In der Wüste des Wahnsinns - Jeff Montrose - E-Book

In der Wüste des Wahnsinns E-Book

Jeff Montrose

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Beschreibung

Als der US-Soldat Jeff Montrose am 11. September 2001 den Terroranschlag auf das World Trade Center im Fernsehen verfolgt, weiß er, dass es für die USA nur eine Antwort darauf geben kann: Krieg. In diesem Moment ahnt er noch nicht, was ihn erwartet: dass er innerhalb weniger Jahre von einem planlos wirkenden Einsatz verschlungen, zum Kompaniechef befördert, letztendlich aus Gewissensgründen die Army verlassen und schließlich in Deutschland ein neues Leben beginnen wird.

Jeff Montrose beschreibt sehr bewegend und reflektiert seine Erfahrungen als Kampfsoldat im Irak. Er erzählt von seiner Hilflosigkeit gegenüber einem meist unsichtbaren Feind, der unabänderlichen Verrohung der Soldaten, seinen getöteten Kameraden, seinen Albträumen und seinem schweren Weg zurück in die Zivilgesellschaft. Ein schonungsloser Einblick in das Leben als Kampfsoldat und zugleich ein fundiertes Hinterfragen von Sinn und Zweck militärischer Auslandseinsätze.

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In der Wüste des Wahnsinns

Der Autor

JEFF MONTROSE, geboren 1972, ging als Siebzehnjähriger zur US-Armee und wurde 2004/2005 im Irakkrieg als Zugführer, später als stellvertretender Kompaniechef eingesetzt. Aus Gewissensgründen quittierte er den Dienst und lebt seitdem in Deutschland, wo er zunächst als Englischlehrer arbeitete. Seit 2010 ist er Lehrbeauftragter für US-Außen- und Sicherheitspolitik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, seit 2016 auch Gastdozent für USAußenpolitik an der Universität Hamburg.

Das Buch

Als Antwort auf die Anschläge des 11. September 2001 ruft die US-Regierung den »Krieg gegen den Terrorismus« aus, mit dessen Folgen Jeff Montrose drei Jahre später als Infanterieoffizier und Zugführer im Irakeinsatz konfrontiert wird. Unter amerikanischer Besetzung des Irak herrscht zwischen den Fronten ein Krieg, auf den niemand vorbereitet war. Im Kampf gegen einen oft unsichtbaren Feind und in den Wirren planlos wirkender Militäroperationen bricht auch in Jeff Montrose ein Kampf aus. Das Leiden und Sterben von Zivilisten, der Verlust von Kameraden, die Willkür zwischen Überleben und Tod, seine eigene Verrohung als Soldat und die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Auftrags bringen ihn dazu, seine Militärkarriere zu beenden.Für den Neuanfang in Bayern lernt Jeff Montrose Deutsch und stellt sich der Aufarbeitung des Erlebten. Das Ergebnis ist dieses Buch in der Sprache seines neuen Zuhauses, das seinen Einsatz im Irakkrieg einer fundierten und dabei ebenso emotionalen wie schonungslos kritischen Rückschau unterzieht.

Jeff Montrose

In der Wüste des Wahnsinns

Was ich im Irakkrieg erlebt und endlich begriffen habe

Ullstein

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Econ ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH978-3-8437-2597-2© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2021Alle Rechte vorbehaltenLektorat: Swantje Steinbrink, BerlinUmschlaggestaltung: FHCM® Designagentur, Berlin unter Verwendung der Fotos von © Ashley Gilbertson (Coverabbildung) sowie © Jeff  MontroseAutorenfoto: © Kathrin SchafbauerE-Book-Konvertierung powerded by pepyrus.com

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Inhalt

Der Autor / Das Buch

Titelseite

Impressum

Widmung

Ein paar Gedanken vorweg

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Danksagung

Quellen

Anmerkungen

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Widmung

Widmung

Für Marianne

Motto

Das Bild des Krieges war nüchtern, grau und rot seine Farben; das Schlachtfeld eine Wüste des Irrsinns.Ernst Jünger, In Stahlgewittern

Ein paar Gedanken vorweg

Es ist eine merkwürdige Sache, in einem Krieg zu kämpfen. Und merkwürdig sind die Gründe, warum der eine überlebt und der andere nicht. Befremdlich auch, dass die Erfahrung nie wirklich gegenwärtig ist, sie sich jedoch weigert, einfach aus der Erinnerung zu verschwinden. In den Tiefen einer solchen Erfahrung verbirgt sich eine schaurige Kraft, die über die Erfahrung selbst hinausgeht und jene gnadenlos verfolgt, die mit der Erfahrung leben müssen. Wie ein gesichtsloses Gespenst, das im Schatten der eigenen Gedanken lauert, lässt diese Kraft selbst die stärkste Seele von innen verfaulen.

Zwölf Jahre nach seinem Kriegserlebnis reflektierte Erich Maria Remarque im Gespräch mit dem Journalisten Axel Eggebrecht über die Veteranen seiner Generation. Von einem solchen Erlebnis bleibe »ein undeutlicher Alpdruck, ein Zustand der Unruhe, der Skepsis, der Härte oder schwankenden Ziellosigkeit«. Und Eggebrecht, der in den Schützengräben an der Westfront gekämpft und schwere Verwundungen davongetragen hatte, bestätigte, dass die Erinnerung an diese Zeit für ihn selten sichtbar sei. Umso tiefer sei der indirekte Effekt. »Ich dachte nie mehr daran«, sagte Eggebrecht. »Aber es hatte sich in mein ganzes Wesen eingefressen.«

Die Erfahrungen der Veteranen eint, dass sie individuelle Erfahrungen aus Abertausenden von Eindrücken sind, viele davon sind banal, andere heftig und grässlich, die meisten ergeben keinen Sinn, aber sie alle fressen sich in unser Wesen ein. Der US-amerikanische Autor und Veteran des Vietnamkrieges Tim O’Brien schrieb, der Soldat schaue bei Tod und Schrecken des Gefechts weg. Zurück blicke er immer nur für einen Augenblick. »Die Bilder werden durcheinandergeworfen«, so O’Brien. Die Erinnerung des Soldaten sei wie eine Abfolge ungeordneter Schnappschüsse, die sich seltsam und unwahr anfühlen. Diese Schnappschüsse eines ehemaligen Kampfsoldaten stürzen gewaltsam auf einen herab, doch wie Träume, die im Schlaf so stark und lebendig sind, werden sie unbegreiflich, unscharf und dunstig, sobald man in den Bewusstseinszustand zurückkehrt.

