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»Wir sind die Kinder der kleinen Mehrheiten. Unsere Stimmen müssen in der Gesellschaft gehört werden.«
Was für eine Geschichte! Gianni Jovanovic hat mit 43 Jahren mehr erfahren als andere in ihrem ganzen Leben: 1978 in Rüsselsheim geboren, erlebten er und seine Familie immer wieder rassistische Anfeindungen. Mit 14 verheirateten seine Eltern ihn. Mit 17 war er bereits zweifacher Vater, Anfang 20 outete sich Gianni Jovanovic als schwul. Inzwischen ist er seit 18 Jahren mit seinem Ehemann zusammen, zweifacher Großvater und die wohl bekannteste Stimme der Rom:nja und Sinti:zze in Deutschland.
Gemeinsam mit der Journalistin Oyindamola Alashe erzählt er diese Geschichte einer Selbstermächtigung und entwirft dabei auch seine Vision einer antirassistischen, diversen Gesellschaft. Gianni Jovanovic' Geheimwaffen: Charme und Humor. Besonders auch dann, wenn es weh tut.
»Gianni Jovanovic sprengt Erwartungen auf wundervolle Weise! Er kann eine Sache so gut wie kein anderer: Ambivalenzen zulassen, ohne Scham, ohne Beschönigung. Dabei ist er alles andere als zynisch, sondern ansteckend lebensbejahend.« Alice Hasters
»Mit diesem Buch hat Gianni Jovanovic sich noch mal selbst übertroffen. Mit jedem Satz, den ich gelesen habe, konnte ich mehr Verständnis für sein Leben und seine Herausforderungen gewinnen.« Louisa Dellert
»Diese fast unglaubliche Geschichte muss gelesen werden. Wie aus einem Menschen, der so viel Ablehnung und Gewalt erleben musste, ein Streiter wurde für Toleranz, Vielfalt und Herzlichkeit.« Bettina Böttinger
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Was für eine Geschichte! Gianni Jovanovic hat mit Mitte Vierzig mehr erfahren als andere in ihrem ganzen Leben: 1978 in Rüsselsheim geboren, erlebten er und seine Familie immer wieder rassistische Anfeindungen. Mit 14 verheirateten seine Eltern ihn. Mit 17 war er bereits zweifacher Vater, Anfang 20 outete sich Gianni als schwul. Inzwischen ist er seit 18 Jahren mit seinem Ehemann zusammen, zweifacher Großvater und die wohl bekannteste Stimme der Rom:nja und Sinti:zze in Deutschland. Sein Leben und sein politisches Engagement sind wie ein Ausrufezeichen: Vielfalt! Toleranz! Miteinander! Nächstenliebe! Und ganz viel Herz!
»Mit diesem Buch hat Gianni Jovanovic sich noch mal selbst übertroffen. Mit jedem Satz, den ich gelesen habe, konnte ich mehr Verständnis für sein Leben und seine Herausforderungen gewinnen.« Louisa Dellert
»Diese fast unglaubliche Geschichte muss gelesen werden. Wie aus einem Menschen, der so viel Ablehnung und Gewalt erleben musste, ein Streiter wurde für Toleranz, Vielfalt und Herzlichkeit.« Bettina Böttinger
»Gianni Jovanovic sprengt Erwartungen auf wundervolle Weise! Er kann eine Sache so gut wie kein anderer: Ambivalenzen zulassen, ohne Scham, ohne Beschönigung. Dabei ist er alles andere als zynisch, sondern ansteckend lebensbejahend.« Alice Hasters
Gianni Jovanovic ist Unternehmer, Aktivist und Performer. Er gilt als eine der lautesten Stimmen der Rom*nja und Sinti*zze in Deutschland. Außerdem setzt er sich innerhalb der LGBTQI+-Community für die Rechte von Schwarzen Menschen und People of Colour ein. Er sagt: »Wir sind die Kinder der kleinen Mehrheiten. Unsere Stimmen müssen in der Gesellschaft gehört werden.«Mehr über Gianni Jovanovic: www.gianni-jovanovic.deInstagram: @giannijovanovic78Facebook: @giannijohannesjovanovic
Oyindamola Alashe wurde 1978 in den USA als Tochter eines Nigerianers und einer Deutschen geboren. Zu den Schwerpunktthemen der Journalistin gehören Bildung, Inklusion, Gesundheit und Familie. Die alleinerziehende Mutter organisiert seit Jahren antirassistische Projekte und unterstützt Aktivist*innen der LGBTQI+-Community. Mit Gianni Jovanovic verbindet sie eine innige Freundschaft. Heute sagt sie über sich selbst: »In Deutschland war es lange eine Überlebensstrategie, mich anzupassen. Aber ich will kein angepasstes Leben.«
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Gianni Jovanovic, Oyindamola Alashe
Ich, ein Kind der kleinen Mehrheit
Cover
Titelinformationen
Informationen zum Buch
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Widmung
Motto
Vorwort
Die Familien-DNA: Gewalt und Widerstand, Vergebung und Liebe — Ein Leben zwischen Schutz, Verfolgung und Selbstzerstörung
(K)ein Drama? Ein Junge heiratet ein Mädchen — Aus Teenagern werden Mann und Frau
Bäääm! Vom Bettler zum Bachelor — Das Bildungssystem als Sinnbild von strukturellem Rassismus
Deutschland, du kannst so wehtun — Hass, Hetze und Rassismus - dieses Land hat zu viel davon zu bieten.
