Verlag: ROWOHLT E-Book Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Ich diene Deutschland E-Book

Nariman Hammouti-Reinke  

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E-Book-Beschreibung Ich diene Deutschland - Nariman Hammouti-Reinke

Was läuft schief in der Bundeswehr? Eine Soldatin mit Migrationshintergrund spricht Klartext.
Neonazis und sadistische Offiziere: So sieht das Bild aus, das viele von der Bundeswehr malen. Natürlich gibt und gab es Skandale, die scharf zu verurteilen sind – aber Nariman Hammouti-Reinke weiß: Das ist nicht das ganze Bild, sondern nur ein Bruchteil dessen, was die Bundeswehr ausmacht. Wie wäre es, wenn man sich einmal ohne ideologische Scheuklappen mit dem auseinandersetzt, was die Bundeswehr tut? Woran es liegt, dass Soldaten eine solche Verachtung entgegenschlägt? Und wo liegt die gesellschaftliche Verantwortung jedes Einzelnen? Nariman Hammouti-Reinke, Soldatin und Muslima, hat darauf Antworten – denn für sie ist es «die höchste Form der Integration, dass ich in der
Bundeswehr diene und bereit bin, für Deutschland zu sterben».

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E-Book-Leseprobe Ich diene Deutschland - Nariman Hammouti-Reinke

Nariman Hammouti-Reinke

mit Doris Mendlewitsch

Ich diene Deutschland

Ein Plädoyer für die Bundeswehr – und warum sie sich ändern muss

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Was läuft schief in der Bundeswehr? Eine Soldatin mit Migrationshintergrund spricht Klartext.

Neonazis und sadistische Offiziere: So sieht das Bild aus, das viele von der Bundeswehr malen. Natürlich gibt und gab es Skandale, die scharf zu verurteilen sind – aber Nariman Hammouti-Reinke weiß: Das ist nicht das ganze Bild, sondern nur ein Bruchteil dessen, was die Bundeswehr ausmacht. Woran es liegt, dass Soldaten eine solche Verachtung entgegenschlägt? Und wo liegt die gesellschaftliche Verantwortung jedes Einzelnen? Nariman Hammouti-Reinke, Soldatin und Muslima, hat darauf Antworten – denn für sie ist es «die höchste Form der Integration, dass ich in der Bundeswehr diene und bereit bin, für Deutschland zu sterben».

Über Nariman Hammouti-Reinke

Nariman Hammouti-Reinke wurde 1979 als Kind marokkanischer Eltern bei Hannover geboren. Sie ist seit 2005 bei der Bundeswehr, war zwei Mal im Afghanistan-Einsatz und ist heute Fachdienst-Offizierin. Als Vorsitzende des Vereins Deutscher.Soldat.e.V in der «Kommission für Migration und Teilhabe des Niedersächsischen Landtags» engagiert sie sich sehr aktiv für eine moderne Integrationspolitik in Deutschland.

Inhaltsübersicht

HinweisWidmungWas läuft schief in der Bundeswehr? Nichts Besonderes, nur das, was auch «draußen» schiefläuft.Ein Zerrbild: Wie man sich die Bundeswehr vorstelltDie Deutschen und ihre StreitkräftePearl Harbor und ich«Feldwebel Hammouti, was machen Sie da?»«Kuschelarmee mit Kita»: Agenda Attraktivität und Trendwende PersonalJunge Sprache: zur Anwerbung von Kindersoldaten oder einfach zeitgemäß?Deutsch ist, wer Deutschland dientIn Afghanistan und zu HauseDeutschland? Sieht aus wie ich!Alles ändert sich oder: Warum es den Verein Deutscher.Soldat. gibtDiversity Management: Aufgabe mit ZukunftStaatsbürgerin in UniformDer Islam gehört zu Deutschland – oder?Wer sind wir? Wir sind wir!Beistand – für alleDie große SchweinereiZusammenarbeit ausgeschlossen?Wo bleibt der islamische Militärseelsorger?Neue Wege suchenSkandalös: Frauenfeindlichkeit und RechtsradikalismusSexuelle Belästigung und MachtmissbrauchWas ist eigentlich aus Franco A. geworden?Neue Traditionen schaffenWir Deutsche: bedingt einsatzbereitTrain as you fightWofür und für wen?Was ich mir wünscheDanksagung

In einigen wenigen Fällen wurden die Namen von erwähnten Personen aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

Für meinen Vater Bekkai Hammouti und für meinen Kameraden Dr. Dominik Wullers

Was läuft schief in der Bundeswehr? Nichts Besonderes, nur das, was auch «draußen» schiefläuft.

Ich ärgere mich über alles, was im Alltag der Bundeswehr nicht funktioniert, über das oftmals schlechte Essen, die Unterbringung auf Lehrgängen, unsympathische Kameraden usw. Ich werde regelrecht wütend, wenn wir bei Projekten keine Fortschritte erzielen, wenn ich ungerecht behandelt werde, wenn ich Entscheidungen nicht nachvollziehen kann. Aber ich bin überzeugt, dass es bei jedem anderen Arbeitgeber dieser Größenordnung ähnlich wäre. Einen gravierenden Unterschied allerdings gibt es: Ich arbeite nicht bei der Bundeswehr, um den Gewinn eines Unternehmens zu steigern. Sondern weil ich mich dafür einsetze, dass das Leben in Deutschland für alle seine Bürgerinnen und Bürger weiterhin sicher und frei ist.

Ich bin deutsche Soldatin muslimischen Glaubens, meine Eltern stammen aus Marokko. Für diese «Merkmale» muss ich pausenlos Erläuterungen liefern, mich sogar rechtfertigen.

