Ich bin - Bisrat Negassi - E-Book

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Bisrat Negassi

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Beschreibung

ICH BIN zeichnet die Lebensreise der Hamburger Designerin Bisrat Negassi nach. Anfang der Siebzigerjahre in Asmara, der Hauptstadt Eritreas, geboren, erlebte Bisrat bereits als Kind die grausame Realität des Krieges. Als Bisrats Vater sich auf einer Todesliste wiederfand, verließ die Familie das Land und erreichte nach zwei Jahren Flucht Deutschland. Statt Zugehörigkeit zu erfahren, sah Bisrat sich dort jedoch mit etwas konfrontiert, das sie vorher nicht kannte: Rassismus. Und wurde wütend. Doch sie beschloss, dass Wut nicht der richtige Ratgeber ist, stattdessen ließ sie daraus eine kreative Power entstehen und vertraute ganz auf ihren Mut. Bisrat wurde Modedesignerin und rief nach einer Initiation bei XUYL.Bët in Paris ihr eigenes Modelabel NEGASSI ins Leben. 2016 co-gründete sie in Hamburg den Artspace M.Bassy, um kreativen Stimmen aus Afrika und der Diaspora Raum zu bieten und Begegnungen zwischen verschiedenen Menschen und Kulturen zu zelebrieren. 2020 co-gründete sie das transnationale Atelier/Netzwerk COME iN TENT. Heute ist Bisrat Modedesignerin & Kuratorin.

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Seitenzahl: 336

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die Autorin

Bisrat Negassi ist Modedesignerin und Co-Gründerin des interkulturellen Salons M. Bassy und des Ateliers COME iN TENT in Hamburg. Sie wurde in Eritrea geboren und wuchs in Deutschland auf. Sie lebte und arbeitete in Deutschland, Frankreich und den USA und führt heute ihr Modelabel NEGASSI in Hamburg. Dabei steht NEGASSI für transkulturelle Mode – eine Art universelle Sprache durchfließt ihre Kreationen.

Das Buch

»Ich bin« zeichnet die Lebensreise der Hamburger Designerin Bisrat Negassi nach. Anfang der Siebzigerjahre in Asmara, der Hauptstadt Eritreas, geboren, erlebte Bisrat bereits als Kind die grausame Realität des Krieges. Als Bisrats Vater sich auf einer Todesliste wiederfand, verließ die Familie das Land und erreichte nach zwei Jahren Flucht Deutschland. Statt Zugehörigkeit zu erfahren, sah Bisrat sich dort jedoch mit etwas konfrontiert, das sie vorher nicht kannte: Rassismus. Und wurde wütend. Doch sie beschloss, dass Wut nicht der richtige Ratgeber ist, stattdessen ließ sie daraus eine kreative Power entstehen und vertraute ganz auf ihren Mut. Bisrat wurde Modedesignerin und rief nach einer Initiation bei XUYL.Bët in Paris ihr eigenes Modelabel NEGASSI ins Leben. 2016 co-gründete sie in Hamburg den Artspace M. Bassy, um kreativen Stimmen aus Afrika und der Diaspora Raum zu bieten und Begegnungen zwischen verschiedenen Menschen und Kulturen zu zelebrieren. Heute ist Bisrat Modedesignerin, Kuratorin, glückliche Ehefrau und Mutter.

»In dieser lesenswerten Autobiografie finden sich alle großen Themen unsere Zeit wieder: All die Düsternis: Krieg. Flucht. Rassismus. Und all das Licht: Resilienz. Wachstum. Familie, Freundschaft, Liebe. Und immer wieder: Kreativität.« Melanie Raabe

»Zeitgemäß und einfühlsam schreibt Bisrat Negassi über Krieg, Migration – und den Mut, trotz aller Widerstände den eigenen Weg zu finden. Ein unverzichtbares Buch.« Taiye Selasi, Autorin des Bestsellers »Diese Dinge geschehen nicht einfach so«

BISRAT NEGASSI

ICHBIN

Wut Mut Flucht Eritrea Germany Mode Liebe

Mit einem Vorwort von Melanie Raabe

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Hinweis der Autorin zu den Illustrationen im Text:

»Die Illustrationen wurden von meiner Mutter Elene Tekle-Negasi angefertigt. Mit 74 Jahren fing sie an zu zeichnen und zu malen. So weckte sie brachliegende Erinnerungen zum Leben und verarbeitete ihre Erlebnisse.«

Copyright © 2022 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München.

Covergestaltung: UNO Werbeagentur GmbH, München, unter Verwendung eines Fotos von © Björn Lux;

Hair & Make-up: Karin Stebler

Redaktion: Anna von Rath & Doreen Fröhlich

DF | Herstellung: CF

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

ISBN978-3-641-26054-5V003

www.goldmann-verlag.de

Für meine Eltern Elene Tekle und Tesfai Ghebreselassie Negassi

INHALT

Vorwort von Melanie Raabe

Prolog

Rot Wie Granatapfelsaft

Reise ins Blaue

Gast und Freundschaft

Ticks in Rüschen

Tränen ohne Farbe

Vergiss mich nicht

Warten in Khartum

Vater in Grau

Ich bin ich bin ich bin braun

Farblose Gedanken

Eigene Heldin

Heldin mit Wut

Weis(S)Heit und Alter

Wut ohne Mut

Heimat in Musik

Moin Hamburg

Zurück in die Zukunft

Nakfa

Rigat und Arag

Black is cool

Frieden

Zurück in die Vergangenheit

Mein Weg zu mir

Allein in Paris

Von Runaway zu Runaway

Epilog

Dank

Literaturnachweise

Literaturtipps

Anmerkungen

VORWORT VON MELANIE RAABE

Vor einigen Jahren brachen Bisrat Negassi und ich uns um ein Haar alle Knochen. Sie hatte mich zu einer literarischen Veranstaltung bei M. Bassy eingeladen. Es war Januar, es hatte Blitzeis gegeben. Alles glitzerte. Schön sah das aus – und gefährlich. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer sagten spontan ab, aus Furcht, bei diesen extremen Bedingungen aus dem Haus zu gehen. Wir hingegen schlitterten tapfer zum Veranstaltungsort. Vorsichtig. Schritt für Schritt.

Vielleicht hätten wir die gefrorenen Straßen von Hamburg-Rotherbaum an diesem Abend als Schlittschuhbahn nehmen und ein paar Pirouetten versuchen sollen. Ich finde, das hätte gut gepasst. Nicht, weil Bisrat Negassi jemand wäre, der die Kälte liebt (sie ist einer der wärmsten Menschen, die ich kenne), und auch nicht, weil sie zu spontaner Akrobatik oder zu Kindereien neigen würde (das ist eher mein Job!). Sondern weil sie einen besonderen Blick auf die Welt hat, der sich nicht nur in der Mode ausdrückt, die sie entwirft, oder in den Events und Ausstellungen, die sie kuratiert, sondern vor allem darin, wie sie ihr Leben lebt.

