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James Baldwin (1924 – 1987) gehört zu den wichtigsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Schon zu Lebzeiten machten ihn seine Romane «Giovannis Room» und «Another Country» sowie der Essay "The Fire Next Time" berühmt und brachten ihn auf die Coverseite des «Time Magazine». Aber Baldwin war schwarz und schwul, die Gesellschaft, in der er lebte, rassistisch und schwulenfeindlich. Aus dieser Spannung ist ein einzigartiges Werk entstanden, das die Tore weit aufgestoßen hat, durch die Generationen von Aktivistinnen und Aktivisten nach ihm gegangen sind. In seinem elegant geschriebenen Porträt skizziert Baldwin-Kenner René Aguigah das Leben Baldwins von der Herkunft in ärmlichen Verhältnissen in Harlem bis zur Flucht vor dem alltäglichen Rassismus nach Paris, seinen rasanten Aufstieg zu einem berühmten Schriftsteller und gefragten Redner, seine Beziehungen mit Martin Luther King und Malcolm X. Vor allem aber begibt sich Aguigahs essayistisches Buch auf die Suche nach dem, was Baldwin uns heute noch mitzuteilen hat. Es fragt nach dem Verhältnis zwischen seinem Künstlertum und Aktivismus, der Spannung zwischen Literatur und Politik, seinem Eintreten für Minderheiten und seinen universalistischen Überzeugungen. Baldwin, der Hass so gut kannte, hielt in seinen Romanen und Essays an der Liebe als Hoffnung fest. Aguigah porträtiert ihn als Zeugen – einer Zeit der Gewalt und des Unrechts, die bis heute fortexistieren.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
René Aguigah
JAMESBALDWIN
Der Zeuge
Ein Porträt
C.H.Beck
Cover
INHALT
Textbeginn
Titel
INHALT
Widmung
1: EINLEITUNG: EIN ZEITGENOSSE?
