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Vieles hat sich verändert, seit Erik in der heiligen Höhle gestorben ist. Die Magie ist nicht mehr nur den Medu vorbehalten, sondern nun auch den Menschen frei zugänglich. Auf den Spuren eines Verräters hält Jana sich in Venedig auf, wo sie sich schon bald in einem verwirrenden Netz aus Täuschungen und Betrug gefangen sieht und abwägen muss zwischen ihren ehrgeizigen Zielen und ihrer Liebe zu Alex.
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Seitenzahl: 508
Veröffentlichungsjahr: 2013
Titel
Ana Alonso und Javier Pelegrín
Illusion
Das Zeichen der Nacht
Aus dem Spanischen von Ilse Layer
Impressum
Die Originalausgabe erschien 2010 bei Editorial Viceversa, S.L., Barcelona, unter dem Titel »Profecía«. Copyright © Ana Alonso and Javier Pelegrín, 2010 (for part II) The German language edition is published by arrangement with Ana Alonso and Javier Pelegrín. c/o MB Agencia Literaria S.L., through Literarische Agentur Michael Gaeb All the following volumes according to their first publication in Spain.
Erste Veröffentlichung als E-Book 2012 Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2012 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Aus dem Spanischen von Ilse Layer Covergestaltung: Frauke Schneider unter Verwendung eines Fotos von: esthAlto/Matthieu Spohn © gettyimages ISBN 978-3-401-80136-0www.arena-verlag.de Mitreden unter forum.arena-verlag.de
Erstes Buch
Anrufung
Kapitel 1
Die Holztreppe des Palazzo bebte leicht, als der Türklopfer zum dritten Mal gegen das Eingangsportal donnerte. Offenbar war dieser Besucher nicht gerade geduldig. Armand, der vor dem antiken Spiegel auf dem Treppenabsatz stehen geblieben war, holte tief Luft, kämmte sich mit den Fingern das gewellte blonde Haar nach hinten, strich sorgfältig das Revers seines schicken blauen Anzugs glatt und stieg ohne Eile die wenigen Treppenstufen hinunter, die ihn noch von der großen Eingangshalle trennten.
Er öffnete das Portal, das ein langes metallisches Quietschen von sich gab. Als er die imposante Gestalt seines Besuchers erblickte, schreckte er zurück. Seit ihrer letzten Begegnung war dieser Mann stark gealtert. Dabei war das erst drei Wochen her.
Der Greis betrat die dämmrige Halle und sah missmutig zu den Fresken in der Kuppel hinauf. Niemand wusste mehr, was sie eigentlich darstellten. Im Laufe der Zeit waren die vier zentralen, miteinander verbundenen Figuren so dunkel geworden, dass sie nicht mehr zu erkennen waren.
»Willkommen in meinem bescheidenen Heim, Argo.« Armand ließ seiner Begrüßung eine übertriebene Verbeugung folgen. »Ich hoffe, du hattest eine angenehme Reise.«
Der alte Mann sah ihn aus aschgrauen Augen stechend an und streifte langsam den Umhang ab, unter dem schwarze, verkrüppelte Flügel zum Vorschein kamen. »Die Welt ist lächerlich kompliziert geworden, seit dieser Verräter uns in den Rücken gefallen ist.« Er atmete schwer, als hätte er gerade eine große Anstrengung hinter sich. »Noch vor ein paar Monaten wäre ich innerhalb von Minuten hier gewesen. Aber diese fliegenden Apparate sind die Hölle.«
»Du meinst die Flugzeuge?« Armand blickte ihn mit seinen großen blauen Augen an. »Für uns sind sie gar nicht so schlecht, wir haben ja nie etwas Besseres gekannt. Aber es stimmt schon, das Catering hat in letzter Zeit sehr nachgelassen, zumindest bei den Airlines, die …«
»Hör auf, Armand. Ich musste mir heute schon genug Geschwätz anhören. Meine Sitznachbarin … Aber lassen wir das.« Die Falten um die Augen des alten Mannes wurden tiefer, als er zur Treppe blickte. »Ich hoffe doch sehr, dass unsere Bemühungen diesmal mehr Erfolg haben.«
Armand nickte mit einem schuldbewussten Lächeln. »Diesmal gehen wir auf Nummer sicher.« Mit einer Handbewegung lud er seinen Besucher ein, die Treppe hinaufzusteigen.
Mühsam nahm Argo Stufe um Stufe und blieb alle paar Schritte stehen, um nach Luft zu schnappen. Armand, der vorausging, drehte sich nicht um, achtete aber sehr genau auf das Keuchen in seinem Rücken, das immer lauter wurde. In seinem unwirklich schönen Gesicht zeichnete sich ein spöttisches Grinsen ab. Dass der alte Wächter so geschwächt war, schien für ihn eine gute Nachricht zu sein.
Er wartete im ersten Stock auf ihn, den Blick starr auf den Boden geheftet. Das Grinsen, das gerade eben noch in seinem Gesicht getanzt hatte, war verschwunden, als hätte es jemand ausradiert. Armand konnte sich gut verstellen, so viel war klar. Seine Verachtung für Argo war ihm jedenfalls nicht anzumerken.
»Hier entlang«, sagte er und deutete auf eine Tür am Ende des Flurs, der nach links abging.
Argo runzelte die Stirn und folgte ihm schweigend. Als Armand die Tür öffnete und beiseitetrat, um seinem Gast den Vortritt zu lassen, sah der alte Mann sich erst einmal um. Die Kassettendecke war an mehreren Stellen geborsten und die Sagengestalten auf dem Fresko, das eine der Wände zierte, waren kaum mehr zu erkennen.
»Du meinst also, dieser Raum würde sich dafür eignen?«, fragte Argo skeptisch und sah nun zum Balkon, der auf einen schmalen, schmutzig wirkenden Kanal hinausging. »War es wirklich nötig, mich herzubestellen?«
Mit theatralischer Geste deutete Armand auf die kleine halbrunde Bühne an der Wand gegenüber der Balkontür. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, ein Holzgestell mit zwei schweren roten Samtvorhängen zu dekorieren und sie mit goldenen Kordeln an den Säulen rechts und links festzubinden. Der Rand des Podests, von dessen Brettern sich schon lange der Lack gelöst hatte, war mit einer gelben Lichterkette geschmückt, als wäre es die Manege eines winzigen Zirkus. Die einzige Kulisse bildete ein rautenförmiger Spiegel, der an der Rückwand hing.
Vor der Bühne, zwischen Tür und Balkon, stand frei im Raum ein Stativ mit einer Videokamera.
Das war alles: eine Kamera, eine Bühne mit Vorhang, ein alter Spiegel. Trotzdem betrachtete Armand sein bescheidenes kleines Theater voller Stolz. »So hätten wir es von Anfang an machen sollen.« Mit dem Handrücken strich er über die Falten des Vorhangs. »Wenn man solche Leute dazu bringen will, dass sie einem glauben, tut man am besten so, als wollte man sie reinlegen.«
»Eine plumpe Inszenierung, um von einer kleinen Täuschung abzulenken«, sagte Argo erfreut. »Ja, das könnte bei einer Agmar-Zauberin funktionieren. Für Lügen haben die Medu einen siebten Sinn, schließlich leben sie von nichts anderem.«
Armands Brauen hoben sich ein wenig und sein Blick wanderte zum Fenster. Durch dessen dicke, unregelmäßige Scheiben fiel das fahle Licht des Wintermorgens herein.
Es schien Argo zu irritieren, dass der junge Mann plötzlich nicht mehr bei der Sache war. »Was ist?«, fragte er und folgte Armands Blickrichtung. »Gibt’s ein Problem?«
Armand blinzelte kurz. »Pardon«, sagte er dann lächelnd. »Wir Magier haben den Tick, die Beleuchtung zu prüfen, bevor die Vorstellung beginnt.«
»Lass den Unsinn!« In dem fast leeren Raum klang Argos Stimme wie ein rissiger Kontrabass. »Worauf warten wir noch? Wir sollten endlich mit der Anrufung beginnen«, fügte er hinzu, während er den Blick über das Fresko schweifen ließ.
»Wie du meinst.« Armand fasste Argo am Unterarm und führte ihn auf die Bühne hinauf. »Du stehst hier ganz hinten, vor dem Spiegel. Sie wird nur einen hellen Fleck sehen, winzig klein. Aber sie ist eine Medu-Prinzessin. Das wird reichen, um sie stutzig zu machen.«
Armand ließ den alten Wächter einfach stehen und machte mehrere Schritte rückwärts, wie ein Künstler, der sein Werk betrachten will und den besten Blickwinkel dafür sucht. »Perfekt.« Mit schräg gelegtem Kopf sah er Argo an. »Du kannst anfangen, wenn du so weit bist.«
Die Flügel des alten Mannes entfalteten sich in ihrer ganzen Spannbreite und peitschten die Luft mit ihren verkohlten Federn.
Armand wich zurück und starrte mit geöffnetem Mund auf die beiden noch immer majestätischen Flügel, die jetzt in eine Wolke aus Staub und Asche gehüllt waren. Argo, der Meister des Bewusstseins, hatte begonnen, eine uralte, unverständliche Formel aufzusagen. Der Klang seiner Worte wurde nach oben getragen, um gleich darauf wieder herabzuschwingen wie eine Welle und in tausend unmenschliche Echos zu zerschellen.