Dass sie nun eine Autobiografie geschrieben hat, ist im dreifachen Sinne ein großes Glück. Zum einen, weil ihr Leben schlicht faszinierend ist. Zum anderen, weil Bisrat Negassi per se eher jemand ist, der zuhört, der gerne andere ins rechte Licht rückt und ihnen eine Bühne bietet. (Eine Angewohnheit, die die interessantesten Menschen, die ich kenne, verbindet.) Und schließlich, weil sie eine begnadete Storytellerin ist. Wie wunderbar, dass sie ihre Geschichte – das Schöne und das Schreckliche, Gespenster und Gegenwart – mit uns teilt. Sie nimmt uns mit auf die Reise ihres Lebens, wir gehen mit ihr nach Eritrea und in den Sudan, nach Paris und nach Hamburg … und finden in ihrer Autobiografie die großen Themen unserer Zeit wieder. All die Düsternis: Krieg. Flucht. Rassismus. Und all das Licht: Resilienz. Wachstum. Familie, Freundschaft, Liebe. Und immer wieder: Kreativität.

Schwierigkeiten und sogar Katastrophen etwas entgegenzusetzen, indem man etwas erschafft – sei es Kunst, sei es eine Gemeinschaft, sei es ein schöner Ort oder auch nur ein schöner Gedanke – , das ist die Essenz von Kreativität. Und in diesen Dingen ist Bisrat Negassi eine Meisterin, ein nie versiegender Brunnen.

Die Schriftstellerin Maya Angelou formulierte es einst so: »You can’t use up creativity. The more you use, the more you have.« Das stimmt offenkundig. Der Zerstörung Schöpfung entgegensetzen, den Schwierigkeiten Schönes abtrotzen, immer wieder: Bisrat Negassi lebt ein kreatives Leben in exakt diesem Sinne. Sie anhand dieses Buches auf ihrem Weg zu begleiten ist aufregend und inspirierend.

Ich glaube ja, wir suchen in Biografien nicht nur die anderen, sondern immer auch uns selbst. So zumindest ist es bei mir. Letztlich suche ich in einer guten Biografie stets nach Antworten auf die immer selben Fragen: Wie werden wir zu denen, die wir sind? Wie bleiben wir in unserer Mitte, all den Fliehkräften, die Tag für Tag und Jahr für Jahr an uns zerren, zum Trotz? Wie finden wir Stärke? Die Antworten, die »Ich bin« gibt, sind individuell und universell zugleich.

Wie schön, dass Bisrat Negassi ihre Geschichte nicht nur mit ihrer Community, sondern nun auch mit ihren Leserinnen und Lesern teilt – mit Ihnen! Ich wünsche Ihnen eine gute Reise. Und vergessen Sie die Schlittschuhe nicht!

PROLOG

»Wenn ich mal groß bin, werde ich fünf Kinder haben. Fünf Kinder von fünf verschiedenen Männern. Von einem Afrikaner, Amerikaner, Asiaten, Europäer und einem Australier.« Ich war gerade mal zwölf Jahre alt, als ich meinen Eltern ständig von den fünf Männern, den Vätern meiner zukünftigen Kinder, erzählte. Damals lernte ich in der Schule von den fünf Kontinenten, so legte ich die Zahl fünf fest. Und in Paris würden wir leben. Wie ich ausgerechnet auf Paris kam, war und ist mir nach wie vor nicht klar. Aber mit Sicherheit und ganz selbstverständlich wollte ich mithilfe meiner fünf Kinder und den fünf Männern einen internationalen Mix und Weltoffenheit sehen. Vor allem hätte ich die Welt unter meinem Dach. Die große Welt und ihre Vielfalt wären mein Zuhause. Das war das Schönste an dieser Vorstellung. Meine afro-asiatischen-ami-aussi-euro Kids – welch ein Traum!

Weder war ich mit Kindern aus dem amerikanischen Raum befreundet noch mit Kindern aus anderen afrikanischen Ländern außer Eritrea, ganz zu schweigen von asiatischen oder australischen. Aber irgendwie war mir die Vielfalt der Welt, der Menschen, schon damals wichtig.

Jedes Mal, wenn ich diesen Wunsch äußerte, war ich entzückt und meine Eltern völlig entsetzt. »Was für verrückte Ideen du immer hast!«, pflegte meine Mutter zu sagen. Mein Vater dagegen schaute erst erstaunt und musste schließlich darüber lachen.

ROT WIE GRANATAPFELSAFT

Es war das Jahr 1975 in Asmara, Eritrea. Ein Nachmittag im September. Ich war gerade mal fünf Jahre alt, als meine Mutter mir verbot, im Garten zu spielen. Wir lebten sehr idyllisch in einer schönen Villa mit einem großen Vorgarten und einem kleineren Hinterhof. Im Vorgarten ragte der Granatapfelbaum unseres italienischen Nachbarn über eine Steinmauer zu uns rüber. Diesen Baum empfand ich als sehr großzügig, und ich bedankte mich regelmäßig bei ihm dafür, dass er einige seiner knackig roten Früchte bei uns im Garten abschüttelte. So als wollte er uns eine Freude machen, oder mir zumindest. Meine Freude drückte ich in einer Art sportlichen Aktivität aus, indem ich die leuchtend roten, süß-säuerlich schmeckenden Kerne zwischen meinem Daumen und dem Zeigefinger einzeln zerquetschte und sie dann schnell in den Mund steckte, um schließlich den Saft genüsslich von meinen Fingern abzulecken. Meine Mutter ermahnte mich jedes Mal, wenn sie mich dabei erwischte, ich solle doch bitte damit aufhören, das sei eklig und unhygienisch. Trotzdem machte ich es heimlich weiter, manchmal zerdrückte ich sogar gleich fünf oder sechs Kerne auf einmal in der Handfläche und ließ mir den Saft in den Mund tröpfeln. Dann waren meist nicht nur meine Hände dreckig, sondern auch die Kleidung. Außer dem Geschmack gefielen mir auch die Ästhetik und die Haptik dieser Frucht, sie faszinierte mich regelrecht. Von außen rot, rund und glatt, lässt sie sich nicht anmerken, dass sie unzählige Kerne in ihrem Inneren beherbergt. Ich stellte mir immer vor, dass der Granatapfel eine Geschenkverpackung ist und die ganzen Kerne im Inneren der Frucht die eigentliche Überraschung.