Ein typischer Dialog auf einer Party:

«Und, was machen Sie beruflich?»

«Ich bin Soldatin bei der Bundeswehr.»

«Ach was? Das ist ja schrecklich. Wieso das denn?»

Manchmal folgt dann noch: «Sind Sie denn überhaupt richtige Deutsche? Sie sehen gar nicht so aus.»

Wohlgemerkt, so eine Begegnung findet nicht in rechten, ausländerfeindlichen oder auch nur besonders konservativen Kreisen statt, das kann überall passieren. Es ist etwas Alltägliches, egal wo ich mich befinde. Ich will damit nicht sagen, dass jeder Mensch so reagiert. Aber in der Summe sind es doch sehr viele. Ich bin für sie eine Irritation, vielleicht auch eine Provokation auf zwei Beinen. Es fallen gleich vier Dinge zusammen, die für sich genommen schon «bemerkenswert» sind: Deutsche mit getönter Haut und schwarzem Haar, Bundeswehr, Frau in der Bundeswehr, Muslima.

Warum ist das so? Warum staunt jemand heutzutage noch darüber, dass eine Deutsche nicht hellhäutig und blond ist? Warum wäre es harmloser oder besser, wenn ich auf die Frage nach dem Beruf geantwortet hätte, dass ich in der Verwaltung meiner Heimatstadt Hannover arbeite oder – für ein weibliches Wesen noch passender – in einer Kindertagesstätte? Und wenn schon unbedingt Bundeswehr, warum dann ausgerechnet als Frau? Und lässt sich das überhaupt mit meinem Glauben vereinbaren?

Ich weiß nicht, wie oft ich schon geantwortet habe, dass es in Deutschland Millionen von Deutschen gibt, deren Migrationswurzeln zwei, drei und mehr Generationen zurückreichen, und dass Weiß und Blond nicht die Nationalfarben sind. Dass Deutschland meine Heimat ist und ich meine Heimat schützen möchte. Die Werte, die die Bundeswehr vertritt, sind auch meine Werte: Kameradschaft, Verantwortungsbewusstsein, Engagement für uns und unsere Verbündeten, Bewahrung von Frieden und Freiheit. Und mein Glauben lässt sich damit grundsätzlich sehr gut vereinbaren, wenngleich die Praxis in der Bundeswehr manchmal schwierig ist. Aber grundsätzlich könnte ich genauso gut christlich sein.

Im Gespräch kommt es dann meistens schnell zur kritischen Kernfrage: «Ja, aber Sie sind doch eine kluge junge Frau, wie kommen Sie denn mit den ganzen Nazis in der Bundeswehr klar? Und mit den Schikanen?»

Jetzt geht’s ans Eingemachte. So sieht das Bild aus, das auch intelligente Menschen von der Bundeswehr malen: saufende, parolengrölende Nazis, die kein Gehirn im Kopf haben, aber Spaß am Rumballern, und sadistische Offiziere, die die Mannschaften quälen. Diese plakative Vorstellung entsteht ohne jede tiefere Einsicht und wird gespeist von den Skandalen, die immer wieder aufgedeckt werden. Ja, diese Dinge sind schlimm, sehr schlimm sogar. Es gibt daran nichts schönzureden oder zu rechtfertigen. Menschen, die solche Dinge tun, gehören nicht in die Bundeswehr. Aber, und zwar ein riesengroßes Aber: Das ist doch nicht das ganze Bild! Das sind doch nicht alle. Es ist nur ein Bruchteil von dem, was die Bundeswehr mit immerhin 250000 zivilen und militärischen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ausmacht.

Ich drehe gern den Spieß um: Warum erwartet man, dass sich die geistige und moralische Elite in einem Verein engagiert, den man selbst so schlechtredet? Sollte man nicht ohne ideologische Scheuklappen genauer hinschauen und sich mit dem auseinandersetzen, was wir machen? Und woran liegt es überhaupt, dass uns, ebenso wie beispielsweise der Polizei, eine solche Verachtung entgegenschlägt? Ich habe dazu ein paar Antworten und ein paar Thesen. Sie beruhen auf meinen persönlichen Erfahrungen aus 14 Jahren Bundeswehr, aus meiner ehrenamtlichen Arbeit für den Verein Deutscher.Soldat. und als Mitglied der Kommission zu Fragen der Migration und Teilhabe im Niedersächsischen Landtag. Außerdem fließt einiges ein, was ich und meine Kameraden im Alltag erleben.

Diese Thesen werden nicht jedem gefallen, ich kann es mir vorstellen. Trotzdem: Es lohnt sich, den eigenen Standpunkt zu überprüfen und sich mit dem auseinanderzusetzen, was einem widerstrebt oder ungewohnt ist. Damit die Bundeswehr als das wahrgenommen wird, was sie ist: nämlich ein Teil Deutschlands, im Positiven wie im Negativen.

Ein Zerrbild: Wie man sich die Bundeswehr vorstellt

«Mal ehrlich: Wofür ist diese Gammeltruppe Bundeswehr eigentlich gut?»

Statement eines «Experten» im Gespräch mit Freunden

«Ich schwöre, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.»

