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In spannenden, heiter erzählten Episoden aus ihren Jugendjahren berichtet B. Stockholm über die letzten Kriegstage. Mit der Flucht aus Ostpreußen, bis zum Ende der fünfziger Jahre herrscht große Not in Deutschland, die sie ständig flüchten lässt.
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Seitenzahl: 72
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Aufbruch
Braunsberg
Situation Ostpreußen
Nach Heiligenbeil
Nach Rosenberg
Pillau weiter Gotenhafen
Lazarettschiff
Schönes Ostpreußen
Kloster Kindergarten
Sommerfrische Narmeln
Bäckerei Alshuth
Lebertran
Klaus in Königsberg
Urgroßmutter
Elisabeth
Hausschlachtung
Rettung vor der See
Die neue Heimat?
Heide in Holstein
Freund Axel
Erneuter Aufbruch
Schönes Hessenland
Unterkunft mit Sternenhimmel
Traumhaus
Kriegsende, der „Ami“ kommt
Vati frei
Erleuchtete Villen
Oma lebt
Kartoffelernte
Krabbeltiere
Schäume sind Träume
Wasser, oder die Sache mit dem Plop
Silberne Erleuchtung
Unerwarteter Anschlag
Zentrifugal
Schulstreiche
Deutschunterricht
Horst kann es nicht lassen
Schöne Geschichte
Ist das Kunst, oder kann das weg?
*
Eli
verschwunden
Klettergarten
Propeller
Sammelleidenschaften
Abkapseln
Komisches Ding
Von Schirmen und anderem
Auf dem Holzweg
Späte Jahre
Braunsberga, 12. Februar 1945, ein Offizier der Organisation Todtb lässt die Nachricht verbreiten, dass Braunsberg bis 12:00 Uhr des kommenden Tages geräumt sein muss. Ältere und schwächelnde Personen sollen ins nahe gelegene Kloster verbracht werden. Hier würde für sie gesorgt.
Das Gegenteil der sonst üblichen Durchhalte-Parolen und Befehle, welche Erich Kochc für Ostpreußen immer in die Welt setzt.
*
Seliger Straße 3, 13. Februar 1945, kurz nach Mitternacht: Die Geschehnisse schweben vor meinem geistigen Auge, als würden sie in diesem Moment passieren. Gut fünfeinhalb Jahre wachse ich hier auf, als meine knapp zweijährige Schwester Elisabeth, Eli genannt und ich, mitten in der Nacht aus dem Bett gezerrt werden. In aller Hast zieht man uns beide an, jeweils die doppelte, dreifache Ausstattung. Was das jetzt soll? Mir bleibt es vorerst verborgen, doch dass das kein Spiel ist, begreife ich umgehend. In unserem Haus schwirren plötzlich einige Verwandte umher. Tanten und ein Onkel, dazu meine Großmutter und Urgroßmutter, welche beide generell mit uns leben.
Eine schreckliche Hektik breitet sich im Haus aus. Alle weinen, ich verstehe meine kleine Welt nicht mehr. Eingeprömmstd wie ich bin, wird mir zum Überfluss ein voller Rucksack umgehängt. Vollgestopft mit ich weiß nicht was, zieht er mich so nach hinten, dass ich umzukippen drohe. Die kleine Eli steckt man in den Kinderwagen aus Korbgeflecht. Meine Mutter trägt in jeder Hand übervolle Taschen und ebenfalls einen olivfarbenen Rucksack umgeschnallt. Bei meinem Onkel und den Tanten sieht es ähnlich beschwerlich aus.
