte. Etwa die Geschichte vom Onkel, der auf Urlaub von der Front kam und stolz sein Gewehr zeigte, in dessen Schaft er für jeden erledigten Feind eine Kerbe geschnitzt hatte. Die Großmutter empfand das als Hochmut und Gottversuchung, und als der Onkel dann fiel, war für sie Gottes Ordnung wiederhergestellt. Eine solche Geschichte erfindet niemand, aber es ist ohne Weiteres möglich, dass sie Jahrzehnte schlummern muss, bevor sie im hohen Alter wieder frei wird. Vielleicht gehört diese Fähigkeit ja auch zum Schatz des Wissens, das nur ein sehr alter Mensch hat, weshalb er in vielen traditionalen Gesellschaften und Strukturen Ehre und Einfluss genießt.

Wolf-Rüdiger Osburgs Greise sind zum größten Teil einfache Männer gewesen und geblieben, er hat sie in Altersheimen gesucht und gefunden. Das, was sie ihm berichtet haben, ergibt – alles zusammen – eine erstaunlich »dichte« Erzählung von der Entstehung des Krieges, von seinem Verlauf und auch von seinen Folgen. Beispielhaft dafür ist das in der historischen Forschung so lange heftig umstrittene »Augusterlebnis« von 1914. Waren die Menschen damals eher »kriegsbegeistert« oder vielmehr ahnungsvoll-skeptisch, angstvoll oder verzweifelt? Osburgs Zeitzeugen geben ein ganzes Kaleidoskop von Antworten, aus denen sich ein ebenso buntes wie tiefenscharfes Bild von der Vielzahl konkreter Erfahrungsmöglichkeiten ergibt: Irgendwie begeistert scheinen alle oder fast alle gewesen zu sein. Aber war das die Hurra-Begeisterung der Berliner, Frankfurter oder Münchener Straße? Einer der alten Herren, Karl Theil, geb. 1893, sagt in aller Deutlichkeit etwas ebenso Erstaunliches wie Wahres: »Unterwegs auf den Bahnhöfen standen die jungen Menschen, vor allem viele Mädchen und Kinder, und winkten. Die Begeisterung war damals groß. ›Heil Dir Kaiser‹, das war nichts Besonderes. Es war alles wie beim lieben Gott«. Eine Begeisterung also wie in der Kirche! Hoch die Herzen, sursum corda! Seiner alten Verbindung zu religiöser Geistigkeit ist »Begeisterung« als Wort heute – seit 1914? – entledigt; es ist wichtig, dass die alte Stimme diese Dimension noch einmal in Erinnerung bringt. Solche Quellen, solche Zeugnisse sind geeignet, der Geschichtswissenschaft neue Impulse zu geben.

Oder was das historiografisch so umstrittene Problem der Kriegsbrutalität angeht: Wie konnte es anders sein, als dass bei den zig Millionen Kriegsteilnehmern eine signifikant große Zahl von Verhaltensweisen registriert werden kann? Und die Kriegsereignisse waren ja auch bei aller Sterilität immer wieder ganz verschieden. Natürlich hat es die schreckliche Situation gegeben, dass »keine Gefangenen gemacht« wurden, was in der Erzählung von Carl Heckert auf unvergessliche Weise geschildert wird. Aber neben solcher Ermordung Wehrloser auf Befehl gab es genau so gut Szenen äußerster Menschlichkeit im Kampf.

Solches Sowohl-als-auch banalisiert nicht, löst nicht das nötige Gesamtbild des Krieges in Episoden auf, in beliebig Erlebtes. Was bleibt, ist die Geschichte eines unglaublichen Überlebens in ständiger Nähe des Todes. Die totale Erschöpfung, die Suche nach Nahrung und Wasser, das Entsetzen beim Anblick der zerrissenen Körper der Kameraden – aber auch die Tatsache, dass die Kriegswirklichkeit in vielen Fällen nichts anderes war als sehr harte Arbeit abwechselnd mit Phasen extremer Langeweile. Wichtig ist auch, dass all die alten Männer erzählen, wie eng die Verbindung zur Heimat trotz allem geblieben ist. Diese Soldaten waren ja zum größten Teil gezogene Zivilisten. Sie waren keine im Krieg heimisch gewordenen Landsknechte – die gab es auch –, sondern Familienväter oder junge Burschen, die aus der Familie gerissen wurden und sich im Krieg einrichten mussten. Wie sie das taten, ist kaum einmal so variantenreich und gerade deshalb so dicht erzählt worden wie in dieser Sammlung von Selbstzeugnissen. Man wünscht diesem Buch gerne interessierte Leser und viel Erfolg, denn es ist eine authentische Quellensammlung aus erster Hand. Wolf-Rüdiger Osburg gebührt Dank und Anerkennung für diese Sammlung, die uns hilft, den Ersten Weltkrieg besser zu verstehen.

Ich träum’ als Kind mich zurücke

und schüttle mein greises Haupt;

wie sucht ihr mich heim ihr Bilder,

die lang’ ich vergessen geglaubt?

(aus Adelbert von Chamisso,»Das Schloß Boncourt«)

Prolog

Ackerstraße 33. Mein Blick fällt auf ein kleines, zweistöckiges Haus in einer beschaulichen Nebenstraße am Rande von Oldenburg. In meiner Hand halte ich eine Aktentasche, in ihr ein kleines Diktiergerät und eine Liste mit Fragen. Es beschleicht mich ein Gefühl, das ich von Einladungen her kenne. Wärst du doch zu Hause geblieben und hättest dir einen ruhigen Nachmittag gemacht.

Ungefähr ein Dreivierteljahr zuvor hatte ich ein Buch über Verdun geschenkt bekommen. »Was soll ich mit einem Kriegsbuch anfangen?«, war mein erster Gedanke. Gut, Geschichte ist mein Steckenpferd. Aber warum gerade ein Buch über den Ersten Weltkrieg? Ich gehöre der Generation an, die sich in der Schule vor allem mit dem Dritten Reich auseinandergesetzt hat. Auch die Entstehungsgeschichte des Ersten Weltkriegs, den die Franzosen und Engländer immerhin »La Grande Guerre« bzw. »Great War« nennen, hat uns einige Unterrichtsstunden gekostet. Aber der Krieg selbst wurde gemieden. Ein paar Bilder von Fort Douaumont vor Verdun nach schwerem Beschuss, mehr nicht.

Es dauert einige Monate, bis ich das Buch in die Hand nehme. Eine Reise nach Paris, verbunden mit einer langen Eisenbahnfahrt durch den Westen Frankreichs, bietet Anfang 1989 den idealen Anlass. Der Autor schildert den Ablauf der Schlacht um Verdun, die sich über weite Teile des Jahres 1916 erstreckte. Es ist von hineingeworfenen Truppenteilen die Rede, von Flecken Erde, oft nicht größer als zwei, drei Fußballfelder, auf denen die Soldaten Woche um Woche ihr Leben ließen.

Das Schicksal dieser jungen Leute zu Anfang des Jahrhunderts lässt mich nach meiner Rückkehr nicht mehr los. Ich schließe einen Pakt mit mir: Entweder ich vergesse den Ersten Weltkrieg in den kommenden Tagen oder ich bleibe am Ball. Und so kommt es. Zwar könnte ich mich mit Sekundärliteratur zufriedengeben, aber mein wirklicher Wunsch ist es, die Männer des Krieges zu treffen und mehr von ihnen und über sie zu erfahren. Was geht in einem vor in den verschiedenen Etappen eines solchen Krieges? Wie verkraftet er das Erlebte? Es waren doch Menschen wie wir auch. Über 70 Jahre sind seit den Ereignissen vergangen. Eine lange Zeit, aber nicht lang genug, als dass es nicht noch Überlebende geben würde. Ein Großonkel und Kriegskamerad meines Großvaters, Hans Reimers, steht damals im 90. Lebensjahr und – das weiß ich aus Familienerzählungen – hat das Ende des Krieges mitgemacht. Es muss 1989 aber noch Mitmenschen geben, die Anfang der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts geboren wurden und schon bei Kriegsbeginn als Soldaten eingerückt sind. 94, 95, 96 Jahre alt dürften sie 1989 sein. Wo aber leben sie und wie kommt man an sie heran? Alte, ja hochbetagte Menschen. Auf dem Land kann ich sie mir noch als Familienälteste inmitten der Ihren vorstellen, aber in einer Stadt kaum. Hier vermute ich sie mehr oder weniger wohlbehütet in Altersheimen. Mit Hilfe der Bundeswehr wird an Namen und Anschriften von Kriegsteilnehmern nicht heranzukommen sein. In Deutschland gibt es nach dem Dritten Reich keine militärische Traditionspflege wie beispielsweise in Frankreich oder in den angelsächsischen Ländern. Dann kommt mir vis-à-vis des Oldenburger Einwohnermeldeamtes eine Idee. Warum sich nicht die Daten aller vor 1900 geborenen männlichen Einwohner geben lassen? Die Universität Oldenburg unterstützt mich, das Einwohnermeldeamt bejaht das öffentliche Interesse für eine melderechtliche Gruppenauskunft. Wenige Tage später halte ich die Namen von 111 potenziellen Gesprächspartnern in der Hand. In den ersten Apriltagen 1989 schreibe ich an alle.

