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Es ist 5 Uhr früh: Wie jeden Tag, seitdem Dad bei ihr eingezogen ist, schallt der Seewetterbericht aus dem Radio durch das Haus. Schließlich pflegt man auch mit 95 seine lieben Gewohnheiten... Ob es eine gute Idee war, Jim zu sich zu nehmen, bezweifelt Tessa noch: Erst der Brustkrebs, dann die Scheidung von Richard und nun der Auszug der ältesten Tochter - hat Tessa überhaupt die Kraft, sich um ihren Vater zu kümmern? Doch seine schrullige Art und seine schonungslosen Lebensweisheiten tun ihr gut. Schon bald heilen alte Schmerzen und neue Lebensfreude kommt auf.
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Seitenzahl: 369
Veröffentlichungsjahr: 2014
Tessa Cunningham
IRGENDWIEWIEFRÜHER
Als mein Vater mit 95 bei mir einzog
Aus dem Englischen von Marion Hertle
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2012 by Tessa Cunningham
Originalverlag: Sidgwick & Jackson an imprint of Pan Macmillan,a divison of Macmillan Publishers Limited
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Anne Fröhlich
Umschlagmotive: © Masterfile/Uwe Umstätter; © Shutterstock.com
Umschlaggestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de
Datenkonvertierung E-Book:
hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-8387-5340-9
Sie finden uns im Internet unterwww.luebbe.deBitte beachten Sie auch: www.lesejury.de
Für meine Mutter Tess und meine Schwester Hilary
Als ich den drückend heißen Raum betrat, spürte ich, wie mir der Schweiß ausbrach. Ich setzte ein Lächeln auf und stellte mich auf die Menschen ein, die ich gleich treffen würde. Zum Beispiel Minnie, die auf mich zukommen, mir eine Malteser-Schokokugel in die Hand drücken und dann aufgeregt erzählen würde, dass ich sie morgen nicht mehr antreffen würde, denn sie dürfe nach Hause. Ich würde nicken trotz des Wissens, dass sie auch am nächsten Tag in dem grünen Sessel sitzen würde. Und ich würde wieder so tun, als ob ich mich für sie freue.
Dann war da noch Aggie, die mich fragen würde, ob ich heute Nacht Dienst hatte. Egal was ich antwortete, fünf Minuten später würde sie noch einmal fragen. Und Geoff, der mir immer mit düsterer Stimme zuflüsterte, dass Diebe unterwegs seien und ich auf meine Schuhe achten solle. In die Versuchung, meine Schuhe auszuziehen, bin ich noch nie gekommen. Das mag mit den klebrig wirkenden Bodenfliesen zu tun haben. Aber ich hatte bisher nicht die Energie, ihm das zu erklären.
Gladys eitrige Beine waren so geschwollen, dass ich ihren Anblick kaum ertrug. Sie konnte nicht sehr weit gehen oder sich schnell bewegen, aber sie lächelte immer fröhlich und rief: »Guten Morgen!«, egal zu welcher Tageszeit.
Und dann Dad. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was er über dieses ganze Szenario dachte. Ehrlich gesagt, traute ich mich nicht ihn zu fragen, weil auch ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Noch vor ein paar Monaten hatte Dad ein völlig normales, unabhängiges Leben in seiner eigenen, blitzblanken Wohnung geführt. Er kochte für sich, wusch selbst seine Wäsche, und seine makellosen Kleider waren Beweis genug, dass er immer noch ein Fachmann am Bügeleisen war. Jede Woche löste er das Kreuzworträtsel in der Sunday Times und weigerte sich verbissen aufzuhören, bevor jedes Kästchen ausgefüllt war. Unter Einschlaflektüre verstand er Dickens und Shakespeare. Weil ich nur zwei Straßen weiter wohnte, schaute ich alle paar Tage bei ihm rein, und sonntags kam Dad immer zu uns zum Essen, aber darauf beschränkte sich der Kontakt zwischen uns auch schon.