Unser Haus befand sich im Zentrum Asmaras, in der Campo di Stato. Es war hell verputzt, einstöckig, mit mehreren Räumen und einem Anbau im Hinterhof. Das Wohnzimmer, das Herz des Hauses, war mit einem hellen Marmorboden und einem opulenten Kamin ausgestattet. Im Campo di Stato – im tigrinischen Slang auch Combishtato genannt – in Asmaras Zentrum lebten viele Botschafter:innen und Expats. Eine internationale kleine Blase. Links von uns lebte der italienische Botschafter mit seiner Familie – zu seinem Haus gehörte der Granatapfelbaum. Uns gegenüber war die große Villa mit einem großzügigen Garten, die dem Direktor der Banca di Roma gehörte. Hinter uns die sudanesische und griechische Botschaft. Mein Vater war damals geschäftsführender Leiter der Highway Constructions in Eritrea/Äthiopien. Und obwohl er wegen der Arbeit sehr viel reisen musste, nahm unser Leben seinen normalen alltäglichen Lauf, und alles schien für mich in Ordnung. Meine beiden älteren Geschwister und ich gingen auf die britische Grundschule, welche von Expat-Kindern aus den USA, Großbritannien, Indien, Italien, Griechenland etc. besucht wurde. Meine jüngste Schwester, die dreieinhalb Jahre jünger ist als ich, war noch zu klein für den Kindergarten.

An dem besagten Nachmittag im September hatte ich mal wieder nicht auf meine Mutter gehört und war doch in den Garten gegangen. In Asmara schien fast immer die Sonne, und der Himmel war meist in einem besonderen Blau gekleidet. Meine älteren Geschwister hatten sich bereits heimlich rausgeschlichen. Ich lief hinter ihnen her. Auch unsere Cousine Rigat, die kaum älter als achtzehn und für meine Eltern wie ein fünftes Kind war, folgte. Fröhlich tobten wir mit unserem Hund Solomon, einem Irish Setter, im Garten rum, als auf einmal in unmittelbarer Nähe Schüsse fielen. Erschrocken liefen wir zum Garteneingang. Rigat versuchte uns daran zu hindern, aber unsere Neugier war stärker. Schon standen wir draußen vor unserem Gartentor und sahen, dass mitten auf der Straße ein Auto quer stand. Die Fahrertür war offen, und ein mit Blut überströmter Mann befand sich daneben. Es war der eritreische Fahrer, der regungslos am Boden lag. Alles war rot, sein weißes Hemd, sein Jackett, die Straße und die Hände und Oberteile der zu Hilfe herbeigeeilten Passant:innen. Ich hatte noch nie zuvor so viel Blut gesehen. Ich hatte noch nie zuvor einen Toten gesehen. Ich hatte auch noch nie zuvor die hässliche Fratze des Krieges so direkt zu Gesicht bekommen. Der Krieg war zwar unmittelbar vor mir, vor uns, aber was ich gerade erblickte, war so surreal, als hätte ich einen Film gesehen, der eigentlich nicht für meine Kinderaugen bestimmt war.

In Eritrea herrschte Krieg. Wie der Krieg anfing? Um das zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen, denn dieser Krieg ist das Ergebnis jahrhundertelanger Unterdrückung. So lange wurde Eritrea schon kolonisiert. Um 1400 wurde Eritrea als Medri Bahri bekannt (Land am Meer) und Bahri Negassi genannt, König des Meeres. 1557 besetzten osmanische Türken das Küstengebiet sowie das Hinterland und herrschten über 300 Jahre. Im Zuge des »Wettlaufs um Afrika« im 19. Jahrhundert trafen sich Vertreter der europäischen Mächte, der USA und des Osmanischen Reichs, um Afrika unter sich aufzuteilen. Eine ihrer Begründungen dafür war, die vermeintliche Zivilisation nach Afrika zu bringen. 1890 erklärte Italien Eritrea zu seiner ersten Kolonie, Eritrea wurde Siedlungsland für arme Süditaliener:innen. Eritreische Bauern wurden enteignet und zu billigen Arbeitskräften für Plantagenbesitzer und die Bauindustrie degradiert. Im Zuge des Kolonialismus herrschte im ganzen Land eine strenge Apartheidpolitik, die in Rassengesetzen mündete. Eritreer:innen wurden aufgrund ihrer Hautfarbe zu Menschen zweiter Klasse herabgestuft, ihnen wurden jegliche Rechte aberkannt. Sie durften keinen Fuß in die Städte setzen, es sei denn, sie kamen, um zu arbeiten. Jegliche Kontakte zwischen Weißen und Schwarzen, die nichts mit der Arbeit zu tun hatten, waren verboten.

Benito A. A. Mussolini, der von 1922 Ministerpräsident des Königreiches Italiens und ab 1925 Diktator des faschistischen Regimes in Italien war, lud radikale und visionäre Architekten aus Italien ein und stellte diesen Asmara als grenzenlose Spielstätte für ihre futuristischen Ideen zur Verfügung. Ermutigt von ihrem Führer verwandelten sie Asmara in eine urbane Utopie. So realisierte sich Mussolini sein »Africa Orientale Italiana« und nannte Asmara »La Piccola Roma«. Mehr als 70.000 Italiener:innen lebten über 50 Jahre lang in Eritrea.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges übernahm erst mal Großbritannien die Führung im Land. Die Alliierten konnten sich über die Zukunft Eritreas nicht einigen und überließen die Entscheidung der UNO. So wurde laut Beschluss der UNO (Resolution 390 A/V) Eritrea mit dem Nachbarland Äthiopien föderiert. Diese Föderation garantierte Eritrea ein Selbstbestimmungsrecht in allen inneren Angelegenheiten, eine eigene Verfassung, ein gewähltes Parlament, Parteien, Gewerkschaften etc. und für Äthiopien als Zentralgewalt die Entscheidungsbefugnis in allen überregionalen Angelegenheiten, zum Beispiel Außenpolitik und Armee. Eritrea mit Äthiopien zu fusionieren, basierte auf den Interessen der Westmächte, vor allem der Vereinigten Staaten: Sie wollten ihre Militärbasen in Eritrea aufschlagen, um besser den Wasserhandelsweg kontrollieren zu können.1 Jedoch löste der Kaiser Äthiopiens, Haile Selassie, systematisch alle von der UNO garantierten Rechte der eritreischen Bevölkerung auf. Politische Parteien wurden verboten. Freie Presse sowie Gewerkschaften wurden aufgelöst. Fabriken wurden geschlossen oder nach Äthiopien verlegt.

