Ich, der Küster von Zwingenberg - Ein einfaches, aber interessantes Leben - Heinz Beck - E-Book

Ich, der Küster von Zwingenberg - Ein einfaches, aber interessantes Leben E-Book

Heinz Beck

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Beschreibung

In dem Buch erzählt Heinz Beck von seinem bewegenden Leben, während und nach dem zweiten Weltkrieg, mit den verschiedenen Stationen seines Lebens bis ins Jahr 2015. Er berichtet von seiner Kindheit während des zweiten Weltkrieges und seiner Zeit danach in einem Uranbergwerk, das Arbeiten bei Circus Krone und den in Bensheim-Auerbach stationierten Amerikanern. Er berichtet ebenfalls von seiner Zeit an der schönen hessischen Bergstraße. Das Buch gibt Einblick auf ein einfaches aber interessantes Leben eines ganz normalen Menschen.

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Seitenzahl: 331

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Vielen Dank

an

meine Tochter Anette

und

ihre Töchter Angela und Michaela

mit Eurer Hilfe ist meine Geschichte

wirklich zu einem Buch geworden.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Meine Kindheit

Meine Kinderzeit in Wackersleben von 1938 bis 1945

Mein Leben

Meine Zeit von 1949 bis 1956

Mein Leben bei Circus Krone und in München

Mein Leben an der Bergstraße in Auerbach und Zwingenberg

Mein Leben ab 1956

Mein Leben ab 1970

Mein Leben ab 1980

Mein Leben ab 1990

Meine Zeit als Küster und Hausmeister bei der evangelischen Kirchen Gemeinde in Zwingenberg

Die Gottesdienste in der Kirche

Die Hochzeiten in unserer Kirche

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser, warum ich meine Lebensbiographie geschrieben habe, kam daher, dass ich unserem Pfarrer Ehepaar Herrn und Frau R. einmal in groben Zügen aus meinem Leben erzählte. Auf meine Schilderung hin wurde ich vom Pfarrer Ehepaar R. gebeten, doch mein Erlebtes aufzuschreiben, damit es der Nachwelt erhalten bleibt. Dieses Gespräch fand zu jener Zeit statt, als ich noch mit Pfarrer R. zusammengearbeitet hatte, also schon vor 1992.

Aber vor lauter Arbeit hatte ich keine Zeit zum Schreiben finden können, deshalb habe ich erst im Jahre 2009 mit dem Schreiben angefangen. Ich hatte lange überlegt, ob ich überhaupt eine Autobiographie schreiben sollte, denn ich muss ja Intimes aus meinem Leben und meiner Familie preisgeben. Nachdem nun meine Frau, meine Kinder und auch Enkelkinder mich gebeten haben, doch mit dem Schreiben anzufangen, habe ich mich dann doch dazu entschlossen.

Es war für mich nicht leicht alles aufzuschreiben, vor allem dann, wenn man so etwas noch nie gemacht hat.

Anfangs hatte ich mit einer Schreibmaschine angefangen zu schreiben. Das war sehr mühsam, denn jede neue, mit der Schreibmaschine geschriebene Seite, musste ich abheften. Später wenn mir wieder etwas einfiel und ich dies noch Einfügen wollte, musste ich dann die fertige Seite auseinander schneiden und das neu Geschriebene einkleben. Als eines Tages unsere Enkelin Stefanie aus Würzburg zu Besuch war, hatte sie zu mir gesagt: „Opa, du bekommst von mir meinen ausgemusterten Laptop, dann hast du es leichter mit dem Schreiben.“ Was war das eine Erleichterung für mich!

Ich konnte Satzteile/Worte/etc. einfügen und streichen, ohne etwas zerschneiden zu müssen.

Ich habe in meinen Aufzeichnungen keine Nachnamen ausgeschrieben, damit ich nicht mit dem Datenschutzgesetz in Konflikt komme, denn viele genannte Personen leben noch. Ich versichere ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dass ich alles wahrheitsgemäß geschrieben habe und alles dem entspricht, was ich noch im Gedächtnis habe oder aufgezeichnet hatte.

Ich hätte gerne noch mehr niedergeschrieben, aber ich wollte nichts dazu dichten, weil ich aus dem Gedächtnis nicht mehr alles genau wiedergeben kann und fantasieren wollte ich nicht.

Nun meine lieben Leserinnen und Leser, wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Lesen und das Ihnen meine Lebensgeschichte gefällt. Ein einfacher Mensch, der ein bewegtes Leben haben kann.

Ihr Heinz Beck.

Meine Kindheit

Im Juni 1931 wurde ich als Sohn von Friedrich Beck und Maria Beck geb. Dohmes in Magdeburg geboren.

Bei meiner Geburt wog ich 5 1/2 kg und war 52 cm groß. Geboren wurde ich in der Klinik Magdeburg - Bukau. Meine Eltern hatten am 23.12. 1930 in Erxleben, Kreis Haldensleben, geheiratet.

Meine Eltern, bei der Hochzeit von Schwester Ursel

Meine Mutter hatte ein uneheliches Kind, einen Sohn, mit in die Ehe gebracht. Er trug den Namen Otto und war 1929 geboren. Meine Eltern wohnten damals in Erxleben. Kreis Helmstedt, in einem 6 Familien Reihenhaus. Das Haus selbst gehörte zu dem Gut, auf dem mein Vater arbeitete. Es war aus Backsteinen gebaut, aber nicht so komfortabel wie die Häuser heute sind: Es gab weder fließendes Wasser, noch Toiletten oder Bäder. Das Wasser wurde mit Eimern aus einem Brunnen im Hof geschöpft.

Gegenüber dem Wohnhaus befanden sich die Stallungen der Hausbewohner, in denen sich auch das Plumpsklo (heute Toilette) befand. Das Plumpsklo war ein Bretterverschlag mit einer Holztür, in der ein Herz ausgesägt war. Die Toilette selbst war ein Kasten mit einem Brett oben drauf liegend. In dem Brett war ein ca. 25 cm großes, ausgesägtes Loch, worunter ein Kasten für die Exkremente stand. War der Kasten voll, wurde er hinter dem Stall auf dem Misthaufen ausgeleert. Wenn wir auf dem Klo saßen, konnten wir alles beobachten, was so auf dem Hof passierte.

