ICH GEHE MIT MEINEN KINDERN ZUR SONNE - Sandra Y. Drölma - E-Book

ICH GEHE MIT MEINEN KINDERN ZUR SONNE E-Book

Sandra Y. Drölma

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2,99 €

Beschreibung

Eines Tages verkaufte Elke ihre Antiquitäten, packte einen VW Bus, nahm ihre zwei Kinder aus der Schule und fuhr, von den Behörden unbemerkt, über die Deutsche Grenze und verschwand. Die Suche nach Lebensalternativen wird zu einer sechs Jahre andauernden abenteuerlichen Reise, bei der sie ihre Kinder selbst unterrichtet und eine neue Wahrnehmung vermittelt. Buddhistische Zentren, Taizé, Findhorn, viele andere außergewöhnliche Orte in Europa, Ägypten und Indien sowie besondere Menschen begleiten den Weg. Mit Humor und Tiefgang berichtet Tochter Sandra von dieser bewegten Zeit und ihrer Rückkehr in die Gesellschaft.

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Seitenzahl: 277

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ICH GEHE MIT MEINEN KINDERN ZUR SONNE

***

© 2020 Sandra Y. Drölma

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-14638-9

e-Book:

978-3-347-14639-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

ICH GEHE MIT MEINEN KINDERN ZUR SONNE

Eine Reise, die alles veränderte

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …

Die Botschaft des Engels.

Das neue Leben auf Mallorca!

Wir wurden sensible Zigeuner!

Zauberhaftes und viel Regen.

Italien, Ziegen und Aussteiger!

Harter Winter in Frankreich!

Das Rainbow Gathering – eine Wende?

Mit dem Bulli durch Ägypten.

Wir fliegen nach Indien!

Der Sturz aus dem Paradies

Die letzte Reise nach Mallorca.

Der schwere Kelch, der bittere

Meine Idee, Elke zu unserer Pilgerreise zu befragen, scheiterte beim ersten Versuch.

„Wie willst du das denn schreiben?“, fragte sie mich kritisch betrachtend. Und fuhr fort:

„Du kannst doch nicht einfach A, B, C oder erstens, zweitens, drittens schreiben, es ging doch um so viel mehr!“

Es folgte ein einstündiger Vortrag, den ich absolut nicht hätte mitschreiben können. Also gab ich zunächst auf und entgegnete ihr schon fast trotzig:

„Ich werde versuchen unsere Reise in Worte zu fassen.“ Im selben Moment überfielen mich aber auch schon Zweifel, ob ich all diese Eindrücke wirklich je würde beschreiben können.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …

Davon war für uns Kinder zunächst einmal nicht allzu viel zu spüren.

In dem ersten Winter erschienen uns die Tage an unserem neuen Wohnort Sörup länger und einsamer als vormals in Hannover. Wenn die Tage zu eintönig waren, fuhren wir gerne ans Meer, denn dort fanden wir alles, was wir brauchten, um unsere gute Laune wieder herzustellen. Besucher aus Hannover hatten wir in der kalten Jahreszeit recht selten und neue Kontakte hatten sich in den neun Monaten, in denen wir nun 21 Kilometer entfernt von der Ostsee lebten, nur oberflächig und spärlich ergeben.

In dieser Zeit, ich war 11 Jahre alt, strickte ich mir einen Pullover, spielte stundenlang auf der Heimorgel und las Bücher, wie zum Beispiel die „Die Nebel von Avalon“, die mich in ein fernes Land und in ein vergangenes Jahrhundert trugen. Außerdem interessierte ich mich für die „Esotera“, eine Zeitschrift, die über außergewöhnliche Phänomene, Psychologie, neue Erfahrungen in alternativen Lebensgemeinschaften sowie über außerirdische Lebensformen berichtete und bei meiner Mutter oft in Reichweite herumlag. Ein Bericht über eine Entführung von Menschen durch Außerirdische, die angeblich einige Erdbewohner zum Kennenlernen in ihren Raumschiffen gefangen hielten, machte mich sehr neugierig und zugleich ängstlich. Da wurden zum Beispiel angeblich zwei Leute mitgenommen und unter entsetzlichen Bedingungen mit nicht genau beschriebenen Untersuchungs- Instrumenten erforscht und über die Erde und deren Bewohner ausgefragt. Sie erlitten danach unglaubliche Kopfschmerzen und erwachten mit einem Gefühl verprügelt worden zu sein auf einem Kornfeld.

Ich erinnere mich noch heute sehr gut daran, dass ich Angst bekam und meine Mutter deswegen befragte. Über meine Forschungsarbeit in ihren Zeitschriften wirkte sie zwar nicht sonderlich erfreut, doch gab sie mir eine Antwort. „Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass außerterrestrische Lebewesen existieren“, erklärte sie mir, „dieser Bericht lässt aber nicht unbedingt Rückschlüsse auf das wirkliche Verhalten von Außerirdischen zu und wir Menschen werden ja Gott sei Dank auch von Engeln beschützt.“ Die zwei Menschen, die in der Esotera beschrieben wurden, hätten sich aber mit Sicherheit auch sehr dumm verhalten, schlussfolgerte sie und forderte die Zeitschrift von mir umgehend zurück.

Dass wir Engel um uns herum haben, wir sie aber nicht sehen können, wusste ich schon länger, denn meine Mutter hatte sie bereits öfter erwähnt. Dass nun auch Außerirdische mit ihnen herumflogen, war mir neu und im Gegensatz zu den hilfreichen Engeln konnten die einem nun auch noch, wie im Artikel geschildert, brandgefährlich werden. Ich überlegte kurz was die Engel wohl machen würden, wenn sie auf Außerirdische träfen und beschloss dann, mich da raus zu halten, oder zu gegebener Stunde meine Mutter darüber zu befragen.