§ 9 Soldatengesetz, Eid und feierliches Gelöbnis für Berufssoldaten und Soldaten auf Zeit

Die Deutschen und ihre Streitkräfte

In einer Hinsicht ist es bei der Bundeswehr wie beim Fußball: Die Experten sitzen außerhalb des Spielfelds. Es gibt etliche Millionen Zuschauer, die ganz genau beurteilen können, wie sehr die Spielerpfeifen auf dem Platz herumstümpern, wie viele Chancen sie verpatzen und welche Fehler der Schiedsrichter und seine Assistenten am laufenden Band produzieren. Auch die Angehörigen der Bundeswehr können dieses Bild nachzeichnen: Jeder draußen weiß genau, wie wir sind. Je nach Perspektive werden wir eingeordnet als faul, verweichlicht, rechtsradikal, sexistisch, unnütz, mordlustig, menschenverachtend, kriegsverherrlichend, vernagelt, dumpfbackig … Habe ich etwas vergessen? Manche fügen vielleicht noch Etiketten wie «autoritäre Sadisten» oder «unselbständige Befehlsempfänger» hinzu. Also 170000 mehr oder weniger gefährliche Idioten, wenn man nur den militärischen Teil berücksichtigt. 170000 Männer und Frauen, die zwar mit einer Ausbildung in die Bundeswehr eintreten oder dort eine erwerben, auch zum Beispiel ein Studium absolvieren, die aber trotzdem so blöd sind, dass sie offenbar zu nichts anderem taugen. Und deren vornehmliches Interesse darin besteht, ihre Unfähigkeit zu bemänteln oder ihren niederen Instinkten freien Lauf zu lassen.

Wie plausibel kann das wohl sein? In der Welt gibt es eine gewisse Menge mehr oder weniger Verrückter und charakterlicher Versager, das ist sicher. Aber warum sollten die sich alle bei der Bundeswehr treffen? Hat dieses Bild irgendwas mit der Realität zu tun, oder handelt es sich um groß aufgeblasene Vorurteile, zufällige Einzelbegegnungen und hemmungslos verallgemeinerte negative Vorkommnisse? Ich bin eigentlich von Natur aus optimistisch und positiv. Und ich glaube (und hoffe), dass eine Menge Deutsche nichts gegen die Bundeswehr hat. Aber viele, meiner Ansicht nach viel zu viele Menschen stehen ihr gleichgültig gegenüber – und etliche lehnen sie mehr oder weniger heftig ab. Diese Mischung ist schlecht.

Wir Angehörigen der Bundeswehr könnten nämlich Kritiker und Schmäher besser ertragen, wenn es mehr Befürworter und Unterstützer gäbe, die sich ebenfalls laut und deutlich zu Wort meldeten. Wobei es keineswegs nur ein persönliches Problem der Soldaten ist, wenn sie sich nicht wertgeschätzt fühlen. Ich meine vielmehr, dass es ein gravierendes Problem aller Deutschen ist, wenn sie ihre Streitkräfte so missachten. Schließlich sind es ja ihre. Wir Soldaten sind dafür da, ihre Freiheit und ihre Sicherheit zu gewährleisten.

Die Bundeswehr ist weder die persönliche Streitkraft der Verteidigungsministerin noch des Bundespräsidenten. Wir sind die Parlamentsarmee! Das heißt, die Abgeordneten im Bundestag entscheiden über den Verteidigungshaushalt, sie genehmigen alle unsere Einsätze. Außerdem wählen sie den Bundeswehrbeauftragten, der einmal im Jahr seinen umfangreichen Bericht vorlegt und seine Erkenntnisse mit ihnen diskutiert. Wir sind also auch in dieser Hinsicht ein Teil des Volkes. Trotzdem tun viele so, als ob wir aussätzig wären und nicht dazugehörten. Aber warum? Mit dieser Haltung schneidet man sich doch selbst von einem Teil seiner staatlichen Existenzbedingungen ab. Wir gehören zum System unserer Demokratie.

Dass in der Bevölkerung solche Vorbehalte bestehen, hängt natürlich mit der deutschen Geschichte zusammen. Die Widerstände waren groß, als in den 50er Jahren in Westdeutschland die Wiederbewaffnung beschlossen wurde. Nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus und nach zwei Weltkriegen war diese Zurückhaltung eine respektable, verantwortungsbewusste Position. Deshalb wurde ja auch eine solch ausgefeilte Konstruktion für die Bundeswehr entwickelt. Die neu zu gründenden Streitkräfte sollten in der Demokratie verankert sein und für sie einstehen. Im Vordergrund stand die parlamentarische Kontrolle. Auf keinen Fall sollte es eine Neuauflage der Wehrmacht oder Reichswehr werden. Darum wurden von Anfang an Leitlinien wie «Staatsbürger in Uniform» als Teil der «Inneren Führung» aufgestellt und eben die Institutionalisierung als Parlamentsarmee beschlossen. Darüber hinaus gibt es sogar den bereits erwähnten Wehrbeauftragten, das ist eine deutsche Besonderheit. Sein Amt ist nicht einfach irgendeine Planstelle in einem Ministerium, sondern im Grundgesetz verankert, § 45b. Es gibt auch in anderen Staaten Wehrbeauftragte, allerdings sind die rechtlichen Möglichkeiten des deutschen Wehrbeauftragten besonders ausgeprägt.

Der Wehrbeauftragte ist so etwas wie der Anwalt der Soldaten. Er deckt Mängel auf, die ihm – meistens in Form einer Beschwerde – zugetragen werden oder die er und sein Team selbst ermitteln. Wenn also der jährliche Bericht erscheint, stürzen sich Medien und Kritiker darauf und kommen zwangsläufig zu dem Schluss: Meine Güte, bei denen funktioniert ja gar nichts. Ja, so sieht es aus, wenn man die Berichte liest. Hundert oder mehr Seiten mit Problemen, Unzulänglichkeiten, bürokratischen Absurditäten und teilweise erheblichen Missständen. Wer auf der Suche nach Fehlern im System ist, für den stellt der Bericht eine wahre Goldgrube dar.

