2,99 €
Wiederaufbau und die gesellschaftlichen Umbrüche der 1960er und 70er Jahre ziehen spurlos an Veronika vorüber. Sie ist gefangen im rückständigen Leben einer Bäuerin aus der Vorkriegszeit. Ohne Ausbildung, zu früh Mutter geworden, dreht sich ihr Tag um Kühe, Kinder und Kirche. Indem Veronika Bergmann ihr eigenes Leben Revue passieren lässt, werfen Rückblenden immer wieder Schlaglichter auf ihre eigene Kindheit und die Geschichte der Eltern. Dabei liefert sie eine anschauliche Beschreibung des abgeschiedenen Lebens einer Bäuerin im ländlichen Ostbelgien. Es ist ein Leben, geprägt von Arbeit, ohne Komfort und Annehmlichkeiten. Doch es gibt auch schöne und witzige Momente, vor allem mit den Kindern, die für sie immer am wichtigsten sind. Ich bin nicht satt geworden erzählt die Geschichte einer Frau, die ihren Hunger nach Wissen, nach Leben nie wirklich stillen konnte. Besonders nachvollziehbar zeigt Veronika Bergmann ihren persönlichen Aufbruch aus der unglücklichen Ehe und dem engen Korsett eines Lebens in einem Eifeldorf. Auf der Suche nach Wissen und einem Partner, mit dem sie mehr als die Arbeit teilt, krempelt sie ihr Leben um, findet neue Herausforderungen und auch eine neue Liebe.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2019
Ich bin nicht satt geworden
Ich bin nicht satt geworden
von
Veronika Bergmann
Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© Copyright 2019
by Veronika Bergmann
Umschlag: Ursula I. Meyer
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Printed in Germany
ISBN 978-3-7482-3596-5 (Paperback)
ISBN 978-3-7482-3597-2 (Hardcover)
ISBN 978-3-7482-3598-9 (e-Book)
Vorwort
Warum mache ich mir selbst das Leben so schwer, warum habe ich so wenig Nachsicht mit mir? Und warum habe ich das Gefühl von anderen immer Steine in den Weg gelegt zu bekommen? Ich denke, diese Fragen stellen sich viele Menschen, vor allem Frauen aus meiner Generation, der ersten Nachkriegsgeneration, ich bin 1947 geboren. Erst heute weiß ich, was das eigentlich bedeutet hat. Studien haben die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges auf die folgenden Generationen untersucht. Also nicht nur auf unsere, sondern auch auf die darauffolgende, auch die Kriegsenkel sind betroffen. Unsere Generation war geprägt von den Traumata unserer Eltern.
Warum haben unsere Eltern geschwiegen? Oder die Dinge verdreht? Das Schweigen unserer Väter und zum Teil auch unserer Mütter ist mir heute unverständlich. Eigentlich bin ich mir selbst unverständlich. Warum habe ich nicht nachgebohrt, Fragen gestellt, nachgehakt?
Wir Kinder fühlten uns gezwungen, brav zu sein, keinen Ärger zu machen, eben nicht aufzufallen. Auf mich trifft dieses Verhalten haargenau zu. Erst jetzt, mit über sechzig Jahren, auf der Suche nach mir selbst, fange ich an, offen meine Meinung zu sagen. Studien zeigen, dass sich bei manchen Kriegsenkeln alte Muster wiederholen, wie beispielsweise ein rastloser Arbeitseifer, zu wenig Selbstwertgefühl oder zu wenig Nachsicht mit sich selbst.1
Die Autorin Sabine Bode, die den Spiegel-Bestseller Kriegsenkel geschrieben hat, staunt über die Resonanz, die ihr entgegen gebracht wird, als sie das Verhalten von Nachkriegseltern und deren Kindern untersucht.
