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HÜSKER DÜ? ist eine Hommage an die deutschen Single-Charts der 1990er Jahre. Das Buch enthält zehn autobiographisch kommentierte Rückblicke auf die Chartbuster, die in den 90er Jahren unser Leben umrahmt haben. Die Rückblicke sind akkurat aufgebaut und orientieren sich an den wöchentlichen Zusammenstellungen von Media-Control. Die zehn Kapitel enthalten einen Countdown von den unteren über die Top40 bis zur jeweiligen Nummer Eins. Das Buch spricht verschiedene Zielgruppen an: Personen, die in den 1990er Jahren alt und interessiert genug gewesen sind, Chartmusik zu konsumieren, Musik-Nerds, die einen Einblick in die Popmusik der fraglichen Zeit gewinnen oder dem damaligen Chartsystem huldigen wollen, welches sich mittlerweile doch signifikant verändert hat, Nostalgiker*Innen, die ein Longing für den Trash der 90s haben, und sicher einige mehr.
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Seitenzahl: 292
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Für Mandy
Erinnerst Du Dich noch an Lou Bega? Möglicherweise. In jedem Falle ist es nicht unwahrscheinlich, dass Du Dich noch an dessen Single Mambo No.5 erinnerst. Ansonsten würdest Du vermutlich keinen Blick auf diese Seiten werfen. Die Single geriet im Frühjahr 1999 über die deutschen in sämtliche europäischen Charts, und wurde im Sommer des Jahres schließlich zu einem Welthit, der sogar in den Billboard-Charts auf #3 rangierte. In gewisser Weise beschließt die Single damit eine Dekade, der ihr Urheber bescheinigt, das farbenfrohste und hoffnungsvollste Jahrzehnt gewesen zu sein, welches die Menschheit jemals (!) erleben durfte. Genauer begründet Lou Bega seine passende Einschätzung wie folgt:
So viele gesellschaftliche und weltpolitische Dinge sind in dieser Zeit passiert. Der Ost/West-Konflikt war auf einmal nicht mehr da, Deutschland ist zusammengewachsen, und das verbreitete überall Hoffnung. Das Leben erschien uns so bunt wie nie zuvor. Ich erinnere mich an eine TV-Show, in der DJ BOBO auf den Gangsta-Rapper Snoop Dogg traf. Niemand hat sich daran gestört.
Ich bin definitiv kein Fan von Lou Bega, und seine Musik finde ich eher, naja. Aber seine Worte unterschreibe ich an dieser Stelle gern. An einer anderen Stelle bringt der Interpret des Mambo No.5 die farbenfrohen 1990er Jahre mit den folgenden Worten auf den Punkt:
Es war ein Jahrzehnt voller Hoffnungen, das mit den Terroranschlägen am 11. September 2001 ein trauriges Ende fand. Mir ist vor einem Jahr bewusstgeworden, wie stilprägend diese kurze Epoche war.
Der Interpretation von Bega folgend, können wir sagen, dass die stilprägenden, bunten und historisch so bedeutsamen 1990er Jahre von den Terroranschlägen des 11. September auf der einen Seite, und dem Ende des langewährenden Ost/West-Konfliktes auf der anderen Seite umrahmt werden.
Und eventuell kannst Du Dich nicht nur an die Songs vom Ende dieser Dekade, sondern ebenfalls noch an den Soundtrack vom Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges, also beispielsweise an Wind of Change von den Scorpions erinnern.
1990 war eine andere Zeit. Nicht nur gänzlich anders als heute, zu der Zeit, da Du diese Zeilen liest, und beginnst, Deine Erinnerungen daran wachzurufen.
Sondern bereits schon gänzlich anders als beispielsweise 1999, einem Jahr, in dem die Welt (oder zumindest die westliche Welt) sich auf den großen Millenniumswechsel vorbereite. Wovon heute noch viele Millennium-Songs zeugen (man denke nur an den Millenium Prayer von Cliff Richard). Und vermutlich ist 1990 auch nicht, oder nur schwer mit 1991 zu vergleichen, und auch nicht mit 1992, und auch sonst mit keinem Jahr dieser farbenfrohen und hoffnungsvollen Dekade.
Dieses Buch ist ein Buch für Personen, die – genau wie ich – in den farbefrohen 1990er Jahren großgeworden sind. Genauer richtet sich das Buch an Personen, die um 1990 herum alt genug waren, um Musik zu hören, und diesem Hobby die Dekade über kontinuierlich eifrig gefrönt haben. Gemeint ist hier freilich nicht jede Form der Musik. Kein Jazz und keine 12-Ton-Musik, und genereller auch keine Musik, die nicht in der entsprechenden Zeit aufgenommen und auch veröffentlicht wurde. Am meisten hast Du sicherlich von diesem Buch, wenn Du zur damaligen Zeit die Charts konsumierst hast.
Die Charts? Ja, aber nicht einfach irgendwelche Charts, also beispielswiese nicht die japanischen New-Age Charts, und auch nicht die famosen Album-Charts aus dem UK, sondern ganz banal die deutschen Singlecharts. Im Grenzfall könnte es genügen, wenn Du die Hiteinträge dieser Charts nur am Rande mitbekommen hast. Etwa weil Deine Eltern MTV empfangen konnten, oder weil deine Freunde Chartmusik verschlungen haben, oder weil Du Dich oft auf Partys rumgetrieben hast, auf denen Chartmusik gespielt wurde.
Darüber hinaus ist das vorliegende Buch natürlich auch für andere Zielgruppen geeignet, oder zumindest nicht gänzlich ungeeignet. Interesse könnte etwa bei Nerds und/oder Musikfetischisten bestehen, die einen Einblick in die Populärmusik der 1990er gewinnen, oder ganz einfach nur dem damaligen Chartsystem huldigen wollen, welches sich mittlerweile signifikant verändert hat. Eine weitere potentielle Klientel sind Nostalgiker*Innen, die ein Feeling bzw. Longing für die 1990er Jahre haben.