Man sollte dabei jedoch nicht vergessen, dass es genau darum geht: Unzulänglichkeiten aufzudecken. Es geht nicht darum herauszustellen, was alles gut läuft, selbst wenn auch positive Aspekte enthalten sind. Der Bericht beschreibt vielmehr die Mängel, damit sie abgestellt werden und wir alle unter besseren Bedingungen arbeiten können. Darum sind wir Soldaten sehr froh über den Bericht, obwohl er ungewollt die Vorurteile vieler Menschen bestätigt. Er ist im Grunde eine Aufforderung an den Bundestag und die Regierung: Kümmert euch darum! Sorgt euch um uns! Wenn ihr nicht daran arbeitet, dass diese Probleme behoben werden, bekommen wir noch viel größere Schwierigkeiten.

Die demokratische Absicherung nach allen Seiten ist richtig und absolut notwendig. Doch das allein reicht eben nicht. «Wir sind das Stiefkind der Nation», so bringt es Major Marcel Bohnert, Leiter des Bereichs neue Medien im Generalstab, in einem Interview auf den Punkt.[1] Ja, das kann ich aus eigenen Begegnungen bestätigen. Militär ist irgendwie peinlich, es schickt sich nicht, dafür einzutreten oder gar dazuzugehören, das zeugt von reaktionärer Gesinnung. Jeder aufrechte Mensch ist doch Pazifist, keiner will Krieg, und Soldaten sind Mörder. Wenn jemand freiwillig beim Bund ist, dann stimmt irgendwas nicht mit ihm. Seitdem die Wehrpflicht ausgesetzt ist, muss jeder gute Gründe formulieren können, wenn er zugibt, dass er Deutschland als Soldat dient. Müssen sich ein Friseur oder eine Wirtschaftsanwältin für ihre Arbeit rechtfertigen? Nicht dass ich wüsste. Wir schon, wir müssen uns nahezu immer verteidigen.

Ich nehme die Beziehung zwischen Bundeswehr und Gesellschaft in vieler Hinsicht als paradox wahr. Einerseits stehen wir unter wahnsinnig genauer Beobachtung. Jeder Fehltritt und jede Panne werden unnachsichtig in allen Medien rauf und runter behandelt. Andererseits kümmert man sich im Normalfall nur wenig darum, wie es um die Bundeswehr steht, sondern will am liebsten gar nichts mit ihr zu tun haben. Uns wird vorgeworfen, dass wir eine Art geschlossene Gesellschaft darstellen, aber Kontakt wird möglichst vermieden. Dass es wenig Kontakt gibt, hängt allerdings auch damit zusammen, dass wir mittlerweile so wenige sind. Wir sind die kleinste Bundeswehr aller Zeiten. Unmittelbar nach der Wende kamen wir durch die Vereinigung von Nationaler Volksarmee und Bundeswehr auf eine Truppenstärke von 600000 Mann. Entsprechend dem Zwei-plus-Vier-Vertrag musste diese Zahl bis 1994 auf 370000 reduziert werden. Und es ging noch weiter runter: Der Tiefststand war Mitte 2017 mit 166000 erreicht. Im April 2018 umfasste die Bundeswehr 170000 Berufs- und Zeitsoldaten sowie knapp 9000 freiwillig Wehrdienstleistende.

170000 unter 82 Millionen Einwohnern, das ist wenig. Im Bauhandwerk beispielsweise arbeiten viermal so viele Menschen. Aufgrund unserer geringen Zahl sind wir in der Fläche kaum mehr wahrnehmbar. Und manche von uns machen sich absichtlich unsichtbar, weil sie die Debatten und Anschuldigungen einfach leid sind. Etliche Kameraden beispielsweise tragen keine Uniform mehr, wenn sie von zu Hause zum Dienst fahren, sondern ziehen sich erst in der Kaserne um. Warum? Weil sie unterwegs nicht angepöbelt werden wollen.

Der Mann einer entfernten Bekannten ist Berufssoldat. Wenn ihn jemand bei der ersten Begegnung nach seinem Beruf fragt, antwortet er in der Regel: «Ich bin Ingenieur.» Das ist nicht direkt gelogen, nur nicht ganz präzise. Er ist nämlich Bauingenieur im Infrastrukturstab des Verteidigungsministeriums. Dieser Bereich plant und koordiniert die verschiedenen baulichen Maßnahmen, die mit Kasernen und anderen Gebäuden verbunden sind. Früher hat er seinen «richtigen» Beruf genannt, aber irgendwann war er es leid, immer diese moralisch grundierten Fragen zu beantworten, warum denn Bundeswehr, ob es nichts anderes gebe usw. Oder sich gar gegen die Unterstellung zur Wehr zu setzen, dass nur solche zur Bundeswehr gingen, die auf dem freien Arbeitsmarkt keine Chance hätten. Abgesehen davon, dass so etwas eine Unverschämtheit ist, ist es auch falsch. Das Gegenteil trifft zu. Zeitsoldaten etwa haben nach ihrem Ausscheiden aus der Bundeswehr sehr gute Aussichten, weil die Unternehmen ihre Fachkompetenz und Zuverlässigkeit außerordentlich schätzen. Der Mann meiner Bekannten hat übrigens auch mehrere Einsätze im Ausland hinter sich, der letzte fand in Mali statt. Ich habe viele Kameraden, die sich so oder so ähnlich verhalten wie er.