Seit jenen seltsamen Tagen, als wir in diesem uralten und stechend heißen Land Krieg führten, habe ich meine Schutzweste und mein Gewehr gegen Krawatten und Bücher getauscht. Worte wie »Sergeant« und »Angriffsposition« wurden von Worten wie »Dozent« und »Prüfungstermin« abgelöst. Die meisten Wörter, die ich heute spreche, sind nicht meine Muttersprache, und wenn ich versuche, an den Krieg im Irak zurückzudenken, ist er in meinem Kopf wie der Traum eines Fremden, der mich aber bis heute verfolgt. Inzwischen habe ich eine Art Frieden mit ihm gefunden. In einem Land, gegen das zwei Generationen meiner Verwandten in zwei Weltkriegen gekämpft haben. Frieden ist aber nicht gleichbedeutend mit Vergessen. Oft genug bricht die transzendente Kraft, die tief in der Erfahrung verborgen ist, unerwartet und brutal in die Gegenwart hinein. Als ob sich die Erfahrung an mich erinnert. Manchmal löst etwas so Alltägliches wie das Einlegen von Batterien diese Kraft aus, und dann sind die Schnappschüsse plötzlich erschreckend lebendig. Klick … klick. Die Batterien sind eingelegt. Dieses Klicken … Wie das beißende Klicken beim Laden scharfer Munition. Klick … klick. Dieser Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt … Oder ich stehe in einem Seminarraum und beobachte, wie die Studierenden den Raum betreten, als ich auf einen jungen Mann aufmerksam werde. Er erinnert mich an jemanden. Als er sich setzt, leuchtet die Morgensonne auf sein rotbraunes Haar. Ich starre auf seine Haare, und es wird heiß im Raum, sehr heiß …

Eins

Der abstoßende Geruch von Dieselabgasen dringt in jede Pore, und mein Kreuz schmerzt wegen der schweren Schutzweste1. Neben mir im Geschützturm unseres Bradley2 steht Sergeant Frank Sternisha. Sein rotbraunes Haar leuchtet in der Sonne. Ich starre ihn an und versuche, mich gedanklich an etwas festzuhalten.

»Hey, Sir«, sagt er. »Alles klar?«

Ich ergreife seine Stimme. Eine Stimme, die ich schon Hunderte Male über die Bordsprechanlage gehört habe.

»Was ist los? Haben Sie Angst, oder was?«

»Angst?«, frage ich.

»Ja, Angst. Haben Sie Angst, ein letztes Mal durchzufahren?«

Ich schaue ihn an. Vor einem Jahr, als wir im Irak ankamen, hätte ich jetzt sicherlich Angst gehabt, aber nun ist es eher Nervosität. Ich bin jedes Mal nervös, bevor wir in den Sektor fahren. Sehr nervös. Die Angst kommt immer erst später. Es ist unsere letzte Mission.

»Nein, Sergeant«, sage ich. »Ich habe keine Angst.«

Nach zwölf Monaten geht der Krieg für uns zu Ende. Als stellvertretender Kompaniechef führe ich die etwa 25 verbliebenen Soldaten unserer Kompanie. Die anderen 120 Soldaten sind schon auf dem Weg zurück nach Deutschland. Jetzt gilt es, die letzten zehn Bradleys – vier haben wir während des Einsatzes verloren – von unserer kleinen Einsatzbasis am Stadtrand von Balad zum LSA Anaconda3 zu fahren. Dort werden wir sie auf Lkw laden und nach Kuwait schicken. Es ist eine sehr einfache Mission, aber die zwanzig Kilometer lange Fahrt ist wie immer äußerst gefährlich.

Sergeant Sternisha setzt seinen Helm auf und lächelt.

»Sie haben Angst, das weiß ich.«

Unser Bradley schlingert vorwärts, und wir fahren ein letztes Mal aus der Ausfahrt unseres Stützpunktes. Etwa auf der Hälfte der Strecke fängt der Motor eines Bradley Feuer. Offenbar sind unsere Fahrzeuge genauso am Ende ihrer Leistungsfähigkeit wie wir. Der Rest der Patrouille muss am Straßenrand warten, bis die Crew das Feuer gelöscht hat. Nach einigen Minuten ist das Feuer zwar gelöscht, aber der Bradley muss abgeschleppt werden. Ich steige ab und spreche mit First Sergeant Hickey, den wir wegen seines Rufzeichens Rock 7 nennen. Er ist der Senior Sergeant der Kompanie. Obwohl ich der stellvertretende Kompaniechef bin, hat er die meiste Erfahrung, und ich vertraue ihm mehr als mir selbst. Er hätte eigentlich schon mit der Kompanie nach Deutschland abfliegen sollen, aber er hat sich entschieden, mit uns zu fahren. Er sagt, ein First Sergeant müsse der Letzte sein, der rausgeht.

Es wird mindestens zwanzig Minuten dauern, bis die Abschleppstange angebracht ist. Anstatt am Straßenrand zu sitzen und zu warten, dass wir unter Mörserbeschuss4 geraten, schlägt Rock 7 vor, dass ich die Hälfte unserer Patrouille zum LSA Anaconda bringe und er dann mit der anderen Hälfte nachkommt, sobald die Abschleppstange befestigt ist. Mein Bauchgefühl sagt mir zwar, dass es besser ist zusammenzubleiben, aber zehn am Straßenrand parkende Panzer sind einfach ein zu saftiges Ziel für einen Mörserangriff. Also stimme ich zu, und unser Bradley schlingert zurück auf die Straße. Eine dunkelschwarze Abgaswolke, durch die ich zwei Soldaten mit einer Abschleppstange erkenne, quillt aus dem Auslasskanal und zwingt mich, den Kopf einzuziehen, um ihr auszuweichen.

Knapp einen Kilometer vor LSA Anaconda macht die Straße einen großen Bogen nach rechts. Zur Linken ist ein offenes Feld mit einigen Palmen entlang des Tigris, zur Rechten eine Anhöhe, die wir die Badlands nennen. Sie ist mit Wadis5 und Erosionstälern übersät, die nicht viel breiter sind als ein Auto. Aufständische nutzen die schmalen Täler als versteckte Anfahrt zur Straße, um dort improvisierte Sprengsätze zu vergraben und dann wieder in den Badlands zu verschwinden. Das Improvised Explosive Device (IED)6 ist die Lieblingswaffe der Aufständischen, und die Badlands sind der perfekte Ort, um IEDs einzusetzen. Wir haben längst aufgehört, die Angriffe zu zählen. Eine Kompanie unseres Bataillons hat die Badlands über ein Jahr lang ohne Pause patrouilliert, aber es war unmöglich, das Verstecken von IEDs zu stoppen. Im Gegenteil. Die Lage hat sich drastisch verschärft. Das Wichtigste für uns in diesem Moment: Jenseits dieses Abschnitts liegt LSA Anaconda. Jenseits dieses Abschnitts wird es keine IEDs mehr geben. Jenseits dieses letzten Abschnitts geht der Krieg für uns zu Ende. Ich lasse mich tiefer in die Luke sinken, um mich gegen die Detonation zu wappnen, von der ich aus Erfahrung weiß, dass sie kommen wird.