Schwärmst Du beispielsweise immer noch für Windows 3.1? Bist Du vielleicht immer noch der Meinung, dass Ultima VII das beste Computerspiel ist, das jemals veröffentlicht worden ist? Auch dann ist dieses Buch möglicherweise eine geeignete Lektüre für Dich.
Beim Aufbau des Buches habe ich mich strikt an den offiziellen Top100 der deutschen Singlecharts orientiert, und mich jeweils auf eine Beschreibung der Top40 konzentriert. Vor diesem Hintergrund ergibt die Besinnung auf die Musik der 1990er Jahre auch insofern Sinn, als dass die Top100 in dieser Form erst im August 1989 eingeführt (nämlich durch eine Aufstockung der Top75) und im Jahre 2001 noch einmal signifikant verändert wurde (und zwar durch Berücksichtigung der Verkäufe durch Online-Anbieter sowie von Musikvideos).
Die stichprobenartige Rekonstruktion der unteren Ränge (von #100 bis #41) sowie die detaillierte Beschreibung der Logenplätze (von #40 bis #1) erfolgt im Sinne eines Countdowns, d.h. von ganz unten bis hin nach ganz oben zur Chartspitze. Für jedes Jahr zwischen 1990 und 1999 wurde dabei genau eine Woche herausgepickt – und zwar nach mehr oder weniger persönlichen Kriterien. Genau wie heute wurden die Charts damals ebenfalls Woche für Woche kompiliert, und mein Anliegen war, mich jeweils auf eine bestimmte Woche im Jahr zu konzentrieren, an die ich spezielle Erinnerungen habe, oder zumindest haben könnte/sollte. Eine Übersicht über die fraglichen Zeiträume gebe ich im Inhaltsverzeichnis.
So viel zu meiner Person und dem hier diskutierten Chartsystem. Was aber hast Du in dieser Zeit getrieben? Kannst Du Dich überhaupt an die fraglichen Zeiträume erinnern? Ich gehe stark davon aus, und hoffe letztlich auch, dass Deine Antwort auf diese Frage positiv ausfällt bzw. dass die folgenden Seiten Deiner Erinnerung auf die Sprünge helfen werden. Natürlich können wir uns fürmeist nicht aus dem Stehgreif an bestimmte Perioden unseres Lebens erinnern. Aber wir sind durchaus dazu imstande, wenn wir einen entsprechenden Trigger haben. Und unter Wissenschaftlern bzw. Psychologen ist gemeinhin anerkannt, dass musikalische Trigger für diese Zwecke besonders effektiv sind. Der näheren Erläuterung halber ist dem Chart-Countdown ein Kapitel über die Erinnerung bzw. autobiographische Erinnerung vorangestellt, in ihre psychologischen, aber auch phänomenologischen und philosophisch-ontologischen Hintergründe kurz beleuchtet werden. In diesem Zusammenhang gehe ich auch noch einmal in detaillierter Form über den Status von Chartmusik als einem musikalischen Trigger von autobiographischen Erinnerungen ein.
In allererster Hinsicht ist das vorliegende Buch ein Buch über Musik. Genauer handelt es sich um eine Monographie über die Popmusik der 1990er Jahre, über die man denken und urteilen kann wie man will. Noch genauer handelt es sich um eine Dokumentation von Singles, die damals derart populär gewesen sind, dass die deutsche Käuferschaft sie in die Top100-Single-Charts gehievt hat. Was damals (anders als heute) nicht eben kostengünstig gewesen ist. Und somit begegnen wir vielen alten Bekannten aus den 1980ern, über die Erfinder und großen Stars des Eurodance und Happy-Hardcore-Techno, bis hin zu Boybands bzw. Girlgroups und wie sie alle heißen.
Eine Begleiterscheinung unserer Vorgehensweise ist, dass die wirklich großen Hits nicht immer im Zentrum des Geschehens liegen. Das vorliegende Buch will keine Meta-Charts der meistverkauften bzw. besten (oder gar der nervigsten) Singles der gesamten Dekade nach speziellen Maßstäben abliefern, sondern liefert vielmehr einen nüchternen Blick darauf, wie die Charts im jeweiligen Zeitraum ausgesehen haben. Der Gewinn bei dieser Vorgehensweise ist nicht nur, dass der nüchterne Blick ein unverzerrter und sehr detailgetreuer Blick ist. Ganz entscheidend ist meines Erachtens auch, dass der unverzerrte und detaillierte Blick auf kleinere Zeiträume viele Perlen in Erinnerung ruft, welche bei breit angelegten Gesamtrückblicken leider unerwähnt bleiben, und möglicherweise auch längst in Vergessenheit geraten sind. Leider. Nach meiner Erfahrung sind es aber gerade die nunmehr in Vergessenheit geratenen, weniger bekannten Perlen, bei deren Wiederentdeckung die Erinnerung besonders stark ausgeprägt ist. So weist ja auch der Meister der Erinnerung – der französische Schriftsteller Marcel Proust – darauf hin, dass unsere Erinnerungen und der Kontakt mit der Vergangenheit genau dann besonders stark ausgeprägt sind, wenn sie unverhofft kommen bzw. nicht willentlich hervorgerufen werden.
Insgesamt hoffe ich, dass meine Beschreibung der Lieder, die es im jeweilig diskutierten Zeitraum in die Singlecharts geschafft haben, auch beim Leser lebhafte Erinnerungen weckt. Dennoch habe ich es nicht lassen können, und der Beschreibung meinen eigenen, sehr subjektiven Stempel aufgedrückt. Dies zeigt sich insbesondere auch daran, dass ich in Bezug auf jeden diskutierten Wochenzeitraum (durch Einfärbung) markiert habe, welches der explizit diskutierten Lieder mein jeweiliger Favorit für den Zeitraum ist.