Ein Magier hätte dem rituellen Spruch, der aus einer bereits untergegangenen Welt stammte, Beachtung geschenkt. Ein Magier hätte versucht, ihn sich einzuprägen, um sich etwas von dessen Macht anzueignen und ihn bei passender Gelegenheit selbst anzuwenden.
Aber Armand hörte nicht zu. Entsetzen verdüsterte seine Miene und er stierte wie hypnotisiert geradeaus. Er konnte den Blick nicht von diesen beiden Flügeln wenden, nicht von den unzähligen verkohlten Augen, mit denen sie übersät waren, schwarz wie versengtes Holz – die blinden, stummen Überreste einer erloschenen Macht, die dazu bestimmt war, nie mehr wiederzukehren.
Kapitel 2
Jana saß auf dem Balkon mit Blick auf den Canal Grande und schaute gedankenverloren dem Vaporetto nach, das laut knatternd in Richtung Riva degli Schiavoni davonfuhr und im grünblauen Wasser eine weiße Spur zurückließ. Auf dem Marmortischchen neben ihrem Korbsessel stand ein Silbertablett mit einer leeren Kaffeetasse und einer angebissenen Scheibe Toast.
Es war feuchtkalt und ungemütlich. Sie schlug den Kragen ihrer Lederjacke hoch und ließ die Augen von dem Vaporetto zu den Fenstern eines Luxushotels am gegenüberliegenden Ufer wandern.
Nieve hatte wirklich ein Gespür für die passende Unterbringung. Von dem Palazzo aus, den sie gemietet hatte, ganz in der Nähe der Rialtobrücke, hatte man einen fantastischen Ausblick, einen der besten der ganzen Stadt.
Jana seufzte. Ihre frühere Feindin war jetzt zwar sehr freundlich zu ihr, trotzdem war ihr nicht ganz wohl dabei, Nieves Gast zu sein. Eigentlich hatte sie die Reise nach Venedig mit Alex machen und ein Apartment nur für sie beide mieten wollen. Natürlich nichts so Luxuriöses wie den Renaissancepalast der Wächter, aber das wäre auch nicht nötig gewesen. Wenn Alex mitgekommen wäre, hätte die Aussicht auf die Stadt keine so große Rolle gespielt.
Aber leider hatte Alex für die Osterferien andere Pläne gehabt, die ihr allerdings vorgeschoben erschienen waren. Vor allem verstand sie immer noch nicht, warum er nicht bei der Übergabe des Gefangenen dabei sein wollte, zumal der unbedingt mit Jana reden und ihr ein Geheimnis anvertrauen wollte, das nur sie erfahren durfte.
Schon als Glaukos, der Anführer der Varulf, sich bei ihr gemeldet und ihr von Argos Forderung erzählt hatte, hatte Alex skeptisch reagiert. Er hielt das Ganze für eine Falle, die Argo, der frühere Wächter, seinen alten Feinden stellen wollte. Und dafür hatte er sich seiner Meinung nach Jana ausgesucht, weil er sie mehr hasste als alle anderen. Alex’ Verdacht klang plausibel, aber Jana war trotzdem irritiert. Für wen hielt ihr Freund sie eigentlich? Sie war nicht so naiv, sich von Argo einwickeln zu lassen. Sie würde die Gelegenheit nutzen, um ihn auszuhorchen, und er würde es nicht einmal merken. Glaukos hatte ihr erzählt, Argo sei sterbenskrank. Im Gegensatz zu den übrigen Wächtern hatte Alex’ Entscheidung, die Magie der heiligen Höhle freizusetzen und allen Menschen zugänglich zu machen, ihn gesundheitlich angegriffen. Glaukos zufolge hatte sich sein Zustand in den letzten Tagen sogar noch verschlechtert. Wenn er wirklich so geschwächt war, würde sie ihm viele Informationen entlocken können.
Es wollte Jana einfach nicht in den Kopf, dass Alex lieber mit seiner Familie Ostern feierte, als diese letzte Episode des Krieges zwischen den Medu und den Wächtern selbst mitzuerleben. Allerdings war er auch lange von seiner Mutter und seiner Schwester getrennt gewesen, all die Monate, in denen er bei den Wächtern in die Lehre gegangen war. Das hatte ihm ziemlich zugesetzt.
Das Problem war, dass Jana sich fast nicht mehr daran erinnerte, wie ein normales Familienleben aussah. Sie hatte ihre Eltern schon vor vielen Jahren verloren und David war nicht gerade ein gewöhnlicher Bruder. Beide hatten sich angewöhnt, zu kommen und zu gehen, ohne dem anderen Bescheid zu sagen. Bei Alex lief das nicht so, trotzdem hätte seine Mutter bestimmt verstanden, dass er in den Osterferien mit Jana nach Venedig fahren wollte. Helena war eine aufgeschlossene Frau und wusste, dass ihr Sohn mit Jana zusammen war. Aber Alex zog es vor, mit seiner Schwester zu lernen, weil sie in Mathe durchgefallen war und eine Nachprüfung ablegen musste; das hatte für einige Aufregung in der Familie gesorgt, denn so etwas war bei Laura noch nie vorgekommen. Mehr wollte Alex offenbar nicht. Es schien ihm völlig egal zu sein, dass Argo an die Wächter ausgeliefert werden sollte, und er machte sich offenbar auch keine Gedanken darüber, welche Konsequenzen das haben konnte.
Während Jana einer Schwalbe zusah, die emsig zwischen den Vordächern hin und her flog, ging sie im Geist noch einmal die Neuigkeiten der letzten zwei Wochen durch. Zuerst war es nur ein Gerücht gewesen; es hieß, Argo sei geschnappt worden, er sei einem Kopfgeldjäger in die Hände gefallen. Dann erfuhr man immer mehr Einzelheiten: den Ort seiner Ergreifung (was machte Argo bloß in Venedig?), den Namen des Kopfgeldjägers (ein gewisser Yadia, halb Mensch, halb Varulf) und sogar den Preis, den die anderen ehemaligen Wächter bezahlt hatten, damit die Medu ihnen den Gefangenen auslieferten, anstatt selbst kurzen Prozess mit ihm zu machen.
Dieser letzte Punkt war vielleicht der erstaunlichste von allen. Warum hatten die Varulf einen so wertvollen Gefangenen an ihre früheren Feinde verkauft? Die meisten Medu hielten nichts von dieser Transaktion, sondern deuteten sie – angesichts der völlig neuen Situation nach dem Verlust ihrer magischen Vormachtstellung – als weiteres Zeichen der Schwäche ihres Volkes. Ihnen wäre es lieber gewesen, wenn Argo seine verdiente Strafe erhalten hätte, wenn die Klane sich an dem Feind gerächt hätten, der noch vor wenigen Monaten damit gedroht hatte, sie auszurotten.
Aber noch seltsamer war, dass der frühere Wächter sich, fast ohne Widerstand zu leisten, von einem gewöhnlichen Kopfgeldjäger hatte fangen lassen. Jana hatte versucht, etwas über diesen Yadia herauszufinden, aber viel war es nicht. Sein Vater war angeblich ein hochrangiger Varulf, der die Vaterschaft aber nie anerkannt hatte, und der Junge war bei seiner menschlichen Mutter aufgewachsen. Doch wenn das alles stimmte, wie war es dann zu erklären, dass er ganz allein jemand so Gefährlichen wie Argo hatte überwältigen können? Nach der Freisetzung der Magie war Argo, genau wie die übrigen Wächter, zwar nicht mehr unsterblich und auch nicht mehr so mächtig, aber er konnte immer noch Visionen herbeirufen, ganz abgesehen natürlich von der unendlichen Erfahrung, die er im Laufe seines jahrtausendelangen Lebens gesammelt hatte. Warum hatte Argo diesen Vorteil nicht genutzt, um sich vor Yadia zu schützen?
Auf diese Frage gab es nur zwei mögliche Antworten: Entweder war der alte Wächter noch geschwächter, als seine Feinde angenommen hatten, oder der Varulf-Kopfgeldjäger war geschickter und mächtiger, als alle dachten.
Ein Plätschern direkt unter ihr, gefolgt von einem erstickten Lachen, riss Jana aus ihren Gedanken. Sie stand auf und beugte sich über die Brüstung, um nachzusehen. Als sie zwei Jugendliche entdeckte, die eng aneinandergeschmiegt an der Anlegestelle des Palazzo saßen, wollte sie sich instinktiv wieder zurückziehen. Aber da die beiden nur Augen füreinander zu haben schienen, um auf sie zu achten, überlegte sie es sich anders. Es war verführerisch, ein menschliches Pärchen zu beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Alex und sie waren schon lange nicht mehr so durch die Straßen gestreift, ziellos und einfach nur glücklich darüber, zusammen zu sein. Vielleicht wollte sie sich in Erinnerung rufen, wie sich das anfühlte.
Die beiden hatten die Köpfe zusammengesteckt, tuschelten und küssten sich leidenschaftlich. Offenbar waren sie sich der unglaublichen Schönheit um sie herum nicht bewusst; wahrscheinlich hätte es ihnen auch nichts ausgemacht, auf einer Schutthalde oder in einem Büro zu sein, solange sie sich nur berühren konnten.
Missmutig stieß Jana sich von der Brüstung ab und ging ins Zimmer, zum Frisiertisch, auf dem ihr Laptop aufgeklappt lag. Sie drückte irgendeine Taste und starrte auf den Bildschirm, der jetzt aufleuchtete. In dem geöffneten Videotelefonieprogramm war Alex’ Name in der Kontaktliste grau unterlegt, was bedeutete, dass er immer noch nicht online war.