Sie wusste viel über Himmel und Erde und schien außerdem für alle Befindlichkeitsstörungen eine Lösung parat zu haben. Ob sie uns nun im Winter heiße Kartoffelschalen bei einer Entzündung des Rachenbereiches um den Hals wickelte, oder die Engel um Schutz bat, wenn Yvonne, meine Schwester, Alpträume hatte oder wir nicht einschlafen konnten. Sie fand immer eine wirksame Methode dem Übel etwas entgegen zu stellen.

Diese Fähigkeiten kamen nicht von irgendwo her. Nach einem Erlebnis übernatürlicher Art zum Pfingstfest 1977 hatte sie sich zu einem komplett neuen Lebensweg entschlossen. Unsere Mutter verließ ihre Ehe und nahm an der damals aktuellen New Age Bewegung teil. Sie war aber nicht nur an ihr interessiert, sondern an allem, was die Menschheit an Kulturen, Religionen und dem Wissen darüber jemals hervorgebracht hatte.

Der Begriff New Age bedarf sicher einiger Erläuterungen, da sie in unserer heutigen Zeit ziemlich in Vergessenheit geraten ist und wir sie in die verrückte Zeit der „68er“ einordnen, die ja von einigen gerne und in vielerlei Hinsicht als Ausrutscher der Zivilisationsentwicklung betrachtet wird. Das neue Zeitalter, wie das New Age auch genannt wurde, inspirierte damals sehr viele, meist jüngere Menschen. Es beinhaltete vielerlei ideelle Entwürfe, zu denen sich suchende Menschen hingezogen fühlten. Sie fanden sich zu Gruppen der unterschiedlichsten Art mit weltlichen oder religiösen Anschauungen und Motiven zusammen, um Lebensalternativen zu der damals (genauso wie heute auch) atomar bedrohten, lieblosen und von Egoismus geprägten Welt zu finden.

In den 1960er Jahren waren es vermehrt intellektuelle, links gerichtete Jugendliche, die über Karl Marx und Che Guevara diskutierten und gegen den Vietnam Krieg protestierten. Drogen wurden ausprobiert und ein neues Denken bzw. Bewusstsein wurde als wichtiges Kriterium für die Weiterentwicklung der Menschen angesehen. Es verbreitete sich die Erkenntnis, dass die Menschheit unbedingt eine Befreiung von alten Denk- und Handlungsmustern brauchte, um mit neuen Ideen gegen den kalten Krieg, die Tendenz der Selbstzerstörung sowie der Zerstörung der Welt angehen zu können.

Das New Age stellte sich ebenso als kritische Kraft gegen den Kapitalismus und dem Raubbau von Erdressourcen dar. In den 1980er Jahren wurden dann neue Methoden wie Rebirthing, Channaling, alternatives Heilen zum Beispiel durch Schamane, ebenso wie Yoga und Lichtmeditation wichtige Bausteine des hereinbrechenden neuen Wassermannzeitalters, wie man das New Age auch nannte. Neben unzähligen Methoden das Bewusstsein zu erweitern, entstanden viele Darstellungen und Theorien. Intensiv befasste man sich auch mit der Apokalypse, dem Weltuntergang, welcher durch die ständige Bedrohung durch schussbereite, auf den „Feind“ gerichtete Atombomben sowie dem Wettrüsten der Großmächte ja auch recht nahe lag.

Im Gegensatz dazu wurde aber auch vom Anbrechen eines goldenen Zeitalters gesprochen, dem Wassermannzeitalter wie man sagte, dessen Name sich auf die astrologischen Einflüsse des Jahrhunderts bezog. In dieser Zeit sollte die Weltenseele heilen, wurde orakelt und der Mensch als ein neues Geschöpf, mit den himmlischen, göttlichen Mächten vereint, nicht mehr nur der Schwerkraft, Krankheit, Alter und dem Tod ausgeliefert, sondern durch das Eintauchen in ein neues Bewusstsein befähigt werden, die Lebensumstände zu einer sinnvolleren und der Schöpfung im höheren Sinne entsprechenden Form zu verändern, um der Last des Lebens neu und ganz anders begegnen zu können. Elke hatte viel darüber gelesen und etliche Werke studiert, unter anderem von Alice Baylies, C. G. Jung und Eileen Caddy. Auch war sie der festen Meinung, dass nur ein Bewusstseinssprung in eine neue Wahrnehmungs- Empfindungs- und Gedankenwelt den Menschen vor seiner Selbstzerstörung bewahren könnte.

Aus diesem Grunde und ihrer persönlichen Erfahrung wegen, beschäftigte sie sich intensiv mit Heilkräutern, Schamanismus, Astrologie und vielen anderen Methoden und entsprechender Literatur. Nur zweimal musste ärztliche Hilfe eingeholt werden. Das eine war unvermeidlich, weil meine Kniescheibe gebrochen war und das andere Mal, als meine Schwester und ich die Windpocken hatten. Andere Unpässlichkeiten und Erkrankungen konnte meine Mutter dank ihres Wissens selber heilen. Mit ihren Fähigkeiten und der eigenständigen Weiterentwicklung dessen, half sie uns oft über alle möglichen Schwierigkeiten hinweg.