Einleitung
1990: vom 10. bis 16. September
1991: vom 14. bis 20. Oktober
1992: vom 06. bis 12. April
1993: vom 15. bis 21. November
1994: vom 26. September bis 02. Oktober
1995: vom 19. bis 25. Juni 1995
1996: vom 10. bis 16. Juni 1996
1997: vom 21. bis 27. Juli 1997
1998: vom 30. März bis 5. April 1998
1999: vom 11. bis 17. Januar 1999
Anhang: Philosophie und Wissenschaft der Erinnerung
Musikalische Trigger autobiographischer Erinnerung
Literarturverweise
Das Jahr 1990 ist politisch möglicherweise das prägnanteste Jahr des gesamten Jahrzehntes. Erinnerst Du Dich? Es ist die Zeit der deutschen Wiedervereinigung (formell vollzogen am 3. Oktober 1990, und somit kurz bevorstehend), des Zusammenbruchs der Sowjetunion, dem Ende des Kaltes Kriegens und der südafrikanischen Apartheid. Das Mega-Ereignis des Jahres stellt möglicherweise dennoch König Fußball bzw. die Fußball-WM in Italien dar. An Beckenbauers Kader um Lothar Matthäus und Andi Brehme erinnern sich Fans dieses Ballsports wohlmöglich heute noch gerne. Und musikalisch?
Wenn ich auf die 90er zurückblicke, dann würde ich sagen, dass 1990 chartmäßig zu meinen absoluten Lieblingen gehört. Weitere Kandidaten für großartige Chartjahre sind 1991, 1992, 1998 und 1999, aber 1990 war vielleicht gleich das Beste. Das zeigt bereits der Blick in die unteren Ränge zwischen #100 und #41, die gespickt mit diversen Klassikern und Pop-Perlen sind.
Über Phil Collins mag man denken was man will, aber gute Lieder schreiben konnte er, und Something Happened on The Way to Heaven (#62) ist definitiv eines seiner besten. Überhaupt ist 1990 ein gutes Jahr für Phil Collins in Deutschland. So steht Another Day in Paradise zu Beginn des Jahres auf #1 der Deutschen Single-Charts, und das dazugehörige Album But Seriously auf #1 der Deutschen Album-Charts. Im Laufe des Jahres wird es sich zum erfolgreichsten Album des Jahres entwickeln, und das, obwohl es bereits im Jahre 1989 veröffentlicht wurde. Wenn ich recht sehe, ist es mit über 3 Millionen verkauften Einheiten das zweitmeistverkaufte Album in Deutschland überhaupt (getoppt, wenn überhaupt, nur von Grönemeyer mit Mensch).
Der Blick auf die unteren Ränge deutet ebenfalls an, dass 1990 nicht nur politisch, sondern auch musikalisch ein Jahr des Überganges ist. Ein wenig vergröbernd können wir zwischen zwei verschiedenen Kategorien unterscheiden.
Auf der einen Seite haben wir elegante, klassische Poptunes, die musikalisch noch deutlich in den 1980er Jahren verhaftet sind. Dazu gehören neben Phil Collins beispielsweise auch Dance With A Stranger mit ihrem Invisible Man (#59) und das grandiose Praying For Time von George Michael (#47). In meinen Ohren ist Praying for Time mit Abstand GMs bester Song überhaupt (und um Längen besser als seine spätere Cover-Version von Adamski’s Killer, aber dazu später mehr).
Auf der anderen Seite haben wir Acid-House und die Anfänge von Eurodance, was unter anderem durch SNAP!’s The Power (#90) und dem funkigen Where Are You Baby? von Betty Boo (#71) verdeutlicht wird.
Auszüge der Plätze 100 – 41
Nr.90: SNAP! – The Power
Nr.74.: Gianna Nannini – Scandalo
Nr.71: Betty Boo – Where Are You Baby?
Nr.68: Guru Josh – Infinity (1990s...Time For the Guru)
Nr.71: Dusty Springfield – Reputation
Nr.65: Blue System – Love is Such a Lonely Sword
Nr.62: Phil Collins – Something Happened on The Way to Heaven
Nr.59: Dance With A Stranger – The Invisible Man
Nr.58: Neville Brothers – Bird On a Wire
Nr.47: George Michael – Praying For Time
Diesem Gemisch von klassischen Poptunes und House-Nummern werden wir auch auf den Rängen unterhalb der 40 begegnen. Wobei schwer zu sagen ist, welche Kategorie überwiegt. Eine weitere Songkategorie, die uns auf den folgenden Seiten des Öfteren begegnen wird, ist der Song zum Film. Einem Beispiel werden wir gleich auf #40 begegnen, doch bevor wir uns daranmachen, den Top40-Countdown einzuleuten, möchte ich noch auf die passende musikalische Untermalung aufmerksam machen. Ein guter Einstieg wird beispielsweise durch den Doppel-Sampler Ronny’s Pop-Show 15 geboten, einem echten Doppel-Sampler im daumendicken Doppel-Pack.
TOP40-Countdown
Nr.40: Madonna – Hanky Panky
Louise Ciccone alias Madonna hat 1990 nicht weniger als vier Singles veröffentlicht. Die erfolgreichste davon – Vogue – war weltweit die meisterkaufte Single-Veröffentlichung des Jahres. Mit Justify My Love gelang ihr wenig später noch ein zweiter weltweiter Millionenseller. Ein dritter veritabler Hit gelang mit der letzten Auskopplung des so stilbildenden, wie kontroversen Like A Prayer Albums; immerhin #8 in den US-Billboard-Charts für Keep it Together.
