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Eine kurze Geschichte meines langen, glücklichen, schwulen Lebens.
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Autobiografie,Biografie,Schwul,Prominente
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Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
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Charlie
ICH
Berlin, 2015
Herstellung und Verlag:
tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7323-5781-9
Hardcover:
978-3-7323-5782-6
e-Book:
978-3-7323-5783-3
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Für meine Freunde
Berlin 2015
CHARLIE
ICH
Wie alles begann
Die Wissenschaftler sagen, dass bei einem Kind mit etwa zwei Jahren ein Erinnerungsvermögen einsetzt, will heißen, als Erwachsener kann man sich kindheitsmäßig bis zu seinem zweiten Lebensjahr zurückerinnern.
Ich weiß das nicht so genau; ich weiß nur, dass ich im Alter von vier Jahren nach Wien gefahren bin. Ich lebte eigentlich allein mit meiner Mutter in einem netten Häuschen in der Himmelfahrtstraße in einem beschaulichen Dörfchen namens Diesdorf. Das war auch etwas, was ich auswendig lernen musste: Auf Befragen sagte ich meinen Namen, aus Diesdorf, Kreis Salzwedel in der Altmark. Aufgezogen wie ein Spielzeugaffe, kamen auf die bewusste Frage immer dieselben Worte. Und fragte mich mal jemand, was ich denn werden wollte, sagte ich genauso automatenhaft Elektroingenieur, natürlich ohne zu wissen, was das eigentlich ist. Aber dazu kommen wir später.
Also wie gesagt, ich lebte eigentlich allein mit meiner Mutter. Aber da gab es einen völlig fremden Mann, der uns ab und zu besuchte. Der war Soldat und behauptete, mein Vater zu sein. Ich hatte zwar keine Angst vor ihm, aber jedes Mal, wenn er kam, beschlich mich ein unangenehmes Gefühl. Ich sagte auch meiner Mutter immer wieder in seiner Gegenwart „Wir brauchen keinen Onkel Soldat“, aber diese Worte verklangen ungehört. Dieser Onkel Soldat nahm mich mit ins Bett und brachte mir Lieder bei, die ich mitsingen sollte. „Von dem Berge rauscht ein Wahasser“ zum Beispiel oder „Brüder, reicht die Hand zum Buhunde“. Er mochte mich wohl sehr gern und er war es auch, der mir beibrachte, dass ich „Elektroinschinör“ werden wollte.
Nun, dieser Onkel Soldat war Kradmelder in Stalingrad und wohl einer der wenigen, die dieser Hölle entkommen waren. Später war er in Paris. Von dort brachte er meiner Mutter fremdartige wunderschöne Kleider mit und Hüte, die dunkelblau waren und nur aus Federn bestanden. Aber das war vor der Zeit, zu der, rein „wissenschaftlich“ gesehen, mein Erinnerungsvermögen einsetzte.
Nun also war er in Wien, und meine Mutter beschloss, ihn zusammen mit mir dort zu besuchen. An die Hinfahrt entsinne ich mich nicht. Aber als wir ankamen, wurden wir mit einem Militärauto abgeholt. Schreiend weigerte ich mich, einzusteigen. Alles Zureden half nichts, ich sträubte mich wie eine Katze, die in einen Transportkorb gepfercht werden sollte. Schließlich hatten es eine Handvoll Soldaten aber dann doch geschafft, mich in das Gefährt zu bugsieren. Nun begann die Fahrt aber, mir zu gefallen. Ich sah wunderschöne große Häuser, und die Soldaten waren sehr nett zu mir und gaben mir Bonbons. Als wir angekommen waren, hub ich wieder an zu schreien, dieses Mal aber, weil ich nicht aussteigen, sondern die Fahrt fortsetzen wollte. Hier machte man nun aber kurzen Prozess, indem man mich gewaltsam aus dem Auto zog.
Jeden Tag, den wir nun in Wien waren, gingen wir den Onkel Soldat, der mein Vater sein sollte, besuchen. Wir wohnten in einem Stadtteil, der Kaltenleutgeben hieß. Auf dem Wege zum Onkel Soldat kamen wir immer an einem Klapperstorch vorbei, der in einem Vorgarten stand. Auf den Storch freute ich mich immer und blieb auch regelmäßig stehen.
