Isabell - Christel Bott - E-Book

Isabell E-Book

Christel Bott

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Beschreibung

Dieses Buch beruht auf wahren Begebenheiten. Eingebettet in die politischen Auswüchse der Hitlerzeit und den folgenden Kriegswirren werden die ersten zwölf Jahre der Isabell Goldbach in Berlin beschrieben. Mit zweieinhalb Jahren ohne Abschied der Mutter entrissen, wuchs sie wohlbehütet und gut versorgt, aber ohne Trost, bei den Großeltern auf. Bei zwei Menschen, die geprägt waren durch Krieg, Armut, Inflation und wieder Krieg. Es spiegelt die sozialen und hygienischen Verhältnisse wider und die Strapazen, die sie auf sich nahmen. Sie meisterten alles ohne die technischen Erleichterungen, die der heutigen Generation zur Verfügung stehen. Mehrmals von Bomben getroffen, überfallen, beraubt und am Ende alles verloren. Aber sie lebten.

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Seitenzahl: 314

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Die Autorin Christel E. Bott wurde 1937 in Berlin geboren. Sie hat dort als junges Mädchen die Kriegsjahre sowie die Nachkriegszeit miterlebt.

Inhalt

Vorwort

1937: Eine verhängnisvolle Ehe beginnt

1939: Isabells Entführung

1940: Der Krieg kommt nach Deutschland

1941: Dietrichs Geschäfte und der Einmarsch in Russland

1942: Flächenangriffe bringen Tod und Vernichtung

1943: Ausgebombt und Attentate auf Hitler beginnen

1944: Granatsplitter als Spielzeug und BBC hören

1945: Die Russen kommen

1946: Das erste Zeugnis

1947: Massensterben, der kalte Krieg beginnt

1948: Blockade, Krankheit, Tod

1949: Eine schwere Entscheidung

Epilog und Quellennachweise

Vorwort

Ich danke meinen Söhnen Tom Loff und Christian Bott, durch deren Mithilfe dieses Buch veröffentlicht werden konnte.

Sophie und Dietrich Goldbach waren ein Ehepaar, das große Hochachtung verdiente. Dieses Werk dokumentiert, wie zwei starke, mutige Menschen sich unter Willkür und im Krieg verhielten. Ihre Weitsichtigkeit und Klugheit ersparten ihnen größere Hungersnöte. Durch ihre Selbstdisziplin während des Krieges ermöglichten sie Isabell, diese Jahre ohne Angst zu überstehen.

Bereit das Risiko einzugehen, halfen sie den Juden in ihren leider sehr begrenzten Möglichkeiten.

Isabell wurden alle Arbeiten rund um Garten und Haus beigebracht. Sie interessierte sich für alles, ahnte aber nicht im Geringsten, dass es vielleicht einmal hilfreich sein könnte, um zu überleben.

Selbst die unheilbare Krankheit ihrer Großmutter wurde ihr nicht bewusst und den Tod hätte der Großvater ihr am liebsten verschwiegen. Dass sie keinen Trost vermitteln konnten, lag wohl in der Zeit begründet, in der sie lebten. Im Gegensatz zu heute, war es damals verpönt Gefühle zu zeigen.

1937: Eine verhängnisvolle Ehe beginnt

Genau genommen begann das Drama schon am 4. Dezember 1936. Franz Goldbach heiratete Johanna Bleich und niemand wollte die Bedenken von Dietrich Goldbach zur Kenntnis nehmen. Er war der Einzige, der die Verbindung richtig und als äußerst kritisch einschätzte. Franz kannte er nur zu gut. Ihm war klar, das konnte nicht gut gehen. Er, der ihn adoptiert hatte, hätte gerne in ihm einen Sohn gehabt. Aber Franz hatte einen Charakter, der es nie zuließ Dietrich zu akzeptieren. Er war jähzornig und krankhaft eifersüchtig. Beides Eigenschaften, die keine gute Voraussetzung für eine Ehe mit einer bildschönen jungen Frau versprachen. Franz sah mit seiner schlanken Figur und dem dunkelbraunen Haar sehr gut aus, nur war das keine Garantie für eine lebenslange, harmonische Zweisamkeit. Dennoch, auf Dietrich hörte niemand. Franz fühlte sich geschmeichelt und Sophie Goldbach gönnte ihrem Sohn das Glück.

Damit begann ganz langsam und schleichend etwas, das in einer Katastrophe enden musste.

Geheiratet wurde, weil Johanna schwanger war. Das unterschiedliche, geistige Niveau war für Franz Goldbach kein Hindernis.

Er war der Mann und er bestimmte.

Als Erstes befahl er ihr, den Arbeitsplatz zu kündigen. Nach dem Gesetz hatte er das Recht dazu. Dabei hätte sie als Laborantin gutes Geld nach Hause gebracht.

Er, ohne Ausbildung, wurde als Lagerverwalter von UFA-Handel am Dönhoffplatz angelernt. Was er dort monatlich in seine Geldbörse stecken durfte, waren für vier Personen keine Reichtümer! Johanna hatte schon ein Kind. Der kleine Bub Werner war gut ein Jahr alt.

Franz schwebte irgendwo oben auf einer Wolke. Eine so gut aussehende Frau konnte er sein Eigen nennen! Jeder drehte sich nach ihr um, wenn sie ausgingen. Aber sie gehörte ihm. War sein Eigentum. Ja, sie war schön. Hatte eine tadellose Figur und trotz blonder Locken einen scharfen Verstand. Jetzt, in der Ehe mit Franz, durfte sie so ganz allmählich, Stück für Stück, begreifen, was ein Zusammenleben mit ihm bedeutete. Verwöhnte er sie vorher noch, brauchte er das jetzt nicht mehr. Er hatte sie ja bekommen.

In der folgenden Zeit versuchte er, sie zu einem recht- und meinungslosem Wesen zu degradieren. Er hatte sein erstes Opfer gefunden, sie musste sich ihm unterordnen. Immer ein bisschen mehr. Niemand konnte ihm dabei in die Quere kommen.