Sie schreibt von einem 70-jährigen Mann, der bis vor zehn Jahren mit kaum zu bewältigenden Spannungen und Ängsten durchs Leben lief, ohne zu wissen, woher sie kamen. Er sagte, »Das Schlimme ist, dass man nicht weiß, dass man kriegstraumatisiert ist. Als Kind versteht man das nicht. Auch später hat niemand darüber geredet. So hört der innere Schrekken nie auf, und man beschimpft sich als Erwachsener noch dafür.«2
Ich hatte zwar einen anderen Fokus, doch ich finde darin meinen Ex-Mann wieder. Ferdinand entspricht eher den hier im Buch beschriebenen Menschen, seine unbändige Arbeitslust und -wut. Er und seine Geschwister wurden mit ihren Gefühlen allein gelassen. Arbeit war das wichtigste Gebot seines Vaters, etwas anderes kannte er nicht. Er war vom Schweigen der Kriegsgeneration infiziert. Wie sollte es da mir gelingen, seine Seele zu erreichen?
Ich war schon völlig überfordert damit, die Kinder vor den Ausbrüchen ihres Vaters zu schützen und ihnen trotz aller Widerstände ein gutes Zuhause zu schaffen. Sicher ist, dass sie einen wohlwollenden Vater vermisst haben, einen Freund an ihrer Seite, der auch mal mit ihnen lachen konnte oder wenigstens mit ihnen redete.
Neulich führte ich ein Gespräch mit unserer ältesten Tochter. Ich hakte ein wenig nach, und fragte: »Was meinst du, Sabine, wäre es nicht ehrlicher gewesen, ich hätte euch Ferdinands wahres Gesicht nicht vorenthalten? Vielleicht würdet ihr dann die Trennung und alles, was dazugehört, besser verstehen.« »Auf keinen Fall, Mama«, antwortete sie, »das hätten wir nicht überlebt, vor allem nicht die jüngeren Brüder.«
Inzwischen hat sich meine Meinung geändert. Ein ehrliches Geständnis über unsere Ehe, als sie 15 oder 16 Jahre waren, wäre vielleicht entspannter für mich und die Kinder gewesen. Aber diese Erkenntnis kommt wieder einmal zu spät.
Mit diesem Buch möchte ich Fragen ansprechen, die unbeantwortet sind, neue aufwerfen und auf diesem Weg versuchen, mein eigenes Leben zu analysieren und zu ergründen. Diese Untersuchung erfordert einen Weg durch Vergangenheit und drei Generationen. Aus Anteilnahme, Betroffenheit und Respekt gegenüber meinen Vorfahren, möchte ich auch ihre Spuren hinterlassen.
Meine Mutter war eine wohlhabende Bauerntochter mit sozialem Status und, aus damaliger Sicht, einer höheren Schulbildung. Nach dem Krieg ist die Familie jedoch völlig verarmt. Dieser Abstieg und die daraus entstehenden Probleme haben uns drei Mädchen geprägt und sind verantwortlich für unsere Sozialisation. Die Armut hat keine Entwicklung zugelassen. Der Kampf ums Dasein war das tägliche Gebot.
Meine beiden Schwestern und ich sind ohne jegliche Anreize aufgewachsen, und diese sind für die Entwicklung eines Kindes nötig. Dieser Mangel an Entfaltungsmöglichkeiten ist nach meiner Meinung der größte Stolperstein in meinem Leben gewesen. Er hat mich zu einer Spätentwicklerin gemacht, eine Tatsache, die sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht.
Erst in der Mitte meines Lebens, mit etwa 40 Jahren, als ich immer kränklicher und depressiv wurde, ist mir klar geworden, dass meine Psyche noch mehr rebelliert als mein Körper. Mit Selbstbeobachtung und Analyse begann ich meine Seelenarbeit.