Königskinder — Wie das Elternsein aus Menschen Aktivist*innen macht
Daylight — Coming Out - vom harten Weg der Identitätsfindung
Oh Mann, was habe ich gelacht! — Humor als Überlebensstrategie und Essenz meiner Männlichkeit
Ich, ein Kind der kleinen Mehrheit — Mein Leben in einer weißen Dominanzgesellschaft
Nachwort von Oyindamola Alashe
DANK
Literaturverzeichnis
Erläuterungen
Impressum
Für meine Kinder. Für meine Enkelkinder. Für meinen Ehemann. Für meine Wahlfamilie. Für all meine Geschwister, die in einer weißen, heteronormativen Gesellschaft in Deutschland und auf der ganzen Welt leiden, bluten, sterben und überleben. Ihr seid alles für mich.
Wir Rom*nja feiern den Frühling. Wir feiern, dass das Böse zu Ende geht. Wir feiern die heilige Mutter Gottes. Diese Feste und Traditionen sind für uns das Schönste auf der Welt. Sie sind so schützenswert wie unsere Sprache Romanes. All das stiftet unsere Identität und verbindet uns miteinander. Unsere Traditionen stehen für unsere Familien und unsere Liebe füreinander. Die Angst, dass all das zu Ende geht, ist manchmal erdrückend. Es fühlt sich an, als sterbe etwas aus. Wir sterben aus. Wir halten so sehr an unseren Traditionen fest, weil sie uns zeigen, dass wir noch leben, überleben. Sie geben uns Sicherheit, die uns so oft fehlt.
Vanessa Jovanovic, Tochter von Gianni Jovanovic
Ich wurde 1978 in Rüsselsheim geboren. Ich bin das Kind von Rom*nja, und ich bin schwul. Meine Geschichte ist eine deutsche, und ich kann sie nicht erzählen, ohne Gewalt, Rassismus, Homophobie und Ausgrenzung zu beschreiben. Ich muss diese Geschichte erzählen, weil ich möchte, dass wir Menschen mit Diskriminierungserfahrungen über unsere Erlebnisse sprechen können, ohne dass ein Stigma für uns zurückbleibt. Wir sind schließlich nicht verantwortlich für die Umstände, in die wir hineingeboren werden. Ich konnte mich nie mit den Missständen und Ungerechtigkeiten abfinden, die mir immer wieder begegneten. Ich wehre mich dagegen. Ich bin kein Opfer und will meine Zukunft frei gestalten.
In der Community der Sinti*zze und Rom*nja bin ich eine Stimme von vielen, und ich kann nicht viele Millionen Menschen repräsentieren. Aber ich kann laut sein. Meine Sprache kommt aus dem Herzen und aus dem Bauch, sie ist explizit. So schildere ich, was ich erlebt habe. Meine Beschreibungen können irritieren, verstören und wehtun. Wer wie ich Diskriminierungen erlebt, darf und muss manchmal weinen, schreien – oder auch lachen. Das braucht es, um zu heilen und im Leben voranzukommen.
Gianni Jovanovic
Ein Leben zwischen Schutz, Verfolgung und Selbstzerstörung
Ich mag dieses alte Foto aus meiner Kindheit: zwei Kinder in Röcken. Das eine Kind ist meine Tante, sie ist nur knapp zwei Jahre älter als ich. Das Kind mit den Power-Locken im Vordergrund bin ich. Meine Tante und ich waren eine Einheit. Wir teilten alles, lachten viel und spielten miteinander. Wir stellten Möbel um, verwandelten ein Zimmer mal in unsere Küche, mal in einen Arbeits- oder Schlafbereich. Und wir schminkten uns – was kleine Mädchen halt so machten. Oft spielte noch mein Onkel mit uns. Er war sechs Monate jünger als ich, und wir prügelten uns ständig. Eines Tages beleidigte er mich, weil ich Mädchenkleidung trug. Ich überlegte nicht lange und haute ihm die Nase blutig.
Ich gehöre zu einer großen, traditionellen Roma-Familie. Meine Eltern kamen 1977 – ein gutes Jahr vor meiner Geburt – aus Jugoslawien über die Grüne Grenze. Im heutigen Serbien erlebte die Volksgruppe der Rom*nja schon damals Diskriminierung und Verfolgung. Ihre wenigen Wertsachen hatten die beiden 15-Jährigen für ihre Flucht in einem weißen Mercedes neben dem Tank eingeschweißt. Begleitet wurden sie von Vätern, Großvätern und Onkeln, die alle ihre Frauen und Kinder mitbrachten. Eine große Gruppe, fast 50 Menschen. Sie kamen, um Schutz und Sicherheit in Deutschland zu finden. Teile unserer Familie waren bereits zuvor hier gewesen. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Nazis Verwandte von mir in Gaskammern umgebracht. Bis heute weiß ich nicht, wie viele meiner Angehörigen dort ums Leben kamen. Meine Familie brachte eine Mischung aus verdrängter Angst vor weiterer Verfolgung und die verzweifelte Hoffnung mit sich: Deutschland würde besser zu ihnen sein, dachten sie. Deutschland schuldet uns etwas, dachten sie. Immerhin hatte Deutschland eine halbe Million Sinti*zze und Rom*nja vernichtet. Das musste doch etwas wert sein.