Zwischen all diesen Verkaufsschlagern ist Hanky Panky dann ein wenig untergegangen. Dennoch reicht es zumindest in dieser Woche für #40 bei uns in Deutschland. Entnommen wurde die Hanky-Panky-Single übrigens dem Soundtrack von Dick Tracy; einem Film, in dem Madonna so etwas wie die weibliche Hauptrolle übernommen hatte. Womit Madonna ihre Allgegenwärtigkeit im Jahre 1990 auch auf Kinoleinwände ausdehnen konnte.
Nr.39: Adventures of Stevie V – Dirty Cash (Money Talks)
Dieser Song gehört zu meinen ersten eigenständigen musikalischen Erlebnissen, nachdem ich in den 1980er Jahren durch die eher seichte Musik meiner radio-affinen Eltern sozialisiert worden bin. Dirty Cash war dann auch eher ein Fall für die schnellen Dance-Charts. The Adventures of Stevie V? Mehr oder weniger ein dem Hip-House zuzuordnendes 1-Hit-Wonder, obwohl es mit Body Language und Jealousy noch zwei weitere Chartnotierungen gab – wenngleich nur im UK.
Nr.38: Sting – Englishman in New York (Liebrand Mix)
Superstar Sting werden wir an späterer Stelle bzw. im Jahre 1997 noch einmal begegnen. Und zwar als dem Autor des Police-Hits Every Breath You Take, aufgrund dessen er – angeblich immer noch – all die Tantiemen für Puff Daddy’s Hit-Single I’ll Be Missing You einheimst. Ich persönlich kann mit Sting eher wenig anfangen. Weder als Mitglied der Police, und erstrecht nicht also Solokünstler. Zu den wenigen Aufnahmen die mir zusagen, gehört ausgerechnet ein Remix, und zwar dieser äußerst relaxte Remix von Englishman in New York, der gute zwei Jahre nach der eigentlichen Veröffentlichung angefertigt, und 1990 als eigenständige Single veröffentlicht wurde. In dieser Woche #38 der deutschen Singlecharts, und dabei auch unser höchster Neueinsteiger der Woche.
Nr.37: Deff Boyz & Tony Mac – Swing
„Swing to the music when the Deff Jam is here; Deff Boyz kickin it, so have no fear. Dance to the music when you hear the bells ring – we gonna make you swing.“ Deff Jam? Kickin? Und wieso ‚Boyz’ mit ‚z’? Auch heute noch kann ich mich gut daran erinnern, wie Swing im FFN-Chart-Countdown als NEW ENTRY angekündigt wurde. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich vielleicht zwei Jahre Englisch-Unterricht, und Englisch-Unterricht bedeutete anno 1990 ja nicht, dass man sich irgendwie ernstaft mit der englischen Sprache beschäftigt hätte. Und schon gar nicht mit dem, was jemand wie Tony Mac seinen Hörern zum Thema Abfeiern zu erzählen hatte.
Textlich war ich also leicht verwundert, aber richtig sprachlos gelassen hatte mich der einprägsame Acid-House-Sound, der spätestens 1992 durch einen anderen, weitaus stärker am Techno orientierten Stil abgelöst werden sollte. Aber Rhythm is a Dancer und Mr.Vain waren damals noch ein paar Jahre entfernt, und was 1990 angesagt war, war eher der Sound von The Power. Für meine Ohren handelt es sich bei Swing dann auch um eine Art Remake von bzw. Hommage an The Power. Dazu gibt es Anklänge an Gonna Make You Sweet (von der C&C Music Factory) und Don’t Believe The Hype (klar, Public Enemy). Zusammengeschustert und produziert wurde das Ganze übrigens von niemand anderem als Paul Hardcastle, welcher Mitte der 1980er mit N-N-N-19 für Furore gesorgt hatte, und diese Woche mit Swing für den höchsten Wieder-Einstieg sorgt (freilich nicht zu verwechseln mit dem höchsten Neu-Einstieg, denn der kam ja von Sting).
Nr.36: Purple Schulz – Du hast mir gerade noch gefehlt
Walking on Sunshine von Katrina and the Waves? Nein, Du hast mir gerade noch gefehlt von Purple Schulz. Und das hat uns tatsächlich gerade noch gefehlt: ein bisschen Schlager-Geschunkel (manche würden sagen „Deutschrock“) unter den Top40. Garniert mit eher gedankenlosen Textzeilen („Wenn Du willst, dann schlag ich für Dich all meine Platten kurz und klein“). Dennoch weitaus besser als der Name vermuten lassen mag. Für mich gibt’s zudem auch einen sehr schönen Erinnerungsfaktor.
Nr.35: Bob Geldof – The Great Song of Indifference
Zu den allerersten Alben, die ich mir jemals zugelegt habe, zählt das leicht depressive Soloalbum The Vegetarians of Love von Bob Geldof. Über Sir Bob soll an dieser Stelle nichts Weiteres gesagt werden – auch deswegen, weil dessen wichtigste Lebensstationen eher in einem 1980er-Jahre bzw. 1970er-Jahre-Rückblick zu verorten sind. Vielmehr interessiert mich, warum ich mir als 12-Jähriger diese leicht depressive Scheibe zugelegt habe. Antwort: weil ich damals im Tele-5-Chart-Countdown über den Great Song of Indifference gestolpert bin, und der Song irgendwie hängengeblieben ist.
Wodurch freilich noch kein Licht auf die Frage geworfen wird, wie diese durchaus eingängige, letztlich aber doch sehr idiosynkratrische Single-Auskopplung sich überhaupt derart weit oben in den deutschen Single-Charts platzieren konnte.