Alle Bücher auf Tigrinya und Arabisch, den durch das Bundesgesetz garantierten eritreischen Amtssprachen, wurden verbrannt. Amharisch, die Sprache des Kaisers, wurde als Amtssprache eingeführt.

Die eritreische Regierung wurde durch eine Verwaltung ersetzt. Eritreische Politiker:innen wurden ermordet, tausende weitere verhaftet. Handel und Häfen wurden beschlagnahmt. Die Bevölkerung antwortete mit Demonstrationen, Streiks und einem Appell an die UNO. Der friedliche Widerstand blieb jedoch ohne Erfolg, immer blutiger unterdrückte die kaiserliche äthiopische Regierung eritreische Proteste.

1961 bildete sich die Eritreische Befreiungsfront – ELF. Nachdem die friedlichen Demonstrationen nichts bewirkt hatten und das eritreische Volk weiterhin degradiert und ermordet wurde, fing der bewaffnete Befreiungskampf an mit dem Ziel der Unabhängigkeit Eritreas. Im November 1962 besetzte das äthiopische Militär alle wichtigen Städte, und Eritrea wurde offiziell als 14. Provinz Äthiopiens völkerrechtswidrig annektiert. Obwohl gegen ihren Beschluss gehandelt wurde, schaute die UNO diesem Geschehen tatenlos zu. Das führte zum 30-jährigen Unabhängigkeitskrieg des eritreischen Volkes (1961 bis 1991).

1970 gründete sich eine zweite Freiheitsbewegung aus der ELF, die EPLF: Eritreische Volksbefreiungsfront. Ihr Ziel war, genauso wie das der ELF, ein unabhängiges Eritrea. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen war jedoch, dass die EPLF nicht nur die Befreiung Eritreas anstrebte, sondern zusätzlich noch die Entwicklung eines Schulwesens, einer demokratischen Landreform, die Ausweitung der Gesundheitsversorgung und die Etablierung gleicher Rechte für alle im Volk, d. h. für Menschen in urbanen Gegenden wie auch auf dem Land. Gleichberechtigung der Frauen und auch Gleichberechtigung zwischen den neun verschiedenen Volksgruppen Eritreas.

Nach dem Sturz von Kaiser Haile Selassie im Jahre 1974 setzte sich eine Militärregierung an die Spitze Äthiopiens, die vom Diktator Mengistu Haile Mariam geführt wurde. Sie verfolgte einen ungleich härteren Kurs in Eritrea als ihre Vorgängerin. Unterstützt wurde die neue kommunistische Regierung dabei von der Sowjetunion, die seit 1977 Waffensysteme im Wert von mehr als 6 Milliarden Dollar an Äthiopien geliefert hat. Diese massive ausländische Einmischung ließ die Aussicht auf Frieden in weite Ferne rücken. Die eritreische Volksbefreiungsfront EPLF kämpfte ohne große Verbündete im Rücken. Die meisten Waffen waren vom äthiopischen Gegner erbeutet.

Heute kenne ich die Geschichte meines Geburtslandes. Damals, als ich in Asmara aufwuchs und obwohl ich meine ersten sechs Lebensjahre im Krieg verbracht habe, wusste ich nicht wirklich, was Krieg ist. Besser gesagt, ich kannte den Unterschied zwischen Krieg und Frieden nicht. Beides wurde bei uns zu Hause nicht thematisiert. Ich kann mich nicht erinnern, dass unsere Eltern sich mit uns Kindern hinsetzten, um uns über die Situation aufzuklären. Ich muss es mir irgendwie selbst erklärt haben. Die Unruhen in der Stadt empfand ich zwar als sehr bedrohlich, aber eine Alternative dazu kannte ich nicht. Dass es weit weg von uns noch etwas anderes geben könnte, ein anderes Leben ganz ohne Furcht und Gefahr, ohne Soldaten, war für mich schwer vorstellbar. Die immerwährende Angst, das ständige Verstecken gehörten zu dem einzigen Alltag, den ich kannte. Sehr deutlich in meiner Erinnerung sind die äthiopischen Soldaten, die manchmal vor unserer Haustür vorbeizogen. In ihren grünen Kriegsanzügen und Metallhelmen sahen sie nach Gefahr aus. Die Aufmachung fand ich immer sehr furchteinflößend und gleichzeitig albern. Sie marschierten unaufgefordert, uneingeladen in meiner Stadt herum und brachten Unruhe und Tod. Einfach so. Plötzlich waren sie da und zwangen sich in das Stadtbild hinein. Sie drängten sich uns auf, mit schlimmster Gewalt, und veränderten das Leben aller Eritreer:innen für immer.

Einige Jahre vor meiner Geburt erfüllte sich mein Vater einen Herzenswunsch. Er wollte in Asmara einen Ort der Begegnung schaffen, einen Ort, der Asmarini – so heißen die Einwohner:innen Asmaras – jeden Alters zusammenbringen sollte. Sein Menafisha2 war eine Mischung aus Bar, Café und Restaurant. Er betrieb es neben seinem Job bei Highway Constructions, geleitet wurde es von seinem älteren Bruder. Das Menafisha war eine Art Erholungszentrum, wie mein Vater es liebevoll nannte. Innen befand sich die Bar, wo junge und alte Eritreer:innen und Italiener:innen an einem langen Tresen ihre Espressi genossen. Durch die lange italienische Kolonialzeit haben sich der italienische Lifestyle, die Sprache und auch die Essgewohnheiten mit eritreischen Traditionen verwoben. Auch sind Italiener:innen, die in zweiter oder dritter Generation in Eritrea leben, keine Seltenheit.

Jedes Mal, wenn wir im Menafisha waren, versteckte ich mich zur Freude der Bartender am liebsten mit Biscottis in der Hand unterm Tresen. Von dort aus konnte ich das laute Treiben hören, und manchmal, wenn ich mich geschickt anstellte, konnte ich sogar durch die ganzen Beine hindurch etwas davon sehen. Meine älteren Geschwister dagegen spielten gerne mit den Kindern anderer Gäste Calciopalina, zu Deutsch: Kicker. Meine kleine Schwester Sofia war zu klein, um mit uns ins Menafisha zu kommen. Sie blieb meistens mit der Babysitterin zu Hause.