Was meine Eltern nicht wussten: Nach dem Nationalsozialismus war die allgemeine Akzeptanz für Sinti*zze und Rom*nja alles andere als gestiegen. Sie suchten Schutz in einem Land, in dem es grausamste Gewalt gegen unsere Community gab. So kam es beispielsweise 1972 in Bayern, einige Jahre vor der Ankunft meiner Eltern, zu einer Tragödie. Ein Bauer schoss ein ganzes Magazin seines halbautomatischen Gewehrs leer, als eine Gruppe von Roma-Mädchen in der Gegend bettelte. Der Mann traf die 18-jährige Anka Denisov zwei Mal von hinten. Sie war im siebten Monat schwanger, als sie starb. Vier weitere Kugeln verletzten die 16-jährige Milena Ivanov, sie überlebte den Angriff nur knapp. Die Reaktion der Polizei war makaber: Sie sorgte dafür, dass die Familie des Bauern umfassenden Schutz bekam. Gegen die schwer verletzte Milena und zwei weitere 14-Jährige wurde Haftbefehl erlassen. Dem Bauern riet man, den Hof zur Sicherheit zu verlassen. Das gefiel dem damaligen Bürgermeister überhaupt nicht, und Medien gegenüber klagte er über »die Sauerei, daß ein anständiger Gemeindebürger wegziehen muß, wegen dem Gesindel«1. Vielleicht unterstützte er deshalb auch gemeinsam mit dem Landrat einen öffentlichen Spendenaufruf – für den Bauern. 70 000 Mark sollten so für einen angeblichen Revisionskostenvorschuss zusammenkommen. Geld für die Bestattungskosten von Anka sammelte übrigens niemand aus der Gemeinde. Der Metzger des Ortes wurde im Magazin Der Spiegel dazu so zitiert: »Z***-Kinder – da würde doch gar nichts eingehen.«2
Meine Eltern hatten von alldem keine Ahnung, als sie aus Serbien kamen. Aber in den nächsten Jahren lernten sie: Das Konzept »Die und Wir« galt auch hier in Deutschland. Wir waren wieder »die Anderen« und wir wussten: Wenn wir abgeschoben würden, erginge es uns in Jugoslawien noch viel schlechter.
Dass ich Mädchensachen anhatte, war für mich das Normalste der Welt. Das Geld war bei uns immer knapp, deshalb nähte meine Oma viel, und ich fand die Kleider und Schürzen wunderschön. Ich war der Billy Porter der frühen 1980er Jahre. Kein Zweifel, ich fiel auf und Verwandte fanden meine Art merkwürdig und zu feminin. Wenn meine Eltern mir vermeintlich typische Jungenkleidung anziehen wollten, weigerte ich mich und wurde wütend. Meiner geschlechtlichen Identität war ich mir dabei trotzdem immer sehr sicher. Ich fühlte mich gut als Junge. Als ein etwas pummeliger, wissbegieriger, manchmal frecher Junge, mit einem leichten Hang zu Kitsch und Drama.
Eines Tages, ich ging noch nicht zur Schule, sagte meine Mutter zu mir: »Es ist Zeit, dass du aufhörst, Kleider zu tragen.« Meine Antwort war eindeutig: »Nein, friss Scheiße!« Damit passte ich mich dem Sprachduktus an, den ich von meiner Familie und insbesondere von meiner Oma kannte. »Hure«, »Friss Scheiße« oder alternativ »Friss meine Gebärmutter«, das war bei uns wie bei anderen ein »Guten Tag«. Romanes, die Sprache der Rom*nja, ist voller Bilder, sehr symbolhaft und oft plakativ. Vor allem aber haben wir einen Hang dazu, Dinge, die uns Angst machen, durch eine drastische Wortwahl und Hypersexualisierung zu entmystifizieren. Themen wie Geburt, Familie und auch Sex sind für uns voller Tabus. Indem wir aber kurzerhand Beschimpfungen daraus machen, banalisieren wir sie. Wenn Frauen also jemanden auffordern, ihre Gebärmutter zu essen, mag das für viele vulgär oder schrecklich wirken, für uns sind es nur Redensarten und alltägliche Sticheleien.
Die Reaktion meiner Mutter auf die Beschimpfung ließ trotzdem nur den Bruchteil einer Sekunde auf sich warten. Sie verprügelte mich, ihr einziges Kind. Das kannte ich, denn meine Eltern konnten beide richtig gut zuschlagen. Meine Klappe hielt ich dennoch nie, oft wehrte ich mich und schlug und trat zurück. Dieses Mal machte meine Mutter jedoch kurzen Prozess, sie schnappte sich mein geliebtes geblümtes Kleid und warf es in den Ofen. Der Stoff fing Feuer, und in mir loderte es auch. Meinen Racheakt zu planen, ging schnell. Ich suchte die weißen Stiefel, die sich meine Mutter eine Woche zuvor gekauft hatte. Mit hochrotem Kopf und nervösen Flecken am ganzen Körper packte ich einen davon und schleuderte ihn in den brennenden Ofen.
So viel zu meiner Emanzipation. Wenn ich heute als Mann und Aktivist über Persönlichkeitsentwicklung spreche, dann geht es auch um Empowerment und darum, wie man sich und andere stark macht. Persönlichkeitsentwicklung ist im Idealfall ein lebenslanger Prozess, der drei Komponenten beinhaltet: Selbsterkenntnis, Selbstakzeptanz und Selbstveränderung. Mit jeder neuen Erfahrung entwickeln wir uns weiter, haben wir die Gelegenheit, Erlerntes zu hinterfragen, uns neu zu orientieren und zu verändern. Aber Persönlichkeitsentwicklung hat eben auch mit Persönlichkeit und Charakter zu tun. Beides zeigt sich bei Menschen schon sehr früh. »Typisch Gianni« war ich jedenfalls bereits im Kindesalter, mit der vermeintlichen Norm war ich nie konform. Wollte ich ein Kleid tragen, dann tat ich es – und so ist es auch heute noch. Als Kind gab es jedoch eine Sache, die ich dabei immer beachtete: Mein Vater durfte nicht in der Nähe sein.