Mit gerunzelter Stirn kehrte Jana auf den Balkon zurück und ließ sich in ihren Korbsessel fallen. Ihr Blick schweifte kurz über die Fassaden der Paläste am anderen Ufer. Sie waren teils gotisch, teils aus der Renaissance, aber alle hatten dieselbe Wirkung, wehrhaft und zugleich irgendwie zerbrechlich.
Plötzlich fragte sie sich, was sie eigentlich hier machte, in dieser unwirklichen, in der Vergangenheit verwurzelten Stadt. Jahrelang hatte sie davon geträumt, nach Venedig zu fahren, aber das war gewesen, bevor ihre Welt zusammengebrochen war; als Venedig noch ein sicherer Unterschlupf für die Medu gewesen war, wo ihre Magie kaum auffiel und besser als irgendwo sonst überleben konnte. Damals hätte dieser Anblick sie stolz gemacht. Denn hinter der malerischen Kulisse von Kanälen und Brücken hätte sie die geheime Macht der Agmar-Zauber wahrgenommen, die unberechenbare Gegenwart der Varulf, die kaum hörbaren Gesänge, mit denen die Pindar sich vor ihren Feinden schützten.
Doch das war jetzt vorbei. Durch Alex’ Entscheidung, die Magie nicht an die heilige Höhle zurückzugeben, sondern frei zugänglich zu machen, waren die Medu in Venedig nichts Besonderes mehr. Jetzt brauchten sie sich nicht mehr zu verstecken, ihre Magie war so schwach, dass sie nirgends mehr bemerkt wurde.
Plötzlich weckte ein merkwürdiger Lichteffekt im Wasser ihre Aufmerksamkeit und lenkte sie von diesen traurigen Grübeleien ab. Etwas ging im Kanal vor sich, auch wenn sie nicht gleich verstand, was genau. Am gegenüberliegenden Ufer war der Wasserpegel gesunken und auf ihrer eigenen Seite gestiegen. Es sah aus, als wäre der Boden des Kanals plötzlich gekippt und drückte nun das Wasser an das Ufer, das unter ihrem Fenster lag.
Von der Anlegestelle erklang begeistertes Händeklatschen und lautes Gelächter und Jana begriff, dass die beiden Jugendlichen dieses kleine Wunder ausgelöst hatten.
Solche Späße beobachtete Jana bei den Menschen nicht zum ersten Mal, denn mit ein bisschen Übung und Konzentration konnten sie jetzt die Magie ihrer Gefühle auf die Materie übertragen, bei manchen war diese Fähigkeit sogar sehr ausgeprägt. Genau das war gerade passiert. Die Verliebten hatten sich geküsst und ihr Kuss hatte das Kanalwasser angezogen, als wäre es magnetisch.
Jana beobachtete sie verdrossen. In solchen Momenten, wenn deutlich wurde, was Alex durch die Verbreitung der Macht der heiligen Höhle in der Welt bewirkt hatte, wurde ihr immer ganz schlecht. Sie hatte sich noch nicht daran gewöhnt, die Magie mit den Menschen zu teilen, und wahrscheinlich würde sie sich auch nie daran gewöhnen, wie wild und völlig naiv diese mit den alten Mächten herumexperimentierten. Wie konnte es sein, dass sie überhaupt keine Angst hatten, dass ihnen nicht klar war, mit was für gewaltigen Kräften sie es zu tun hatten?
Zufrieden über das kleine Wunder, das sie gerade zustande gebracht hatten, küssten sich die beiden Jugendlichen stürmisch. Jana beobachtete, wie das Wasser am Landungssteg wieder anschwoll und sich zugleich purpurrot färbte. Als die beiden sich wieder voneinander lösten, brach sich die Welle an einem Pfosten des Landungsstegs und bildete ein Einhorn aus Schaum.
Die Figur thronte ein paar Sekunden auf dem Wasser, glitzerte mit ihren tausend scharlachroten Luftbläschen in der Sonne, bevor der Schaum mit einem lang anhaltenden Wiehern in alle Richtungen zerstob.
Die Verliebten lachten schallend. Jana stand wütend auf. Sie war kurz davor hinunterzuschreien, sie sollten damit aufhören, sie seien verantwortungslos.
Aber ein anderes Lachen, viel näher und kristallklar, ließ sie zusammenzucken und herumfahren.
Als sie Nieve in der Balkontür stehen sah, stöhnte sie genervt. »Warum kannst du eigentlich nicht anklopfen?«, fragte sie. »Dafür wäre ich dir echt dankbar.«
»Tut mir leid, ich vergesse es immer«, sagte Nieve lächelnd. »Ihr Medu seid so empfindlich.«
Jana hob die Augenbrauen. »Ich weiß, ich bin dein Gast, aber das gibt dir nicht das Recht, einfach so hereinzuplatzen«, knurrte sie. »Ich wollte gerade mit Alex skypen.«
Nieve warf einen spöttischen Blick auf den dunklen Computerbildschirm. »Aha.« Sie legte Jana eine Hand auf die Schulter, damit sie mit ihr ins Zimmer zurückkam. »Also ich an deiner Stelle würde nicht länger warten.«
»Was soll das heißen?«
Jana war ganz starr geworden, was Nieve sofort bemerkte. »Bestimmt habt ihr euch missverstanden«, antwortete sie leichthin. »Ich habe vorhin mit Alex telefoniert. Er hat gesagt, er geht jetzt ins Bett. Denk an die Zeitverschiebung.«
»Aber wir hatten verabredet, uns noch anzurufen!« Jana gab sich keine Mühe, ihre Gereiztheit zu verbergen. »Er hätte mir zumindest Bescheid sagen müssen! Hast du ihn angerufen?«, schob sie misstrauisch nach.
Nieve lachte, als fände sie das Ganze wirklich witzig. »Nein, er mich«, erklärte sie. »Keine Angst, er wollte nicht mit mir reden, sondern mit Corvino. Du weißt doch, Corvino denkt nie daran, sein Handy aufzuladen. Deswegen hat Alex es bei mir versucht.«
»Da hätte er auch mich anrufen können.« Jana schloss die Balkontür so heftig, dass die Scheiben klirrten. »Er weiß doch, dass ich bei euch bin. Was soll das, geht er mir aus dem Weg?«
»Das glaube ich nicht.« Nieve lachte zwar nicht mehr, aber aufrichtig kam Jana ihr Ton auch nicht vor. »Er macht sich Sorgen wegen der ganzen Sache mit Argo und wollte Corvino etwas fragen, das ist alles.«
»Wenn er sich solche Sorgen macht, warum ist er dann nicht mitgekommen?« Jana steigerte sich immer mehr in ihre Wut hinein. »Ich habe ihn extra gebeten, mich zu begleiten. Mir ist die ganze Sache überhaupt nicht geheuer und das habe ich ihm auch gesagt. Ich bin sicher, dass Glaukos mich in eine Falle locken will.«
»Warum bist du dann trotzdem gekommen?« Nieve hatte sich auf das ungemachte Bett gesetzt und musterte sie neugierig. »Keiner hat dich gezwungen.«
»Was hätte ich denn tun sollen?«, brach es aus Jana heraus. »Argo ist der mächtigste der früheren Wächter, und wenn er mich um ein vertrauliches Gespräch bittet, bevor er an seine ehemaligen Gefährten ausgeliefert wird, muss ich doch wenigstens versuchen herauszufinden, was er von mir will. Vielleicht hat er mir ja etwas Wichtiges zu erzählen.«
»Wundert es dich denn nicht, dass Argo dir angeblich sein allergrößtes Geheimnis anvertrauen will? Ich meine, du weißt doch, was er von den Medu hält.«
»Natürlich wundert mich das!« Jana setzte sich neben Nieve aufs Bett und sah sie an. »Und auch, dass das Treffen unbedingt bei den Varulf stattfinden soll, also bevor ihr ihn hierher bringt. Da steckt bestimmt Glaukos dahinter.«
Nieve blickte zum Balkon. »Da kennst du Argo aber schlecht«, seufzte sie. »Er würde sich nie von einem Medu manipulieren lassen, nicht einmal jetzt, wo er todkrank ist.«
»Vielleicht hat Glaukos sich breitschlagen lassen, ihn an euch auszuliefern, wenn Argo mich dafür zu sich lockt. Glaukos hasst mich wie die Pest. Für ihn bin ich schuld an dem, was in der heiligen Höhle passiert ist, und den schlimmen Konsequenzen für die Medu. Außerdem ist er sehr nachtragend. Ich bin sicher, er würde liebend gern persönlich mit Argo abrechnen. Wenn er sich stattdessen auf einen Deal mit euch eingelassen hat, dann muss er sich etwas noch Fieseres überlegt haben.«
»Du meinst, er will sich an dir rächen?«
Jana zuckte die Achseln. »Keine Ahnung«, gab sie zu. »Es wäre immerhin denkbar.«
»Vergiss nicht, wir haben ihm für Argo viel Geld gegeben«, sagte Nieve besänftigend. »Das kann Grund genug sein, auf eine persönliche Rache zu verzichten, meinst du nicht?«
»Man merkt, dass du die Varulf nicht kennst«, erwiderte Jana ungeduldig. »Mit Geld kann man sie nicht ködern. Sie kommen mit dem Nötigsten aus, darauf sind sie sogar stolz. Ich wünschte, dieser Kopfgeldjäger hätte sich nicht an sie gewandt, sondern an uns Agmar.«
»Offenbar war sein Vater ein Varulf. Das erklärt, warum er ihn an Glaukos’ Leute ausgeliefert hat.«
»Ein halber Varulf, der einen Wächter zur Strecke bringt«, sagte Jana. »Du musst zugeben, irgendwas kann da nicht stimmen.«
»Argo war schon schwer krank, als dieser Yadia ihn geschnappt hat, bestimmt hat er nicht mehr lange zu leben. Corvino hat ihn gesehen, bevor er mit Glaukos verhandelt hat. Er sagt, Argo sieht aus wie ein alter Mann und seine Flügel sind verbrannt. Ihm muss etwas Schreckliches zugestoßen sein. Ich kann mir bloß überhaupt nicht vorstellen, was das gewesen sein soll.«
Plötzlich leuchteten Janas Augen auf. »Nieve, ich hab eine Idee. Warum gehen wir nicht zu ihm, und zwar jetzt sofort? Glaukos ist noch nicht in der Stadt, er kommt erst heute Abend. Das könnte unsere Chance sein. Wenn er hinter der ganzen Sache steckt, will er Argo bestimmt noch Anweisungen geben, bevor er mit mir spricht. Ich soll Argo morgen Vormittag treffen, bevor ihr ihn hierher bringt. Wenn ich jetzt zu ihm gehe, komme ich Glaukos zuvor.«
»Wahrscheinlich lassen sie dich gar nicht rein. Glaukos hat sicher genaue Anweisungen gegeben.«
»Wir können es zumindest versuchen. Was ist, kommst du mit?«
Auf Nieves feinem Gesicht zeichnete sich ein verschmitztes Lächeln ab. »Na klar. Das lasse ich mir auf keinen Fall entgehen.«
Kapitel 3
Das Gebäude, in dem die Varulf ihren Gefangenen untergebracht hatten, besaß keinen Zugang von der Straße, so viel wussten sie. Es konnte nur von der Rückseite aus, vom Landungssteg an einem kleinen, übel riechenden Kanal betreten werden. Der Gondoliere, den sie vor dem Palast der Wächter ansprachen, rümpfte die Nase, als er die Adresse hörte. Diesen Teil der Stadt mochte er offenbar nicht. Doch der Schein, den Nieve ihm in die Hand drückte, genügte, um seine Bedenken zu zerstreuen, und zwar so gründlich, dass er die ganze Fahrt über trällerte und Witze riss und Jana mit seiner überschäumend guten Laune den letzten Nerv raubte.