Nie werde ich die Tage danach vergessen. Das Telefon steht nicht still. Mal feste, mal altersschwache Stimmen erzählen mir, wo und wann sie am Ersten Weltkrieg teilgenommen haben. Es rufen Kinder von Kriegsteilnehmern an – oft auch schon in den Siebzigern –, die mir mitteilen, dass ich um einige Wochen zu spät käme. Der Vater lebe nicht mehr. Ehefrauen berichten, ihr Mann sei zwar noch am Leben, aber schon lange nicht mehr richtig ansprechbar. Häufig enden Telefonate mit der Versicherung, wie gerne er mit mir gesprochen hätte, wenn er dazu noch in der Lage wäre. Natürlich gab es auch Vorwürfe der Nachkommen, was mir in den Sinn komme, alte Menschen derart zu belästigen.

Die Reaktionen der ehemaligen Kriegsteilnehmer selbst sind durchaus nicht einheitlich. Manche melden eher pflichtgemäß ihre Bereitschaft, mir Rede und Antwort stehen zu wollen. Großes Interesse geben sie nicht vor, doch wollen sie meinem Vorhaben auch nicht im Weg stehen und laden mich zu einem kurzen Gespräch ein. Die Mehrzahl hingegen kann eine gewisse Unruhe und Vorfreude auf das Interview nicht verhehlen. Gut die Hälfte meiner Schreiben bleibt unbeantwortet.

Zögernd lasse ich am 1. Mai die Gartenpforte hinter mir. »Otto Hayen« lese ich an einem der Namensschilder und klingle. Es vergeht einige Zeit, dann höre ich Schritte und sehe durch das milchige Glas der Haustür, dass jemand die Treppe hinuntersteigt. Es wird geöffnet und ich schaue in das liebenswürdige Gesicht eines alten Herrn, der mir freundlich die Hand reicht. Ich habe mir einen Mann von 94 Jahren gebrechlicher vorgestellt. Ich folge ihm die Treppe hinauf und frage mich, weshalb derart betagte Menschen in der ersten Etage wohnen müssen. Diese Überlegung wird allerdings relativiert, als ich oben dann stärker aus der Puste bin als er. Ich betrete ein Wohnzimmer, das nichts gemein hat mit den Zimmern des Ikea-Zeitalters. Gediegene Möbel, die in verschiedenen Phasen seines Lebens vom hart Verdienten angeschafft worden sind, ein Radio der Nachkriegszeit versieht seit einer halben Ewigkeit seinen Dienst, eine alte Standuhr mischt sich mit ihrem lauten Klang ein. Hier haben einst mehr Menschen gelebt. Eine gemütliche Atmosphäre, Fotos unterstützen die Erinnerung.

Bald greife ich zu meinem Fragenzettel. Das Diktiergerät verwirrt meinen Gesprächspartner zunächst etwas. Otto Hayen beginnt langsam zu erzählen, redet dann aber immer flüssiger. Vor seinem inneren Auge beginnen die Ereignisse von damals wieder lebendig zu werden. Die Jugend in Oldenburg, der Kriegsbeginn 1914, das Einrücken zu den Soldaten, die Kämpfe bei Verdun und in Flandern. Ich habe Herrn Hayen als Ersten ausgewählt, weil er zu den wenigen Oldenburgern gehört, die in Verdun – dem Auslöser meiner Spurensuche – gekämpft haben. Er ist genau der Richtige. Namen – ja Vornamen von Kameraden – fallen ihm ein, kleinste Besonderheiten im Gelände vor Verdun. Er erzählt und erzählt. Mein Fragenzettel erweist sich bald als wertlos. Seine Erinnerungen sind wach und sein Bericht von großer Intensität.

Nach knapp zwei Stunden habe ich das Gefühl, einen Schlusspunkt unter mein Gespräch mit Otto Hayen setzen zu können, vielleicht auch zu müssen, da ich mich recht ausgepumpt fühle. Mein Gesprächspartner macht einen zufriedenen Eindruck. Ich bekomme ein Glas Wein angeboten. Ich verspreche wiederzukommen. Ich werde dieses Versprechen nicht einlösen können. Nach zwölf weiteren Interviews im Frühjahr 1989 ziehe ich aus beruflichen Gründen nach Hamburg um. Etwa drei Jahre später bin ich zufällig wieder in Oldenburg. Es zieht mich in die Ackerstraße zurück, wo mein Projekt seinen Ausgang nahm. Von einer Mitbewohnerin im Haus erfahre ich, dass er vor einigen Monaten gestorben ist. Ein langes Leben ist damit zu Ende gegangen. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: »Ich wusste nicht, dass es so leicht ist.«

Über meinem Wechsel nach Hamburg verliere ich das Projekt aus den Augen. Es vergehen anderthalb Jahre, bis ich mich von Freunden überreden lasse weiterzumachen. Jetzt bleibe ich dabei. In den nächsten 18 Monaten folgen 124 weitere Interviews in zahlreichen deutschen Großstädten. Die verschiedenen Einwohnermeldeämter sind kooperativ. In München allerdings wird mir die Zustimmung mit der Begründung verweigert, historische Forschung liege nicht im öffentlichen Interesse. Ende 1992 stelle ich die Interviews ein. Ich bin in Unternehmervillen gewesen und in Mietskasernen. Natürlich führte mich mein Weg häufig auch in Seniorenunterkünfte vom reinen Pflegeheim bis zum Wohnstift. Hinter all meinen Gesprächspartnern lag ein Leben von unüblicher Dauer. Menschen, deren körperliche und vermutlich auch seelische Konstitution es zugelassen hatte, in eine außergewöhnliche Altersgruppe vorzustoßen. Auserwählte? Mancher meiner Gesprächspartner verneinte diese Frage. So zum Beispiel der alte Herr aus Köln, dem am Ende unserer Unterhaltung eine Frage nach den anderen Interviewpartnern auf der Seele lag: »Haben die anderen alle noch leben wollen?« Er wollte es offensichtlich nicht mehr. Ihm war sein Leben im Alter zur Last geworden.

Ich traf alte Herren, die sich über die Nickeligkeiten des Alters ärgerten. Seit zwei Jahren könne er nicht mehr Tennis spielen, und – ich habe es tatsächlich erlebt – mit 99 Jahren sei die Fähigkeit verloren gegangen, einen Kopfstand zu machen (ich habe das nie gekonnt). Einige waren von großer Unruhe und erinnerten mich in ihrer Angst vor dem Sterben an junge Menschen. Paul Krüger schilderte mir andererseits als das Erlebnis des Tages die Begegnung mit einem Schmetterling, der sich nach langer Zeit wieder einmal auf dem Strauch vor dem Haus niedergelassen hat. Und Hans Seidelmann verabschiedete sich bei einem meiner letzten Besuche: »Lange wird es nicht mehr dauern.«

Ich habe es stets als einen Glücksfall empfunden, die Zeitzeugen dieser Geschichtsperiode gerade noch getroffen zu haben, bezeichnen wir doch schon die Teilnehmer des Zweiten Weltkriegs als Veteranen. Die Hauptdarsteller dieses Buches sind deren Väter! Hinter meinem Projekt und dem Zeitpunkt seiner Realisierung stand kein Plan, keine gezielte Marketing-Idee, es war reiner Zufall. Hätte ich diesen Einfall einige Jahre später gehabt, hätte ich mit den Teilnehmern dieses Krieges nicht mehr sprechen können. Meine Gesprächspartner führten mich in das ausgehende Kaiserreich, eine Zeit, die uns nur noch in sehr wackeligen Bildern erhalten ist. Der Krieg, den sie beschreiben, ist nicht irgendein Stück Historie. Er ist das zentrale Ereignis am Anfang des 20. Jahrhunderts und seine Fernwirkungen haben vielleicht erst mit dem Abflauen des Kalten Krieges ihr Ende gefunden. Er markiert den Einstieg in das technische Jahrhundert am Ausgang des zweiten Jahrtausends und ist damit alles andere als eine Summe historischer Daten, die man einfach so abhaken kann.

Ich habe mich häufig gefragt, ob es nicht mindestens genauso ergiebig gewesen wäre, mit Tagebüchern oder Feldpostbriefen zu arbeiten. Doch gibt es für mich nichts Intensiveres und Unmittelbareres als ein Gespräch mit einem Zeitzeugen. Ein solcher Dialog eröffnet die Möglichkeit, Facetten des Erlebten auszuleuchten. Und man kann versuchen, Dingen auf die Spur zu kommen, die der Autor eines Briefes aus ganz bestimmten Gründen nicht ansprechen wollte. Ein Kriegsteilnehmer beschrieb das so: »Man konnte seinen Eltern schreiben, aber was nützte das. Was sollte man schreiben? Das Elend, das man sah?«

Oft habe ich mir bei den Gesprächen die Frage gestellt, wie es möglich ist, dass meine Gegenüber so viele Details in so glaubwürdiger Weise wiedergeben konnten. Wirklich überzeugt hat mich erst die Erklärung, sie seien damals wie trockene Schwämme gewesen. Aufgewachsen etwa in einem kleinen Dorf in Schlesien, gab es für sie in der Kindheit und Jugend keine Informationsflut, wie wir sie heute kennen. Eine Reihe kleiner Häuser längs der Dorfstraße, die Dorfschule, ein Einwohner, der sich eine Zeitung hielt – für Kinder natürlich unerreichbar –, vielleicht einmal im Jahr ein Besuch der Kreisstadt. Und dann der Krieg: Einrücken zu den Soldaten, Breslau, vielleicht sogar Berlin, der Kölner Dom und am nächsten Tag das Gebiet vor Verdun. Das prägte sich ein und ließ sie nie wieder los.