Ich hatte Glück, denn mein Dade (Romanes für »Papa«) war ständig unterwegs, um zu arbeiten. Zu Hause war er eigentlich nie. Er tat alles, um an Geld zu kommen. Er ging von Haus zu Haus und bot an, was mein Großvater als Kupferschmied herstellte. Er verkaufte auch Autos, Teppiche oder Rosen. Fünf Mark bekam er für eine Blume. Ich sah ihn also kaum und wurde von den starken Frauen der Familie umsorgt, Mama, Oma und den Tanten. Fünf von ihnen hatten mich gleichzeitig gestillt. Den Schutz dieser Frauen und Feminismus in seiner pursten Form bekam ich so schon über die Mutter- und Tantenmilch eingeflößt.
Trotzdem erwischte mein Vater mich eines Tages. In dem Kinderhort ein paar Meter von unserer Unterkunft entfernt, spielte ich mit meiner besten Freundin eine Bollywood-Szene nach. Damit kannten wir uns aus, zu Hause schauten wir die schmachtenden Filme aus Indien mit türkischen Untertiteln, während unsere Eltern quatschten und schwarzen Tee mit etlichen Zuckerwürfeln schlürften. Wieder trug ich ein Kleid, sang, tanzte und fühlte mich sicher. Hier konnte ich sein, wie ich war, der Hort gab mir die Geborgenheit, die ich brauchte. Ich konnte die Windmaschine förmlich spüren, warf theatralisch meinen Kopf in den Nacken und meine lockigen Haare zurück – und da stand er plötzlich vor dem bodentiefen Fenster: mein Vater. Dieser unfassbar schöne Mann mit heruntergeklappter Kinnlade war wie erstarrt. Mein Anblick hatte ihm den Boden unter den Füßen weggerissen. Geschockt zog ich mir die Verkleidung vom Körper und versteckte sie in einer Ecke. Als mein Vater hereinkam, um mich abzuholen, schwieg er mich an. Sein Blick sagte nur: »Wenn du das noch einmal machst, kastriere ich dich.« Ich hatte den größten Schiss meines Lebens, denn ich liebte meinen Penis schon damals sehr.
Ich war das erste Kind meines Vaters, sein Wunschkind. Er war völlig vernarrt in mich. Oft beobachtete er mich beeindruckt, wenn ich ihm wieder einmal unzählige Fragen stellte, weil ich die Welt besser verstehen wollte. Er brachte mir viel bei. Er schlug mich, aber er war auch liebevoll. Als er jedoch merkte, dass das mit den Mädchenkleidern nicht aufhörte, war nichts zwischen uns mehr wie früher. Er vermied Körperlichkeit, wurde immer strenger und brutaler.
Gewalt spielte in meiner Familie immer eine große Rolle. Gewalt kam von außen. Etwa dann, wenn wir von den Stadtverwaltungen in Hessen und Bayern von einem Abrisshaus am Rande der Stadt in die nächste Unterkunft gesetzt wurden. Wenn wir höchstens Lebensmittelmarken oder wöchentliche Essenspakete zugewiesen bekamen. Wenn man versuchte, uns auszuhungern – wie Ungeziefer. Mitarbeiter*innen in Ämtern demütigten meine Eltern, die wenigen weißen3 Familien in unserer Nachbarschaft beschimpften uns. Der Umgang mit Menschen auf der Flucht war durch und durch rassistisch. Man versuchte, Rom*nja aus dem Land zu ekeln, und wir versuchten, zu überleben. Über allem schwebte der unsichere Aufenthaltsstatus. Für meine Familie und mich wurde es normal, dass wir uns nicht allzu sehr an einen Ort gewöhnten. Die Zimmer, die wir bewohnten, waren nicht unser Zuhause. Trotzdem kann ich mich noch an jede Adresse meiner Kindheit erinnern. Meine Großfamilie reiste mal nach Frankreich, mal zurück nach Serbien, um dann kurze Zeit später wieder in die Bundesrepublik zurückzukehren. Wir lebten mal in Hessen, mal in Bayern. Wir zogen von Mörfelden-Walldorf nach Rüsselsheim, nach Darmstadt und von dort nach Nürnberg. Später verschlug es uns nach Frankfurt und nach Köln. Die Kommunen entschieden, wo und wie wir lebten. Teilweise schlug uns blanker Hass entgegen. Unsere Situation war immer ähnlich, wir lebten in Flüchtlingsunterkünften oder bezogen Quartiere in trostlosen Obdachlosenheimen. Manchmal mieteten wir mit mehreren Autos und Wohnwagen auch Parzellen auf Campingplätzen. Was uns überallhin begleitete, war ein Gefühl von Unsicherheit. Die negativen Erfahrungen, die wir machten, prägten uns.
Meine Eltern waren Teenager, als ich in Rüsselsheim zur Welt kam. Und wie alle Väter und Mütter wünschten sie sich nur das Beste für ihr Kind. Ich sollte es gut haben in Deutschland und viel erreichen. Doch die einstige Hoffnung auf ein besseres Leben mischte sich mit Misstrauen gegenüber Menschen außerhalb der Familie. Deshalb kann ich auch nicht sagen, dass irgendjemand von uns über die Ereignisse in Darmstadt – einer meiner vielen Lebensstationen – überrascht war.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren wir die ersten Rom*nja, die dort wieder versuchten, Fuß zu fassen. Linke Autonome und Politiker*innen setzten sich für uns ein. Es gab Initiativen, die interkulturelle Verständigung und eine neue Willkommenskultur ausriefen. Ja, sie feierten sogar ein Fest für uns. Es gab Musik, Tanz, Essen und Wein. Der damalige Oberbürgermeister Heinz Winfried Sabais hielt eine bedeutsame Rede, in der er mit dem romantisch-verklärenden Bild der reisenden Rom*nja spielte. Ein Land, in dem keine Z*** umherzögen, habe auch keine Freiheit, sagte er. Das Publikum applaudierte und johlte begeistert. Mein Großonkel durfte mit etwa 20 Familienangehörigen ein altes Haus in der Arheilger Straße beziehen. Das Grundstück lag im Martinsviertel, wo viele Arbeiter*innen und Studierende lebten. Eine gute und offene Nachbarschaft, in der der Neustart leichtfiel. Meine Eltern, Großeltern und der Rest der Großfamilie zogen in ein Gebäude in der Wormser Straße 22.
