Ich bin eine Hutterin - Mary-Ann Kirkby - E-Book

Ich bin eine Hutterin E-Book

Mary-Ann Kirkby

0,0
5,99 €

Beschreibung

Von der Außenwelt abgeschottet, ähneln die "Bruderhöfe" der Hutterer den Amischen. Sie teilen den Glauben, den alten deutschen Dialekt und ihr Hab und Gut. Eine Traum-Kindheit für Ann-Marie: kindliche Abenteuer in der kanadischen Wildnis, Romanzen und Raufereien. Doch über Nacht verlassen ihre Eltern die Gemeinschaft. Für die zehnjährige Ann-Marie bricht eine Welt zusammen. Erst als Erwachsene wagt sie sich wieder auf die aufregende Reise in ihre eigene Vergangenheit.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 380




Mary-Ann Kirkby

Ich bin eine

Die faszinierende Geschichte meiner Herkunft

Dieses E-Book darf ausschließlich auf einem Endgerät (Computer,E-Reader) des jeweiligen Kunden verwendet werden, der dasE-Book selbst, im von uns autorisierten E-Book Shop, gekauft hat.Jede Weitergabe an andere Personen entspricht nicht mehr der vonuns erlaubten Nutzung, ist strafbar und schadet dem Autor unddem Verlagswesen.

ISBN 978-3-7751-7374-2 (E-Book)

Datenkonvertierung E-Book:Satz & Medien Wieser, Aachen

© der deutschen Ausgabe 2011SCM Hänssler im SCM-Verlag GmbH & Co. KG · 71088 HolzgerlingenInternet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: [email protected]

Originally published in English under the title:I am Hutterite© 2010 Mary-Ann KirkbyPublished by arrangement with Thomas Nelson,a division of HarperCollins Christian Publishing, Inc.All Rights Reserved. This Licensed Work published under license.Original package design by arrangement with Thomas Nelson, a division of HarperCollins Christian Publishing, Inc.Cover photography by Gordon Kirkby

Die Bibelverse sind folgender Ausgabe entnommen:Neues Leben. Die Bibel, © Copyright der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 by SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.

Übersetzung: Herta MartinacheUmschlaggestaltung: OHA Werbeagentur GmbH, Grabs, Schweiz;www.oha-werbeagentur.chAutorenphoto: Lee AtkinsonSatz: Satz & Medien Wieser, AachenDruck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, UlmPrinted in Germany

Inhalt

Vorwort

Eine kurze Geschichte der Hutterer

Einleitung

Kapitel 1: »Der g'hört mein!« »Der gehört mir!«

Kapitel 2: Die Hochzeit

Kapitel 3: »Du sei der Gute«

Kapitel 4: Teebeutel und Würfelzucker

Kapitel 5: Renie

Kapitel 6: Die Lehrerin

Kapitel 7: Der geheime Blumentopf

Kapitel 8: Weglaufen

Kapitel 9: Unser Jahr auf Dahls Farm

Kapitel 10: Rogers Farm

Kapitel 11: Eine Heimat für uns in Plum Coulee / Winkler

Schlusswort

An meinen Sohn Levi

Nachwort

Anhang

Dank

Stammbaum

Glossar der hutterischen Sprache

Bibliografie

Quellennachweise

Hutterischer Zuckerkuchen / (Hutterite Sucre Pie)

Meinen geliebten Eltern Ronald und Mary DornnDanke, dass ihr mir vermittelt habt, wie wertvoll Mut,wie wichtig Glauben und wie mächtig Vergebung ist.

Vorwort

Mary-Anne Kirkby traf ich zum ersten Mal im Jahr 1999, als sie auf einer Tagung mit dem Thema Frauen unter sich sprach, bei deren Organisation ich mitwirkte. Wie gebannt hingen wir an ihren Lippen, als sie das Leben in einer hutterischen Kolonie beschrieb und mit gemischten Gefühlen davon berichtete, wie sie die Kolonie verließ und versuchte, sich in eine neue Kultur zu integrieren. Besonders packend war die Erzählperspektive ihrer Geschichte: die Stimme einer lebhaften, fröhlichen, aber bisweilen verwirrten und eingeschüchterten Zehnjährigen, die sich nach Angenommensein sehnte. »Für Außenstehende waren wir Hutterer und deshalb anders«, erklärte sie. Auch als Journalistin hielt sie ihre Vergangenheit geheim. Sie sprach höchst ungern über ihr kulturelles Erbe, als befürchte sie das Aufbrechen alter Verletzungen, die ihr durch Vorurteile und Misstrauen zugefügt wurden.

Die Tagungsteilnehmerinnen waren von ihrer Geschichte so bewegt, dass sie sie ermutigten, mehr zu schreiben.

Und das tat sie dann auch.

Sieben Jahre lang arbeitete sie an dem Manuskript. Doch wie bei einer archäologischen Ausgrabung bestand kein Grund zur Eile. Im Lauf der Zeit kamen immer neue Bruchstücke zutage und bald erkannten wir, dass die Geschichte, die wir ans Licht brachten, in mehreren Schichten tief unter der Oberfläche verborgen lag. Oft, wenn wir nicht mehr weiterwussten, kam unerwartet jemand mit einem Foto oder einem Brief, der in einer untersten Schublade gelegen hatte, oder erzählte eine Erinnerung aus längst vergangenen Zeiten.

Gelegentlich nahm Mary-Ann mich in eine hutterische Kolonie mit. Hutterer hatte ich öfter schon beim Einkaufen in großen Kaufhäusern, im Eingangsbereich von Krankenhäusern oder auf den Bauernmärkten gesehen, wo sie frisches Obst und Gemüse verkauften. Wegen ihres bescheidenen Auftretens und ihrer altmodischen Kleidung dachte ich, sie seien schüchtern und zurückhaltend, doch bald erkannte ich, dass ihr Leben in ihrer Kolonie genauso bunt und komplex war wie das Leben »draußen«. In der großen Gemeinschaftsküche der Kolonie Fairholme beneidete ich die Oberköchin um ihre gut gefüllte Speisekammer und die Profi-Haushaltsgeräte, konnte jedoch mitfühlen, wenn sie über die Schwierigkeit klagte, einen abwechslungsreichen Speiseplan aufzustellen und sich fragte, welches Rezept für Dattelkuchen wohl am besten schmeckt. Manchmal planten wir unsere Besuche so, dass wir in New Rosedale nachmittags am Lunschen teilnehmen konnten, und während wir warteten, bis der Teekessel kochte, verschlangen wir einen Teller voll frisch gebackener Brötchen und diskutierten über Kindererziehung und Politik. Jedes Mal, wenn ich weise alte Menschen kennenlernte, die auf ein erfülltes Leben zurückblicken konnten, oder die Kunstwerke junger Menschen betrachtete oder ihre wundervollen Gesänge hörte, begann ich zu verstehen, warum Mary-Ann die Entscheidung, ihre Geschichte mitzuteilen, so schwerfiel: Ihre Erzählung würde nicht nur ihre Vergangenheit aufdecken, sondern auch einen einzigartigen Einblick in die Herzen und Gedanken der Hutterer geben.

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fiel Mary-Ann wirklich nicht immer leicht, doch sie half ihr, besser zu verstehen, wer sie heute ist. Ihre unsagbar ergreifende Schilderung ist Balsam für die Seelen aller, die Spott und Ablehnung erfahren haben, denn sie unterstreicht, dass nicht unsere Kleidung, nicht unsere Lieder und nicht die Menschen in unserem Umfeld bestimmen, wer wir sind, sondern etwas tief in unserem Herzen.