Im Stall hatten meine Eltern ein Schwein, zwei Ziegen und Hühner. Das Schwein wurde in den Wintermonaten geschlachtet und zu Wurst und Fleisch verarbeitet. Hinter dem Stallgebäude befand sich auch ein kleiner Garten, in dem Gemüse angebaut wurde.

Der Hof selbst war nicht gepflastert, der Boden war nur fest gestampfter Lehm. In der Mitte des Hofes war eine Wasserrinne für das Abwasser gepflastert, von der Wasserrinne aus war ein Zugang zum Haus und zum Stall gepflastert. Wenn es regnete, war der Hof ein einziger Morast. Wir mussten Gummistiefel anziehen oder Barfuß laufen, sonst konnten wir nicht raus auf den Hof. In die Wasserrinne wurde das ganze Abwasser der Bewohner geschüttet. Im Sommer stank es dann immer fürchterlich.

Im gleichen Haus, wohnten auch die Eltern meines Vaters, Opa Wilhelm und Oma Marie.

Oma und Opa mit Cousins/Cousinen und mir

Das Haus selbst gehörte zur Schlossdomäne von Erxleben, auf der mein Vater und auch mein Opa arbeiteten. Im Haus hatten meine Eltern drei Zimmer und eine Küche. Die Wohnung war nicht sonderlich groß, die Küche war auch der einzige Raum, der im Winter beheizt wurde. In der Küche befand sich neben dem Kohleherd eine sogenannte Grude. Das war ein gemauertes Viereck, ca. 80 cm hoch, mit einem 60 mal 60 cm großen Innenraum, der nach oben hin offen war. Darin lag ein Feuerrost, unter dem Koks brannte, so war die Küche immer schön warm.

Im Wohnzimmer stand ein kleiner Kanonenofen, der im Winter nur sonntags beheizt wurde. Das Schlafzimmer war immer eiskalt und wurde auch im Winter nicht beheizt, denn Holz und Kohle waren knapp und teuer.

In die Betten kamen im Winter runde Wackersteine, die in der Grude heiß gemacht, dann in Tücher eingewickelt und, eine ½ Stunde bevor wir schlafen gingen, ins Bett gelegt wurden.

Durch die erhitzten Steine wurden die Betten vor-gewärmt. Zudem hatten wir zu zweit in einem Bett geschlafen und uns gegenseitig gewärmt. Matratzen wie heute hatten wir keine. Wir schliefen auf Strohsäcken. Die Strohsäcke wurden mit Haferstroh gestopft, in der Mitte war nach einiger Zeit immer eine tiefe Mulde, so dass wir Kinder morgens immer in dieser Mulde wach geworden waren. Die Strohsäcke wurden jeden Morgen neu aufgeschüttelt und alle drei Monate mit neuem Haferstroh gestopft. Im Winter war es im Schlafzimmer so kalt, dass nachts sogar die Nachttöpfe einfroren.

Mein Vater arbeitete auf der Schloßdomäne Erxleben als Gespannführer. Er hatte zwei Pferde, mit denen er arbeitete. Die Pferde waren Belgische Kaltblüter und bestimmt 10 Zentner schwer. Mit den Pferden pflügte er das Land und verrichtete alle anderen anfallenden Arbeiten. Auf der Domäne gab es ca. 20 Pferdegespanne. Eine Domäne ist ein Gut das eine Fläche von über 1000 ha Ackerfläche umfasst.

Verdient hatte mein Vater damals ca. 16 Mark in der Woche. Dazu gab es ein Deputat, also Kartoffeln für uns und Korn für das Schwein, und für die anderen Tiere Futter.

Vater musste auch sonntags immer zum Pferde füttern und Stall ausmisten auf der Domäne arbeiten. Damals gab es noch keine 40-Stunden-Woche, da wurde manchmal bis spät in die Nacht gearbeitet und nicht auf die Stunden geschaut. Überstunden wurden auch nicht bezahlt, das gehörte in der Landwirtschaft einfach dazu. Mein Opa arbeitete auf der Schloßdomäne als Schäfer. Als Kinder waren wir oft mit ihm draußen bei den Schafen und hatten dort gespielt. Viele Erinnerungen an diese Zeit habe ich leider nicht mehr, denn dazu war ich damals noch zu klein. Meine Mutter hatte einen unehelichen Sohn mit in die Ehe gebracht. Er war 2 Jahre älter als ich. Mit meinen Halbbruder Otto hatte ich mich immer gut verstanden. Wir waren als Kinder unzertrennlich.

Im Juli 1932 kam meine Schwester Gisela auf die Welt, im Dezember 1933 Schwester Frieda und am ersten Weihnachtsfeiertag 1934 Schwester Ursula. Nun waren wir fünf Kinder und mit den Eltern zu siebt in der kleinen Wohnung. Es war immer etwas los bei uns. Wir Kinder zankten uns und die Eltern schimpften mit uns, und es gab auch mal einen hinten drauf. Mutter hatte eine lockere Hand. Sie fackelte nicht lange und schlug zu. Meistens bekamen wir zwei Buben die Hiebe, die Mädels bekamen selten Schläge.

1935 wurde mein Bruder Otto in Erxleben in die Volksschule eingeschult und 1937 kam ich in die Schule. Es war eine klassische Dorfschule. In den Klassen waren vier Schuljahrgänge zusammen untergebracht, vom ersten bis zum vierten Schuljahr. Ich kam in die Klasse, in der schon mein Bruder Otto war. Die Schule befand sich in Erxleben in der Hauptstraße, nicht sehr weit von unserem Haus entfernt.

Zwei Häuser vor der Schule wohnte ein Bruder meines Vaters, Onkel Ernst. Er war Friseurmeister und hatte ein eigenes Geschäft. Von Onkel Ernst bekamen wir unsere Haare kostenfrei geschnitten. Seine Frau, unsere Tante, hieß Frieda. Sie hatten zwei Söhne, ihre Namen waren Gerald und Günter. Mit ihnen hatten wir wenig Kontakt gehabt - warum das so war, weiß ich nicht mehr.

In Erxleben wohnte auch noch ein weiterer Bruder unseres Vaters, Onkel Wilhelm. Er war der Älteste von vier Brüdern meines Vaters. Er wohnte am Ende von Erxleben, in Richtung Haldensleben. Seine Frau hieß Lene, sie hatten einen Sohn mit dem Namen Rudi. Die weiteren Brüder meines Vaters waren Onkel Otto in Berlin und Onkel Franz.

