In deinen Schuhen - Adora Belle - E-Book

In deinen Schuhen E-Book

Adora Belle

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Beschreibung

Lukas erwartet nicht mehr viel vom Leben, obwohl er erst 24 ist. Sein Problem: er ist fett. Fetter jedenfalls, als man in der schwulen Szene sein darf. Deshalb vergräbt er sich auch lieber in seiner winzigen Wohnung vor dem Computer. Als er sich dann eines Tages doch aufrafft und einen Club besucht, endet das Ganze in einem Desaster aus Demütigung und Spott. Und als wäre das alles noch nicht schlimm genug, begegnet Lukas auf dem anschließenden Heimweg auch noch einem Typen im pinken Glitzerdress und mit blonder Langhaarperücke, der doch tatsächlich hartnäckig behauptet, er wäre (s)eine gute Fee! In bester Feenmanier will er Lukas einen Herzenswunsch erfüllen, aber das, was Lukas schließlich in schierer Verzweiflung von ihm erbittet, zieht weitere Kreise als geahnt ... (Anmerkung der Autorin: Mir ist bewusst, dass viele, durchaus zu Recht, die Bezeichnung "Transe" als abwertend empfinden und deshalb nicht gerne sehen, wenn sie verwendet wird. Im vorliegenden Buch passiert genau das an einigen Stellen, allerdings aus gutem Grund. Ich versuche mich beim Schreiben, insbesondere bei Dialogen oder Gedankengängen der Protagonisten, in sie einzufühlen und ihr jeweiliges Befinden oder ihre Persönlichkeit auch in dem  auszudrücken, was sie denken oder sagen. Und meiner persönlichen Erfahrung nach denkt man häufig genug anders, als man sich - und sei es nur aus Gründen der 'political correctness' - verbal äußert. Wenn also im vorliegenden Buch das oben angeführte Wort verwendet wird, geschieht das nicht abwertend, oder um transsexuelle Menschen zu verunglimpfen. Ich habe mir jedes einzelne Mal die Entscheidung nicht einfach gemacht und bitte daher um Nachsicht!)

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Seitenzahl: 392

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Adora Belle

In deinen Schuhen

Gay Romance

Diesmal widme ich meine Geschichte einem Menschen, der mir sehr wichtig war, der jedoch leider in diesem Jahr - viel zu jung - verstorben ist. Im Vertrauen darauf, dass es für ihn sehr wohl andere Welten gibt, als diese. Und dass es dort hoffentlich ausreichend Nutella und Schokostreusel gibt. Mein Dank geht an Caro Sodar, die wieder einmal ein Cover erstellt hat, das meiner persönlichen Meinung nach, nicht passender hätte sein können! BookRix GmbH & Co. KG80331 München

1.

 

 

 

 

 

Der Club war brechend voll.

Zumindest hatte Lukas diesen Eindruck. Er war allerdings noch nie in einer Diskothek, einem Club oder Ähnlichem gewesen, deshalb hatte er keinen Vergleich. Was für seine Altersgenossen ein Ding der Selbstverständlichkeit war, ausgehen, tanzen, ungezwungen feiern und Leute treffen, war für ihn immer unmöglich gewesen. Er wusste nur zu gut, dass er nicht gerade dem gängigen Schönheitsideal entsprach, hatten ihn seine Schulkameraden doch jahrelang immer wieder nur zu gerne daran erinnert. Er war zwar groß, schleppte dafür aber auch ein beachtliches Gewicht in Form eines deutlich sichtbaren Bauches, kräftiger Schenkel und eines ausladenden Hinterteils mit sich herum, und völlig egal, welche Art von Diät er auch ausprobiert hatte, am Ende war er doch wieder bei seinem Ausgangsgewicht gelandet, oder sogar darüber.

Zu allem Überfluss war er wegen seiner Kurzsichtigkeit auch auf eine Brille angewiesen und Kontaktlinsen kamen wegen einer ausgeprägten Hornhautverkrümmung als Alternative nicht in Frage.

Bislang waren diese Dinge für ihn Grund genug gewesen, um Szenespielplätze, wie eben den Club, in welchem er sich jetzt befand, einen großen Bogen zu machen. Das und die Tatsache, dass er bis vor kurzem noch ungeoutet durchs Leben gewalz... - gegangen war.

Heute Abend hatte er endlich seinen gesamten Mut zusammengekratzt, sich in ein dunkelrotes Hemd und eine schwarze Jeans gezwängt, die zwar am Bauch ein wenig zwickte, ansonsten aber gut passte und sich mit feuchten Händen und weichen Knien auf den Weg gemacht. Mehr als einmal hatte er unterwegs noch umkehren wollen, sich aber immer wieder erfolgreich zum Weitergehen überredet, indem er wie ein Mantra wiederholte, dass wer nicht wagte, auch niemals gewann.

Er war vierundzwanzig, verdammt! Und er hatte es satt, dass die einzigen Kerle, die er jemals nackt zu sehen bekam, diejenigen in irgendwelchen Internetpornos waren!

„Schluss damit!“, befahl er sich in Gedanken. „Mit so einer negativen Einstellung kannst du auch gleich wieder gehen!“

Entschlossen kämpfte er sich zur Bar durch, ignorierte tapfer die teils abschätzenden, teils offen verächtlichen Blicke, die ihn auf dem Weg durchs Gedränge streiften, biss die Zähne aufeinander und bestellte sich schließlich eine Cola light, als er endlich ganz vorne angekommen war. Der gestresste Barkeeper stellte das Gewünschte ohne jeden Kommentar vor ihm ab, kassierte und wandte sich dem nächsten Kunden zu.

Lukas nippte dankbar an seinem Softdrink und wagte erste neugierige Blicke in die Runde.

Männer!

Männer, so weit das Auge reichte!

Große, kleine, schmale, muskulöse, Jungs, die aussahen, als gingen sie noch zur Schule und Kerle, denen das Testosteron buchstäblich aus den Poren zu sickern schien. Schon allein für diesen Anblick hatte es sich doch gelohnt, den inneren Schweinehund besiegt zu haben und hergekommen zu sein!

Lukas machte sich keine Hoffnung, irgendeinen Typen hier soweit beeindrucken zu können, dass er mit ihm in den Darkroom verschwand, dessen Zugang von hier zwar nicht zu sehen war, von welchem er aber aus dem Internet wusste. So realitätsfern war er nun auch wieder nicht.

Abgesehen davon war er sich auch ziemlich sicher, dass er sein allererstes Mal mit einem Mann – sofern das überhaupt jemals passieren würde! - nicht in einem düsteren Raum voller anderer, ebenfalls fickender Kerle erleben wollte. In seinem Herzen war er bei allem Realitätssinn eben doch Romantiker. Dass es mehr als unwahrscheinlich war, dass seine romantischen Wunschträume sich jemals erfüllten, stand dabei auf einem völlig anderen Blatt. Vielleicht, wenn er irgendwann einmal so weit unten angekommen war, dass es ihn nicht mehr juckte, auf welche Art er ein wenig körperliche Zuwendung bekam, würde er es anders sehen, aber noch war es – war er! - nicht soweit.

Vorläufig gab er sich einfach damit zufrieden, hier an der Bar zu sitzen und zu schauen. Die abfälligen Blicke ignorierte er so gut wie möglich und war froh, dass ihm dies wider Erwarten gut gelang.

„Hallo Süßer!“, säuselte ihm plötzlich jemand ins Ohr und er zuckte so heftig zusammen, dass er ein wenig von seiner Cola verschüttete. Er drehte den Kopf und neben ihm stand … ein Adonis!