Anfangs meinte ich, die Arbeit wäre mit Beendigung des Buches abgeschlossen, doch jetzt weiß ich, dass die wirkliche Chance für Veränderung in der Zukunft liegt. Als Jakob Hutter die hutterische Kirche gründete, gehörte zu seiner Vision eine Welt ohne Gewalt, in der alles geteilt wird. Ich hoffe, dieses Buch erinnert uns daran, dass wir alle zur Menschheitsfamilie gehören und dass wahrer Friede ohne Furcht und Verurteilungen, aber mit Liebe, gegenseitiger Annahme und Mitgefühl erreicht werden kann.

A.G.

Arvel Gray wohnt in Winnipeg und ist Autorin und Rundfunksprecherin sowie Geschäftsführerin von »Waking the World«, einem Projekt, das Frauen weltweit zusammenbringt und eine Stimme verleiht.

Eine kurze Geschichte der Hutterer

Alle Gläubigen kamen regelmäßig zusammen und teilten alles miteinander, was sie besaßen. Sie verkauften ihren Besitz und teilten den Erlös mit allen, die bedürftig waren.

Apostelgeschichte 2,44-45

Der hutterische Glaube nahm seinen Anfang im sechzehnten Jahrhundert, als Jakob Hutter, ein österreichischer Hutmacher, eine kleine Gruppe von Wiedertäufern zu einer neuen Art christlicher Gemeinschaft zusammenführte. Auf einem staubigen Pfad in Mähren legten im Jahr 1528 eine Handvoll Flüchtlinge aus Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz eine einfache Decke auf den Boden, auf die sie alle ihren Besitz legten, sogar das, was sie in den Taschen hatten. Das war der Beginn unserer Geschichte.

Nach dem Vorbild der Urgemeinde in Jerusalem lebten sie ihren Glauben so, wie es im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte in den Versen 44 und 45 beschrieben ist: »Alle Gläubigen kamen regelmäßig zusammen und teilten alles miteinander, was sie besaßen. Sie verkauften ihren Besitz und teilten den Erlös mit allen, die bedürftig waren.« Hutters begeisterte Vision von einer Gesellschaft, in der aller Besitz geteilt wird und die Menschen zum Wohl aller zusammenarbeiten, führte zur Gründung der hutterischen Kirche und der hutterischen Lebensweise. Doch seine Lehre von einem Leben in Gemeinschaft, der Erwachsenentaufe und des Pazifismus rief den Hass und die Intoleranz des Staates und der vorherrschenden Religionen hervor, und die Hutterer mussten fast vierhundert Jahre lang in Europa von einem Land zum anderen fliehen.

1536 wurde Hutter in Innsbruck auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil er sich weigerte, seinem Glauben abzuschwören. Er teilte somit das Schicksal vieler unserer Vorväter. Doch einige überlebten und fanden 1770 Zuflucht in der Ukraine, bis ihre Befreiung von der Wehrpflicht widerrufen wurde und sie beschlossen, in die Vereinigten Staaten auszuwandern.

Am 5. Juli 1874 kamen die Hutterer an Bord der Hammonia aus Russland in New York an. Gebeutelt, aber nicht geschlagen waren sie fest entschlossen, ihre Mittel zusammenzulegen und von Neuem zu beginnen. Mein Urgroßvater Jakob Maendel gehörte zu ihnen. Die erste hutterische Kolonie auf nordamerikanischem Boden wurde 1874 am Ufer des Missouri in der Nähe von Yankton in South Dakota gegründet. Für alle Hutterer hat sie heute noch eine besondere geschichtliche Bedeutung und sie ist immer noch in Betrieb.

Im Verlauf des Ersten Weltkriegs zogen ganze hutterische Gemeinschaften nach Kanada, um der Verfolgung als Kriegsdienstverweigerer zu entgehen. Nach dem Krieg erkannte die amerikanische Regierung ihren Wert als Ackerbauer und Viehzüchter und lud sie zur Rückkehr in die Vereinigten Staaten ein. Ein Drittel von ihnen kam dieser Aufforderung gerne nach, doch der Rest blieb in Kanada und gründete neue Kolonien in ganz Westkanada, einschließlich meiner Heimatkolonien New Rosedale und Fairholme in Manitoba.

Mit ihrem Bekenntnis zur Gütergemeinschaft unterscheiden sich die Hutterer von den Amish und den Mennoniten und zeichnen sich als bestes und erfolgreichstes Beispiel des Gemeinschaftslebens in der Neuzeit aus. Heute gibt es ungefähr 45 000 Hutterer, die in vierhundert Kolonien im Nordwesten der Vereinigten Staaten und in den kanadischen Prärien leben.

Einleitung

Im Juli 2002 sprach mich eine Freundin, die Journalistin war, an und fragte, ob ich nicht für eine Zeitschrift einen Artikel über hutterische Gärten schreiben wollte. In Manitoba gibt es über hundert hutterische Kolonien, aber ich wusste genau, welche ich aufsuchen würde. Es war nicht leicht, der Obergärtnerin der Kolonie Fairholme die Idee schmackhaft zu machen. Judy Maendel war nicht davon überzeugt, dass ihr Garten eine Geschichte wert ist.

»Du lieber Himmel, in diesem Jahr haben wir nur einen ganz kleinen Garten.« Sie seufzt am Telefon. »Warum versuchst du es nicht in New Rosedale oder James Valley? Deren Gärten sind so groß, dass sie sogar Gemüse verkaufen.« Aber ich will unbedingt nach Fairholme gehen und lasse nicht locker.

Dicke weiße Wolken, die an die Zeichnung eines Kindes erinnern, stehen am Himmel, der sich über die weite Prärie wölbt, als ich meinen fünfjährigen Sohn Levi ins Auto setze und mich auf die Reise mache. Ich brauche keine Wegbeschreibung. Ich kenne den Weg so gut wie die Stimme meines Sohnes. Die reichen, erdigen Gerüche des Sommers von Manitoba tanzen durch das offene Autofenster, als ich auf der Fernstraße Richtung Westen fahre. Auf beiden Seiten der Autobahn erstrecken sich gelbe Rapsfelder, so weit das Auge reicht.

»Es war einmal …«, beginnt die Robin-Hood-Kassette, die Levi sich herausgesucht hat.

Ja. Es war einmal! Erinnerungen strömen auf mich ein und ich höre fast den Klang der Küchenglocke der Kolonie, die die Frauen zur Arbeit ruft. Ein Traktor mit Anhänger wartet ungeduldig neben einem sandigen Weg, der sich zu den Gärten am Ufer des Flusses Assiniboine hinunterschlängelt. Ich sehe, wie meine Mutter und die anderen Frauen auf die Pritsche des Anhängers steigen, jede mit einem Zehnlitereimer aus Edelstahl für die Ernte des Tages. Ihre charakteristische Kleidung drückt Sicherheit, Pflichtbewusstsein und Mutterschaft aus. Jede hat ein Tiechel auf dem Kopf, ein schwarzes Kopftuch mit weißen, erbsengroßen Punkten. Bei den Frauen ist auch Judys Mutter Sara, die Obergärtnerin. Mit geröteten Gesichtern und verfleckten Fingern kehren sie ein paar Stunden später zurück zum Lunschen, dem gemeinsamen Essen am Nachmittag – die Eimer voll roter Erdbeeren für die Kinderschar, die auf sie wartet. In ihren einfachen Küchen schütten sie die Früchte in Schüsseln und richten sie mit frischer Sahne und etwas Zucker an. Ihre ausgeschlafenen, hungrigen Kinder drängen sich um den Tisch und essen, bis sie fast platzen. Bald wird die Glocke wieder ertönen und die Frauen müssen zur Arbeit zurück. Der größte Teil der Erdbeeren wartet im kühlen Keller der großen Gemeinschaftsküche, bis er zu Kuchen und köstlicher Marmelade verarbeitet wird …Von Winnipeg aus ist es noch eine Stunde Fahrt bis zur Kolonie Fairholme. Eine staubige Schotterstraße, die auf beiden Seiten mit majestätischen Eichen gesäumt ist, führt uns ins Herz von Fairholme, wo bunte Blumengärten den schlichten alten Häusern ein festliches Aussehen verleihen.