Wenige Monate nach unserer Ankunft kippte die Stimmung. Gerade hatten die Darmstädter uns noch freundlich begrüßt, jetzt dämonisierten sie uns. Sie unterstellten uns, dreckig und kriminell zu sein. Man gestand uns vielleicht zu, gute Musiker*innen zu sein, aber der Ruf vom Lumpengesindel, den Kinderklauern und Wäschedieben hielt sich noch viel hartnäckiger. Wir alle bekamen das zu spüren – auf der Straße, bei der Suche nach Arbeit oder in der Schule. Überall wurden wir angefeindet, beschimpft und bespuckt. Wir sollten aus Darmstadt verschwinden, so die Forderung von vielen. Besorgte Bürger*innen gab es schon damals. Sie fürchteten beispielsweise um den Wertverfall ihrer Immobilien. Sie wollten weiter in ihrer Mittelstandsidylle leben, in Häusern, die alle gleich aussahen, wie in einer Edward-mit-den-Scherenhänden-Allee. Da passten wir nicht hinein und waren als Nachbar*innen nicht gerne gesehen. Menschen kamen anonym in der Presse zu Wort und wenn die Medien über uns berichteten, waren wir häufig nur ein Ärgernis für die Stadt oder ein Problemfall. Die Menschen in Darmstadt hetzten gegen und die Zeitungen schrieben über uns. Journalist*innen hatten in unserer Straße recherchiert. Später schrieben sie einen Zeitungsartikel, der bestätigte, dass diverse Beschuldigungen gegen uns auf Lügen oder zumindest maßlosen Übertreibungen basierten. »Schaulustige wollen ›abartigen Lebensstil‹ sehen«, hieß es in einer Schlagzeile und direkt darunter: »Von Integration kann bei den Roma-Familien keine Rede sein«.4 Damals lebten wir erst einige Monate lang in dem Haus in der Wormser Straße. Aber der Text ließ tief blicken und versuchte, irgendwie einzuordnen, warum wir von den Bewohner*innen der Wormser, Arheilger Straße und Fuhrmannstraße so sehr abgelehnt wurden. Da war die Rede von Angst vor Fremden, die bei Menschen für Verunsicherung sorge und Aggressionen gegen das Unbekannte schüre. »Wohin (dies) in der Vergangenheit führte, dürften in Darmstadt auch diejenigen wissen, die soeben mithelfen, besorgniserregende Pogromstimmung schüren zu helfen«, warnte der Autor.5 Tatsächlich hatten wohl alle, die in der Wormser Straße lebten, irgendwie noch den Nationalsozialismus im Kopf. Meine erwachsenen Angehörigen, weil sie damals Teile ihrer Familie verloren hatten. Und ein Nachbar, der sich die alten Zeiten zurückwünschte. Ganz selbstverständlich erzählte er der Zeitung, dass Hitler gut daran getan habe, Z*** umzubringen.
Natürlich bekamen wir mit, dass die Medien über uns berichteten. Die Schlagzeilen waren uns nicht entgangen, einige von uns konnten lesen und schreiben. So wie mein Vater. Er war sprachaffin und hatte sich zumindest die Grundlagen selbst beigebracht.
Auch hatten wir bemerkt, wie sich immer mehr Widerstand bei den Nachbar*innen gegen uns formierte. Sie glaubten, wir würden okkulte Rituale vollziehen. Eine Familie, die beim Bauern ein ganzes Schwein kaufte und dann im Garten grillte, war für sie der blanke Horror. Natürlich waren wir keine Sekte. Und wir brachten auch keine Tieropfer. Aber ja, wir aßen gerne Fleisch. Das Marienfest oder andere besondere Feiertage feierten wir mit einem ordentlichen Spanferkel. Ein paar mickrige Koteletts reichten für eine zwanzigköpfige Familie und Gäste nun mal nicht aus. Stundenlang drehte das Fleisch am Spieß – das war köstlich und ein Riesenspaß. Für uns, nicht für die Nachbar*innen. Die vermuteten nur ein grausames Spektakel in ihrer Straße. Deutschland hatte damals eben noch keine BBQ-Kultur, und ein großer Gasgrill war ganz anders als heutzutage noch nicht das Statussymbol jedes Kleingartens.
Die weißen Kinder spielten nicht mit uns. Unsere Großfamilien waren ständig im Visier der Polizei, die erfolglos, aber hartnäckig versuchte, uns kriminelle Machenschaften nachzuweisen. Hausbesitzer*innen auf der anderen Straßenseite ließen die Beamt*innen gerne herein, damit sie uns observieren konnten. War die Polizei nicht selbst vor Ort, beobachteten Nachbar*innen argwöhnisch unser Haus und dokumentierten minutiös rund um die Uhr unser Leben. Sie wussten, welche Autos wir fuhren und wer bei uns ein und aus ging. Sie beobachteten uns Kinder beim Spielen im Garten oder auf der Straße. Meine Eltern und mein Großvater warnten mich andauernd: Ich solle mich fernhalten von den Gadjé (Romanes für »Nicht-Roma«), die uns fotografierten und filmten, wenn sie hinter ihren Hecken oder Fenstern in Position gingen. Mit denen sollten wir uns nicht abgeben, mit »Nazis« sollten wir keinen Kontakt haben. Die Feindseligkeiten machten uns mürbe. Es war anstrengend, ständig beobachtet oder von der Polizei kontrolliert zu werden.