Das Leben liegt nun hinter ihnen. Der Erste Weltkrieg, die Nachkriegszeit mit dem Eintritt ins Berufsleben und der Gründung ihrer Familien, der Zweite Weltkrieg und die Pensionierung, die häufig Anfang der sechziger Jahre erfolgte. Da ging ich noch in den Kindergarten. Familienmitglieder, Ehefrauen, Freunde und sogar Kinder sterben. Alle Eitelkeiten und Ambitionen sind mit ihnen gegangen. Nun – noch unausweichlicher als damals im Krieg – spüren sie das Ende des Lebens. Mag der eine oder andere dazu neigen, die Vergangenheit zu verklären und einmal zurechtgelegte Versionen der eigenen Geschichte als wahr zu vermitteln, sie bleiben für mich die besten, ehrlichsten Zeitzeugen, die ich mir vorstellen kann.

Die einzelnen Buchkapitel gehören fast ausschließlich meinen Gesprächspartnern. Sie gestalten mit ihren Aussagen die einzelnen Abschnitte. Was sie nicht erinnern, existiert für mich nicht. Die Idee, ein Buch in erster Linie aus den Erzählungen der Zeitzeugen zu erstellen, hat mich von Anfang an fasziniert. Beim Lesen historischer Literatur ist es mir oft so gegangen, dass ich voller Neugierde von einer eingestreuten Zeitzeugen-Schilderung zur anderen geeilt bin, während mich weitschweifige Erklärungen des Autors nicht sonderlich interessiert haben.

Das Buch gibt die Interviews nicht zusammenhängend und im vollen Umfang wieder. Meine Gesprächspartner kommen stattdessen mehrmals zu Wort, indem ich aus ihren Berichten die interessantesten Passagen ausgewählt und sie Einzelkapiteln zugeordnet habe. Es gibt vor allem zwei Gründe dafür. Der eine ist eher zwangsläufig und ich mache dabei gleichzeitig aus einer Not eine Tugend. Es handelt sich um Berichte sehr alter Menschen von nicht durchgehend gleicher Qualität. Sie ähneln einem alten Film aus teils gut, teils nur unvollständig belichteten Passagen, die sich folglich nicht als durchgehende Erzählungen eignen. Der Vorteil dieser Vorgehensweise liegt darin, dass ich so auch Zeitzeugen zu Wort kommen lassen kann, die nur eine Anekdote zu erzählen wussten, so geschehen beispielsweise bei Hans Wohlers, mit dem Geburtsjahr 1889 mein ältester Gesprächspartner. Stellt man die Interviewpassagen thematisch zusammen, werden zweitens Vergleiche zwischen den Sichtweisen und Erfahrungen verschiedener Zeitzeugen möglich. Ein vielschichtiger Überblick über das Erleben des Ersten Weltkrieges ist die Folge. Hierfür habe ich in Kauf genommen, dass die persönlichen Züge meiner Geprächspartner zurücktreten und nur ansatzweise durch die Fotos und die häufige Nennung einiger von ihnen gewahrt bleiben.

Meine Fragen, mit denen ich die Interviews gesteuert habe, drucke ich nicht im Kontext der einzelnen Interviewpassagen ab. Stattdessen verdeutliche ich sie in den Kapiteleinleitungen. Sie spannen den Bogen zwischen den einzelnen Kapiteln und sollen den Blick des Lesers auf das nachfolgende Thema richten. Im Vordergrund aber stehen die persönlichen Zeugnisse mit ihren so unterschiedlichen Perspektiven. Was so entsteht, ist ein Bilderbogen subjektiver Wirklichkeiten des Krieges. Ob sie uns, abhängig von unserer Haltung zum Krieg, gefallen oder auch nicht, ist unwichtig. Was mich fasziniert, ist die Vielfalt des Lebens, seine kleinen wie großen Geschichten. Die Originalsprache meiner Interviewpartner habe ich weitgehend beibehalten, habe aber beispielsweise häufige Wortwiederholungen weggelassen.

Was hat diese Generation in den Stand gesetzt, den Krieg und seine Strapazen durchzustehen? Das ist die generelle Frage des Epilogs. Je mehr ich erfahren habe, desto weniger lässt mich diese Frage los. Sie ist die logische Konsequenz meines Interesses an der Seelenlage der Soldaten.

Plötzlich ist der Erste Weltkrieg kein entlegenes Thema mehr im Dunkel der Geschichte. Die Soldaten auf den Fotos vom Ersten Weltkriegs verlieren ihre Anonymität. Es sind keine stereotypen Gesichter mehr. Mit einem Mal können wir uns auch in andere Kriege besser hineindenken. Wo liegen die Unterschiede zwischen Flandern 1917 und Vietnam 1968? Was wissen wir wirklich über die Menschen in Bosnien oder über die irakischen Infanteristen, die 1991 in der dortigen Wüste gestorben sind? Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Wo überhaupt kommt man dem Leben am besten auf die Spur als in der Nähe des Todes? Hier offenbart sich Sinnloses ebenso wie Bedeutungsvolles.

Meine Gesprächspartner sind mittlerweile ihren Lebensweg zu Ende gegangen. Die Letzten, zu denen ich bis in die Jahre 1997 und 1998 Kontakt gehabt habe, sind heute tot. In einigen Fällen bin ich von ihren Kindern darüber informiert worden. Ich werde die Interviews und meine Gesprächspartner nicht vergessen.

Bevor ich dieses Kapitel beende, möchte ich denjeningen danken, die das Buchprojekt in den verschiedenen Entstehungsphasen begleitet haben und ohne die es nie zum Abschluss gelangt wäre. Da ist zunächst Prof. Dr. Werner Boldt, Oldenburg i.O., dessen wissenschaftliche Rückendeckung mir den Zugang zu den Einwohnermeldeämtern erschloss. Dr. Frithjof Hager, Berlin, der mich in der zweiten Phase der Buchabfassung hartnäckig zu inhaltlichen Verbesserungen anhielt. Als es dann daran ging, mit dem Buch an die Öffentlichkeit zu treten, war es Joska Pintschovius, Otter/Nordheide, der mich in jeder Weise hierzu ermutigte. Die Vollendung des Buches schließlich geht einher mit der geradezu freundschaftlichen Unterstützung durch Bernd Henninger, Heidelberg. In diesem Zusammenhang gilt ein besonderer Dank Prof. Dr. Gerd Krumeich, Düsseldorf, für seine ermutigenden und mein Projekt befördernden Vorworte aus dem berufenen Mund des Wissenschaftlers. Schließlich danke ich meinem Lektor Dr. Ulrich Steinmetzger, Halle, der meinem Buch den nötigen Feinschliff verliehen hat. Es ist eine wunderbare Nebenerscheinung der Entstehung dieses Buches gewesen, derart bemerkenswerte Menschen kennengelernt zu haben.

Bekanntschaft mit der Hölle: Verdun

Otto Hayen, geb. 1895:

Dann haben wir die elende Schlacht bei Verdun geführt. Dort sind wir einen Monat gewesen, sind vier Mal eingesetzt worden. Wir haben dort unser ganzes Bataillon erneuern müssen. Alle gefallen oder verwundet. Wir kamen von Azannes auf dem Fußweg zur Brûle-Schlucht. Die Schlucht wurde stark beschossen, weil in dieser Gegend 24er Mörser standen. An der Innenseite der Schlucht waren Küchen aufgestellt. Links von uns war die Hassoule-Schlucht. Von hier aus mussten wir die vielleicht 1000 Meter zum Fort hoch gehen. Die Gegend bestand nur aus Trichtern. Es regnete und überall war Schlamm. Es war fürchterlich damals. Auf dem Pfad, auf dem wir gegangen sind, war der Boden blank. Es wurde immer nur dieser Pfad genommen. Er war der einzige, auf dem man noch laufen konnte. Komischerweise hat er während der ganzen Zeit gehalten, obwohl dort zehn Fesselballons der Franzosen standen, die alles überwachten. Ich bin vier, fünf Mal diesen Pfad längsgegangen. Dann kam man an einem Wasserloch vorbei, aus dem Wasser tropfte. Diese Ecke war früher einmal das Dorf Douaumont gewesen. Aber bevor Sie zu dem tropfenden Dings kamen, mussten Sie über Dutzende von Leichen klettern. Der Franzose wusste von dem Wasserloch und schoss immer wieder hinein. Da lagen Infanteristen, Pioniere, alle haufenweise aufeinander. Jeder wollte Wasser haben und kriegte es doch nicht. Ein Tropfen, schon war er erledigt. Die Pioniere haben verschiedentlich versucht, Rohre von der Brûle-Schlucht zum Fort zu bringen. Sie haben die Rohre verlegt, und zu einem bestimmten Zeitpunkt sollten die Rohre zusammengeschraubt und Wasser durchgeleitet werden. Die Leitung ist nie zustande gekommen. Da liegen Tausende von Leuten neben diesen kaputtgeschossenen Rohren.

Am Fort Douaumont musste man einen großen Trichter runter. Unsere Dicke Bertha hatte dort das Fort durchschlagen und eine Kasematte getroffen. Durch dieses Loch musste man hinein. Nahe des Loches stand ein Motor, die Zentrale für elektrisches Licht. Da lagen nun die 1., die 2. und die 4. Kompanie, und da lagen auch noch Bayern. Ich war damals schon Sanitäter, hatte kein Gewehr mehr nötig, nur eine Pistole zur Selbstverteidigung. Wir trugen die Rot-Kreuz-Binde. Traten Ärzte raus: »Komm mal her, anfassen, Verwundete!« In den Gängen gab es nur Kerzenlicht. Wenn sie sich länger dort aufhielten, wurden die Kerzen immer kleiner, bis es »blupp« machte und sie mangels Sauerstoff erloschen. Wo die Ärzte in Hemdsärmeln arbeiteten, war es schon allein wegen der Wärme fürchterlich. Von dem hinteren Eingangsloch musste man zwei Etagen hochsteigen, bis man plan zum Ausgang war. Der Ausgang war früher ein richtiger Eingang mit Türen gewesen. Heute gab es dort nur Sandsäcke. Es war gerade so viel Platz, dass ein Mann mit Dachs – wir Jäger hatten keine Tornister, sondern Dachse aus Dachsfell – herauskriechen konnte.