Wo er sich damals aufhielt, wussten wir bis 1942 nicht. Onkel Otto und Tante Frieda in Berlin hatten zwei Töchter mit den Namen Margot und Rita.

Den Vater meiner Mutter, also meinen Großvater, habe ich in meinem Leben nur zwei Mal zu sehen bekommen, das auch erst als ich schon 16 Jahre alt war. Die Mutter meiner Mutter, also meine Großmutter. war gestorben als meine Mutter drei Jahre alt war. Opa hatte später wieder geheiratet, so dass unsere Mutter eine Stiefmutter bekam. Unsere Stiefoma habe ich nie kennen gelernt, so auch nicht die Halbgeschwister von Mutter. Bis auf eine Tante mit dem Namen Editta, habe ich keine der Schwestern meiner Mutter kennen gelernt.

Wir Kinder wurden älter und größer. So kam es, dass die Wohnung in Wackersleben zu klein wurde und Vater zu wenig verdiente, um seine Familie zu ernähren. So suchte er sich eine neue Arbeit und die fand er in Schöningen, Kreis Helmstedt, in Nieder Sachsen auf dem Hofgut Klosterfreiheit.

Außerdem war unsere Mutter erneut schwanger. Für ein sechstes Kind war in der Wohnung ohnehin kein Platz mehr. Also zogen wir im Spätsommer 1937 nach Schöningen, in ein Haus, das direkt auf dem Hof vom Hofgut Klosterfreiheit lag. Schöningen war zur damaligen Zeit eine Stadt mit ca. 15.000 Einwohnern, die direkt am Höhenzug Elm liegt. An den Umzug nach Schöningen kann ich mich noch gut erinnern. Es kam ein Pferdefuhrwerk aus Schöningen nach Erxleben, das uns damals abholte, Viele Möbel hatten wir ja nicht, so dass alles auf dem Wagen Platz hatte. Wir Kinder wurden alle auf den Wagen gesetzt und ab ging es nach Schöningen. Wir waren ca. vier Stunden unterwegs bis wir in Schöningen ankamen. Das Haus, in das wir einzogen, sah aus wie das Haus in Erxleben. Es war ein Haus mit mehreren Parteien.

Nur war der Hof nicht so schmutzig wie in Erxleben, denn er war gepflastert. Die Wohnung selbst war auch etwas größer als die in Erxleben, aber nicht sonderlich komfortabler. Es war auch war kein fließendes Wasser oder eine Toilette in der Wohnung vorhanden. Die Toilette, oder besser gesagt das Klo, war auf dem Hof und wurde von allen Bewohnern des Hauses genutzt. Der Hof selbst war beleuchtet. So konnten wir Kinder auch mal nachts allein aufs Klo gehen.

Ein paar Tage, nachdem wir in Schöningen eingezogen waren, wurden Otto und ich eingeschult. Otto kam in die zweite Klasse und ich kam in die erste Klasse der Volksschule Schöningen. Um in die Schule zu gelangen, mussten wir von unserer Wohnung aus einen 16% steilen Berg herunter laufen, dann noch ungefähr 300 m durch die Stadt. Die Schule war ein großes Gebäude mit einem großen Schulhof davor. Die Klassen in Schöningen waren viel weiter mit ihrem Lehrstoff als die Volksschule in Erxleben. Die erste Zeit hatte ich große Schwierigkeiten damit klar zu kommen, am Ende hatte es doch noch geklappt.

In der Nachbarschaft der Schule wohnte ein Onkel unserer Mutter mit seiner Frau, die Emma hieß. Wir Kinder waren immer gerne zu ihnen auf Besuch gegangen, denn Onkel Herrmann war sehr lustig und hatte mit uns immer viel Spaß gemacht. Er selbst und seine Frau hatten keine eigenen Kinder. Onkel und Tante hatten sich immer gefreut, wenn wir Kinder zu Besuch kamen. Bei ihnen bekamen wir immer etwas Gutes zu essen. Onkel Herrmann hatten wir Kinder nicht immer verstanden, wenn er was sagte, denn er sprach immer Plattdeutsch mit uns Kindern. Auch hatte er einen Spitznamen, er wurde Nauke genannt. Tante Emma war ebenfalls immer nett zu uns, aber sie hat auch oft mit uns geschimpft, wenn wir bspw. auf der Toilette waren und zu viel Wasser verbrauchten. Das konnten wir Kinder gar nicht verstehen, dass Wasser so teuer sein sollte, denn wir brauchten ja kein Wassergeld zu zahlen.

Neben dem Haus, in dem wir wohnten, verlief die Straße von Schöningen nach Schöppenstedt, die sehr steil war. Und so war das Haus, in dem wir wohnten, teilweise tiefer als die Straße gebaut. Unsere Fenster waren zum Teil tiefer als die Straße gelegen. Wenn wir Kinder in die Stadt oder in die Schule gingen, waren wir einfach durchs Fenster auf die Straße gestiegen. So brauchten wir nicht immer über den Gutshof laufen.

Im Winter lag immer viel Schnee auf der Straße. So konnten wir auf der steilen Straße Schlitten fahren. Das war für uns immer ein großer Spaß. Unsere Mutter bekam im Februar 1938 ihr sechstes Kind, ein Mädchen. An die Geburt unserer Schwester Erika kann ich mich noch sehr gut erinnern. Als es soweit war, sagte die Hebamme zu uns Kindern, dass nun bald der Klapperstorch käme und der Mutter ein kleines Geschwisterchen bringen würde. Sie sagte, dass wir Kinder zu unserer Nachbarin auf der Straßenseite gegenüber gehen sollten. Also stiegen wir alle durch das Fenster auf die Straße und liefen zur Nachbarin rüber. Bei der Nachbarin drückten wir unsere Nasen an der Fensterscheibe platt, aber einen Klapperstorch hatten wir nicht zu sehen bekommen. Am späten Nachmittag durften wir dann wieder nach Hause und unser Schwesterchen war da. Es lag in der Wiege, trotz dass wir keinen Klapperstorch gesehen hatten.