Der Typ war groß und wirkte trainiert. Sein Sixpack war durch den Stoff des eng sitzenden, weißen Shirts deutlich zu erkennen. Eine blonde Struwwelfrisur und ein Gesicht wie aus einem Katalog für Männermodels vervollständigten das traumhafte Bild. Gerade verzog er die Lippen zu einem breiten Grinsen, doch in seinen strahlend blauen Augen stand dabei ein Ausdruck, den Lukas nur zu gut kannte und unwillkürlich zog er den Kopf ein.

Wenn ihn in der Schule jemand aus der Clique der Coolen und Beliebten so angesehen hatte, war klar gewesen, worauf das hinauslief: maximale Demütigung.

„Ich hab` mich gerade gefragt, ob du ganz allein hier bist!“ Der Blonde beugte sich wegen der lauten Musik ein wenig zu Lukas hinunter und sprach ihm laut ins Ohr. „Meine Kumpel da drüben“, er deutete mit einer Hand auf eine Gruppe junger Männer, die ein Stück entfernt standen und gespannt feixend zu ihnen herüberschauten, „die haben gemeint, dass du sicher schon vergeben und in festen Händen bist.“ Ein taxierender Blick wanderte über Lukas` Körper. „Ich habe ihnen aber gesagt, dass das unwichtig ist! Es gibt doch genug von dir, dass auch mehr als ein Mann damit glücklich werden kann! Richtig?“ Er nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche, die er lässig zwischen die Finger geklemmt hatte und grinste triumphierend in Richtung seiner Freunde, als Lukas auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit vom Hocker glitt.

„Was denn, was denn?“ Der Blonde fasste ihn am Arm. „Willst du etwa schon gehen? Wir haben uns doch gerade erst bekannt gemacht!“

Nun kam einer aus der Gruppe zu ihnen herüber. Auch er war jung und attraktiv, auch er grinste, doch es wirkte mehr wie ein Zähnefletschen.

„Steffen, jetzt komm` endlich wieder rüber! Wie lange willst du noch mit diesem Fettwanst rumspielen?“ Sein Blick war gemein, der Tonfall verächtlich. „Ich frag` mich echt, wieso die so was wie den“, er machte eine Kopfbewegung in Lukas` Richtung, „überhaupt hier reinlassen! Eine Zumutung ist das! Ein Schwabbel wie der parkt seinen Arsch doch am besten vor der Glotze und stopft sich da mit Cola und Chips voll, anstatt anderen Leuten mit seinem Anblick den Feierabend zu vermiesen!“

Der Blonde, der Lukas zuerst angesprochen hatte, lachte laut los, dann packte er seinen Begleiter am Arm und gemeinsam wanderten sie wieder zurück zu ihrer Clique, welche alsbald in der Menge verschwand.

Lukas stand da, wie vom Donner gerührt, seine Füße schwer wie Blei und scheinbar mit dem Boden verwachsen. Einige der Umstehenden, die alles mitbekommen zu haben schienen, kicherten und warfen ihm mehr oder weniger verstohlene Blicke zu. Trotz der lauten Musik glaubte Lukas immer wieder gezischelte Sätze zu verstehen.

„Recht haben die!“ 

„Die fette Sau soll sich verpissen!“ 

„Der arme Kerl!“

„Was will der überhaupt hier?“

„Eher sterbe ich, als dass ich so einen Fettsack anfasse!“ Und dergleichen mehr.

Sein Gesicht fühlte sich heiß an und er wagte nicht, den Blick vom Boden zu heben. Rasch stellte er seine Cola auf dem Tresen ab und kämpfte sich durch die Menge Richtung Ausgang. Je näher der kam, umso schneller drängte Lukas voran und weil er dabei kaum auf seine Umgebung achtete, kam es, wie es kommen musste – er stolperte, über die eigenen Füße, oder die eines Anderen, völlig egal, das Ergebnis blieb dasselbe - und knallte der Länge nach unelegant zu Boden.

Mit einem erstickten „Uff!“, prallte er auf, schlug sich dabei das Kinn an, dass seine Zähne schmerzhaft aufeinander klickten und konnte trotzdem nur daran denken, wie peinlich das jetzt wieder war. Auch das noch! Als ob die erlittene Demütigung noch nicht genug für einen Abend gewesen wäre!

Hastig rappelte er sich wieder hoch, drückte die verrutschte Brille zurück auf die Nase, ignorierte das pochende Kinn und stürmte weiter. Nur raus aus diesem verdammten Club!

Dann war es endlich geschafft, er stand draußen und atmete mit hektischen Zügen die frische Nachtluft ein. Tränen drückten von innen gegen seine Lider, aber er kämpfte dagegen an. Er würde dem Ganzen nicht noch die Krone aufsetzen, indem er jetzt anfing zu heulen! Hier, wo ihn alle, die noch vor dem Club herumlungerten, sehen und auslachen konnten! Heulen konnte er noch genug, wenn er zuhause war, allein, unter seiner Bettdecke, darin hatte er schließlich Übung!

So schnell er konnte, ohne direkt zu rennen, ließ Lukas den Club hinter sich und enterte keine fünf Minuten später eine S-Bahn, die zufällig gerade an der nächsten Haltestelle anhielt und in seine Richtung fuhr. Ohne links oder rechts zu schauen, ging er durch bis ganz nach hinten und drückte sich dort in die äußerste Ecke der Sitzbank.

Während der kurzen Fahrt spulte sich in seinem Kopf die hässliche Szene im Club wieder und wieder ab und mit jedem einzelnen Mal spürte Lukas die Tränen stärker hinter seinen Lidern.

Aber was hatte er denn auch erwartet? Es hatte doch so kommen müssen! Er war doch schon seit seiner Schulzeit immer nur 'der Dicke' gewesen, der 'Moppel', ein 'Tittenkerl', 'Loser' und 'Fettklops'. Er war derjenige mit dem Abo auf unfreiwillige Tauchbäder im Schulklo gewesen, der Schwabbel, der im Sportunterricht immer als Letzter in ein Team gewählt wurde, noch nach dem anderen Jungen mit der dicken Brille. Und nach seinem unfreiwilligen Outing war er dann auch noch 'die Schwuchtel' und 'der perverse Schwanzlutscher' gewesen. Hatte er denn ernsthaft angenommen, nur weil er die Schule jetzt schon eine Weile hinter sich hatte, hätte sich daran etwas geändert? Solche Dinge änderten sich nie!

Er hielt seinen Blick auf den schmutzigen Boden des S-Bahnwaggons gesenkt, doch plötzlich gewahrte er eine Bewegung aus dem Augenwinkel und hob den Kopf. Im nächsten Moment fuhr er erschrocken zusammen, denn vor ihm stand ein junger Mann, den man beim besten Willen nur als extrem tuntig bezeichnen konnte und schaute auf ihn nieder. In diesem Teil der Bahn saßen zur jetzigen Uhrzeit nur noch wenige Leute, aber Lukas hätte sich nicht gewundert, wenn sie ebenso gestarrt hätten, wie er. Seltsamerweise taten sie das jedoch nicht ...

Grund zum Starren hätten sie weiß Gott genug gehabt.

Der schmale Oberkörper des Fremden steckte in einem hauteng anliegenden, pinkfarbenen Spaghettiträgertop, die Beine in ebensolchen glänzenden Leggins, an den Füßen prangten rote, paillettenbesetzte Pumps, die Dorothy im 'Zauberer von Oz' vor Neid hätten erblassen lassen und um die Körpermitte herum bauschte sich tatsächlich ein rosa Tüllröckchen! Das Gesicht, unter einer platinblonden Langhaarperücke, war stark geschminkt, mit langen, falschen Wimpern, dickem Rouge und Glitzerlippenstift.