Dann kam die Rückfahrt mit dem Zug von Wien. Der Zug war überfüllt, ich wurde oben ins Gepäcknetz gelegt und sollte gemäß Anweisung meiner Mutter schlafen. Das gelang mir natürlich nicht, es war alles so aufregend. Dauernd wurden die Abteiltüren auf- und zugeschoben, immer kamen Leute herein und gingen hinaus und zudem herrschte eine besondere Spannung unter all den Leuten. Sie sprachen dauernd davon, dass man bestimmt nicht durchkommen würde und davon, dass bereits Züge beschossen worden wären. Und wenn die Tiefflieger kämen und der Zug hielte, müsse man ganz rasch aussteigen und sich in der Böschung auf den Boden werfen.
Wir waren tagelang unterwegs. Mal fuhr der Zug, dann lange Zeit wieder nicht. Mir gegenüber saß eine Dame mit knallroten Lippen, und ich fragte sie so lange nach ihren roten Lippen, und wie das denn käme und was das denn ist, bis sie entnervt das Abteil verließ und nicht wiederkam. Zu der Zeit wusste ich noch nichts über Schminken und auch nicht was ein Lippenstift war. Irgendwann landeten wir dann in Berlin, wo wir gar nicht hinwollten, aber der Zug war dort eben angekommen. Berlin blieb mir in Erinnerung in Form von großen, ehemals verglasten Bahnhofshallen. Die Glasdächer waren kaputt, auf den Bahnsteigen wurden von den Leuten Feuer angemacht, um das sich dann alle kauerten. Meine Mutter versuchte überall, Fahrkarten für uns zu kaufen oder einen Zug zu erwischen, der uns nach Hause bringen sollte. Aber von den Kartoffelpufferbuden, an denen sie es versuchte, kriegten wir immer nur S-Bahn-Karten, mit denen wir in die Runde fuhren zu einem anderen Bahnhof, der ebenso kaputt und zugig und kalt war wie der vorige und von wo natürlich auch kein Zug fuhr.
Trotzdem muss es meiner Mutter gelungen sein, noch in derselben Nacht mit mir Berlin zu verlassen, denn ich kann mich entsinnen, tags dort gewesen zu sein.
Wieder zu Hause, verlief das Leben in eintönigen Bahnen, wenn auch um eine wesentliche Komponente erweitert: Es gab Fliegerangriffe auf große deutsche Städte, was zur Folge hatte, dass wir bei Erscheinen der Flugzeuge bereitstehende Taschen ergreifen und in den Keller flüchten mussten, zusammen mit der Familie Vogt, der das Haus gehörte, in dem wir wohnten. Sie hatten uns nicht gestattet, durch die Verbindungstür und ihre Wohnung in den Keller zu gehen, nein, wir mussten durch den Haupteingang das Haus verlassen, drum herum laufen und dann von außen in den Keller gelangen.
Ich entwickelte einen sechsten Sinn für das Erscheinen der Flugzeuge. Schon lange, bevor die Sirenen losgingen, hörte ich (oder fühlte) das Herannahen. Die ersten Male, als ich das sagte, wurde ich ausgelacht, bis man die Erfahrung machte, dass ich denn doch dieses außergewöhnliche Talent besaß. Das hatte einen weiteren Vorteil: Bisher war ich abends immer ins Bett gelegt worden, nachdem man mir dreifach Sachen angezogen hatte, bis zum Mantel obendrüber. Aber durch das frühe Erkennen (und Aufwachen) hatte Mutter immer Gelegenheit, mich erst dann anzuziehen, wenn es wirklich nötig war.
Bombardiert wurde bei uns auf dem flachen Lande nicht oder nur weiter entfernt. Manchmal stürzte eines dieser heulenden Flugzeuge ab, nachdem zuvor eine weiße Wolke ausgebrochen war. Aber auch das kam bei uns höchst selten vor.
Irgendwann ging dann der Krieg zu Ende, der eigentlich an mir vorbeigegangen war, ohne mich groß zu belasten. Kinder sind so, denk ich.