Als sie schon fast am Ziel waren, wollte der Mann seine beiden eleganten weiblichen Fahrgäste mit einem kleinen Zaubertrick beeindrucken, der in seiner Zunft in letzter Zeit sehr in Mode war. Er zog das lange Ruder ein, mit dem er die Gondel steuerte, gähnte und streckte die Arme aus. »Ich glaube, für heute habe ich genug gearbeitet. Ich brauche eine Pause.«
Er beugte sich über den ruhigen, tiefgrünen Kanal, schöpfte, die Hände zu einer Schale geformt, ein wenig Wasser und blies darauf, wobei er eine lange Zauberformel murmelte, die er sich wahrscheinlich selbst ausgedacht hatte.
Kaum hatte er das Wasser wieder in den Kanal zurückgeschüttet, bewegte die Gondel sich von allein fort und glitt über den Teppich aus sich spiegelnden Backsteinfassaden mit Girlanden voll trocknender Wäsche dahin. Dadurch war nicht zu erkennen, wer oder was die Gondel vorwärtsbewegte, aber gedämpft durch das Plätschern des Wassers konnte Jana das vergnügte Gemurmel der unsichtbaren Wesen hören, die dem Ruf des Gondoliere gefolgt waren.
Als sie Nieves Schmunzeln sah, verdrehte sie die Augen. »Nicht zu fassen«, stöhnte sie. »Selbst du findest das gut.«
»Was soll denn daran schlecht sein?« Nieve schien es Spaß zu machen, Jana zu provozieren. »Das ist doch nur ein bisschen harmlose Magie. Und ich finde es großartig, wenn die Menschen lernen, damit umzugehen.«
Der Gondoliere nickte lebhaft und warf Nieve ein Lächeln zu. Jana zuckte die Achseln, sagte jedoch nichts weiter. Sie spürte die Feindseligkeit des Gondoliere, der sie mit unverhohlenem Argwohn ansah. Wahrscheinlich hatte er gemerkt, dass sie eine Medu war.
Wenige Minuten später, als der Mann ihr am Landungssteg der Varulf zum Aussteigen die Hand reichte, fiel Jana auf, dass er ihren Blick mied. Vom Ufer aus sah sie der Gondel nach, wie sie in Richtung Cannaregio davonfuhr.
Nieve hatte schon den bronzenen Türklopfer in der Hand und ließ ihn jetzt knallend zurückfallen. Bald darauf waren Schritte zu hören, die über einen gepflasterten Innenhof näher kamen. Das Guckloch öffnete sich kurz, dann schabten laut quietschend mehrere Riegel an den eisernen Führungen entlang. Als die Tür aufschwang, stand vor ihnen ein Ghul mit der Schnauze eines Schakals, buschigen schwarzen Augenbrauen und kupferroten Augen.
»Lass uns rein«, verlangte Jana herrisch. »Ich habe die Erlaubnis, den Gefangenen in seiner Zelle zu besuchen.«
Als der Ghul Nieve bemerkte, stellte sich seine dichte Armbehaarung auf. »Tut mir leid«, sagte er und blickte zu Boden. »Hier hat nur Zugang, wer einen Passierschein meines Herrn Glaukos vorweisen kann.«
Jana stieß ihn beiseite und betrat mit energischen Schritten den Innenhof. »Idiot«, sagte sie im Gehen. »Ich bin Jana, die Herrin der Agmar. Ich lasse mir von niemandem vorschreiben, wo ich Zugang habe und wo nicht!«
»Das hier ist ein Gefängnis, meine Damen«, stammelte der Ghul und sah tatenlos zu, wie Nieve der Medu-Prinzessin folgte. »Hier kann man nicht einfach so hereinkommen. Dazu braucht man eine Genehmigung.«
»Dann informier deine Vorgesetzten.« Nieve drehte sich um und sah ihn ganz ruhig an. »Sie werden dir diese Genehmigung geben, die du so dringend brauchst.«
»Nein … Sie verstehen mich falsch. Nicht ich brauche eine Genehmigung, sondern Sie beide. Außerdem habe ich hier zu bestimmen. Keiner meiner Vorgesetzten ist im Haus.«
»Wirklich?« Jana sah Nieve überrascht an, die plötzlich seltsam erregt wirkte. Sie war ganz blass geworden, ihre Augen standen weit offen und leuchteten so blau wie Saphire. Auch ihre Alabasterhaut hatte sich mit einem bläulichen Schimmer überzogen.
Der Ghul wich erschrocken zurück.
»Erzähl mir nichts, du Schwachkopf.« Die Stimme der Wächterin klang zum Fürchten, nach klirrendem Glas und peitschendem Wind. »Ich weiß, dass du lügst. Hier gibt es mindestens einen hochrangigen Medu. Das kann ich spüren.«
Der Ghul schluckte. »Na schön. Folgen Sie mir. Ich bringe Sie zu den beiden, die sollen dann selbst entscheiden.«
Mit gesenktem Kopf ging er auf den dunklen Eingang zu, der sich in der Wand links von ihnen auftat. Es war eine feuchte Backsteinmauer, die im unteren Teil, wo nie die Sonne hinkam, grün und golden verschimmelte Stellen hatte. Eine staubige Kletterpflanze rankte sich daran hoch und wand sich um die Gitterstäbe vor den obersten Fenstern. Ob Argo sich hinter einem dieser Gitter befand?
Als Jana das Gebäude betrat, stach ihr der Geruch nach Fett und Heilkräutern in die Nase. Die Eingangshalle war winzig. Eine steile, ausgetretene Steintreppe führte nach oben, in ihrer Mitte lag ein gelber Läufer, dessen geometrisches Muster kaum noch zu erkennen war.
Der Ghul führte seine Besucher hinauf und geleitete sie im ersten Stock bis ans Ende eines Flurs, dessen Boden schachbrettartig gefliest war. Als sie vor einer weißen Tür standen, zögerte der Diener einen Moment, aber dann klopfte er doch an: dreimal schnell, zweimal langsam, dann wieder dreimal schnell. Diese Abfolge hatten seine Herren wahrscheinlich vorab mit ihm vereinbart für den Fall, dass er ihnen unvorhergesehene Störungen melden musste.
Es dauerte eine ganze Weile, bis die Tür schließlich aufging. Jana schob den Ghul einfach beiseite und stürmte in den Raum, blieb jedoch wie angewurzelt stehen, als sie Eilat und Harold erkannte, zwei der wichtigsten Befehlshaber ihres Volkes. Eilat war der Anführer der Iriden und Harold war nach Eriks Tod zum Oberhaupt der Drakul aufgestiegen.
»Was macht ihr denn hier?«, fragte sie mit argwöhnischem Blick auf Eilat.
Unter dem schwarzen Hut des alten Mannes blickten graue Haare hervor, er trug einen gepflegten Bart, der seinem markanten Gesicht etwas Respektvolles gab. In dieser Gestalt hatte Jana ihn noch nie gesehen, was nicht verwunderlich war, denn die mächtigsten Iriden wechselten ständig ihr Aussehen, um ihre hohe Stellung innerhalb des Klans zum Ausdruck zu bringen. Doch Jana erkannte ihn sofort an dem Chamäleon-Tattoo auf dem rechten Handrücken.