Noch während Lukas fassungslos seinen Blick über den Kerl wandern ließ, erschien ein Finger mit einem langen, natürlich schrill pink lackierten Nagel, vor seiner Nase.

„Lukas, richtig?“ Die Stimme des Fremden war weich und tiefer als erwartet, ein leichtes, affektiertes Näseln allerdings nicht zu überhören.

„Was?“

Mit einem Aufseufzen schwang die merkwürdige Erscheinung sich neben ihn in die Sitzbank, schwenkte dabei einen silbernen Stab herum, der etwa so lang war wie ihr Unterarm und am Ende einen glitzernden Stern, sowie viele fluffige, pinkfarbene Federn aufwies. Das Ding erinnerte Lukas an die Zauberstäbe, die seine Klassenkameradinnen früher gehabt hatten, wenn sie sich zu Fasching als Feen verkleideten.

Was, um alles in der Welt, sollte das bedeuten? Karneval war lange vorbei. Hielt der Kerl sich etwa wirklich für eine Fee und schleppte deshalb ein Kinderspielzeug mit sich herum? Das würde bedeuten, er war verrückt, potentiell gefährlich und vorsichtshalber rückte Lukas ein Stück von ihm ab. Sein Bedarf an unangenehmen Begegnungen war für einen Abend reichlich gedeckt.

Der Typ war ihm ohnehin suspekt. Schwul zu sein war eine Sache, aber deshalb musste man sich doch keine Frauenfummel anziehen und das Gesicht bemalen, oder? Mal ganz abgesehen davon, dass das Endergebnis in den meisten Fällen einfach nur grauenhaft aussah. - Wie auch hier …

Plötzlich klingelte etwas bei Lukas. Hatte der Kerl ihn eben mit seinem Namen angesprochen? Sein Kopf ruckte herum.

„Hast du gerade meinen Namen gesagt?“, entfuhr es ihm, ehe er sich bremsen konnte. Wenn er sich verhört hatte, dann …

„Aber natürlich, Schätzchen!“, zwitscherte der junge Mann jedoch mit einem breiten Lächeln, als wäre damit alles erklärt. „Du bist Lukas Portner, vierundzwanzig, schwul und – immer noch! - Single, obwohl du dich danach sehnst, endlich einen Partner zu finden und deinen ersten richtigen Sex zu erleben!“ Geziert schlug er sich die Finger vor den Mund und kicherte anzüglich. „Du bist vor fast zwei Jahren zuhause ausgezogen, aber anstatt auszugehen und das Leben zu genießen, verkriechst du dich lieber in deinen vier Wänden und schaust Pornos im Internet. Du liebst deinen Fernseher und deine Playstation, aber du hasst dein Leben. Hab` ich noch was Wichtiges vergessen?“ Lukas klappte die Kinnlade herunter und unwillkürlich schaute er sich um. Waren hier versteckte Kameras installiert? Wurde er gerade publikumswirksam von irgendeinem einfallslosen TV-Format verarscht? Doch er konnte nichts entdecken.

„Woher …“, er räusperte sich, „Woher weißt du so viel über mich?“, wollte er wissen. Die Antwort bestand zunächst in einem weiteren, breiten Lächeln.

„Daaarling“, säuselte der Transvestit und tätschelte ihm die Schulter, „wenn jemand alles – und ich meine wirklich alles! - über dich wissen kann und sollte, dann bin das wohl ich!“ Er warf die blonden Haare in einer affektierten Geste zurück. „Schließlich bin ich deine gute Fee!“

„Meine …“ Weiter kam Lukas nicht. Er starrte den jungen Mann sprachlos an, dann schlug er eine Hand vor den Mund und lachte. Er lachte so sehr, dass es seinen ganzen, massigen Körper erschütterte, ihm Tränen über die feisten Wangen liefen und er die Brille abnehmen musste. Seinem Gegenüber schien das nicht zu gefallen, der säuerlichen Miene nach zu urteilen, aber selbst wenn Lukas gewollt hätte, er war nicht in der Lage mit Lachen aufzuhören. Noch nicht mal, als ihm bewusst wurde, dass die übrigen Fahrgäste, welche die Anwesenheit des seltsamen Kerls geflissentlich ignoriert hatten, ihn nun sehr wohl anstarrten, gerade so, als wäre er nicht ganz dicht …

„Mich würde schon interessieren, was daran nun so wahnsinnig witzig ist!“, fauchte seine selbsternannte gute Fee pikiert und zupfte ihr Tüllröckchen zurecht. Diese Äußerung schürte jedoch nur noch mehr Lukas Heiterkeitsausbruch.

„Was daran …“ Er prustete förmlich und seine Seiten begannen zu schmerzen. Doch ebenso plötzlich wie der Lachanfall begonnen hatte, flaute er auch wieder ab und stattdessen wallte Ärger in ihm hoch. Er wischte sich mit den Fingern die letzten Lachtränen ab, setzte die Brille wieder auf und fasste den Kerl neben sich ins Auge. „Pass` mal auf, du Spinner!“, sagte er, „Ich weiß, dass ich fett bin. Ich weiß, dass ich als fetter Schwuler für manche schon so was bin wie ein Freak! Und auch wenn ich keine Ahnung hab`, was du hier für ein krankes Spielchen mit mir abzuziehen versuchst, oder woher du das alles über mich weißt – such` dir jemand anderen dafür! Ich hatte meine Dosis Gemeinheiten für heute schon und könnte nicht garantieren, dass ich nicht irgendwas wahnsinnig Dummes tue, wenn du mir weiter auf den Sack gehst, kapiert?“

Lukas war selbst erstaunt über seine neugewonnene Chuzpe, wartete aber keine Erwiderung ab, sondern stand auf, drängte sich an dem Typen vorbei und steuerte die nächste Tür an. Zum Glück näherten sie sich gerade der Haltestelle, an der er aussteigen musste und entschlossen drehte er dem Kerl den Rücken zu, während er wartete, dass die Bahn hielt. Hoffentlich kam der Arsch ihm nicht noch hinterher!

Endlich glitt die Tür vor ihm auf und er sprang regelrecht ins Freie, hastete den Bahnsteig entlang und – stoppte abrupt, weil an dessen Ende wieder die Transe auf ihn wartete, beide Arme vor der schmalen Brust verschränkt und ungeduldig mit einem Fuß auf den Boden tippend.

„Über deine Manieren müssen wir jedenfalls noch sprechen, junger Mann!“

Lukas sah über seine Schulter zurück zur soeben anfahrenden Bahn, deutete verwirrt mit dem Daumen und sah schließlich wieder den rosafarbenen Alptraum vor sich an.

„Wie bist du …?“ Ein Augenrollen war die Antwort, dann trat die selbsternannte Fee vor und klapste ihm den Zauberstab kräftig gegen die Wange. „Aua! Was …?“

„Klappe!“, befahl sie und seufzte dann genervt. „Meine Güte! Ich habe dir doch eben erklärt, dass ich deine gute Fee bin! Oder bist du irgendwie schwerhörig, oder begriffsstutzig oder so?“ Lukas schüttelte stumm den Kopf. „Na also! - Dann stell` nicht so dämliche Fragen!“ Jetzt lächelte sie wieder und breitete die Arme in einer tänzelnden Geste aus. „Ich bin gekommen, um dir dein Leben zu versüßen! Soll heißen: du hast einen Wunsch frei! Ganz egal was – ich brauche nur mit meinem Zauberstab zu winken und alles ist möglich! … Naja, fast alles!“ Sie wölbte auffordernd die Brauen. Lukas jedoch machte einen Schritt rückwärts und schüttelte den Kopf, während er abwehrend die Hände hob.