Der Zeitpunkt kam, an dem Johanna jeden Moment damit rechnete, das Baby zu bekommen. Obwohl sie schon leichte Wehen hatte, ging Franz zum Betriebsfest. Warum sollte er bei seiner Frau bleiben? Es würde ja doch noch eine Weile dauern. Johanna war traurig und verletzt, dass er in dieser schweren Stunde nicht bei ihr blieb. Was, wenn das Kind doch früher käme? Warum war er so herzlos, sie mit den Wehen, die ihr Schmerzen verursachten, allein zu lassen? Warum kein tröstendes Wort von ihm?

Erst am nächsten Morgen kam er nach Hause. Die Wohnung war leer. Hatte er ein schlechtes Gewissen? Wohl kaum. Im nächsten Moment klingelte es auch schon. Vor der Tür stand Klara Gebrecht, die Nachbarin. Sie brachte Werner zurück und berichtete ihm, dass ihr Mann Willi seine Frau letzte Nacht ins Krankenhaus begleitet hatte. Er bedankte sich höflich, das war aber auch alles.

Nach dem Frühstück brachte er Werner zu seinen Eltern. Sie wohnten nur eine Querstraße weiter, in der Lychener Straße, im Bullenwinkel. Bullenwinkel war der Berliner Ausdruck für eine Sackgasse. Sie war kurz, auf der rechten Seite nur ein paar Häuser. Links waren es noch weniger, denn den hinteren Teil der Straße nahm eine Grundschule ein. Die zog sich von der Lychener Straße hindurch bis zur Pappelallee. Das Ende des Bullenwinkels begrenzte ein Bretterzaun. Dahinter fiel eine steile Böschung ab zu den Gleisen der S-Bahn zwischen den Bahnhöfen Schönhauser Allee und Prenzlauer Allee. Oft standen die Kinder dort und guckten durch ein Astloch, um die Züge zu beobachten.

Wie alle Häuser dort, war das Haus der Großeltern vier Stockwerke hoch und grau getüncht. Ein großes Tor für die Fahrzeuge der Müllabfuhr oder Kohlenlieferanten, eine kleinere Tür für die Bewohner des Hauses. An der Tür war ein Schild angeschraubt: „Betteln und Hausieren verboten.“ Rechts und links flankierten zwei riesige, ein Stück weit eingemauerte Findlinge den Eingang.

Die Großeltern wohnten im Hinterhaus, im vierten Stock. Dort war die Miete am geringsten. Die teuren Wohnungen waren im Vorderhaus. Sogar nach den Stockwerken gestaffelt. Je höher, desto billiger.

Zu seinen Eltern war das Verhältnis von Franz sehr zwiespältig. Seine Mutter verehrte er über alles. Seinen Stiefvater wünschte er zum Teufel. Ein Resultat seiner eifersüchtigen Veranlagung. Die Tatsache, dass er bis zu seinem achten Lebensjahr mit seiner Mutter allein gelebt hatte, verstärkte diesen Besitzanspruch noch. Seine Mutter war für ihn ein Besitz, den er nie hergeben wollte. Er liebte sie. In seiner kindlichen Phantasie gab es nichts anderes. Nur sie und ihn. Sie war einen Meter achtundsechzig groß und schlank. Ihr kastanienbraunes Haar steckte sie kess an den Seiten mit kleinen Kämmchen nach hinten. Nur 16 Jahre war sie älter als Franz. Es wurde aber nie erwähnt. War es doch eine Schande, so früh ein Kind zu bekommen. Und das auch noch unehelich!

Dann tauchte Dietrich Goldbach auf! Mit seinen einen Meter sechsundachtzig und von stattlicher Statur, war das für Sophie ein großes Glück. Er heiratete sie mit dem Jungen und adoptierte ihn. Es sollte in Zukunft keine Redereien mehr geben. Franz dagegen verstand einfach nicht, warum seine Mutter das tat. Sie hatte doch ihn. Dieser Mann verdrängte ihn von seinem Platz. So etwas ertrug er nicht. Allerdings das Schlimmste kam für ihn ja erst danach. Aus Sophie Klein wurde Sophie Goldbach und nun hieß auch Franz Goldbach. Er hasste diesen Namen. Für ihn war das eine Schmach. Seinem Wesen nach war er nicht in der Lage, seinen Stiefvater zu akzeptieren. Alle Bemühungen von Dietrich, ihn für sich zu gewinnen, schlugen fehl. Es gelang ihm nie, ein liebevolles Verhältnis zu ihm aufzubauen, so sehr er sich danach sehnte. Eigene Kinder hatten sie nicht mehr. Für Franz blieb er immer der Mann, der ihm sein Eigentum einfach weggenommen hatte. Den konnte er nicht gerne haben, auch wenn er noch so gut für ihn sorgte. Und das tat Dietrich trotz allem sein ganzes Leben lang. Von der liebevollen Warmherzigkeit seiner Mutter hatte Franz nichts.

Er aß mit Werner bei den Eltern zu Mittag und fuhr dann in die Klinik. Das Mädchen war zwar ein Sonntagskind, aber ein Glückskind war es nicht. Von Amts wegen wurde es eingetragen und bekam den Namen Isabell.

Währenddessen tobte in Spanien der Bürgerkrieg, in den schon einige ausländische Staaten eingegriffen hatten. Auch die deutsche Luftwaffe nutzte diesen Umstand. Mit dem Einsatz der Luftwaffe probte sie für Hitler, der seinen großen Krieg schon plante.

In der Sowjetunion herrschte unter Stalin blanker Terror. Nicht nur hohe Offiziere wurden verurteilt und hingerichtet. Ende Juli unterschrieb Nikolai Jeschow zwei Befehle. NKWD 00439 besagte, dass alle deutschen Staatsangehörigen, die der Spionage verdächtig wurden, festgesetzt werden sollten. Dadurch wurden 40.000 Mitarbeiter hingerichtet. Der Befehl NKWD 00443 richtete sich gegen Kulaken, Straftäter und antisowjetische Elemente. Dieser Befehl kostete 397.000 Menschen das Leben. Weitere 380.000 Personen schickten sie ins Straflager.

Auch 100.000 Leute polnischer Abstammung traf im August ein Todesurteil.