2: «ICH PFLÜCKTE DIE BAUMWOLLE» – AUTOR UND AKTIVIST
Berdis und David
Streit mit Richard Wright
Literarischer Realismus
Von dieser Welt
Zeugnis ablegen
3: «ANGST VOR DEM GESTANK DER LIEBE» – FICTION UND NONFICTION
Giovannis Zimmer
Homosexualität und
Whiteness
Paris und Lucien
Ein anderes Land
Die Polizei
Schwarze und Weiße
Ein Reigen
Nach dem Suizid
Roman und Essay
The Fire Next Time
4: «NICHT ALLE KINDER DES SHERIFFS SIND WEISS» – PARTIKULAR UND UNIVERSAL
Istanbul und
Ghetto riots
Die späten Romane
Tell Me How Long the Train’s Been Gone
Baldwins Farbenlehre
Malcolm X und Martin Luther King
No Name in the Street
Die real existierende Integration
Beale Street Blues
5: «UNMÖGLICH, NICHT ZU LEIDEN» – ERINNERUNG
Saint-Paul-de-Vence
Just Above My Head
Ereignis und Erinnern
Gospel, Blues, Jazz
6: SCHLUSS: DER ZEUGE
DANK
ANMERKUNGEN
1 Einleitung: Ein Zeitgenosse?
2 «Ich pflückte die Baumwolle» – Autor und Aktivist
3 «Angst vor dem Gestank der Liebe» – Fiction und Nonfiction
4 «Nicht alle Kinder des Sheriffs sind weiß» – partikular und universal
5 «Unmöglich, nicht zu leiden» – Erinnerung
6 Schluss: Der Zeuge
LITERATUR UND QUELLEN
Literatur und Quellen von James Baldwin
Sonstige Literatur und Quellen
BILDNACHWEIS
PERSONENREGISTER
Zum Buch
Vita
Impressum
Meinem Vater Gabriel Gbedevi, meinem Bruder Philippe
1
James Baldwin führt, fast vier Jahrzehnte nach seinem Tod, ein so reiches Nachleben, wie es nur wenigen Hundertjährigen vergönnt ist. Das Kino hat dabei geholfen: Raoul Pecks Dokumentarfilm I Am Not Your Negro von 2017. Da tritt ein telegener Baldwin auf, etwa in Bildern von seinen Talkshow-Auftritten, und im Off-Kommentar liest der Schauspieler Samuel L. Jackson aus dem letzten, nicht abgeschlossenen Manuskript, Remember This House, einer melancholischen Erinnerung an die ermordeten Schwarzen Aktivisten Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King.[1] Dazu Bilder von massiven Polizeieinsätzen aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre, aus Birmingham und Los Angeles – und aus der Gegenwart des Films 2014: Demonstrationen, brennende Häuser, knüppelnde Polizisten, nachdem ein Beamter einen 18-jährigen Schwarzen erschossen hatte, Michael Brown in Ferguson in Missouri. Baldwins Reden und Texte über den Rassismus in den USA klingen, als seien sie von heute, sagt Pecks Film. James Baldwin ist unser Zeitgenosse.
The Fire Next Time, Baldwins wohl berühmtestes Buch, wurde veröffentlicht, als die Bürgerrechtsbewegung das ganze Land ergriffen zu haben schien, 1963. Was die Geschichtsbücher das zentrale Dokument der Sklavenbefreiung nennen, Abraham Lincolns Emancipation Proclamation, lag da 100 Jahre zurück. Und weil die Afroamerikaner, nicht nur in den ehemaligen Sklavenhalterstaaten im Süden, offenkundig weder frei noch gleich waren, führte Martin Luther King eine Viertelmillion Menschen zum Marsch auf Washington. Baldwin verknüpft in seinem Essay sein eigenes Leben – und das seines jugendlichen Neffen James – mit dem rassistischen «Alptraum» in den Vereinigten Staaten. Sein Appell an die «einigermaßen bewussten» Schwarzen und die «einigermaßen bewussten» Weißen hallt bis heute nach.[2] Heute sind gleich zwei unterschiedliche Bücher mit dem Titel The Fire This Time lieferbar.[3] Sie nutzen Baldwins Manifest als Sprungbrett, um mit schriftstellerischen Mitteln die Arbeit von Diagnose und Kritik ihrer eigenen Gegenwart aufzunehmen. «Eine neue Generation spricht über Race»: Es schreiben gewissermaßen James Baldwins Großnichten und Großneffen. 2019 wurde The Fire Next Time neu ins Deutsche übersetzt; verdienstvollerweise sind inzwischen die wichtigsten von Baldwins Romanen und Essays neu übertragen – und die deutsche Kritik begrüßt einen Autor, der klingt, als sei er unser Zeitgenosse.
«James Baldwin ist überall», erklärte der Kulturwissenschaftler Eddie Glaude schon vor einigen Jahren im Time-Magazin[4] – und konnte nicht ahnen, dass der britische Sänger Morrissey bei dessen Tournee 2023 James Baldwins Porträt doppelt und überlebensgroß auf die Bühnenleinwand projizieren würde. Im selben Jahr bekennt Madonna bei einem Konzert, Baldwin sei «eine großartige Inspiration für ihr ganzes Leben» gewesen. Auf ihrem Instagram-Kanal postet sie im Oktober 2023 ein Baldwin-Zitat: «Die Kinder gehören immer uns, jedes einzelne von ihnen, überall auf dem Erdball» – und ihre mehr als 19 Millionen Follower müssen sich selbst zusammenreimen, was genau Madonna oder der zitierte Autor damit gemeint haben könnten.[5] Überhaupt, das Netz: Wer auf den handelsüblichen Plattformen nach James Baldwin sucht, findet ihn tatsächlich überall, sein markantes Gesicht ebenso wie eine Reihe von Sentenzen: «Love is a battle, love is a war; love is a growing up»[6] oder «Die Liebe nimmt uns Masken ab, von denen wir fürchten, dass wir ohne sie nicht leben können, und von denen wir wissen, dass wir hinter ihnen nicht leben können».[7] Kompakte Zitate spielen eine Schlüsselrolle in Baldwins Nachleben als Social-Media-Star.