„Ich hab` zwar keine Ahnung, was du eingeworfen hast, Kumpel, aber da hinten an der Ecke gibt`s einen Seelenklempner, den solltest du vielleicht mal besuchen! Ich wette, der kann eine gute Fee dringend in seinem Sortiment brauchen!“ Damit machte er Anstalten, den zuckerwattefarbenen Kerl stehen zu lassen, doch der gab sich noch immer nicht geschlagen.

„Meine Güte – aber ich bin ja auch selber schuld! Ich bin ein verdammter Idiot!“, hörte er ihn leise vor sich hin murmeln. „Ich bin gut und ganz oben weiß man das auch! Sie haben mir die Wahl gelassen! Ich hätte die neue Cinderella haben können! Oder einen der Kandidaten aus dieser Talentshow! Und was mache ich stattdessen? Ich entscheide mich doch tatsächlich aus Mitleid für den fetten Freak! Kein Wunder, dass …“

Wie von der Tarantel gestochen fuhr Lukas herum. Wut färbte sein Blickfeld rot, schaltete sein Denken aus und er ballte die Faust.

„Ich brauche dein Mitleid nicht und – Ich! Bin! Kein! Verdammter! Freak!“, brüllte er.

Und dann saß seine angebliche gute Fee auf dem Boden, hielt sich eine Hand vors Gesicht, aus der es rot tropfte und Lukas` Fingerknöchel schmerzten. Der Rest fehlte ihm irgendwie.

Verdutzt starrte er seine Faust an und dann auf die Transe. Hatte er ihr etwa eine reingehauen?

„Erm … das … also, das … tut mir …“ Er fing sich einen tränenverschleierten Blick ein.

„Sch`n g`t – b`n ja selb`t sch`ld!“, nuschelte der Verletzte, nahm vorsichtig die Hand weg und betastete seine blutende Nase. Als Nächstes zog er von irgendwoher ein – natürlich in glitzerndem Pink gehaltenes – lächerlich kleines Handtäschchen hervor, knipste es auf und brachte nach einigem Wühlen ein duftiges, weißes Taschentuch zum Vorschein, mit dem er sich vorsichtig das Blut abwischte. Er verzog das Gesicht, lächelte aber gleich darauf etwas schief und rappelte sich hoch. „Ist nicht gebrochen, wie`s scheint“, meinte er, holte aus und im nächsten Moment verpasste er Lukas eine Backpfeife, die sich gewaschen hatte. „Und damit wären wir quitt! So!“ Er atmete tief durch, schniefte noch einmal und drückte sich eine Hand ins Kreuz. Wieder kam das Handtäschchen zum Einsatz. Diesmal war es eine silberne Puderdose, die er daraus hervorzauberte. Sorgfältig musterte er sich in dem kleinen Spiegel, welcher im Deckel integriert war und besserte sein Make up mit routinierten Bewegungen aus. Schließlich schien er zufrieden, klappte die Puderdose zu und verstaute sie wieder, ehe er sich erneut Lukas zuwandte.

„So, und jetzt nochmal langsam und von vorne: Ich! Bin! Deine! Verdammte! Gute! Fee! - Ob es dir nun passt oder nicht! Und du wirst dir jetzt gefälligst was von mir wünschen, damit ich endlich von hier verschwinden kann! Klar?“ Er hatte während seiner Ansprache immer wieder mit einem Finger gegen Lukas` Brust getippt, um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen. „Also?“, schloss er und warf mit einem tiefen Atemzug erneut seine blonde Haarpracht zurück.

„Was also?“

„Na, dein Wunsch, Honey! - Meine Güte!“

Lukas war aber noch immer völlig überfordert vom Geschehen. Ihm schwirrte regelrecht der Kopf. Zwar glaubte er kein einziges Wort und war nach wie vor überzeugt davon, es mit einem Irren zu tun zu haben, aber er hatte keine Lust, sich noch weiter auf irgendwelche Diskussionen mit dem Typen einzulassen. Wie es aussah wurde er ihn nicht so einfach wieder los. Was also tun? Wegrennen?

Er wollte schon einen neuerlichen Fluchtversuch starten, da kam ihm plötzlich der Gedanke, dass er ja vielleicht nur einen Wunsch zu äußern brauchte, um ihn loszuwerden? Ein Versuch konnte sicher nicht schaden, oder? Das war doch einfacher, als sich mit dem Spinner womöglich ein Wettrennen zu liefern, dass er am Ende mit einiger Wahrscheinlichkeit sowieso verlor?

„Du meinst also, ich kann mir irgendwas wünschen – egal was – und dann bin ich dich los?“, vergewisserte er sich. Der Transvestit nickte, machte aber gleich darauf eine Einschränkung.

„Naja – streng genommen kann ich nicht jeden Wunsch erfüllen, eher so … sagen wir 98%. Ich kann niemanden von den Toten zurückholen und ich kann niemanden dazu bringen, sich in dich zu verlieben. Ansonsten steht dir so ziemlich alles offen!“ Er strahlte wieder. „Also raus damit! Welchen Wunsch, der bis jetzt in den Tiefen deiner Seele geschlummert hat, darf ich für dich wahr werden lassen?“ Lukas blinzelte leicht verwirrt. Ein Wunsch aus den Tiefen seiner Seele? Er schüttelte den Kopf. So ein Unsinn!

„Wie wäre es dann mit … einem Burger? Jetzt gleich und hier?“, sagte er aufs Geratewohl, doch sein Gegenüber schnaubte nur abfällig.

„Das ist doch wohl nicht dein Ernst! Ein Burger? Kommt ja gar nicht in Frage!“ Offensichtlich gekränkt kreuzte er seine Arme vor der Brust und reckte das Kinn angriffslustig in die Höhe.

„Und was ist an einem Burger nicht in Ordnung? Was, wenn ich zufällig Hunger habe?“, protestierte Lukas.

„Erstens ist ein Burger hier und jetzt überhaupt keine Herausforderung, mein Lieber! Sieh dich um! Hier gibt`s an jeder Ecke irgendwas zu essen, da braucht man keine gute Fee! - Was denkst du denn, was meine Kolleginnen sagen, wenn ich ihnen erzähle, dass ich meinem Schützling was zu essen gebracht habe? Die werden mich auslachen! Ich kann mich nirgends mehr blicken lassen! Und zweitens – meinst du, es wäre wirklich so eine gute Idee, wenn du dir noch mehr Fast Food reinstopfst?“ Er machte eine beredte Geste mit der Hand, die Lukas` üppige Körperform nachzuzeichnen versuchte, warf dann seine dünnen, nackten Arme in die Luft und trippelte auf klackernden Pfennigabsätzen hin und her. „Tss! Ein Burger! - So eine Schande!“, klagte er, „Ich verliere mein Gesicht! Von meinem guten Ruf ganz zu schweigen!“

„Schon gut! Schon gut!“, bemühte sich Lukas, ihn zu beschwichtigen. Es waren zwar nicht mehr viele Passanten unterwegs, aber die wenigen, die zu sehen waren, warfen ihm bereits schräge Blicke zu. „Dann denk` ich mir halt was anderes aus, okay? Nur mach` hier nicht so ´nen Aufriss!“ Der Kerl im pinken Dress wölbte die Brauen.„Na dann? Worauf wartest du noch?“ Lukas überlegte fieberhaft. Mit etwas ähnlich Simplem wie dem eben verlangten Burger, wollte er es nicht noch einmal versuchen. Nicht auszudenken, wenn der Typ hier womöglich völlig ausrastete, so locker wie bei dem die Schrauben im Oberstübchen offenbar saßen! Andererseits mochte er aber auch keinen seiner wirklichen Herzenswünsche preisgeben. Die gingen niemanden was an, schon gar nicht eine durchgeknallte Transe, die sich für eine gute Fee hielt!