1 Vgl. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/verdraengter-schrecken-wie-kriegskinder-ihr-trauma-vererben-a-610297.html (1.8.2017)
2 Sabine Bode: Kriegsenkel, Hamburg 2017, S. 25
Inhalt
Kapitel 1: Was bleibt, ist Erinnerung
Meine Kindheit und Schulzeit
Mamas Erziehung
Oma Gerti
Drei Generationen unter einem Dach
Die Familie meines Vaters aus Rohren bei Monschau
Meine Onkel und Tanten
Wir Mädchen wachsen heran
Tonis Talente
Meine Schwestern und ich im Stall und bei der Feldarbeit
Der Krieg hinterlässt schweigende Väter
Erste Begegnung mit dem Verliebtsein
Kapitel 2: Die Ehe, das unbekannte Land
Die ersten Ehejahre im Elternhaus
Ein Kind bekommt ein Kind
Vier Generationen unter einem Dach
Meine Freude, sein Ärger – das Leben mit den Kindern
Der große Brand
Nach dem Brand: Renovierung des alten Hauses und Neubau
Umzug ins neue Haus
Mama und Ferdinand zwingen mir Heinz auf
Die Zeit der Doppellender
Ferdinand und die Kinder
Ich, ein Kind unter Kindern
Ferdinand und die Arbeit
Nach dem Tod von Heinz ziehen meine Eltern zu uns
Mutter und Schwiegermutter
Die unerträglichenSpannungen zwischen Mutter und mir
Versöhnung mit meiner Mutter
Kapitel 3: Aufbruch in ein neues Leben
Endlich Wissen
Der erste richtige Streit mit Ferdinand
Zeit meiner Entwicklung
Die Kraft der bildlichen Vorstellung
Peter unterstützt mich
Wir beide in Maastricht
Erster Auszug aus dem gemeinsamen Haus
Ich, überall gleichzeitig, geht das?
Peter und seine Krankheit
Ferdinand zieht aus
Mein Kampf um eigenes Geld
Neue Liebe in späten Jahren – Silvester
Zum Schluss
Kapitel 1Was bleibt, ist Erinnerung
In diesen Stunden zog mein ganzes Leben an mir vorbei. Ich saß am Krankenbett von Ferdinand, meinem Ehemann, dem Vater meiner Kinder, dem gegenüber auch ich mich oft wie ein Kind gefühlt hatte. Nun lag er im Sterben. Jetzt war er das Kind, schon seit Jahren konnte er weder sprechen noch seine Arme und Beine bewegen. In diesen letzten Stunden hielt ich ihn im Arm, streichelte vorsichtig seine Wangen und spürte, dass er meine Anwesenheit bemerkte. Ich hörte auf seinen keuchenden Atem, der irgendwann ganz ruhig wurde. Und plötzlich war es still.
Wie viele Jahre habe ich mit diesem Mann gekämpft, nicht körperlich, sondern emotional, mit seinem stoischen Wesen, seiner eigensinnigen Art gerungen und immer nur Enttäuschung verspürt. Doch ich habe mich in der Auseinandersetzung mit ihm und unserer Beziehung selbst entwickelt.
Schon lange lebten wir nicht mehr im gleichen Haus, waren neue Partnerschaften eingegangen. Aber es verband uns immer eine freundschaftliche Beziehung und natürlich unsere vier Kinder.
Ich ließ unsere gemeinsame Zeit Revue passieren und fragte mich, wie kam es eigentlich, dass wir überhaupt geheiratet hatten. Habe ich ihn geliebt, wusste ich damals überhaupt was Liebe war?
Schon mit 16 Jahren hatte ich Ferdinand kennen gelernt. Er gehörte zu einer Gruppe von jungen Männern, die meine Schwester an ihrem Namenstag besuchten (früher wurde nicht der Geburtstag, sondern nur der Namenstag gefeiert). Zum Zeitvertreib wurde Karten gespielt und dabei bemerkte ich die Blicke eines jungen Mannes, er hieß Ferdinand. Ich genoß zwar sein Interesse, aber so richtig gefallen hat er mir eigentlich nicht, obwohl er sehr lustig und gesprächig war. Mama hänselte mich am folgenden Tag: »Der Junge gestern hat dir vielleicht schöne Augen gemacht.«
Zu dieser Gruppe gehörte ein weiterer Junge, der Toni den Hof machte. Für sie war es auch nicht der Richtige, trotzdem ließen wir uns sonntags zu einer Tour mit dem Auto einladen. Interessanter als Zuhause zu sitzen, war es allemal. Aber um 18 Uhr, zur Stallarbeit, mussten wir wieder antreten.