Das ist alles nicht abwegig – aber doch erstaunlich. Zum Beispiel umfasst die Länge eines durchschnittlichen Satzes in Baldwins Büchern (gefühlte Statistik) fünf- bis zehnmal mehr Zeichen, als ein Posting auf der inzwischen selbst schon historischen Plattform Twitter erlaubte. Erstaunlich auch, weil ab Ende der 60er Jahre, nach dem allmählichen Erlahmen der Protestbewegung, die US-amerikanische Öffentlichkeit, aber auch jüngere Schwarze Engagierte, Baldwin aus ihrem Horizont verloren. Der einstige Star galt als «passé».[8]
Tatsächlich ist James Baldwin tief im 20. Jahrhundert verwurzelt, und diese Feststellung bezieht sich nicht nur auf die schieren Daten von Geburt und Tod, 1924 und 1987. Die Welt seiner Romane ist eine Welt von Wählscheibentelefonen, Schreibmaschinen und Schallplattenspielern. Da werden so viele Zigaretten und Whiskeys konsumiert wie im 21. Jahrhundert nur noch in historisierenden Filmen wie der Fernsehserie Mad Men. Gelegentliche Prügel gehören da zum Umgang mit den Kindern wie zum eigenen Aufwachsen. Als seine enge Freundin, die Autorin Maya Angelou, einmal fürchtete, dass Baldwin einem der Gründer der Black Panther Partei zu nah kommen würde, dem verurteilten Gewalttäter Eldridge Cleaver, antwortete Baldwin, er werde sich im Notfall zu wehren wissen: «Auf den Straßen von Harlem wird selbst ein Chorknabe zum Raufbold, wenn er Schwarz ist und so klein wie ich.»[9] Und Fritz J. Raddatz, Baldwins damaliger deutscher Lektor, dessen Tagebücher ohnehin die verschiedensten Exzesse überliefern, erinnert sich 1984: Uwe Johnson «verprügelte zum Beispiel in meiner Wohnung einmal James Baldwin und Ledig gleich mit».[10]
Lenkt man den Blick weg von Alltagsdrogen und Alltagsgewalt und richtet ihn auf die großen Entwicklungen in Baldwins Welt, sieht man etwa die Flucht von Millionen Afroamerikanern aus den Südstaaten in den Norden und den Westen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, die Ghettobildung in den Städten, die Repression innerhalb der Trennung zwischen Schwarzen und Weißen, den Aufbruch für Bürgerrechte in den 50ern und 60ern, die andauernde Gewalt – mit der Ermordung von Martin Luther King als blutigem Höhepunkt. Diese Epoche hat mehr als nur Spuren in Baldwins Werk hinterlassen. Baldwin hat aus diesem Stoff, aus diesen Erlebnissen sein Werk geformt. Er war Zeuge. Dieses Buch liest James Baldwin in seiner Zeit – und stellt ihm Fragen aus der Gegenwart.
Drei Gegensatzpaare strukturieren drei Kapitel. Zunächst wird die Spannung zwischen dem Verfassen von Literatur und politischem Engagement betrachtet (im zweiten Kapitel). Baldwin versteht den Schriftstellerberuf emphatisch als künstlerisch – schon bevor er seinen ersten Roman, Von dieser Welt, 1953 veröffentlicht. Er polemisiert gegen Bücher, die in seinen Augen zu direkt als Protestliteratur Verwendung suchen. Auf der anderen Seite gerät er Ende der 50er Jahre beinahe von selbst in die Dynamik der Proteste im Süden der USA. Damit steht er vor der Aufgabe, zwei unterschiedliche Rollen miteinander zu balancieren: Wie verhält sich der Autor zum Aktivisten?