Nr.34.: Nick Kamen – I Promised Myself
Eine klassische, nahezu zeitlose Perle der Popmusik, die zu viele prägnante Elemente enthält, als dass diese hier allesamt aufgezählt werden könnten. Klanglich noch in den guten alten 80ern beheimatet, besticht die Hymne auch heute noch vor allem durch den Einsatz von Kamens schallernder, halbakustischer Gitarre. Am meisten haben es mir die perlenden Synthies angetan, vermutlich auch die glasklaren Harmonien des Liedes, und nicht zuletzt auch der gesprochene, mit Streichern unterlegten Part zum Ende hin.
Nachdem Promised Myself uns den Sommer durch in den Top10 begleitet hatte (Peak #5), und bis heute eigentlich nicht aus unseren Radio-Stationen wegzudenken ist, war ich beim Verfassen dieser Zeilen doch sehr überrascht, dass das schöne Lied in Kamens Heimat, also dem UK, nicht über Platz 50 hinausgekommen ist. WTF? Bei uns hingegen konnte der Schönling im Laufe seiner Karriere insgesamt sogar zwei Pop-Perlen in den Charts unterbringen, und zwar neben Promised das 1986 veröffentlichte (und ganz nebenbei von Madonna produzierte) Each Time You Break My Heart.
Nr.33: Sinead O’Connor – The Emperor’s New Clothes
Auf den Schönling Nick Kamen folgt Sinhead O’Connor. Die war damals auch unter der unhöflichen Bezeichnung „Skinhead O’Connor“ bekannt, doch bis ich den Witz dahinter eingeordnet und begriffen habe, hat es noch ein paar Jährchen gedauert. Beschäftigt hatte mich denn auch vielmehr das Plattencover ihres 1990er Albums, welches sehr an das Cover der Platte eines anderen Skinheads und Mega-Sellers erinnert. Nämlich an das Cover von But Seriously von Phil Collins.
Aber wie dem auch sei: The Emperor’s New Clothes, unsere #33, ist definitiv kein schlechtes Lied, unter dem Strich aber lediglich der Nachfolger einer anderen Single. Und zwar der Nachfolger der von Prince komponierten – und im selben Jahr auch von MXM und Chyp-Notic gecoverten – Engtanz-Hymne für jedermann, Nothing Compares 2U.
Beste Aufnahme von S(k)inhead in meinen Augen hingegen der großartige 1987-Bombast Troy, der die Singlecharts aber mehr oder weniger verfehlt hat.
Nr.32.: New Kids on The Block - Tonight
Eine klassische Sunshine-Pop-Hymne, komplett mit Spinett-Einlage und Reminiszenz an All You Need is Love von den Beatles. Etwa eine späte Erfolgssingle der Beach Boys? Nein, sondern Tonight von den New Kids on The Block (alias NKOTB); dem mit Abstand besten Produkt dieser Mutter aller Boybands.
Genau wie die Beatles zitieren sich die NKOTB hier übrigens bereits selbst: „Tought you about Hanging Tough...“, und springen mit der zweiten bzw. dritten Auskopplung aus dem farbenfrohen Step-By-Step-Album (dessen gleichnamige Titel-Auskopplung sich zum jetzigen Zeitpunkt immer noch in den Charts befindet) in dieser Woche zu Recht von #98 auf #32. Das sind ganze 66 Plätze auf einen Streich!
Nr.31: Guru Josh – Whose Law (Is It Anyway)?
Guru Josh war ein UK-basierter DJ, der leicht verwirrt dreinblickte und seinem Namen vom Aussehen her alle Ehre machte. Anno 1990 legte der Guru mit seinem unendlich geilen Infinity eine der maßgeblichen Tanz-Hymnen der farbenfrohen 1990er Jahre vor. Und dann?
Ja dann kam Whose Law bzw. Whose Law (Is It Anyway)? Wer es damals nicht gehört oder schlicht übergegangen hat, sollte dem Nachfolger schnell nochmal eine zweite Chance geben. Am besten in der ausführlichen 12’’ Version, die den Track besser zur Geltung kommen lässt. In meinen Ohren weitaus besser als sein Ruf, aber dennoch kein Vergleich zu Infinity.
Nr.30: Culture Beat – I Like You
Viele Leute wissen es nicht, aber: es gab tatsächlich eine Zeit vor Mr. Vain, und Culture Beat lieferten damals erstklassige Acid-House-Nummern, komplett mit Rich-In-Paradise-Pianos, Ch-Ch-Check-This-Out-Samples und passenden Female-Gesangseinlagen ab.
Bestes Beispiel für diesen Stilmix ist (nicht der gechillte Erdbeermund aus dem Vorjahr), sondern I Like You, welches wiederum am besten in der ausführlichen 12’’-Version bzw. dem sogenannten London-Mix rüberkommt. Auch interessant für 90er-Aficiados: das ebenfalls aus dem Debutalbum ausgekoppelte No Deeper Meaning. Auf dem gut zwei Jahre später veröffentlichten Mr. Vain präsentiert sich das Projekt um Torsten Fenslau dann freilich in einem völlig anderen Gewand.
Nr.29: Timmy Thomas – Why Can’t We Live Together 1990?
Im Jahr 1990 war meine musikalische Welt recht übersichtlich und beschränkt (nicht, dass sich die Lage mittlerweile großartig verändert hätte), und das spannende Schlagwerk dieses Trax klang für mich nicht sonderlich anders als das Schlagwerk all der anderen Songs, die damals in den Charts bzw. Dance-Charts auf- und wieder abtauchten. Auch das Konzept des Remix war mir damals nicht bekannt.
Und als ich später irgendwann herausfand, dass der gute Timmy Thomas dieses Stück unzählige Jahre davor schon einmal in die Charts hat hieven können, war ich einfach nur überrascht. Und das nicht etwa, weil ich Zweifel an der Qualität des Songs habe, sondern weil Why Can’t We Live Togetherderart gut in die damalige Zeit passt – ja, beinahe wie gemacht für das Jahr 1990 ist – dass es überhaupt nicht nach einem Remix eines 1972er-Songs klingt. Ein Jahr später wurde übrigens eine interessante Cover-Version des Liedes vorgelegt, und das von MC Hammer.