Nach dem unsere Schwester geboren war, war unsere Wohnung erneut zu klein geworden. Auch die Arbeit auf dem Gut Klosterfreiheit hatte unserem Vater nicht mehr gefallen. Mittlerweile waren unsere Großeltern aus Erxleben weggezogen und zwar nach Wackersleben im Kreis Haldensleben in, Sachsen-Anhalt. Arbeit und Wohnung hatte Opa auf dem Gut Wilhelm B. in Wackersleben gefunden.

Im Herbst 1938 wurde auch Vater auf dem Gut B. in Wackersleben, Kreis Haldensleben, eine neue Arbeit angeboten, wieder als Gespannführer, genau wie in Schöningen, nur mit einem besseren Verdienst und einer größeren Wohnung.

Meine Kinderzeit in Wackersleben von 1938 bis 1945

Der Umzug von Schöningen nach Wackersleben erfolgte im April 1938 mit Hilfe einer gummibereiften Rolle und einem Traktor davor. Das ging viel schneller als mit einem Pferdegespann, außerdem waren es ja nur acht km von Schöningen bis nach Wackersleben. Die Fahrt ging über Hötensleben und Ohrsleben nach Wackersleben. In Wackersleben angekommen zogen wir auf den sogenannten 8 Familienhof.

Das Haus meiner Kindheit in Wackersleben

Es war ein Reihenhaus mit 8 Wohnungen. Wir zogen in die zweite Wohnung. Oben in der Wohnung wohnten schon unsere Großeltern, unten wohnten wir. Im oberen Stock hatten wir Buben ein Schlafzimmer bei den Großeltern. Das Wasser mussten wir im Hof holen und zwar von einer Wasserpumpe, die mitten im Hof stand. Gegenüber vom Wohnhaus stand ein langgezogenes Gebäude. Das waren die Stallungen, in dem sich das Klo befand, so dass wir nachts immer über den Hof mussten, wenn wir zur Toilette gingen. In dem Haus selbst hatte es uns sehr gut gefallen, denn wir hatten sehr gute und nette Nachbarn.

Es waren alles Arbeitskollegen unseres Vaters und Großvaters. In Wackersleben hatten wir zwei Schweine im Stall, sowie Hühner und Gänse. Der Hof des 8 Familienhofes war gepflastert und sauber, nicht wie jener in Erxleben. Hinter dem Haus hatten alle Bewohner einen Garten, so auch wir. Dort wurden Gemüse und Kartoffeln angebaut, denn unsere Eltern waren Selbstversorger. 1938 wurden Otto und ich in Wackersleben in die Volksschule eingeschult, Otto war jetzt im vierten Schuljahr und kam in die zweite Klasse. Er war zwei Mal sitzen geblieben. Ich war im zweiten Schuljahr und kam somit in die zweite Klasse. Unsere Schwester Gisela wurde in die erste Klasse eingeschult. Sie kam zu uns in dieselbe die Klasse, da die Schule in Wackersleben, eine Dorfschule war, in der mehrere Jahrgänge in einem Raum zusammen gefasst und von einem Lehrer unterrichtet wurden. In meiner Klasse waren die Jahrgänge von 1 bis 4 zusammen, auch Otto und Schwester Gisela waren mit im gleichen Schulraum.

Unser damaliger Klassenlehrer hieß Herr G. Er war ein richtiges Nervenbündel. Wie wir später erfuhren, war er im ersten Weltkrieg verschüttet gewesen und deshalb so mit den Nerven runter und sehr reizbar. Wenn Herr G. während des Unterrichtes durch den Gang zwischen den Bänken lief, hatte er immer vor sich hin gesprochen und wir konnten alles verstehen, was er sagte. Er murmelte immer vor sich hin: “(…) du bekommst sie heute noch, auch du bekommst sie heute noch.“ So war es dann auch. Er hatte seine Ankündigung immer wahrgemacht und uns dann verprügelt.

1939 im Dezember bekam unsere Mutter ihr siebtes Kind. Es war ein Junge, er wurde Manfred genannt. 1939 war der Beginn des zweiten Weltkrieges, den wir alle nicht vergessen werden. Unsere Mutter war durch die vielen Kinder total überfordert. Das bekamen mein Halbbruder Otto und ich zu spüren. Ab da gab es Prügel, ganz gleich ob wir etwas angestellt hatten oder nicht. Mutter verprügelte uns manchmal auch ohne Grund, wenn sie Bsp. schlechte Laune hatte. Mutter hatte mit allem, was sie fassen konnte, zugeschlagen, egal ob das die Suppenkelle oder der Handfeger war. Mein Bruder und ich mussten für die ganze Familie herhalten. Sie hatte sich einen Kantschuh angeschafft.

Das war ein 30 cm langer Stiel mit 12 Lederriemen daran. Mit dem bekamen wir die meisten Schläge.

Im Sommer 1939 fand in Wackersleben ein Schützenfest statt. Auf dem Festplatz waren Buden, eine Schiffschaukel und ein Karussell aufgebaut. Otto und ich wollten auch gerne mal aufs Schützenfest, aber wir durften nicht, weil Mutter kein Geld dafür über hatte. Am letzten Tag des Schützenfestes lagen auf dem Küchenschrank zwei Pfennig. Otto hatte die zwei Pfennige dort liegen gesehen. Er sagte zu mir: „Die nehmen wir und holen uns von der Süßwarenbude auf dem Festplatz jeder eine Lakritzstange!“ Gesagt getan! Wir machten uns zum Festplatz auf und kauften uns die Lakritzstange. Wir hatten noch nicht richtig in die Stange gebissen, da stand Mutter schon mit ihrem Fahrrad neben uns, in ihrer Hand der Kantschuh. Otto und ich bekamen damit erst einmal ein paar übergezogen. Dann mussten wir neben ihrem Fahrrad herlaufen und bekamen, bis wir zu Hause waren, mit dem Kantschuh Prügel. Diesen Tag haben wir nie vergessen.

Im Jahr 1939 wurde unsere Schwester Frieda eingeschult. Nun waren wir schon vier Kinder, die zur Schule gingen, und alle in dieselbe Klasse. Leider war niemand da, der uns bei den Hausaufgaben hätte helfen können. Mutter war dazu leider nicht in der Lage und Vater hatte keine Zeit. Dadurch waren wir immer auf uns selbst gestellt. Ab und zu hatten uns unsere Großeltern bei den Hausaufgaben geholfen.