James Baldwins große Themen, Rassismus und Sexualität, Liebe und Hass, finden sich in all seinen Texten – die wiederum in verschiedenen Gattungen verfasst sind, vor allem als Romane und Essays. Während sein Selbstbild das eines Romanschriftstellers ist, während etwa Ein anderes Land zum Bestseller avanciert, erzielt er auch mit seinen Artikeln und Essays Erfolge, überwältigend im Fall von The Fire Next Time. Wie, so fragt das dritte Kapitel, verhält sich der Romancier zum Essayisten? Erhellen die unterschiedlichen Textsorten einander womöglich? Dass James Baldwin Partei für die Nachfahren der Versklavten ergreift, liegt auf der Hand. Dass er als Zeuge für die Erfahrung der Homosexuellen schreibt, ebenso. Dass er sich zugleich «allen Menschen» verbunden weiß, er einfach von «Leuten» gelesen werden will, überliest sich hingegen leicht. Das vierte Kapitel verfolgt Baldwins Orientierung an bestimmten Gruppen einerseits und andererseits seine Orientierung an der «Menschheit». Ein fünftes Kapitel ist dem Thema Erinnerung gewidmet. In seinen späten Texten, vor allem im Roman Just Above My Head, blickt Baldwin auf die Bürgerrechtsbewegung zurück. Dabei reflektiert er, wie brüchig das Gedächtnis ist und unter welchen Bedingungen es in den Kämpfen seiner Gegenwart zum Einsatz kommen könnte. Mit all dem ist dieses Buch weder Forschungsarbeit noch Biographie. Es porträtiert James Baldwin, indem es ihn liest – vor allem seine Romane sowie die Buchessays The Fire Next Time und No Name in the Street. Eine Lektüre, die, sofern sie gelingt, zu weiteren Lektüren anregen möchte.
Noch drei persönliche Worte – drei Hinweise, für die ein Ich in diesem Text kurz auftaucht und danach wieder verschwindet. Zum einen: Hier schreibt kein African American. Wenn James Baldwin «wir» sagt und dabei, gelegentlich unüberhörbar, mitschwingen lässt, dass noch seine Großmutter in die Sklaverei geboren wurde, bin ich nicht direkt mitgemeint. Mein Vater kam aus Togo in die Bundesrepublik, wo meine deutsche Mutter und er heirateten. Doch so spezifisch die US-amerikanische Erfahrung ist, so sehr trifft Baldwins Werk mindestens auch in Europa wunde Punkte. Die Bewohner eines Schweizer Bergdorfs kontrollieren, ob die Hautfarbe des Fremden abfärbt? Man kennt’s. Und ich kenne so vieles mehr – Baldwins Literatur beschränkt ihren Horizont nicht auf Menschen, die wie er US-amerikanisch, schwarz, homosexuell und arm zur Welt gekommen sind.