Der Anfang in Schleswig-Holstein war trotz all dieser Fähigkeiten nicht leicht gewesen. Unsere Mutter hatte die Hoffnung gehabt, hier Gleichgesinnte oder sogar eine alternative Lebensgemeinschaft zu finden. Ein neues Zuhause hatten wir zunächst noch nicht und wohnten vorübergehend bei einer Freundin, die eine Community mit uns gründen wollte.

Nach kurzer Einsicht in die total chaotischen Lebensumstände Mamas alternativ orientierter Bekannten - die Frau wohnte in einem ziemlich großen Haus in einem beispiellosen Chaos inmitten von Müll, Spielsachen und Klamotten mit ihrem Mann und vier Kindern - erkannte sie recht schnell, dass dort keine Basis für eine im Vorfeld mit der Freundin oft besprochene, neue Lebensgemeinschaft war. Unter anderem hatte ich während unseres Aufenthalts bei der Freundin beobachtet, dass drei von ihren vier Kindern, im Alter von neugeboren bis zu fast fünf Jahren noch von ihrer Brust tranken. Sie stillte sogar rauchenderweise, ihren Säugling im Arm haltend, ein anderes Kind stehend an der anderen Brust saugend, an dem mit schmutzigen Geschirr und Essensresten überfüllten Küchentisch sitzend.

Dieser Zustand und vieles andere mehr trug dazu bei, dass die Pläne geändert wurden und unsere Mutter ein riesiges Haus mit einem Laden anmietete.

Nicht weiter verwunderlich schien die erste Begegnung mit dem Vermieter, der sie sofort herzlich umarmte und erzählte, dass er eine Nacht vorher von ihr geträumt hätte. Elke sah solche Ereignisse als Schicksals weisend an, als einen Wink des Himmels, der ihr zeigte das sie genau zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort angekommen war.

Zu ihren richtungsweisenden Lebenshilfen gehörten ihre Tarot Karten, ein Pendel und das I Ging, welches sie nach alter chinesischer Tradition legen konnte. Nach der Überlieferung hieß es, mit getrockneten Schafgarbenstengeln solle man Zeichen legen. Dabei musste man sehr komplexe Regeln einhalten, um dann zum Beispiel das Zeichen ‚Der Himmel‘ oder ‚Der Berg‘ zu erhalten. Es wurden jeweils zwei Zeichen übereinandergeschrieben, zusammen ergaben diese dann einen Titel in dem Begleit- und Erklärbuch. „Der Stillstand“ konnte dann zum Beispiel der Titel heißen, in dem man auf Ruhe und Beharrlichkeit hingewiesen wurde. Je nach Lebensphase konnte einem das Orakel wichtige Hinweise und Denkanstöße vermitteln. Diese beschriebenen Werkzeuge wurden zur Entscheidungsfindung, bei Bedarf zur Konfliktlösung, in seltenen Fällen auch schon mal bei Resignation oder Langeweile benutzt.

Nebenher hatte unsere Mutter sich aber auch ein großes Wissen über Astrologie angeeignet und konnte sogar Horoskope berechnen. Die Planeten beeinflussten ja nicht nur jeden einzelnen Menschen von der Stunde seiner Geburt an, sondern hatten auch einen kausalen Einfluss sogar auf die politische, ja überhaupt auf die gesamte Situation auf der Erde. Diese wirkungsvollen Einflüsse und Zusammenhänge, die die Menschen prägen und deren Schicksal mitbestimmten, wurden von Elke oft über astrologische Berechnungen interpretiert. Zudem las sie eine Menge Bücher über kosmische Zusammenhänge.

Ob sie dieses alles tat um sich selber Halt zu geben oder neuen Mut zu finden, wenn im Alltag nicht alles so einfach, geschweige denn geistig so ausgerichtet verlief, wie von ihr erhofft, das bleibt für mich bis heute im Dunkeln verborgen. Sicher waren es für sie wertvolle Hilfen, denn immer noch fern von einer erträumten Gemeinschaft, musste sie ja nun als alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Mädchen, in einer völlig neuen Umgebung, dem schönen Schleswig-Holstein sich zurechtfinden.

Die Größe ihres eigenen Lebens - so hatte sie es tief empfunden - sei ihr in dem Moment bewusst geworden, als sie damals zu Pfingsten mitten im damaligen Ehedesaster einen Herz-Kreislauf-Zusammenbruch hatte und nach Luft schnappend im Wohnzimmer lag und sie überraschend die große Kehrtwendung ihres Lebens erfuhr. Sie erzählte uns oft begeistert davon, wie sie damals in ihrer bis dahin schlimmsten Stunde unerwartet die Stimme eines Engels hörte, welcher zu ihr sprach: „Elke komm ins Leben“. Danach kam tatsächlich ihre Lebenskraft zurück. Dieses Erlebnis war für sie wie eine Aufforderung zu einem erfüllteren, wirklicheren Leben, wie sie uns zu erklären versuchte. Und dieses schien förmlich nach ihr zu rufen! Es rief nach einem Herauswachsen aus verkrusteten Lebensmodellen. Ein sich aus verstaubten Regeln einer überholten Welt mit öden Anpassungen und Eitelkeiten zu befreien. Authentisches Leben, ja ein wahrhaft lebendiges Leben wurde von da an zu ihrer täglichen Herausforderung, und einer wahrscheinlich eher für sich selbst auferlegten Daueraufgabe. Und es entsprach ganz der großen Aufbruchsstimmung jener Zeit, die nicht nur sie, sondern viele meist junge Menschen antrieb umzudenken, ihr altes Leben auf den Kopf zu stellen und Neues zu wagen.