Nr.28: New Kids on The Block – Step By Step
Während die zweite Singleauskopplung bereits die Charts hochschnellt, und um satte 66 Plätze von #98 auf #32 springt, steht die erste Auskopplung immer noch halbwegs sicher unter den ersten 30. Die Rede ist von Step by Step aus dem gleichbetitelten Erfolgsalbum der NKOTB. Für meine Begriffe sind die Neuen Kids vom Block so etwas wie die erste Boyband, obwohl es mit den Bay City Rollers, den Jackson Five, und den Monkees möglicherweise vorher schon Boybands gegeben hat. In jedem Falle sind die NKOTB so etwas wie die Blaupause dafür, was in den 90ern unter dem Label ‚Boygroup’ und der damit verbundenen Boygroup-Hysterie abgehen sollte – mit Acts wie Take That, den weitaus erfolgreicheren Backstreet Boys bzw. *NSYNC und diversen deutschen Ablegern. Und freilich auch mit diversen Girl-Groups wie den Spice Girls.
Ungeklärt ist meiner Meinung nach hingegen immer noch die Frage, ob es sich bei den ganzen 1990er Boybands und Girlgroups tatsächlich um Bands, oder eher um Retortengruppen handelt. Fraglich ist beispielsweise ob Acts wie die NKOTB ihre Instrumente selber spielen, oder lediglich vor der Kamera herumhampeln. Schreiben sie wenigstens ihre Lieder selber, oder übernimmt auch das jemand anderes (Stichwort: Maurice Starr)? Haben sich die NKOTB auf natürliche Weise zusammengefunden (bspw. im Freundeskreis) oder wurden sie auf spezielle Weise gecastet? Fragen über Fragen, die an dieser Stelle natürlich nicht geklärt werden können. Vielmehr wollen wir uns nun lieber Masterboy zuwenden, die in dieser Woche auf #27 rangieren.
Nr.27: Masterboy – Dance to The Beat
Was Masterboy anbelangt, so bestehen gewisse Parallelen zu Culture Beat: der große Erfolg dieses (aus deutschen Landen stammenden) Eurodance-Projektes sollte erst Mitte der 90er Jahre kommen (nicht selten mit musikalisch eher fragwürdigen Charity-Projekten), aber die besseren Aufnahmen entstanden gleich zu Beginn der Karriere.
Insgesamt klingt Dance to The Beat wie ein Gemisch aus Rich in Paradise (vom FPI-Projekt) und Go (von Moby). Zusätzlich ist da noch der äußerst prägnante Einsatz dieses Samples. Ja, genau ich meine dieses vermutlich meistbenutzte Sample unter allen Samples. Und wer immer schon wissen wollte, wer fürs WHOO und YEAH! in den unzähligen geliebten Hip-Hop und Acid-House-Tracks verantwortlich ist, dem sei hiermit verraten, dass es James Brown und Lyn Collins sind, und zwar mit Think About it.
Nr.26: Chocolate – Ritmo De La Noche
Heute ist dies diejenige Band bzw. derjenige Track, in dem Verona Feldbusch vortanzen und singen durfte. Aber damals war es einfach ein großartiger Spät-Sommerhit, an dem sich zeitgleich verschiedene Projekte versucht haben. Darunter nicht nur Chocolate, sondern bspw. auch das sogenannte Mystic-Projekt. Produzent des Titels war übrigens nicht Dieter Bohlen, sondern Alex Christensen aus Hamburg-Wilhelmsburg, einige Monate bevor er mit U96 richtig durchstartete. In dieser Woche hinauf von #31 auf#26: Ritmo De La Noche.
Nr.25: Blue Pearl – Naked in The Rain
Ich meine, dass es damals, im Spätsommer des Jahres 1990 einen Zeitraum gab, in dem ich Naked in The Rain für den größten Hit aller Zeiten hielt, und der Song für Wochen die Spitze meiner persönlichen Charts blockierte. Auch Jahre später bin ich immer wieder gerne darauf zurückgekommen, und war 1998 hocherfreut, als ein zeitgemäßer (und dennoch gutgemachter) 98-Remix des Liedes erschien (inklusive Hybrid-Version).
„Join me dancing naked in the rain...“ Die Lyrics hatten mich damals fasziniert, und als 12jähriger konnte ich nicht wirklich glauben, was meine nicht unbedingt ans Englische gewöhnte Ohren da vernahmen. Und jetzt, da ich diese Zeilen verfasse, ist es dem Blue-Pearl-Projekt ein weiteres Mal gelungen, mich mit Naked zu überraschen. Anno dazumal hatte ich keinen blassen Schimmer, was ein Produzent ist, und von Ex-Killing-Joke-Member Youth hatte ich erst recht noch nichts gehört. Meine Recherche ergibt nun aber, dass Blue Pearl eine lupenreine Youth-Produktion darstellen, und dass auf dem dazugehörigen (und nebenbei einzigen) Album des Projekts auch diverse Mitglieder von Pink Floyd zu hören sind.
Aus dem fraglichen Album wurde mit Little Brother später übrigens noch eine weitere Single ausgekoppelt, die allerdings nicht über #75 hinauskam, und eher auf diversen Dance-Samplern verwurschtelt wurde.