Es war wieder einmal einer dieser Abende, immer noch im Jahr 1975, und wir durften mit meinen Eltern ins Menafisha. Ich freute mich, so wie sich ein Kind auf Süßes und Aufregendes freut, auf die Biscottis und auf mein sicheres, behagliches Versteck. Es war ein schöner Abend, eine heitere Stimmung war im Laden zu spüren. Alle waren entspannt und gut gelaunt. Bis zu dem Moment, als wir spät abends die Bar verließen, um nach Hause zu fahren. Mitten auf der Straße kamen uns Passanten entgegen, ganz panisch und außer sich schrien sie meinem Vater zu, er solle sofort wenden: »Fahr zurück! Fahr zurück!« Ganz plötzlich beherrschte Chaos die Straßen von Asmara. Autos versuchten umzudrehen. Die Straße, die uns nach Hause führen sollte, war im Ausnahmezustand, es kam zu Schießereien und Toten. Wir konnten nicht nach Hause. Wir konnten nicht zu meiner kleinen Schwester. Ich bangte um Sofia und spürte zum ersten Mal in meinem Leben die eiskalten Schlingen der Angst um meinen Hals, die danach eine Zeitlang wie eine durchsichtige Kette an mir hängen blieb. An dem Abend fuhren wir zu Verwandten und übernachteten dort. Am nächsten Tag konnten wir nach Hause zurückkehren, und Sofia ging es zum Glück gut. Aber dass der Krieg nun langsam immer deutlicher sein Unwesen in der Stadt trieb, war nicht mehr zu verleugnen. Überall waren Schüsse zu hören.

Die ganze Stadt wurde in Schrecken versetzt. Die Soldaten ließen nichts aus. Immer wieder wurden Ausgangssperren verhängt, und jeder, der sich nach 18 Uhr außerhalb seiner Behausung befand, wurde erschossen. Jungen Menschen im wehrfähigen Alter wurde grundlos befohlen, aus ihren Häusern zu treten, um ihnen dann die Missachtung der Ausgangssperre zu unterstellen. Zur Strafe wurden sie von den äthiopischen Soldaten zu Tode stranguliert. Allein im Jahr 1975 wurden in Asmara 60 junge Menschen auf diese Art getötet. In dem Jahr passierte so viel Grausames.

Mein Cousin Eyob, der eines Nachmittages vor seiner Haustür allein Fußball spielte, wurde einfach so von mehreren Kugeln durchlöchert. Er war noch ein Kind, nur zwölf Jahre jung. Für die äthiopischen Soldaten wurde das Morden von eritreischen Zivilist:innen zu einer Art Sport. Wenige Zeit später holten sie Eyobs ältere Schwester Yeshi. Sie wurde öffentlich auf der Straße misshandelt, ihr Gesicht blutig geschnitten, um sie dann ins Gefängnis zu stecken. Nachdem sie das Gefängnis überlebt hatte und entlassen wurde, schloss sie sich sofort gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Thaddeus der Befreiungsbewegung an. Sie verließen Asmara und gingen an die Front. Dort wurden sie drei Jahre später, 1978, Opfer einer Bombardierung.

Traurigkeit, Ohnmacht und Schmerz lagen massiv über der Stadt, egal, wo wir waren und was wir taten, sie hingen wie ein Nebelschleier über uns. Nur so richtig greifen konnte ich die bedrückte Stimmung nicht. Ich spürte, dass eine Gefahr von ihr ausging, aber definieren konnte ich sie nicht. Auch nicht, als eines Nachmittages unsere Nachbarin mit verheulten Augen zu uns rüberkam. Sie weinte und war zerfressen von Kummer. Verzweifelt erzählte sie, wie sie sich selbst verachtete, ihre Herkunft, ihre Identität. Sie verabscheute die Menschen, sie verabscheute den Krieg, sie verabscheute die Soldaten und alles, was mit der äthiopischen Regierung zu tun hatte. Ich habe es nicht ganz verstanden, nicht verstanden, warum sie weinte, was der Grund ihres Kummers war, warum sie sich verabscheute und über Selbsthass sprach. Erst im Nachhinein, Jahre später im erwachsenen Alter, erfuhr ich den Grund. Erst dann habe ich verstanden, was sie damals dazu veranlasste, all diese Worte über sich selbst zu sagen, und spürte ihre Last mehr denn je.

Die vier Schülerinnen

Wenn ich heute darüber nachdenke, bereitet es mir immer noch Magenschmerzen. Unsere Nachbarin war von einer Nachricht so verstört, dass sie zu uns kam, um das Leid mit meiner Mutter zu teilen. Als in Eritrea geborene Äthiopierin hat sie ihre Herkunft an dem Tag verabscheut, als sie die Nachricht von vier Schülerinnen erreichte, die tot in der Nähe des Flughafens aufgefunden worden waren. Äthiopische Soldaten hatten sie bestialisch niedergemetzelt und bis zur Unkenntnis verstümmelt. Nur durch die Kleidung konnte ihre Identität festgestellt werden. Unsere damalige Nachbarin empfand Schuldgefühle, weil sie sich als Äthiopierin in Eritrea für das Vergehen der äthiopischen Militärregierung an der eritreischen Bevölkerung in gewisser Weise als mitverantwortlich empfand. Sie fühlte sich schuldig, ohne schuldig zu sein. Niemand konnte sie von diesem Gefühl befreien. Meine Eltern waren reflektiert genug, um zwischen Regierung und Bevölkerung zu unterscheiden. Dass die Schuld dieser Gräueltaten bei der Regierung lag und nicht bei der Bevölkerung. Politik und ihre Machtspiele hatten Folgen, egal, ob es das Kaiserreich Äthiopien war oder die Militärregierung von Diktator Mengistu Haile Mariam, der 1974 Kaiser Haile Selassie gestürzt hatte, um alleiniger Machthaber Äthiopiens zu werden. In dem Krieg ging es um die Besetzung Eritreas und, da Äthiopien ein Binnenland ist, um den Zugang zum Meer. Eritrea liegt am Roten Meer mit einem Küstenstreifen von über 1100 Kilometern, zwischen dem Suezkanal und dem Zugang zum Indischen Ozean. Dieser Schifffahrtsweg war und ist für die nationale und die internationale Wirtschaft von zentraler Bedeutung.

Das Morden sollte noch viele Freund:innen und Verwandte treffen. Jung oder alt, ganz egal, Morden kannte kein Alter, kein Geschlecht, es kannte einfach keine Gnade. Eltern wurden mit der Begründung, dass ihre jugendlichen Kinder der Untergrundbewegung angehörten, inhaftiert. Im Gefängnis erlebten sie Misshandlungen, Vergewaltigungen, das gewaltsame Rausziehen von Fuß- und Fingernägeln und vieles mehr, was eine:n erschaudern lässt. Jedes Mal, wenn die Schießereien in der Stadt losgingen, verbarrikadierten wir uns tage- und nächtelang. Im Haus wurden die Tore, die Türen, die Fensterläden verriegelt, die Lichter wurden ausgeschaltet. Wir zogen uns dann in den hinteren Flur des Hauses zurück, und das Leben hielt inne. Alles Nötige wurde in den Flur verlegt. Matratzenlager wurden aufgeschlagen, Essen und Getränke dahin verschanzt. Mit der ganzen Familie eingequetscht auf ein paar Quadratmetern wurden die Unruhen der Stadt ausgehalten. Es war ein langes, sich ewig dahinziehendes Warten.