Der Winter konnte Elke aber trotz eigener starken Inspiration und vielfältiger Auseinandersetzung mit dem Weltgeschehen und den Menschen als solches schwer zu schaffen machen. Wenn das Leben so wenig zu bieten hatte wie in dem einsamen verschneiten Dorf Sörup - wir konnten uns ja nur wenige Extravaganzen leisten - fing sie an alles golden anzumalen. Sie versetzte sich dann in einen intuitiven künstlerischen Goldrausch! Dieser dauerte an, so lange wie Farbe im Topf war. Dank ihrer wunderschönen Vergoldung wirkten viele Dinge plötzlich wie Luxusartikel! Das waren zum Beispiel ein von ihr bemalter Bauernschrank, der mit Motiven der vier Jahreszeiten golden umrandet wurde und einige Stufen der Treppe, die so veredelt wurden, dass man meinen konnte man bräuchte ein Ballkleid, um sie betreten zu dürfen. Die größte Überraschung war an einem Morgen meine golden gewordene Zahnbürste. So wurde man über Nacht bei ihr zu einer Prinzessin!

Dass zu unserer Unterhaltung und für Neuanschaffungen jeder Art, nicht so viele Mittel zur Verfügung standen, hatte mich als Kind nicht großartig gestört. Es gab nur eine Situation bei der mir das Tragen von diversen Second Hand Klamotten zur Last wurde. Wie jedes Kind versuchte ich mich damals in der Grundschule zu integrieren. Ein für Damen gedachter Pelzmantel in Weiß mit grauen zick zack Mustern, wurde mir aus Mangel an anderer passender Winterbekleidung, trotz meines lebhaften Protestes mit einem breiten Gürtel um meine Taille fixiert und die zu langen Ärmel kurzerhand umgekrempelt. Dieses Bekleidungsstück ließ meinen ohnehin zarten Beziehungsstatus in der Klasse für einige Zeit einfrieren.

Außer dieser für mich unangenehmen Situation war diese Art der Reduktion für mich kein Problem, eher im Gegenteil, es beflügelte die Kreativität von mir und meiner Schwester. Bei Kindern in der Nachbarschaft vom Ort Sörup hatten wir mit deren Barbie Sachen spielen dürfen. Wir hatten selber zwar zwei echte Barbies aber dazu keinen Ken, also das männliche Gegenstück. Die benachbarte Freundin besaß zudem Pferde für die Barbies und für Ken, außerdem ein Barbie Kind und Hund. Damit fing es eigentlich erst an! Dazu kamen Barbie Freundinnen, ein Haus mit Badewanne und Balkon, ein Jeep und ein Swimmingpool. Die Barbies hatten 100 verschiedene Ballkleider, Golfklamotten, Schlafanzüge, Handtaschen, Hüte und dazu natürlich die Kleiderschränke. Im Grunde war unsere Barbie Ausstattung dagegen so mitleidserweckend, dass man die freundschaftliche Verbindung von ihr zu uns zwei Minderbemittelten als großmütig bezeichnen konnte.

Diese Überlegenheit äußerte sich dann beim Benutzen ihrer Spielgeräte so, dass sie uns ständig sagte, wie wir was zu spielen hatten. „Du nimmst jetzt Ken und den Jeep“, hieß dann das Diktat, „Ken kommt zum Haus gefahren, steigt aus und geht auf das Barbie Haus zu. Barbie kommt ihm in einem wunderschönen Ballkleid entgegen. Ken muss jetzt sagen, wie wunderschön sie aussieht in ihrem Kleid.“ So wurden uns in etwa die Spielregeln aufgedrängt. Bei mir produzierte diese Art zu Spielen stets eine Art innere Unruhe, Langeweile und hinterließ in mir sogar eine gewisse Leere. Spätestens dann zog ich mich zurück.

An einem schönen Morgen beschlossen Yvonne und ich uns nun selber einen Jeep zu bauen. Schnell wurde aus einem Schuhkarton, Zewa-Rollen und diversen anderen Dingen ein Barbie Auto gebaut. Ken wurde aus einem umgedrehten Kochlöffel hergestellt. Er bekam eine Unmenge Stoff als Brustkorb umgewickelt und wurde auf der Fahrerseite des Jeeps platziert. Leider ragte er ziemlich stocksteif über die Windschutzscheibe hinaus. Dieser Umstand störte uns jedoch wenig. Beflügelt von unserer Kreativität bauten wir dann mit beträchtlicher Ausdauer aus zwei ziemlich großen hölzernen Gemüsekisten ein doppelstöckiges Barbie Haus. Innen tapezierten wir die Wände mit verschiedenen Stoffen und bastelten Möbel. Für drei Tage hatte uns der Bauprozess total in Anspruch genommen, dann jedoch gab es am vierten Tag einige Enttäuschungen bezüglich der Haltbarkeit des Jeeps und der Möbel. Während einer rasanten Verfolgungsjagt verlor der Jeep seine Vorderreifen und die Frontscheibe wurde beschädigt. Das Auto wurde also in die Werkstatt gefahren, um die Reparatur vornehmen zu lassen. Dass wir selbst die Mechanikerinnen waren, die die Reparaturen zu bewerkstelligen hatten, schmeckte uns in dem Moment wenig, denn wir wussten, dass diese eine sehr geduldige, aufwendige Arbeit von uns forderte. Umso lieber wurde ab jetzt tüchtig im Barbie Haus gewohnt, anstatt Auto zu fahren und die Barbie an einen Tisch gesetzt, natürlich auf einen selbstgebastelten Stuhl, der wegen der doch etwas unhandlichen Barbie Puppe nach kurzer Zeit zusammenbrach. Nach einigen Tagen ließ dann das eifrige Interesse an unseren Barbiepuppen und deren neuen Wohn- und Freizeitobjekten nach.