Ferdinand ließ nicht locker und weil kein anderer in Sicht war, ließ ich mich auf eine Beziehung mit ihm ein. Meine Eltern mochten ihn, er half beim Heu machen und anderen Ernten aus, war fleißig und immer gut gelaunt, so einen Schwiegersohn wünschten sie sich.
Heute verstehe ich gar nicht mehr, warum ich mit erst 19 Jahren »Ja« sagte. Wenn ich mich mit meinen Enkeln vergleiche, war ich nicht erwachsen, sondern hatte damals die Reife einer 12-jährigen. Nur gearbeitet habe ich natürlich wie eine richtige Frau.
Ich hatte überhaupt keine Ahnung von der Ehe, von Familienplanung, von Verhütung und natürlich wusste ich nicht, wie Männer im Vergleich zu Frauen gestrickt waren. So lief ich blind in mein Unglück, bis zur Trennung von Ferdinand nach 33 Ehejahren.
Damals wurden Kurse für Paare vor der Hochzeit angeboten. Diese Vorträge begeisterten mich total. Wir bekamen Fragebögen zum Ausfüllen, um unsere Gefühle zu testen und zu erkennen.
Ferdinand konnte mit diesem Kurs überhaupt nichts anfangen und machte sich nur darüber lustig, genauso wie der inzwischen feste Freund meiner Schwester. Seine Skepsis irritierte mich zwar und ärgerte mich natürlich, aber mir war nicht klar, welche innere Leere der Grund dafür war. Diese Leere erwies sich in den folgenden Jahren als größtes Problem, aber damals erkannte ich das nicht. Mein Geist war gar nicht fähig, so etwas zu analysieren, aber meine Gefühle haben schon damals richtig gelegen, ich empfand nur Traurigkeit.
Dass ich so unerfahren in diese wichtigste Beziehung in meinem Leben gestolpert bin, hat mit unserem einschränkenden Leben zu tun. Umgeben von Vieh und ohne Eindrücke, die den Geist formen, wuchsen meine Schwestern und ich auf.
Meine Kindheit und Schulzeit
Schon mit 14 Jahren war für mich die Schule zu Ende und es gibt nichts, was ich mehr bedauere. Als ich die Dorfschule abgeschlossen hatte, wollte ich eigentlich mit der Mittelschule anfangen. Ich wurde aber gar nicht gefragt, was ich später machen möchte, Mama suchte das aus, was am wenigsten kostete. Da meine Schwester Toni in einem kleinen Krankenhaus in Vianden arbeitete, erschien es meinen Eltern praktischer, wenn ich dort zur Schule gehen würde. Dort gab es aber nur eine landwirtschaftliche Haushaltsschule, was für mich total uninteressant war, da ich ja keine Bäuerin werden wollte.
Sogar unsere Dorflehrerin riet meiner Mutter: »Lass die Veronika studieren, sie hat das Zeug dazu«. Aber meine Eltern warfen mich einfach ins kalte Wasser. Auch durfte ich nicht, wie die meisten anderen Kinder, am Wochenende nach Hause kommen. Ob es meiner Mutter zu teuer war, oder sie verhindern wollte, dass ich womöglich im Bus einen Jungen kennen lernte, weiß ich nicht, wahrscheinlich trifft beides zu.
Eigentlich ist es erstaunlich, dass meine Mutter so schnell beschloss, meine Schulbildung zu beenden. Sie selbst hatte nach der Schule noch ins Internat nach Liège gedurft.
Meine Mutter stammte aus einer der zwei angesehensten Familie in Schloßheck. Es scheint fast so, als hätte es früher dort keine anderen Namen als Margraf und Jakobi gegeben. Meine Kinder hatten Mühe, die Verwandtschaftsverhältnisse zu entwirren.