Einmal war ein befreundetes Ehepaar meiner Eltern gerade zu Besuch in Asmara und musste sich mit uns verstecken. Der Mann war sehr panisch und badete in seinem eigenen Schweiß. Er war voller Angst. Ich mochte und konnte ihn mir nicht anschauen. Einen im Grunde lebensfrohen, erwachsenen Mann in so einem Zustand zu sehen, beklemmte und beunruhigte mich sehr. Immer wieder beteten wir alle zusammen unsere Ängste leise fort, sangen und taten alles im Rahmen unserer Möglichkeiten, um die Zeit gut durchzuhalten. Meine Eltern versuchten, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Sie wollten uns Kinder nicht in Panik versetzen. Die Angst, dass in jedem Augenblick ein Haufen Soldaten die Tür eintreten und uns etwas antun könnte, war dennoch nicht zu übersehen und kaum auszuhalten. Die Angst, die uns alle in dem abgedunkelten Flur schleichend ergriff, war schrecklich. Ich spüre sie heute noch in meinen Erinnerungen.

Nach beklemmenden Tagen und Nächten wurde es in der Stadt etwas entspannter, jedenfalls so entspannt, dass es erst mal keine Befürchtungen gab, Türen eintretenden Soldaten gegenüberzustehen. Der Alltag und die Normalität machten sich langsam wieder bemerkbar. Sofern man von einer Normalität sprechen konnte, denn normal wurde es nie wieder. Mein Vater und sein Büro wurden von der äthiopischen Regierung nach Assab versetzt, in die zweitgrößte Hafenstadt Eritreas. In der Woche war er in der Hafenstadt, und nur an den Wochenenden kam er nach Hause.

Kurze Zeit nach seiner Versetzung, an einem Samstag, während die Asmarini ihrem Alltag im Menafisha etwas Abwechslung verschafften, wurden sie von feindlichen Soldaten überrascht. Ausgerechnet an dem Wochenende kam mein Vater uns zum Glück nicht besuchen. Es hatte sich rumgesprochen, dass der Laden in der Zeit der Dreh- und Angelpunkt junger, politisch aktiver Erwachsener war, die einen Anschluss zu Gleichgesinnten suchten, um sich über die politische Lage des Freiheitskampfes auszutauschen oder um sich, bevor sie an die Front gingen, Lebewohl zu sagen. Dort wurden auch, mit Wissen meines Vaters, die geheimen Treffen der Untergrundbewegung abgehalten.

Dieser besagte Samstag sollte der letzte Tag des Menafishas sein. An dem Tag wurde erbarmungslos überall im ganzen Laden geschossen, bis in den hintersten Winkel. Nicht mal die Küche wurde ausgelassen. Die äthiopischen Soldaten schossen auf Gäste und machten alles dem Erdboden gleich. 36 Menschen wurden schwer verletzt, und zwei verloren ihr Leben im Menafisha. Yared, mein Bruder, war der Einzige, der fast jeden Samstag ins Menafisha durfte. Bestürzte Anrufer:innen erkundigten sich nach unserem Wohlbefinden und fragten, wo mein Bruder sei. An diesem Tag war er zu Hause geblieben, das Glück war auf unserer Seite. Am Tag nach dem Anschlag hatte meine Mutter die Verletzten im Krankenhaus besucht und der Beerdigung der zwei Ermordeten beigewohnt. Yared bestand darauf, sie zu begleiten, was sie ihm gewährte. Nach der Schießerei wurde das Menafisha von der äthiopischen Regierung beschlagnahmt und für immer geschlossen.

REISE INS BLAUE

Nach dem Vorfall im Menafisha wurde meinem Vater bewusst, dass er in ernsten Schwierigkeiten war. Es musste rausgekommen sein, dass er die Freiheitsbewegung unterstützte. Ein Kollege meines Vaters, ein russischer Ingenieur, sah die gefährliche Lage, in der mein Vater steckte. Er versuchte ihn zu überzeugen, schnellstens abzuhauen, und bot ihm seine Hilfe an. Mein Vater vertraute ihm, wollte jedoch nicht einfach fliehen, ohne uns vorher noch einmal zu sehen. Er konnte aber auch nicht grundlos Assab verlassen, alle Augen waren auf ihn gerichtet. Seiner äthiopischen Sekretärin, die mit dem Leiter des Flughafens in Assab verheiratet war, teilte er mit, dass er seine Familie in Asmara besuchen wolle und nicht wisse, ob er eine Flugerlaubnis bekommen würde. Mein Vater hoffte auf die Hilfe ihres Mannes, denn trotz seiner leitenden Position zeigte die Versetzung deutlich, dass ihm alle Hände gebunden waren. Es war ihm nicht mehr gestattet, zu tun und zu lassen, was er wollte.

Eritrea galt damals offiziell als die 14. Provinz Äthiopiens, das hieß in der Theorie zwar, dass alle Menschen in Eritrea die gleichen Rechte hatten wie in Äthiopien, aber die Praxis zeigte eine andere Realität. Die Eritreer:innen wurden von der äthiopischen Fremdherrschaft zu Menschen zweiter Klasse degradiert. Die eritreischen Sprachen wurden verboten, das eritreische Parlament wurde systematisch abgebaut, Politiker:innen wurden umgebracht und ebenso alle Rechte der Eritreer:innen für nichtig erklärt. Die Situation wurde von Tag zu Tag lebensgefährlicher für meinen Vater. Genau genommen war er mit seiner leitenden Position bei der Highway Constructions für den äthiopischen Staat tätig, aber wegen des Menafisha und seiner geheimen Unterstützung der Untergrundbewegung wurde die Schlinge um seinen Hals immer enger.