Das aus wenig viel gemacht werden kann, ist sicher eine Tugend des Notstandes und entfachte bei uns immer neue kreative Ideen und Entwicklungen. Meine Mutter war in dieser Hinsicht nicht zu überbieten. Unsere Oma, die Großmutter mütterlicherseits, brachte bei ihren Besuchen in Sörup stets Tischläufer aus Brokat mit floralen Mustern und Goldrand mit. Sie hatte wohl nie bemerkt, dass ihre Tochter für so etwas gar keinen Sinn hatte und schleppte diese Teile immer wieder gerne als besondere Aufmerksamkeit heran. Meine Mutter schluckte tapfer ihren Ärger hinunter, fand aber dann tatsächlich neue Verwendung für die Tischläufer. Für uns nähte sie aus Nicki Stoff mittelalterlich anmutende Kleider, die lange Ärmel hatten und ab der Linie unter der Brust glockenartig zu den Knöcheln fielen. Ein schöner Ausschnitt wurde mit einem Brokateinsatz der Tischläufer versehen, was dem Kleid tatsächlich eine sehr edle Note verlieh, und wir hätten sofort in einem historischen Film eine gut bekleidete Rolle spielen können. Dass sie mir außerdem eine Röhrenhose aus Brokatstoffen nähte, würde ich wegen meiner Antipathie diesem Kleidungsstück gegenüber am liebsten unerwähnt lassen. Jedenfalls trug ich diese ungeliebte Hose nur kurze Zeit, zumal sie auch noch mit weinroten Hosenträgern ausgestattet war.

Ihre Phantasie, wohldosiert mit handwerklichem Geschick gepaart, war grenzenlos. So schneiderte Elke zum Beispiel Mäntel aus Wolldecken und schnitt uns eigenhändig die Haare. Eine Künstlerin zur Mutter zu haben ist sicher etwas ganz besonderes, bringt aber wegen der allgegenwärtigen kreativen Impulse, manche Gefahren mit sich. Mein Pony wurde zum Beispiel dank ihrer Frisierkunst in zwei zur Nase hin verlaufende Torbögen geschnitten und erinnerte an einen Monchichi beziehungsweise an die Frisur der damals bekannten Moskauer Fernsehkorrespondentin Gabriele Krone-Schmalz. Dass ich mich deswegen schämte und der Eigenart meiner Frisur wegen, mich nicht so recht unter die Kinder traute, verstand sie zwar nicht, schnitt mir dann aber nach einigem hin und her wieder einen Otto Normal Pony.

Ja wahrscheinlich entwickelte sich schon zu dieser Zeit bei mir das Bedürfnis ganz normal und angepasst zu sein, um möglichst unauffällig in die allgemeinen, gesellschaftlich anerkannten Normen einzutauchen. Es entwickelte sich bei mir die Tendenz, dass ich lieber eine Grau-Maus, statt ein seltsamer, von allen Seiten bestaunter, aber zugleich grausam ausgegrenzter Paradiesvogel sein wollte. Was für Elke eine Herausforderung und das damit verbundene Streben nach „Entfaltung des seelischen Potentials“ war, wurde später für mich eher eine „Reduktion zu Gunsten meiner gesellschaftlichen Integration“.

Im darauffolgenden Sommer wurden meine Schwester und ich auf die Waldorfschule in Flensburg eingeschult. Diese war neu erbaut worden und versprach eine bessere Aufschlüsselung des Lernstiels und für den heranwachsenden Menschen eine umfassendere, auch auf Kunst, Theater, Gartenbau, Musik und diverse auf rhythmische Körperarbeit bezogene, Ausrichtung. So hatte Elke es uns erklärt. Da sie fest entschlossen war, uns neues Denken im Sinne der großen New Age Inspiration zu vermitteln, war sie dankbar für die Neugründung der anthroposophischen Schule. Dafür wurde einiges in Kauf genommen, zum Beispiel das Schulgeld und die von den Eltern zu leistenden beziehungsweise zu organisierenden Fahrten zu der 21 Kilometer entfernten Hafenstadt. Meine Schwester kam in die erste Klasse und lernte beispielsweise eine 2 zu schreiben, indem sie immer wieder einen Schwan malte oder zeichnete.

Auch meine ersten Erinnerungen waren künstlerischer Natur, wir malten ständig Kreise, warum weiß ich nicht mehr, ich fand es jedenfalls sinnentleert. Es störte mich auch, dass die merkwürdigen Wachsmalblöcke durch die Ecken der Blöcke dumme Kratzer hinterließen und ich brauchte lange, bis ich diese so zart aufzusetzen lernte, dass sie reine gleichmäßige Flächen hinterließen. Ein ganzes Schulheft war am Ende Zeuge dieser widerwärtigen Arbeit. Teilweise konnte ich die Tintenschrift aufgrund der Wachskratzer überhaupt nicht erkennen. Was von vielen Eltern und Lehrern mit hohen Idealen für ein besseres Schulwesen wunderbar erkämpft worden war, wurde durch die zusammengewürfelten Klassen recht unterschiedlicher Kinder meiner Meinung nach in der Luft zerrissen. Einige Schülerinnen und Schüler kamen aus sehr begüterten Elternhäusern mit viel Geld und ebensolchen Ansprüchen, der größere Teil bestand aber leider aus Lerngestörten. Viele Kinder die wegen Verhaltensauffälligkeiten von anderen Schulen geflogen waren bekamen hier ebenfalls eine neue Chance.