Beide Namen beherrschten von jeher, bis in die 1990er Jahre, das Dorf. Beide Familien hatten Geld und genug Grundbesitz und wie überall, auch viele Kinder.
Die einflussreichen Väter verheirateten ihre erwachsenen Kinder wiederum standesgemäß, vor allem die Töchter. So kam Geld zu Geld.
Meine Oma Gerti, eigentlich Gertrud Jakobi, liebte einen Lehrer, das duldete ihr Vater überhaupt nicht, »das arme Dorfschulmeisterlein«, so hieß damals ein Spottvers.
Also wurde sie gezwungen, ihren Nachbarn, Edmund Margraf zu nehmen, der 10 Jahre älter war und reichlich Geld und Grundbesitz hatte. Sie heiratete in den Hof ein und nach vier Jahren hatten beide bereits zwei Kinder, meine Mutter Marianne und ihren Bruder Stefan.
Die Nachkommenschaft war gesichert, deshalb wurde mein Opa vorsichtshalber in die Gesindekammer verbannt, er ließ es mit sich machen.
Meine Oma hatte das Sagen, spurte mein Opa nicht, ging sie zu ihrem Vater, der diesem dann die Meinung sagte. Opa ergab sich in sein Schicksal, er resignierte und ließ Oma Gerti schalten und walten. Er hatte ein sanftes Wesen und war meiner dominanten Großmutter nicht gewachsen. Meine Mutter hat den Charakter ihres Vater geerbt, auch sie konnte sich nicht durchsetzen, wenn es um ihre Mutter ging.
Mit großer Wahrscheinlichkeit habe auch ich diesen Mangel an Durchsetzungsvermögen und Wiederstandsgeist von Großvater geerbt. Hätte ich einmal so richtig auf den Tisch gehauen, wäre mir vieles erspart geblieben. Leider fehlte mir früher diese Einsicht und ich steckte zurück, aus Furcht, jemand könnte darunter leiden.
Damals, in den 1920er Jahren war es in Ostbelgien üblich, dass Kinder aus besserem Hause eine gute Schulbildung erhielten, vor allem wegen der französischen Sprache. Auch das Erlernen eines Musikinstrumentes war damals ein Muss: meine Mutter spielte Klavier, ihr Bruder Mandoline. Schule und Musik waren Statussymbole.
Mutter kam nach Liège in eine erzkatholische Nonnenschule, die als sehr streng galt. Sie erzählte: »Wenn wir einen Spaziergang durch den Park machten und sich aus der Ferne ein paar männliche Personen näherten, befahlen uns die Nonnen sofort, ›baisser vos yeux, les filles, c’est le diable, qui passent‹*.« Erzieherisch gesehen eine Katastrophe, die aber in Mädchenpensionaten Methode war. In Internaten für Jungen gab es sicher andere Erziehungsfehler. Mutters Bruder war allerdings in einem Internat in Verviers, in dem es nicht so konservativ zuging.
Für mich verabredete meine Mutter mit der Oberin des Krankenhauses, in dem Toni arbeitete, dass ich eine Unterkunft fürs Wochenende bekam; Kost und Logis und als Gegenleistung sollte ich dort arbeiten. Ich fand diese Abmachung gar nicht so schlimm, denn ich arbeitete gerne.
Doch vier oder fünf Wochen am Stück sind für ein Kind, das noch nie von Zuhause weg war, eine lange Zeit. Ich hatte solches Heimweh, dass die Oberin heimlich meine Eltern anrief und sie bat, mich doch wenigstens einmal zu besuchen. Das taten sie auch. Mitten im Unterricht wurde ich nach draußen gerufen und als ich meine Eltern sah, fiel ich Papa weinend in die Arme. Ich erzählte ihnen meinen Kummer, dass mir viele Dinge für den Unterricht fehlten, weil Mama sie nicht für nötig hielt, dass meine Mitschülerinnen über meine ärmliche Kleidung spotteten und meinen zerschrammten Koffer, ein Erbstück meines Vaters aus dem Krieg, einfach aus dem Fenster geworfen hatten. Beschämt musste ich meine mickrige Garderobe vom Schulhof auflesen.