Jeder Einsatz, den wir als 2. Kompanie damals machen mussten, war so vielseitig, so ausgedehnt, dass man weiter nichts kannte. Was bei Thiaumont geschah, da bin ich gar nicht dahintergekommen. Nach vier Tagen, die wir draußen gelegen haben, waren alle Menschen weg. Wir hatten zwei Feldwebel, Fahnenjunker, ganz fixe junge Leute, die sind auch dort geblieben. Wir haben Leute verloren! Ich musste einmal Sanitätsgepäck holen. Ich komme wieder von der Brûle-Schlucht bei Tage zum Fort zurück, da kommt mir auf der anderen Seite unser Bataillonskommandeur, Hauptmann Kirchheim, am Kopf verbunden, entgegen. »Kommen Sie mal her, Jäger«, sagt er. »Welche Kompanie sind Sie denn?« Ich sag: »Die zweite.« »Ach, ich will Sie ja nicht aufhalten, aber hier gibt es keinen Krieg mehr. Das ist Mord, was hier geschieht.« Das hat der Hauptmann Kirchheim gesagt. Der ist nachher im Zweiten Weltkrieg noch General geworden.

Mein letzter Einsatz war an dem Bahndamm vor Fleury. Wir hatten ja Fleury schon genommen. Da saß ich tagsüber ganz allein in einem Loch. Die Geschosse sausten über mich hinweg. Wir hatten ihre Bahn schon kennengelernt und wussten, wann so ein schwarzes Ding über uns wegging. Die französischen Flieger flogen 100 Meter über uns, ohne dass etwas passierte. Am gleichen Tag, es wurde schon dämmerig, kommen nachmittags zwei Jäger in mein Loch gesprungen. Ich sag: »Wo kommt ihr denn her?« Das andere war nur das Zischen von Geschossen. Da sagt der eine: »Von Goslar, 10. Jäger.« »Ja, was ist denn eure Heimat?« »Oldenburg.« Ich sag: »Oldenburg ist groß. Wo seid ihr denn in Oldenburg zu Hause? Nun lasst euch nicht ausquetschen.« »Lindenstraße.« Ich stellte fest, dass es zwei Lehrlinge vom Maler Braasch waren. Und neben dem Maler Braasch wohnten wir. Nun stellen Sie sich diesen Zufall einmal vor! Da hab ich gesagt: »Geht nicht weiter vor, geht links oder rechts hin, aber nicht weiter vor. Dort liegt der Franzose, und zwar der Marokkaner.« Ich habe sie nie wiedergesehen. Die Granaten gingen hoch nachher. Sie sind bestimmt nicht mehr am Leben. Ich habe später noch einmal mit der Tochter vom Maler Braasch gesprochen, die sich so halb an die beiden erinnern konnte, aber sie wusste auch nichts Genaues.

Jetzt kommt der Morgen. Mit einmal wird das Feuer von den Franzosen nach vorne verlegt. Es hatte bislang immer nur hinten reingepfeffert. Nicht in unsere Stellung, aber unmittelbar dahinter. Das Gelände erkannte man nur, wenn Leuchtkugeln hochgingen, sonst sah man bloß schwarze Erde. Orientieren konnte man sich überhaupt nicht. Man hatte nur noch im Gedächtnis: »Aha, da liegt das Fort, daher bist du vermutlich gekommen.« Mit Bestimmtheit konnte man aber auch das nicht sagen. Mit einem Mal höre ich einen Pfiff aus einer Pfeife. Ich guck hoch, steht da zehn Meter vor mir eine große Gestalt in einem blauen Mantel und pfeift. Es war ein Marokkaner. Vorsichtshalber hatte ich mir ein Gewehr bereitgelegt – ich hatte ansonsten nur die Walther-Pistole – und habe tatsächlich mit dem Gewehr den Mann erschossen. Tut mir leid, aber es ist einer, den ich bewusst erschossen habe. Er pfiff, Offizier oder sonst was, um seine Leute hochzutreiben. Dadurch, dass er zusammensackte, ist kein Mann hochgekommen. Der Angriff ist nur links von uns vorgetragen worden. Wir haben noch einen Tag dort gelegen ohne jeden Angriff. Abends im Dunkeln kommt ein Mann in mein Loch gesprungen. Es war der Offizier-Stellvertreter. Wir nannten ihn Mohrbock, weil er einen schwarzen Schnurrbart hatte. Wilhelm hieß er. Der sagt: »Ich such hier schon die ganze Front ab. Ich kann niemanden mehr finden, ich hab bislang sieben Mann festgestellt.« Die zweite Kompanie hatte aus 200 Mann bestanden. Von denen, die tatsächlich noch am Leben waren, sind auf dem Rückweg zur Brûle-Schlucht noch einige gefallen. In Azannes wurden wir dann zusammengestellt. Da waren wir vom Bataillon keine 300 Mann mehr. Der Hauptmann Kirchheim hatte es richtig ausgedrückt. Es war kein Feind mehr da, es ging nur noch ums Umbringen.

Geschichte des Ersten Weltkriegs

Vorkriegszeit

Als die Rekruten des Ersten Weltkriegs in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geboren werden, liegt der letzte Krieg Deutschlands mit einer europäischen Macht schon eine Generation zurück. Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 bricht im Juli 1870 aus. Am 2. September 1870, am Ende einer klassischen Entscheidungsschlacht, kapituliert die Armee Napoleons III. mit 100000 Soldaten bei Sedan. Frankreich, nun Republik, führt in den Folgemonaten bis zum Waffenstillstand am 18. Januar 1871 einen Volkskrieg. Bewaffnete französische Zivilisten, Franktireurs – im heutigen Sprachgebrauch also Partisanen oder Guerillas – bestimmen in dieser Phase den Krieg. Wie im amerikanischen Bürgerkrieg kommt es in Abschnitten der Front zum Stellungskrieg. Der Sieg bringt Deutschland neben dem Gewinn Elsass-Lothringens und einem tiefen deutsch-französischen Gegensatz die Gründung des Deutschen Reiches.

Die Reichsgründung legt den Grundstein für eine rasante und grundlegende Veränderung Deutschlands. Mit der Gründerzeit einher geht eine Industrialisierung, die ihresgleichen sucht. War 1867 noch gut die Hälfte der Beschäftigten in der Landwirtschaft, den Forsten und der Fischerei tätig, ist dies 1913 nur noch etwa ein Drittel. Damit ist die von großen Krisen erschütterte Landwirtschaft zwar noch ein Hauptpfeiler der Wirtschaft, die Proportionen aber haben sich verschoben. Die Kohle-, Eisen- und Stahlindustrie boomt ebenso wie die Metallverarbeitung, darunter insbesondere der Schiffbau. Wachstumsbranchen der Folgejahre sind die chemische Industrie sowie die Elektroindustrie. Auch der Dienstleistungssektor mit dem Verkehrswesen, dem Handel und z.B. den Banken und Versicherungen legt kräftig zu. »Ältere« Industriezweige wie die Textilindustrie hinken dieser Entwicklung hinterher. Mit dem Veränderungsprozess der Wirtschaft geht eine rapide Verstädterung einher. Das wirtschaftliche Wachstum fördert zudem neben zahlreichen anderen zeitspezifischen Faktoren einen beträchtlichen Bevölkerungsanstieg von 39,8 Millionen im Jahr 1866 auf 67,8 Millionen in den erweiterten Grenzen des Deutschen Reiches von 1914. Die Verwaltung passt sich diesen Veränderungen an. Die Ordnungsfunktionen, die der Staat nun übernimmt, nehmen erheblich zu. Eine vielfältige Wirtschafts- und bald auch Sozialverwaltung mit zahlreichen Sonderbehörden entsteht.

Das Bürgertum geht gestärkt aus dieser Zeit hervor. Der Bürger bestimmt nun nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern auch den städtischen Alltag und die Kultur. Die politische Macht liegt aber immer noch beim Adel. Behördenchefs wie beispielsweise Landräte, Regierungs- und Polizeipräsidenten und natürlich Minister werden nach wie vor vornehmlich mit Adligen besetzt. Zudem stellen sie mehrheitlich das Offizierkorps. An dieser wie auch an anderen Stellen der Gesellschaft des Kaiserreichs wird somit tagtäglich ein erhebliches Maß an Differenzierung spürbar, am deutlichsten erkennbar am Dreiklassenwahlrecht Preußens – immerhin 60 Prozent der Bevölkerung des Reiches –, das, anders als das allgemeine und gleiche Wahlrecht zum Reichstag, nicht geheim ist und das Gewicht der Stimme insbesondere von der Steuerleistung abhängig macht. Frauen sind in jeder dieser Wahlordnungen von der Wahlbeteiligung ausgeschlossen.