Harold trug die purpurrote Tunika der Drakul-Priester. Sein Haar war schütterer, als Jana es in Erinnerung hatte, aber auf seinen schmalen, klar konturierten Lippen zeichnete sich noch genau das gleiche verächtliche Lächeln ab, das sie während Eriks Genesung in der Festung der Drakul mehrmals an ihm bemerkt hatte.
»Diese Frage sollten wir eigentlich dir stellen«, gab das Oberhaupt der Drakul mit ruhiger Stimme zurück. »Was machst du hier, Prinzessin? Wir haben dich erst morgen erwartet.«
»Genauso ist es. Und warum hast du die da mitgebracht?« Eilat überraschte mit einer wohlklingenden Baritonstimme. Er deutete auf Nieve, mied allerdings den Blick der Wächterin. »Das wird Glaukos sicher nicht gefallen.«
»Seid ihr seine Gäste?«, setzte Jana das Gespräch fort, ohne auf seine Frage einzugehen. »Ich wusste gar nicht, dass ihr so gute Beziehungen zu den Varulf habt. Wart ihr an Argos Ergreifung beteiligt?«
Die beiden Medu-Anführer tauschten einen raschen Blick.
»Wir wollten nur den Gefangenen sehen«, sagte Harold mit gefährlich funkelnden Augen. »Wir waren neugierig, das ist alles. Es geht das Gerücht, er hätte jetzt Flügel, wie ein Engel. Außerdem erlebt man die Niederlage seines ältesten Feindes schließlich nicht alle Tage.« Bei diesen Worten fixierte er Nieve, die seinem Blick selbstbewusst standhielt. »Sie kann nicht hierbleiben.« Harold runzelte die dunklen, schön geschwungenen Augenbrauen über seinen Falkenaugen. »Sie ist nach wie vor unsere Feindin, ich traue ihr nicht über den Weg.«
»Aber Nieve und Corvino sollen doch morgen den Gefangenen abholen«, wandte Jana ein. »Ein Tag früher oder später macht doch nichts aus.«
Eilat steckte die Hände in die Taschen seines ausgebeulten grauen Anzugs. »Die Dickköpfigkeit der Agmar hat mich schon immer genervt«, klagte er mit einem tiefen Seufzer. »Glaukos würde an die Decke gehen, wenn er wüsste, dass wir sie überhaupt hereingelassen haben.«
»Hör mal, ich bin hergekommen, weil Argo mich sehen wollte.« Jana war fest entschlossen, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen. »Glaukos hat diesem Treffen schon zugestimmt, ihr habt also keinen Grund, mich nicht zu ihm zu lassen. Und was Nieve angeht … Ihr braucht keine Angst vor ihr zu haben. Sie ist bloß hier, weil sie wissen will, wie er jetzt aussieht, also genau wie ihr, glaubt mir.«
»Du denkst, wir hätten Angst vor ihr?« Harolds Lächeln war erloschen. »Red doch keinen Unsinn. Sie kann uns nichts mehr anhaben. Außerdem bin ich sicher, dass sie keinen neuen diplomatischen Konflikt zwischen den Wächtern und uns Medu heraufbeschwören will. Die haben untereinander schon genug Probleme, das sieht man daran, was mit Argo passiert ist. Und Heru hat sich schon vor einer ganzen Weile abgesetzt. Hab ich nicht recht, Nieve?«, fragte er und sah dabei die junge Wächterin an. »Jetzt sind nur noch Corvino und du übrig und Corvino wäre garantiert alles andere als begeistert, wenn euer Deal mit Glaukos wegen deines Besuchs hier platzen würde.«
»Er weiß nicht, dass du hier bist, stimmt’s?«, fragte Eilat lauernd.
Bei der Erwähnung von Corvino riss Nieve plötzlich der Geduldsfaden. Staunend registrierte Jana, wie ihr sonst so feines Gesicht sich innerhalb von Sekundenbruchteilen in eine furchterregende, rachsüchtige Fratze verwandelte, mit Augen, die so erbarmungslos blitzten wie bei einer antiken Göttin. »Wehe, du ziehst Corvino da mit hinein«, donnerte sie los. Die Gewalt ihrer Stimme konnte wahrscheinlich selbst Steine erschauern lassen und Jana bekam eine Gänsehaut. »Glaubst du etwa, wir hätten überhaupt keine Macht mehr, wir könnten euch gar nichts mehr anhaben? Da irrst du dich gewaltig, das kann ich dir sofort beweisen. Wenn du darauf bestehst, dass ich gehe, wirst du es bereuen!«
Eilat schien wie versteinert vom übernatürlich blauen Funkeln ihrer Augen, und wie immer bei den Iriden in Situationen extremer Gefahr, war ihm seine Angst sofort anzusehen. Der Bart mutierte zu einem grauen Fleck, die Falten an Augen und Stirn verschwanden und er nahm die rundlichen Züge eines sechs- oder siebenjährigen Jungen an. Wenn die Atmosphäre nicht so angespannt gewesen wäre, hätte Jana laut gelacht. Nach seinem Aussehen zu schließen, musste Eilat wirklich sehr erschrocken sein.
Nieve hingegen schien die Situation überhaupt nicht komisch zu finden. »Ich bleibe hier, bis Jana von ihrem Treffen mit Argo zurückkommt«, erklärte sie, an Harold gewandt. »Was dagegen?«
Nach Sekunden absoluter Reglosigkeit schüttelte das Oberhaupt der Drakul langsam den Kopf. »Bring Prinzessin Jana zur Zelle des Gefangenen«, wies er den Ghul an, der völlig verschüchtert neben der Tür wartete. »Schließlich lohnt es sich nicht, deshalb einen Streit anzufangen. Aber sei auf der Hut vor Argo, Jana. Er lebt seit mehreren Tausend Jahren auf der Erde und hat gelernt, sich von nichts und niemandem etwas vormachen zu lassen.«
Kapitel 4
Während Jana dem Ghul durch ein Labyrinth von moderigen Kellergängen folgte, zerbrach sie sich den Kopf über einen Satz, den Harold hatte fallen lassen: Heru, der frühere Wächter des Feuers, hätte sich von seinen Gefährten abgesetzt. Ob das stimmte? Nieve erwähnte ihn in letzter Zeit nicht mehr und offenbar wohnte er tatsächlich nicht bei Corvino und ihr im Palazzo am Canal Grande, denn Jana hatte ihn seit ihrer Ankunft noch kein einziges Mal gesehen.
Stutzig gemacht hatte sie auch Nieves heftige Reaktion, als Harold ihre Beziehung zu Corvino erwähnte. Es kam nicht oft vor, dass die Wächterin der Stimme derart die Fassung verlor. Aber anscheinend war ihr die Vorstellung unerträglich, jemand könne sie mit dem einzigen Verbündeten, der ihr offenbar noch geblieben war, entzweien.
Oder steckte vielleicht noch etwas anderes dahinter? Jana lächelte beim Gedanken an den Vorabend, den sie mit ihren beiden Gastgebern verbracht hatte. Nieve war während des ganzen Abendessens sehr gesprächig gewesen, Corvino hingegen hatte kaum den Mund aufgemacht. Jana hatte den jungen Mann – so sah er zumindest aus, auch wenn sein Alter unmöglich zu schätzen war – dabei ertappt, wie er Nieve ein paar Mal angesehen hatte, als er sich unbeobachtet glaubte. In diesen Blicken hatte eine Mischung aus Unruhe und Enttäuschung gelegen; es war, als sähe Corvino Nieve plötzlich mit anderen Augen und das, was er nun an ihr wahrnahm, verwirre und ärgere ihn. Warum? Corvino war der Wächter der Sinne. Niemand auf der Welt hatte die Reaktionen seines Körpers und seines Geistes so unter Kontrolle wie er. Ob sich vielleicht trotz seines langen Trainings ein Gefühl bei ihm eingeschlichen hatte, das er einfach nicht in den Griff bekam? Wenn ja, hatte dieses Gefühl wahrscheinlich viel mit Nieve zu tun.
»Wir sind da.« Der Ghul deutete mit seiner behaarten Hand auf das Ende eines finsteren Ganges, der nur von zwei flackernden Fackeln etwas erhellt wurde. »Ganz hinten, die letzte Tür rechts. Das findest du auch allein. Yadia schließt dir auf.«
Während der Ghul kehrtmachte, musterte Jana neugierig den schwächlichen Jungen, der vor Argos Zelle Wache hielt. Er musste bis eben vor sich hin gedöst haben, denn erst die Stimmen und Schritte im Gang hatten ihn aufgeschreckt.
Jana ging auf ihn zu. Er lächelte, als er sie erkannte. Offenbar war er über ihren Besuch nicht allzu überrascht.
Erst als sie vor ihm stand, merkte sie, dass er einen ganzen Kopf größer war als sie, aber die Schultern hängen ließ wie ein alter Mann. Auch seine weißen Haare, die einen Stich ins Blaue hatten und in langen, ausgefransten Strähnen herabhingen, erinnerten an das Aussehen eines Greises.
Ansonsten sah er eindeutig jünger aus, wie sechzehn oder siebzehn, und war ziemlich attraktiv. Doch er hatte auch etwas Beunruhigendes an sich, vielleicht weil seine Lippen zu einem schiefen Grinsen verzogen waren und seine hellblauen Augen übertrieben leuchteten.
Er trug eine enge Lederhose, ein schwarzes T-Shirt mit dem Logo einer Rockband und darüber eine altmodische braune Weste.