Mein Vater, als Soldat in Russland eingesetzt, wurde arg verwundet. Etliche Beineinschüsse führen nun dazu, dass man ihn mit anderen Kameraden zu einem Lazarettschiff bringen will, soll die Verwundeten in Krankenhäuser sicherer Regionen transportieren. Mein Vater kann, in diesem Fall zu unserem Glück, sehr bestimmend sein. Er will unbedingt, wohl wissend, wie verheerend es demnächst in der Heimat werden würde, seine Familie in Sicherheit bringen. “Ohne meine Familie reise ich nicht weiter!” Soll er immer gerufen haben. So überredete er die jungen Sanitäter, an unserer alten Haustür anzuhalten. Durch Braunsberg fuhren sie sowieso in diesem Fall. Mein Vater überbringt uns die Nachricht, dass er und die anderen verwundeten Soldaten mit letztem Schiff1 aus dem heftig umkämpften, ostpreußischen Gebiet, Richtung Holstein in Krankenhäuser verbracht werden. Ohne uns will er nicht weiter, so sein Tenor. Wir mögen zu dem Schiff in die Danziger Buchte kommen und erhalten von ihm genaue Details über den Verlauf des Weges. Schneller gesagt als getan. Deswegen also dieser Aufstand und die Eile.
Wem die Geschichte um Ostpreußenf nicht so geläufig, hier ein kurzer Abriss zum besseren Verständnis meiner Anekdoten:
Ostpreußen, im Besonderen die Region um Königsbergg, Heiligenbeilh, Braunsberg, wird in diesen Kriegswochen stark umkämpft. Hier finden die letzten Kampfhandlungen bis zum Ende des Krieges statt. Die Einwohner hält man bis zur letzten Stunde hin, in ihrer Heimat zu verbleiben, sonst würde mit ihnen “kurzer Prozess gemacht”. Russische Soldaten haben die Deutschen eingekesselt, nur ein schmaler Korridor zwischen der russischen Armee und der Frischen Nehrungi bleibt bis zu diesen Tagen übrig.
Der Winter 1944/45 besonders streng, das Haffj bildet eine durchgehend geschlossene, trügerische Eisdecke. Eine schmale Fahrrinne von Elbingk bis Königsberg wird mit Eisbrechern freigehalten. Seit Ende Januar ist der Landweg für Flüchtlingstrecks abgeriegelt und lediglich über die vorgelagerte, schmale Frische Nehrung kann der andere Teil des Deutschen Reiches erlangt werden. Oder, ja, oder man erreicht eines der Schiffe die als Flüchtlings- und Verwundeten-Transporter ab Ende Januar auf Befehl von Admiral Dönitzl eingesetzt werden.
Viele hiervon stellt man allerdings nur für verwundete Soldaten bereit. Einem dieser Rot-Kreuz-Transporter, der “Wilhelm Gustloff”, widerfuhr eines der größten Schiffsunglücke der Menschheit. Torpediert von einem russischen U-Boot, sank die Wilhelm Gustloff mit annähernd 10.000 Unglücklichen nachts 30./31.01.1945. Ebenfalls in der Nacht vom 9./10.02.1945 sank mit rund 4000 Menschen die „Steuben“. Sehr Wenige überlebten diese Katastrophen. Es sind nicht die einzigen und letzten gesunkenen Schiffe dieser Zeit, mit vielen weiteren verlorenen Seelen.
*
Dieser Hintergrund uns wohl bekannt, zumal die Katastrophen vor der eigenen Haustür passierten. Nur wenige Tage später sollen wir auf einem ähnlichen Schiff unsere Fahrt ins Ungewisse antreten?
Von Braunsberg, halbe Stunde mit der Bahn bis Königsberg. Ohne Grenze zwischen den Städten, beide Ortschaften Teil Ostpreußens. Es fahren aber keine Züge oder Bahnen mehr dorthin. Andere Fahrzeuge behält sich das Militär vor. Es wird zu einem guten Teil unser Weg, das rettende Schiff zu erlangen.
So geschieht es, dass wir alle, die Familie, außer meine Ur-Großmutter und Großmutter, aufbrechen in eisiger Kälte und meterhohem Schnee. Die Nacht, 13. Februar, gegen 4:00 Uhr, der Himmel erleuchtet durch Geschosse der Artillerie. Bomber suchen sich erneut Braunsberg als Ziel aus. Dieses Zischen und Pfeifen geht mir nicht mehr aus dem Sinn.