Mit seinen 95 Jahren machte ihm lediglich seine Arthritis im Knie zu schaffen. Ihretwegen hatte er das Golfspielen aufgeben müssen und auch den Tanztee – ein Hobby, das er mit 86 begonnen hatte, nachdem Mutter gestorben war und sich ihm ein ganz neues Leben auftat. Trotzdem ging er immer noch jeden Tag zur Bushaltestelle – wenn auch am Stock – und fuhr in die Stadt, wo er sich einen Kaffee und ein Stück Sahnetorte im Café von Marks & Spencer genehmigte. Seine Zähigkeit und seine Lebensfreude hatten mich glauben lassen, dass es einfach immer so weitergehen würde. Deshalb war ich genauso schockiert wie er selbst, als Dad im Juni 2010 auf dem kurzen Weg von der Küche zu seinem Sessel mit der Kaffeetasse in der Hand stürzte.
Er landete auf dem Hintern und konnte nicht mehr aufstehen. Zum Glück trug er den Notfallpiepser, den er sich erst kürzlich angeschafft hatte, um den Hals. Er drückte ihn und die Telefonzentrale rief ihm einen Krankenwagen.
Ich spazierte gerade durch die Straßen von Paris und überlegte, in welchem Restaurant ich heute speisen sollte, als mein Handy klingelte und ich plötzlich Sandra an der Strippe hatte, eine Sanitäterin. Dad lag auf einer Rettungstrage und sollte ins Krankenhaus gebracht werden. Ich versuchte, ein paar Fragen zu stellen, aber die Verbindung war schlecht und ich ohnehin viel zu überrascht, um die Antworten zu verstehen. Aber selbst in meinem benebelten Zustand klangen ihre Worte »Vielleicht hat er sich die Hüfte gebrochen« wie eine Alarmglocke in meinen Ohren.
Ich bat sie, das Telefon an Dad weiterzugeben. Dad ist fürchterlich schwerhörig. Manchmal ist das lustig, manchmal bringt es einen aber auch auf die Palme. Und manchmal, wie in dieser Situation, ist es eine Qual. Motorräder schossen an mir vorbei und elegante Pariser warfen mir bei ihrem Abendspaziergang verächtliche Blicke zu, als ich ins Telefon brüllte, dass ich ihn liebte. Konnte er mich hören? Hatte er mich verstanden? Dad tat alles ganz leichthin ab. »Mach dir keine Sorgen um mich, Liebes. Amüsiere du dich mal«, sagte er.
Aber wie könnte ich das? Wenn er sich die Hüfte gebrochen hatte, zog das eine Operation nach sich – so viel wusste ich. Und das konnte in seinem Alter tödlich sein. Ich rief meine Brüder an – Andy war gerade beim Glastonbury Festival, Simon in seiner Wohnung in Edinburgh –, und beide reagierten genauso erschrocken und hilflos wie ich. Zum Glück versprach Andy, dass er am nächsten Morgen nach Winchester fahren würde.
Als ich mein Handy wieder in meine Handtasche schob, stieg Angst in mir auf. Und Wut, auf mich – und auf Dad. Ich war erst heute Morgen abgereist. Warum zur Hölle musste das ausgerechnet dann passieren, wenn ich zu weit weg war, um helfen oder irgendwas unternehmen zu können? Ich war mit meiner Tochter Ellen, die bald neunzehn wurde, über ein verlängertes Wochenende nach Paris gefahren, während Elise, ihre siebzehnjährige Schwester, auf einer Klassenfahrt in Nizza war. Die Reise bedeutete uns viel, denn Ellen würde bald zur Uni gehen. Im September begann ihr Kunstgeschichtsstudium am Courtauld Institut in London. Vor ihr lag ein neues, aufregendes Leben, und dieses Wochenende sollte ein kleines Fest werden. Ich hatte mir Vormittage im Louvre oder im Musée d’Orsay ausgemalt, Nachmittage beim Schaufensterbummel und Abende in schicken Cafés mit ein paar Gläsern kühlem Wein und Gesprächen, für die wir zu Hause nie genügend Zeit hatten – und bald würden wir sie vielleicht gar nicht mehr haben. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass wir uns an diesem Abend im Restaurant über den Tod unterhalten würden.