»Jetzt habe ich Angst«, sage ich über die Bordsprechanlage zu Sergeant Sternisha.

»Das wusste ich schon«, sagt er. Es folgt eine kleine Pause, dann höre ich seine Stimme noch einmal in meinem Helm. »Ich auch.«

Ich halte den Atem an und dränge unseren Fahrer in Gedanken, schneller zu fahren. Schneller, denke ich, schneller. Unser Bradley klappert um die große Kurve, und mit jedem Meter kommen wir unserem Ziel näher. Ich schaue gerade so über die Luke auf die anderen Bradleys vor mir. Den ersten kann ich schon nicht mehr sehen, er ist hinter den kleinen Hügeln verschwunden. Dann verschwindet der zweite um die Kurve. Wir sind fast da. Fahr weiter, denke ich, einfach weiterfahren. Der dritte ist weg, und als wir um die Ecke biegen, erblicke ich den Sicherheitszaun von LSA Anaconda und die drei anderen Bradleys. Wir fahren zum Eingangstor, entladen unsere Waffen und parken die Bradleys anschließend in der Bereitstellungszone des Bataillons. Für uns ist der Krieg endlich vorbei.

Sergeant Sternisha und ich sitzen auf der Heckklappe unseres Bradley und entspannen uns. Die Funkgeräte haben wir auf höchste Lautstärke eingestellt, damit wir die andere Hälfte unserer Patrouille hören können, die den ausgebrannten Bradley abschleppt. Jeden Moment sollten sie durch das Eingangstor fahren. Einige Soldaten unserer Patrouille versammeln sich um uns. Sie tragen weder Schutzwesten noch Gefechtshelme und haben auch keine Gewehre. Seit fast einem Jahr bin ich mit diesen Soldaten im Irak, und zum ersten Mal erkenne ich, wer sie wirklich sind. Einfache amerikanische Jungs. Die meisten sind noch Teenager und kommen aus der unteren Mittelschicht unserer Gesellschaft. Übermütig schubsen sie sich gegenseitig in den Schlamm und planschen in den Pfützen. Die enorme Verantwortung, in einem Krieg zu kämpfen, ist an andere Teenager abgegeben worden. Jetzt können sie wieder scherzen und lachen.

Plötzlich knackt eine Stimme über den Lautsprecher unseres Bradley. »Tiger X-Ray. Over.« Die Jungs, die gerade noch im Dreck gespielt haben, halten inne und drehen sich um. Es ist die falsche Stimme. Sie spricht zu schnell und zu hoch. Wir alle kennen diese Stimme, die gerade über das Funkgerät kommt, aus unserem eigenen Kopf. Es ist die Stimme der Dringlichkeit und Angst.

»Tiger X-Ray«, sagt die Stimme. »Rock-Einheiten auf Route Peggy in Kontakt mit Feind, fordert sofort Medevac7 an.«

Die Stimme kommt von der anderen Hälfte der Patrouille. Ich klettere in den Kampfraum des Bradley, nehme den Handapparat und melde mich auf interner Kompaniefrequenz beim First Sergeant an.

»Rock 7, hier spricht Rock 5.«

Er antwortet nicht. Ich versuche es erneut.

»Rock 7, hier spricht Rock 5.«

Nichts.

»Rock 7, Rock 5.«

Plötzlich meldet sich eine zitternde Stimme. »Ich glaube, wir wurden von einem IED getroffen.«

Die Stimme gehört nicht dem First Sergeant, und sie identifiziert sich nicht nach Vorschrift. Wahrscheinlich gehört sie zu einem jungen Richtschützen.

»Sind Sie unter Beschuss?«, frage ich.

»Ich weiß es nicht.«

»Was meinen Sie damit, Sie wissen es nicht?«

»Es war ein IED, glaube ich. Er war groß.«

»Sind Sie unter Beschuss?«, wiederhole ich.

Aber die Stimme antwortet nicht mehr.

Sergeant Sternisha sitzt neben mir im Kampfraum und schaut auf eine Karte, während er dem anderen Funknetz zuhört, auf dem ein Sergeant vor Ort die Koordinaten seines Standortes für eine Medevac-Anforderung sendet, um die Verwundeten evakuieren zu lassen.

»Fucking Badlands«, schreit er und wirft die Landkarte zur Seite. »Sie haben drei Verletzte, einer davon schwer.«

Ich schüttele den Kopf und drücke wieder den Knopf am Handapparat. »Verdammt, sind Sie unter Beschuss?«

»Ich bin nicht sicher, warten Sie, ich schau nach«, kommt die ängstliche Stimme wieder durch. Sie ist kaum zu verstehen.

Ich schaue aus dem Bradley hinaus. Die Jungs, die in den Pfützen gespielt haben, sind fort und die Soldaten mit Gefechtshelmen und Gewehren wieder zurück. Ihre Augen sind dunkel geworden, und sie bewegen sich aufgeregt um die Heckklappe herum. Sie warten auf meinen Befehl.

Das Funkgerät piepst, da ist die junge Stimme wieder.

»Ich habe keine Ahnung, was gerade passiert. Ich weiß nur, dass etwas richtig Großes explodiert ist.«

»Wo ist Rock 7?«, frage ich.

»Ich glaube, er wurde von dem IED getroffen.«

Ich drehe den Kopf und sehe, dass Sergeant Sternisha schon seine Ausrüstung anhat. Ich weiß nicht, was gerade in den Badlands passiert, aber klar ist, dass wir nicht auf unseren Ärschen sitzen bleiben werden, während die anderen sich im Kampf befinden.

»Wir sind gleich auf dem Weg zurück zu Ihnen. Dauert etwa zwanzig Minuten. Bleiben Sie in Kontakt mit mir«, sage ich über Funk. Dann befehle ich Sergeant Sternisha, dem Bataillons-Gefechtsstand zu melden, dass wir wieder in die Badlands fahren. Damit sie zumindest wissen, wo wir sind. Es ist ein enormes Risiko zurückzufahren. Ich trete hinaus auf die Heckklappe, doch bevor ich den Soldaten befehlen kann, wieder in ihre Fahrzeuge zu steigen, hält Sergeant Sternisha mich auf.