Am 7. Juli kam es durch eine Schießerei zwischen chinesischen und japanischen Soldaten zum zweiten chinesisch-japanischen Krieg. Die Japaner eroberten Peking und gemeinsam mit den Mongolen Chahar. Im Oktober wurden fast alle Personen koreanischer Abstammung aus dem fernen Osten nach Zentralchina deportiert. Man wollte den Einfluss Japans auf sie verhindern.

Die Schlacht um Shanghai zog sich bis zum 9. November hin. Der Widerstand Nordchinas wurde durch die Einnahme der Stadt Taiyuan gebrochen. Am 13. Dezember begann das Massaker von Nanking.

Währenddessen fand vom 6. bis 13. September das alljährliche Spektakel auf dem Reichsparteitagsgelände statt. Die Propagandamaschine lief auf Hochtouren. In Nürnberg fand wieder der Parteitag der NSDAP statt. Um dort ein Aufmarschareal für die Menschenmassen zu schaffen, verlangte Hitler, den alten, unter Naturschutz stehenden Baumbestand des Luitpoldhaines abzuholzen. Nürnberg wollte unbedingt im Tausendjährigen Reich die Stadt der Parteitage werden. Also wurde abgeholzt.

Zu Tausenden kamen sie und jubelten ihrem Adolf Hitler zu. Die Stadt war voller Menschen. 1933 hatte er sich gewünscht, die Kirchenglocken sollten den Parteitag ankündigen, also läuteten sie kräftig.

Nach den Aufmärschen und Ansprachen wurde der Tag beendet mit einer gewaltigen, pyrotechnischen Meisterleistung. 70.000 Explosionen ließen die Menschen eine Stunde lang ein phantastisches Feuerwerk erleben. Mit jedem Knall öffnete sich ein Goldregen, in sämtlichen Farben funkelnde Sonnen oder lauter rot und blau glühende Sterne. Immer wieder in anderer Formation.

Sophie und Dietrich konnten Franz überreden und so fand im Dezember dann ein familiäres Ereignis statt. Der Pfarrer in der Elisenkirche zelebrierte Isabells feierliche Taufe.

1939: Isabells Entführung

So plätscherten die Tage, Wochen und Monate dahin.

Sonntags Vormittag war es üblich, dass Franz mit Isabell und Werner seine Freunde Roland Kirch und Norbert Haberland abholte. Norbert hatte den kleinen Sohn Gerhard dabei. Zusammen gingen sie zum Frühschoppen in Arthurs Biergarten. Bei trockenem Wetter konnten sich die Kinder draußen austoben oder schaukeln. Bei schlechtem Wetter saßen alle in der Gaststube und bauten den Kindern Kartenhäuschen aus Bierdeckeln. Das Nachbauen mit den kleinen Kinderhändchen führte jedes Mal zu Lachsalven.

Franz und Roland versuchten Norbert zu beeinflussen. Er hatte eine schlimme Leidenschaft, er spielte. Darunter mussten seine Frau und das Kind sehr leiden. Von dem ohnehin schon knappen Geld wanderte noch ein Teil in die Spielbank. Heute gab er zu, dass es falsch war und morgen siegte wieder die Hoffnung auf einen großen Gewinn.

Isabell würde im Mai zwei Jahre alt werden und Werner im Juli vier. Das Leben mit Franz wurde immer unerträglicher. Irgendwann war es dann soweit. Morgens wurde die Zeit herbeigesehnt, wenn er zur Arbeit ging und abends fürchtete sie sich vor dem Augenblick, wenn sie hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss der Wohnungstür drehte.

Ganz unbemerkt hatte schon längst das Drama begonnen. Es machte sich zwischen Franz und Johanna breit. Wuchs von Tag zu Tag. Schwoll an, größer und größer werdend eskalierte es bestimmt in absehbarer Zeit. Die Dispute arteten aus, immer lauter. Franz war nicht imstande, sich über etwas zu freuen. Immer hatte er nur Angst, dass sie ihn hinterging.

Alles andere nahm er kaum noch wahr. Er las nie ein Buch, hatte keine sportlichen Ambitionen und Politik interessierte ihn erst recht nicht.

Dabei war die Zeit überhaupt nicht gut. Hitler kam im Januar 1933 an die Macht. Tags zuvor trat die Regierung Schleicher zurück. Damit verbunden erließ man in der Folge so viele Maßnahmen und Bestimmungen, dass eigentlich jeder klar denkende Bürger Angst bekommen musste.

Schon im Februar 1933 fackelten sie den Reichstag mittels Brandstiftung ab. Göbbels hielt jeden Tag große Reden über die guten Taten Adolf Hitlers und das Volk glaubte sie ihm auch noch. Durch das „Ermächtigungsgesetz zur Behebung der Not“ nahm man dem Volk elementare Grundrechte der Verfassung einfach weg. Damit schufen sie sich einen Rechtfertigungsgrund, der sie in die Lage versetzte, Konzentrationslager zu bauen. Im März annullierten sie dann noch weitere Gesetze. Die Bedrohung für das Volk bemerkte niemand. Alle wollten sie nur die furchtbare Not überwinden. Sie sahen nicht die Gefahren, die dahinter lauerten. Hitler verstand es, nach und nach alle Macht an sich zu reißen. „Teile und herrsche“ war seine Devise. Denn er teilte alles. Sogar die Familien. Am Leichtesten war die Jugend zu beeinflussen. Dort setzte er auch an, in organisierten Gruppen zur körperlichen Ertüchtigung und zum Ernteeinsatz. In der Schule impfte man ihnen ein, dass jeder, der nicht für ihn war, ein Verräter sei. Die Euphorie der Jugend war enorm. Am Ende zeigten die Kinder sogar ihre Eltern an. Damit schaffte er Angst, die Angst, die Hitler brauchte, um uneingeschränkt herrschen zu können. Alle hatten Angst vor der Gestapo, vor der SA und der SS. In den Familien traute keiner mehr dem anderen. Eine furchtbar grauenvolle Entwicklung. Von Franz unbemerkt braute sich also auch am politischen Himmel eine Katastrophe zusammen.