Anfang 1940 verstarb plötzlich unsere Großmutter im Alter von 67 Jahren. Sie wurde auf dem Friedhof von Wackersleben beerdigt. Großmutter habe ich nur als uralte Frau in Erinnerung. Sie trug immer lange schwarze Kleider mit einer Schürze davor, die Haare streng nach hinten gekämmt zu einem Dutt. Viele Erinnerungen an meine Großmutter habe ich leider nicht, außer dass sie für uns Kinder immer wollende Strümpfe und Pullover gestrickt hatte. Wenn Oma uns die Strümpfe und Pullover nicht gestrickt hätte, hätten wir im Winter jämmerlich gefroren, denn unsere Eltern hatten nicht das Geld, um uns Strümpfe zu kaufen. Lange Hosen kannten wir Kinder zu der damaligen Zeit nicht. Wir trugen immer nur kurze Hosen und die Mädels Kleider. Unsere Unterwäsche war aus Leinen und hielt nicht sehr warm. Die Hosen und Unterhosen hatten hinten und vorne Klappen, sodass wenn wir mal aufs Klo mussten, wir nur die Klappen runter lassen brauchten. Unterhosen hatten wir sowieso nur zwei Paar, die wurden mittwochs und samstags gewechselt. Mehr Unterwäsche konnten sich unsere Eltern nicht leisten, denn bei einem 16 Mark Wochenverdienst unseres Vaters war leider nicht mehr drin.

Über der Unterhose trugen wir Buben wie auch die Mädchen, an denen die wollenden Strümpfe befestigt wurden. Ab dem 10. Lebensjahr hatten wir Jungs keine Leibchen mehr getragen, sondern die Strümpfe mit Einmachgläser-Gummis an eine Art Strapse befestigt. Dadurch rutschten die Strümpfe immer und wir hatten nackte Oberschenkel, die im Winter immer blau gefroren waren. Heute brauchen wir uns nicht wundern, dass wir es an der Blase haben.

Handschuhe hatten wir als Kinder kaum gekannt. Wir hatten zwar immer gefroren, aber das hatte uns Kinder nicht davon abgehalten, draußen zu spielen. Bei jedem Wetter hatte uns Mutter raus geschickt. Es hieß dann immer, „Macht euch raus! Bis zum Essen seid ihr wieder zu Hause!“

Gespielt hatten wir Kinder sowieso nur im Freien. Wir hatten mit allem gespielt, ganz gleich ob das Holzstücke, Kieselsteine oder sonstige Dinge waren. Wir hatten immer viel Fantasie, um mit allem zu spielen.

Wenn wir im Winter blau gefrorene Hände und Füße hatten, dann zogen wir die Schuhe und Strümpfe aus. Hände und Füße wurden dann mit Schnee abgerieben und in warmes Wasser gesteckt. Das hatte gekribbelt und sehr weh getan, aber danach waren die Hände und Füße wieder warm.

Im Frühjahr, so Ende März, Anfang April hatte Mutter immer unsere Schuhe eingeschlossen und wir mussten bis Ende Oktober Barfuß laufen. So wurden Schuhe gespart. Wir gingen Barfuß in die Schule, auf den Acker und liefen über die Stoppelfelder. Das hatte uns Kindern nichts ausgemacht. Unsere Fußsohlen waren nach einiger Zeit hart wie Leder. Damals hatte sich niemand daran gestört, dass wir Barfuß liefen.

1940 mussten Otto und ich einst beim Kohlehändler zwei Zentner Briketts holen. Wir nahmen unseren Handwagen und zogen los. Wir mussten den Weg entlang eines Abwassergrabens nehmen und dann weiter bis zur Hauptstraße in Richtung Kohlehändler. Auf dem Rückweg, so ungefähr 50 m vor dem Graben, hatte der Weg ein leichtes Gefälle. Otto sagte zu mir: "Ich setze mich jetzt auf die Kohlesäcke und du schiebst den Wagen an, dann springst du hinten drauf.“ Ich hatte also den Wagen angeschoben und Otto mit den Beinen gelenkt. Bis zum Graben war alles gut gegangen, aber dann waren wir in den Graben rein gefahren. Der Graben hatte zum Glück nicht viel Wasser, aber dafür viel Schlamm. Nun saßen wir im Graben und kamen allein nicht mehr raus, denn an dieser Stelle war der Graben an beiden Seiten durch eine Mauer eingefasst. Glücklicherweise kamen Leute vorbei, die uns halfen aus den Graben wieder raus zu kommen. Uns beiden war zum Glück nichts passiert. Wir waren kaum aus dem Graben, da war auch schon Mutter da, die von den Leuten benachrichtigt worden war. Wir beide hatten große Angst, dass wir vor allen Leuten Prügel bekämen, aber zu unserem Erstaunen bekamen wir dieses Mal keine Schläge. Mutter war nur froh und glücklich, dass uns Beiden nichts passiert war.

An demselben Graben standen in Richtung Gunsleben Pappeln, auf die wir Buben immer geklettert waren. Eines Tages war ich von einer der Pappeln heruntergefallen, direkt in den Graben und war fast im Schlamm versunken. Die anderen Jungs, die mit dabei waren, hatten mich aus dem Schlamm gezogen und nach Hause gebracht. Als die Frauen auf dem acht Familien Hof mich so sahen, so voller Schlamm, hatten sie mich sofort mitten auf dem Hof gebadet und meine Kleider gewaschen. Mutter war zum Glück nicht zu Hause, sonst hätte es wieder Prügel gesetzt.

Sie wussten alle genau, wenn Mutter mich so voller Schlamm sehen würde, hätte sie mich windelweich geprügelt. Als Mutter nach Hause kam, war ich wieder sauber und hatte keine Prügel bekommen.

In denselben Graben war ich auch einst im Winter bei einem halben Meter hohen Schnee mit meinem Schlitten rein gefahren und gleich versunken. Unter dem Schnee war nur eine dünne Eisschicht und darunter Wasser. Ich saß bis zum Hals im Wasser, über mir der Schnee. Zum Glück war ich nicht allein. Otto und noch ein paar Kinder waren mit dabei gewesen. Sie hatten mich aus dem Graben gezogen. Meine Kleider froren just zu Eis, denn es herrschte starker Frost. Die Jungs brachten mich dann nach Hause. Mutter steckte mich gleich ins Bett. Abgesehen von einer starken Erkältung, hatte ich dieses Abenteuer gut überstanden.