Mein Sohn und ich gehen zu Judys Haus. Ihre Schwester Selma, die Oberköchin, wartet auf uns. Bald sind wir von einer Schar neugieriger barfüßiger Kinder umringt. Die Mädchen tragen schwarze Hauben, ihre sonnengebräunten Gesichter strahlen eine natürliche Gesundheit aus. »Du tust mir leid mit deinem Kleid«, begrüßt mich Selma. Ich trage ein eng anliegendes Kleid, das ich vor ein paar Wochen in einem Kaufhaus erstanden hatte. »Es ist zu eng!« Sie zeigt auf ein Haus in der Nähe. »Gehen wir zu Tamara!« Noch unter der Tür ruft Selma: »Mary-Ann braucht etwas zum Anziehen. Sie fühlt sich nicht recht wohl in ihrem Kleid.« Eine junge Frau mit Engelsgesicht erhebt sich von einer Nähmaschine und bietet mir ein Kleidungsstück aus ihrem Schrank an. Es hat ein rosenfarbiges Muster und einen weiten, gerafften Rock. Der Bund ist locker und figurtolerant, der Stoff fühlt sich weich und kühl auf der Haut an. Ein Hauch getrockneter Baumwolle und Sonnenschein entströmt dem offenen Schrank, und ich fühle mich in die Sommer meiner Kindheit zurückversetzt.

Die Kinder, die uns folgten, finden es lustig, mich in hutterischer Kleidung zu sehen. »Bin ich schön?«, scherze ich in Hutterisch, ihrer Muttersprache, einem 450 Jahre alten deutschen Dialekt aus Kärnten in Österreich. Die Kinder kichern und nicken. Ich zwinkere meinem Sohn zu, der auch kichert.

Als Judy erscheint, zwängen wir uns alle in mein kleines Auto, um zum Garten zu fahren. »Das Auto ist voller Hutterer«, berichtet Levi vom Rücksitz aus und sorgt damit für allgemeines Gelächter.

Am Ziel angekommen, ziehen wir unsere Schuhe aus und machen uns zu einem gemächlichen Rundgang auf. »Es ist ein schöner Garten«, gibt Judy zu und geht voran. Unsere kleinen Fremdenführer, mit Levi im Schlepptau, verschwinden bald im Erbsenfeld. Aufgrund des Bewässerungssystems der Gemeinschaft ist der »kleine«, fünf Hektar große Garten üppig grün. Endlose Gemüsereihen sind eingerahmt von bunten Feldblumen und hohem Präriegras. »In diesem Jahr reicht es nur für uns«, erklärt Judy und meint damit die etwa neunzig Gemeinschaftsmitglieder, die mit dem versorgt werden, was in dem Garten wächst.

Am Spätnachmittag verweile ich in der Gemeinschaftsküche, wo das Abendessen vorbereitet wird. Lachend bewegen sich die Frauen zwischen Herd, Bratpfanne und Töpfen mit kochendem Gemüse. Ich kann mich nur schwer von ihnen trennen. Ich setze Levi auf das Holzkarussell und lasse ihn ein paar Runden drehen. Er hat so wenig Lust wie ich zu gehen. Auf dem Weg zum Auto begegnen wir einer der Bewohnerinnen. »Mary-Ann!«, ruft Thelma und schließt mich in die Arme. »Wie schön du aussiehst, ohne all die Farbe auf dem Gesicht.« Ich lache über ihre Offenheit. Hier muss man keine Gedanken lesen.

Ich fülle den Rücksitz meines Autos mit einem Strauß Feldblumen und Weidenkätzchen, die meiner Mutter so sehr gefallen, dann fahren wir zu einem kleinen eingezäunten Friedhof am Rand von Fairholme. Die Zeit scheint stillzustehen, als ich meinen Sohn zu einem kleinen Grabstein führe, auf dem steht »Reynold Dornn, 1963–1965, Ruhe in Frieden bei Jesus«.

»Levi«, beginne ich und suche nach den richtigen Worten. »Ein kleiner Junge ist hier begraben. Sein Name ist Renie, und er ist mein Bruder.« Als wir uns über das kleine Grab beugen, schließt Levi die Augen und beginnt zu beten: »Lieber Jesus, danke, dass du für Mamas Bruder sorgst, auch wenn er unter der Erde liegt. Hilf, dass er wieder aufersteht.« Bei diesen unerwarteten Worten füllen sich meine Augen mit Tränen.

Vor 33 Jahren, als ich ein argloses kleines zehnjähriges Mädchen war, fassten meine Eltern den schmerzlichen Beschluss, die Kolonie Fairholme mit sieben Kindern und sonst fast nichts zu verlassen. Diese Gemeinschaft war einmal meine Heimat. Hier, auf diesem einfachen Friedhof liegt eine nüchterne Erinnerung an unsere Herkunft; hier haben wir einen kostbaren Teil von uns selbst zurückgelassen.

Hand in Hand gehen wir zum Auto zurück. Ich bin ganz in Gedanken, als Levi mich aus meinen Träumen reißt: »Mama«, fragt er mit einem gespannten Ausdruck auf seinem kleinen runden Gesicht. »Bist du eine Hutterin?« Die unschuldige Frage meines Sohnes ist für mich der Beginn einer Reise in die innersten Winkel des Herzens, wo die tiefsten Geheimnisse verborgen liegen und die Wahrheit aufbewahrt wird.

Dieses Buch ist meine Reise, mit der ich mich auf meine Vergangenheit zurückbesann, eine Vergangenheit, die ich jahrelang verborgen hielt, da ich mich nicht tief eingewurzelten Vorurteilen und Spott aussetzen wollte. Heute weiß ich zweifelsfrei, dass unser Menschsein das ist, was wir gemeinsam haben, dass aber unser kulturelles Erbe das besondere Geschenk ist, das jeder bei der Geburt erhält. Solange wir nicht annehmen, wer wir sind und wirklich die Kraft schätzen, die dadurch in unser Leben kommt, können wir unsere wahren Fähigkeiten nicht ausschöpfen. Wie viele gute Geschichten, beginnt meine Geschichte mit meiner Mutter, der unvergleichlichen Mary Maendel.

Mary-Ann Kirkby

Kapitel 1 »Der g'hört mein!«»Der gehört mir!«

»In der relativen Sicherheit von Sana Basels Haus warf Mary zum ersten Mal einen Blick auf Ronald Dornn.«

Mary Maendel, 18 Jahre alt, Kolonie New Rosedale

Die hutterische Kolonie New Rosedale, Westkanada, November 1952

Meine Mutter Mary Maendel stand am Sonntagmorgen früh auf und schob sachte das Federbett auf ihrer Seite zurück, um ihre Nichte Sarah, die reglos neben ihr lag, nicht aufzuwecken. Niemand bewegte sich in der Schlafnische nebenan, in der Lena, Katie, Susie und Judie, ihre anderen Nichten, tief und fest schlummerten. Sie holte ihre Kleider von einem Stuhl, zog ihr kurzes weißes Hemd oder Pfaht, ihre Weste oder Mieder, einen knöchellangen gerafften Rock oder Kittel und eine plissierte Schürze, Fittig genannt, an und stieg lautlos die Treppe hinunter.