Im März 1933 teilte Hitler durch den Münchener Polizeipräsidenten Heinrich Himmler stolz mit, im Konzentrationslager Dachau könne man 5.000 Personen aufnehmen. Kommunistische und marxistische Führer wurden dort untergebracht.

Juden und Regimegegner entließ man aus dem öffentlichen Dienst. Im Mai erlebten sie schon, wie man alle Bücher von Juden und über das Judentum verbrannte.

Dietrich registrierte die Hetzjagd auf die Juden mit großer Besorgnis, Franz dagegen verschwendete daran keinen einzigen Gedanken.

Nur kurze Zeit später, im Juli 1933, ließen sie über das Radio eine amtliche Meldung verlesen, die besagte, dass Deutschland 18.000 Schutzhäftlinge eingesperrt hat. Schutzhäftlinge waren in erster Linie die Funktionäre der Arbeiterbewegung und Juden, politische Häftlinge also. Nicht einmal gerichtlich war die Schutzhaft überprüfbar. Justizbehörden verurteilten das, doch Werner Best, Jurist der Gestapo, überzeugte Hitler davon, dass ein Schutzhäftling keinen Anspruch auf juristischen Beistand habe. Mit Hilfe der Schutzhaft schuf sich die Gestapo einen unantastbaren Freiraum für eine staatliche Willkür.

Franz übte derweil seine eigene Willkür aus - in seiner Familie.

Mit der Zeit wurde das Volk hörig. Es gab ja wieder Arbeitsplätze und die größte Not war vorbei. Bei Krupp in Essen fanden zu der Zeit schon wieder tausende Arbeiter eine Beschäftigung. Um die Arbeitslosigkeit zu senken, stellte man immer mehr Arbeiter ein. Die Kehrseite waren niedrigere Löhne. Niemand nahm daran Anstoß nach der langen Zeit des Hungerns und der Arbeitslosigkeit. Wenn die Arbeiter satt waren, kümmerten sich die Wenigsten um Politik. Auch Franz bekam zu der Zeit eine Arbeit bei UFA-Handel in Berlin.

Im Gegensatz zu Dietrich, dem die Entwicklung große Sorgen bereitete und der alles äußerst kritisch beobachtete, hatte Franz andere Sorgen. Seine Gedanken beschäftigten sich nur mit Johanna. Maßlose Eifersucht machte ihm das Leben zu einem lieblosen, unerfüllten Dasein. Als Johanna merkte, dass eigentlich nichts mehr da war von dem, was am Anfang so verheißungsvoll begonnen hatte, erwachte in ihr der Drang zur Rebellion. Sie beanspruchte den Platz einer Ehefrau mit Selbstachtung. In eigener Regie wollte sie den Haushalt führen, keine Sklavin sein, der man befahl, was sie tun sollte. Aus dieser Erkenntnis heraus erwuchs ihr die Kraft zum Widerspruch. Sie tat nicht mehr das, was er wollte. Sie widersprach ihm.

Zuerst war Franz fassungslos über so viel Kühnheit, danach stieg in ihm der Jähzorn auf. Mit einer solchen Reaktion hätte er nie gerechnet. Was sie sich anmaßte? Dem musste er sofort Einhalt gebieten. Er verprügelte sie, dass sie sich tagelang nicht aus dem Haus traute.

Die Nachbarn, die seine täglichen Wutanfälle mitbekamen, waren dann die guten Geister, die ihr mitbrachten, was sie hätte einkaufen müssen. Nichts konnte sie ihm recht machen. Nach diesen Vorfällen fing sie an, langsam und allmählich zu verstummen. Sie sprach einfach nicht mehr mit ihm, was seinem Jähzorn noch mehr Nahrung gab. Sie redete auch kaum noch mit den Kindern. Der Kummer schnürte ihr die Kehle förmlich zu. Ihre Zuneigung bekamen sie aber doch durch Zärtlichkeit zu spüren. Auch Werner und Isabell litten unter dieser Beklemmung.

Abend für Abend, wenn Franz nach Hause kam, war sein Weg zuerst in die Küche. Die Kinder konnten in der Stube hören, wie er wieder und wieder schimpfte. Johanna blieb stumm. Sie sah ihm nur herausfordernd ins Gesicht. Immer öfter fand er dadurch einen Anlass, sie zu schlagen. Es dauerte lange, bis er letztendlich begriff, mit Schlägen erst recht nicht mehr an sie heran zu kommen.

Es war beängstigend still in der Wohnung. Werner mit seinen braunen Haaren, großen braunen Augen und die kleine goldblonde Isabell waren allein im Wohnzimmer. Isabell nannte ihn immer Wana, aus der Zeit, als sie Werner noch nicht aussprechen konnte. Johanna hatte sich still in die Küche verzogen. Die Kinder sollten es nicht mitbekommen, wenn sie weinte. Nur einmal kam sie zu ihnen ins Zimmer, als es zwischen Wana und Isabell eine heftige Auseinandersetzung gab. Isabells einziges Spielzeug war eine Puppe mit einem ausgestopften Balg und einem aufgebundenen Kopf aus Pappmaschee mit Schlafaugen. Ihre Emma. Emma besaß nur noch einen Schuh. Wana hatte ihr den anderen vom Fuß gerissen und weggeworfen. Daraufhin gab es ein fürchterliches Geschrei zwischen den beiden. Johanna schlichtete, aber Isabells Schmerz war zu groß. Trotz intensiver Suche den ganzen Mittag über, der Schuh blieb für immer verschwunden.

Isabells kleine Seele schmerzte sehr.

Nun sprach auch Isabell kein Wort mehr. Sie krabbelte auf den Sessel am Fenster und drückte sich den ganzen Nachmittag die Nase an der Fensterscheibe platt. Sie wohnten in der Dunckerstraße. Da es ein Eckhaus war, sah man vom Wohnzimmerfenster aus auf die Ahlbecker Straße hinunter.