Als Nächstes kamen wieder Soldaten, amerikanische. Alle Leute verhielten sich zunächst zurückhaltend, wir Kinder natürlich genauso. Es ging unter uns Kindern das Gerücht, dass die Männer gern frische Eier aßen, für deren Überlassung die Überbringer dann reich mit Schokolade belohnt wurden. Wir hatten aber keinen Hühnerstall, aber der vom Doktor war ja da. Also lieh ich mir dort die Eier und ging zum Marktplatz, wo ich immer eins nach dem anderen in den Händen vor mir hertrug und darauf hoffte, dass dieses dann von den Männern gesehen wurde. Und siehe da, es klappte. Man zeigte auf das Ei, ich übergab es, und schon regnete es Schokolade, Bonbons und Drops, die ich besonders gern aß. Die Männer saßen meistens vor den beiden Dorfkneipen am Marktplatz und lasen oder sie spielten auf dem Platz mit einem großen Leder-Ei. Ein solches Ei bekam ich plötzlich und unvermutet quer mit voller Wucht vor den Kopf, was zur Folge hatte, dass ich zu Boden ging und getröstet werden musste, natürlich mit viel Schokolade und Bonbons.
Trotzdem sehe ich in diesem Zwischenfall die Ursache dafür, dass ich zeit meines Lebens nie wieder einen Ball anfasste. Fußball war mir egal, wenn ich nur das Auftitschen von Bällen hörte, fühlte ich mich gestört oder nahm sogar Reißaus. Selbst bei der Bundeswehr, aber davon später …
Nun wurde auf die Rückkehr der Soldaten gewartet, auch wir warteten auf den Onkel Soldat, der mein Vater sein sollte. Er kam dann auch, nachdem er in einer kurzen Kriegsgefangenschaft war. Das erste, was ich von ihm nun lernen musste, war, Papa zu ihm zu sagen, nachdem ich ihn immer mit Onkel Soldat angeredet hatte.
Unserem Hause gegenüber war eine Arztpraxis mit einer großen Auffahrt, bepflanzt mit wunderschönen Tulpen. Nachdem ich mitbekommen hatte, dass meine Mutter es gern mochte, von mir Blumen gepflückt zu bekommen, war deren Schicksal besiegelt. Ich pflückte alle ab, aber bevor ich sie meiner Mutter bringen konnte, wurde ich vom Dienstmädchen erwischt und zum Doktor gebracht, der mir die Leviten lesen sollte. Auch meine Mutter wurde geholt, damit man ihr den Kahlschlag, den ich veranstaltet hatte, vor Augen führen konnte. Mich hat das aber alles nicht beeindruckt, denn was ich in dem Haus zu sehen bekam, verschlug mir die Sprache. Der Doktor hatte einen Schirmständer im Flur, der aus einem Elefantenfuß gemacht war. An den Durchgängen von einem Zimmer ins andere waren keine Türen, sondern dicke Portieren aus Samt. Und daneben hingen schalähnliche Gebilde aus Goldstoff mit einem Bommel daran, und wenn man daran zog, kam immer das Dienstmädchen gelaufen (erst später erfuhr ich, dass beim Ziehen an den Bommeln jedes Mal in der Küche eine Glocke ertönte).
Der Doktor war amüsiert über meine Unkenntnis und zeigte mir seine Schätze, zu denen auch ein wunderschönes altes Auto gehörte, das er hinter einer Trennwand, die als solche nicht zu erkennen war, im Hühnerstall versteckt hatte, damit es im Krieg nicht beschlagnahmt werden konnte. Nur durch eine Geheimtür kam man hinein. Das Auto hatte, wenn man einstieg, einen herrlichen Geruch nach Leder. Einige Tage später wollte ich mir das Auto nochmals heimlich ansehen. Ich ging über den eingezäunten Hühnerhof, nicht wissend, dass es dort einen großen weißen Hahn gab, der für Ordnung sorgte. Dieser griff mich auch sofort an, sodass ich nur noch die Möglichkeit sah, mich durch die Hühnerklappe in den Hühnerstall zu retten. Dabei war ich dann so ungeschickt, dass die Klappe zufiel. Es gelang mir nicht, sie wieder zu öffnen. So ging ich nach meinen vergeblichen Bemühungen durch die Geheimtür der eingebauten Trennwand zu dem Auto, setzte mich hinein und bin dann eingeschlafen.