Trotz aller gesellschaftlichen Änderungen bleibt das Militär sozial privilegiert. Die Siege gegen Dänemark 1864, gegen Österreich 1866 und insbesondere der Krieg 1870/71 haben dem Militär – dominiert vom preußischen Militär – in ganz Deutschland zu einer ungefährdeten Stellung an der Spitze der Gesellschaftspyramide verholfen. Alle deutschen Männer vom 17. bis zum 45. Lebensjahr sind wehrpflichtig. Der Einberufungsbescheid erreicht den Wehrfähigen in Friedenszeiten während des 20. Lebensjahres. Die Dienstzeit dauert für die Infanterie zwei, für die Kavallerie drei Jahre. Darauf folgt eine vier- bzw. fünfjährige Zugehörigkeit zur Reserve, in der der Reservist mit seiner Einheit verbunden bleibt. Anschließend gehört er elf Jahre der Landwehr und sieben Jahre dem Landsturm an. Reserveoffiziere genießen hohes Ansehen, das für ihre gesamte Lebensführung und soziale Stellung von großer Bedeutung ist. Markant ist die Verzahnung von schulischem Abschluss und militärischer Karriere. Der gymnasiale Abschluss des »Einjährigen«, vergleichbar heute am ehesten der mittleren Reife, ist Grundvoraussetzung dafür, einmal Reserveoffizier zu werden. Daneben beschert das Einjährige einen verkürzten Militärdienst von nur einem Jahr. Keine Begebenheit belegt das hohe Ansehen des Offiziers und des Militärischen besser als die wahre Begebenheit des »Hauptmanns von Köpenick«. Mannschaftsgrade erwerben nach mehrjährigem Militärdienst das Recht auf eine Übernahme in den Staatsdienst, insbesondere bei der Polizei oder beispielsweise der Eisenbahnverwaltung. Militärische Kategorien wie Gehorsam und Pflichtbewusstsein finden so vermehrten Eingang in die Gesellschaft und untermauern den Obrigkeitsgedanken.

Diese Fassade eines zwar differenzierten, aber doch auf einige Grundwerte ausgerichteten Gesellschaftsgebildes ist allerdings nicht ohne Risse. Da gibt es beispielsweise in Preußen auf dem Boden des alten Königreichs Hannover, das 1866 zu existieren aufgehört hatte, weiterhin die idealisierende Verehrung der Welfen, gleichbedeutend mit der Ablehnung Preußens und der Hohenzollern. Von ungleich größerer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang jedoch das Aufkommen der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie. 1882 beläuft sich der Anteil der gewerblich tätigen lohnabhängigen Arbeiter noch auf 23,7 Prozent der Erwerbstätigen. 1907 sind es dann bereits 33,5 Prozent. Große soziale Spannungen gehen mit dieser Entwicklung einher. Das Sozialistengesetz, die Sozialgesetzgebung stehen für eine Vielzahl von Themen in den Anfängen der Arbeiterbewegung, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs eine SPD an ihrer Spitze weiß, die mit 34,8 Prozent der Stimmen mit nennenswertem Vorsprung vor dem Zentrum stärkste Partei des Reichstages ist.

Selbst in bürgerlichen Familien rumort es. Aus zarten Anfängen 1896 in Berlin-Steglitz entsteht die Wandervogel-Bewegung. Sie versucht, den Einzelnen aus den bürgerlichen Lebensformen, der Geborgenheit der Stadt, der Welt der Väter und der Enge der Schulen zu lösen. Der Gang in die Natur, das gemeinsame Wandern und Singen, die erträumte Heimatlosigkeit, ja in Anklängen Züge eines Vagabundierens stellen eine Form der Rebellion gegen die Erwachsenenwelt dar, mit der eingangs des Jahrhunderts viele Jugendliche in Berührung kommen. Zunächst nur aus Jungengemeinschaften bestehend, schließen sich bald auch Mädchen dieser Bewegung an. Höhepunkt ist 1913 der Freideutsche Jugendtag auf dem Hohen Meißner bei Kassel, ein Gegenfest zu den landesweiten Hundertjahrfeiern der Völkerschlacht bei Leipzig und dem 25-jährigen Regierungsjubiläum Wilhelms II. Zu dem eher aus bürgerlichen Ursprüngen erwachsenen Wandervogel gesellen sich kirchliche Jugendvereinigungen und Gruppierungen der Arbeiterjugend. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs befinden sich weite Teile der deutschen Jugend im Aufbruch.

Das Deutsche Reich unter Bismarck bis 1890 hatte die außenpolitische Stellung, die es nach dem Sieg über Frankreich erworben hatte, festigen und ausbauen können. Die bismarcksche Linie der Außenpolitik geht unter seinen Nachfolgern verloren. Deutschlands allzu lautes Streben nach einer kräftigen Beteiligung an der Weltmacht – Mittel hierzu sollte insbesondere eine starke Flotte sein – ruft seine Hauptkontrahenten mit England an der Spitze auf den Plan und führt Mächte zusammen, die bislang selbst mit Gegensätzen zu kämpfen hatten. 1907 wird der Grundstein für eine Triple-Entente zwischen Frankreich, Russland und England gelegt, die sich in den kommenden Jahren bewähren soll. Anlässe hierfür gibt es genug: vielfältige Krisenherde in Afrika, insbesondere aber auf dem Balkan. Dort geraten auf dem Boden des zerfallenden Osmanischen Reiches zunehmend Staaten wie Serbien, Bulgarien, Montenegro und Griechenland, ferner die Großmächte Österreich-Ungarn und Russland aneinander.

Eingangs des zweiten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts ist Deutschland völlig isoliert, sieht man von dem Dreibund mit Österreich und Italien ab, der wegen seiner Nähe zu den Problemen auf dem Balkan Unheil verheißt. Die Schuld für diese Auskreisung sucht man nicht bei sich, sondern interpretiert sie wehleidig als gegnerische Einkreisung. In den militärischen Planungsstäben hatte man aber schon weit eher auf die Risiken eines Zweifrontenkrieges reagiert. Auf Graf Alfred von Schlieffen, Chef des deutschen Generalstabs von 1891 bis 1905, geht der folgende Kriegsplan zurück: im Hinblick auf die schwerfällige russische Kriegsmaschinerie eine rasche Entscheidung im Westen, dabei Umgehung der französischen Festungslinie im Osten und Nordosten des Landes durch einen Schwenk hauptsächlich durch das neutrale Belgien und Umfassung des französischen Heeres. Im Osten, dem sich erst nach dem Sieg über Frankreich zugewandt werden soll, und in Elsass-Lothringen werden zunächst nur relativ schwache Truppenkontingente eingesetzt. Entscheidend ist beim Schlieffen-Plan die Stärke des rechten Flügels, dem nach knapp vier Wochen die schwierige Aufgabe zukommt, Paris zu umfassen. »Macht mir den rechten Flügel stark«, beschwor von Schlieffen am 4. Januar 1913 auf seinem Sterbebett den Generalstab.

Kriegsausbruch

Am 28. Juni 1914 beginnt das Unheil seinen Lauf zu nehmen. In Sarajevo, das heißt auf dem Boden des 1908 von Österreich-Ungarn annektierten Bosnien, fällt an diesem Tag der österreichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, zusammen mit seiner Frau einem Attentat serbischer Separatisten zum Opfer. Mit aller Unnachgiebigkeit begegnet Österreich dem benachbarten Serbien, das Österreich für die Morde verantwortlich macht. Hektische politische Aktivitäten in den letzten Julitagen können nichts mehr daran ändern, dass nunmehr die einmal geschlossenen politischen Koalitionen greifen. Russland tritt an die Seite Serbiens. Deutschland – Reichskanzler ist seit 1909 Theobald von Bethmann Hollweg – stellt sich vorbehaltlos hinter Österreich. Frankreich wiederum stärkt Russland den Rücken. England signalisiert seine Kriegsbeteiligung, falls Deutschland die Neutralität Belgiens verletzt.

Nachdem Österreich-Ungarn Serbien am 28. Juli den Krieg erklärt hat, folgen am 1. August die deutsche Generalmobilmachung und die Kriegserklärung an Russland, am 3. August die entsprechende Erklärung gegenüber Frankreich. Nachdem deutsche Truppen bereits am 2. August die luxemburgische Grenze überschritten haben, marschieren sie am 4. August in Belgien ein, das zuvor einen deutschen Durchmarsch abgelehnt hatte. Nun befindet sich auch England mit Deutschland im Krieg. Italien und Rumänien, Mitglied des Dreibunds bzw. ihm 1883 beigetreten, verhalten sich neutral. Mitte 1916 werden beide sogar auf Seiten der Alliierten in den Krieg eintreten. Die Türkei zögert, an die Seite Deutschlands zu treten, bis ihr im November 1914 durch die Alliierten der Krieg erklärt wird. Der englische Außenminister Grey begleitet die Ereignisse der ersten Augusttage mit den berühmten Worten: »In diesem Augenblick gehen in ganz Europa die Lichter aus; wir alle werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen.«

Derweil wendet sich am 4. August 1914 in Berlin Wilhelm II. an die im Reichstag versammelten Parteivorstände mit den ebenso denkwürdigen Worten: »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche.« Die Sozialdemokraten bleiben von der Entwicklung dieser ersten Augusttage nicht unberührt. Zwar hat der Reichstag verfassungsrechtlich überhaupt keine Chance, an den Kriegserklärungen mitzuwirken. Durch die notwendige Zustimmung zu den Kriegskrediten kommt ihm jedoch eine maßgebliche Rolle dabei zu, den beginnenden Krieg zu hemmen oder zu fördern. Einstimmig, d.h. mit den Stimmen der Sozialdemokratie, werden die Kriegskredite an diesem 4. August vom Reichstag bewilligt.