Wie die meisten Kinder – und das gilt auch für erwachsene Frauen um die fünfzig – hatte ich Dads Anwesenheit in meinem Leben immer als selbstverständlich empfunden. Genauso ging es Ellen. Als liebevoller und energiegeladener Großvater hatte er ihr alles Mögliche beigebracht, vom Seilspringen bis zum Stundenplänemachen. Ich versuchte zusammenzufassen, wie ich über Dad dachte und wie er sich jetzt fühlen musste: »Er hatte ein wunderbares, reiches Leben«, sagte ich. »Wenn er weiterkämpfen will, wird er das tun. Aber wenn er beschließt, dass er genug hat, wird er sich auch vor dem Tod nicht fürchten.«
Aber die Wahrheit war, dass ich mich vor seinem Tod fürchtete. Und genauso ging es Ellen. Nicht nur, weil wir uns nicht von ihm verabschiedet hatten. Sondern vor allem, weil wir ihm nicht genug gezeigt hatten, wie sehr wir ihn schätzten. Das ist wie mit meinem Toaster: Ein Leben ohne ihn kann ich mir nicht vorstellen, aber ich begrüße ihn nicht jeden Morgen mit unbändigem Jubel und rufe: »Ich danke dir, dass du für mich da bist!« Wenn ich schonungslos ehrlich sein will, muss ich zugeben, dass die Besuche bei Dad zu einer Pflicht in meinem stressigen Leben geworden waren. Hektisch stürmte ich bei ihm herein, auf dem Weg zu irgendeinem Termin, und hatte manchmal nicht mal die Zeit für eine Tasse Tee mit ihm. Ich schaute in den Kühlschrank, strich über die Arbeitsflächen (mittlerweile kam alle zwei Wochen eine Putzfrau) und hatte das Gefühl, meine Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben. Stets schwor ich mir, das wiedergutzumachen, wenn irgendwann einmal mehr Zeit war – als ob das etwas wäre, was ich kontrollieren kann. Wie dumm von mir. Gerade ich hätte wissen müssen, dass die Zeit nicht in planbaren Einheiten verteilt wird, und vor allem, dass sie niemals stillsteht. Sie schießt Seitenstraßen entlang, rast in Sackgassen hinein und bohrt sich in Bergabhänge. Und dann, eines Tages, wahrscheinlich wenn man am wenigsten damit rechnet, geht sie einem komplett aus.
Die arme Ellen machte sich ganz ähnliche Vorwürfe, hatte aber viel weniger Grund dazu. Sie war neun Monate in Rom gewesen, wo sie als Au-Pair-Mädchen gearbeitet hatte. Zuvor hatte sie für ihr Abitur gelernt und davor für die Mittelstufe. Kein Wunder, dass die Besuche bei ihrem Großvater im Tumult des Erwachsenwerdens ein wenig aus dem Fokus geraten waren. Sie hatte ihm aus Rom geschrieben, das wusste ich, weil er mir voller Stolz ihre Briefe gezeigt hatte. Aber die Kombination aus seiner Schwerhörigkeit und ihrer Angewohnheit, wie ein Wasserfall zu reden, hatte dazu geführt, dass keine tiefere Verbindung zwischen ihnen entstanden war.
»Aber er war immer so lieb zu mir«, schluchzte sie. »Weiß er, wie lieb ich ihn habe?«
Ich wusste, dass er das tat. Ich hoffte, dass er auch wusste, wie sehr ich ihn liebte. Aber das machte es für uns beide auch nicht leichter. Was Elise anging – ich hatte mich noch nicht getraut, ihr von dem Unfall zu erzählen. Sie liebte ihren Grandpa heiß und innig, und ich beschloss, dass es keinen Sinn hatte, sie zu beunruhigen, wenn wir ohnehin allesamt nichts tun konnten.