Die Diskriminierungen und der offene Rassismus hatten System. Es war wohl eher ein rassistisches Grundrauschen, das unter dem Alltagsleben der Stadt lag. Die Tonalität in Politik, Medien und Bevölkerung war fast durchweg feindselig. Die Stimmen, die sich zu uns Rom*nja bekannten, gab es – aber sie waren deutlich leiser als unsere Gegner*innen. Und so lebten rund 50 Rom*nja in einer Stadt mit etwa 150 000 anderen Menschen. Hatten wir uns irgendwann einmal vorsichtig willkommen gefühlt, so war uns bald klar: In Darmstadt wollte man uns nicht.
Ich war gerade vier Jahre alt, als die Männer der Familie ausgingen, um einen netten Abend zu verbringen. Die Frauen und Kinder blieben allein zu Hause und schliefen. Wir wurden schlagartig wach, als die große Scheibe in der Haustür mit lautem Klirren zerbrach. Autos waren mit quietschenden Reifen vorgefahren, draußen hörten wir johlende Stimmen. Wir rochen Rauch, und im Flur brannte es. Sie hatten einen Molotowcocktail in unser Haus geworfen. Die Gewalt des Sprengsatzes riss die Eingangstür aus ihren Angeln. Splitter flogen meterweit durch den Flur und durchdrangen die Küchentür am Ende des Ganges. Nun rannten meine Mutter und meine Oma mit mir, meinen Tanten und den anderen Kindern auf die Straße. Wir hatten Glück, alle schafften es ins Freie. Doch dort warteten die Angreifer auf uns und bewarfen uns mit Pflastersteinen. Einer traf mich am Kopf. Ich erinnere mich nur noch an das warme Blut auf der Stirn und meine schreiende Mutter und dann – Filmriss.
Das war also deutsche Willkommenskultur. Der Sprengstoffanschlag war bis in die Innenstadt zu hören gewesen und sorgte durchaus für Entsetzen. In der Tageszeitung würden Pfarrer, verschiedene Ausländerorganisationen und der junge Romani Rose als offizieller Vertreter der Sinti*zze und Rom*nja später vor dem immer stärker werdenden Rechtsradikalismus in Deutschland warnen. Das war 1982. Täter*innen wurden nie gefunden oder verurteilt. Vor Ort erinnert heute nichts mehr an den Terror. Statt Gedenken gibt es nur Schweigen.
In der Wormser Straße konnten und wollten wir danach nicht länger wohnen. Dort fühlten wir uns nach dem Anschlag nicht mehr sicher, und so wurden wir umquartiert. Unsere neue Bleibe lag an einem leichten Hang in der Gräfenhäuser Straße, alles andere als idyllisch direkt an der Schnellstraße B42. Über das frei stehende Gebäude lässt sich nicht viel sagen. Ich weiß nicht, wofür das marode Steinhaus ursprünglich einmal gedacht gewesen war. Es sah aus wie eine heruntergekommene Baracke oder ein Schuppen. Eigentlich war es nicht bewohnbar. Wenn ich genauer darüber nachdenke, wirkte es von außen wie ein großer Schweinestall. Darin ließ man uns hausen. Für insgesamt 26 Menschen gab es eine einzige Toilette, die allerdings von Anfang an nicht wirklich zu gebrauchen war. Die Spülung funktionierte fast nie, deshalb kippte meine Oma immer Wasser nach. Das WC war einfach nur widerlich, deshalb verrichteten wir unser Geschäft oft draußen. Was blieb uns anderes übrig? Sollten wir scheißen gehen, wo wir aßen? Es klingt absurd – aber unsere Notdurft draußen zu verrichten, war gerade für uns Kinder der einzige und beste Weg zu mehr Reinlichkeit. Unmittelbar vor dem Haus stand ein kleiner Vorbau, ein Schuppen aus Metall. Darin stellten wir unsere Schuhe ab, denn das Gelände war unfassbar matschig, dreckig und auch staubig. Unsere Mütter hatten längst einen Putzzwang entwickelt und versuchten alles, um unsere Wohnungen irgendwie sauber zu halten. Deshalb waren Schuhe drinnen absolut verboten. In dem Schuppen lagerte auch unser Holz. Wir heizten nämlich mit einem uralten, eisernen Ofen. Anwohner*innen behaupteten immer wieder, wir hätten den gesamten benachbarten Wald gerodet. Das stimmte nicht, allerdings lieferte uns die Stadt Darmstadt – oh Wunder – kein Holz frei Haus. Also sammelten wir unser Heizmaterial mühsam zusammen. Auch sonst zeigte sich die Verwaltung alles andere als großzügig: Sie billigte den Rom*nja lediglich Kindergeld zu, alle anderen Sozialleistungen verweigerte man uns. Mein Vater war mit nur einem Kind also wirklich die ärmste Sau.