Teilweise kommt es zu grotesken Missverständnissen und zur Vermischung aller möglichen Ebenen. Ein Beispiel: Für unsere Einsätze im Ausland werden wir als Kriegstreiber gescholten. Als ob wir uns darum reißen würden, in den Einsatz zu ziehen, und extra dafür die Anlässe schaffen. Als ob wir nichts Besseres wüssten, als unser Leben in Afghanistan, Mali oder einem der anderen Länder, in die wir geschickt werden, aufs Spiel zu setzen. Ich muss es noch mal in Erinnerung rufen: Diese Konfliktzonen haben nicht wir als Bundeswehr geschaffen. Es sind Krisenherde, in die eine internationale Gemeinschaft eingreifen will, aus welchen Gründen auch immer. Die Entscheidung, uns zur Wiederherstellung sicherer Verhältnisse an solchen Auseinandersetzungen zu beteiligen, treffen nicht wir. Es sind politische Entscheidungen, kluge oder weniger kluge, aber immer vom Bundestag beschlossene.

Die Bundesregierung und der Bundestag vertreten diese Politik. Sie erfüllen damit unter anderem Verpflichtungen, die Deutschland im Rahmen von Bündnispartnerschaften eingegangen ist. Trotzdem tun viele Menschen so, als ob wir Soldaten am liebsten in Rambo-Manier irgendwo herumballern wollten. Jeder Bundesbürger kann selbstverständlich der Ansicht sein, dass wir am Hindukusch nichts zu suchen haben oder dass den Deutschen egal sein kann, wenn Mali zerfällt und dadurch die Gefahr des Terrorismus steigt. Nur müssten solche Einwände an die zuständige Adresse gerichtet werden, und das sind Regierung und Bundestag, nicht wir. Wir sind das ausführende Organ des Bundestags.

Oft sind es politisch sehr interessierte Menschen, die ihre Vorurteile gegen die Bundeswehr pflegen. Gerade das sogenannte fortschrittliche oder erst recht das radikale linke Spektrum tut sich schwer, einen Sinn in unserer Existenz zu sehen. Eine allgemein pazifistische Grundstimmung ist dort sehr verbreitet. Ich kann das grundsätzlich verstehen. Ich fände es auch schön, wenn es keine gewalttätigen Auseinandersetzungen mehr gäbe, weder im Großen noch im Kleinen. Keinen Krieg, keine Kriminalität, keine Übergriffe – es wären paradiesische Zustände. Aber das Paradies gibt es eben nicht auf Erden, und wir sind auch nicht allein auf der Welt. Deswegen bin ich zwar friedliebend, aber keine Pazifistin, obwohl ich das der Einfachheit halber manchmal sage, wenn ich in einer Debatte unterstreichen will, dass gerade mir als Soldatin der Frieden besonders am Herzen liegt. Ich verteidige ihn daher – gegebenenfalls auch mit der Waffe.

Pearl Harbor und ich

Ich will nicht so tun, als hätte ich die Weisheit oder gute Gesinnung mit Löffeln gefressen und von frühester Jugend an in erster Linie im Sinn gehabt, meinem Heimatland als Soldatin zu dienen. Frauen dürfen sowieso erst seit 2001 in der Bundeswehr den Dienst an der Waffe ausüben, außerdem war ich mir über meine Interessen lange Zeit nicht im Klaren. Ich bin schon sehr früh von zu Hause weg, aus verschiedenen Gründen. Wir waren eine große Familie, fünf Kinder, alle in einer eher beengten Wohnung in einem Hochhaus in Hannover-Linden. Mein Vater musste enorm viel arbeiten, um die Familie durchzubringen, und meine Mutter hatte alle Hände voll zu tun, um den Haushalt am Laufen zu halten. In ihrer Heimat Marokko gehörte sie wahrscheinlich eher zu den Modernen, hier in Deutschland wurde sie deutlich konservativer. Warum, weiß ich nicht genau, vielleicht einfach aus Mangel an Entfaltungsmöglichkeiten. Sie achtete sehr darauf, dass wir uns an die religiösen Vorschriften hielten, was ich ihr vor allem dann übelnahm, wenn wir mit der Klasse ins Landschulheim fahren sollten und ich an solchen Exkursionen nie teilnehmen durfte. Dazu kam, dass ich die Kleidung meiner älteren Schwester auftragen musste, ergänzt um «Erbstücke» von Nachbarn oder Freunden. Das rief manche Bemerkungen der Klassenkameraden hervor. Dass das Geld knapp war und meine Eltern nehmen mussten, was sie bekommen konnten, war mir nicht bewusst. Ich litt einfach darunter, als Außenseiterin abgestempelt zu werden. Als Kind möchte man nichts lieber, als dazuzugehören.

Ich nahm die erste Gelegenheit wahr, um von zu Hause auszuziehen. Einerseits war es richtig für mich, aus diesen Verhältnissen auszubrechen, andererseits muss ich heute zugeben, dass es ziemlich früh war. Ich war gerade 16 Jahre alt und alles andere als gefestigt, als ich von zu Hause wegging. Es traten Probleme mit der Schule auf, die ich nach einigen Umwegen aber lösen konnte, zum Glück! Nach dem Abschluss der Schule arbeitete ich eine ganze Weile lang in verschiedenen Callcentern, später in einem Reisebüro. Doch irgendwie war das nicht das Richtige. Ich verdiente mein Geld, aber Spaß machte mir das alles nicht. Ich war noch jung, mein Leben lag vor mir. Dass ich die nächsten 40 Jahre Reisen verkaufen sollte, das war unvorstellbar! Doch statt meine Energie in die Suche nach Alternativen zu investieren, konzentrierte ich mich auf die schönen Seiten des Lebens, ging viel aus und nahm es mit meinen Pflichten bei der Arbeit nicht immer ganz genau.