Zum anderen, eine Vokabelfrage. James Baldwin, Mensch des 20. Jahrhunderts, benutzt das US-amerikanische N-Wort nicht gern, aber oft – um die blutige Geschichte aufzurufen, deren integraler Bestandteil es ist. Hier wird es, wo nötig, als «n***» wiedergegeben. «Negro» wird, wo nötig, unübersetzt zitiert. Die Leidenschaft vieler Deutscher, darüber zu diskutieren, wie der historisch-kritisch richtige Umgang mit diesen beiden Vokabeln und deren Verwandten sei, teile ich nicht.[11] Informationshalber sei gesagt, dass Baldwin bis in die 60er Jahre meist «Negro» als Selbstbezeichnung benutzt – während zur gleichen Zeit beispielsweise die Black Muslims das Wort längst ablehnen, weil es sich um eine feindselige Fremdbezeichnung handle. Auch aus Baldwins Sprachgebrauch verschwindet das Wort im Lauf des Jahrzehnts. 1972 schreibt er: «Ich denke, die treffendste Bezeichnung für diese Geschichte, diese besondere und eigentümliche Gefahr, sowie für alle Personen, die daraus hervorgehen und darin kämpfen, ist jetzt: afro-amerikanisch.»[12]
Und schließlich: Ich hatte das Glück, Teile dieses Buches in Los Angeles zu erarbeiten, in Thomas Manns Exilvilla in Pacific Palisades, wo die Bundesrepublik heute eine Residenz für Forschende und Schreibende unterhält. Nicht weit davon entfernt, in Beverly Hills, hat James Baldwin 1968/69 sein Drehbuch über Malcolm X geschrieben. Sein Aufenthalt dort behagte ihm nicht: «Jede neue Umgebung, vor allem wenn man weiß, dass man sich die Mühe machen muss, sich daran zu gewöhnen, dort zu arbeiten, birgt das Risiko, mehr als nur ein kleines Trauma zu sein.»[13] Meine Zeit in Kalifornien war frei von Unbehagen. Die Privilegien dort ermöglichten Ruhe zum Arbeiten – und auf den zweiten Blick machten sie täglich die Kluft sichtbar zu jenem anderen Amerika, von dem ich las: dem Elend in den Ghettos des Nordens; dem von Blut getränkten Boden in den Landschaften des Südens. Die USA, wie James Baldwin sie sieht, haben im Wesentlichen diese zwei Pole: Harlem in New York und «den Süden», dem, wie seine eigenen Eltern, die Elterngeneration seiner Hauptfiguren entstammt. Die Kraft seiner Texte macht daraus Orte, die die Vereinigten Staaten wie im Brennglas darstellen – und eine Welt, die «nie wieder weiß» sein wird.[14]
2
Der Mythos von San Francisco ist älter als der Summer of Love. Die Blumenkinder mögen erst während jenes Sommers 1967 gekommen sein und die Hightech-Unternehmen noch viel später. Doch schon in der Mitte des 20. Jahrhunderts prägten liberale Weltoffenheit, technischer und gesellschaftlicher Fortschritt das Selbstbild der Stadt. Hier suchten, seitdem das moderne San Francisco mit dem Goldrausch 1848 entstanden war, Menschen aus aller Welt nicht nur Reichtum, sondern auch ihr Glück. Hier gediehen Widerspruchsgeist und Gegenkultur – und zwar schon immer, so erzählt es die lokale Geschichtsschreibung.[1] Die Beat Generation als Beispiel fürs Ganze: Mitte der 1950er Jahre kamen Jack Kerouac, Allen Ginsberg, William Burroughs und Gleichgesinnte in die Stadt. Ginsberg trug dort sein legendäres Gedicht «Howl» erstmals vor, Kerouac reiste für seine Bücher On the Road oder Big Sur durch Kalifornien. Hier kultivierten sie ihren nonkonformistischen Lifestyle, freie Sexualität, psychedelische Substanzen, Rückzug vom Materialismus der Mehrheitsgesellschaft. San Francisco machte es möglich. «Schließlich war dies die Stadt der Toleranz.»[2] Ende der 50er waren die Beatniks bereits zu Sehenswürdigkeiten geworden, deren Outfits und Treffpunkte im Stadtteil North Beach von Touristen bewundert wurden. Diesem aufgeschlossenen San Francisco, wo Amerikas Individualismus, Pioniergeist und Selbstfindungsgabe zu sich selbst kamen, stellt James Baldwin ein ungerührt hartes Zeugnis aus.