Am nächsten Morgen rief Andy an. Er war in Winchester, und Dad sollte direkt an der zertrümmerten Hüfte operiert werden. Andy wirkte sehr ruhig. Auch ich versuchte ruhig zu bleiben. Aber die Erleichterung war unglaublich, als er ungefähr sechs Stunden später anrief, um zu berichten, dass alles gut verlaufen war. Dad hatte keine Vollnarkose gebraucht. Er hatte es geschafft.
Aber obwohl ich wusste, dass nichts je wieder so sein würde wie früher, hatte ich nicht damit gerechnet, wie zerbrechlich Dad jetzt war. Das wurde mir erst klar, als ich zwei Tage später nach Hause kam. In seinem Krankenbett auf Kissen gestützt, wirkte er klein und verloren wie ein Kind. Nachdem wir uns umarmt hatten, fiel es ihm schwer, mir zu erzählen, was passiert war, und er schien nicht genau zu wissen, warum er Schmerzen hatte. »Sie sagen mir, dass ich operiert worden bin«, wiederholte er immer wieder. »Ich erinnere mich an gar nichts.«
»Das macht nichts, Dad. Bald bist du wieder auf den Beinen«, beschwichtigte ich ihn. Und ein Teil von mir glaubte auch, dass das stimmte. Dad war immer so aktiv und voller Energie gewesen, ich konnte mir kaum vorstellen, dass er nicht mehr so herumspringen würde wie früher. Aber auch wenn Dad sich dank seiner robusten Gesundheit von der Operation erstaunlich schnell wieder halbwegs erholte, baute er immens ab. Die Kombination seiner Arthritis mit der invasiven Chirurgie führte dazu, dass er unglaublich tatterig wurde. Nach zwei Wochen begann er mit der Physiotherapie. Er wurde aus dem Bett geholt und mit einem Rollator ausgestattet.
Es wirkte so lächerlich wie tragisch. Dad hatte immer über Gehhilfen gelacht. »Die sind doch nur für arme Krüppel«, hatte er gebrummt. Und jetzt stand er da und versuchte klaglos sein Schicksal zu akzeptieren – nur gelang ihm das nicht wirklich. Obwohl er sich die Krankenhausmahlzeiten ordentlich schmecken ließ – wahrscheinlich ist er der einzige Mensch auf der Welt, der jeden Tag bereitwillig übel riechende Fischpastete und Marmeladenstrudel mit Vanillesoße verschlingen kann –, sprach er sehnsüchtig davon, wieder nach Hause zu gehen. »Wenn ich das Ding hier erst los bin«, sagte er und machte eine ungeduldige Geste Richtung Rollator, »geh ich wieder raus und spazieren. Vielleicht kann ich mit meiner neuen Hüfte sogar wieder tanzen gehen!«
Ich wollte ihm glauben. Das Vertrauen darauf, dass die Eltern schon wissen, wovon sie reden, ist eine Angewohnheit, die man nur schwer loswird. Die Ärzte scheuten sich vor einer Prognose. »Alles ist möglich«, sagten sie. Also packte ich drei Wochen nach dem Unfall Dads Tasche, half ihm in den Krankenhausrollstuhl und fuhr ihn zu einem nahe gelegenen Pflegeheim, das gern bereit war, ihm einen temporären Platz und Pflegekräfte zur Verfügung zu stellen, bis er wieder genug Kraft hatte, um unabhängig in seiner eigenen Wohnung zu leben.
Während ich mich in seinem kleinen Schlafzimmer inklusive Bad und Küche umsah, versuchte ich den Geruch nach alter Kleidung und Mikrowelleneintöpfen zu ignorieren. Zum Glück war Dad schon immer jemand gewesen, der das Beste aus einer Situation machte und über unangenehme Dinge einfach hinwegsah.
»Schön hier.« Er grinste, als er die Leselampe neben seinem Bett untersuchte. »Der gleiche Komfort wie zu Hause.«
Ein wenig zu schnell stimmte ich ihm zu und fühlte mich sofort schlecht deswegen.