Es herrschte bittere Kälte draußen. Soviel Schnee war gefallen, dass die Leute vor Schneehaufen kaum noch wussten, wo sie laufen sollten. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite stand der Pferdewagen von der Schultheiß-Brauerei, der Größten in Berlin. Die kräftigen Pferde schlugen abwechselnd mit den Hufen auf den Schnee über dem Kopfsteinpflaster. Von den Fahrzeugen ganz schmutzig geworden, sah der Schnee nicht mehr weiß, sondern hellbraun aus. Die Luft, die sie aus ihren Nüstern stießen, glich Nebelschwaden. Isabell dachte, so müsste das auch bei Drachen aussehen, wenn sie Feuer speien. Nur, da wäre der Nebel dann rot. Sie beobachtete, wie die Bierfässer von den Kutschern abgeladen und zu einer Öffnung am Haus gerollt wurden. Über ein Brett beförderten sie den Nachschub in den Keller der Wirtschaft. Als die Kutscher fertig waren, stiegen sie wieder auf den Bock und legten sich Decken über den Schoß gegen die Kälte. Den Pferden riefen sie ein „hüü“ zu und die hatten große Mühe das Gespann wieder durch den pappenden Schnee in Bewegung zu bringen.

Kinder, die aus der Schule kamen, bewarfen sich kreischend mit Schneebällen. Riesigen Spaß hatten sie dabei. Hier und da fegten die Hausmeister schon wieder den Schnee auf die Seite. Die Schneeberge erreichten eine immense Höhe. Einige Kinder waren mit ihrem Schlitten unterwegs, um rodeln zu gehen. Es wurde den ganzen Tag nicht richtig hell und wer bei diesem Wetter nicht hinaus musste, der war froh daheim bleiben zu dürfen.

Eine Frau war ausgerutscht, gefallen und kam nicht mehr hoch. Einige Passanten halfen ihr auf die Füße. Dieses Wetter wurde nur von den Kindern geliebt.

Sie vernahmen, wie die Wohnungstür aufgeschlossen wurde. Der Vater kam nach Hause. Sie hörten die Eltern in der Küche. Dann kam er herein und begrüßte die Kinder. Isabell klagte ihm natürlich sofort ihr Leid mit dem Puppenschuh. Er versprach ihr ein Paar neue Schuhe. Warum nur konnte er nicht verstehen, dass sie keine neuen Schuhe haben wollte! Wana sollte ihr den alten wiedergeben. Es war vergebens. Er verstand ihren Kummer nicht. Er konnte es wohl auch nicht. Seine Gedanken kreisten viel zu sehr um Johanna, als dass er andere Probleme hätte zulassen können.

Dann kam der unselige Dienstag im Dezember. Johanna hatte ihre Freundin Marie gebeten, auf Werner und Isabell aufzupassen, sie wollte Weihnachtsgeschenke einkaufen.

Als sie über den Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz ging, legte sich eine Hand auf ihre Schulter: „Hallo, Johanna, wie geht es dir?“ Es war Roland Kirch, der Freund von Franz. Als sich Johanna zu ihm umdrehte, erschrak er. Johanna war abgemagert, an der linken Stirnseite waren noch ein paar gelblich-blassblaue Stellen sichtbar. Blessuren, die von der Türzarge herrührten. Franz hatte sie dagegen geschleudert, als sie sich geweigert hatte, mit ihm zu reden. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen und das immer fröhliche Lachen war ganz und gar verloren gegangen.

„Johanna, was ist passiert“? Sie konnte auch jetzt nicht reden, aber auf einmal rannen ihr die Tränen über die Wangen, wie aus einem Staudamm, der überläuft.

„Weißt du was“, sagte Roland, „wir gehen ins Café, da können wir uns aufwärmen und du kannst mir erzählen, was vorgefallen ist.“

Sie erzählte ihm, wie Franz sie behandelte. „Wenn ich mich zur Wehr setzte, wurde er nur noch jähzorniger. Ich möchte eine Frau sein. Keine verprügelte Leibeigene. Neulich hat er gebrüllt wie ein Stier. Nach seiner Meinung hatte ich seine geliebte Schleiflackküche verkehrt geputzt. Für ihn bin ich nur eine Sklavin.“

Roland war sehr betroffen über das, was Johanna ihm erzählt hatte. Dazu der Umstand, ihr nicht aktiv beistehen zu können, ließ auch ihn traurig werden. Indessen sah er aber keine Möglichkeit ihr helfen zu können, ohne ihre Situation dadurch nur noch zu verschlimmern.

Das Zusammentreffen mit Roland stand unter einem ganz, ganz schlechten Stern. Es war der denkbar schlechteste Zeitpunkt überhaupt. Das von Dietrich prophezeite Drama setzte zum Endspurt an.

Als Franz am nächsten Tag zur Arbeit erschien, kam Konrad Meier zu ihm. Ein hässlicher, kleiner Kollege mit zu kurz geratenen, krummen Beinen und einem zu dicken Bauch. Wenn er lachte, zeigten sich zwei Reihen kranker Zähne, von braun bis schwarz. Eine Zahnbürste hatten die noch nie gesehen. Sein Kopf war rund wie ein Fußball und die Haare wuchsen ihm bis in den Nacken hinein. Alles in allem sah er aus wie ein Untier. Er roch auch so. Da er weder bei seinen Mitmenschen und schon gar nicht bei Frauen Glück hatte, war es ihm eine bestialische Freude, wenn er anderen eins auswischen konnte. Er kam also an den Packtisch von Franz und grinste.

„Was willst du, Konrad?“

Konrad war voller Neid über die schöne Frau seines Kollegen. Voll triefender Genugtuung meinte er: „Ich habe deine Frau gestern mit einem Mann im Café gesehen!“

„Du lügst!“

„Nein, ich lüge nicht. Es war im Café Nitsch in der Friedrichstraße. Der Mann war groß und hübsch. So ein Dunkelblonder mit einer kleinen Narbe unter dem rechten Auge.“

Wie ein Dolchstoß durchfuhr es Franz. Das war Roland, sein bester Freund!