»Sir, es ist Blue 7. Er will mit Ihnen sprechen.«

Ich nehme den Apparat. Blue 7, der ranghöchste Sergeant vor Ort, berichtet, dass der First Sergeant an der großen Kurve von einem IED getroffen worden sei. Ein Volltreffer. Zwei Soldaten im Kampfraum seines Bradley wurden verletzt.

»Die beiden haben sich die Köpfe reichlich angeschlagen, aber sie sind mehr oder weniger okay. Sie fahren mit uns zurück.«

Hilflos höre ich zu, als er mir erzählt, dass der angeforderte Medevac-Hubschrauber unterwegs sei, um den First Sergeant abzuholen.

»Er ist bewusstlos, aber er atmet noch«, sagt Blue 7. »Es sieht nicht gut aus.«

»Braucht ihr Unterstützung?«, frage ich.

»Das hätte keinen Sinn«, brummt der Sergeant, der schon seinen zweiten Krieg kämpft. »Es war nur ein verdammtes IED, sonst nichts. Der Bradley ist in Ordnung. Wir werden in etwa einer Stunde bei euch sein.«

Ich lasse den Hörer los, und das Kabel rastet wieder in den Geschützturm ein. Wenn die Aufständischen die Patrouille richtig hätten angreifen wollen, hätten sie längst mit direktem Beschuss begonnen. Ihr Zeitfenster hat sich schon geschlossen, und es ist unwahrscheinlich, dass sie noch angreifen werden. Nur ein verdammtes IED, dessen Aussage eindeutig ist: Wir sind nicht diejenigen, die die Badlands kontrollieren.

»Wir fahren nicht zurück«, verkünde ich meinen Soldaten. Düstere Augen starren mich an, und ich verspüre dieselbe Feindseligkeit wie sie. Ich weise Sergeant Sternisha an, sämtliche Munition, wie geplant, von den Schützenpanzern abzuladen. Aber weder er noch die anderen bewegen sich.

»Es ist vorbei«, sage ich. »Es gibt nichts, was wir tun könnten, um ihm zu helfen.«

»Aber, Sir …«, sagt ein Soldat.

»Es ist aus. Sie haben Ihren Befehl.«

Ich hasse es, dieses Wort »Befehl« zu gebrauchen. Es fühlt sich an, als würde ich mich hinter meinem Dienstgrad verstecken, aber ich weiß, dass diese jungen Soldaten einen Auftrag brauchen, auf den sie sich konzentrieren können. Eine Aufgabe, die von dem Verlangen ablenkt, den Verantwortlichen zu jagen und zu töten. Mir ist klar, dass sie zu Rock 7 fahren wollen. Ich will es auch, aber in die Badlands zurückzufahren wäre jetzt nicht nur absolut zwecklos, sondern auch unnötig gefährlich. Wenn sie dort nicht unter Beschuss sind, brauchen sie uns nicht. Eher würden wir auch noch von einem IED getroffen, und dann flögen noch ein paar Soldaten weniger nach Hause.

Wenn meine jungen Männer jetzt allerdings ohne klare Aufgabe bleiben, fangen sie an, gegeneinander zu kämpfen. Sie sind Infanteristen, und ich kenne sie sehr gut, weil ich selbst einer von ihnen bin. Wir starren uns an, bis Sergeant Sternisha schließlich meinen Befehl weitergibt und ein Soldat nach dem anderen langsam folgt. Ich hasse mich dafür, dass ich so mit den Soldaten umgehen musste, und begebe mich zum Bataillons-Gefechtsstand. Heute ist nur ein Tag von vielen auf dieser emotionalen Achterbahn, beruhige ich mich. Als ich die Tür zum Gefechtsstand öffne, stürmt mein Kompaniechef auf mich zu und packt mich am Arm. »Los, wir fahren zum Feldlazarett. Rock 7 kommt in ein paar Minuten dort an.«

Es ist ein seltener Luxus: ins Lazarett fahren und einen verwundeten Kameraden besuchen. Wir springen in einen Humvee8. Als Offiziere haben wir beide keinen entsprechenden Führerschein, aber das ist uns völlig egal. Sollte die Militärpolizei versuchen, uns zu kontrollieren, würden wir sowieso nicht anhalten.

Das Feldlazarett ist ein riesiges Labyrinth aus Zelten, und wir müssen uns trennen, um nach dem First Sergeant zu suchen. Ich frage eine Hilfspflegerin, wo der Verwundete sei, der gerade mit dem Medevac angekommen ist. Sie sagt, ich bräuchte nur dem Flur zu folgen. Also laufe ich noch tiefer in das Labyrinth hinein, bis ich zu einer Tür komme. Dort ziehe ich einen Nylonvorhang zurück und trete in den Raum. Mehrere Ärzte stehen um einen Operationstisch herum. An den Gummihandschuhen des einen ist Blut. Blut tropft auch von einer Ecke des Tisches auf den Boden. Niemand scheint mich zu bemerken.

Dieser Ort ist ganz anders als die brennende Wüste, die ich gut kenne. Hier gibt es keine schrecklichen Schreie oder durstigen Sand, der immer bereit ist, Blut aus Wunden aufzusaugen, der übersät ist mit kleinen Steinen und verbrannten Kleidungsstücken. Das wahllose, dreckige Gefühl von Tod im Gefecht wird hier von steriler Kühle abgelöst. Hier ist es sauber und geruchsfrei. Der grausame Krach und die chaotische Angst des Kampfes sind abgestreift, und es gibt nichts, was meine Gedanken davon ablenkt, dass dort ein schwer verwundeter Mann auf dem Operationstisch liegt. Der Mann, den ich als Rock 7 kenne. Ein Mann, der mein Freund ist oder bald war.

Ein Arzt schaut mich an. Der Blickkontakt dauert nur eine Sekunde, aber er ist lang genug, um den Ernst in seinen Augen zu erkennen. Ich gehe einen Schritt näher an den Tisch heran und starre auf die blutgetränkte Uniform. Ich weiß, dass ich gerade eine Art Abschied von meinem Kameraden Rock 7 erlebe. Ich will ihn ein letztes Mal sehen, bevor er geht. Aber es fehlt der gewohnte Tarnfleck an der Uniform. Es ist nicht Rock 7, der auf dem Tisch liegt, sondern ein US-Marineinfanterist. Vermutlich ist er gerade aus Al-Anbar gebracht worden. Doch was ändert das? Nur der Name und die Uniform sind anders.