Ich sagte mir immer wieder, dass es nur eine vorübergehende Lösung sei, bis er wieder auf den Beinen war. Aber als aus Tagen Wochen wurden, sah ich irgendwann ein, dass sich Dad nicht mehr erholen würde. Er war zu gebrechlich, um eine Treppe hinaufzugehen. Ohne seinen Rollator konnte er nicht stehen – und selbst mit ihm schaffte er es lediglich, einmal quer durch den Raum zu humpeln, ehe er sich unter Schmerzen in den nächsten Sessel sinken ließ. Dass er nicht stehen konnte, bedeutete, dass er die einfachsten Dinge nicht mehr selbst erledigen konnte. Er konnte sich nicht anziehen und, viel schlimmer, er konnte sich nicht alleine waschen. Pfleger mussten ihm sogar bei den intimsten Vorgängen helfen.
Ich wusste nicht, ob ich traurig oder erleichtert darüber sein sollte, dass Dad über seine Situation nicht viele Worte verlor. Tatsächlich war er ziemlich gefasst und tat so, als würde er die Aufmerksamkeit genießen, die ihm zuteilwurde. »Die Pflegerinnen waschen mir sogar die Füße. Ich fühle mich wie ein Sultan, der von Sklavinnen umgeben ist«, scherzte er.
Das seltsame Verhalten seiner betagten Mitbewohner schien er gar nicht wahrzunehmen. Im Gegensatz zu Dad, der nur zur Rehabilitation im Heim war, lebten die meisten Bewohner dauerhaft dort, weil sie geistig oder körperlich nicht mehr in der Lage waren, sich selbst zu versorgen. In erster Linie waren es Frauen – was sicher daran liegt, dass Frauen länger leben als Männer –, die sich vom Frühstück bis zum Nachmittagstee im Gemeinschaftsraum versammelten. Unnötig zu sagen, dass der Neuankömmling – ein adrett aussehender Mann obendrein – dort einigen Wirbel verursachte. Sie buhlten darum, wer neben ihm sitzen durfte, strichen ihm übers Haar, gaben ihm Gutenachtküsse und sagten mir mehrfach, was für ein gut aussehender Mann er sei.
Am Anfang verzog Dad noch das Gesicht, wenn sie gerade nicht hersahen, und machte eine Geste, als würde er ihnen den Hals umdrehen, weil er ihr Gehabe lächerlich fand. »Wie die Hühner«, zischte er. Aber mit der Zeit akzeptierte er die Situation immer mehr. Er las keine Bücher mehr, und wenn ich ihn besuchte, fragte er mich nicht mehr, wann er nach Hause gehen könne. Fast schien es, als hätte er sich mit seinem Schicksal abgefunden und sein Leben aufgegeben – oder zumindest all die Dinge, die er bisher genossen hatte.
»Es ist gar nicht so schlecht hier, Liebes«, sagte er eines Tages zu mir. »Ich könnte mich dran gewöhnen.«
Ich selbst fand mich immer mehr damit ab, dass er nicht mehr nach Hause kommen würde. Und selbst Dad, der sich immer gern völlig unrealistischen Vorstellungen hingab, akzeptierte es. Selbst mit der Hilfe von Pflegepersonal wäre sein altes Leben freudlos gewesen. Zu Dads Zweizimmerwohnung führte eine steile Treppe, und vor der Haustür waren noch mehr Stufen. Die Wohnung zu verlassen wäre ein beinah unmögliches Unterfangen für ihn.
Ein Pflegeheim – und falls nicht dieses, dann eben ein anderes – schien die einzige Lösung. Widerwillig begannen meine Brüder und ich die Örtlichkeiten zu diskutieren. Aber eines Tages passierte etwas – etwas kaum Wahrnehmbares, und es wäre mir auch fast entgangen.
Ich nahm Dads Hand, verabschiedete mich, und er küsste meine Wange. Seine Hand – wann war sie nur so klein und schmal geworden? – hielt meine noch ein wenig länger fest. Als ich ihm in die Augen sah, erkannte ich darin ein Flehen, das er nie in Worte gefasst hätte, weil er dazu viel zu stolz war: ›Ich habe Angst. Bitte bring mich nach Hause.‹
Abschiede habe ich schon immer gehasst. Es hat zu viele von ihnen in meinem Leben gegeben. Einige zogen sich schmerzlich in die Länge, ein paar waren dramatisch, andere bitter und manche so plötzlich, dass ich gar nicht die Chance hatte, Abschiedsworte auszusprechen. Aber dieser hier war so sanft und würdevoll, dass er mir den Atem raubte. Und ich hatte es noch nicht einmal kommen sehen.