So war die Mischung in unserer Klasse sehr explosiv und dementsprechend erschien unsere stille Hauptlehrerin total überfordert. Sie war eine sozusagen ganz feine und sensible Person, die gerne lange Röcke trug und dazu Blusen und darüber selbst gestrickte Westen, wenn ihr kalt war. Ihre Stimme war leise, die Schritte in ihren flachen Schuhe geräuschlos und ihr Blick wirkte stets nach innen gekehrt. Aus heutiger Sicht tut es mir leid, denn es war fürchterlich von uns, dass wir Kinder ihr so wenig Aufmerksamkeit schenkten und im Gegenteil während ihrer Anwesenheit auch noch so wahnsinnig laut wurden. Grausam zeigten wir ihr durch offene Ignoranz und Lärm, dass wir weder an ihrer Person, noch an ihrem Unterricht interessiert waren. Ein Junge der sie besonders verrückt machen wollte, legte die Beine im Unterricht auf den Tisch und las die in der Waldorfschule verbotenen Comics. Nach mehreren Aufforderungen der Lehrerin das zu unterlassen, rannte er plötzlich auf sie zu, krallte sich mit seinen Händen an ihrem Hals fest und würgte sie wirklich nach Leibes Kräften! Die bedauernswerte Lehrerin resignierte bereits nach zwei Monaten und war reif für eine Erholungskur. In keinem anderen Schuljahr hatte ich so wenig gelernt und gleichzeitig so viel Blödsinn gemacht wie in diesem Jahr, an der vor allen Dingen baulich so schönen Schule in Flensburg.

Das knappe Jahr auf der Waldorfschule hatte eine körperliche Erinnerung mit sich gebracht, die mich selbst heute noch latent begleitet. Wegen der organisierten Fahrten zur Schule stand ich so manches Mal wartend an der Straße und schaute, ob das Auto der Familie Acker sich blicken lassen würde. Ich erkannte es selbst im Winter bei Dunkelheit an den Scheinwerfern und den Umrissen des Fahrzeuges. In der damals lausigen Kälte wurden meine trotz mit mehrfach übereinander gezogenen Strümpfen und in Gummistiefeln eingepackten Füße extrem kalt. An einem eisigen Morgen passierte es dann. Beim Warten in meinem unzulänglichen Schuhwerk waren mir tatsächlich zwei Zehen fast erfroren. Später entzündeten sie sich gerne und ich hatte noch manches Mal leidvoll damit zu tun. Noch heute erkennt man die unterschiedlichen Formen meiner Zehen und Zehennägel im Vergleich zum anderen Fuß. Aber auch in diesem Fall bekam ich, wie auch zu anderen Gelegenheiten, ungewöhnliche Behandlung von Elke mit Hilfe ihrer intuitiven Zauberkünste, doch darüber berichte ich später.

Unsere Mutter hatte nun alles getan, um uns schulisch die beste Alternative zu bieten. Dass der ganze Schülertross aus wild zusammengewürfelten und mit extrem unterschiedlichen Naturen ausgestatteten Kindern, eine explosive Mischung ergeben würde, und ich ohne ihr Wissen und Wollen fast zu einem Monster mutiert wäre, war von ihr natürlich nicht vorauszusehen.

Jedenfalls hatten alle Bemühungen in dem idyllischen Schleswig-Holstein das New Age, ein neues Bewusstsein oder wenigstens eine Gemeinschaft Gleichgesinnter zu gründen, keine Früchte getragen, sondern eher sogar eine gewisse Distanz zu den hier herrschenden gesellschaftlichen Interessen erzeugt bzw. verdeutlicht. Selbst die Malschule, die sie in dem Haus gegründet hatte, ließ sich nur unvollständig auf die Beine stellen, denn diese Einrichtung wurde von der Söruper Bevölkerung nur schwer angenommen und - wahrscheinlich wie alles fremde und ungewonte - meist skeptisch beäugt. Aber zugegeben, das geschah nicht ohne Grund, denn bereits das Haus stellte optisch eine Besonderheit dar. Es war ein recht großes zweistöckiges Gebäude mit Giebeldach und einem verglasten Schaufenster zur Straße hin. Die Kunststoffverkleidung der Fassade war hellblau und über dem Schaufenster gab es eine Holzverschalung auf der alsbald in großen Lettern New Age Malstube prangte.

Im Schaufenster waren Elkes Bilder ausgestellt, die natürlich alles andere als malerische Holsteiner Küsten und Rapsfelder darstellten. Sie war ja Surrealistin durch und durch. Ihre Bilder steckten daher voller kontroverser Symbolik, Farben, Formen und Figuren. Dazwischen stand ein Halter mit einem Chinesenhut darauf, den sie von einem Freund, der ihn in China einem Reisarbeiter abgekauft hatte, geschenkt bekam. Auf dem Boden des Schaukastens tummelten sich meistens mehrere Katzen, die sich dort gerne im Sonnenschein aalten. Wenn Mama bei guter Laune war, dekorierte sie das Schaufenster gerne einmal um, legte Edelsteine oder Blumen hinzu, auch schon mal Kerzen, die sie in der Nacht anzündete. Aus Sicht der überforderten Dörfler waren wir deshalb einfach nur die Bewohner des Chinesenhauses.