San Francisco? «Ist eine ganz normale amerikanische Stadt.» Der Satz fällt in einem Dokumentarfilm namens Take This Hammer, der im Frühling 1963 fürs National Educational Television gedreht und im Februar des folgenden Jahres in der Bay Area ausgestrahlt wurde. Es mit einer ganz normalen US-amerikanischen Stadt zu tun zu haben, ist für Schwarze Amerikaner allerdings eine bittere Einsicht, sagt Baldwin. Denn hier wie überall in den Vereinigten Staaten lebten sie de facto strikt getrennt von den Weißen, unter den Bedingungen einer Segregation, die sich in erbärmlichen Wohnverhältnissen und in Aussichtslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt niederschlug, einer massiven, langfristig eingerichteten Ungleichheit. Und all dies: Elemente einer Entmenschlichung, die in letzter Konsequenz die Leben der Schwarzen bedrohte.
James Baldwin, zum Zeitpunkt der Fernsehaufnahmen 38 Jahre alt, eine wetterfeste Jacke über dem weißen Hemd, wird auf der Straße umringt von jungen Schwarzen Männern, erst später kommen auch Frauen ins Bild, und er diskutiert. «Das ist das San Francisco, von dem Amerikaner so tun, als gäbe es das nicht. Sie meinen, ich denke mir das aus.» Später, in ruhigerer Atmosphäre im Sitzen, reflektiert er seine Eindrücke aus den Gesprächen. «Zwischen den Lebensumständen in San Francisco und den Lebensumständen in Birmingham gibt es keine moralische Distanz, das heißt: keine Distanz.» Mit Birmingham in Alabama wählt er den Vergleich mit einer Stadt, deren Ruf als «die segregierteste Stadt in den Vereinigten Staaten» noch harmlos formuliert war. Die damals geläufige Verballhornung des Städtenamens als «Bombingham» trifft es besser. Nicht weniger als 50 Bombenattentate wurden dort zwischen 1945 und 1962 auf Schwarze verübt.[3] Fast alle blieben juristisch ohne Folgen. Doch der Terror, der von ihnen ausging, verfehlte sein Ziel nicht. Schwarze, die in Gegenden ziehen wollten, die von Weißen bewohnt waren, wurden direkt ins Visier genommen, außerdem Aktivistinnen der Bürgerrechtsbewegung, und damit galt die Bedrohung einer ganzen Bevölkerungsgruppe. James Baldwin spitzt sein Statement noch weiter zu, indem er es personalisiert: «Es gibt keine moralische Distanz, keine Distanz, zwischen Präsident Kennedy und Bull Connor, weil die gleiche Maschinerie sie beide an die Macht gebracht hat.»
Wieder stellt er zwei Seiten einander gegenüber, wieder behauptet er, ein auf der Hand liegender Unterschied täusche über die entscheidende Gemeinsamkeit nur hinweg: Hier der Präsident von der liberalen Ostküste, der schon durch seine relative Jugend Hoffnung und Aufbruch verkörperte – dort der jahrzehntelang eingesessene Commissioner of Public Safety von Birmingham, Theophilus Eugene Connor, besser bekannt eben unter seinem sprechenden Spitznamen Bull, der öffentliche Sicherheit durchzusetzen trachtete, indem er gegen die Schwarzen unter den Bürgern seiner Stadt, Kinder inbegriffen, Wasserwerfer, Feuerlöscher und Kampfhunde einsetzte, selbst wenn die Kameras der Welt dabei zuschauten. Mit der «gleichen Maschine», die die beiden Männer an die Macht gebracht hat, mag allgemein die weiße Vorherrschaft gemeint sein. Doch Baldwins Formulierung lässt sich zugleich auch konkreter verstehen: Sheriff Connor wie Präsident Kennedy sind durch Mehrheitsentscheidungen der Wählerschaft in ihre Ämter gelangt, und dies jeweils als Kandidaten derselben Demokratischen Partei. Es waren die Demokraten, die in den Südstaaten die rechtlichen Grundlagen für die Segregation geschaffen hatten: die Jim Crow genannten Gesetze. Es waren die Demokraten, deren Politik von den Gebräuchen des gallant South zehrte – Gebräuche, mit denen im Klartext die Geschichte der Versklavung und deren Erbschaft gemeint waren. Die kleine Metropole San Francisco, wie so viele Städte in Amerika und in der Welt, hielt sich selbst für das Gegenteil des ländlichen, traditionsgebundenen Südens. Doch in der vermeintlich liberalsten Stadt der Vereinigten Staaten, am westlichsten Punkt der westlichen Welt, so Baldwins Botschaft, herrschten im Grunde die gleichen Ausgrenzungsmechanismen wie im offiziell segregierten Süden.