Nr.24: Maria Carey – Vision of Love
Am Anfang dieser unfassbaren Karriere, die sich durch die gesamten 90er-Jahre und noch etwas darüber hinaus ziehen sollte, stehen ein paar Geräusche, die nach Another Day in Paradise (von Phil Collins) klingen und schnell in Vision of Love münden. Einem Liebeslied, das noch tief in den gerade ausklingenden 1980ern verwurzelt ist, und die Newcomerin Carey dennoch sofort auf die Spitzenposition der Billboard-Charts hieven sollte. Auch in dem sich im Wiedervereinigungsprozess befindende Deutschland rückt Mariah Carey damit letztlich bis in die Top20 vor. Dennoch wird der große Erfolg hier erst einige Jahre später einsetzen, und zwar mit dem Badfinger-Cover Without You. Für mich ist Carey aber nie wieder so gut gewesen, wie mit ihrem Debut.
Nr.23: Glenn Medeiros & Bobby Brown – She Ain’t Worth It
Bobby Brown ist klar, aber wer ist bitteschön Glenn Medeiros? Die 1980s-Freaks unter uns wissen es noch: na klar, der smarte Interpret der 80s-Schnulze Nothing’s Gonna Change My Love For You.
Aber She Ain’t Worthit? Die Single klingt verdammt nach einem frischen Mix aus Prince und George Michael, und kann vermutlich auch deshalb in den USA bis auf #1 klettern. Auch bei uns reicht es in dieser Woche zumindest für #23. Und damit steht Glenn Medeiros nur einen Platz hinter einem der größten Stars der 80er Jahre, und zwar einen Platz hinter Jon Bon Jovi mit seinem Blaze of Glory:
Nr.22: Jon Bon Jovi – Blaze of Glory
Ich fand das Lied damals großartig, und war angesichts der Distinktion zwischen Bon Jovi und Jon Bon Jovi doch etwas verwirrt. Heute finde ich das Lied nicht mehr ganz so riesig, aber mittlerweile ist mir immerhin klar, dass es sich bei Blaze of Glory um die erste Single aus Jon Bon Jovis Debutalbum handelt, der sich damit eine gewisse Auszeit von seiner Band Bon Jovi genommen hatte. Der Song wurde eigens für den Western bzw. 90er-Jahre-Western Young Guns II aufgenommen, und aus heutiger Perspektive kann konstatiert werden, dass er den dazugehörigen Film klar überschattet hat. Wie She Ain’t Worth It konnte Blaze of Glory nämlich #1 der US-Charts erklimmen und dazu hoch in die deutschen bzw. europäischen einsteigen. Weitere aus dem dazugehörigen Soundtrack bzw. Jon Bon Jovis Debutalbum ausgekoppelte Singles (wie das langatmige Miracle) waren dann weniger erfolgreich.
Nr.21: Prince – Thieves In The Temple
Ein extremer Ohrwurm. Auch viele Jahre nachdem der Song mit guten Erfolg veröffentlicht wurde (bei uns immerhin drei Wochen auf #21) poppt die Hook ganz unerwartet immer wieder in mein Gehör.
In meinem Umfeld gab es um die 90er-Wende so ein Prince-versus-Michael-Jackson-Ding. Wobei die Prince-Fans klar in der Unterzahl waren, aber gegeben hat es sie durchaus. Ausgekoppelt wurde Thieves, für das ganz nebenbei ein ein 8+minütiges Video gedreht wurde, übrigens aus dem Graffiti-Bridge-Album, und das war wiederum (d.h. wie Blaze of Glory, aber beispielsweise auch Princes vorheriges Batman-Album) ein Soundtrackalbum.
Nr.20: Was (Not Was) – Papa Was a Rolling Stone
Der Song Papa Was a Rolling Stone von Was (Not Was) sorgte damals für extreme Verwirrung in meinem jungen Bewusstsein, das mit dem Konzept der Cover-Version noch nicht so recht vertraut war, und mit dem Bandnamen überhaupt gar nichts anfangen konnte. Zudem ist ja auch der Titel des Songs ohne metaphorische Übertragung nicht gut zu verstehen. Der Vater ein rollender Stein??? Möglicherweise also ein Mitglied der Rolling Stones? Papa Was Not Was a Rolling Stone? In der Maxi-Version samt Rap-Einlage mit knapp 7 Minuten nicht unbedingt kurz, aber immer noch weit unter dem 12-minütigem Benchmark der Temptations-Nummer, übrigens ebenfalls eine Cover-Version (was ich aber erst viele Jahr später herausfand). Ausschlaggebend für den hohen Charteintrag vermutlich der zeitgemäße Breakbeat.
Nr.19: Adamski feat. Seal – Killer
Ein Killer-Track, zweifelsohne, und für mich einer der besten Lieder aller Zeiten. Wirklich gute Musik ist meines Achtens ja eher selten in den Charts anzutreffen, aber der Killer von Adamski bildet eine Ausnahme. Erstaunlich insbesondere, wie wenig Elemente der britische DJ und Soundpionier Adamski benötigt, um dieses Klangfestival zu generieren. Eine monumentale, obgleich extrem sparsame Bassline, dazu die passenden 909-Drumpatterns und paar extrem schiefe Synthesizer-Geräusche. Und fertig ist der Killer-Track.
Prägend nicht zuletzt auch die Vocals von Seal, der das Lied ein Jahr später dann selbst noch einmal als Single veröffentlichen würde. Während Killer für Adamski mehr oder weniger den einzigen nennenswerten Charteintrag darstellt (im UK gelang mit dem Space Jungle zumindest ein weiterer, kurzlebiger Top10-Eintrag), stellt er für Seal so etwas wie Sprungbrett zu einer richtigen Karriere dar, die noch im gleichen Jahr mit dem von Trevor Horn produzierten Crazy (#2 in Deutschland) fortgesetzt wird, welches wiederum das ebenfalls großartige Future Love Paradise (#16) vorbereitete, und so weiter, und so fort. Einfach nur amazing!