Gestern war Reinemachetag in der Kolonie, und die Fußböden und Möbel wurden gründlich abgewaschen und gewischt. Doch in einer Kultur, in der Reinlichkeit und Gottesfurcht als Tugenden verehrt wurden, war Mary fest entschlossen, dass ausgerechnet heute das Haus tiptop zu sein hatte. Ein Stück Specksaften (hausgemachte Seife), das wie ein Stück Butter aussah, schmolz in ihrem Eimer mit heißem Wasser und füllte ihn mit schaumigen Blasen. Auf den Knien schrubbte sie die Böden. Ihre geschickten jungen Hände wischten um die Schlofbänk (Schlafbänke) herum, auf denen Kinder tief und fest schliefen. Die Bewegungen ihres Putzlappens waren so geräuschlos wie ihr Atem, und bald roch das ganze Haus nach feuchtem Holz und Wachs.

Gegen 8 Uhr war sie mit ihrer Arbeit fertig. Draußen schüttelte der Wind die leblosen Äste der alten Eichen, die den sauberen Halbkreis der Wohnhäuser von den Scheunen und Maschinenhallen der Kolonie trennten.

Durchs Fenster konnten sie sehen, wie Erwachsene und Kinder in die Gemeinschaftsküche zum Frühstück eilten. Männer mit Bart und schwarzen Jacken und Hosen aus selbst gesponnenem Tuch, Frauen in knöchellangen, gemusterten Röcken und Westen – manche banden noch im Gehen ihr gepunktetes Kopftuch unter dem Kinn fest – schritten zielgerichtet und im Gänsemarsch auf ein großes zentrales Gebäude zu, in dem sie sich dreimal am Tag zu den Mahlzeiten trafen. Junge Mädchen mit Mützen (Hauben) und langen geblümten Kleidern und lebhafte Jungen, die wie Miniaturen ihrer Eltern aussahen, gingen in einer Reihe hinter ihnen her, als würden sie von einer unsichtbaren Leine gezogen. Mary war dieser Anblick so vertraut wie der Sonnenaufgang, doch ein Außenstehender hätte den Eindruck gehabt, dass die Situation und die historischen Kleidungsstücke nach dem Vorbild der Bauern aus dem 16. Jahrhundert in Szene gesetzt waren – so als ob ein Film über eine jahrhundertealte Geschichte gedreht würde.

Mary, die aus dem Fenster schaute, hätte man für eine Schauspielerin halten können, die auf ihren Einsatz wartete. Doch dies war kein Film. Es war das Leben in der hutterischen Kolonie New Rosedale im südlichen Teil von Manitoba, und die etwa hundert Männer, Frauen und Kinder, die hier wohnten, führten ihr Leben wie ihre europäischen Vorfahren vor fast fünfhundert Jahren.

»Mein Himmel, eilt's! Lieber Himmel, beeilt euch!«, rief Marys Schwager Paul Hofer und trieb seine Kinderschar, die im ganzen Haus verstreut war, zur Eile an. Seine Frau Sana, die Oberköchin, war schon seit Tagesanbruch auf den Beinen und kochte in der Gemeinschaftsküche auserlesene Rindfleischstücke für das heutige besondere Mittagsmahl und überwachte das Frühstück aus gekochten Eiern, gebuttertem warmem Toastbrot und Schmuggi (ein selbst gemachter Weichkäse, der mit Kümmel bestreut wird).

Die dreizehn Hofer-Kinder fegten an Mary vorbei, um sich dem Zug anzuschließen. Mary fröstelte, als ein kalter Windstoß durch die offene Tür blies. An einem gewöhnlichen Tag wäre sie mit ihnen gegangen, doch heute war eine Ausnahme. Heute war ihre Hochzeit. Nach der morgendlichen Lehr (Gottesdienst) würde sie ihr feierliches Eheversprechen ablegen, und dadurch würde sie von der Stellung einer Diene, einer jungen Frau, in den Stand eines Weibes, einer Ehefrau, erhoben, was zu einer Erhöhung ihres Wertes und ihrer Arbeitsbelastung in der Gemeinschaft führen würde.

Die Einundzwanzigjährige stieg die enge Holztreppe zu ihrem Schlafzimmer hoch, dankbar für die sieben Jahre Obdach, die ihre Schwester ihr gewährt hatte, aber froh, endlich den übervollen Haushalt zu verlassen und in ein eigenes Heim zu ziehen.

Bis zum Alter von dreizehn Jahren hatte Mary in der hutterischen Kolonie Old Rosedale etwa hundert Kilometer nordöstlich gelebt, wo ihr Vater, der geachtete Joseph Maendel, der Leiter der größten und erfolgreichsten Kolonie Manitobas war. An ihn hatten sich viele Kolonien gewandt und um finanzielle Unterstützung gebeten. Der Wohlstand von Old Rosedale wurzelte in seiner Vielseitigkeit und in seiner Betriebsführung.

Joseph Maendel war ein geschickter Verwalter, der dafür sorgte, dass die Kolonie beneidenswerte Gewinne aus ihren Feldfrüchten und ihrer Tierhaltung erzielte. Im Jahr 1931, einem katastrophalen Dürrejahr für die meisten Farmer, erwirtschaftete Old Rosedale ein fürstliches Einkommen von 60 000 Dollar aus Getreide und anderen Wirtschaftszweigen. Dazu gehörten 900 Schweine, 250 Gänse, mehrere Hundert Rinder und Schafe und eine Imkerei, die jedes Jahr etwa 20 000 Kilo Honig produzierte.

Seine Frau Katrina war die Obergärtnerin und Köchin für die Kranken, und als sie plötzlich im Alter von 45 Jahren an einer Gallenkolik starb, hinterließ sie ihren Mann und die Kolonie in einem Schockzustand und sechzehn Kinder ohne Mutter, darunter die einjährige Mary.

Der am Boden zerstörte Joseph Maendel ließ in einem Brief an seine Schwägerin in der Kolonie James Valley seiner Trauer freien Lauf.

Meine liebe Schwägerin, es war sehr, sehr traurig für uns, so getroffen zu werden. Als unsere dringend benötigte, geliebte Mutter tot vor uns lag, konnten wir sie nur ungläubig anstarren.

Ihre Schwester Rebecca schrie laut: »Allmächtiger Gott, wie kannst du eine Mutter wie diese aus ihrer Familie reißen!« Doch nichts half. Unsere liebe Mutter war in der Ewigkeit bei Gott. Ich sagte unseren Töchtern und all den Kindern: »Lasst uns fleißig zu Gott beten, damit uns nicht ein weiteres Unglück widerfährt.« Wie traurig wäre es, wenn ich, der Vater, auch nicht mehr bei ihnen sein könnte. Wir hoffen und beten und flehen, dass Gott sich aller Witwen und Witwer und Waisen erbarmt.