Plötzlich hatte er eine Eingebung.

„Hey! Ich weiß was!“, rief er erleichtert.

„Na, jetzt bin ich aber gespannt!“ Sein Gegenüber wirkte skeptisch. „Hoffentlich ist es diesmal wenigstens ein bisschen anspruchsvoller und vernünftiger!“ Lukas grinste.

„Darauf kannst du wetten!“, nickte er. „Also, pass auf! Ich hatte da heute Abend ein etwas … unschönes Erlebnis mit so einem Typen …“

„Ich weiß, Darling, komm` zur Sache, ja?“, unterbrach ihn die Transe ungeduldig.

„Dann fall` mir nicht ins Wort, sondern hör´ zu! - Also! Wie gesagt, da war dieser Typ, in dem Club, also der war schon ziemlich heiß, wenn du verstehst, was ich meine. Aber sein Charakter …“ Verlegen senkte Lukas den Blick. „Naja, also, der hat mich jedenfalls ziemlich fertig gemacht und … tja, ich fände es nur angemessen, wenn der mal am eigenen Leib erleben müsste, wie sich das anfühlt, wenn einen andere Menschen mies behandeln, nur weil man … naja, eben fett ist! Mal eine Zeitlang in meinen Schuhen stecken, sozusagen. - Und? Kriegst du das hin?“ Der junge Mann im Tüllrock blinzelte ungläubig.

„Ist das dein Ernst?“, wollte er wissen.

„Natürlich!“, bestätigte Lukas. „Oder hast du da auch was dagegen! Ist das immer noch nicht anspruchsvoll genug? - Oder vielleicht sogar zu schwierig?“, schloss er lauernd. Entrüstet schüttelte die Transe den Kopf.

„Zu schwierig? Bei dir piept`s wohl, Schätzchen! - Ich dachte nur, du wünschst dir vielleicht eher, dass du … naja … erm, wie soll ich sagen?“ Sie wedelte erneut mit den Händen und der kapierte rasch.

„Ach, du meinst, ob ich mir nicht lieber wünsche, selber schlank zu sein?“ Er grinste schief. „Nee, lass mal! Das … ist schon okay, so wie es ist!“

„Sicher?“ Die dick mit Kajal umrandeten Augen schauten fragend. Lukas schluckte. Natürlich – er würde seine Seele verkaufen, wenn er dafür schlank und attraktiv sein könnte, aber er würde den Teufel tun und sich ausgerechnet vor diesem Spinner eine Blöße geben!

„Du hast mich doch gehört, oder nicht?“

„Okay, okay! - Dann also auf deine eigene Verantwortung!“

2.

 

 

 

 

 

 

Keuchend fuhr Lukas in seinem Bett hoch, im ersten Moment verwundert, dass er allein war. Der Traum war so verdammt realistisch gewesen!

Er rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. Wie kam sein Gehirn bloß auf sowas! Eine pinkfarbene Transen-Fee? Fast hätte er gelacht. Doch dann fiel ihm das Debakel im Club vom Vorabend wieder ein und er hatte spontan einen bitteren Geschmack im Mund.

Wie war er eigentlich anschließend nach Hause gekommen? Seine Erinnerung riss irgendwo nach Verlassen des Clubs und vor dem Erreichen der S-Bahn-Haltestelle ab. Er hatte doch nur Cola getrunken? Ob ihm jemand da was reingeschüttet hatte? K.o.-Tropfen oder sowas?

Er schnaubte unfroh. Der Gedanke war nun wirklich reichlich abstrus. Wer hätte ein Interesse daran haben sollen, ausgerechnet ihn willenlos zu machen?

Oder hatte womöglich dieser Sonnyboy, der sich zusammen mit seinen Freunden über ihn lustig gemacht hatte, was damit zu tun? Quasi um der Demütigung noch ein Sahnehäubchen zu verpassen?

Lukas zuckte die Achseln. Was oder wer auch immer schuld war an seinen Erinnerungslücken, zumindest hatte er es mit heiler Haut bis nach Hause in seine Wohnung geschafft – abgesehen von der Stelle an seinem Kinn, wo er bei seinem Sturz aufgeschlagen war. Und weitere Clubbesuche hatten sich für die Zukunft erst mal erledigt, so viel stand fest.

Er stemmte sich hoch, trottete ins Badezimmer, entleerte seine Blase und anschließend stopfte er sich lustlos zwei Scheiben trockenen Toast als Frühstück in den Mund. Dabei fiel sein Blick auf den Radiowecker, denn in seinem Ein-Zimmer-Appartement fungierte die Küche gleichzeitig als Wohn- und Schlafzimmer.

Im nächsten Moment stieß er einen saftigen Fluch aus. Er hatte verschlafen! Es war bereits kurz vor halb zehn und in fünfundvierzig Minuten hatte er einen Vorstellungstermin! Mist! Eigentlich hatte er um acht Uhr aufstehen, in Ruhe frühstücken und sich mental darauf vorbereiten wollen! Daraus wurde nun wohl nichts.

Hastig zwang er den Rest des trockenen Brotes in seinen Mund, während er bereits zurück ins Bad und unter die Dusche stürmte. Anschließend putzte er sorgfältig die Zähne, streifte eine saubere Hose und ein weißes Poloshirt über und prüfte noch einmal seinen Atem mit Hilfe der hohlen Hand. Danach noch einmal rasch mit dem Kamm durch die feuchten Haare fahren und er war abmarschbereit. Er kontrollierte sein Aussehen im Badezimmerspiegel und fand nichts auszusetzen, außer vielleicht der blaue Fleck am Kinn, aber daran ließ sich nun nichts mehr ändern. Auf in den Kampf!

 

 

☛ ♥ ☚

 

 

Gute drei Stunden später sperrte er seine Wohnungstür wieder auf, ließ sich auf sein ungemachtes Bett fallen und konnte kaum fassen, dass es tatsächlich geklappt hatte! Er hatte die Stelle bekommen!

Nicht dass es sich um eine Arbeit handelte, für die man einen Universitätsabschluss brauchte, oder wo man Unmengen verdiente, aber es war die erste Arbeitsstelle, die er sich selbständig gesucht hatte, ohne dass irgendjemand ihm geholfen hätte! Und so übel war sein zukünftiges Einkommen nun auch wieder nicht.

Lukas war gelernter Fachinformatiker, spezialisiert auf Anwendungsentwicklung. Mit anderen Worten, er verstand sich darauf, Programme und Anwendungen zu programmieren, welche die verschiedensten, von etwaigen Kunden verlangte Funktionen erfüllen sollten. Das klang unspannend, aber Lukas konnte sich darin verlieren.