Durch den Ehemann seiner Sekretärin bekam er tatsächlich die Erlaubnis, für einen kurzen Familienbesuch nach Asmara fliegen zu dürfen. Das war der Anfang seiner Flucht. Er kehrte Assab und seinem Job endgültig den Rücken, um sich auf den Weg ins Ungewisse zu begeben. Meine Mutter wurde von meinem Vater benachrichtigt, schleunigst alles Notwendige einzupacken und ihn außerhalb der Stadtgrenze zu treffen. Noch in der Morgendämmerung sollten wir alle schnell aufstehen und uns bereit machen, unsere Großmutter Kudusan in Keren zu besuchen. Keren ist die zweitgrößte Stadt Eritreas und der Geburtsort meines Vaters. Die Stadt liegt ungefähr 70 Kilometer von Asmara entfernt und ist gut erreichbar. Doch obwohl meine Großmutter dort wohnte, fuhren wir gar nicht oft hin. Ich wunderte mich also. Es war so plötzlich, ich fühlte mich überrumpelt. Und bei wem blieb Solomon, unser Hund? Er wurde zu meiner anderen Oma nach Arbate Asmara in die Altstadt, das historische Viertel von Asmara, gebracht. Später erfuhren wir, dass Solomon vor seinem Verschwinden sechs Monate lang jeden Morgen aus Arbate Asmara bis Campo di Stato gelaufen war, um uns vor unserer Toreinfahrt nachzutrauern.

Unser Onkel John, der ältere Bruder meiner Mutter, fuhr uns bis zur Stadtgrenze. Ich fragte ständig, warum wir denn so plötzlich zu Großmutter müssten und was mit Vater sei. Meine Mutter hatte uns Kindern nichts gesagt. Weder, wo unser Vater war, noch, ob und wann wir ihn treffen würden. Ihre Antwort war immer: »Wir werden sehen.« Kinder können, wenn sie gefragt werden, nicht lügen. Sie platzen früher oder später mit der Wahrheit raus. Aus Angst davor behielt meine Mutter alle Informationen für sich. Sie sagte uns nie, wo wir hingehen, wen wir treffen und was wir wo machen würden. Kein Kind könnte dichthalten, wenn es denn mal von einem Soldaten gefragt werden sollte. Es würde sich fürchten und brav alle Geheimnisse ausplaudern. So war es für meine Mutter am sichersten, uns einfach gar nichts zu erzählen.

Eins ihrer wohl größten Geheimnisse war ihre Mitgliedschaft bei der Eritreischen Volksbefreiungsfront (EPLF). Sie hat Informationen von ihrem Informanten bekommen, um ihr Wissen unter die Leute zu bringen. Ihr Informant und einziger Vertrauter war ihr damals 19-jähriger Neffe, der sich ebenfalls der Bewegung angeschlossen hatte. Um einen Verrat durch Folter zu vermeiden, kannte nur ein Mitglied meine Mutter namentlich. Das Ganze war höchst riskant. Kein Mensch hatte jemals geahnt, dass sie zu so etwas überhaupt imstande wäre. Ihre höfliche, charmante Art war ihre beste Tarnung. Nicht einmal mein Vater vermutete, dass sie aktivistisch tätig war. So teilten sie, ohne es zu wissen, die gleichen politischen Ideale. Denn auch mein Vater war, unabhängig von meiner Mutter, Mitglied der Eritreischen Befreiungsfront (ELF).3 Die ELF entstand Anfang der 1960er als erste Unabhängigkeitsbewegung, während die EPLF sich zehn Jahre später, in den 1970ern, herauskristallisierte. Beide Organisationen waren von der äthiopischen Regierung strikt verboten. Mitglieder oder Angehörige von Mitgliedern wurden von der äthiopischen Regierung verfolgt, verhaftet oder gar zum Tode verurteilt. Um sich gegenseitig zu schützen, behielten meine Eltern ihre politische Tätigkeit für sich.

Außerhalb der Stadtgrenze Asmaras auf dem Weg nach Dekishehay wartete mein Vater im Auto seines Cousins auf uns. Es war sehr überraschend und eine große Freude, ihn dort anzutreffen. Aber die Freude hielt nicht lange an, denn von dort aus hieß es für uns alle, noch einen ordentlichen Fußmarsch bis zum nächstgelegenen Dorf Dekishehay zurückzulegen. Scheinbar ging es doch nicht zu meiner Großmutter nach Keren.

In Dekishehay lebten die Vorfahren meines Vaters väterlicherseits. Es bestand fast ausschließlich aus nahen und entfernten Verwandten. Den ganzen Marsch über habe ich gequengelt, und keiner konnte es mir recht machen. Ich hatte Durst, bekam aber nichts zu trinken, da wir nichts mehr hatten. Dafür wurde ich ständig huckepack getragen, als eine Art Bestechung, damit ich nicht mehr rumjammerte, meinen Durst vergaß und wenigstens ein klein wenig Ruhe gab. Dekishehay liegt etwa 20 Kilometer nördlich von Asmara auf einem Plateau, umgeben von gigantischen Felsblöcken. Die enormen Felsen haben die absurdesten Formen. Mal ähneln sie Tierköpfen, mal menschlichen Körpern und dann wiederum abstrakten Gestalten. Was für den Menschen eine große Herausforderung im Gestalten wäre, ist für die Natur ein Kinderspiel. Jedenfalls ist es kaum zu glauben, dass es die Natur war, die diese Steinbrocken geformt hat, die Kunstobjekten ähneln. Es war ein Dorf mit wenigen Einwohner:innen, einem Hauptplatz, einer Kirche und vielen Maisfeldern. Nur die ersten paar Tage verbrachten wir in dem geräumigen Haus, das mein Vater Ende der Sechzigerjahre in Dekishehay hoch auf einem Plateau erbauen ließ. Aus Angst vor Bombenangriffen wechselten wir zu unseren Verwandten, die geschützter im Tal wohnten. Das Leben in Dekishehay befremdete mich verwöhntes Stadtkind sehr. Vom Essen über das schummrige Licht, von den Gerüchen bis hin zum normalen, alltäglichen Leben war alles eine riesengroße Umstellung für mich. Der Geruch von frischer Butter begleitet mich heute noch. Ich mag keine Butter und den Geruch erst recht nicht.

Schockierend waren die Bombenangriffe. Diese Todesflieger über unseren Köpfen, die harmlos aussehend ihre Runden drehten und sich ihr Ziel auf gut Glück aussuchten, um Leben auszulöschen. Ich frage mich immer noch: Wie können Menschen, die einfach so binnen Sekunden hunderte Menschenleben vernichten, nachts ruhig schlafen? Haben Mörderpiloten eine Seele? Die Piloten waren eine Sache, aber was war mit denen, die sich diese ausgeklügelten Maschinen ausdachten, Geräte, um Leben qualvoll auszulöschen? Um Menschen, Eltern, Kinder, Geschwister einfach auszuradieren?