Ein Jahr nach dem Tod seiner Frau begann Joseph Maendel, an geeignete Frauen und Witwen aus anderen Kolonien zu schreiben, um für seine kleineren Kinder eine Mutter zu finden. Nach ein paar abschlägigen Antworten erklärte sich Rachel Gross, eine Witwe mit sechs Kindern aus der hutterischen Kolonie Maxwell, bereit, ihn zu heiraten, womit die Kinderschar auf 22 stieg. Trotz all ihrer Bemühungen war die sanfte Rachel nicht in der Lage, so viele Kinder angemessen zu versorgen, und Mary wurde der Fürsorge ihrer älteren Schwestern überlassen und klammerte sich an ihren Vater, der ihr die elterliche Liebe und Anleitung gab, nach der sie sich sehnte.

Zwei Jahre später wurde die zusammengewürfelte Familie von einem weiteren Schlag getroffen, als bei dem fünfzigjährigen Joseph Maendel Darmkrebs festgestellt wurde und er sich einer größeren Operation in Winnipeg unterziehen musste. In den turbulenten Zeiten in Old Rosedale hatte er immer ausgleichend gewirkt, doch jetzt bedrohte seine Krankheit die politische Stabilität, für die er in der Gemeinschaft unermüdlich gewirkt hatte. Als die Krankheit seine Kräfte immer mehr aufzehrte, wurde Marilein, »die kleine Mary«, oft von seinem Bett weggeschickt. An einem warmen Septembernachmittag, als sie unter den Bäumen am Rand der Kolonie spielte, empfand sie plötzlich den Drang, nach Hause zu gehen und fand die Erwachsenen in hellster Aufregung vor. »Wo warst du?«, schrien sie. »Wir haben dich überall gesucht!« Ihr Vater hatte sich von ihr verabschieden wollen, doch sie war zu spät gekommen. Fassungslos barg das kleine Mädchen das Gesicht in den Händen und weinte.

Im Alter von fünf Jahren war Mary in erster Linie ein Waisenkind. Ihre drei erwachsenen Schwestern heirateten eine nach der anderen, und sie wurde in die Obhut von einem zum anderen geschoben. Es war, als würde sie ihre Mutter immer wieder verlieren. Tagsüber gelang es ihr, ihren Verlust zu vergessen, wenn sie auf den weiten offenen Landflächen der Kolonie herumtoben und spielen konnte oder wenn sie am Spätnachmittag einen Stock nahm und mit den anderen Kindern die Gänse der Gemeinschaft vom Flussufer in die Ställe trieb. Jede der zehn Familien in Old Rosedale hatte sieben Gänse zu versorgen und Mary geleitete die Gänse der Maendels gerne nach Hause, damit sie in den Holznestern, die ihr Vater gebaut hatte, ihre Eier legten. Sie kannte jede mit Namen und wusste genau, welche zu ihrer Familie gehörten.

Nachts, wenn sie alleine im Bett lag, konnte sie den Schmerz der Einsamkeit in ihrem Herzen nicht unterdrücken. Sie sehnte sich nach ihrer Mutter und versuchte, sich ihr Gesicht vorzustellen, sich an den Geruch ihrer Haut und die Geborgenheit in ihren Armen zu erinnern. Unter ihrer Bettdecke sagte sie in der Dunkelheit immer wieder Muetter (»Mutter«). Doch dann kamen ihr die Tränen und jedes Mal, wenn sie so weinte, erschien Katrina mit einer brennenden Kerze am Fuß ihres Bettes. Jede Nacht kam Katrina so zu ihrer Tochter, doch das Kind bekam solche Angst, dass es nicht einschlafen konnte. Erst als Mary sich zwang, sich nicht mehr nach ihrer Mutter zu sehnen, hörten diese gespenstischen Erscheinungen auf.

Nach Joseph Maendels vorzeitigem Tod führte eine Änderung in der Leitung zu schwelenden Konflikten innerhalb der Gemeinschaft. Seine ältesten Söhne hatten gehofft, dass einer von ihnen die Stelle des Vaters als Kolonieverwalter einnehmen würde. Doch als sie von den Familien Waldner und Hofer überstimmt wurden, wurde die Verbitterung schließlich so groß, dass die beiden Gruppen nicht mehr zusammenleben konnten. Im Sommer 1944 beschlossen Marys Brüder, Old Rosedale zu verlassen und eine neue Kolonie im Süden Manitobas zu errichten. Sie nannten sie New Rosedale und nahmen ihre Familien und Anhänger mit. Die dreizehnjährige Mary und ihre beiden Brüder im Teenageralter, Darius und Eddie, wurden Teil des Haushalts ihrer Schwester Sana.

In der relativen Sicherheit von Sanas Haus warf Mary zum ersten Mal einen Blick auf Ronald Dornn. »Der g'hört mein! Der gehört mir!«, meinte sie witzelnd zu ihren Nichten im Teenageralter, als sie aus einem Fenster im oberen Stockwerk spähten. Sie war achtzehn Jahre alt, hatte eine schnelle Auffassungsgabe und eine gehörige Portion Humor. »Das sagen wir ihm«, foppten die Mädchen. Doch sie wusste, dass sie nicht den Mut hatten, ihre Drohung wahr zu machen. Unten stieg ein drahtiger, gut aussehender Fremder aus dem Fahrzeug der Kolonie und setzte seinen Fuß auf den sandigen Boden des Assiniboine-Tales. Aufgrund seines viereckigen schwarzen Hutes, der liebevoll »Waschzuber« genannt wurde, wussten sie, dass er zu den Lehrerleut aus Alberta gehörte, einer der drei unterschiedlichen hutterischen Glaubensgemeinschaften in Nordamerika.

Die kulturellen und religiösen Unterschiede zwischen den drei Gruppen waren gering und beschränkten sich mehr auf die Kleiderordnung als auf religiöse Grundsätze. Für einen Außenstehenden wären die Unterschiede kaum wahrnehmbar gewesen, doch für die Hutterer waren sie so bedeutend, dass es kaum Heiraten zwischen den Gruppen gab. Die Dariusleut in Saskatchewan hatten einfache Knöpfe an ihren Hemden und Jacken, aber die Schmiedeleut in Manitoba waren der Auffassung, dass Knöpfe zu auffällig seien, und entschieden sich für unsichtbare Haken, Ösen und Druckknöpfe. Die Lehrerleut waren die konservativsten und bestanden darauf, dass der Reißverschluss an Männerhosen nicht vorne, sondern auf der Seite sein muss, für den Fall, dass ein nachlässiger Mann vergisst, ihn hochzuziehen. In einem waren alle drei Gruppen einig: Gesäßtaschen auf Männerhosen waren viel zu weltlich. Gekaufte Hosen mit »Arschtaschen« waren streng verboten.

Der neue Besucher von den Lehrerleut sorgte für allerhand Aufregung in der Gemeinschaft und die Leute schauten aus ihren großen Panoramafenstern und wollten wissen, aus welcher Kolonie in Alberta er kam, wie lange er bleiben wolle und warum er gekommen war. Niemand war darüber erstaunt, dass Marys Schwester bei der Organisation des Besuchs ihre Hand im Spiel hatte. Sana Hofer war überall als Sana »Basel« oder Tante Susie bekannt, und ihr gewinnendes Wesen war legendär. Niemand hielt es für ungewöhnlich, wenn ein neuer Bewohner auf einem Gästebett in ihrem Wohnzimmer schlief oder die Nacht sicher unter ihrem Küchentisch verbrachte, wo niemand aus Versehen über ihn stolpern konnte.