Es lag eine gewisse Spannung in der Luft an diesem Mittwoch. Die Kinder waren unruhig, als würden sie es spüren, dieser Mittwoch ist kein guter Tag. Franz hatte von Konrad Meier einen schmerzenden Tiefschlag erhalten. Er kam wie immer von der Arbeit nach Hause und betrat zuerst die Küche. Er wurde sehr laut, aber nur ganz kurz. Dann stand er im Wohnzimmer. Kein „Guten Abend“, nur ein scharfes „Isabell anziehen!“ Er hatte alles in der Hand, Mantel, Schal, Mütze, Muff und Stiefel, half ihr in die Stiefel zu kommen und knöpfte ihr den Mantel zu. Isabell spürte, dass sie besser nicht fragte warum.

Wana stand in der Zimmerecke, Augen und Mund weit aufgerissen, brachte aber kein Wort heraus, als Isabell aus dem Zimmer gezogen wurde. Die Küchentür war zu. Der feste Griff um Isabells Handgelenk ließ keinen Widerspruch zu, als er mit ihr die Wohnung verließ. Es war schon dunkel und ihre kleinen Füßchen versanken so tief im Schnee, dass ihr das Laufen schwerfiel. Die Leute, die noch auf den Straßen waren, kämpften gesenkten Hauptes gegen den kalten Wind an und sahen zu, dass sie schnell nach Hause kamen. Es hatte abermals zu schneien begonnen. Die Flocken glitzerten wie Diamanten, wenn ein Lichtstrahl sie traf. Die Laternen warfen von ihnen lange Schatten, der sie wie ein Geist verfolgte oder überholte, wenn sie an der Laterne vorbeigingen, dann immer kürzer wurde, bis er sich wieder hinter ihnen versteckte. Dort, wo nicht so viel geheizt wurde, glitzerten Eisblumen an den Fenstern. Der Schnee verschluckte jedes Geräusch. Eigentlich war es schön, gespenstisch schön, wenn es nicht so traurig gewesen wäre.

Da sie den ihr bekannten Weg zu den Großeltern einschlugen, beruhigte sie sich ein bisschen.

Etwas Furchtbares würde nicht passieren. Sie wusste nur nicht warum sie so spät noch dort hingingen. Sie hatte nicht den Mut zu fragen. Der Vater hatte schlechte Laune und da war man besser still. Er konnte sehr böse werden.

Als sie bei Sophie und Dietrich ankamen, führte sie der Großvater in die Küche. Isabell war durchgefroren. Auf dem Kohlenkasten neben dem Küchenherd wärmte sie sich auf, während sich die Erwachsenen am Tisch unterhielten. Plötzlich drangen die Worte ihres Vaters wie durch einen Nebelschleier an ihr Ohr: „Können wir bei euch bleiben, ich trenne mich von Johanna. Sie betrügt mich.“

Da hatten sie das Desaster. Dietrich hatte also doch Recht behalten. In Isabell brach alles zusammen. Sie hatte die Großeltern sehr gerne, aber einfach jetzt hierbleiben? Sie hatte Mama doch nicht einmal „Auf Wiedersehen“ sagen dürfen! Ihr Herz pochte mächtig und die Tränen kullerten ihr übers Gesicht. Sie zitterte und stammelte nur leise vor sich hin: „Emma, wo ist meine Emma.“

Alle hatten es gehört und Franz ging noch einmal zurück und holte ihre Puppe.

Derweil richteten sie für Isabell das Bett auf dem Sofa. In der großen Diele am Ende vom Flur stellten sie für Franz ein Feldbett auf. Die Ecke neben der Zimmertür beanspruchte Bello auf einer Decke. An der warmen Wand vom Küchenherd machte er es sich gemütlich. Bello sah aus wie ein Boxer, hatte aber schwarzes Fell mit einigen weißen Flecken.

Zu diesem Zeitpunkt war Isabell zweieinhalb Jahre alt und ahnte nicht, dass sie niemals eine Chance bekommen würde, ihre Mutter wiederzusehen.

In den nächsten Tagen füllte sich die Diele mit Vaters geliebter Schleiflackküche. Das Berliner Zimmer war schon mit einem kompletten Schlafzimmer und einem zusätzlichen, dreitürigen Kleiderschrank bestückt. An der langen Wand neben dem Ofen hatte das Sofa seinen Platz mit einem großen Ausziehtisch davor. Jetzt mussten an der kleinen schrägen Wand zum Fenster auch noch zwei Sessel und ein Rauchtisch ihren Platz finden.

Die Reaktion von Franz entbehrte jeder Logik. Es erfolgte keine Aussprache mit Johanna. Das ließ vermuten, er hatte einen „Fehltritt“ herbeigesehnt. Warum sonst sprach er nicht mehr mit ihr? Warum verlangte er keine Erklärung des Vorfalls? Nur um sagen zu können: „Schaut her, wie schlecht sie ist! Wer dem Ehemann widerspricht, ist keine gute Frau. Eine Frau muss sich fügen!“

Er schuf eine Situation, die klar belegte, ihn traf keine Schuld. Er wollte Johanna nicht mehr zur Rede stellen. Gleichwohl, sie hatte ihm den besten Grund geliefert, um diese aufsässige Frau zu verlassen. Er stand vor einem Scherbenhaufen, den er selbst verursacht hatte. Zugeben konnte er das allerdings auf keinen Fall. Aus dieser Ehe musste er regelrecht fliehen. Für diese Ehe gab es keine Zukunft mehr. Sein Versagen, Johanna nicht in die Knie gezwungen zu haben, verursachte in ihm Höllenqualen. Nur in einer schuldlosen Scheidung sah er seine Genesung.

Dieses Ziel hatte logischerweise erst einmal die Konsequenz, wieder mit dem verhassten Stiefvater unter einem Dach wohnen zu müssen. So schlimm es für Franz auch war.