Ich führte mir all die Gründe vor Augen, warum Dad nicht bei mir wohnen konnte. Ich hatte einen anspruchsvollen, zeitraubenden Job als Journalistin; mein Haus stand zum Verkauf; ich hatte gerade erst den Brustkrebs besiegt; ich befand mich mitten in einer Scheidung; Ellen sollte bald zur Uni gehen und Elise würde ihr in ein paar Monaten folgen. Brauchte ich etwa noch mehr Umbrüche? Ich wünschte mir mein altes Leben zurück, bevor dieser ganze Stress alles auf den Kopf gestellt hatte. Aber irgendwie – so schlagkräftig die Argumente auch waren, keins von ihnen hielt wirklich Stand, wenn man es der alles überstrahlenden Tatsache gegenüberstellte: Bei mir wäre Dad glücklich. Und ich wäre doch sicher nicht unglücklich – oder?
Und so sprang ich an diesem Tag im August 2010 ins kalte Wasser und bot ihm an, bei mir zu wohnen. Erst nach vielen Monaten, nachdem Dad und ich uns wirklich nahegekommen waren, erkannte ich, dass ich schlicht und einfach das tat, was ich von ihm gelernt hatte – ich folgte meinem Bauchgefühl und preschte vor, ohne Rücksicht auf die Folgen. Dad würde bei mir wohnen, solange es funktionierte. Meine Brüder waren erleichtert. Die Mädchen waren aufgeregt. Viele meiner Freunde, vor allem die mit alternden Eltern, erklärten mich für verrückt und machten sich Sorgen, dass mich das alles überfordern würde. Und was Dad anging – er strahlte vor Freude, versuchte es mir aber trotzdem auszureden.
»Ich werde dir keine große Hilfe sein, Liebes«, gestand er bedauernd ein.
›Die Untertreibung des Jahrhunderts‹, dachte ich, als ich wieder zu Sinnen kam und erkannte, wie viel mich die ganze Sache allein an Vorbereitung kosten würde und wie viele Hürden sich mir in den Weg stellten. Meine Liste sah ungefähr so aus: a) meinem Ex-Mann beibringen, dass ich das Haus doch nicht verkaufe; b) mir einen neuen Plan ausdenken, wie ich Geld auftreiben kann, um ihn auszuzahlen; c) Derek, den Installateur, anrufen, damit er ein Bad für Dad einrichtet; d) Dads Wohnung leerräumen, sodass sie weitervermietet werden kann; und e) mich für die nächste Zeit von meinem Sozialleben verabschieden.
Aber ich lag völlig falsch. Seit Dad mit seinem Rollator, seiner Sammlung von Hörgerätbatterien, seinen mit Monogramm bestickten Taschentüchern und seinen Pfefferminzbonbons bei mir eingezogen ist, hat er mir mehr geholfen, als ich es mir je hätte vorstellen können. Und das einfach nur, indem er er selbst war. Mein Dad.
Die blanke Wahrheit ist, dass sich mein Leben zum Zeitpunkt von Dads Einzug im freien Fall befand. Von Wut und Angst gezeichnet, taumelte ich noch unter dem Schock all der Dinge, die passiert waren, und fürchtete mich vor allem, was mir bevorstand. Jetzt ging die rasende Fahrt weiter, und zwei weitere Hürden stellten sich mir in den Weg: Ich musste mein Haus verkaufen und mich von Ellen verabschieden. Das Leben hat mir deutlich genug gezeigt, dass nichts von Dauer ist – weder die Gesundheit noch die Ehe (oder zumindest nicht meine) –, weshalb ich vermutlich viel zuversichtlicher war, Dad bei mir aufzunehmen, als ich es noch vor einem Jahr gewesen wäre. Genau jetzt erschien es mir ein guter Plan zu sein, und das genügte.