Die Rohre unseres Ofens reichten bis hoch an die Decke. Die Zimmer der Familien wurden durch Wände getrennt, in denen teilweise große Löcher prangten. Für mehr Privatsphäre stopften die Erwachsenen Handtücher oder Ähnliches in die einzelnen Öffnungen. Wir Kinder zogen gerne alles wieder heraus und machten uns einen Spaß daraus, durch die Wände miteinander zu kommunizieren. Die kleinen Räume waren sehr dunkel, aber irgendwie muckelig. Ich mochte unseren großen, alten Sperrmülltisch und den Wandteppich meiner Oma. Ich liebte diese Frau mit den Goldzähnen sehr. Sie kochte immer in einer Kupferkanne Kaffee. In einem festen Ritual brühte sie drei kleine Löffel Pulver auf, dann füllte sie das braune Gesöff samt Kaffeesatz, Zucker und noch etwas heißem Wasser in eine völlig verbeulte Emaille-Tasse. Darüber machte Oma mit der Handkante eine Kreuzbewegung und las aus dem Kaffeesatz. Erkannte sie eine Schlange, erklärte sie mir, dass wir es mit der Polizei oder einem Gericht zu tun bekommen würden. Ein Pferd bedeutete eine Reise, Sicherheit, Wohlstand oder Freiheit. Der bellende Hund hingegen stand für Streit. Blöd, wenn man die beiden Tiere verwechselte. Formte der Kaffeesatz eine Art klumpige Pyramide, lächelte meine Oma verheißungsvoll. »Eine unverhoffte Freude«, sagte sie und meinte damit Geld oder Gold. Ich fragte dann, wo das wohl herkommen solle – aus der Kanalisation etwa? Aber Oma ließ sich nicht beirren. Sie war immer voller Hoffnung – das habe ich wohl von ihr. Ich küsse ihr Herz.
»Wir hatten ja nichts«, sagen viele zum Scherz – bei uns war es tatsächlich so. Wir Kinder spielten den ganzen Tag im Dreck. Auf dem Grundstück stand ein ausrangierter Einkaufswagen aus dem Supermarkt. Damit schoben wir uns tagsüber gegenseitig herum und hatten Spaß, abends grillte Opa auf dem Wägelchen Fleisch. So lebten wir, das ständige Rauschen der Bundesstraße im Ohr.
Der Rest der Familie hatte sich in der Zwischenzeit eigentlich gut in der Nachbarschaft in der Arheilger Straße eingelebt. Sie wähnten sich dort in Sicherheit. Doch als die vier Familien im Sommer 1983 für einige Wochen auf Reisen gingen, rollten plötzlich Bagger und Bulldozer heran. Sie rissen das Haus im Martinsviertel einfach nieder. Möbel, Kleidung und alles, was zu der Kupferwerkstatt meiner Familie gehört hatte, verschwand unter Steinen, Sand und Staub. Als mein Großonkel und die anderen aus dem Ausland zurückeilten, standen sie vor dem Nichts. Wenn Journalist*innen, der Zentralrat für Sinti und Roma oder andere Institutionen nach dem Warum fragten, leierte der damalige Oberbürgermeister Günther Metzger immer wieder die gleichen Argumente herunter. Er zeigte keinerlei Gefühlsregung, während er mit Reporter*innen sprach. Mit versteinerter Miene behauptete er, das Gebäude sei einsturzgefährdet gewesen. Schlimmer noch, er gab an, im Haus und in der Umgebung habe Seuchengefahr geherrscht. Von mit kotbeschmierten Wänden und einer Rattenplage war die Rede. Die Behörden hätten außerdem den Eindruck gehabt, die Bewohner*innen seien für immer verschwunden, hätten ihre Unterkunft verwüstet und zurückgelassen. All das habe der Stadt gar keine andere Möglichkeit gelassen. Mit solchen Behauptungen bestätigte Metzger natürlich die Vorurteile der Bevölkerung und befeuerte die Gerüchteküche in der Stadt. Nicht zuletzt die Verwaltung – allen voran der Oberbürgermeister selbst – hatte immer wieder behauptet, das Haus im Martinsviertel sei in einem desolaten Zustand. Ganz anderer Meinung war damals Arnold Roßberg, ein Anwalt der Caritas, der die Rom*nja vor Ort betreute. Er war Augenzeuge des Abrisses und erklärte den Medien mehrfach: Die Wohnungen seien bewohnt und in einem normalen und ordentlichen Zustand gewesen6.
Was nach dem Abriss kam, war für uns die Hölle. Wo meine Eltern und ich bereits mit fast 30 Menschen lebten, kamen nun noch 21 hinzu. Natürlich war in dem Schweinestall-Haus kein Platz für alle, also blieb uns nichts anderes übrig, als kleine Zelte auf dem unebenen Grundstück aufzustellen. Ich erinnere mich an ein weißes Kinderbett aus Metall, das irgendwo im Freien stand – überall drumherum lag Abrissschrott. Für uns alle gab es nur eine einzige Wasserstelle. Wir lebten im Staub und Matsch, in Angst vor Ratten, die uns bissen. Es war so unwürdig. Wenn es regnete, ließen wir unsere Verwandten natürlich nicht draußen in den undichten Zelten liegen. Dann lagen wir wie die Ölsardinen in unseren kleinen Zimmern beieinander und teilten uns die Betten. Ich hatte oft die Füße von meinem schnarchenden Opa im Gesicht oder die Eier von meinem Cousin im Nacken. Das Leben in den Baracken machte uns alle krank. Vor allem wir Kinder hatten ständig irgendeinen Magen-Darm-Infekt, Fieber oder Bronchitis. Ich war zwar immer so gepflegt wie möglich, kämmte meine schwarzen Locken und trug ordentliche Kleidung. Aber von allen Kindern hatte ich offenbar das schlechteste Immunsystem und war besonders kränklich.