»Die Anführerin des Agmar-Klans«, sagte er zur Begrüßung und verbeugte sich feierlich. »Ich habe schon viel von dir gehört, Prinzessin.«
»Und du bist Yadia?« Jana musterte ihn ungeniert von Kopf bis Fuß. »Ich hätte nicht gedacht, dass du so jung bist. Kopfgeldjäger sind normalerweise viel älter.«
»Das nehme ich als Kompliment«, sagte er und hielt ihr die rechte Hand hin.
Jana ergriff sie, weil sie dachte, er wolle ihr die Hand schütteln, aber Yadia hob sie an die Lippen und küsste sie. Ein Handkuss, wie er im Buche stand, nur angedeutet und voller Respekt. Jana machte keinen Hehl aus ihrer Verwunderung. Im Allgemeinen zeichneten sich die Varulf nicht gerade durch Höflichkeit aus und als Mischling – halb Varulf, halb Mensch – musste Yadia innerhalb der Klanhierarchie zum untersten Rang zählen. Wo hatte man ihm bloß so gute Manieren beigebracht?
Bevor ihre Hände sich lösten, fiel Janas Blick auf die breiten geometrischen Tattoos, die sich wie Armbänder um seine Handgelenke wanden. Sie waren nicht besonders gut und schon ziemlich verblasst, aber trotzdem war ihr sofort klar, dass es keine Varulf-Tattoos waren. Es hieß, Yadia sei bei seiner menschlichen Mutter aufgewachsen. Warum trug er dann Tattoos, so wie die Medu? Tattoos, die aber andererseits signalisierten, dass er nicht dazugehörte, zu keinem der Klans. War er zu diesen Tattoos gezwungen worden?
»Eigentlich rechnet Argo erst morgen mit deinem Besuch«, sagte Yadia in Janas Überlegungen hinein. »Ich weiß nicht, ob er dich jetzt empfangen will. Aber wahrscheinlich kann er es kaum erwarten, mit dir zu sprechen«, fügte er hinzu und griff nach einem schweren Schlüsselbund, der an seinem Gürtel hing. »Und wenn man bedenkt, wie rapide sich sein Zustand verschlechtert … Vielleicht freut er sich sogar, dass du früher gekommen bist.«
»Du scheinst ja eine Menge über deinen Gefangenen zu wissen.« Jana ließ ihn nicht aus den Augen. »Redet er mit dir?«
»Manchmal. Aber ich habe auch gelernt, aus seinem Schweigen Schlüsse zu ziehen. Schließlich musste ich ihn wochenlang beschatten, bis ich ihn zu fassen bekam.«
Yadia steckte einen Schlüssel ins oberste Schloss und drehte ihn, während ein leises Knacken ertönte. Dasselbe tat er mit den sechs weiteren Schlössern, eine Vorsichtsmaßnahme, die nicht übertrieben wirkte, wenn man bedachte, wer in dieser Zelle saß.
»Hattest du einen Auftrag?«, fragte Jana leise.
Yadia, der gerade nach der quer über der Tür liegenden Eisenstange greifen wollte, hielt inne und wandte ihr den Kopf zu. »Argo zu schnappen? Nein, das war meine eigene Idee«, antwortete er mit einem verschlagenen Grinsen. »Ich dachte, so ein Coup würde mich mit einem Schlag berühmt machen. Und meine Rechnung ist aufgegangen. Jetzt kennt sogar eine Agmar-Prinzessin meinen Namen.«
Jana bedachte ihn mit einem kalten Lächeln und sah zu, wie er die Eisenstange entfernte und die Tür aufmachte.
Aus der Zelle schlug ihr feuchte Hitze entgegen, vielleicht wegen der vielen Kerzen, die in den vier Ecken des Raums in Leuchtern brannten. Es roch nach Rauch, Schweiß und geschmolzenem Wachs. Trotz des leichten Windhauchs, der aus einer vergitterten Luke dicht unter der Decke kam, hatte Jana das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Ihr wurde fast schlecht, so stickig war es hier drin.
Argo lag auf einer grauen Pritsche, fest in eine schäbige Decke mit Schottenmuster gewickelt. Nicht einmal als er das Knarren der Tür hörte, bewegte er sich darunter.
»Argo, du hast Besuch von Jana, der Anführerin der Agmar«, verkündete Yadia.
Der gefallene Wächter schlug die Decke zurück, ließ ganz langsam, als koste es ihn große Anstrengung, die Beine auf den Boden gleiten und setzte sich auf. Seine Flügel, die alle seine Bewegungen behinderten, waren tatsächlich schwarz und verkrüppelt. Als Jana sein Gesicht sah, wurde ihr noch schlechter. Nicht weil es gealtert war, sondern weil es wie verwest aussah, als hätte Fäulnis Argos aristokratische Züge zersetzt. Das Haar fiel ihm in grauen, schlaffen Strähnen über die eingefallenen Wangen und die Augen glichen schwarzen Stecknadelköpfen in einer aschfahlen Fratze, uralt und durch und durch böse.
Bei Janas Anblick wurde seine müde Miene von einem finsteren Lächeln belebt. »Das Mädchen, das ihr Volk für einen Kuss ans Messer geliefert hat.« Seine Stimme klang wie knisterndes, vergilbtes Papier, kurz bevor es zu Staub zerfällt. »Das hast du jedenfalls in Kauf genommen. Was willst du hier?«
Jana zwang sich, seinem Blick standzuhalten. »Du hast doch gesagt, du willst mich sehen, weißt du nicht mehr?«
Argo schüttelte sich Asche von einem seiner Flügel. Ein durchdringender Geruch nach Verbranntem stieg auf. »Du glaubst, ich hätte das Gedächtnis verloren?« Er schnalzte mit den Fingern. »Ich habe dich erst morgen erwartet. Dachtest du, du könntest mich aus dem Konzept bringen?«
Jana sah ihn nach wie vor an, ohne zu blinzeln. Ihre kastanienbraunen, samtenen Augen registrierten jede Veränderung im Gesichtsausdruck des Wächters, so winzig und unbedeutend sie auch sein mochte. »Mir wurde gesagt, es geht dir sehr schlecht. Ich dachte, es ist zu riskant, wenn ich bis morgen warte.«
Argo stieß ein raues Lachen aus. »So ehrlich wie eh und je. Natürlich hast du keinen Moment daran gedacht, mich zu überrumpeln, wenn du vor dem vereinbarten Zeitpunkt auftauchst. Raffiniert und zugleich lachhaft naiv. Ich bin zu alt, um irgendjemandem auf den Leim zu gehen, und schon gar nicht einer Halbwüchsigen, die sich wichtig machen will.«
Jana setzte ihr charmantestes Lächeln auf. Sie wollte dem alten Wächter beweisen, dass sie sich nicht so leicht einschüchtern ließ. »Jedenfalls haben diejenigen, die mir von deiner Krankheit erzählt haben, nicht übertrieben«, konterte sie. »Du siehst wirklich ziemlich mitgenommen aus. Haben dich die Varulf so zugerichtet?«
»Die Varulf?« Argo stieß wieder ein Lachen aus, doch diesmal schlug es in einen langen Hustenanfall um. »Mach dich nicht lächerlich«, sprach er schließlich weiter. »Sie sind nicht mächtig genug, um … so etwas fertigzubringen.«
»Dann verstehe ich es nicht.« Jana machte ein paar Schritte auf den Gefangenen zu, weil sie ihn aus der Nähe sehen wollte. »Den anderen Wächtern geht es gut. Nieve sieht sogar jünger aus als vor Eriks Tod in der heiligen Höhle. Für deinen Zustand muss es doch einen Grund geben.«
»Den gibt es auch. Ich habe etwas getan, was die anderen nie wagen würden. Ich habe die Natur herausgefordert. Ich habe versucht, die Unsterblichkeit zu erringen. Und das ist dabei herausgekommen.«
Jana lief ein Schauder über den Rücken. »Vielleicht ist es besser so«, sagte sie unverblümt.
»Für dich und deine Leute? Mit Sicherheit.« Argos Stimme war aggressiv und scharf wie eine Rasierklinge geworden. »Mir ist egal, was in dieser Höhle passiert ist, ihr werdet immer meine Feinde sein. Doch jetzt habe ich auch noch andere Feinde, die ich noch mehr hasse als die Medu.«
»Meinst du etwa …?«
»Ja, ich meine die anderen Wächter, meine früheren Gefährten. Sie haben mich im Stich gelassen und das werde ich ihnen mit gleicher Münze heimzahlen.«
Jana runzelte die Stirn und versuchte zu verstehen, was in Argo vorging. »Deshalb wolltest du mich sehen? Du willst dich an den anderen Wächtern rächen?«
Jetzt flackerten zwei orangefarbene Pünktchen in Argos Pupillen, als spiegelte sich in ihnen eine glimmende Zigarette. »Für eine Rache bleibt mir leider keine Zeit. Ich habe nicht mehr lange zu leben, Jana. Außerdem bin ich selbst auch immer noch ein Wächter. Uns verschafft es keine Genugtuung, anderen zu schaden.«
»Wenn es nicht um Rache geht, was willst du dann von mir?«
»Ich werde bald sterben und habe gründlich darüber nachgedacht, was aus meinem Vermächtnis werden soll. Meinen früheren Gefährten will ich es nicht hinterlassen, aber es soll auch nicht in Vergessenheit geraten, wenn ich nicht mehr da bin. Da bist du mir eingefallen und ich habe beschlossen, dir mein kleines Geheimnis anzuvertrauen. Was du damit machst, ist deine Sache. Aber ich kann dann wenigstens in Ruhe sterben.«
Jana lächelte ungläubig. Argo sollte ruhig merken, wie wenig seine Worte sie überzeugten. In diesem Moment ging Yadia, der die ganze Zeit an der Tür gestanden hatte, zu einem der Kerzenhalter und zündete mit seinem Feuerzeug die beiden Kerzen an, die durch einen Luftzug ausgegangen waren.