Eine altbekannte Wut kocht in mir hoch, als ich die Uniform des Marineinfanteristen anstarre. Warum er und der First Sergeant, aber nicht ich? Warum darf ich mit ein paar Kratzern davonkommen, während Dutzende meiner Kameraden ohne Arme oder Beine zurückkehren müssen? Viele weitere Kameraden kommen nur im Sarg nach Hause. Ich drehe mich um und verlasse den Raum. Niemand beachtet mich, bis auf die Wut und der Wahnwitz. Sie jagen mir nach in den Flur, lachen mich aus und brüllen hinter mir her: Nicht aus freiem Willen! Nicht aus freiem Willen!

»Mr. Montrose«, sagt eine leise Stimme.

Ich blinzle, und das Feldlazarett ist verschwunden. Meine Faust zerdrückt einen Stift. Vor mir steht eine deutsch-türkische Studentin, deren kurze schwarze Locken mich an das dunkle Haar der Iraker erinnern. Ihr sanftes Lächeln ist beruhigend. Sie hat mich zurück in den Seminarraum geholt. Sofort lasse ich den Stift los.

»Mr. Montrose«, sagt die Studentin, »hier ist meine Hausaufgabe.«

»Ein Mann kommt nach Deutschland. Er war lange weg, der Mann. Sehr lange. Vielleicht zu lange. Und er kommt ganz anders wieder, als er wegging.«Sätze aus Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür, geschrieben kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Sätze, die auf Soldaten einer neuen Generation leider wieder zutreffen. Auch ich bin einer von denen, die lange weg waren …

An einem verregneten Spätsommertag wurde ich nach über 16 Dienstjahren aus der US-Armee entlassen. Eine Zivilbeamtin vom militärischen Personalbüro der Kaserne in Schweinfurt gab mir meine Entlassungspapiere und ein Flugticket. Sie sagte, laut NATO-Stationierungsabkommen sei ich verpflichtet, in die USA zurückzufliegen. Ich ging mit dem Ticket zum militärischen Reisebüro und gab es der Frau hinter dem Tresen. Sie sah mich misstrauisch an. »Ich brauche es nicht«, sagte ich, drehte mich um und lief zum Tor der Ledward Barracks9. Beim Verlassen der Kaserne zwang ich mich, nicht zurückzuschauen. Dann stieg ich ins Auto und fuhr zu meiner Wohnung in Würzburg. Ich hatte mich entschieden, in Deutschland zu bleiben.

Zu Hause saß ich eine Weile auf einem Stuhl in der Küche, immer noch in Uniform. Wenn ich die Uniform auszog, würde mein Leben als Soldat vorbei sein. Die Entscheidung hatte ich schon lange vorher getroffen, aber der allerletzte Schritt, das Ablegen der Uniform, war der schmerzhafte, unumkehrbare Schlusspunkt. Für viele Zivilisten mag es schwer sein, das nachzuvollziehen, denn nur wenige Berufe sind heute noch mit dem Tragen einer Uniform verbunden, aber die Identität eines Soldaten, seine Berufung und sein Soldatentum, sind untrennbar mit seiner Uniform verbunden. Etwa so wie bei einem Polizisten oder Feuerwehrmann. Die Uniform zeigt deutlich: Ich gehöre diesem Beruf an. Wenn der Soldat seine Uniform ein letztes Mal auszieht, ist er kein Soldat mehr.

Ich stand auf und ging ins Schlafzimmer, wo ich die Uniform auszog und sie auf einen Kleiderbügel hängte. Ich setzte mich auf das Bett und schaute sie an. Als ich sie das erste Mal anzog, war ich gerade siebzehn geworden. Damals war es die Uniform eines einfachen Soldaten, eines Gefreiten der Infanterie und Fallschirmjäger. Als ich sie das letzte Mal auszog, mit 33, als Hauptmann der Infanterie, war es die Uniform eines Rangers und Kriegsveteranen. Mein gesamtes bisheriges Erwachsenenleben war ich Soldat gewesen.

Ich war mir nicht einmal sicher, ob es die richtige Entscheidung war, das Militär zu verlassen. Die US-Armee hatte beabsichtigt, mich zu einer weiteren Offiziersschulung zu schicken und mich innerhalb der nächsten zwei Jahre eine Fallschirmjägerkompanie kommandieren zu lassen. Ich war auf dem vorläufigen Höhepunkt meiner Karriere und hätte die Karriereleiter auch noch höher steigen können. Trotzdem stellte ich beim US-Militär auf eigenen Wunsch einen Antrag auf Entlassung. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich die Gründe für meine Entscheidung nicht genau benennen. Mein Bauchgefühl und mein Gewissen sagten mir, dass es Zeit war zu gehen. Den Krieg im Irak hielt ich im Hinblick auf die Sicherheit meines Landes für absolut unnötig. Ich sah nur noch all die höchst gefährlichen Aufgaben, aber was die Erledigung dieser Aufgaben bewirken sollte, verstand ich nicht. Ganz zu schweigen von Abu Ghraib und der Folter, die mir sehr zu schaffen machte. Dabei gefiel es mir eigentlich, Offizier zu sein.

Mein Bauchgefühl sagte: Lauf weg! Die Vernunft riet: Bleib Soldat! Denk an deine komfortable Pension. Eine Pension, die ich schon jetzt, da ich dieses Buch schreibe, erreicht hätte. Ich war ein Offizier und Berufssoldat, also so etwas wie ein Beamter der US-Regierung. Diesen Beamtenstatus hatte ich nun aus Gewissensgründen aufgegeben. Ich hatte beschlossen, die US-Armee und mein Land zu verlassen, um neu anzufangen. Während ich meine Uniform anstarrte, lachte die Vernunft mich aus. Was für ein Leben wirst du hier in Deutschland bekommen? Du hast einen Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaft und eine Menge Erfahrung als Soldat, doch was willst du in Deutschland damit anfangen? Du kannst nicht einmal richtig Deutsch sprechen! Das kann nicht dein Ernst sein …

Ich packte die Uniform und einige Erinnerungsstücke an meine Dienstzeit in meine Militärtruhe und brachte sie in den Keller. Es war vorbei. Schließlich könnte ich nicht ein zweites Mal mit gutem Gewissen im Irak kämpfen. Ich bin ein ehemaliger Fallschirmjäger, und Vernunft ist nicht unbedingt eine gute Voraussetzung für diese Art von Arbeit. Also siegte das Bauchgefühl, und ich blieb, wenn auch mit vielen Zweifeln, in Deutschland, wo meine zweite Geschichte begann.