Mitte 2001 ging ich mit meinen Mitbewohnerinnen zu einem Kinomarathon. Ich weiß nicht mehr, wie viele Filme wir uns anschauten und welche überhaupt – es war halt ein Marathon. Doch an den letzten Film erinnere ich mich, sehr genau sogar. Denn der veränderte mein Leben. Es war «Pearl Harbor», mit Ben Affleck, Josh Hartnett und Kate Beckinsale. Und mit jeder Menge Marine, Militär und einer wunderbaren Männerfreundschaft. Viele Kritiker sagen, dass der Film ein Schmachtfetzen sei, zahlreiche historische Fehler enthalte und mit der Realität sowieso nichts zu tun habe. Mag alles sein – ich war fasziniert. Die Actionszenen, die Gefühle, die tapferen Menschen … Der Film sprach in mir etwas an, was mir gefehlt hatte, ohne dass ich es wusste. Es ging um Ehre, Kameradschaft und um hehre Ziele. Um große Werte, um einen Sinn im Leben. Der Abspann lief noch, da stand mein Entschluss fest: «Ich gehe zur Bundeswehr, ich werde Soldatin.»

Dafür, dass ich nie vorher einen solchen Gedanken geäußert hatte, nahmen meine Freundinnen die Nachricht erstaunlich gelassen auf. Christa sagte: «Warum nicht? Seit Anfang des Jahres ist der Dienst an der Waffe auch für Frauen erlaubt.» Na bitte. Meine totale Unbedarftheit zeigte sich schon darin, dass ich keine Ahnung von der Rolle der Frauen in der Bundeswehr hatte. Ich war damals – ganz anders als heute – politisch überhaupt nicht interessiert. Ich wusste nicht, dass das Grundgesetz Frauen ursprünglich verboten hatte, Dienst an der Waffe zu leisten. Frauen durften seit Gründung der Bundeswehr nur in den Sanitätsdienst eintreten, später dann auch ins Musikkorps. Als 1996 einer jungen Frau der Posten als Waffenelektronikerin mit Verweis auf das Grundgesetz verwehrt wurde, gab sie sich nicht damit zufrieden, sondern zog vor Gericht und brachte damit einen ziemlich großen Stein ins Rollen. Ihr Fall ging bis zum Europäischen Gerichtshof. Der entschied, dass es ein Verstoß gegen die Gleichberechtigung sei, wenn Frauen die Karriere in bestimmten Bereichen vorenthalten würde. Bundestag und Bundesrat verabschiedeten daraufhin entsprechende Änderungen am Soldatengesetz, das Grundgesetz wurde angepasst. Seit 2001 stehen Frauen in der Bundeswehr alle Laufbahnen offen. Die Neuerung kam also gerade rechtzeitig für mich.

Wobei ich zugeben muss, dass meine kühne Aussage nach «Pearl Harbor» erst mal keinerlei Konsequenzen nach sich zog. Ich arbeitete weiter im Reisebüro, tändelte mit nutzlosen Dingen herum, verbrachte einige Zeit in Marokko, dachte über mein Leben nach und was ich damit anfangen wollte. Als ich zurückkam, stand mein Entschluss fest: Ich musste raus aus dem schlecht bezahlten Job, der mich weder finanziell noch persönlich zufriedenstellte. Ich wollte etwas Richtiges machen, bei dem ich mich einbringen konnte. Und die Bundeswehr war etwas Richtiges, etwas Großes und Sinnvolles. Nur hatte ich überhaupt keine Ahnung, wie man da reinkam. Stellenanzeigen der Streitkräfte waren mir noch nie untergekommen. Und einfach in einer Kaserne anrufen und sagen, dass ich gern eintreten würde – das schien selbst mir nicht ganz richtig.

Jens, der Mann meiner Freundin Christa, wusste Bescheid. Er war selbst Soldat und erklärte mir, wie ich vorgehen sollte: zuerst mal zum Wehrdienstberater, der prüfen würde, ob ich überhaupt in Frage kam und Chancen hätte, den Einstellungstest zu bestehen. Er gab mir die Telefonnummer, ich meldete mich und verabredete einen Termin. In letzter Sekunde bekam ich kalte Füße und ließ ihn sausen. Die betriebsbedingte Kündigung, die mir mein Arbeitgeber kurze Zeit später schickte, änderte die Lage fundamental. Ich vereinbarte einen neuen Termin beim Wehrberater und war wild entschlossen, dieses Mal wirklich hinzugehen. Ein bisschen Bammel hatte ich, aber Jens ermutigte mich. «Komm, kannst es doch ruhig versuchen. Sieh es wie ein normales Bewerbungsgespräch, du hast denen doch auch was zu bieten. Deine Sprachkenntnisse sind für die Bundeswehr sehr wertvoll, glaub’s mir.»

Ob das reichen würde? Ich sprach außer Deutsch natürlich fließend Arabisch, außerdem ganz gut Türkisch, Dari und Farsi. Das waren die Früchte meiner Kindheit und Jugend in Hannover-Linden, einem Viertel, in dem überwiegend Eingewanderte lebten. Wir waren eine der wenigen Familien aus Marokko. Die meisten meiner Freunde stammten aus der Türkei, aus Afghanistan, Iran, Irak und Libanon. Ich saugte ihre Sprachen geradezu auf, wechselte von einer in die andere. Deutsch wendete ich in erster Linie in der Schule an. Sprachen fliegen mir zu, auch «exotische» – das war mein Trumpf, meine Gabe für die Bundeswehr. Dass mein Lebenslauf nicht ganz geradlinig verlief, sondern ein paar Zacken aufwies, würde demgegenüber nicht ins Gewicht fallen.