In den folgenden Tagen wiederholen sich überall in Europa die gleichen Bilder: Zigtausende eilen zu den Waffen. Die Friedensstärke des deutschen Heeres 1914, d.h. die Zahl der zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs aktiven Soldaten, beläuft sich auf etwa 800000 Mann. Sie verteilen sich auf 51 Heeresdivisionen. Gleichzeitig mit ihnen werden 32 Reservedivisionen mobil gemacht. Zu all diesen Truppen versuchen in den Wochen nach dem Kriegsausbruch zusätzlich 1,2 Millionen Kriegsfreiwillige zu stoßen, von denen mangels Waffen und Ausrüstung nur ein kleiner Teil sofort angenommen werden kann. Immerhin werden 13 weitere Reservedivisionen bis Oktober 1914 aufgestellt. Während die Landwehr-Regimenter ebenfalls an der Front eingesetzt werden, kommt dem Landsturm die Aufgabe der Küstenverteidigung, der Bewachung der Grenzen, der Verbindungswege und der Kriegsgefangenen und die Stellung der Besatzungen für Festungen und Garnisonen okkupierter Städte zu. Vier Jahre später wird das Heer schließlich auf 240, allerdings ausgedünnte Divisionen mit insgesamt sage und schreibe 6000000 Männern angewachsen sein.

Angriff im Westen

Anfang August 1914 stehen im Westen stehen 70 deutsche Infanteriedivisionen 92 alliierten gegenüber. Waffentechnisch sind die deutsche und die französische Armee gleich gut ausgerüstet. Die Westalliierten haben Vorteile bei der leichten Feldartillerie, während die Deutschen bei der mittleren und vor allem bei der schweren Artillerie – hierzu gehört die berühmte »Dicke Bertha« mit einem Geschützrohrdurchmesser von 42 cm – überlegen sind. Der deutsche Aufmarsch erfordert enorme organisatorische Vorbereitungen und Anstrengungen. Zwischen dem 2. und 18. August rollen 2150 Züge über die Kölner Hohenzollernbrücke, durchschnittlich alle zehn Minuten ein Zug voller Soldaten.

Zwischen Namur und Löwen erwartet die Hauptmacht der belgischen Armee die deutschen Truppen. Belgische Wehrfähige, die nicht in der Armee dienen, werden als Bürgerwehr mobilisiert und nähren auf deutscher Seite die Annahme, man habe es wieder wie 1870/71 mit »Franktireurs« zu tun. Die Deutschen stoßen an den Forts um Lüttich auf erbitterten Widerstand. Lüttich fällt erst am 16. August 1914. Am 17. August ist der zweiwöchige Aufmarsch des deutschen Feldheeres mit 1,6 Millionen Soldaten gegen Frankreich abgeschlossen. Die große Schwenkbewegung mit dem Ziel der Umfassung von Paris kann nun beginnen. Drehpunkt ist die Gegend um Metz/Diedenhofen. Die Franzosen, die bereits Ende der ersten Augustwoche vorübergehend in den Oberelsass eingedrungen waren, haben sich mittlerweile mit der zahlenmäßig kleinen britischen Expeditionsarmee zusammengeschlossen. Sie greifen am 20. August den deutschen Schwenkungsflügel zwischen der Schelde und den Vogesen an. Den Deutschen gelingt es in den Grenzschlachten der kommenden Tage, den französischen Angriff abzuwehren, die Festungen Namur und Longwy zu erobern und die Franzosen in Lothringen auf ihre Festungslinie zurückzudrängen.

Im Zuge des Vormarsches erweitert sich die Front am rechten Flügel des deutschen Heeres bedenklich. Ende August sind die deutschen Truppen auf der gesamten Länge der Westfront in verlustreiche und kraftraubende Kämpfe verwickelt. Sie kommen zwar weiter vorwärts, laufen jetzt aber Gefahr, auseinandergerissen zu werden. So sehen sich die deutschen Armeen am rechten Flügel in den letzten Auguststunden gezwungen, ihr Hauptziel – die Umfassung von Paris – notgedrungen aufzugeben. Das Schlachtfeld der kommenden Tage liegt im Marnebogen östlich von Paris, teilweise nur 40 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Die Franzosen ziehen sich in das Gebiet südlich der Marne zurück, bereit, zusammen mit der englischen Streitmacht die deutschen Armeen in einer Gegenoffensive zurückzudrängen. Am 3. und 4. September – die 1. Armee ganz am rechten Flügel der Deutschen hat beispielsweise in den zurückliegenden 14 Tagen bei großer Sommerhitze und unter schweren Kämpfen 500 Kilometer zurückgelegt – überschreiten die 1. und 2. deutsche Armee die Marne. Am 6. September gehen die Franzosen vorwärts. In den folgenden sechs Tagen ringen beide Seiten an der Marne auf einer Länge von 250 Kilometern um eine frühe Entscheidung in diesem Krieg. Die nötige Verstärkung ihrer Truppen mit neuen Soldaten gelingt den Franzosen mit Hilfe von fast 700 Taxen, die die Infanteristen von Paris aus direkt an die Front befördern. Das Problem der Deutschen ist die offene Flanke nach Paris zu. Was aber noch schlimmer ist, am 8. September klafft zwischen der 1. und der 2. Armee eine Lücke von 40 Kilometern. Vor der Gefahr stehend, eingeschlossen zu werden, brechen zunächst die 2., dann die 1. Armee überstürzt und zur Verwunderung der Franzosen zwischen dem 9. und 13. September die Schlacht ab und ziehen sich weiter nördlich hinter die Aisne zurück. Am 11. September wird auch von der 3., 4. und 5. Armee – teilweise über 70 Kilometer – der Rückzug angetreten. Der deutsche Vormarsch ist gescheitert. Die Gründe liegen in dem schleppenden Nachschub im Hinterland der Front durch Pferdewagen, dem unzureichenden Informationsfluss zwischen den einzelnen Armeen und der Obersten Heeresleitung unter Generaloberst Helmuth von Moltke sowie schweren Kampf- und Marschverlusten. Zu alledem kommt aber noch die Abgabe von Truppen an die Ostfront und für die Belagerung von Antwerpen und Maubeuge. In der Schlacht an der Aisne am 13. und 14. September versuchen die mittlerweile in ihrer Kampfkraft auch geschwächten Alliierten ihrerseits, ihren Gegner bis nach Belgien zurückzuwerfen. Sie stoßen auf breiter Front auf deutsche Truppen, die sich inzwischen eingegraben haben und diesen Angriff abwehren können.

Noch einmal keimt bei den Deutschen Hoffnung auf, die Front ins Wanken zu bringen. In einem »Wettlauf zur Küste« versuchen sie, bis zur Kanalküste vorzudringen, um von dort aus bis nach Dünkirchen und Calais zu gelangen, beides Häfen, an denen die Briten ihre Soldaten auf dem Kontinent ausschiffen. In schweren Kämpfen zwischen dem 20. Oktober und dem 18. November 1914 stemmt sich die britische Expeditionsarmee bei Ypern mit Erfolg den deutschen Angreifern entgegen. Die auf deutscher Seite eingesetzten Reservekorps bestehen zum Großteil aus wenig ausgebildeten Kriegsfreiwilligen, die in diesen Stunden unter der Führung von Reserveoffizieren zu Zehntausenden fallen. In der Legende werden sie später zu den »Helden von Langemarck«, benannt nach dem kleinen Dorf im nördlichen Abschnitt der Front von Ypern.

Die Front im Westen erstarrt. Der Angriffsschwung ist verloren gegangen. Die Truppen verfangen sich im Spinnennetz einer gewaltigen Artilleriemaschinerie, angesichts derer es nur die eine Möglichkeit gibt, sich einzugraben und auf diese Weise notdürftig Schutz zu finden. Auf einer Länge von beinahe 300 Kilometern entstehen die Schützengräben, die für den Ersten Weltkrieg so kennzeichnend werden sollen.

Frontverlauf im Westen

Der Ausgangspunkt dieser Front liegt im Süden an der Grenze zur Schweiz. Sie berührt dann vorübergehend deutschen Boden zwischen Mülhausen und dem französischen Belfort. Sie schlängelt sich weiter nördlich durch die Vogesen, um dann in einem Bogen nördlich um Nancy herum zu verlaufen. Hier befindet sich mit dem Priesterwald ein bekannter Kriegsschauplatz. Auf der Höhe Bar-le-Duc ragt die Front in französisches Gebiet hinein und bewegt sich von dort in Nord-Süd-Richtung auf Verdun zu. Verdun stellt einen markanten Eckpunkt dar, von dem aus die Front nunmehr durch den Argonnerwald gerade gen Westen verläuft. Sie passiert das von den Franzosen gehaltene Reims, führt südlich Laon über den Höhenzug des Chemin-des-Dames. Nordwestlich von Soissons macht die Front einen weiten Bogen in Feindesland hinein, um dann wieder einen Knick gen Nordost vorzunehmen. Bei Péronne – die Stadt ist zunächst in deutscher Hand – überquert die Front die Somme, den für diese Gegend bestimmenden Fluss. In ihrem nördlichen Abschnitt trennt die Front Arras auf alliierter Seite von Lille, kurz vor der belgischen Grenze gelegen. Im belgischen Flandern verläuft die Front östlich von Ypern, um dann einige Kilometer südlich von Ostende den Ärmelkanal zu erreichen. Während die Engländer und ihre Commonwealth-Truppen – ganz grob gesagt – den nördlichen Frontverlauf bis nahe an die Somme besetzt halten, liegt das Hauptgebiet der Franzosen südlich davon.