Eigentlich hatte sie schon einige Wochen zuvor begonnen. Nachdem unser Bataillon aus dem Irak zurückgekehrt war, wurde ich zum Bataillonsstab versetzt, um dort meine letzten Wochen im Militär abzuwarten. Es war eine Zeit des Übergangs. Die meisten erfahrenen Offiziere und Sergeants nahmen an Schulungen teil, um befördert zu werden, und viele neue Soldaten kamen an, um unsere Verluste zu ersetzen. Alle anderen wollten sich einfach nur ausruhen, bevor das Bataillon im kommenden Jahr wieder im Irak eingesetzt würde. Es war eine Art Kurz­erholung für das Bataillon, und meine Aufgabe im Stab bestand darin, den Papierkram für die neuen Soldaten und die neue Ausrüstung zu erledigen, bis meine Entlassungspapiere kamen.

In dem Stab gab es einen Jungen, der während der Sommerferien sein Schulpraktikum bei uns machte. Er sollte den jungen Soldaten bei der täglichen Arbeit zur Hand gehen, zum Beispiel Kaffee kochen, Müll rausbringen und den Boden wischen. Er war der Sohn eines Unteroffiziers unserer Kaserne und mit seinen fünfzehn Jahren nur um wenige Jahre jünger als die Soldaten, denen er half. Eines Tages standen der Praktikant und zwei Soldaten kurz vor Feierabend mit Eimer und Wischmopp vor der Tür des Stabsbüros. Sie hatten gerade in dem Büro gewischt und hielten Wache an der Tür, damit niemand über den nassen Boden lief. Zwölf Jahre zuvor, als ich selbst einfacher Soldat in der 82. Luftlandedivision gewesen war, hatte ich die gleiche Aufgabe erledigen müssen. Ich wusste daher genau, was es hieß, stundenlang Fußböden zu wischen, nur damit plötzlich irgendein Hauptmann darauf herumläuft und seine dreckigen Spuren hinterlässt. Einmal war kurz darauf unser verrückter Sergeant Major10 aufgetaucht und regelrecht ausgeflippt, als er die Spuren auf den Fliesen entdeckte. Daraufhin hatte ich mir einen zwanzig Minuten langen Vortrag über die Liebe zum Detail und die Leidenschaft für Qualität anhören müssen, während ich Liegestütze machte.

Ich wollte den jungen Soldaten solche Erfahrungen ersparen. »Tut mir leid«, sagte ich deshalb, »aber ich muss hier rein.« Die beiden Soldaten traten zur Seite, und ich nahm den Wischmopp in die Hand, um meine Schmutzspuren selbst aufzuwischen. Doch bevor ich auch nur einen Fuß auf den Boden setzen konnte, hielt mich der Praktikant am Ärmel meiner Uniform fest.

»Sie dürfen da nicht reingehen«, schrie er und zog mich zurück.

Er war nur ein Kind, das keine Ahnung vom Militär hatte. Und ich hatte bis zu diesem Moment keine Ahnung, wie sehr mich der Krieg verändert hatte. Der Wischmopp fiel zu Boden. Ich packte den Jungen am Handgelenk und drehte meinen Arm frei. Mit der anderen Hand stieß ich ihn hart gegen den Türrahmen. Es war ein Notwehrinstinkt, der die Kontrolle übernahm. Dabei merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmen konnte, weil der Gegner viel zu leicht zu überwältigen war. Ich begann, den Jungen auf den Kopf zu schlagen, als einer der beiden Soldaten mich gewaltsam in den Flur zurückdrängte. Dieser Soldat war mit mir zusammen im Irak gewesen. Es gab eine heftige Auseinandersetzung, bis ich den Jungen schließlich losließ. Und so abrupt, wie sich der Autopilot eingeschaltet hatte, so abrupt schaltete er sich auch wieder ab. Ich befahl dem Irak-Soldaten, den Praktikanten sofort zum Sanitäter zu bringen. Als sie weg waren, rutschte ich mit dem Rücken an der Wand auf den Flurboden hinunter und blieb dort wie betäubt sitzen. Drei Monate nach meiner Rückkehr aus dem Irak wusste ich plötzlich, dass ich ein anderer geworden war.

Am nächsten Tag traf ich mich mit dem Jungen und seinem Vater, um mich zu entschuldigen. Der Vater war ebenfalls Irakveteran und schien den Vorfall nachvollziehen zu können. Sein Sohn meinte nur ganz cool: »Ist okay!« Aber ich wusste, dass es nicht okay war. Nichts war okay. Jemand hatte einen Jungen an einen Türrahmen geknallt, und wer weiß, was noch passiert wäre, wenn nicht ein mutiger Soldat reagiert hätte. Dieser Jemand, der den Jungen angegriffen hat, war ganz offensichtlich ich. Ich dachte immer, ich sei ein starker Soldat. Ich war Offizier, ein Ranger mit sechzehn Dienstjahren und mehreren Einsätzen Erfahrung. Ein tapferer Kämpfer im Gefecht, aber am Ende hatte ich einen harmlosen Jungen angegriffen, nur weil er mich am Ärmel festgehalten hatte. Dieser Praktikant markierte das Ende meiner Zeit beim Militär und den Anfang einer Reise ins Unbekannte.

Es gibt Momente im Leben, in denen man auf eine tiefe Erkenntnis stößt und auf einmal das Wesen von etwas vollständig begreift. Solch einen Moment nennt man eine Epiphanie, eine Erscheinung des Herrn, und wenn sie eintritt, sieht man, was er schon zuvor gesehen hätte. Als ich mit dem Rücken an der Wand auf den kalten Fliesen saß, sickerte eine solche Epiphanie durch die hinterste Ecke meiner Seele. Sie warf ein intensives Licht auf einen Soldaten in der Wüste. Ich blickte in sein ausdrucksloses Gesicht, aus dem mich leere Augen anschauten. Ich sah in mein eigenes Gesicht. Ein erschöpftes Gesicht. Ich stand auf, drehte diesem Soldaten den Rücken zu und lief den Flur entlang. Ich wusste, dass der Soldat, der dort in der Wüste gestanden hatte, ein Elitesoldat gewesen war. Der brave Soldat mit meinem Gesicht war im Irak gefallen. Wer aber war der Mann auf dem Flur?

Zwei

Der erste Iraker, den ich je sah, war ein kleines Mädchen am Straßenrand einer alten Landstraße in der Nähe von Safwan im Südirak. Obwohl das Mädchen höchstens neun Jahre alt gewesen war, erinnerte mich die Studentin mit dem beruhigenden Lächeln an sie. Die grelle Sonne leuchtete in den drahtigen Locken des schwarzen Haares. Es war ein hübsches Kind, dessen schmutziges Kleid im Staub wehte, als unser Konvoi vorbeifuhr. Es winkte uns zu, wie nur ein treuherziges Kind eine Kriegsmaschinerie begrüßen kann.