Also fuhr ich im Dezember 2003 zum alten Flughafen in Hannover-Vahrenwald, wo die Bundeswehr ein Verwaltungszentrum betrieb. Es sah für meine Begriffe ziemlich militärisch aus, ein flaches graues Bürogebäude, davor ein paar Dienstwagen mit seltsamen Nummernschildern. Ein Mann in Uniform nahm mich in Empfang – ich war schwer beeindruckt. Das Interview begann tatsächlich wie ein ganz normales Bewerbungsgespräch, kleine Nachfragen zu meinen Angaben, Lob für die Sprachkenntnisse und dann die klassische Frage: «Was stellen Sie sich denn so vor? Was möchten Sie denn hier machen?»

Jens hatte mich bestens vorbereitet, auch auf diese Frage, und so konnte ich wie aus der Pistole geschossen antworten: «Ich will Stabsunteroffizier werden.» Ich hatte allerdings nicht die geringste Ahnung, was das bedeutete. Aber offenbar war es das Richtige, denn der Berater nickte erfreut. «Das ist doch ein realistischer Wunsch. Ich erläutere Ihnen mal für den Überblick, welche Einsatzbereiche ich mir für Sie vorstellen kann.» Es gab beispielsweise die Operative Information (heute Operative Kommunikation), eine Einheit, die in Koblenz und Mayen angesiedelt war, außerdem die Elektronische Kampfführung, EloKa. Die saß in Nienburg. Das erschien mir praktisch, das war ja direkt um die Ecke, nur 50 Kilometer von Hannover entfernt, da konnte ich oft nach Hause fahren. Ja, also EloKa, warum nicht? Ich war 24 Jahre alt, offen für alles. Wenn es nichts gibt, was einen wirklich bindet, dann gibt es eben auch viele Optionen. Der Wehrberater hatte es ganz geschickt eingefädelt, indem er mir quasi einen Posten in der Nachbarschaft vorschlug.

«Gut, dann sollten Sie sich also in Nienburg um eine Truppenwerbung bemühen.» Klar, kein Problem für mich, was auch immer eine Truppenwerbung sein mochte. Es war – und ist noch heute – entscheidend: die Reservierung einer frei werdenden Stelle für einen ganz konkreten Bewerber, wenn er sich erfolgreich vorgestellt hat. «Wir melden uns dann bei Ihnen.»

Zu Hause bestürmten mich meine Freunde, wie es gewesen sei, welche Fragen gestellt wurden und wie ich geantwortet hätte und ob ich den «Job» jetzt bekäme oder nicht. Ich tat ganz cool: «Wartet ab, die melden sich bei mir. Wird schon klappen.» Ganz überzeugt war ich selbst aber nicht. Ich konnte die Situation nicht einschätzen, dafür war mir das alles zu fremd. Nach ungefähr zwei Wochen kam tatsächlich der Anruf, dass ich nach Nienburg kommen sollte, um mich vorzustellen.

Meine Freundin Steffi wollte mich hinbringen. Wie Mädchen so sind: Wir machten uns chic – es war ja schließlich ein Vorstellungsgespräch –, und ich wollte auf jeden Fall einen guten Eindruck erwecken. Wenn ich heute, 15 Jahre später, daran denke, muss ich wirklich lachen. Ich hatte von Tuten und Blasen keine Ahnung. Zunächst mal fuhren wir ans falsche Tor, was mir immerhin Gelegenheit gab, die übers Gelände marschierenden Soldaten zu beobachten und mir vorzustellen, dass ich vielleicht bald einer von denen sein könnte. Schließlich fanden wir die richtige Stelle, Steffi wartete im Flur, und ich ging ins Bewerbungsgespräch. Mir war ein bisschen mulmig zumute, schließlich war ich das allererste Mal in meinem Leben in einer Kaserne. Aber ich war entschlossen, mich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen.

Erst sprach der Personalfeldwebel mit mir, dann Hauptmann Bartsch. Letzterer sollte eine bedeutende Rolle für mich spielen, von ihm habe ich unendlich viel gelernt. Aber so weit waren wir noch nicht, er versuchte erst mal, mir zu erklären, welche Aufgabe die EloKa wahrnimmt. Ich saß auf meinem Stuhl, hörte sehr interessiert zu, nickte ab und zu – und verstand nichts, überhaupt nichts. Es fielen Begriffe, die ich noch nie im Leben gehört hatte, wie zum Beispiel elektronische Aufklärung, Abschirmung, Störung von Frequenzen, Grundlagengewinnung. Ich dachte nur daran, dass ich den Job brauchte und ihn mir auf keinen Fall durch dumme Fragen verscherzen wollte. Die würden mir schon beibringen, was ich wissen musste. Mein Plan diente einem großen Ziel: Ich gehe zur Bundeswehr und bringe mein etwas unstetes Leben in eine stabile Bahn. Dass der Dienst bei der Bundeswehr bedeutet, in Kasernen zu leben, oft versetzt zu werden und sich dauernd von Freunden und Familie zu trennen, darüber machte ich mir keine Gedanken. (Seit ich bei der Bundeswehr bin, weiß ich übrigens, wer wichtig in meinem Leben ist, welche Freundschaften über räumliche und zeitliche Trennungen Bestand haben.)

Damals war ich überzeugt, dass ich mich im Gespräch supergut verkaufte. Im Nachhinein denke ich, dass Hauptmann Bartsch ganz genau mitbekam, welch böhmische Dörfer seine Erzählungen für mich waren. Er machte dennoch unverdrossen weiter. Letztlich kam es auch nicht darauf an, ob ich ihm in den Details folgen konnte. Er wollte vor allem sehen, ob ich es ernst meinte. Er beschrieb auch die Auslandseinsätze und dass ich willens sein müsse, daran teilzunehmen. Damit hatte ich mich immerhin schon vorher auseinandergesetzt, und dazu war ich bereit. Wenn das dazugehörte, dann würde ich eben auch ins Ausland gehen.