Die Schützengräben sind von Gebiet zu Gebiet unterschiedlich ausgebaut. Sie sind an manchen Stellen von einfacher Bauart, anderswo aber zu ausgeklügelten Grabensystemen entwickelt. Auch stellen die geografischen Gegebenheiten völlig abweichende Anforderungen. Der von beiden Seiten belagerte Hartmannsweilerkopf ist eine Bergkuppe von ungefähr 1000 Metern. Auch die Kampfgebiete bei Verdun und am Chemin-des-Dames befinden sich noch in etwa 300 bzw. 200 Meter Höhe. Demgegenüber ist Flandern ein Flachland, das häufig unter Wasser steht und aus dem nur wenige Anhöhen herausragen. Zu der berühmt-berüchtigten dieser Anhöhen wird der Kemmelberg südwestlich von Ypern.

Beide Seiten können sich natürlich mit der festgefahrenen Front im Westen nicht zufriedengeben. Die Franzosen nicht, weil sich die Front zum Großteil auf französischem Boden befindet. Für die Deutschen hingegen sind die Schützengräben tagtäglicher Beweis dafür, dass es ihnen nicht gelungen ist, ihre Gegner im Westen entscheidend in die Knie zu zwingen. Die Folge ist in den kommenden Jahren eine ununterbrochene Kette von Durchbruchsversuchen sowohl der Engländer und Franzosen als auch der Deutschen. Bis ins Jahr 1918 hinein werden diese Offensiven mehr oder weniger erfolglos ausgehen. Woran liegt das? Zunächst ist für einen erfolgreichen Durchbruch eine beträchtliche Stoßkraft der Angreifer erforderlich. Maßgebliche Bedeutung kommt dabei der eigenen Artillerie zu. Sie hat die feindlichen Geschütze auszuschalten, an deren Sperrfeuer ansonsten die vorrückenden Truppen scheitern. Selbst die größere Beweglichkeit der Kavallerie, durch die in vergangenen Jahrhunderten Schlachten gewonnen wurden, ist angesichts dieser Dominanz der Artillerie kein entscheidendes Kriterium mehr. Die Kavallerieverbände werden im Ersten Weltkrieg deshalb auch schon nach kurzer Zeit umfunktioniert. Ein Angriff muss zudem, um die Front spürbar zu erschüttern, auf mehrere Kilometer Breite ausgedehnt werden. Die Hoffnung, den Gegner an einem schwächer besetzten Teilabschnitt der langgestreckten Front zu überraschen, lässt sich in diesem Krieg nicht mehr vollständig realisieren. Zu gut sind mittlerweile die Aufklärungsmöglichkeiten insbesondere aus der Luft.

Selbst wenn es einmal gelingt, das feindliche Bollwerk an einer Stelle zu überwinden, besteht dann die Gefahr, dass sich die Truppen im Hinterland festlaufen und vom Nachschub abgeschnitten werden. Hinzu kommt, dass sehr bald die Artilleriedeckung ausbleibt. Die Geschütze haben seinerzeit mit ca. sechs Kilometern eine sehr begrenzte Reichweite und können zudem bei dem völlig zerschossenen Kampfgebiet nur sehr langsam Anschluss halten. Diese Problematik schreit nach einem Geschützfahrzeug mit großer Antriebsgeschwindigkeit und Schusskraft. Die im Ersten Weltkrieg vorwiegend von den Engländern eingesetzten Panzer sind hiervon noch weit entfernt. Die deutsche Wehrmacht wird aus alledem am schnellsten die Lehre ziehen und zu Beginn des Zweiten Weltkriegs über Panzer verfügen, mit deren Hilfe es 1940 gelingen wird, auf den Schlachtfeldern des ersten Kriegs den Frankreichfeldzug zu einem unglaublich raschen Ende zu bringen. Die Franzosen verwenden die Jahre zwischen den Weltkriegen dazu, ihre Befestigungslinie zur »Maginot-Linie« auszubauen – angesichts der höheren Mobilität der deutschen Truppen 1940 ein folgenschwerer Irrtum.

Das Jahr 1915 an der Westfront

Die erste große Durchbruchsschlacht ist die Winterschlacht in der Champagne südöstlich von Reims Anfang 1915. Die angreifenden Franzosen büßen 240000 Mann ein. Die deutschen Verluste belaufen sich auf 45000. Solche grausamen Zahlen werden sich in den Durchbruchsschlachten der kommenden Jahre Mal für Mal wiederholen. Im April 1915 greifen die Deutschen in Flandern an. Dies ist der erste große Einsatz von Giftgas, und der Angriff verläuft zunächst erfolgreich. Die Alliierten können die entstandenen Lücken der Front jedoch gleich wieder mit Reserven füllen, weshalb die Offensive eingestellt werden muss. Aus gleichen Gründen – nun aber sind die Rollen vertauscht – scheitert im Mai/Juni 1915 der französische Angriff auf die von den Deutschen besetzte Vimy-Hügelkette nördlich Arras, die sogenannte »Loretto-Schlacht«. Die Alliierten konzentrieren sich jetzt auf einen Doppelschlag im Artois und insbesondere in der Champagne zwischen den Argonnen und Reims. Innerhalb von etwa fünf Wochen im September/Oktober 1915 gelingt es den Angreifern – die Briten setzen ihrerseits erstmals in großem Umfang Gas ein – wieder nur, Gelände von wenigen Kilometern Tiefe zu gewinnen. Den Deutschen kommt zugute, dass sie kurzfristig Truppen von der ruhiger werdenden russischen Front abziehen können. Neben diesen großangelegten Offensiven gibt es 1915 beispielsweise im Priesterwald zwischen Maas und Mosel und in den Vogesen am Reichsackerkopf und am Hartmannsweilerkopf hartnäckige lokale Kämpfe.

Verdun

Die deutsche Militärführung, an ihrer Spitze der Nachfolger Moltkes als Generalstabschef, der vormalige Kriegsminister Erich von Falkenhayn, ist sich im Verlauf des Jahres 1915 nicht ganz im Klaren, ob ein Durchbruchsversuch zum Erfolg führen wird. Hatte von Falkenhayn doch kurz nach der Ablösung Moltkes im Herbst 1914 die entsetzlichen Verluste der Kriegsfreiwilligenverbände bei Langemarck zu verantworten gehabt. Ende 1915 präsentiert er dem Kaiser einen ganz anders gelagerten Plan. Die Franzosen sollen nun an einer für sie militärisch unverzichtbaren Stelle angegriffen werden. Nicht der Durchbruch steht dabei im Vordergrund, sondern die Bindung aller französischen Kräfte an diesem Punkt. Ist der Gegner erst einmal gestellt, wird die dort zusammengezogene deutsche Artillerie den Feind schon zermalmen. Als Frontstelle, an der »Frankreichs Kräfte verbluten« sollen, wird der Frontbogen von Verdun ausgewählt. Das festungsmäßig stark ausgebaute Gebiet vor Verdun ist seit 1914 immer wieder Ziel deutscher Angriffe gewesen, ohne dass sich diese Gefechte sonderlich von denen an anderen Abschnitten der Front unterschieden hätten. Nun steht die ahnungslose Kleinstadt Verdun kurz davor, in trauriger Weise in die Geschichte zweier Nationen einzugehen.

Beiderseits der Maas, die Verdun in nordwestlicher Richtung durchfließt, sind in den Jahrzehnten vor dem Krieg zahlreiche Forts errichtet worden. Die Verteidigungswerke befinden sich insbesondere östlich des Flusses, wo sich etwa drei Kilometer vor der Stadt ein langes Plateau – im Westen zur Maas abfallend und im Osten in die Woëvre-Ebene übergehend – gen Norden erstreckt. Das erste Befestigungssystem, auf das Angreifer aus dem Norden stoßen müssen, besteht aus Waldstellungen und Blockhäusern. Die eigentliche Festungsregion wird wenige Kilometer weiter südlich vom Fort Douaumont angeführt, gefolgt vom Zwischenwerk Thiaumont und dem Fort Froideterre bzw. im Osten dem Fort Vaux und dem ihm vorgelagerten Werk Hardaumont. Hinter diesem Festungsring, Verdun zugewandt, befinden sich dann nur noch die älteren Forts wie Belleville und Souville. All diese Festungswerke fügen sich in ein waldreiches Gebiet mit kreuz und quer laufenden Schluchten und Senken ein. Ganz anders verhält sich die Topografie am Westufer der Maas. Aus einer Ebene ragen dort die vereinzelten Bergkuppen des Toten Mannes – übrigens schon vor dem Krieg so genannt – und der Höhe 304 hervor, in deren Schutz sich weitere Forts befinden.