Nr.18: Eduardo Bennato & Gianna Nannini – Un Estate Italiana
Zu den größten Ereignissen des Jahres 1990 zählt zweifelsohne die Fußball-WM in Italien, und es ist möglicherweise kein Zufall, und in jedem Falle bemerkenswert, dass es Deutschland gerade zu Zeiten der Wiedervereinigung gelingt, die phantastische Fußball-WM zu gewinnen. In einem dramatischen Endspiel gegen Argentinien in Rom. Demgegenüber waren die Italiener im Halbfinale auf ähnlich dramatische Weise gegen Argentinien ausgeschieden.
Die WM1990 ist natürlich ein Kapitel für sich, und für mich ist an dieser Stelle auch eher interessant, dass der „Italienische Sommer“ von Bennato und Nannini nicht erfolgreicher war – insbesondere angesichts der Tatsache, dass der Song das offizielle, von der UEFA ausgewählte WM-Lied war, das nicht nur während der Eröffnung gut 500.000.000 Hörer gehabt haben dürfte. Zudem eine lupenreine Moroder-Produktion, auch war zumindest Gianna zum damaligen Zeitpunkt solo noch recht erfolgreich (vgl. #74). Da verwundert es dann doch, dass der Song bereits im Spätsommer wieder aus den Charts herauspurzelt (in dieser Woche von #14 auf #18, und kurze Zeit später dann der ganz große Fall von #36 auf #66), und letztlich nie auf Platz 1 der deutschen Singlecharts zu finden war.
Ob es möglicherweise einen anderen Song gegeben hat, der den Spitzenplatz die gesamte Zeit über blockiert hat? Dies ist freilich nur eine rhetorische Frage, und wir werden bald auf sie zurückkommen.
Nr.17: MC SAR & The Real McCoy – It’s On You
Dieses Electronic-Projekt um den Berliner Frank Hassas wird später im Jahrzehnt noch einmal richtig auf das Gaspedal treten, und zwar mit den beiden Eurodance-Klassikern Another Night aus Jahre 1993 und Run Away aus dem Jahre 1994. Aber das ist jetzt natürlich noch Zukunftsmusik.
Anno 1990 waren MC Sar und der echte McCoy noch nicht ganz so erfolgreich, dafür aber noch einigermaßen gut. Man schwamm eben mit auf der sich anbahnenden House-Welle. Genauso wie unser #16:
Nr.16: Twenty 4 Seven – I Can’t Stand It
Das weibliche Aushängeschild fand ich damals richtig süß. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich I Can’t Stand It von Twenty 4 Seven auch heute noch gut finde. Der Track gleitet perfekt auf der early-90s-House-Welle, und glänzt mit diversen Vorzeige-Samples. Darunter das besonders einflussreiche Ladies and Gentleman, it’s Star-Time, zu finden (Sample-Freunde aufgepasst) auf James Browns 1968er Live-Album.
Das weibliche Aushängeschild hörte auf den Namen Nance Coolen, und zum Konzept des holländischen Projektes gehörte es, den Gesang von einem Rap unterbrechen zu lassen, so wie es damals gerade en vogue werden, und praktisch die ganzen 90er hindurch praktiziert werden sollte. Bei dem Rapper und Vorzeigetänzer handelte es sich übrigens um niemand anderen als Captain Hollywood, welcher kurze Zeit später, also gegen Ende des Jahres 1992, mit More and More und seinem Captain Hollywood Projekt solo durchstarten sollte. Twenty 4 Seven hingegen legten im selben Jahr noch das eher verträumte und weitaus melodischere Are You Dreaming? (#16) nach, und sprangen drei Jahre später mit gutem Erfolg auf die Eurodance-Welle auf.
Nr.15: Partners in Kryme – Turtle Power!
Die Turtles sind oder waren fiktive Superhelden in der Gestalt von menschenähnlichen Schildkröten, d.h. von Schildkröten mit der Fähigkeit zu sprechen, menschengemachte Waffen zu benutzen, überflüssige Witze zu reißen, und ganz nebenbei auch noch für das Gute einzutreten. Es gab sie in Comicform, es gab sie als Computerspiel, und 1990 wurde dann auch ein erster Film über die Turtles gedreht, zu dem schließlich auch ein Soundtrack kompiliert wurde. Und dieser war u.a. mit Musik von Hi Tek 3, MC Hammer und diesem Theme-Song des amerikanischen Hip-Hop-Duos Partners in Kryme gefüllt.
An dieser Stelle gestehe ich gerne, dass ich Nerd damals von der Existenz der Turtles nichts – aber auch wirklich überhaupt nichts – mitbekommen hatte. Aber Turtle Power von den Partners in Kryme hat mir gefallen.
Nr.14: Vaya Con Dios – What’s A Woman?
Nicht Turtle, sondern Female Power! Nach diversen erfolgreichen Beiträgen von Madonna (auf #40), Skinhead O Connor (auf #33) sowie Mariah Carey (auf #24) gelingt Vaya Con Dios mit What’s a Woman? bereits der vierte erfolgreiche Solo-Eintrag eines weiblichen Solo-Acts.
Allerdings stellt sich Vaya Con Dios noch auf den altmodischen Standpunkt, dass eine Frau ohne Mann nicht allzu viel wert sei. Insofern ist der Song noch sehr der damaligen Zeit verhaftet.
Nr.13: Erste Allgemeine Verunsicherung – Samurai
Nachdem ich in der 1980ern bereits durch meine Eltern mit der EAV in Berührung gekommen war (u.a. mit Heiße Nächte in Palermo), nehme ich zu Beginn der 1990er zum ersten (allerdings auch zum letzten) Mal selbst Kontakt mit der Band auf, die damals noch regelrecht gut war. Und dann auch noch sehr erfolgreich! So gelangte Ding Dong, die erste Auskopplung aus dem unterhaltsamen 1990er Album Neppomuk’s Rache, bis auf #7. Und auch der Samurai