Am irrsinnigsten wurde die ganze Szenerie immer dann, wenn Mama draußen mit ihrem selbstgenähten Mantel und Sarah der schwarzen Katze auf der Schulter herumlief. Der Mantel war ursprünglich einmal eine aussortierte und geschenkte Decke von Oma gewesen. Sie brachte zu unserem Leidwesen fast jedes Mal neben den bereits erwähnten ausgedienten Brokat-Tischläufern, eine von diesen ‚Super Decken‘ mit Lammschurwollanteilen mit. Wie bereits bekannt, hatte Elke jedoch ihre eigene Art damit umzugehen. Auf den (Decken)- Mantel hatte sie ohne zu zögern die Haut einer echten Kobra Schlange genäht. Diese fing mit der gut erkennbaren Kopfform in Höhe des Halskragens an und setzte sich mit ihrer hellen gemusterten, sehr eindrucksvoll anzusehenden Haut, über die Mitte des Rückens hinab bis zum Saum des Mantels auf Kniehöhe fort. Sarah, die verrückte Katze, sprang gerne mal von der Treppe des Hauses auf ihre Schulter und ließ sich dann - beharrlich festgekrallt - genau auf ihren Nacken nieder, um sich durch die Gegend tragen zu lassen. In der Zeit ließen sich zudem Mam´s Haare nicht richtig bändigen und ergänzten den Flower-Power- Hexen Look perfekt. Wenn sie nun so vor ihrem Schaukasten gesichtet wurde, stärkte das wiederum nicht gerade das Verlangen der Söruper, ein paar Blümchen-Bilder in der New Age Malstube zu malen. Eines Tages kam für uns völlig überraschend eine junge Frau mit blonden Haaren und wollte am Zeichenunterricht teilnehmen. Wir starrten sie wahrscheinlich an, als käme sie von einem fernen Planeten!

Noch ein weiteres Wunder dieser Art geschah in dieser Zeit, Elke bekam einen Auftrag! Für einen Schnellimbiss sollte sie Bilder von Hamburgern, Hotdogs und diversen Gerichten mit Spiegeleiern, Pommes Frites und Fleisch auf Tafeln malen. Den Kunden sollten die hübsch gemalten Speisen schon mal eine gewisse Vorfreude auf den Gaumen locken. Nun, im Bewusstsein des Wassermann Zeitalters waren nicht nur Frauen und Männer gleichwertig, sondern auch Tiere hatten eine Seele und waren Eigenwesen, die ebenfalls Unglück und Schmerz erleiden konnten. Die Künstlerin aß deshalb auch kein Fleisch. Aus dieser Überzeugung heraus wurde der Hotdog so gemalt, dass zwischen den Brötchenhälften ein Dackel hervorschaute. Der Hamburger bekam Augen, eine Schnauze und einen Ringelschwanz. Die Spiegeleier wurden mit menschlichen Augen und langen Wimpern dekoriert und bekamen einen grellrot geschminkten Mund gemalt. Im Hintergrund flatterten aufgeregte Mama- Hühner, die verzweifelt ihr Gelege suchten. Dem unglücklichen Imbissbetreiber und jetzt Neubesitzer dieser beeindruckenden Werke seien aber nach einiger Zeit die Kunden ferngeblieben und er entschloss sich, die Bilder wieder abzuhängen. Immerhin war er ein anständiger, gutmütiger Mensch, der den vereinbarten Preis trotzdem bezahlte. Die Künstlerin blieb sich treu, lauschte nach innen und schaute zu den schicksalsweisenden Sternen empor. Denn das war die eigentliche Wirklichkeit für Elke, in der sie sich wohlfühlte und die sie verstand.

Ich weiß nicht, was sie im darauffolgenden Herbst und nahenden Winter so erlebte, ob die Sehnsucht nach einer spirituellen Gemeinschaft sie trieb oder ob eher die Panik vor dem nächsten Winter sie zu neuem Denken bewegte.

Das allgemeine Geläster im Ort bezüglich Essgewohnheiten, der Gartenpflege und das Scheitern einiger Ehen in der Nachbarschaft sowie die fatalen Fehler die anscheinend zu allem geführt hatten, ließen meine Mutter recht unberührt. Einen tieferen Sinn des Lebens und des menschlichen Daseins zu ergründen war ihr Bemühen. Dieses wiederum sahen die Dörfler eher als Energieverschwendung, bei dem nichts Vernünftiges herauskommen drohte, so jedenfalls war die Meinung der uns umgebenden bürgerlichen Allgemeinheit. Jeder neue Tag erschien Elke als ein Feld, auf dem das wirkliche Leben im Gleichklang zwischen der Seele und der neuen Welt, die ja im Wassermannzeitalter angebrochen war, herausgearbeitet werden wollte. Sensibel nahm sie gleichwohl die Stimmungen im Ort wahr und interpretierte Träume und Erkenntnisse aus ihren Tarot Karten. Bestimmt aber war der innere Abstand zu einer Gesellschaft, die eher an oberflächlichen Befriedigungen interessiert schien, dabei das Wesentliche des Menschen jedoch nicht neu zu erkennen suchte, schon zu groß. Jedenfalls begann hier unser unglaubliches Abenteuer, aufgrund dessen ich beschlossen hatte, dieses Buch zu schreiben.

Die Botschaft des Engels.