Aber ich hatte nicht geahnt, dass mir das Leben mit Dad einen Crashkurs in Selbstheilung bescheren würde. Dad ist so wenig ein Guru, wie man nur sein kann. Er kann Miesepeter nicht ausstehen, lässt gerne mal taktlose Bemerkungen ab und ist, weil er taub ist, definitiv nicht der weltbeste Zuhörer. Aber er hat sich selbst beigebracht, mit Traumata und Tragödien umzugehen, die die meisten Leute umgehauen hätten. Im Rückblick auf ein langes Lebens, das 1915 – mitten im Ersten Weltkrieg – begonnen hat, gibt es wenig, was er nicht gesehen hat.
Jeden Tag sagt er etwas, das mich überrascht – durch Weisheit, Humor oder nur gesunden Menschenverstand –, aber alles zeugt von einem erfüllten Leben und einem Herzen, das noch immer kraftvoll schlägt. Es sind nicht nur seine Worte, sondern auch seine Taten, die seinen Lebensgrundsätzen Ausdruck verleihen. Zuletzt habe ich 1977 mit Dad zusammengelebt. Mit neunzehn stand ich in den Startlöchern für die Universität in Oxford und sehnte mich nach Unabhängigkeit. Was Dad dachte, interessierte mich nicht die Bohne. Obwohl ich ihn natürlich liebte und respektierte, hatte ich sicher nicht das Gefühl, ihn zu brauchen oder irgendwas von ihm lernen zu können.
Aber: Auf die sanfteste und angenehmste Art und Weise hat sich das Leben mit Dad als Lehrgang entpuppt. Er hat mir beigebracht, wie man die Vergangenheit loslässt und jede Sekunde der Gegenwart genießt. Ich habe gelernt, mir meine Fehler zu vergeben und auf die Dinge, die ich gut gemacht habe, stolz zu sein. Natürlich habe ich ein paar dieser Lektionen bereits als kleines Mädchen auf dem Schoß meines Vaters gelernt. Ich konnte sie nur nicht immer in die Tat umsetzen.
Hier bekommen Sie von mir also dank meines Vaters eine Anleitung zum Glücklichsein. Ich hoffe, Sie brauchen diese Anleitung nicht so sehr wie ich.
Ich habe mich oft gefragt, was passiert wäre, wenn ich Dad an diesem schicksalhaften Tag im Pflegeheim gelassen hätte, nach Hause gefahren wäre, mir die Ratschläge von Freunden und Familie zu Herzen genommen und lange und gründlich darüber nachgedacht hätte, was zu tun war und was ich alles aufgeben musste, ehe er bei mir einziehen konnte.
Hätte ich es mir dann anders überlegt? Wäre ich zu dem Schluss gekommen, dass es alles zu anstrengend und die Verantwortung zu groß wäre? Gut möglich. Aber ich habe mich nicht so entschieden. Tatsächlich war mein Leben in den Jahren zuvor wohl so unvorhersehbar gewesen, dass ich Veränderungen nicht mehr so sehr fürchtete wie früher. Auf diesen Augenblick war ich nicht vorbereitet. Dad war immer fit und stark gewesen. Ich hätte mir eher vorstellen können, dass er eines Tages auf dem Golfplatz oder auf der Tanzfläche einfach tot umfällt. Der Gedanke, dass mein energiegeladener, unerschütterlicher Vater irgendwann schwach und auf ein Pflegeheim angewiesen sein könnte, war unvorstellbar – und ist es immer noch. Und obwohl ich nie aktiv geplant hatte, Dad bei mir einziehen zu lassen, hatte ich die Möglichkeit doch nicht ausgeschlossen. Nur auf den Augenblick, in dem ich diese Entscheidung tatsächlich treffen musste, war ich nicht vorbereitet. Aber jetzt war es so weit, und mein Herz rief: »Tu es! Tu es!« Und ich wusste, so beängstigend es auch war, dass ich das Richtige tat.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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