Im Februar 2004 hatte unser Bataillon den fränkischen Winter verlassen, um in dem endlosen Sandmeer der kuwaitischen Wüste zu landen. Dort sollten wir uns auf den Einsatz in der widerspenstigen Stadt Samarra, etwa siebzig Kilometer nördlich von Bagdad, vorbereiten. Drei Wochen ununterbrochener Gefechtsübungen mit scharfer Munition.

Im Camp New York wohnte mein Zug, der Mörserzug des 1. Bataillons des 26. Infanterieregiments, kurz 1./26 Inf., in einem großen Zelt mit vierzig Feldbetten, aufgestellt in vier Reihen. Ständig war alles eingestaubt. Und jeden Morgen fegte ein Soldat den Holzboden, um ihn vom Sand zu befreien. Die entstehende Staubwolke trieb jeden aus dem Zelt, bis auf den armen Kerl, der den Boden fegen musste. Wenn der Soldat seine Aufgabe erledigt hatte, war zwar der Boden vom Sand befreit, aber inzwischen hatte sich die Staubwolke auf unsere Schlafsäcke und die Ausrüstung gelegt. Später kehrten die Soldaten ins Zelt zurück und brachten neuen Sand für denjenigen mit, der am nächsten Tag fegen musste. Nur noch dreimal Zeltfegen, dachte ich, dann würden wir die Grenze zum Irak überqueren. Als Zugführer spürte ich eine starke Unruhe, die nach und nach jeden Soldaten des Zuges ergriff.

Bis zu unserer Abreise galt es, die Fahrzeuge des Zuges auf den langen Marsch nach Samarra vorzubereiten. Der Einmarschplan unserer Division, der 1., einer sogenannten mechanisierten Infanteriedivision, sah vor, alle Kettenfahrzeuge sowie Panzermörser auf Lkw-Anhänger zu laden und nach Samarra transportieren zu lassen. Die Entfernung von Kuwait nach Samarra war einfach zu groß, um sie mit Kettenfahrzeugen zurückzulegen. Danach würde die Mehrheit der Soldaten des Zuges nach LSA Anaconda fliegen, während nur die zwei Humvees in einem größeren Konvoi mit den übrigen Radfahrzeugen der Taskforce die 800 Kilometer quer durch den Irak nach Samarra fahren sollten. Schließlich würden sich all diese beweglichen Teile des Zuges vor Samarra sammeln, die aber nur einen sehr kleinen Teil der sich nördlich bewegenden Armee von etwa 150.000 Soldaten ausmachten. Sie sollten jene 150.000 Soldaten ersetzen, die sich dann ihrerseits auf den Weg Richtung Kuwait begeben würden.

Mein Zug erhielt den Befehl, den Konvoi mit den beiden Humvees abzusichern. Ein Humvee ist ein geländegängiges Fahrzeug, das aussieht wie ein amerikanischer Pickup mit einem Maschinengewehr, kurz MG, auf der Ladefläche. Vor allem ist so ein Humvee schneller und agiler als die großen Logistikfahrzeuge und kann einen Konvoi jederzeit durchfahren, um die MGs einzusetzen, sollte dieser in einen Hinterhalt geraten. Das Problem war nur, dass die Humvees keine Panzerung hatten, die Route nach Samarra aber mit IEDs gespickt war. In Schweinfurt hatte man uns noch gesagt, dass die Humvees in Kuwait eine angeschraubte Panzerausrüstung erhielten. Eine Art Heimwerkerteil aus Stahltüren und kugelsicherer Windschutzscheibe, das für unsere Mechaniker problemlos anzubringen ist. Aber als wir in Kuwait ankamen, erfuhren wir, dass die Panzerausrüstung schon in den Irak geliefert worden war. Ganz offensichtlich mussten die Leute, die für die Planung dieses Krieges zuständig waren, keine 800 Kilometer in einem ungepanzerten Humvee durch den Irak fahren.

Unser Kompanie-First Sergeant sagte: »Dann feiern wir eben eine große Beachparty!« Die Soldaten begannen, unzählige Sandsäcke zu füllen, um sie als Panzerung für die Radfahrzeuge einzusetzen. Sand gab es in Kuwait genug, was fehlte, waren Befestigungsmöglichkeiten.

Deshalb saßen der stellvertretende Zugführer Sergeant First Class (SFC) Kevin Floyd und ich nun zusammen auf einem Feldbett und suchten nach einer Lösung, denn uns war klar, dass sich innerhalb unserer Befehlskette niemand um das notwendige Material kümmern würde. Auch Floyd hatte seinen gesamten Militärdienst in der leichten Infanterie verbracht, unter anderem in Airborne- und Ranger-Einheiten11. Doch im Hinblick auf die Humvees wusste auch er nicht weiter. Eigentlich gab es nichts, was wir für die Fahrer und Beifahrer tun konnten, denn die Türen dieser Fahrzeuge waren nun mal aus Nylon und nicht aus Stahl. Floyd und ich würden ebenfalls in den beiden Humvees mitfahren und akzeptierten schließlich, dass der Zug höchstwahrscheinlich ohne seinen Zugführer oder dessen Stellvertreter in Samarra ankommen würde. Für die beiden Soldaten aber, die auf den Ladeflächen saßen, um im Ernstfall die MGs zu bedienen, konnten wir etwas tun – vorausgesetzt, es gelang uns, die Sandsäcke in Stellung zu halten.

Täglich fanden Offiziersgespräche mit dem Kompaniechef statt. Von dem vorletzten Gespräch vor unserer Abreise in den Irak erhoffte ich mir die Lösung des Problems. Uns wurde jedoch nur erzählt, dass einige Einheiten der Kompanie versucht hätten, Sandsäcke auf die Humvees zu stapeln und mit Fallschirmleine festzubinden. Dadurch würde allerdings die Last zu groß; die Humvees wären dann nicht mehr fahrtüchtig. Der Kompaniechef wies uns Zugführer deshalb an, es mit den Sandsäcken nicht zu übertreiben. Was zum Teufel ist denn die Alternative?, fragte ich mich. Der Kompaniechef hatte jedenfalls keine auf Lager.

Am nächsten Morgen versammelten sich meine Gruppenführer an meinem Feldbett und warteten auf Anweisungen. Die lauteten: im Camp New York herumschnüffeln und schauen, ob es irgendwelche Materialien gab, die wir benutzen könnten, um die Sandsäcke zu stabilisieren. Camp New York bestand zwar fast ausschließlich aus Zelten und einer Zeltkantine, aber vielleicht gab es doch irgendwo etwas, das zu gebrauchen war. Floyd und ich teilten Camp New York in mehrere Abschnitte, und jede Gruppe bekam einen Abschnitt zum Spähen zugeteilt.