Irgendwann ließ sich die Stadt Darmstadt dazu herab, mehrere Baracken für uns zu errichten. Der Zustand unserer Unterkunft blieb aber desolat. Von einem Hydranten legte man einen langen Schlauch auf unser Gelände, so dass rund 50 Personen sich an einem Hahn bedienen konnten. Auf dem Grundstück verteilten wir unzählige Plastikkanister, damit wir im Alltag gerüstet waren. Unser Wasser zum Kochen war darin, genauso wie das Wasser zum Waschen von Kleidung und zum Baden der Kinder. Die Eltern versuchten um jeden Preis, uns sauber zu halten. Dafür erwärmten sie Wasser auf dem Ofen und schütteten es dann nach und nach in Plastikwannen. Dafür verlangte die Stadt Darmstadt monatlich übrigens den Schnäppchenpreis von 375 D-Mark pro Zimmer. Schöner Wohnen in Deutschland.
Es war nicht so, dass unsere Familien diese Lebensumstände einfach hinnahmen. Auch der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma appellierte an die Stadtverwaltung und warf dem Bürgermeister Rassismus und Volksverhetzung vor. Mit verschiedenen Aktionen versuchte man, auf unsere Lage aufmerksam zu machen. Einmal lief eine Roma-Delegation im Rathaus auf. Ein symbolisches Gastgeschenk hatte sie auch dabei. Aber die Geste kam nicht gut an. So titelte unter anderem das Darmstädter Tagblatt später: »Die Roma wollten mit Ratten zum OB«.7 Viel weiter kamen die Leser*innen in ihrer Empörung vermutlich gar nicht. Wer den langen Text allerdings bis zum Ende las, erfuhr, dass es sich um zahme Ratten aus einer Zoohandlung handelte. Dem Bürgermeister war das natürlich egal: Er rief die Polizei und mehrere Beamte überwältigten die Roma. Anschließend gab es Hausverbot.
Tatsächlich erregte die Darmstädter Stadtpolitik bundesweit Aufmerksamkeit. Sogar das Ausland berichtete über unsere Lage. Auch wenn nur sehr wenige es laut sagten: Ein Brandanschlag auf ein Haus, eine Stadtverwaltung, die gezielt das Zuhause von Menschen zerstörte – das passte nicht zu einer vermeintlichen Nachkriegs-Vorzeigedemokratie. Aber wie wir lebten – oder vielmehr leben mussten – weckte bei wenigen das Gefühl von Solidarität und bei wirklich vielen den menschentypischen Voyeurismus. Ich erinnere mich noch genau an Filmteams, die uns belagerten. Wenn die fremden Weißen kamen, betraten sie nicht unsere Wohnungen, in denen die Frauen alles wie verrückt sauber schrubbten. Nein, sie blieben draußen und filmten das Barackenelend. Sie hielten die Kameras auf die Kinder, die nackt umherliefen, weil sie gerade in einem Bottich gebadet wurden. Sie filmten meine kleinen Cousinen, die sich neugierig um die Fremden scharten, kicherten und hungrig die Fleischknochen vom Mittagessen abnagten. Sie stellten uns Kinder wie kleine unzivilisierte Monster dar. Nackt und fressend. Wir wurden entmenschlicht und zur Schau gestellt. All das machte etwas mit der Gesellschaft, die uns umgab – aber auch mit uns selbst. Die Gewalt, die wir erlebten, ließ uns abstumpfen und prägte unser Selbstbild. Auf unseren Hütten standen in Kinderschrift und mit Rechtschreibfehlern Worte wie »Bandit« oder »Penner«. Das hatten wir selbst über uns geschrieben. Was oder wer brachte uns dazu, so zu fühlen? Es waren die ständigen Beschimpfungen, die tiefe Spuren hinterließen. Wir hatten keine Liebe für uns. Heute befindet sich auf dem Gelände übrigens eine Inklusionskindertagesstätte – welch Ironie.
Denke ich also an meine Kindheit zurück, dann denke ich an Röcke, Armut und Gewalt. Und ich denke an die ewige Sorge, heute könnte der letzte Tag sein. Der letzte Tag in diesem Zimmer, in diesem Haus, in diesem Land. Wir hatten nie das Gefühl, angekommen zu sein. Wir waren rastlos und fühlten uns nicht gewollt. Familie bedeutete in dieser Lage einfach alles: Sprache, Liebe, Streit, Musik und Beziehung. Sie war mein Schutzraum, meine Identität, meine Welt. Familie war Fühlen und Leben auf engstem Raum. Denn es gab keine Möglichkeit für echte Intimität, Privatsphäre, individuelle Freiheit und Entwicklung. Meine Familie hatte im schlimmsten Dreck den größten Spaß. Sie tanzte und lachte im heftigsten Regen. Meine Familie schiss in den Wald und wischte sich den Arsch mit Blättern ab, dann feierten wir das fröhlichste Fest. Doch unser Wohl hing immer auch am aktuellen Aufenthaltsstatus. Wir waren allzeit bereit, von heute auf morgen zu packen und zu verschwinden. Bereit, um vor der Abschiebung zu fliehen. Gewalt umgab uns und aus äußerer Gewalt wurde eine innere, denn sie drang langsam und schon seit Generationen auch in unser Familienleben ein. Ständige Mikroaggressionen – böse Blicke, gehässige Worte oder unangenehme Fragen –, aber auch körperliche und seelische Grausamkeit durch Mitmenschen und der Druck von Behörden haben uns krank gemacht. Nur waren wir uns dessen meist nicht bewusst, denn wir waren zu sehr damit beschäftigt, im Leben zurechtzukommen. Wir konnten es uns schlichtweg nicht leisten, uns mit unseren Depressionen oder Familientraumata auseinanderzusetzen.