Jana beobachtete ihn missmutig und wandte sich dann wieder dem Wächter zu. »Ich dachte, unser Gespräch findet unter vier Augen statt. Kannst du ihn nicht fortschicken?«
In Argos Augen tanzte ein Funken Ironie. »Ich soll ihn fortschicken?«, fragte er, das letzte Wort spöttisch betonend. »Meine Liebe, du scheinst vergessen zu haben, dass ich sein Gefangener bin.«
»Aber du hast gesagt, du wolltest dich allein mit mir unterhalten«, beharrte die junge Agmar. »Es reicht doch, wenn er die Tür von außen bewacht, er braucht uns nicht zuzuhören. Ich rede mit Harold und Eilat, wenn es sein muss. Ich will keine Zeugen.«
»Das wäre Zeitverschwendung«, sagte Yadia, mit dem Rücken zu Jana und Argo; er war in die Hocke gegangen und kratzte das warme Wachs vom Boden, das von einer der Kerzen getropft war. »Bei Harold und Eilat wirst du nichts ausrichten. Ich muss bei dem Gespräch dabei sein, das hat Glaukos ausdrücklich so bestimmt. Du kannst ihn gern fragen, wenn du willst.«
»Das war die Bedingung, die die Varulf gestellt haben«, bestätigte Argo resigniert. »Du hast doch wohl nicht gedacht, sie würden zulassen, dass ich dir mein kleines Geheimnis schenke, ohne dass dabei auch etwas für sie abfällt.«
»Warum erzählst du es dann nicht gleich ihnen und lässt mich in Ruhe?«, brach es aus Jana heraus. »Ich traue dir nicht, Argo. Ich traue weder dir noch den Varulf. Und mir ist meine Zeit zu schade, um dieses ganze Theater noch länger mitzuspielen.«
Mit diesen Worten drehte Jana sich um und steuerte zielstrebig auf die Tür zu, als wollte sie wirklich gehen. Sie drückte die Klinke nach unten, aber die Tür ließ sich nicht öffnen. Auch Rütteln half nichts. Es war abgeschlossen.
»Das darf ja wohl nicht wahr sein«, protestierte sie und wandte sich Yadia zu, der sie gelangweilt beobachtete. »Du wagst es, mich einzusperren? Mich, eine Klanführerin? Du bist ja wohl völlig übergeschnappt.«
»Ich sorge nur dafür, dass das Gespräch vertraulich bleibt«, erklärte Yadia. »So lautet die Anweisung.«
»Jetzt reicht’s aber. Schließ die Tür auf und lass mich raus! Sonst … Unsere magischen Fähigkeiten haben zwar sehr gelitten, aber ich bin immer noch mächtig genug, um dieses dreckige Loch mitsamt dem ganzen Gebäude in die Luft fliegen zu lassen.«
Yadia lachte schallend, was Jana nur noch wütender machte. Doch dann mischte sich Argo in überraschend versöhnlichem Ton ein. »Komm, Jana, jetzt reg dich nicht auf. Du lässt dich von deinen Vorurteilen und deiner Wut hinreißen. Hör dir erst mal an, was ich zu sagen habe, es dauert nur zwei Minuten. Dann schließt Yadia dir auf und alles ist vorbei.«
Mit schmerzverzerrter Miene stand der Wächter auf und zupfte seine zerlumpte Tunika zurecht, die so alt aussah wie er selbst. Jana musterte aufmerksam sein Gesicht. Jetzt machte er sich offenbar nicht über sie lustig. Im Gegenteil, es war deutlich zu sehen, dass er litt. Argo war todkrank und das verlieh dem Geheimnis, das er ihr anvertrauen wollte, eine besondere Bedeutung.
»Na gut«, gab sie nach, »ich bin hergekommen, um dir zuzuhören, und das werde ich auch tun. Sag mir, was du mir zu sagen hast.«
»Vorher musst du bei deiner Agmar-Ehre schwören, dass du es für dich behältst.«
Jana sah ihn eindringlich an. »Das kannst du nicht von mir verlangen. So ein Schwur ist gefährlich.«
»Nur wenn du ihn brichst. Schwöre«, drängte Argo.
Jana zögerte einen Moment, aber schließlich hob sie die rechte Hand, schloss die Augen und sprach mit fester Stimme den traditionellen Agmar-Schwur. »Bei der dunklen Seite des Mondes, bei der schwarzen Tiefe des Herzens, beim geheimen Flug der Nachtvögel, beim Wort und seinen Abgründen, beim ewigen Mysterium der Symbole schwöre ich, niemandem zu verraten, was du mir gleich erzählen wirst.«
»Wenn du diesen Schwur brichst, soll Schweigen deinen Geist für immer umnebeln«, erwiderte Argo feierlich. »Dann soll mein Fluch auf dir und deinem Stamm liegen bis ans Ende aller Tage.«
Beim letzten Satz, der nicht zu dem Agmar-Ritual gehörte, lief Jana ein heftiger Schauder über den Rücken. In diesem Moment war sie froh, dass es in der Zelle so wenig Licht gab. Im Schutz der Dunkelheit würde hoffentlich niemand bemerken, wie unbehaglich ihr zumute war.
»Jetzt hast du mein Wort«, sagte sie und sah Argo erwartungsvoll an. »Nun verrat mir endlich dein Geheimnis, du hast mich schon lange genug auf die Folter gespannt.«
Für einen kurzen Moment leuchtete das müde Gesicht des Wächters in einem verzückten Lächeln auf, als wäre er wahnsinnig. »Ich mach’s kurz: Calle dei Morti 2251 Santa Croce 30135.«
Die Straße der Toten und das Heilige Kreu… . Um sich die Abfolge von Wörtern und Zahlen einzuprägen, wandte Jana instinktiv eine Technik an, die sie als Kind von ihrer Mutter gelernt hatte.
Es schien sich um eine Adresse zu handeln, eine dieser kryptischen Angaben, die die Post benutzte, um im Labyrinth der Straßen und Kanäle von Venedig ein bestimmtes Gebäude zu bezeichnen.
Argo war verstummt und Jana sah ihn neugierig an, weil sie davon ausging, er werde noch etwas hinzufügen. Aber der Wächter wandte sich mit einem schiefen Lächeln von ihr ab und kehrte langsam zu seiner Pritsche zurück. Ächzend ließ er sich wieder darauf nieder, legte sich mit dem Gesicht zur Wand und zog die schmuddelige Decke über sich. Das Einzige, was Jana noch von ihm sehen konnte, waren seine verkrüppelten Flügel, schwarz wie bei einem Vogel, der in ein Feuer geraten ist.
Kapitel 5
Als Jana Argos Zelle verließ, sog sie gierig die modrige Luft im Gang ein, die zumindest nicht ganz so stickig war wie drinnen bei dem alten Wächter. Sie lehnte sich an die Wand gegenüber der Tür und beobachtete stumm, wie Yadia die Eisenschlösser eins nach dem anderen sorgfältig absperrte.
»Ich muss mit dir reden«, sagte sie ohne Umschweife, als er fertig war.
Yadia hängte den verrosteten Schlüsselbund an seinen Gürtel und sah sie lächelnd an. »Mein Zimmer ist direkt über uns. Du kannst mitkommen, wenn du willst.«
Ohne Janas Reaktion abzuwarten, ging er durch den dunklen Gang davon. Notgedrungen folgte sie ihm, nahm sich jedoch vor, ihm seine Unhöflichkeit irgendwann heimzuzahlen.
Sie stiegen ein paar ausgetretene Treppenstufen hinauf und gelangten in einen Flur, der noch schmaler war als der im Geschoss darunter, mit mehreren Holztüren auf beiden Seiten.
Yadia blieb vor der dritten Tür links stehen und drückte die Klinke nach unten. Auf dem Flurboden zeichnete sich ein helles Rechteck ab.
»Nach dir«, sagte er und ließ Jana mit einer Verbeugung den Vortritt. »Schließlich bist du eine Prinzessin.«
Jana sah ihn gereizt an und ging dann hocherhobenen Hauptes an ihm vorbei.
Der Raum war genauso eng wie Argos Zelle, hatte aber wenigstens ein ziemlich großes Fenster, das auf den Kanal hinausging. Ein ungemachtes Bett, ein Nachttisch voller Bücher und ein alter Schreibtisch mit einem Klappstuhl davor bildeten das schlichte Mobiliar. Yadia bot Jana den Stuhl an, während er sich schwer auf die durchgelegene Matratze seines Bettes fallen ließ.