Seine Eltern hätten es zwar gerne gesehen, wenn er Abitur gemacht und studiert hätte, wie sein älterer Bruder, aber dafür waren seine Zensuren, wenn auch nicht wirklich schlecht, dann doch nicht gut genug gewesen. Er hatte dementsprechend nach der zehnten Klasse die einzig sinnvolle Konsequenz daraus gezogen, das Gymnasium verlassen und eine Ausbildung begonnen. Kundenkontakt war zwar nicht gerade seine besondere Stärke, aber wenn er erst mal hinter dem Monitor saß, die Wünsche der Klienten umzusetzen versuchte und sich dabei in ein Problem verbiss, konnte er Zeit und Umgebung völlig vergessen.

Nach der Ausbildung hatte er bis vor einem Jahr in der Firma bleiben können, wo er den Beruf erlernt hatte. Dann jedoch war der Seniorchef plötzlich verstorben und der Nachfolger hatte es in Rekordzeit geschafft, das Unternehmen zugrunde zu richten, sodass er schließlich Insolvenz anmelden musste. Seitdem war Lukas arbeitslos und trotz eifriger Suche war es ein wahrer Glücksfall, als er in der Zeitung eine Annonce fand, wo eine ortsansässige Firma einen Informatiker suchte. Er hatte sofort telefonisch nachgefragt, sich dann auch schriftlich beworben und war praktisch umgehend zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden.

Bei diesem Termin am heutigen Vormittag hatten er und die beiden anderen Bewerber am Computer eine kurze Kostprobe ihres Könnens abliefern müssen. Lukas` Fähigkeiten hatten den größten Anklang gefunden, obwohl er regelrecht Blut und Wasser geschwitzt hatte, weil er dabei von sechs kritischen Augenpaaren gemustert wurde. Es hatte trotzdem geklappt und damit war es nun beschlossene Sache, dass er in rund drei Wochen, also ab dem nächsten Monatsersten, Programme und Anwendungen für die IT-Abteilung eines Pharmakonzerns entwickeln würde. Ein verdammt gutes Gefühl, allerdings war ihm auch etwas mulmig zumute.

Er sorgte sich, ob und wie er mit den neuen Kollegen zurechtkommen würde. Würden sie ihn freundlich aufnehmen, oder sich über ihn lustig machen? Aber es half ja alles nichts. Er brauchte eine Anstellung und laut der Stellenbeschreibung seines zukünftigen Arbeitgebers, würde er ohnehin die meiste Zeit im Büro sitzen, wo er Konzepte ausarbeitete und Wünsche der Marketingabteilung umsetzte. Mit dem übrigen Anteil der Belegschaft brauchte er nur selten direkt zusammen zu arbeiten, etwa, wenn es Probleme bei der Umsetzung eines Konzepts gab, oder Ähnliches. Es würde schon funktionieren …

Ein Gutes hatte die ganze Sache jedenfalls schon mal – der unglücklich ausgegangene Clubbesuch und die rosa Transenfee würden darüber sicher bald in Vergessenheit geraten.

3.

 

 

 

 

 

Drei Monate später hatte Lukas die Episode tatsächlich so gut wie vergessen, wurde dann aber geradezu schlagartig daran erinnert. Und das kam so …

Nachdem er seine neue Arbeitsstelle angetreten hatte, war es ihm rasch gelungen, sich einzuarbeiten. Der Job machte Spaß und auch die Kollegen mit denen er persönlich zu tun hatte, waren freundlich und umgänglich. Lukas` Kreativität blühte förmlich auf und seine Arbeitsweise wurde immer selbstsicherer.

Eigentlich war dies für ihn ein regelrechter Traumjob: er befasste sich den ganzen Tag über mit Computerprogrammen und Systemanwendungen, entwickelte Problemlösungen und Strategien und wurde für das Ganze – zumindest für sein Gefühl - auch noch fürstlich bezahlt!

Dann jedoch kam eine Anfrage aus der Marketing-Abteilung des Konzerns, mit der Bitte um eine Schulung einiger Mitarbeiter. Hintergrund war ein neues Programm, an welchem Lukas` maßgeblich mitgewirkt hatte und die Tatsache, dass die Kollegin, die normalerweise für diese Art Schulungen zuständig war, vor einer Woche in Mutterschaftsurlaub gegangen war. Und nun fiel die Aufgabe ausgerechnet an Lukas, weil er der Einzige war, der sich ausreichend mit dem fraglichen Programm auskannte.

Er verfiel beinah in Schockstarre, als er davon hörte, traute sich aber nicht, zu widersprechen. Immerhin war er noch nicht lange da und wollte nicht riskieren, unangenehm aufzufallen.

Tjorben, der Kollege, mit dem er sich ein Büro teilte, versuchte ihm Mut zuzusprechen, als er merkte, was mit Lukas los war, indem er ihm tröstend versicherte, dass das alles nur halb so wild sei. Außerdem wären es ja nur eine Handvoll Mitarbeiter, mit denen er zu tun haben würde und kein ganzer Saal.

Das machte es nur leider nicht besser. Als es schließlich soweit war und Lukas vor der Tür des Schulungsraumes stand, glaubte er, nur noch aus Amok laufenden Schweißdrüsen, rasendem Puls und wabbeligen Beinen zu bestehen. Sein Kopf dagegen war völlig leer. Aber es half nichts, er musste in die Höhle des Löwen, ob er wollte oder nicht.

Nach einem letzten tiefen Durchatmen und dem krampfhaften Versuch, den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken, drückte er die Klinke und öffnete die Tür.

Eine fröhliche Unterhaltung empfing ihn, die jedoch erstarb, als er den Raum betrat. Sein Blick wanderte hektisch durch den Raum, tastete die Anwesenden ab und suchte dann seinen eigenen Platz.

Ganz vorne, daneben ein Whiteboard und ein Beamer. Lukas schluckte.

Rasch eilte er durchs Zimmer, mied dabei den Blick der Anwesenden und registrierte die Schweißperlen, die ihm aus dem Haaransatz rannen. Vermutlich würde es nicht lange dauern, und unter seinen Achseln entstünden deutlich sichtbare Flecken …

Mit einer fahrigen Handbewegung wischte er sich übers Gesicht, parkte seine Unterlagen auf dem Tisch und richtete sich entschlossen auf.

„Also …“ Jedes weitere Wort blieb ihm im Hals stecken, als sein Blick auf ein Gesicht in der zweiten Stuhlreihe fiel. Fast wie in einer Schule standen vier Tischreihen, bestehend aus jeweils drei einzelnen Tischen, hintereinander und an jedem saß ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin, den firmeneigenen Laptop vor sich. Allesamt adrett gekleidet, nett anzusehen und pure Kompetenz ausstrahlend – eben typische Mitarbeiter der Marketingabteilung. Bis auf eine Ausnahme – und die starrte Lukas jetzt fassungslos an.

Das war doch dieser Adonis, der ihn vor Wochen in dem Club so fies angemacht und vorgeführt hatte, oder? Lukas erinnerte sich an das attraktive Gesicht, als wäre es gestern gewesen. Allerdings hatte der zugehörige Kerl sich ziemlich verändert. War er damals noch rank und schlank gewesen, mit deutlich sichtbarem Sixpack, wirkte er nun – naja, irgendwie schwammig?

Ein besseres Wort fiel Lukas nicht dafür ein. Er war nicht so dick wie Lukas, bei weitem nicht, aber seine ehemals atemberaubende Figur verbarg sich nun unter einer deutlich sichtbaren Fettschicht. Die Konturen des Gesichts wirkten leicht verwaschen, das Hemd spannte sichtlich um die Leibesmitte und auch das Jackett schien eindeutig aus schlankeren Zeiten zu stammen.