Wenige Tage zuvor, am 25. Januar 45, wurde Braunsberg durch Bomben stark geschädigt. Das überstanden wir zum Glück unverletzt im Keller. Wir blieben in den letzten Wochen meistens nachts angezogen, jeden Moment konnte wieder ein Alarm ausgelöst werden, der uns in das Untergeschoss flüchten ließ. Viele Frauen beteten, manche weinten leise, wir Kinder sollten uns durch Spielen ablenken. Was letztendlich nur bedingt gelang.
Meine Oma bringt es nicht übers Herz ihre betagte Mutter, zwar noch mit anderen
Verwandten zusammenlebend, wie sie aber meint, allein im Haus zu lassen. Meine Uroma, zu schwach die Strapazen dieser „Reise“ zu überstehen, will im Jesuiten-Kloster betreuten Unterschlupf finden. Meine Großmutter solle sie begleiten und darauf gedenkt Omi uns zu folgen. Vor dem Hintergrund, wenn der Krieg vorbei sei, kehrt man wieder in die Heimat zurück und holt seine Verwandten aus dem Kloster ab. Dass ein Abschied für immer daraus resultiert, ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand.
Den vollgepackten Kinderwagen, inklusive meiner Schwester Eli, „darf“ ich natürlich bewegen. So sehr beschwerlich für mich durch den hohen Schnee; alle möglichen Gedanken schwirren in meinem Kopf. Noch nicht weit entfernt von unserer Haustür, fällt mir mein Puppenwagen ein. Der muss unbedingt mit. Der ist doch viel leichter zu schieben!
Sofort das Schwesterchen stehen lassen und zurück zur Wohnung. Natürlich, meine Mutter in Panik, zumal in diesem Moment bei einem Luftangriff Splitter durch die Straße sprengen. Fürchterlich laut das Knallen der Einschläge um uns. Meine erschrockene Mama holt mich zurück, verteilt umgehend eine Watschen, die sich gewaschen hat. Trifft meine Nase, worauf sie sofort blutet. Tränen schießen mir in die Augen, zu allem Überfluss sehe ich jetzt nichts mehr. Das habe ich nun davon!
Der Winter zeigt einmal wieder mit aller Härte, zu was er fähig ist. Diese Nacht, besonders kalt, um die 35° Grad minus, der Schnee häuft sich auf. Unser kleiner Treck zieht ins Ungewisse. Ziel zunächst Richtung Norden, Heiligenbeil ca. 13 km entfernt. Ein Freund der Familie des Schwagers Kascha wohnt dort. Eigentümer eines Lebensmittel-Geschäftes ist er und so gewährt er uns hier Unterschlupf. Fast drei Tage harren wir im Lädchen, ohne größere Vorkommnisse, aus.
Erneut brechen wir in der Nacht, zum Morgen gehend, auf. Ziel diesmal Rosenbergm, am Haff gelegen mit einer kleinen Hafenmole ca. 4 km entfernt. Unsere Gruppe wird größer. Einige Menschen, Unbekannte schließen sich an. Der Morgen graut, Tiefflieger beschießen uns. Das Fortkommen hierdurch erheblich erschwert. Jedes Mal sucht man Deckung im Graben, hinter einem Baum, Busch, oder dergleichen. Dabei verliere ich unbemerkt den Rucksack. Vielleicht wurde er mir auf dem langen Weg auch entwendet, genau kann ich es nicht mehr sagen. Sehr traurig bin ich gewiss nicht, mich leichter Fortbewegen zu können. Zumal mir verborgen blieb, welchen Inhalt der Rucksack besaß. Niemandem fällt es auf.
Mein Cousin Hans, noch nicht erwachsen, welcher uns bis hierhin begleitet, verfällt plötzlich in wilde Panik. „Er könne seine Großeltern, die ihn aufzogen, nicht zurück lassen. Er fühle sich ihnen verpflichtet.“ Die Großeltern, väterliche Seite, wohnen in einer