Hier wurde ihm das Leben aus seiner Sicht auch immer mehr zur Qual. Wenn er morgens aufstand, war sein erster Gedanke, den ganzen Tag wieder die leicht ironisch lächelnde Fratze von Konrad Meier ertragen zu müssen. Wenn er abends nach Hause kam, wusste er, es war nicht sein Zuhause. Er kostete den Triumph, sich im Recht zu fühlen, in einer Weise aus, die selbstzerstörerisch war. Er schien es trotz allem zu genießen. Schuld an dieser Misere war außer Zweifel Johanna. Abends lag er auf dem Feldbett und grübelte. Auf dem Nährboden einer kranken Seele und eines zu sehr verletzten Stolzes konnte sich ein Pflänzchen ansiedeln und vorzüglich gedeihen: „Der Hass.“

Während dieser Zeit der privaten Begebenheiten passierten auf politischem Gebiet ebenso viele, unheilvolle Ereignisse. Hitler vergrößerte sein Deutsches Reich noch weiter. 1938 hatte er Österreich und das Tschechische Sudetenland annektiert. Böhmen und Mähren waren Reichsprotektorat. Am 1. September 1939 befahl Hitler seinen Leuten, getarnt als polnische Kämpfer, einen Überfall auf den eigenen Sender Gleiwitz an der polnischen Grenze zu inszenieren. Er schuf sich damit selbst einen Grund, endlich den Krieg gegen Polen beginnen zu können. Zwei Tage später erklärten England und Frankreich den Deutschen den Krieg.

Franz nahm das zur Kenntnis, begriff aber die Konsequenzen daraus nicht in vollem Umfang. In seinem Selbstmitleid war kein Platz für solche Ereignisse. Er verdrängte es.

Dietrich und Sophie nicht. Für sie war es furchtbar. Schon wieder Krieg. Sie kannten die Folgen nur zu gut. Der Erste Weltkrieg war ihnen noch frisch in der Erinnerung. Dietrich war 46 Monate an der Front gewesen. Er hatte mit ansehen müssen, wie die Menschen starben. Niedergemetzelt und verkrüppelt wurden sie. Wer jemals an einer Front gekämpft hatte, dem gefror schon das Blut in den Adern, wenn er nur das Wort Krieg hörte. Auch der Zivilbevölkerung blieben die Gräuel und Entbehrungen nicht erspart.

Auslöser war damals das Attentat auf Franz Ferdinand und seine Frau in Sarajevo. Dazu kam die Machtbesessenheit der Herrscher. Es war der erste Krieg mit schwerem Einsatz wie Panzern und Flugzeugen. Auch Giftgas wurde verwendet. So ein Menschenleben an der Front war überhaupt nichts wert. Zwischen der Großmacht Osmanisches Reich und den Mächten Russland, Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich hatte es immer wieder Unruhen gegeben. Dazu kam, dass Westeuropa in Afrika und Asien viele Kolonien besaß.

Zuerst war Dietrich an der Ostfront gewesen. Der Erste Weltkrieg hatte alles an Grausamkeit übertroffen. Er wollte nie mehr so viel furchtbares Leid sehen. Ihm war klar, dass der Krieg wieder viele Menschenleben kosten würde, viele ihr Hab und Gut verlieren und Hunger leiden müssten. Das alles nur, weil einige wenige recht viel Macht haben wollten.

Sie hatten damals in den Schützengräben und Unterkünften kampiert wie die Tiere. Ohne die nötige Kleidung froren sie im Winter und wurden von Wanzen und Läusen gequält. Deutschland strebte ein „Imperium Germanicum“ an, welch ein Größenwahn!

Als der Krieg gegen Russland durch den Vertrag von Brest-Litowsk beendet wurde, beorderte man die Landser an die Westfront. Die Franzosen im Westen hatten immer noch einen großen Hass auf die Deutschen wegen der Niederlage im Krieg 1870 - 1871. In der Schlacht von Verdun fielen Hunderttausende. Die Alliierten auf der Gegenseite hatten sich geeinigt, dass der französische Marschall Ferdinand Foch Oberbefehlshaber wurde. Von da an ging es bergab. Dietrich wurde verwundet und hatte das Glück, nach Hause zu dürfen. Auch das Verfahren bei der Einberufung war zu der Zeit ein anderes. Solange genug Soldaten zur Verfügung standen, rekrutierten sie keine ganz jungen Männer und keine Väter, die für eine Familie zu sorgen hatten.

Ende September 1918 wollten Hindenburg und Ludendorff einen Waffenstillstand auf der Basis des „Vierzehn-Punkte-Programmes“ der USA. Dieses Programm verlangte die Abschaffung der Monarchie. Das wies man zurück. Folglich kam es zu Meutereien und Aufständen. Die Novemberrevolution begann. Sie erreichte auch Berlin. Aus Furcht vor einem Umsturz entschloss sich der Reichskanzler Prinz Maximilian von Baden, eigenmächtig die Abdankung bekannt zu geben. Kaiser Wilhelm floh nach Holland und die Reichskanzlerschaft wurde Friedrich Ebert übertragen.

Im November 1918 war endlich Waffenstillstand. Aber noch kein Frieden.

Am Ende dieses Krieges hatten sich 25 Staaten mit ihren Kolonien im Kriegszustand befunden. Fast 75 Prozent der Erdbevölkerung ist zu der Zeit darin verwickelt gewesen. Unglaublich!

Friedrich Ebert hatte darauf gedrängt, den von Frankreich diktierten Vertrag zu unterzeichnen. Der Versailler Vertrag, der im Juni 1919 unterschrieben wurde, hatte vorgesehen, dass Deutschland große Territorien mit deren Einwohner abzugeben und enorme Sachlieferungen abzuleisten hätte. Selbst der französische Marschall Foch nannte das keinen Frieden. Manche nannten ihn Raubfrieden oder Schandfrieden. An Härte konnte er nicht mehr überboten werden.

All das hatten Dietrich und Sophie wieder vor Augen wie ein Schreckgespenst. Gerade jetzt waren sie doch erst imstande, die furchtbare Armut und die Inflation zu überwinden. Viele Deutsche waren in der nachfolgenden Zeit verhungert. Es herrschte gewaltiges Elend. 1922 - 1923 hatte die Inflation ihren Höchststand erreicht. Die Mark fiel schneller, als die Menschen das Geld zählen konnten. Die Frauen hatten vor den Fabriken gestanden. Sowie die Arbeiter ihr Geld erhielten, brachten sie es den Frauen ans Tor. Die sind damit sofort zum Bäcker oder Kaufmann gerannt, um für das Geld wenigstens noch etwas zu bekommen, bevor es noch wertloser wurde.