In der Hauptstadt kannten wir keine Bombardements. Uns war der Sound von Maschinengewehren und Pistolen vertraut, aber nicht das Summen der Flieger. Die Verwandten, die uns entgegengeeilt waren, um meine Eltern zu begrüßen und ihre Unterstützung anzubieten, warnten uns Kinder vom ersten Tag an, vorsichtig zu sein. Dass wir niemals allein rausgehen sollten. Wir nahmen uns ihren Rat zu Herzen, hielten uns aber trotzdem nicht ganz daran. Mit einer meiner Cousinen, die ich neu kennengelernt hatte, lief ich eines Nachmittags, während die meisten Erwachsenen im Haus waren, raus auf die Felder. Weder Maisfelder noch irgendwelche Getreidefelder kannte ich aus der Nähe. Auch das war neu für mich. Wir liefen los und genossen unsere Freiheit. Meine Cousine brach sich vergnügt ein langes Stück Maisstängel ab und streifte die obere Hautschicht runter, biss ein Stück ab, kaute darauf herum und spuckte schließlich die Fasern aus. Mir war schleierhaft, warum sie an so einem Stück Zuckermais herumkaute. Sie zeigte es mir noch einmal und überredete mich, es ihr gleichzutun. Dass dieses Stück Stängel so lecker schmeckte, begeisterte mich. Es war saftig und süß, das war überhaupt das Beste an dem Nachmittag. Wir liefen kauend durch die Felder, und das Leben schien zuckersüß. Bis wir aus dem Nichts ein für meine Ohren ziemlich fremdes Geräusch hörten. Gedankenverloren versuchte ich es einzuordnen, als mich plötzlich eine Hand am Ärmel zerrte und mir eine schrille Stimme befahl, mich sofort zu ducken. Die Augen meiner Cousine fixierten mich mit Panik und Strenge. Ohne wirklich zu ahnen, was um mich herum geschah, ließ ich mich wie Fallobst zu Boden plumpsen. Ich blieb stumm vor Angst und spürte große Reue. Warum hatte ich nicht auf die Erwachsenen gehört? Das Haus, meine Eltern, meine Geschwister, alles schien mir sehr weit weg und unerreichbar zu sein. Das Flugzeug war deutlich zu hören. Es flog mehrere Runden über Dekishehay. Fragen schossen mir durch den Kopf: Wird es Bombenhagel regnen? Wird es uns töten? Wird es uns alle töten? Es war nur ein kurzer Augenblick, der sich aber endlos anfühlte. Der Bomber entschloss sich weiterzufliegen und tätigte einige Kilometer weiter seinen vernichtenden Wurf. Wir liefen schnell zum Haus, es gab keinen Ärger. In die besorgten Gesichter zu schauen war aber viel schlimmer als jeder Ärger, den wir zu Recht verdient hätten. Dieser Nachmittag mit dem Bombenflieger sollte nicht der einzige bleiben. Das Unheil vom Himmel kehrte immer wieder zurück und drohte auf uns herunterzufallen und unserem Leben ein Ende zu setzen.

Mehrere Tage verbarrikadierten wir uns bei den Verwandten in Dekishehay. Die Älteren fielen auf die Knie und flehten mit den Händen gen Himmel gerichtet den Allmächtigen an. Möge der liebe Gott uns beschützen. Das Donnern und Zischen der Bombardements war nicht zu überhören. Aber Gott sei Dank wurden die Gebete erhört, und das Dorf blieb unversehrt.

Nach ungefähr drei Monaten hieß es für uns Abschied nehmen. Mein Vater war in der Zwischenzeit im ganzen Land zur Fahndung ausgeschrieben worden. Er war offiziell von der Regierung als »Wanted« registriert worden. So bedeutete er Gefahr für sich, für uns und für alle, die auch nur im Geringsten mit ihm zu tun hatten. Wir mussten schleunigst weiter. Auf Maultieren, die uns Verwandte besorgt hatten, brachen wir wieder auf. Ein mehrstündiger Ritt durch die bergige Landschaft führte uns ins nächste Dorf. Nach einer zweiwöchigen Zwischenstation setzten wir unsere Flucht von dort aus auf Kamelen fort.

Der Ritt durch die Wüste dauerte knapp eine Woche. Meine Mutter hatte mich und meine jüngere Schwester Sofia mit auf ihrem Kamel. Ich saß hinter ihr und Sofia vor ihr. Sie hatte ein Seil um uns alle herumgebunden, so dass keins von uns Kindern runterfallen konnte. Meine älteren Geschwister saßen bei meinem Vater mit auf dem Kamel. Um den Bombardierungen zu entgehen, ritten wir immer nur nachts. Tagsüber rasteten wir unter Bäumen oder Felsvorsprüngen, die uns einen guten Schutz schenkten. Hitze, Durst und eine ständige Übelkeit quälten mich. An den Geruch der Kamele konnte ich mich nicht gewöhnen. Das Kamel hatte eigentlich meine Dankbarkeit verdient, denn schließlich hat es uns das Leben gerettet. Egal wie, ich konnte es nicht riechen. Es war aber nicht nur der Geruch, der mir Übelkeit bereitete, sondern auch das Schnauben des Kamels, denn nach jedem Schnauben stieß es etwas Madenartiges aus der Nase aus. Und obwohl ich angewidert war, konnte ich meinen Blick nicht abwenden, glotzte meist hypnotisiert hin und schüttelte mich vor Ekel. Es war die reinste Qual. Nach jeder Pause mochte ich nicht mehr auf das Kamel und musste dazu gezwungen werden. Ich wollte nicht mehr reiten, war müde und wollte einfach nach Hause. Tagsüber, während alle sich ausruhten, konnte ich in der Hitze und auf dem sandig-steinigen Boden nicht schlafen. Dafür holte mich nachts die Müdigkeit schnell ein. Der Kampf gegen sie war sinnlos. Die Augenlider wurden so schwer, dass ich die Augen schließen musste. An meine Mutter angebunden legte ich meinen Kopf schlafend an ihren Rücken. Mein Gesicht wurde durch die Auf- und Ab-Bewegungen des Kamels wie Parmesankäse auf der Reibe blutig gerieben. Anfangs beschwerte ich mich über die Schmerzen und die brennenden Wangen und suchte nach Möglichkeiten, mich wach zu halten. Irgendwann musste ich es wohl einfach hingenommen haben. Es gab kaum eine Stelle im Gesicht, die nicht aufgeschürft und wund war. Doch die Müdigkeit betäubte mich, so dass ich nichts mehr spürte.

Kamelritt und Rast unter Bäumen

Grelles Licht strahlte uns an. Wir hatten es geschafft! Das Reiten auf den Kamelen hatte endlich ein Ende. Nach einem anstrengenden einwöchigen Ritt durch die Wüste kamen wir abends müde in Mensura, westlich von Asmara, an. Wir sahen einen LKW