Sana Basel und Ronald trafen sich zufällig im Sommer 1949 in der hutterischen Kolonie Rockport in Alberta. Aufgrund ihres Einflusses als Oberköchin erhielt sie die einmalige Gelegenheit zu einer Reise, um in einigen der Lehrerleut-Kolonien der Provinz einen Höflichkeitsbesuch abzustatten, unter anderem in Rockport. Ronald hatte seine Jugend in der Kolonie Rockport verbracht und kehrte zum ersten Mal nach sieben Jahren zurück, um mit dem Pastor der Kolonie über die Zukunft seiner Familie zu sprechen.

Als Ronald Sana Basel anvertraute, dass er in wenigen Tagen mit dem Zug zurück nach Osten in eine ungewisse Zukunft fahren würde, ordnete sie ohne lange zu überlegen seine Pläne um. »Besuche uns in der Kolonie New Rosedale in Manitoba«, drängte sie in ihrer liebenswürdigen Art. »Ruf uns an, wenn du am Bahnhof in Portage la Prairie ankommst, dann holen wir dich ab.« Sana Basel war gostfrei und charmant und hatte ein Herz für alle, deren Leben mit Unsicherheiten und Ungewissheit belastet war. Ronald fühlte sich von dem offenen Gesicht und der liebevollen Art dieser vierzigjährigen Frau angezogen, die die Wärme und Fürsorglichkeit einer Mutter und die tröstliche Nähe eines alten Freundes ausstrahlte. Er fühlte sich von ihr wertgeschätzt wie seit Jahren nicht mehr. Ihrer verlockenden Einladung konnte er nicht widerstehen.

Bald nach ihrer Rückkehr nach New Rosedale erhielt Sana Basel die Nachricht, dass ihr Besucher am Bahnhof angekommen ist, und schnell beauftragte sie ihren Mann Paul »Vetter« oder »Onkel Paul« und ihren Sohn Paul Junior, ihn abzuholen. Sie kamen rechtzeitig zum Lunschen (Mahlzeit um 15 Uhr) zurück, dem einzigen Essen, das jede Familie in ihrem eigenen Haus einnahm. Als Ronald das Haus betrat, leuchteten Sana Basels Augen auf und sie begrüßte ihn überschwänglich, holte einen Stuhl für ihn und nahm ihm seinen Hut aus der Hand. »Reinhold, sog was! Ronald, sag etwas!«, forderte Sana ihn auf, während sie den Hut einer ihrer Töchter reichte. Man vermutete, dass er besonders interessante Dinge gehört oder gesehen hatte, da er durch mehrere Provinzen gereist war, und sie erwartete, Neues oder Unterhaltsames zu hören. Sana Basel war auf interessante Neuigkeiten jeder Art aus allen Glaubensgemeinschaften gespannt. Doch was Klatsch anging, erwies sich ihr Besucher als enttäuschend. Ronald war ein Mensch, der lieber die Ohren spitzte und den Mund hielt und er schien nicht viel von der hutterischen Tradition des Tschelli draufschmieren zu halten – eine gewöhnliche Geschichte auszuschmücken, sozusagen »Marmelade hinzuzufügen". Manche hätten ihn maulvoll oder »maulfaul« genannt – zu sparsam mit Worten, um als unterhaltsam zu gelten – doch in der abgeschotteten hutterischen Welt erregte alleine schon seine Gegenwart Neugier.

Die Hofer-Jungen, die auf den Feldern arbeiteten, trudelten einer nach dem anderen ein, und einige Männer aus anderen Familien machten Halt, um den Fremden mit der »englischen« Lederjacke und dem schwarzen Hut aus Lammwolle kennenzulernen und zu begutachten. Mary häufte Pfeffernüsse und Haferflockenplätzchen auf zwei Kuchenteller und stellte sie vor den Besucher mit den stahlblauen Augen und dem dichten kastanienbraunen Haar, das in der Mitte ordentlich gescheitelt war. Hinter dem Schutz des dampfenden Kessels bemerkte sie, dass seine Hose ziemlich abgetragen war. Sie beobachtete, wie Ronald die Spitze seines Teelöffels in das Honigglas tauchte und ihn versuchte, bevor er den Rest in seine Tasse heißen Kamillentee einrührte. Sie schaute zu, wie er methodisch den polierten Tisch säuberte, indem er die Krümel in seine linke Hand wischte und dann auf seinen Teller streute. Im Geheimen wünschte sich Mary, sie hätte ihm etwas Besseres anbieten können. Von den frischen Zitronenkuchen mit Baiser und den Dattel-Nuss-Kuchen, die am Donnerstag, dem Backtag der Kolonie, ausgeteilt wurden, waren in der Hofer-Familie nach dem Wochenende nichts mehr übrig. Mit sieben schönen Töchtern, die das Interesse annehmbarer Buben weckten, war Sana Basels Haus immer ein Treffpunkt junger Leute, die jeden Abend zusammenkamen, um Kontakte zu knüpfen und zu singen.

Ronald kam für eine Woche und blieb für immer. Sana Basels überfülltes Haus wurde zu seinem Heim und sie zu seiner Ersatzmutter, die seine inneren Kämpfe verstand. Er wohnte zusammen mit den Hofer-Jungen in einem Zimmer im Obergeschoss, während Mary auf der anderen Seite des Flurs mit ihren Nichten im Mädchenzimmer schlief.

Mary putzte sein Zimmer und machte jeden Tag sein Bett, doch nie gab es den geringsten Hinweis auf eine Liebelei. Der einzige Anhaltspunkt, der hätte vermuten lassen, dass sie um sein Wohl besorgt war, bestand darin, dass sie seine zerlumpte Hose flickte und ordentlich gefaltet auf sein Bett zurücklegte.

Ronald zermarterte sich den Kopf wegen der Notlage seines Vaters und seiner Geschwister in Ontario. Seine Eltern, russische Einwanderer, hatten sich der hutterischen Kolonie Rockport in Alberta angeschlossen, als er neun Jahre alt war, und die Familie lebte fast zehn Jahre lang dort. Doch als Ronald Dornn siebzehn war, brach Christian Dornn die Verbindung mit der hutterischen Kirche ab und trat mit seinen acht Kindern in eine pseudo hutterische Gemeinschaft in Ostkanada ein. Der Umzug war eine Katastrophe, denn es stellte sich heraus, dass der Leiter ein Diktator war, der die Menschen in seiner Gemeinschaft geringschätzig und hart behandelte. Als Ronald Sana Basel kennenlernte, hatte er den Auftrag, seine heimgesuchte Familie in die Kolonie Rockport zurückzubringen. Doch seine Hoffnungen wurden zunichtegemacht, als der Pastor der Kolonie ihm unverblümt mitteilte, dass er und seine Geschwister willkommen seien, ihr Vater aber nicht.

In seiner neuen Heimat, der Kolonie New Rosedale in Manitoba, fand Ronald Trost in harter Arbeit und in der Natur. Gesund und kräftig, wie er war, rodete er die 400 Hektar Land, die New Rosedale vor Kurzem für 10 Dollar pro Hektar erworben hatte. Mit einem Raupenschlepper entfernte er Eichen und Pappeln und pflügte das Neuland, damit die Kolonie Gerste und Weizen anbauen konnte. Die meisten Abende verbrachte er in seinem Zimmer und las in der Bibel.

Zwei Jahre nach seiner Ankunft erschien Ronald unangekündigt in Marys Zimmer und fragte, ob sie sich vorstellen könne, seine Freundin zu werden. In letzter Zeit hatte sie bemerkt, dass er sie anders anschaute, und einmal, als sie alleine im Haus war, kam er frühzeitig vom Feld zurück und sie tranken eine Tasse Pulverkaffee miteinander. Da sie mit dieser Frage nicht rechnete, war sie nicht auf eine Antwort vorbereitet. »Ich muss mir das überlegen«, stammelte sie und mied den Blick seiner durchdringenden blauen Augen.