Abends wurde ich dann vom Dienstmädchen gefunden, das die Eier ausnehmen wollte und sich darüber wunderte, dass die Hühner noch draußen waren. Zu der Zeit hatte aber schon das halbe Dorf nach mir gesucht.
Es gab eigentlich immer jemanden, der auf mich aufpasste. Notfalls sprangen Adenstedts, unsere Nachbarn, ein Rechtsanwaltsehepaar, ein. Sie hatten ein schönes, quadratisches, abweisendes Haus, mehr eine Villa. Das Haus war wie ein Würfel, die Fenster ungeteilt und quadratisch, den umgebenden Garten konnte man genauso nennen. Meistens spielte ich auf der unbefestigten Himmelreichstrasse oder ich war oben in der Wohnung und wartete auf meine Mutter, die mir verboten hatte, aus Angst, dass ich allein bleiben musste, etwa zu weinen! Und das hielt ich auch ein. Weinte ich trotzdem, wusste ich genau, wie ich mit einem nassen Waschlappen diesen Eindruck verwischen konnte, während meine Mutter von der Ecke Himmelreichstrasse bis zum Haus gegangen war, bewaffnet mit den Süppchen und dem Essen, dass sie in „Rohdes Gasthaus und Hotel“ nebenher verdient hatte.
Und obwohl ich ein liebes, meistens ruhiges Kind war, kam es doch ab und an zu Ausbrüchen, wie zum Beispiel zu diesem: In der Himmelreichstraße gab es ein ältliches Fräulein, von dem meine Mutter in Gesprächen mit anderen Frauen immer wieder behauptete, die kriege sowieso keinen mehr ab, vorne nichts und hinten nichts, und überhaupt!
Dorfleben in der Sowjetischen Besatzungszone
Die mich umgebenden Mädchen legten größten Wert darauf, mir frühzeitig lesen und schreiben beizubringen, warteten nicht erst ab, bis ich zur Schule kam, sondern erledigten das vorher. Es begann damit, dass man mir vorlas: Märchen der Gebrüder Grimm und von Andersen sowie Sagen aus grauer Vorzeit. Meine Lieblingsmärchen waren jenes vom hängenden Pferdekopf namens Falada, ich glaube, es hieß „Gänseliesel“ sowie „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Es gab auch die sogenannten Berliner Märchen von Moltke. Aber das war nichts für mich. Nicht nur, dass mich die Bücher in ihrer äußeren Form nicht ansprachen: Antik, brauner Umschlag, Brandenburger Tor auf dem Deckel, während die anderen Märchenbücher in Grün gebunden waren und vor Goldprägung nur so leuchteten (teilweise hatten sie auch Goldschnitt, was ich besonders liebte) … Nein, alles, was in Berlin und Brandenburg und Potsdam spielte, war weit weg und für mich nicht vorstellbar, dazu eiskalt und unwirtlich. In allen Märchen kam Schnee vor und Kälte und arme Menschen, die durch irgendwelche Fenster in die Stuben der Reichen blickten - nichts für mich, zumal ich den Winter und den Schnee hasste wie die Pest.
Das kam einfach daher, dass mich eines der Mädchen im Winter auf einen Schlitten setzte und durch die Gegend fuhr. Schneeballschlachten wurden geschlagen, man wusch mir mit Schnee das Gesicht. Und als ich dann wieder zu Hause war und meine Füße nicht mehr spürte, und dann vor den warmen Ofen gesetzt wurde, und dann die Füße langsam wieder warm wurden … Die Schmerzen, die ich dann spürte, werde ich mein Leben lang nicht vergessen.
Viel mehr konnte ich mit den Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“ anfangen. Das war vorstellbar, warm, blitzte nur so von Edelsteinen und Gold und Großwesiren und schönen Prinzessinnen, die verschleppt und pausenlos von edlen Prinzen befreit wurden - wenn ich einmal groß bin, muss ich unbedingt nach Bagdad!
Irgendwann erwachte der Wunsch in mir, diese Geschichten nicht nur zu hören, sondern sie auch selbst lesen zu können, wenn keins der Mädchen für mich Zeit hatte, zum Beispiel nachts.