»Ich würde dich ja gern zu einer Tasse Tee einladen«, sagte er mit einem Lächeln. »Aber der Zimmerservice hier lässt ziemlich zu wünschen übrig.«
»Ich bin nicht zum Teetrinken gekommen, ich will Antworten«, erwiderte sie schroff. »Wie zum Teufel hast du es angestellt, ihn zu schnappen? Er ist schwach, aber er ist immer noch ein Wächter. Und du bist nur …«
»… ein halber Varulf? Sprich’s ruhig aus. Ich bin daran gewöhnt, es ins Gesicht gesagt zu bekommen, das war schon immer so.«
»Auch als du bei deiner menschlichen Mutter gelebt hast?«
Yadia stieß ein trockenes Lachen aus. »Wer hat dir denn das erzählt?« Er sah Jana neugierig an. »Ich habe meine Mutter nie kennengelernt, ich weiß gar nicht, wer sie ist. Ich bin bei einer Ghul-Sklavin in einem der Häuser meines Vaters aufgewachsen, aber als ich volljährig wurde, wollte er mich nicht anerkennen. Ich wurde vom Klan verstoßen. Das Ganze war ziemlich hart für mich.«
»Okay. Aber jetzt hat sich das Blatt gewendet.« Jana sah ihn durchdringend an. »Jetzt bist du Glaukos’ Vertrauter.«
Yadia nickte zufrieden. »Er ist zwar nicht besonders schlau, aber immerhin erkennt er ein Talent, wenn er es vor sich hat«, sagte er. »Ich habe ihm bewiesen, was ich kann. Er war beeindruckt von mir, glaube ich.«
»Genau das habe ich gemeint«, erwiderte Jana. »Wie hast du das gemacht? Mich kannst du nicht so leicht hinters Licht führen wie Glaukos. Um mit einem Wächter fertig zu werden, braucht man nicht nur Talent, sondern auch Erfahrung und Macht. Und du hast keins von beidem, das ist offensichtlich.«
»Kann schon sein«, gab Yadia zu, ohne im Geringsten beleidigt zu sein. »Aber du übersiehst ein kleines Detail: Argo wollte gar nicht kämpfen. Er hat es mir ziemlich leicht gemacht. Ich glaube, im Grunde hat er sich sogar gewünscht, dass ich ihn schnappe. Er wusste, dass seine früheren Freunde hinter ihm her waren, und denen wollte er keinesfalls in die Hände fallen.«
Jana hob die Augenbrauen. »Aber Glaukos hat sich darauf eingelassen, ihn an Nieve und Corvino auszuliefern.«
»Stimmt. Für eine schöne Stange Geld. Warum auch nicht? Schließlich wird Argo bald sterben, dann können wir sowieso nichts mehr mit ihm anfangen.«
Jana nickte. Ihr Blick schweifte kurz zum Fenster. »Das leuchtet mir ein. Unlogisch finde ich nur, dass Argo sich lieber von einem Varulf hat fangen lassen als von Corvino und den anderen Wächtern. Schließlich betrachten sie ihn immer noch als einen ihrer Leute. Ich bin sicher, sie werden ihn nicht schlecht behandeln.«
Yadia runzelte leicht die Stirn. »Du glaubst, Argo hat Angst zu leiden? Man merkt, dass du ihn überhaupt nicht kennst.«
»Dafür scheinst du ihn ja umso besser zu kennen.« Jana sah ihren Gastgeber neugierig an. »Verbringst du viel Zeit mit ihm? Vertraut er sich dir an?«
»Die Antwort auf die erste Frage lautet Ja und die Antwort auf die zweite Nein. Aber er muss mir gar nicht erzählen, was ihm durch den Kopf geht. Mir reicht es, wenn ich ihn beobachte. Darin war ich schon immer gut.«
Jana rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her. Ihr Blick wanderte einmal mehr zum Fenster rechts von ihr, in dem ein Stück blauer Himmel zu sehen war. »Wenn du wirklich so ein guter Beobachter bist, kannst du mir bestimmt weiterhelfen. Ich wollte dich nämlich etwas fragen: Was machen Harold und Eilat hier? Seit wann sind sie mit den Varulf verbündet?«
Statt zu antworten, sah Yadia Jana tief in die Augen. Dann lachte er schallend. »Erwartest du im Ernst, dass ich dir diese Frage beantworte? Sämtliche Reichtümer deines Klans würden nicht ausreichen, um so eine Information zu bezahlen.«
Jana nickte finster. »Keine Antwort ist auch eine Antwort. Ich glaube aber, du unterschätzt die Macht der Agmar. Wenn ich wollte, könnte ich viel mehr für dich tun als die Varulf.«
Yadias Blick wurde nachdenklich. »Da irrst du dich«, widersprach er. »Das, was ich will, kann mir nur Glaukos geben. Er hat mir versprochen, wenn ich diese Mission erfolgreich zu Ende führe, nimmt er mich bei den Varulf auf. Das ist der Klan meines Vaters, verstehst du? Ich habe mein ganzes Leben davon geträumt, von ihnen akzeptiert zu werden.«
»Damit gewinnst du noch lange nicht die Liebe deines Vaters«, entgegnete Jana grausam.
Yadia nickte. »Darauf kommt es im Grunde nicht mehr an. Mein Vater ist vor sechs Monaten gestorben. Meine Pläne sind unabhängig von ihm.«
»Glaukos kann man nicht trauen. Ich an deiner Stelle würde seine Versprechungen mit Vorsicht genießen.«
»Ich habe nichts zu verlieren. Unser Verhältnis ist rein geschäftlich, eine Hand wäscht die andere. Und ich bin nicht so dumm, mich reinlegen zu lassen. Zuerst die Aufnahmezeremonie in den Klan, dann erzähle ich ihm alles, was ich mit dir zusammen herausfinde.«
Alarmiert richtete Jana sich auf. »Was soll das heißen? Du hast doch gehört, was Argo gesagt hat. Du weißt genauso viel wie ich und wahrscheinlich noch mehr. Es gibt nichts weiter herauszufinden.«
Yadia gähnte, als wäre ihm langweilig, ließ Jana aber nicht aus den Augen. »Ist das dein Ernst? Ich dachte, du willst den Ort sehen, den Argo genannt hat. Aber anscheinend muss ich mich allein auf den Weg machen.«
»Warte.« Jana hatte das Gefühl, in eine Falle gelockt zu werden, aber im Moment konnte sie nichts anderes tun, als Yadias Spiel mitzuspielen. »Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht hingehen will – ich will nur nicht mit dir hingehen. Argo hat diese Information mir gegeben, sie gehört also mir.«
»Ach komm, Jana, mach dich nicht lächerlich. Argo weiß, dass ich alles gehört habe, das ist Teil der Abmachung. Er durfte nur mit dir reden, wenn ich dabei bin. Meine Pflicht ist es, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich muss herausfinden, was hinter dieser Adresse steckt, und einen Bericht für Glaukos schreiben. Und das werde ich auch tun, ob es dir passt oder nicht. Aber wenn wir an einem Strang ziehen, wird alles leichter. Schließlich wissen wir beide nicht, was da auf uns zukommt. Vielleicht lockt Argo uns dorthin, um sich an uns zu rächen. Es ist weniger gefährlich, wenn wir zu zweit sind.«
Jana überlegte einen Moment, den Blick fest auf Yadias junges Gesicht gerichtet. »Na gut«, sagte sie schließlich. »Es ist mir lieber, du begleitest mich, als dass du dort allein irgendwas anstellst oder mir dazwischenfunkst. Außerdem kenne ich mich in Venedig nicht besonders gut aus.«
»Ich schon«, sagte Yadia schnell. Seine Augen strahlten. »Gehen wir, Prinzessin, nach dir! Ich führe dich an diesen Ort, wir sehen ihn uns zusammen an und anschließend bist du mich wieder los.«
Kapitel 6
Yadia band seine alte Gondel an einem Pfosten am Ufer fest und sprang geschickt an Land. Anstatt Jana beim Aussteigen zu helfen, spähte er in die Gasse, die sich auf der anderen Seite des schmalen Kanals auftat, zwischen einem alten ziegelroten Palazzo und einem baufälligen Lagerraum, an dem sich Efeu emporrankte.
»Das ist also die Calle dei Morti«, sagte er. »Sieht nicht gerade vielversprechend aus …«
Ohne etwas zu erwidern, ging Jana bis zu der kleinen Eisenbrücke, die die Anlegestelle mit der Gasse verband. Sie bildete den einzigen Zugang. Mitten darauf blieb Jana über dem grün schimmernden Wasser stehen und blickte sich um. Alle Gebäude sahen marode und verlassen aus, hier und da blitzten die antiken Fensterscheiben in der Sonne auf.
Die Calle dei Morti am anderen Ende der Brücke lag ganz im Schatten und war in türkisgrünen Dunst getaucht. Als Yadia bei ihr angelangt war, machte Jana den ersten Schritt in diese Dunkelheit hinein. Bald wurde ihr klar, dass es sich um eine Sackgasse handelte. Auf beiden Seiten reihten sich die rückwärtigen Fassaden von drei alten Palazzi aneinander und am Ende versperrte eine hohe graue Steinmauer den Weg.
Yadia hatte sie überholt, er ging schnell und sah ständig nach rechts und links. »2250 … 2252«, sagte er schließlich mit Blick auf die beiden letzten Gebäude, das eine links von ihm, das andere rechts. »Die Adresse, die Argo uns genannt hat, gibt es gar nicht. Verstehst du? Sie müsste zwischen diesen beiden Palazzi sein, genau hier, wo die Mauer steht.«
Jana nickte halbherzig. Sie hielt sich erst seit wenigen Tagen in Venedig auf und war noch nicht mit der komplizierten Nummerierung der Gebäude vertraut. Offenbar galt hier nicht die Regel, für die eine Straßenseite gerade Zahlen zu verwenden und für die andere ungerade. Zumindest nicht in der Calle dei Morti.