Trotzdem bestand kaum ein Zweifel, dass er es war. Die auffälligen blauen Augen waren unverkennbar und als ihn jetzt noch der Kollege vom Nachbartisch hämisch grinsend anstieß und mit einer Kopfbewegung zu Lukas hin meinte:

„Na, Steffen? Wie`s scheint, wirkst du immer noch unwiderstehlich auf die Kerle, auch wenn du neuerdings unter die 'Fetteln' gegangen bist? Der Kerl sabbert ja gleich!“, war dieser sich sicher – er war es! 'Steffen' hatte ihn auch sein Kumpel im Club genannt. Er zeigte allerdings kein Anzeichen des Wiedererkennens, worüber Lukas heilfroh war.

„Ha ha! Sehr witzig, Ben!“ Der Blonde hatte sich halb zu seinem Kollegen umgedreht und zog eine misslaunige Grimasse, wandte sich dann wieder nach vorn und kniff die Lippen zusammen. Lukas wurde sich der fragenden Blicke bewusst und räusperte sich.

„Ja, … erm, also … wie Sie wissen, soll ich Ihnen … heute die … neue Bestellsoftware … nahebringen und … erm …“ Natürlich hatte er sich im Vorfeld lange und gründlich überlegt, was er sagen wollte und sich sogar stichpunktartige Notizen dazu gemacht, nur leider hatte ihn das unerwartete Zusammentreffen mit dem Typen, dem er die schlimmste Demütigung der letzten Jahre verdankte, völlig aus dem Konzept gebracht. Darum stotterte er eine Weile konfus herum, ehe er sich besann und die Karteikarten mit seinen Notizen aus dem Stapel Unterlagen zog. Von da an lief es etwas besser, allerdings bei weitem nicht so, wie er es sich erhofft hatte. Und schon in seiner Vorstellung war das Ganze mehr oder weniger eine Katastrophe gewesen.

Immer wieder wurde sein Blick von Steffen angezogen, wie der stirnrunzelnd vor seinem Laptop saß und Lukas` reichlich konfuse Anweisungen umzusetzen versuchte. Er war heilfroh und völlig durchgeschwitzt, als es Zeit war für die Mittagspause.

Miteinander murmelnd und schwatzend verzogen sich die Marketingmitarbeiter in Richtung Kantine und Lukas blieb total geschafft an seinem Platz sitzen, stützte den Kopf in beide Hände und stieß den Atem aus.

„Du hast das noch nicht oft gemacht, oder?“ Die Stimme kam von der Tür und erschrocken hob Lukas den Kopf. Und da stand er – ausgerechnet der Mann, den er in diesem Augenblick am allerwenigsten von allen sehen wollte: Steffen!

„Erm …“, stammelte er und brach neuerlich in Schweiß aus.

„Keine Panik“, grinste der Andere und kam näher. „Ich bin nur nochmal zurückgekommen, weil ich mein Handy liegen gelassen habe. Bin also gleich wieder weg!“ Mit diesen Worten stapfte er quer durch den Raum zu seinem Platz, schnappte sich das dort liegende Mobiltelefon und verschwand mit einem lässigen Winken.

Lukas starrte ihm hinterher und verfluchte zum ungezählten Mal sein Leben. Wieso konnte eigentlich bei ihm nicht mal eine einzige Sache glatt laufen? Warum musste er diesem Kerl ausgerechnet an seiner neuen Arbeitsstelle wieder begegnen?

Er verdrehte die Augen, sank rückwärts gegen die Stuhllehne und murmelte: „Gebt`s zu, ihr da oben – irgendwer von euch hasst mich!“, während er zur Decke blickte.

Die viel drängendere Frage war für ihn jedoch, warum dieser Steffen plötzlich so viel an Gewicht zugelegt hatte. Natürlich erinnerte sich Lukas an die pinkfarbene Transenfee aus seinem Alptraum, den er nach dem unseligen Clubbesuch gehabt und auch an den Wunsch, den er ihr gegenüber geäußert hatte hatte, aber … das war schließlich nur ein Traum gewesen!

Trotzdem beunruhigte ihn die Tatsache, dass aus irgendeinem Grund genau das eingetreten war, was er sich bei der selbsternannten Fee in seinem Traum für diesen Steffen gewünscht hatte. Irgendwie war das ein bisschen viel Zufall, oder? Aber wenn das kein reiner Zufall war, hieß das dann, er, Lukas, war irgendwie dafür verantwortlich?

Unwillig schüttelte er den Kopf. Was dachte er denn da? Natürlich war das ein Zufall und er in keinster Weise verantwortlich! So ein Unsinn! Feen gab es nicht, pinkfarbene Transenfeen schon gleich gar nicht und das Ganze war nichts weiter gewesen, als ein übler Traum!

So weit sein logischer Verstand. Der konnte allerdings nicht verhindern, dass auch nach der Mittagspause Lukas` Gedanken ständig abschweiften und sein Blick weiterhin magisch von Steffen angezogen wurde. Seiner Konzentration war das natürlich nicht gerade zuträglich und als um sechzehn Uhr die Schulung zu Ende war, war Lukas heilfroh, es mit heiler Haut überstanden zu haben. Allerdings mochte er sich gar nicht ausmalen, was die „geschulten“ Mitarbeiter wohl über ihn und die Qualität seiner „Schulung“ herumerzählen würden …

Andererseits würde das vielleicht dazu beitragen, dass in Zukunft jemand Anderer mit dieser Art Aufgaben betraut wurde und das wäre ja nicht so übel, sondern im Gegenteil eine immense Erleichterung für ihn.

Seufzend packte Lukas seine Sachen zusammen und verließ den Schulungsraum. Er brachte alles zurück in sein Büro, wo ihn Tjorben mit mitleidigem Blick empfing.

„Na? Hast du es überstanden?“ Lukas nickte stumm und verstaute alles in seinem Schreibtisch, ließ sich dann auf seinen Stuhl fallen und stieß den Atem aus. „So schlimm?“ Tjorben lächelte mitfühlend.

„Schlimmer“, erwiderte Lukas. Plötzlich fühlte er sich knochentief erschöpft und war sich nicht einmal mehr sicher, ob er sich aufraffen konnte, den Heimweg anzutreten.

„Ach was! Mach` dir nichts draus! Diese Fuzzis aus dem Marketing denken halt immer alle, sie wären die Größten und Besten und das lassen sie auch jeden spüren, mit dem sie zu tun haben!“ Tjorben winkte ab. „Gehört wahrscheinlich dazu, wenn man in dem Metier erfolgreich sein will.“ Er überlegte kurz. „Es gibt allerdings ein paar hier in der Firma, die sind einfach von Haus aus echte Arschlöcher! So Typen, die nach oben buckeln und nach unten treten, weißt du? Wenn ich da an diesen Holzhausen denke, oder die Trittin!“ Er schnaubte und Lukas sah hoch.

„Hast du viele solcher Schulungen gemacht?“, wollte er wissen. Sein Gegenüber schüttelte den Kopf.

„Nö. Nur mal ein paar, als Urlaubsvertretung oder so. Ich war jedes Mal froh, wenn es nicht im Verkauf war! Dieser Steffen Holzhausen …“, er verzog das Gesicht, „der ist schon eine Marke für sich! Sowas von einem arroganten Arschloch! Der ist stockschwul und macht auch keinen Hehl daraus. Ich meine, nicht dass mich das stört – solange er mich in Frieden lässt …“ Tjorben grinste und redete weiter: „Früher, wenn der mittags in der Kantine saß, mit seinem Fanclub, dann hat die halbe Belegschaft mitbekommen, wen er alles wie gevögelt hat und so. Er hat`s förmlich drauf angelegt, dass alle hören, was für ein toller Hecht er ist und wie scharf alle auf ihn sind und so weiter. Aber damit ist es momentan wohl ziemlich vorbei!“

Bei der Erwähnung des Namens „Steffen“ war Lukas hellhörig geworden.