Am Ende des Tages berichtete eine Gruppe, sie habe einen Stapel Sperrholz gefunden, allerdings ausgerechnet hinter den Zelten des Brigadehauptquartiers. Das wollten Floyd und ich uns genauer ansehen und gingen die etwa zwei Kilometer über das Camp zum Brigadehauptquartier, wo wir neben einigen nagelneu gepanzerten Humvees einen Stapel mit etwa fünfzig Sperrholzplatten fanden. Sperrholz von der Brigade zu klauen war sehr riskant, aber uns blieb nichts anderes übrig.

»Zwei oder drei Platten wird schon niemand vermissen«, sagte Floyd. Damit war die Entscheidung gefallen: Mitten in der Nacht würden wir ein Jagdkommando losschicken, um das Holz »auszuleihen«.

Zurück im Zelt fragte ich nach Freiwilligen. Alle Soldaten meldeten sich, und Floyd wählte drei von ihnen und einen Sergeant aus. Als es dunkel war, erklärte ich den Freiwilligen die Bedingungen ihres Einsatzes. »Wenn ihr erwischt werdet, behaupte ich, nichts von eurer Tat gewusst zu haben. Ihr seid also auf euch allein gestellt, verstanden?«

Die vier Männer nickten und fuhren hinaus in die Dunkelheit auf die erste Mission unseres Zuges in diesem Krieg.

Mit meiner Rhetorik wollte ich die Jungs dazu anhalten, sich zu konzentrieren und vorsichtig zu sein; doch sollten meine Soldaten tatsächlich erwischt werden, würde ich natürlich die volle Verantwortung übernehmen. Als Zugführer war ich zuständig für alles, was der Zug tat. Und während die vier sich auf ihrer Mission befanden, lief ich pausenlos um das Zelt herum und übte ein, was ich dem Bataillonskommandeur im Fall des Falles erzählen würde. Dass ich SFC Floyd und den anderen Soldaten gegen ihren Widerstand befohlen hatte, das Holz zu stehlen. Zweifellos würde ich als Zugführer entlassen werden, was dem Ende meiner Karriere gleichkäme. Wegen Holzdiebstahls entlassen zu werden wäre allerdings ein Witz, verglichen mit dem, was im Irak auf uns wartete.

Die Vereinigten Staaten von Amerika. Das reichste Land der Welt mit einem Verteidigungsetat, der damals fast dem Verteidigungsetat aller anderen Länder der Welt zusammen entsprach, aber die amerikanischen Infanteristen, die diesen Krieg kämpfen mussten, hatten nicht einmal die einfachste Ausrüstung. Eine unverantwortliche Schweinerei. Darum fühlte ich mich – Karriere hin oder her – verpflichtet, die Verantwortung zu übernehmen. Und wenn das hieß, Holz klauen zu müssen, dann war es eben so.

Gegen zwei Uhr morgens fuhr ein Humvee ohne Licht auf unser Zelt zu. Mit glühenden Gesichtern zeigten mir die »Räuber« ihre Beute: drei Platten und einige Kanthölzer. SFC Floyd stellte sofort eine Wache auf, um die Beute zu schützen. Die Mission war erfüllt worden; dennoch spürte ich immer noch einen unangenehmen Knoten im Bauch.

Bei Sonnenaufgang standen alle Soldaten des Zuges neben den beiden Humvees. Die Stimmung hatte sich deutlich gebessert. Gespannte Aufregung und neue Energie durchströmten uns, als unsere »Räuber« von unmittelbarer Gefahr erzählten; fast seien sie festgenommen worden. Die Soldaten mit handwerklichen Fähigkeiten hatten schon einen Plan ausgearbeitet. Floyd wollte mir von diesem Plan berichten, aber ich sagte, er solle ihn einfach umsetzen. Die Jungs wüssten doch viel besser als ich, wie das Holz bestmöglich zu verwenden war. Hauptsache, die Humvees überstanden die 800 Kilometer bis zu unserem Stützpunkt und den anschließenden Einsatz in Samarra.

Der Klang von Hämmern und einer Kreissäge begleitete uns den ganzen Tag über, und als die Dunkelheit hereinbrach, liehen uns die Mechaniker einen Generator mit Beleuchtungsstativ, sodass die Arbeit an den Humvees weitergehen konnte. Als ich Floyd fragte, wo er die Säge herbekommen habe, grinste er.

»Welche Säge?«

»Na, die, die solchen Lärm macht natürlich.«

»Ach, die meinen Sie.« Sein Grinsen wurde noch breiter. »Also, die haben wir bei OBI in Schweinfurt gefunden … Glaube ich.«

Dabei ließ ich es bewenden.

Nur acht der zweiundzwanzig Soldaten aus dem Zug würden in den beiden Humvees fahren, aber jeder Soldat arbeitete, als müsste er selbst mitfahren. Einer von ihnen hieß Sampler. Er war Specialist (SPC)12 und um die zwanzig Jahre alt. Wie die meisten jungen Infanteristen in der US-Armee hatte er keine berufliche Ausbildung. Vielleicht war er von einem Job zum nächsten gewechselt, bis er eines Tages in der Armee gelandet war. Dieser Sampler war wie ein wilder junger Bock, der ständig von einer Seite des Humvee auf die andere rannte.

Als ich den Zug im Mai 2003 übernommen hatte, war es mit ihm auch nicht gerade einfach gewesen. An jedem zweiten oder dritten Montagmorgen ließ er sich nicht beim Fitnesstraining blicken, sondern tauchte erst im Laufe des Vormittags auf. Völlig verkatert. Disziplinarmaßnahmen im Zug waren eigentlich Floyds Sache, aber irgendwann wurde es mir zu viel. Wieder war Sampler nicht zum Training erschienen.

»Hey, Sergeant Floyd, wenn Sie den jetzt nicht endlich so richtig anscheißen, mach ich das!« Verärgert lief ich zu dem kleinen Laden der Kaserne, um mir einen Kaffee zu kaufen. Dort fiel mein Blick auf das Titelblatt der aktuellen Newsweek. Zwei Frauen neben Mayra Orozco. Die Titelgeschichte lautete The Lives Left Behind (Die zurückgelassenen Leben). Ich kannte Mayra. Sie war die Frau von Lieutenant Osbaldo Orozco, der vor wenigen Monaten im Irak gefallen war. Ich hatte ihn und seine Frau an der Infanterieschule in Fort Benning13 kennengelernt und sie sonntags des Öfteren zum Grillen besucht. Ich wusste, dass Osbaldo gefallen war, aber es war ein Schreck, seine Frau auf dem Titelblatt eines nationalen Nachrichtenmagazins zu sehen. Der Irakkrieg kroch allmählich in meine Lebenswirklichkeit hinein.