Das sorgte für Zündstoff, als die Gemeinschaft davon Wind bekam. Unverzüglich musste Ronald aus Sana Basels Haus in eine winzige Zweizimmerbehausung für sich alleine ziehen, und Marys Aufgabe, sein Zimmer sauber zu machen, wurde jemand anderem übertragen. Jake Maendel, Marys Bruder und Hilfspastor in New Rosedale, sorgte umgehend dafür, dass Elie Wipf seine Schwester umwarb. Elie war der Sohn des Hauptpastors in der Kolonie Fairmont und Jake hatte keine Mühe gescheut, die beiden einander vorzustellen, als Mary kaum ein Teenager war. Das war vor sechs Jahren gewesen. Nur wenige Tage nach Ronalds Antrag wurde Mary in das Haus von Peter, ihrem anderen Bruder gerufen, wo Elie wartete. Er hatte sich kaum verändert, sah mit seinen dunklen Haaren und seinem brünetten Teint immer noch so gut aus wie früher, hatte ungezwungene Manieren und ein verschmitztes Lächeln.

Als Mary vor sechs Jahren Elie in Fairmont kennengelernt hatte, hatte sie sich unbehaglich gefühlt. Elies Schwester hatte Mary zu Tee und Kuchen eingeladen, und als sie beim Essen saßen, war Elie aus der Zimmerei nach Hause gekommen, um einen Blick auf die junge Besucherin zu werfen. Sie erinnerte sich, dass sie sich verunsichert fühlte, als seine imposante Gestalt in der Tür stand und sie neckte, dass er schneller als sie laufen konnte.

Mary war kein Teenager mehr, aber sie fühlte sich unbehaglich, als sie auf dem Sofa neben ihm saß und versuchte, belanglos über seine derzeitige Arbeit in der Zimmerei und den diesjährigen Garten in Fairmont zu plaudern. Doch Elie hatte den weiten Weg nicht auf sich genommen, um über Gemüseanbau zu sprechen. Er wartete geduldig, bis sie ausgeredet hatte. Als er gerade nach ihrer Hand greifen wollte, um ihr zu sagen, dass sie ihm wärmstens empfohlen worden war, trat Sara, Peters Frau, mit einem Teller voller purpurfarbener Trauben ins Zimmer. Die Trauben waren eine Delikatesse, die nur selten vom Leiter der Kolonie gekauft wurde, und Mary hätte nur allzu gerne eine Handvoll genommen. Doch sie wusste, wenn sie vom selben Teller wie Elie essen würde, bedeutete es, dass sie beide ein Paar waren. Als Elie sagte, er würde ohne sie nichts von dem Obst essen, brach Mary widerwillig einen Stängel ab und heizte damit die Gerüchteküche an.

Zwei Sonntage später kam Elie zu einem zweiten Besuch. Er kam rechtzeitig zum Mittagessen, und kaum hatte er seinen Platz bei den anderen Männern im Speisesaal der Erwachsenen eingenommen, als das Tuscheln begann. »Sie hat von seinem Teller gegessen und jetzt sagt sie, dass sie ihn nicht will!«, zischelte eine Frau, als sie nach einer Keule der gebratenen Ente griff. »Jung und dumm«, gluckste ihre Nachbarin. »Sie weiß nicht, was sie will.« Zeitungen, Radios und Fernsehen waren in der Kolonie streng verboten, doch das Privatleben der Leute bot mehr als genug Unterhaltung, mit Verwicklungen, die an Spannung und Unberechenbarkeit einer Seifenoper aus Hollywood in nichts nachstanden.

Mary hätte sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen, als Gesprächsfetzen vom Nebentisch zu ihr drangen. Sie wusste, dass viele Mitglieder der Kolonie davon überzeugt waren, dass sie ihr Glück fahren ließ, wenn sie den Zimmermann aus Fairmont ablehnte. Doch aus Gründen, die sie nicht verstand und einer Logik, die sie nicht begründen konnte, fühlte sie sich zu dem zurückhaltenden Neuankömmling hingezogen. Sie dachte an die vergangene Zeit, als sie gemeinsam in Sana Basels Haus lebten und wie sie nachts im Bett lag und auf das Rattern von Ronalds Traktor lauschte, der noch auf dem Feld arbeitete. Gegen Mitternacht hörte sie, wie das gleichbleibende Motorgeräusch immer näher kam und schließlich in der Maschinenhalle von New Rosedale endete. Sie hörte, wie Ronald die Tür öffnete und wartete auf seine schweren Tritte auf der Treppe. Sie hörte, wie das Wasser in das kleine Waschbecken im Bad lief und die Seife in die Seifenschale plumpste, wenn er den Staub des Tages von seinen Händen und seinem Gesicht wusch und schließlich, wie er den Lichtschalter im Badezimmer ausknipste, bevor er in das Zimmer nebenan trat und erschöpft ins Bett fiel. Sie hätte so gerne auf ihn gewartet, aber bei so vielen Menschen im Haus wäre eine private Unterhaltung unmöglich gewesen. Mary hatte sich ausgemalt, dass sie nachmittags heimlich aufs Feld hinausgehen und ihm ein Stück Apfelkuchen bringen könnte, doch sie wusste, irgendjemand würde sie sehen, was Anlass zu neuem Gemunkel geben würde. Fast acht Monate waren vergangen, seit Ronald seinen Antrag gemacht hatte, doch sie konnte nicht in Erfahrung bringen, ob ihm noch etwas an ihr lag oder ob er aufgrund von Elies Annäherungsversuchen den Mut verloren hatte.

Ihr graute vor der nächsten Begegnung mit Elie. Mary wusste, dass er der Mann war, den ihre Brüder für sie ausersehen hatten, und sie wollte gerne auf ihre Wünsche eingehen, doch sie konnte den unvermeidlichen Heiratsantrag von Elie nicht annehmen. Sie bereitete sich gerade auf den Abendgottesdienst vor, als sie hörte, dass er zurückgekommen ist. Sie packte ihre Wannick (Jacke), schlüpfte aus dem Haus und eilte mit gesenktem Kopf auf dem ausgetretenen Weg zur Kirche. Sie war fast an der Kirchentür, als Ronald und Elie, die aus verschiedenen Richtungen kamen, unabsichtlich mit ihr – und miteinander – zusammenstießen. Das war mehr, als sie ertragen konnte, und sie rannte nach Hause und versteckte sich im Schrank des Jungenzimmers. Hier in der Einsamkeit, umgeben von gebügelten Hemden und polierten schwarzen Sonntagsschuhen, fragte sich Mary, welchen Rat ihr Vater ihr wohl gegeben hätte. Sie hatte von dem wohlbedachten Rat gehört, den er ihrer Schwester Katrina gab, nachdem sie den Heiratsantrag von Dafit Wurtz aus der Kolonie Deerboine abgelehnt hatte. Es war kurz nach dem Tod ihrer Mutter und Katrina fühlte sich verpflichtet, für die Familie zu sorgen.

»Liebst du ihn?«, hatte Joseph Maendel sie unverblümt gefragt.