Eines Morgens, so fangen ja gerne Märchen und Abenteuer an, überraschte unsere Mutter Yvonne und mich, indem sie uns von einem sehr bedeutsamen Traum berichtete, der sie ganz und gar einnehmen würde und sie darüber zu gegebener Stunde mit uns zu sprechen wünsche. In der Art wie sie uns das verkündete sowie durch die besondere Tonlage ihrer Worte wussten wir sofort, dass etwas sehr Gewichtiges geschehen sein musste und unsere Spannung stieg. Nun muss ich vielleicht zum besseren Verständnis erklären, dass bei uns zuhause sicher nicht ein verstopfter Abfluss, oder etwa der nicht funktionierende Fernseher und schon gar nicht ein verschmutztes Kleidungsstück für Aufregung hätte sorgen können. Nicht die Bohne. Ein besonderer Traum hingegen konnte für uns die Welt aus den Angeln heben! Diesen aus den Angeln hebenden Traum hatte meine Mutter in dieser entscheidenden Nacht gehabt, und was noch gravierender und bezeichnender für ihr Leben und ihre Person war, sie nahm diesen Traum als Botschaft für ihr Leben absolut ernst.

Stunde um Stunde hatte Elke mit dem Reflektieren dieser Botschaft zugebracht. Erst dann, nach allen reiflichen Überlegungen, bat sie uns am Eichentisch im Wohnzimmer Platz zu nehmen. Richtig feierlich eröffnete sie uns, dass ihr im Traum ein Engel erschienen wäre und zu ihr gesprochen hatte: „Löse deinen Haushalt auf, verkaufe die Möbel, Bilder und Antiquitäten, besorge dir einen Bus, nimm deine Kinder und fahre los! Es ist für alles gesorgt!“

Dass sie eine Einladung von einer zeitweise auf Mallorca lebenden befreundeten Professorin zur gleichen Zeit erhalten hatte, hielt sie für einen weiteren Wink des Schicksals. Auf dem weitläufigen Anwesen der Gelehrten sollte – wie toll - bald auch eine Montessori Schule entstehen, dieser Plan entschärfte sogar ihre Sorgen wegen unserer Schulpflicht von mindestens 9 Jahren. Wir Kinder waren natürlich schwer begeistert nicht mehr in die Schule gehen zu müssen und waren zudem gerne bereit, dem tristen Schleswig-Holsteiner Winter eine Finte zu schlagen. Nichts lieber als das! Es wurde uns direkt schwindelig vor Aufregung, aber so richtig vorstellen konnten wir uns das ganze natürlich nicht. Keine Schule mehr, keine Schneeberge, keine eingefrorenen Zehen in kalten Gummistiefeln, keine langen und einsamen Abende mehr bei Kerzenilluminationen in dem winterlichen Isolationskühlschrank Sörup! Das ließ den Puls höherschlagen!

Erst ein paar Tage später kamen einige Ernüchterungen hinzu, so zum Beispiel die Erkenntnis, dass man nun auch unsere Freunde in großem Abstand hinter sich lassen würde. Dieser Umstand stimmte mich so traurig, dass ich ins Schwanken geriet und dieses in einer Art Aufbäumen hervorbrachte und kurzfristig sogar gegen den Plan meuterte. Ich weiß nicht mehr welchen Zauber Elke wieder parat hatte um dieses Unglück aus der Welt zu schaffen, aber es geschah und nach ein paar Wochen hatte ich mich an den Gedanken gewöhnt nicht mehr mit Christiane zusammen sein zu können. Wir könnten uns doch gegenseitig Briefe schreiben und Christiane könne jederzeit gern nach Mallorca kommen, sagte meine Mutter. Weiterhin besprachen wir natürlich auch die zukünftige erhebliche räumliche Trennung vom Vater, der uns jedoch sowieso nur einmal im Jahr, zusammen mit seiner neuen Frau, in Sörup besucht hatte. Und somit hatte Elke Recht, dass es wahrscheinlich in Zukunft trotz unseres Umzugs gar keinen so großen Unterschied zu dem bisherigen Verhältnis zu unserem Vater geben würde. Außerdem hatte dieser Umstand damals für mich auch nicht den gleichen Schmerz inne, wie die bevorstehende Trennung von Christiane.

Längere Zeit stand nun das Besprochene wie ein fiktives, in ferner Zukunft liegendes Abenteuer vor uns und wirkte aber irgendwie so, als könnte es doch nicht wirklich etwas mit uns zu tun haben. Als jedoch die antiken Möbel nach und nach verkauft und abgeholt wurden, fühlten wir uns von der großen Entscheidung ganz anders berührt. Die meisten Kleidungsstücke und Spielsachen wurden weggegeben, nur wenige Stofftiere, eine Puppe und die Barbies kamen in die engere Auswahl, mitgenommen zu werden. Für uns Kinder waren das wirklich harte Stunden des Abschiednehmens. Jedes Stofftier, das nicht mitdurfte, tat einem irgendwie unendlich leid. Es war so, als wenn man ein Todesurteil für das selbige ausgesprochen hätte.

Unsere Mutter hatte inzwischen - wie ihr der Engel aufgetragen hatte - einen VW Bulli besorgt der nun mit vielen kreativen Ideen ausgestattet wurde. Im Prinzip war die Einrichtung simpel. Die VW Bullis zu dieser Zeit hatten den Motor hinten. Der war durch einen in den Boden übergehenden Absatz aus Blech abgedeckt. Direkt davor platzierte Elke in gleicher Höhe zwei Kisten aus Sperrholz. Dazwischen von der seitlichen Schiebetür aus betrachtet, entstand eine schmale Lücke. Zwei weitere zum Fahrerabteil gestellte Sperrholzkisten bildeten den Abschluss. Ein Brett überbrückte die Lücke zwischen den Kisten und darauf lagen Matratzen, so entstand eine durchgehende Liegefläche mit einem darunterliegenden Stauraum für Kleidung. Zwischen den Fächern an der Schiebetür, gut hervorziehbar, standen der Gaskocher und auch das Geschirr. Fertig war die fahrbare Laube!