Und schon ging es los. In kürzester Zeit beherrschte ich alle Schriftarten, Sütterlin, moderne Schreibschrift, gotische Buchstaben - eben alles, was es gab. Und ich konnte sie nicht nur lesen, sondern auch schreiben.
Wenn ich heute daran zurückdenke und die Diskussionen der jetzigen Eltern darüber höre, ob es Sinn macht, die Kinder zwei- oder mehrsprachig zu erziehen, und wenn ja, ab welchem Alter, was man Kindern an Lehrplänen zumuten kann, ohne sie zu überfordern, kann ich nur silberhell auflachen! Sie glauben gar nicht, wie aufnahmefähig Kinder sind, auch schon im sogenannten Vorschulalter. Es ist heute nur so, dass die Meinung vorherrscht, Kinder müssten im Kindergarten und in der Vorschule auf die Schule vorbereitet werden. Weit gefehlt: Jede halbwegs gebildete Mutter kann ihrem Kind mehr beibringen als diese öden Organisationen, in denen eine absolute Gleichschaltung der Kinder stattfindet und sich keines richtig nach seinem eigenen Charakter und seinen Eigenheiten entwickeln kann. So kann man Kindern nicht die Schönheiten des Daseins vor die Augen führen. Das reicht dann nicht für Theater, Oper, klassische Musik, elegante Garderobe, Tischsitten, Benimm gegenüber anderen Menschen, Reiten, Klavierunterricht oder Ballett, sondern höchstens für Pommes mit Mayo, Techno, Pop und Love Parade.
Ich habe in unserer Nachbarschaft erlebt, wie die italienische Frau eines Dorfpolizisten ihr Kind erzogen hat: Es wurde deutsch, italienisch und französisch gesprochen und geschrieben, die Mutter sprach mit dem Jungen ausschließlich in der Erwachsenensprache. Ergebnis: das Kind wurde ein „Wunderkind“, übersprang fortwährend irgendwelche Klassen, machte sehr früh das Abi und war nach kurzer Zeit ein respektabler Wissenschaftler.
Nun, so erging es mir natürlich nicht. Ich war ausschließlich in Deutsch ausgebildet. Aber als ich in die Schule kam, begann das Elend. Jeden Tag sollten ein oder zwei Buchstaben gelernt werden, das Lesen und Schreiben kam nicht recht auf Touren und zog sich endlos hin. Glücklicherweise wurden in der Dorfschule vier Klassen in einem großen Raum unterrichtet. Und als dann der Lehrer erkannte (es gab nur den einen), wie weit ich war, konnte ich mitarbeiten, wo ich wollte. Ich durfte den Viertklässlern zeigen, wie man richtig trennt und wo in einem Satz Kommas eingefügt werden. Also kein Wunderkind, aber immerhin: Die Vorbildung hatte Früchte getragen, und daran war nicht der verhasste Kindergarten schuld.
Noch ein großes Ereignis hatte stattgefunden. Die Amerikaner waren gegangen. Sie hatten in „Lahmann’s Gasthaus“ und auch bei Rohdes bemerkenswerte Verwüstungen hinterlassen, bei Rohdes waren die Hintertreppen ziemlich zerstört, die großen goldgerahmten Spiegel waren mitgenommen worden (wozu brauchen Soldaten goldgerahmte große Spiegel?), aber überall fand man Drops, Schokolade, Bonbons. Ich machte mich mit den anderen zusammen auf die Suche danach und wurde auch fündig.
Es dauerte gar nicht lange, dann kamen statt der Amerikaner die Russen. Helle Aufregung zog durch das Dorf. Es gab plötzlich nur noch hässliche, in schwarz gekleidete Frauen, was mir nun gar nicht einleuchten wollte. Ich kam auch nicht dahinter, was das sollte. Nur, man hörte natürlich viel, Dinge, die einem Kind nicht gesagt werden und die es von sich aus auch nicht verstehen würde. Ich sah zum Beispiel eine schwarz gekleidete Frau durchs Dorf rennen, weinend und schreiend. Wortfetzen schnappte ich auf: Das Fahrrad war geklaut worden, haben sie dich auch …? Ja. Was sie nun „hatten“, die Russen natürlich, verstand ich nicht. Diese Dinge kamen nun häufiger vor, aber weil ich nicht wusste, um was es ging, interessierte es mich nicht.