Nach Ostern 1940 wurde auch unsere Schwester Ursel eingeschult. Jetzt waren fünf Kinder aus der Familie in der Schule, und Mutter war wieder schwanger.

1940 bekam meine Mutter ihr achtes Kind. Es war ein Mädel und wurde Regina genannt. Leider war sie im Alter von 10 Monaten an einer Lungenentzündung verstorben. An diesen Tag, als meine Schwester starb, kann ich mich noch gut erinnern. Wir Kinder spielten im Hof und ich hatte zu den anderen Kindern gesagt: „Ätsch, meine Schwester ist gestorben, eure aber nicht.“

Das hatte Mutter gehört. Die Prügel, die ich vor allen Kindern bekommen hatte, waren die Schlimmsten, die ich je erlebt hatte. Trotz ihrer Trauer über den Verlust ihres Kindes kannte sie keine Gnade. Die Nachbarn waren dann dazwischen gegangen. Danach hatte Mutter aufgehört, mich zu schlagen und sich wieder ihrer Trauer zugewannt. Vater hatte mich getröstet, aber er war gegen Mutter nicht angekommen. Von meinem Vater hatte ich einmal eine Ohrfeige bekommen, sonst hatte er mich und Otto nicht geschlagen. Die Ohrfeige vom Vater habe ich nie im Leben vergessen, die hatte sich für immer in meinem Gedächtnis festgesetzt.

1941, nach meinem zehnten Geburtstag, musste ich zum Jungvolk, einer Jugendorganisation der NSDAP. Das war Pflicht, da musste jedes Kind rein, ganz gleich ob Junge oder Mädel. Auch war ich 1941 nach Ostern in die fünfte Klasse in die Schule in Nähe des Friedhofs gekommen. In diesem Schulhaus waren die Jahrgänge 5-8 untergebracht, jeder Jahrgang in einem anderen Klassenraum und nicht mehr mit anderen Jahrgängen zusammen.

Mutter war eine gute Köchin und hatte uns immer gut bekocht. Auch in der Kriegszeit hatten wir immer genug zu essen. Das Essen war zwar einfach, aber nahr - und schmackhaft. In dieser Zeit hatten wir jedes Jahr zwei Schweine geschlachtet. Ich erinnere mich noch daran, wie unsere Mutter einmal Hefeklöße gemacht hatte, und mein Bruder Otto und ich miteinander gewettet hatten, wer die meisten Hefeklöße essen könnte. Ich hatte sechs oder sieben Klöße geschafft, Otto aber mehr als 10. Danach war er zwei Tage krank und hatte fürchterliche Bauchschmerzen gehabt.

Ab 1942 mussten wir Kinder nach der Schule immer bei den Bauern auf dem Feld helfen. Das ging im Frühjahr los mit Rüben verziehen und Kartoffeln stecken. Später mussten wir Kartoffelkäfer ablesen und bei der Getreideernte sowie bei der Kartoffel- und Rübenernte helfen.

Unser Opa war zwar schon seit zwei Jahren Rentner, aber er hatte noch immer auf dem Bauernhof bei der Arbeit mitgeholfen. Er hatte jedes Jahr ein Stück Acker mit Korn und Rüben zum Mähen und Roden angenommen. Damit konnte er sich noch etwas zu seiner Rente dazu verdienen.

Wir zwei Jungs mussten mit unserem Opa immer aufs Feld, wenn wir aus der Schule kamen. Wir mussten das Korn bündeln, das Opa mit der Sense gemäht hatte, oder wir mussten die Zuckerrüben roden und auf einen Haufen werfen. Das war für uns Kinder eine schwere Arbeit.

Dadurch, dass wir immer auf dem Feld arbeiten mussten, hatten wir oft keine Zeit, um unsere Schulaufgaben zu machen. Meistens hatten wir unsere Schulaufgaben morgens vor dem Schulbeginn in der Schule gemacht. Immer hatte das aber nicht geklappt. So waren Otto und ich oft in der Nacht aufgestanden, um unsere Schulaufgaben in der Küche zu machen. Einmal hatte das leider nicht geklappt. Ich war in der Nacht die Treppe herunter gestürzt und direkt in den Wäschekorb gefallen, der unten auf dem Podest der Treppe stand. Mutter hatte dies natürlich mitbekommen. Danach hatten wir unsere Prügel bekommen und mussten morgens ohne Schulaufgaben Schule. Im Jahr 1942 wurden Lebensmittel, Kleidung und auch andere Sachen rationiert. Es wurden Lebensmittelkarten und Bezugsscheine ausgestellt. Nur mit diesen Karten bekam man noch Kleidung und Lebensmittel in den Geschäften zu kaufen. Insbesondere Zucker, Mehl und Fleisch waren stark rationiert. Die Rationen, die wir bekamen, waren nicht sehr groß - zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Auch mussten wir von den Schweinen, die wir schlachteten, ca. 60 mal 60 cm der Haut vom Rücken abgeben. Diese wurde dann zu Leder verarbeitet.

1943 bekam unsere Mutter ihr neuntes Kind. Es war ein Mädel und wurde Monika genannt. Otto wurde 1943 nach Ostern aus der Schule entlassen und hatte danach auf dem Gut Wilhelm B. gearbeitet. Vater wurde im gleichen Jahr zum Militär eingezogen, trotz seiner vielen Kinder. Auch Herr B.s Chef wurde eingezogen, wie noch weitere Männer, die ich kannte. Als Ersatz für die zum Militär eingezogenen Männer wurden Polnische Zwangsarbeiter eingesetzt. Kurz nach der Geburt ihres neunten Kindes bekam Mutter das Goldene Mutterschafts-Kreuz vom Staat verliehen. Darauf war sie sehr stolz. Überreicht hatte es ihr der damalige Ortsgruppenleiter von Wackersleben. Nur einen Vorteil hatte sie vom Goldenen Mutterschafts-Kreuz nicht, außer der Ehre.