Hauptmann Bartsch schien ganz zufrieden mit mir zu sein und meinte: «Okay, dann versuchen wir es mal. Sie bekommen eine Truppenwerbung.» Mir fiel ein Stein vom Herzen, aber ich ließ mir nichts anmerken, immer schön cool bleiben.

Ein paar Wochen später, im Januar 2004, war es so weit, ich musste die Prüfungen absolvieren. Der Einstellungstest bestand aus mehreren Komponenten: körperliche Untersuchung durch einen Mediziner, Fitnessprüfung, Aufgaben in Bezug auf das logische Denkvermögen, psychologischer Test und natürlich das persönliche Gespräch, in dem man sich bewähren musste. Das Ganze zog sich über zweieinhalb Tage, der erste Teil begann um halb sieben Uhr morgens. Ich war wahnsinnig aufgeregt und hatte große Sorgen, dass ich verschlafen würde, also fuhr ich schon am Abend vorher ins Zentrum für Nachwuchsgewinnung nach Hannover-Bothfeld. Es war eigentlich nicht sehr weit, aber man brauchte mit der Straßenbahn doch eine ganze Weile, und das war mir alles viel zu heikel, kurz vor der Prüfung. Also übernachtete ich dort in der Kaserne, damit bloß nichts schiefging. Zur Vorbereitung auf den Fitnesstest war ich ein paarmal joggen gewesen, für den Rest hatte ich ein Buch studiert: «Der Einstellungstest/Eignungstest zur Ausbildung bei Feuerwehr und Bundeswehr». Sämtliche Fragen mit den richtigen Antworten hatte ich durchgeackert.

Beinahe wäre ich allerdings schon beim Fitnesstest gescheitert, die paar Runden Lauftraining, die ich vorher in den Herrenhäuser Gärten gedreht hatte, reichten bei weitem nicht aus, zumal ich damals noch ein paar Kilo mehr auf die Waage brachte als heute. Ich musste alles Mögliche machen, Sit-ups, Pendellauf, Liegestütze, Fahrradfahren und noch etliches mehr. Als der Prüfer die Werte des Ergometers ablas, runzelte er die Stirn: «Na, da geht Ihr Puls ja ganz schön hoch, das sieht nicht so gut aus.» Um Gottes willen, war ich etwa schon beim Sport rausgeflogen? «Nein, das nicht, aber da müssten Sie besser werden, deutlich mehr trainieren.» Ich versprach es hoch und heilig, denn: Ich wollte unbedingt zur Bundeswehr. Ich hatte keinen Plan B entwickelt, jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt.

Insgesamt starteten 45 Kandidaten. In jeder Runde flogen ein paar raus, und die Gruppe der Verbliebenen wurde immer kleiner. Ich hatte vor jedem Testteil Angst, dass ich ihn nicht überstehen würde und frühzeitig heimkehren müsste. Am Ende waren wir 19, die es bis zum entscheidenden Schlussgespräch schafften. Alle Frauen außer mir waren ausgeschieden. Wir saßen im Flur und warteten, dass wir aufgerufen würden. Die anderen Kandidaten waren überwiegend in Turnschuhen und Jogginghosen erschienen, ich nicht. Stundenlang hatte ich mir vorher überlegt und mit meinen Freundinnen bis ins Detail besprochen, was ich anziehen und wie ich auftreten sollte, falls ich es tatsächlich bis in die letzte Runde schaffen würde, x-mal hatten wir eine Kombi zusammengestellt und wieder verworfen. Es war ja das wichtigste Vorstellungsgespräch meines Lebens, so erschien es mir jedenfalls; kein Larifari für ein Callcenter, sondern was Ernstes – ich wollte unbedingt «da rein». Nun saß ich da, in weißer Bluse mit beigem Pullunder, dazu eine schwarze Hose und flache Schuhe. Meine krausen langen Haare hatte ich straff zurückgebunden und zu einem Dutt verknotet, dann noch jede Menge Haarspray darauf verteilt, damit ja alles an Ort und Stelle bliebe und keine Strähne aus der Reihe tanzte. Ich sah superbrav aus, als ob ich direkt aus einem englischen Internat gekommen wäre. Hinterher gab mir der Gesprächsleiter, ein Psychologe, zu verstehen, dass er meinen Auftritt in dieser Hinsicht, auch im Vergleich mit dem der anderen, bemerkenswert fand. Nicht weil er meine modische Wahl für besonders gelungen hielt, sondern weil ich auch durch mein Outfit unterstrich: Ich gebe mir Mühe, die Erwartungen zu erfüllen, ich will es unbedingt schaffen.

Schließlich rief man mich in das Büro. Ich setzte mich erst, als man mich dazu aufforderte, und war ziemlich nervös, aber bereit, mein Bestes zu geben. Außer dem Psychologen waren noch zwei weitere Männer anwesend, Letztere trugen Uniform. Der Psychologe sah sich meine Testergebnisse an, meinen Lebenslauf und die Arbeitszeugnisse. Eins davon war nicht besonders gut. Er fragte, was da los gewesen sei. Ich entschloss mich, die Wahrheit zu sagen, Lügen hätten sie mir eh nicht abgenommen. «Wissen Sie, ich war damals in einer schwierigen Phase und nahm es mit der Pünktlichkeit nicht so genau. Und ich habe mich auch öfter krankschreiben lassen, als unbedingt nötig gewesen wäre.»

Es schien ihn nicht zu erschüttern: «So, so, so … Ist gut, aber ich gehe davon aus, dass Sie im Wesentlichen mit den deutschen Tugenden klarkommen, oder?»

Ich nickte heftig.

«Okay. Wäre aber auch kein Problem. Wir bringen sie Ihnen sonst halt bei.»