Am 4. Januar 1916 beschließt das Armeeoberkommando den Angriff auf Verdun. Diese schwere Aufgabe kommt der 5. Armee zu, in deren Bereich der Frontbogen von Verdun liegt und die dem Kronprinzen untersteht. Der Angriff ist für den 12. Februar geplant. In den Tagen zuvor werden von den Deutschen ungeheuere Artilleriekräfte im Hinterland Verduns zusammengezogen. In dem Hauptangriffsgebiet zwischen dem kleinen Ort Consenvoye an der Maas und Azannes werden 1200 Geschütze aller Art, darunter immerhin 16 Rohre der »Dicken Bertha«, und ca. 2½ Millionen Granaten platziert. Sage und schreibe 24 neue Bahn- und Verladestellen müssen zu diesem Zweck errichtet werden. Doch am 12. Februar regnet es und es herrscht diesiges Wetter, das keinerlei Artilleriebeobachtung zulässt. Der Vormarsch der schon in ihren Ausgangsstellungen angetretenen Truppen findet an diesem Tag nicht statt. Im Westen dieser nur etwa 15 Kilometer breiten Front zur Maas hin ist das VII. Reservekorps aufmarschiert, in dessen Stoßrichtung die Ortschaften Haumont und Samogneux liegen. In der Mitte vor dem Bois des Caures sowie den Orten Beaumont und Louvemont sind die Hessen des XVIII. Armeekorps stationiert. Östlich hiervon befinden sich die brandenburgischen Truppen des III. Armeekorps, vor denen der Herbebois und der Fossewald liegen. Insgesamt stehen 150000 Mann bereit, von denen sich 32000 in vorderster Linie befinden.

Am 20. Februar klart das Wetter auf. Am kommenden Morgen um 8 Uhr 12 setzt das deutsche Artillerie-Inferno ein. Die Erde bebt und doch überleben unerwartet viele Franzosen in ihren ersten Verteidigungsstellungen und setzen den Angriffen erheblichen Widerstand entgegen. Mühsam kämpfen sich die Deutschen in den kommenden Tagen bis zu fünf Kilometer vor, immer von der französischen Artillerie beiderseits der Maas bedrängt. Am 24. Februar ist der französische Widerstand fürs Erste erschöpft. Die Franzosen verlieren an diesem Tag 20000 Mann, von denen 10000 in Gefangenschaft gehen. Der 25. Februar wird dann zu einem der geschichtsträchtigsten Tage im Ringen um Verdun. Einigen Angehörigen des 24. Brandenburgischen Infanterie-Regiments gelingt es mehr beiläufig, Fort Douaumont einzunehmen. Obwohl von den Franzosen beinahe abgeschrieben und dementsprechend kaum besetzt, wird die Eroberung des Forts als einer der größten deutschen Kriegserfolge gefeiert. Hinter diesem Ereignis treten die Kämpfe um das nahe Dorf Douaumont, die bis zum 2. März zahllose Opfer auf beiden Seiten kosten, zurück. Das Dorf verschwindet wie viele Dörfer und Weiler im Frontbogen von Verdun für alle Zeiten vom Erdboden. Das auf einer Bergkuppe gelegene Fort Douaumont aber wird für die Deutschen in den kommenden Monaten zu einer ganz wichtigen Durchgangsstation für die vorgehenden Truppen.

Die Franzosen aber nutzen die Tage nach dem Fall des Forts Douaumont. General Pétain hat den Oberbefehl über die Front bei Verdun übernommen und organisiert die Verteidigung der Stadt. Eine ununterbrochene Kette von Lastkraftwagen befördert von nun an über eine einzige Straße, die Voie Sacré (Heilige Straße), zusätzlich zu den Soldaten all das, was vorne benötigt wird. Es beginnt ein noch zäheres Ringen um jeden Meter Boden. Von März bis Juli konzentrieren sich die Kämpfe auf ein verhältnismäßig kleines Areal zwischen Douaumont, Thiaumont, Fleury und Vaux, dessen weitester Punkt nur etwa drei Kilometer vom Fort Douaumont entfernt ist. Langsam schieben sich die deutschen Linien – im Gelände kaum als solche erkennbar – über die Minzeschlucht, die Albain- und die Thiaumont-Schlucht, die Todesschlucht, den Caillette- und Chapitrewald, den Fumin in Richtung auf das Dorf Fleury und das Fort Vaux vorwärts. Die deutschen Truppen nehmen auf ihrem Weg unter großen Verlusten kleinere Zwischenwerke, Stützpunkte und Batterien ein, müssen aber beispielsweise noch Ende Mai eine beinahe geglückte französische Rückeroberung des Forts Douaumont verhindern. Der April kostet die Deutschen in Verdun nahezu 40000 Tote, Verwundete und Vermisste, im Mai steigt die Zahl auf etwa 55000 an. Um dem Artilleriefeuer vom Westufer der Maas zu begegnen, beginnt Anfang März der Kampf um die Bergkuppen des Toten Mannes und der Höhe 304, die nach ihrer Eroberung durch die Deutschen im Verlauf des Mai erst im Spätsommer 1917 von den Franzosen zurückerobert werden können.

Am 7. Juni ergibt sich die Besatzung des Forts Vaux, Ende Juni wird das völlig zerstörte Dorf Fleury eingenommen. Vereinzelten bayerischen Soldaten gelingt es sogar kurzzeitig, bis zum Fort Froideterre vorzudringen. Jetzt sind die Deutschen nur noch sechs Kilometer von der Stadt Verdun entfernt, aber ihre Kräfte sind endgültig erschöpft. Im August wird Falkenhayn als Chef des Generalstabs abgelöst und durch von Hindenburg und Ludendorff ersetzt. Der großangelegte Angriff der Franzosen und Engländer an der Somme lenkt seit dem 1. Juli die Aufmerksamkeit der Obersten Heeresleitung auf die Picardie und beweist letztlich, dass »die Hölle vor Verdun« sinnlos gewesen ist. Mit ihren Offensiven vom Oktober und Dezember 1916 werfen die Franzosen die deutschen Truppen auf eine Linie zurück, die in etwa der vom zweiten oder dritten Angriffstag des Februar entspricht. Als wäre nichts gewesen, prägt in den letzten zwei Kriegsjahren wieder der Stellungskrieg das tägliche Bild. Zurück liegt das Jahr 1916, in dem das deutsche Heer vor Verdun insgesamt 337000 Mann eingebüßt hat, während sich die französischen Verluste auf 362000 belaufen. Sie sind in erster Linie Opfer der mindestens 21 Millionen deutschen und 15 Millionen französischen Granaten, die auf das nur etwa 30 Kilometer breite und zehn Kilometer tiefe Schlachtfeld niedergegangen sind.

Somme-Schlacht

Doch damit nicht genug für das Jahr 1916. Mit der Schlacht an der Somme folgt noch die verlustreichste Schlacht dieses Krieges. Zur Entlastung der Verdun-Front ziehen die Alliierten den Beginn der bereits seit Längerem geplanten Großoffensive im Gebiet der Somme auf Ende Juni vor. Auf einer Breite von je 20 Kilometern beiderseits der Somme nahe den von den Deutschen besetzten Orten Bapaume und Péronne stehen 37 Divisionen der Alliierten zum Angriff bereit. England hat kurz zuvor die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Die Deutschen erfahren Anfang Juni durch Fliegermeldungen von diesem Truppenaufmarsch sowie der Bereitstellung gewaltiger Mengen von Materialien. Sie können ihre acht Divisionen an der Somme-Front gerade noch um drei weitere ergänzen, die abgekämpft aus der Schlacht um Verdun herausgezogen werden. Am Morgen des 24. Juni 1916 setzt die Artillerie der Alliierten ein. Der Beschuss steigert sich zu einem bisher nie dagewesenen Trommelfeuer. Am Vormittag verlegen die Alliierten die Feuerwalze auf die zweite deutsche Linie. Hinter ihr gehen die französischen und englischen Infanteristen vor. Zu ihrer großen Überraschung rührt sich in den deutschen Gräben noch Widerstand. Da insbesondere die Engländer in fast noch geschlossenen Linien angreifen, haben sie allein am 1. Juli 1916, an dem das Feuer auf die gesamte Somme-Front ausgedehnt wird, 20000 Gefallene zu beklagen. Dies ist der höchste Tagesverlust in der britischen Kriegsgeschichte. Und was ist das zählbare Ergebnis dieses Großangriffs? Die Alliierten dringen teilweise in den ersten deutschen Graben vor, gewinnen einige hundert Meter Trümmerfeld und einige kleine Dörfer, um kurze Zeit später durch deutsche Gegenangriffe die Gebietsgewinne teilweise wieder einzubüßen.

Von Anfang Juli bis zum 23. August erfolgen an der Somme nur alliierte Teilangriffe, vor allem nördlich des Flusses. Vom 23. August bis Ende September folgt die Zermürbungsphase mit immer neuen tagelangen Großangriffen. Für die Deutschen stellt dies die kritischste Phase der Schlacht dar, in der der Mangel an Reserven, Artillerie und Munition besonders spürbar wird. Doch die Heeresleitung unter Generalfeldmarschall von Hindenburg hat aus den Erfahrungen von Verdun gelernt. Truppen bleiben jetzt nicht mehr bis zu ihrer totalen Erschöpfung im Einsatz, sondern man bemüht sich um regelmäßige Ablösungen. Am 15. September 1916 setzen die Engländer erstmals Panzer ein. Bis zur zweiten Novemberhälfte versuchen die Alliierten in zahllosen Aktionen vergeblich, die Verteidiger niederzuringen. In der fünfmonatigen Materialschlacht können die Alliierten lediglich einen Gebietsstreifen von 40 Kilometern Breite und zwölf Kilometern Tiefe besetzen. Dagegen stehen ungeheure Verluste. Die Deutschen büßen rund 500000 Mann als Gefallene, Verwundete, Vermisste und Gefangene ein, die Alliierten zusammen sogar 750000 Mann. Eine einzige Schlacht hat, allein was die Toten betrifft, Menschenopfer in der Größenordnung einer Großstadt gekostet. Die monatelangen Kämpfe und das sich ab Oktober drastisch verschlechternde Wetter mindern endgültig die Kampfkraft der Truppen auf beiden Seiten.