Unsere Wohnung war nun auch wieder zu klein geworden. Vater war seit einem halben Jahr Soldat an der Front in Frankreich. Und so zogen wir wieder einmal um. Diesmal aber im gleichen Ort, in die sogenannte Kaserne, an der Hamersleberstraße. Wir zogen in ein Haus, das zur Hälfte zum Gut B. gehörte. Das Haus selbst war ein lang gestrecktes Gebäude mit einem Flachdach, ca. 40 m lang, und stand auf einer Anhöhe. Es hatte zwei Stockwerke.

Unser Opa, der zu diesem Zeitpunkt auch allein war, zog mit uns in das gleiche Haus. Er hatte zwei Zimmer gleich neben uns. So konnte ich oft bei Opa schlafen. Er hatte mir dann viel bei meinen Schulaufgaben geholfen. Ohne seine Hilfe hätte ich die Schule kaum geschafft, denn von unserer Mutter konnten wir keine Hilfe erwarten. Unter uns wohnten die polnischen Zwangsarbeiter, die auf dem Gut B. arbeiten mussten. Wir hatten uns nach einiger Zeit, als sie mehr deutsch sprachen, ganz gut mit ihnen verstanden. In diesem Jahr war auch Vaters Bruder Ernst aus Erxleben im Krieg gefallen. Ich erinnere mich noch, dass Opa damals zu Fuß von Wackersleben nach Erxleben gelaufen war, um seine Schwiegertochter und seine Enkel zu besuchen. Es war immerhin ein Weg von 30 km, die er laufen musste. Mit dem Zug wäre er den ganzen Tag unterwegs gewesen. Zurück war er dann mit dem Zug gekommen. In dem Haus, in dem wir eingezogen waren, gab es weder Wasser noch Toiletten. Die Klos befanden sich im Stall auf dem Hof. Wenn wir aufs Klo mussten, mussten wir vom ersten Stock runter auf den Hof laufen. Nachts hatten wir Kinder immer furchtbare Angst, aufs Klo zugehen. Einer von den Geschwistern musste dann immer mit runter in den Hof gehen. Es gab häufig Streit unter den größeren Geschwistern, denn keiner wollte nachts mit den kleineren Geschwistern runter auf den Hof gehen.

Das Wasser, das im Haushalt gebraucht wurde, mussten wir auf der anderen Seite der Straße aus einer Zuckerrüben-Wäscherei holen. Das waren ca. 100 Meter, die wir das Wasser schleppen mussten. Am Schlimmsten war es, wenn Mutter Waschtag hatte, oder wenn Badetag war, dann mussten wir Jungs an die 100 bis 150 Liter Wasser schleppen - und das auch noch 16% bergauf.

Am Badetag, immer samstags, wurde in der Küche eine große Zinkwanne aufgestellt. Auf dem Herd wurde Wasser warm gemacht und dieses in die Wanne geschüttet. Danach ging es los mit dem Baden. Zuerst kamen die kleinen Geschwister in die Wanne, danach wurde der Schaum abgeschöpft. Dann kamen wir größeren Kinder, einer nach dem anderen, dran. Danach wurde wieder der Schaum abgeschöpft und etwas frisches Wasser nachgefüllt. Nun war die Mutter mit baden dran. So wurde viel Wasser gespart und wir Jungs mussten nicht so viel Wasser schleppen.

Wir hatten sogenannte Holzknechte zum Wasser tragen. Das war ein ca.100 cm langes und vielleicht 3 cm starkes Brett. Die Aussparungen für den Hals und Schultern waren ausgesägt. An beiden Enden befanden sich zwei Karabinerhaken mit Ketten. An den Kettenenden waren Haken angebracht woran die Wassereimer gehängt wurden. Damit trugen wir Jungs 20 Liter Wasser den Berg rauf in unsere Wohnung.

An dem Haus, in dem wir wohnten, führte eine Seilbahn vorbei. Mit dieser wurden gewaschene Zuckerrüben, die von den Bauern in der Rübenwäscherei angeliefert wurden, von Wackersleben nach Hötensleben in die Zuckerfabrik transportiert. Mit dieser Seilbahn waren wir Jungs des Öfteren nach Hötensleben gefahren. Es war zwar verboten mit der Seilbahn mitzufahren, aber wir kannten den Direktor der Rübenwäscherei sehr gut. Mutter hatte sich mit ihm und seiner Frau angefreundet, deshalb hatte er auch nichts dagegen gehabt, wenn wir ab und zu einmal mit der Seilbahn mitfuhren. Die Seilbahnloren waren Kipploren. Wenn die in Hötensleben ankamen, wurden sie automatisch ausgeleert. Die Loren waren 1,50 m lang und 1,20 m tief. Wenn wir Jungs mit der Lore in Hötensleben in der Zuckerfabrik ankamen, hatten wir schon von Weitem den Arbeitern zu gewunken, damit die Arbeiter den Kippautomaten abschalten und wir Jungs nicht ausgeschüttet wurden. Die Seilbahnstrecke war 4 km lang und führte über einen Berg mit dem Namen Haarstrang. Oben vom Berg hatte man eine wunderbare Aussicht auf die Umgebung. Auch waren wir zwei Jungs oft in der Rübenwäscherei und konnten zusehen, wie die Rüben gewaschen wurden. Oben im Hof wurden die Rüben von den Bauern mit den Fuhrwerken angeliefert und in tiefe Wannen geschüttet. Die Wannen waren ungefähr 10 m lang 5 m tief.

Unten im Keller hatten dann die Arbeiter mit Strahlrohren, mit einem Durchmesser von 10 cm unter hohem Wasserdruck die Rüben gewaschen. Die Rüben wurden, wenn sie gewaschen waren, von einer sich drehenden Schnecke in ein großes Silo transportiert, von dort aus in die Seilbahnloren verladen und so nach Hötensleben in die Zuckerfabrik transportiert.

Wenn die Bauern die Zuckerrüben in der Rübenwäscherei anlieferten, konnte man vor lauter Schlamm auf der Straße kaum noch das Pflaster sehen. Das ging so von Oktober bis Mitte Dezember, manchmal auch bis Weihnachten. Oft waren die Zuckerrüben eingefroren, manche Male auch die Kartoffeln. In dieser Zeit hatten die Bauern noch nicht so moderne Maschinen wie heute. Da war noch viel Handarbeit angesagt.

Auch wir mussten unsere eigenen Kartoffeln noch mit der Hand roden und auflesen. Die Kartoffelernte hatte uns Kindern immer viel Spaß gemacht.