Im November 1923 hatte der Wechselkurs zum Dollar 4,2 Millionen Mark betragen! Man ist mit einem Koffer voll Geld ein Brot kaufen gegangen. Die Wirtschaft war zusammen gebrochen.

Die große Arbeitslosigkeit begann, unter der später auch Franz zu leiden hatte. Erst Gustav Stresemann schuf die Bedingungen für eine Stabilisierung und damit neue Verhandlungen über Reparationszahlungen. Es gab eine Währungsreform, die Inflation war zu Ende. Die Wirtschaft hatte sich stabilisiert. Und dadurch auch die Politik.

Isabell besaß noch Inflationsgeld von Sophie zum Spielen. Scheine in Millionen und Billionen Mark. Alles Geld, für das Sophie nichts mehr bekommen hatte.

Deswegen sorgten sich Sophie und Dietrich über die politische Entwicklung. Die ganze Hetze gegen die Juden. Die taten doch keinem etwas. Sie waren nur eines, clevere Geschäftsleute. War das ein Verbrechen? Sie gingen selbst bei Juden einkaufen und wurden immer freundlich bedient. Wer konnte schon etwas dafür, was er der Geburt nach war!

Franz machte sich keine Sorgen. Seine Gedanken beschäftigten sich nur mit der Scheidung.

Die Goldbachs mussten den Nachweis erbringen, dass sie nicht jüdischer Abstammung waren. Sie fanden das Ansinnen unerhört, aber was nutzte es ihnen? Würden sie ihn nicht herbeischaffen, kämen sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch ins Lager. Sophie bekam das Dokument. Soweit die Abstammung zurückverfolgt werden konnte, waren sie waschechte, arische Berliner.

1940: Der Krieg kommt nach Deutschland

Isabell sprach in der ganzen nächsten Zeit kaum ein Wort. Die gleiche Reaktion auf Unrecht wie bei ihrer Mutter. Sie verbrachte die Tage in einer Nische zwischen Küchenschrank und Wand. Dort stellte sie ihre Fußbank hin. Dann machte sie die Küchentür auf, bis sie an den Küchenschrank klappte. So konnte sie niemand sehen. In dieser Ecke saß sie dann stundenlang auf der Fußbank, ihre Emma auf dem Schoß und weinte still vor sich hin.

Sie sehnte sich nach ihrer Mutter und nach Wana. Wenn er auch den Puppenschuh versteckt hatte, sie hatten doch immer schön zusammen gespielt und oft war es auch sehr lustig gewesen. Was er jetzt wohl so alleine machte? Mama würde bestimmt auch so weinen wie sie.

Die ersten paarmal machte die Großmutter die Tür wieder zu mit der Bemerkung: „Es wird zu kalt in der Küche.“ Isabell machte sie stumm jedes Mal wieder auf. Dann ließ Sophie sie gewähren. Sie war sehr lieb zu Isabell, brachte es aber nicht fertig, sie auch nur einmal in den Arm zu nehmen und zu trösten, ihr etwas zu sagen oder zu erklären. Isabell verstand das alles nicht. Der Großvater war die meiste Zeit nicht da. Er war Fernfahrer für die Meierei Kramer und kam nur dreimal in der Woche heim. Sie sprachen über Isabells Verhalten und der Großvater meinte, es würde sich bestimmt bald geben. Franz zeigte überhaupt keine Reaktion.

Resultierend aus ihrer Sehnsucht nach der Mama beschlossen die Großeltern, Isabell solle nun zu Sophie „Mutti“ sagen. Davon versprachen sie sich, dass sie die Mama schneller vergessen würde! Was für ein großer Irrtum. Eine Mutter vergisst man nie! Auch Isabell vergaß ihre Mutter nie! So lieb sie auch ihre Großmutter hatte, es war ihr unangenehm Mutti zu sagen. Jeder wusste doch, dass sie ihre Oma war. Mama war doch auch ganz anders.

Sophie hatte sich als Mantelnäherin anlernen lassen und auf einer schweren Singer Nähmaschine nähte sie in der Küche bestimmte Teile für Mäntel zusammen. Montags ging sie liefern und bekam neue Arbeit wieder mit. Das war ein schwerer Packen, den sie hin und wieder zurück tragen musste. Die Näherei war in Kreuzberg ansässig und so fuhr sie immer mit der U-Bahn bis zur Station Prinzenstraße. Von dort war es nicht weit bis zu der Firma. Sie wickelte die Mantelteile in ein schwarzes Tuch und steckte es mit Sicherheitsnadeln zu, um sie vor Schmutz zu schützen. Das Haus verließ sie schon bevor Isabell erwachte.

Die Jalousie war halb hoch gezogen, damit sie etwas sehen konnte. Für den ersten Hunger lagen eine Banane oder ein Riegel Schokolade auf dem Tisch. Der Ofen spendete keine Wärme mehr. Es wurde abends auch nur leicht nachgelegt, damit es nicht zu kalt im Zimmer wurde.

Aufenthaltsraum am Tage war die Küche mit ihrem großen, gemauerten Herd. Darauf stand immer eine braune Steingutkanne mit Kaffee. An der schrägen Wand ein Tisch und vier Stühle. Den Tisch konnte man nach vorn ausziehen. Darin waren zwei Schüsseln eingelassen für den Abwasch. Neben dem Fenster die Tür zur Speisekammer, dann der Küchenschrank. Zwischen Kammertür und Küchenschrank hing der Vogelbauer mit Hansi, dem Wellensittich.

In der Toilette war es bitterkalt. Dort stand der Waschtisch mit Schüssel und Kanne zum Waschen. Auch wenn ihr die Großmutter warmes Wasser brachte, war es sehr ungemütlich. Der Raum war dunkel, denn die Speisekammer nahm einen Teil der Höhe hinter dem Klo ein. Den Raum über der Speisekammer nutzte man als Hängeboden. Hier wurden Sachen verstaut, die man gerade nicht brauchte. Das kleine Fenster zum Lüften konnte nur mittels einer langen Stange geöffnet und geschlossen werden. In der Fassung der einfachen Lampe, die von der Decke herabhing, war eine Glühbirne mit 25 Watt eingeschraubt, die nur spärliches Licht verbreitete.