»Ja«, antwortete Katrina. »Aber ich werde hier zu Hause gebraucht.«

»Wenn du ihn liebst, dann musst du ihn heiraten«, erklärte ihr Vater mit Nachdruck. »Wir werden schon zurechtkommen.«

Wochen vergingen und Mary war mit den Frauenarbeiten in der Kolonie beschäftigt. An einem Freitag war sie in der Bäckerei und maß Mehl, Eier und Schmalz für fünfundzwanzig Dutzend Brötchen und fünfzehn Laib Brot ab. Als der Teig aufgegangen war, läutete sie die Küchenglocke, damit die Frauen kamen und die Brötchen und die Laibe formten. Während sie beobachtete, wie das Backwerk in den großen Öfen aus Edelstahl aufging und buk, wanderten ihre Gedanken zu Elie und der Beendigung ihrer Beziehung zurück. Sie fühlte sich schlecht, als sie hörte, dass er geweint hatte, als sie an dem Abend, an dem ihre Wege sich gekreuzt hatten, unauffindbar war. Es schien, dass seit jenem Abend auch Ronald von ihr Abstand genommen hatte.

Mary spülte die letzte der Backformen und freute sich auf ihre nachmittägliche Kaffeepause. Erhitzt und müde nahm sie ihre Bäckerschürze ab, als ihr Bruder Samuel in die Bäckerei stürzte und mit einem Brief vor ihrer Nase wedelte. »Ronald schickt mich«, verkündete er den Brötchen, dem Brot und einer verblüfften Mary, als er den Brief auf die Arbeitsplatte warf und verschwand. Eine Woche zuvor hatte Ronald von Samuel einen neuen Filzhut erhalten, als Ansporn, die Schwester seiner Frau zu heiraten, und so hoffte der Kuppler im Geheimen, dass der Brief das Ende von Ronalds Absichten bezüglich seiner Schwester bedeutete.

Mary starrte auf den weißen Umschlag ohne Adresse. Sie zitterte, als sie ihn sorgfältig öffnete und ein einziges, exakt gefaltetes Blatt Papier entnahm. »Du Maria«, begann er. Sie war von dem harten »du« verletzt. »Die Geschichten, die hier umgehen, gefallen mir nicht«, las sie weiter. »Ich schreibe dir dieses eine Mal, und wenn du diesen Brief für dich behältst, dann gibt es etwas Hoffnung für uns. Wenn nicht, ist es vorbei.« Der Brief war in großen, schwungvollen Buchstaben mit »Ronald« unterschrieben. Er war so kalt wie eine Rüge des Deutschlehrers, nicht die Art Briefchen, die man von einem eventuellen künftigen Ehemann erwartet. Schlimmer noch, es ging daraus hervor, dass der Klatsch über sie und Elie weiterging.

Mary stolperte aus der Gemeinschaftsküche in die Wärme eines herrlichen Sommertages. In der Ferne hörte sie das Lachen der Kinder, die neben dem Hühnerhaus Fangen spielten, und das Brummen der beiden Rasenmäher der Kolonie. Becki Hofer und Martha Baer tauchten auf einem versteckten Weg auf, der zum Fluss führte. Ihre verfleckten Hände hielten metallene Honigeimer voller Beeren. Das Leben in der Gemeinschaft nahm seinen gewohnten Lauf, doch Marys Welt brach zusammen wie die Mauern von Jericho.

Sana Basel bewirtete ihre Familien gerade mit Schokoladenriegeln und Kaffee zum nachmittäglichen Lunschen, als ihre kleine Schwester an ihr vorbeieilte, die Treppe hinaufrannte und sich schluchzend aufs Bett warf. »Wos geht enn für? Was ist los?« fragte Sana Basel Paul Vetter und folgte ihrer Schwester ins Obergeschoss. Unter der Tür des Schlafzimmers, mit einem halb gegessenen Schokoriegel in der Hand, wollte Sana wissen, wo das Problem lag. Mary wollte den katastrophalen Brief niemandem zeigen, doch ihre Schwester verfügte über den Status und die Autorität einer Mutter. Ihr etwas abzuschlagen wäre ein Zeichen von Unehrerbietigkeit.

Eine kleine rote Ameise hastete über die Falten ihrer Bettdecke. Mary beneidete das Tierchen um seine Freiheit, als sie langsam den Brief aus ihrer Schürzentasche zog und ihn ihrer Schwester reichte.

Sana Basel rückte ihre Hornbrille zurecht und las den vertraulichen Brief. »Geht's rüft's in Jake Vetter!«, befahl sie ihren Töchtern, als sie zu Ende gelesen hatte, und sie eilten davon und suchten ihren Onkel. »Er weiß, was zu tun ist.«

Als Jake Maendel ankam, waren schon alle in der kleinen Küche im Erdgeschoss versammelt, einschließlich Mary mit rot geweinten Augen. Sana Basel zeigte den Brief und bestand darauf, dass Mary ihn laut vorlas. Mary stolperte über Ronalds Warnung, den Inhalt niemandem mitzuteilen. Als sie zu Ende gelesen hatte, sagte der Hilfspastor der Kolonie kein Wort. Er musste es auch nicht. Die umstrittene Beziehung zwischen seiner Schwester und dem russischstämmigen Fremden war vorbei.

In den folgenden beiden Wochen nahm Ronald seine Mahlzeiten nicht im gemeinsamen Speisesaal ein, weil er eine schlimme Bronchitis hatte. Er lag zu Hause im Bett, als Samuel Maendel auf einen Sprung hereinschaute und ihm verkündete, dass der Brief aus dem Backhaus öffentlich vorgelesen wurde. Ronald war am Boden zerstört.

Ein paar Tage später, als Sana Basel ihm wegen seiner Erkältung etwas Hühnersuppe mit Nudeln brachte, fand sie einen Mann mit gebrochenem Herzen vor. »Ich bitt dich, verzeich's mir. Bitte, vergib mir«, flehte sie, als sie den Schmerz in seinen Augen sah. Ronald schaute zu der Frau hoch, aufgrund deren Wärme und Güte er in die Kolonie New Rosedale gekommen war und es mit dem Leben in einer Gemeinschaft noch einmal versuchen wollte. »Was nützt mir deine Entschuldigung? Ich habe sie verloren«, antwortete er.

Kapitel 2 Die Hochzeit

»›Moch's gut. Mach's gut‹, zischte Ankela durch ihre störenden dritten Zähne.«

Mutter und Vater, zwei Jahre nach ihrer Hochzeit

Alleine in ihrem Schlafzimmer im Obergeschoss griff Mary nach ihrem Brautkleid und strich über den weichen, schweren Stoff. Es war sorgfältig aus sechs Metern herrlichem Brokat genäht, der vor drei Wochen geliefert worden war. Das Material kam aus dem Stofflager, das die Oberschneiderin verwaltete, und stammte von einem ihrer Einkäufe, die sie zweimal im Jahr beim Großhändler Gilfix und Roy tätigte. Neben den Ballen einfacher bedruckter Baumwollstoffe für Kleider, schwarzer Viskose für Hosen und karierter Baumwolle für Hemden hielt die Schneiderin auch umsichtig Ausschau nach feineren Stoffen für eine eventuelle Hochzeit.

Mary wäre es nicht in den Sinn gekommen, sich ein weißes Brautkleid mit Schleier zu wünschen, für das die Frauen in der »englischen« Welt draußen so sehr schwärmten. Blau war die traditionelle Farbe für hutterische Bräute, und ihr einfaches Gewand bestand aus den gleichen fünf Teilen wie die normale hutterische Bekleidung: Pfaht, Mieder, Kittel, Fittig und eine Jacke oder Wannick. Es war so praktisch und bequem wie ihr Alltagskleid, doch der Stoff und die Farbe stellten sicher, dass sie in den nächsten zwölf Stunden im Mittelpunkt stehen würde.