Wenn wir mit dem Zug fort fahren wollten, mussten wir von unserer Wohnung zum Bahnhof nach Gunsleben laufen, da es in Wackersleben selbst keinen Bahnhof gab. Wir waren entweder auf der Straße direkt von Wackersleben nach Gunsleben gelaufen, oder aber über den Festplatz, dann am Rathaus vorbei, über den Weg am Abwassergraben mit den Pappeln vorbei, wonach es rechts ab ging und dann zweieinhalb Kilometer nach Gunsleben. Im Winter bei Schneesturm oder bei Nebel hatte man oft den Weg nicht mehr gesehen: Damals gab es noch viel Schnee. Meistens lag er so 50 cm hoch. Zum Glück mussten wir nicht so oft zum Bahnhof laufen, um mit den Zug zu fahren, denn wir hatten kein Geld.

Unsere Mutter hatte sich in Wackersleben mit ihrer Hebamme Frau G. angefreundet und sie oft des Abends besucht. Frau G. wohnte in einem Haus neben dem Friedhof. Mutter hatte immer furchtbare Angst nachts am Friedhof vorbei zugehen. So mussten ich oder mein Bruder Otto sie immer abholen, auch spät in der Nacht, ganz gleich wie spät es war, und das kam sehr oft vor.

Im Alter von 10 Jahren musste ich zum Jungvolk. Das war eine Jugendorganisation der Nazis. Mittwochnachmittags hatten wir immer Dienst im Jungvolk. Im Jungvolk ging es militärisch zu. Da wurde marschiert, gesungen und das Schießen gelernt. Den Dienst im Jungvolk durften wir nicht versäumen, sonst mussten wir zum Ortsgruppenleiter der NSDAP. Vom Ortsgruppenleiter wurden wir dann ausgeschimpft. Manchmal gab es auch ein paar Ohrfeigen. Der Ortsgruppenleiter war sehr streng. Darum hatten wir auch selten den Dienst im Jungvolk versäumt. Unsere Mutter hatte sich nicht getraut, uns vom Dienst abzuhalten, sonst hätte sie Schwierigkeiten mit der NSDAP bekommen. Der Ortsgruppenleiter war zu der Zeit der Gutsbesitzer K. aus Wackersleben.

Einmal waren wir mit dem Jungvolk in einem Zeltlager am Mittellandkanal. Jeder der Jungs musste in das Wasser des Mittellandkanals springen. Ich konnte nicht schwimmen und so wurde ich von den Scharführern einfach in den Mittellandkanal geworfen. Kurz vor dem Ertrinken wurde ich dann aus dem Wasser gezogen. Dieses furchtbare Erlebnis habe ich nie vergessen.

Im Frühjahr 1942 hatten wir eine sogenannte Feldübung. Das heißt, wir mussten auf dem freien Feld tarnen und täuschen üben.

Auf einmal war ein Brummen am Himmel zu hören. Als wir nach oben schauten, sahen wir viele Flugzeuge, dazwischen weiße Wölkchen. Kurz danach hörten wir es krachen. Zuerst dachten wir, es sei eine Übung der deutschen Luftwaffe. Als dann aber plötzlich ein Bomber brennend vom Himmel stürzte, wussten wir, dass es ein Luftkampf zwischen deutschen und Alliierten Flugzeugen war. Jetzt wussten wir, dass das Versprechen des Feldmarschalls Hermann G. nicht eingetroffen war. Er hatte nämlich einst gesagt, dass keine feindlichen Flugzeuge über die Grenze nach Deutschland eindringen würden. Dass dies nicht stimmen konnte, hatte aber niemand öffentlich gesagt. Das war einfach zu gefährlich. Gegen die Nazi-Regierung durfte man keine Kritik üben. Das hatte sich kaum jemand getraut. Glücklicherweise war das abgeschossene amerikanische Flugzeug auf einem Feld hinter Wackersleben aufgeschlagen. Wir Kinder waren alle zur Absturzstelle gelaufen, ohne zu wissen, wie gefährlich das war. Wir waren noch ungefähr 500 m vom Flugzeugwrack entfernt, als die Bomben explodierten. Zum Glück war keinem von uns etwas passiert.

Im Alter von 12 Jahren war ich im Winter mit unserem Hausschlachter zu den Leuten in Wackersleben zur Hausschlachtung gegangen. Das hatte mir sehr viel Spaß gemacht, da ich ja sowieso Schlachter werden wollte sobald ich mit der Schule fertig war.

Am Wochenende, wenn ich mit zum Schlachten gegangen war, musste ich schon um 5 Uhr aufstehen, denn um 6 Uhr begann das Schlachten bei den Leuten. Als Erstes hatten wir das Schwein aus dem Stall heraus geholt. Dabei musste ich dem Schwein einen Strick ans Hinterbein binden. Dann wurde das Schwein auf den Hof geführt, wo schon Stroh aufgeschüttet war. Der Hausschlachter seinen Namen weiß ich leider nicht mehr hatte das Schwein dann mit einem Bolzenschussgerät betäubt und abgestochen. Mit Hilfe einer Holzwanne, einer sogenannten Molle, wurde das Blut aufgefangen und von mir mit einem Kochlöffel kräftig durch gerührt. Dies musste gemacht werden, damit das Blut nicht gerinnt.

Danach wurde das Schwein in einen Trog gelegt und mit siedendem Wasser überbrüht. Anschließend konnten die Borsten entfernt werden. Das geschah mit einer sogenannten Schabeglocke. War das Schwein von den Borsten befreit, wurden dem Schwein an den Hinterbeinen die Sehnen durchtrennt. Durch die aufgeschnittenen Sehnen wurde ein sogenanntes Krummholz geschoben, das dann an einem Haken oder einer Leiter aufgehängt wurde. Nun wurde das Schwein ausgenommen, das heißt die Innereien wurden entnommen. Nachdem die Innereien entfernt waren, wurde das Schwein zerlegt und weiterverarbeitet. Es wurde Wurst und Schinken gemacht. Auch wurde Fleisch eingepökelt, also in Salz eingelegt, sowie in Dosen und Gläser eingekocht. Für mich war immer das Schönste beim Schlachtfest, wenn das gekochte Fleisch aus dem Kessel kam und zu Leberwurst und Blutwurst verarbeitet wurde.