Dem französischsprachigen Unterricht konnte ich gar nicht folgen, ich bekam keinen richtigen Satz zustande. In der Dorfschule, auf die ich bis 1959 gegangen war, hatten wir lediglich ein paar Vokabeln gelernt, aber keine Konjugationen.
Die Wochenenden im Klösterchen waren freundlicher. Die Schwestern mochten mich und stritten darum, mit wem ich arbeiten durfte. Die Bügelfrau brauchte Hilfe bei der Wäsche, die Stationsschwester beim Essen austeilen und die Küchenschwester wollte mich als Spülhilfe.
Von den Nonnen bekam ich viel Zuwendung und Lob für meine Arbeit. Sogar an meinen Namenstag hatten sie gedacht. Als ich am Samstag Mittag aus der Schule kam und zum Esstisch ging, hielt ich überrascht inne. An meinem Platz lagen viele kleine Geschenke, zwar bescheidene, aber ich habe mich selten so gefreut.
Es ist nicht zu übersehen, wie folgsam ich war. Für mich wäre es ein Leichtes gewesen, am Samstag Nachmittag statt ins Klösterchen zu gehen, einfach heimzufahren. Die Bushaltestelle kannte ich. Ich denke, jede 14-jährige hätte so gehandelt, zumal ich keine Bestrafung zu fürchten brauchte. Meine Eltern hätten sich bestimmt gewundert, aber dann wäre es eben so gewesen. Hätte ich weiter darauf bestanden, hätte ich jedes Wochenende heimfahren können. Papa schlug mir nicht so leicht etwas ab. Aber hier zeigt sich wieder, dass ich zu brav war und zu wenig Widerstand an den Tag legte. Auf jeden Fall war mir in dieser schrecklichen Schule jede Lust am Lernen vergangen.
Diese Erfahrung hat mich gelehrt, meine eigenen Kinder in die Pläne für ihre Zukunft einzubeziehen und ihnen zu erklären, wie wichtig ein neuer Lebensabschnitt für sie ist.
Mamas Erziehung
Mit meinen Schwestern waren meine Eltern weniger streng. Toni sollte mit 14 Jahren im Lyzeum anfangen. Nach drei Wochen gab sie wieder auf. Sie erzählte meinen Eltern von schrecklichen Gespenstern und da diese eine Nervenkrise befürchteten, musste sie nicht mehr hin. Auch meine jüngste Schwester Barbara, die auf die gleiche Schule wie ich in Vianden gehen sollte, hielt es dort nur drei Wochen aus. Und das obwohl sie jedes Wochenende heim durfte.
Mit mir wurde nicht so viel Aufhebens gemacht, vielleicht habe ich mich zu selten gewehrt und leichter in mein Schicksal gefügt und ich war bestimmt nicht verwöhnt. Lieb und folgsam sein, und brav den Befehlen der Eltern gehorchen, das waren die Eigenschaften, die von Mädchen erwartet wurden.
Meine jüngste Schwester Barbara war viel widerspenstiger als Toni und ich. Als Kleinkind war sie oft krank, deshalb kümmerte sich Mama mehr um sie, was wiederum dazu führte, dass Barbara anspruchsvoller wurde. Die ganze Fürsorge ging so in die falsche Richtung. Barbara wurde verhätschelt, es fehlte ihr an einer richtigen Orientierung. Zeitlebens litt meine Schwester unter dieser ambivalenten Erziehung.
Als Kinder haben wir Schwestern es gar nicht bemerkt, deshalb waren Toni und ich fassungslos als uns Barbara davon erzählte: Da sie sich als einzige traute zu widersprechen, wurde Mama böse und ihr rutschte hin und wieder die Hand aus. Ich vermute, meine Mutter war einfach überfordert.
Normalerweise wurden Streit und Schläge bei uns vermieden. Dafür wurden wir von Mama manipuliert.