„Was? Wieso?“, hakte er nach. Tjorben lachte abschätzig.

„Keine Ahnung“, erwiderte er. „Jedenfalls sitzt er momentan meistens alleine an seinem Tisch in der Kantine. Vielleicht stehen die Schwuchteln ja nicht so drauf, sich von jemandem flachlegen zu lassen, der aus seiner Hose platzt?“ Im nächsten Moment erstarb das Grinsen auf dem Gesicht von Lukas` Kollegen, als dem wohl bewusst wurde, was er da gesagt hatte. „Also, … ich meine … nicht dass du jetzt denkst … das ist … ähm … “

„Schon okay“, beschwichtigte ihn Lukas, auch wenn es ihn in der Kehle dabei würgte.

„Naja, ich wollte damit ja auch nur sagen, dass du dir von Typen wie dem Holzhausen nicht ans Bein pinkeln lassen musst! Mag ja sein, dass er früher mal ein heißer Typ war und noch dazu ein Ass im Verkauf ist, aber von dem was wir hier machen, hat er trotzdem so wenig Ahnung wie eine Kuh vom Eierlegen! All seine tollen Verkaufserfolge wären ohne unsere Arbeit gar nicht möglich! So muss man das sehen!“

Damit schien das Thema für Tjorben dann auch erledigt zu sein und kurz darauf verabschiedete er sich in den Feierabend. Lukas blieb noch einen Moment sitzen, raffte sich dann aber ebenfalls auf und machte sich auf den Heimweg.

Da hatte er, ohne zu fragen, einiges an Informationen über diesen Steffen bekommen und obwohl er es eigentlich gar nicht wollte, beschäftigte er sich doch im Geist damit, bis er Stunden später zu Bett ging.  

4.

 

 

 

 

 

Die Tage reihten sich weiter aneinander, fügten sich zu Wochen und schließlich zu Monaten, ohne dass Lukas mehr von Steffen zu Gesicht bekam, als hier und da einen flüchtigen Blick aus der Ferne auf ihn. Aber das war kein Wunder, immerhin lagen ihre Abteilungen auf unterschiedlichen Stockwerken, und Lukas verbrachte den größten Teil seiner Arbeitstage in seinem Büro, ließ selbst den mittäglichen Kantinenbesuch oft genug ausfallen und aß stattdessen mitgebrachte Sandwiches oder irgendetwas Ähnliches.

Schulungen musste er keine mehr halten in dieser Zeit und hoffte einfach, dass das kein Zufall war, sondern dank seiner mehr als kläglichen Vorstellung beim ersten Mal, seine Vorgesetzten eingesehen hatten, dass er dafür einfach nicht geeignet war. Er versuchte, nicht mehr an Steffen und dessen merkwürdige Veränderung zu denken, doch irgendwo unterschwellig war die Erinnerung an den unseligen Abend im Club und seinen anschließenden Traum stets präsent und nur zu bereit, beim geringsten Anlass wie ein Kastenteufel nach vorn in sein Bewusstsein zu springen.

Es ging schon in den Spätherbst, als es zu einem zweiten unerwarteten Zusammentreffen mit Steffen Holzhausen kam.

Lukas hatte an einem Donnerstagabend Überstunden gemacht, weil er sein aktuelles Projekt unbedingt noch vor dem Wochenende fertigstellen musste. Sein Chef wollte am Montag Ergebnisse haben, so hatte es der Vorstand verlangt. Natürlich war der vorgegebene Zeitrahmen des Projekts, wie schon öfters, sehr knapp gehalten worden und da es dann zu allem Überfluss auch noch eine Weile lang unbeachtet in der Ablage auf dem Schreibtisch von Lukas` Vorgesetztem gelegen hatte, hatte dieser schließlich beinah eine Panikattacke bekommen, als er bei der Durchsicht seiner Unterlagen wieder darauf stieß.

Lukas und Tjorben hatten alles Andere liegen und stehen lassen müssen, um sich ausschließlich um dieses eine Projekt zu kümmern und trotzdem war es eine harte Woche mit etlichen Überstunden geworden.

Am heutigen Abend hatte Tjorben aber nicht länger bleiben können, da seine Lebensgefährtin Geburtstag hatte und ohnehin schon reichlich genervt war, weil er an jedem Tag der zurückliegenden Woche erst nach Hause gekommen war, wenn sie bereits schlafend im Bett lag. Er war hin und her gerissen gewesen, zwischen dem schlechten Gewissen seiner Freundin, aber auch Lukas gegenüber, den er nicht wirklich gern mit der restlichen Arbeit alleinlassen wollte.

Lukas hatte aber nur abgewunken und ihn nach Hause geschickt, immerhin war es kein Problem für ihn, dem Projekt allein den letzten Schliff zu geben. Es würde dann zwar noch ein bisschen länger dauern, aber er hatte sowieso nichts anderes vor, auf ihn wartete ja auch niemand und am folgenden Morgen konnte er ausschlafen, es war schließlich Wochenende. Eine Stunde mehr oder weniger fiel da nicht wirklich ins Gewicht.

So kam es, dass er um neun Uhr abends auf den weitestgehend verlassenen, dunklen Firmenparkplatz trat und sein Auto ansteuerte, welches er sich inzwischen zugelegt hatte. Kein teurer Neuwagen, aber immerhin einer, der vielleicht ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hatte, dafür aber gepflegt und technisch soweit in Ordnung war.

Zwar erreichte er seinen Arbeitsplatz auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln, sparte jedoch bei der Fahrt mit dem Wagen locker eine Dreiviertelstunde Zeit, die er lieber zuhause verbrachte, als in stickigen, überfüllten S-Bahnen oder an zugigen Haltestellen. Zumal es im langsam hereinbrechenden Winter kein Vergnügen darstellte, mit kalten Zehen und Fingern auf den Zug zu warten.

Lukas hasste den Winter. Den Sommer, sofern er heiß war, liebte er zwar auch nicht unbedingt, einfach weil er schnell schwitzte, aber zumindest war es lange hell. Im Winter hatte er manchmal das Gefühl, er existierte fast nur noch in der Dunkelheit, wenn es morgens ewig dauerte, bis sich die fahle Wintersonne endlich am Himmel zeigte und die Welt mit ihrem Schein erhellte – sofern das überhaupt geschah - und dafür bereits mitten am Nachmittag die Dämmerung wieder hereinbrach. Daran änderte auch die Advents- und Weihnachtszeit mit all ihren Lichterketten und Leuchtfiguren nichts. Eher machte es ihm die Dunkelheit noch mehr bewusst.

Auch an diesem Abend war es schon finster, als er fröstelnd ins Freie trat. Sein Atem dampfte in der kalten Luft und er beeilte sich, zu seinem Wagen zu kommen, in Gedanken bereits zuhause und bei seiner weiteren Abendgestaltung. Er freute sich auf eine Pizza und irgendeine seichte Hollywood-Schmonzette auf DVD.

Doch als er über den Parkplatz schritt, fiel sein Blick plötzlich auf ein zweites Auto, das in der Nähe seines eigenen Wagens stand und dessen offene Motorhaube. Der Besitzer des dunkelblauen Kleinwagens saß offenbar hinter dem Steuer und versuchte das Fahrzeug zu starten, aber außer einem trocken anmutenden Husten kam kein Geräusch aus dem Motor.