1963 ist ein Schlüsseljahr in der Bürgerrechtsbewegung. Ihre Anfänge liegen da schon einige Zeit zurück. Im Sommer 1955 war der 14-jährige Emmett Till in Mississippi misshandelt und ermordet worden; Proteste weit über den Bundesstaat hinaus waren die Folge. Im Dezember desselben Jahres weigerte sich die Näherin Rosa Parks im Nachbarstaat Alabama, in der Hauptstadt Montgomery, ihren Sitzplatz im Bus, wie vorgeschrieben, den weißen Passagieren zu überlassen. An die Spitze des anschließenden Busboykotts stellt sich ein junger Pastor namens Martin Luther King Jr. Acht Jahre später ist er die sichtbarste Figur einer landesweiten Bewegung für die Bürgerrechte von Afroamerikanern. Eine Bewegung, deren Ziele unmissverständlich sind: Sie verwandelte die modernen Ideen von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit in konkrete, drängende Forderungen – gegen die Segregation in öffentlichen Räumen wie Restaurants, Schwimmbädern oder Krankenhäusern, gegen die Segregation in Schulen, Hochschulen und beim Heiraten, für ein Ende der systematischen Benachteiligung auf dem Arbeits- und dem Wohnungsmarkt, für ein Ende der Polizeibrutalität, der Einseitigkeit von Justiz- und Gefängniswesen, für den Zugang zur Wahlurne.
In Alabama beginnt das Jahr 1963 mit der Amtseinführung von Governor George Wallace. Vor dem State Capitol in Montgomery, indem er den einstigen Präsidenten der Sklavenhalterstaaten, Jefferson Davis, heraufbeschwört, ruft er die Parole «segregation today, segregation tomorrow, segregation forever» in den Januarhimmel – und spricht damit aus, was auch moderatere Weiße womöglich dachten, jedenfalls aber praktizierten, ebenso wie die Gesellschaft insgesamt. Während im Frühling in Georgia und Mississippi die Kämpfe um die Wählerregistrierung weitergehen, bündelt Martin Luther Kings Organisation, die Southern Christian Leadership Conference (SCLC), ihre Kräfte für Birmingham, Alabama.[4] Geschäfte werden boykottiert, Sit-ins und Märsche organisiert. Commissioner Bull Connor lässt sich provozieren und nimmt Demonstranten fest. Der prominenteste von ihnen, King selbst, verfasst hinter Gittern seinen «Brief aus dem Gefängnis von Birmingham» – heute ein klassisches Dokument über zivilen Ungehorsam. Im Mai nehmen auch Schüler an den Protestmärschen teil. Nach Hunderten von Festnahmen sind die Gefängnisse voll, und Connor setzt Wasserwerfer und Kampfhunde ein. Governor Wallace schickt die Staatspolizei, um den Commissioner zu unterstützen. Am 11. Mai werden Bomben gegen schwarze Bürgerrechtler gezündet. Wenig später sendet Präsident Kennedy Bundestruppen, um die Ordnung in der Stadt wiederherzustellen. Im Juni werden in Birmingham schließlich die Schilder abgenommen, die weiße Räume von schwarzen Räumen trennen. Von Washington aus unterstützt Kennedy die Bewegung mit einer Ansprache an die Nation – einen Tag später, am 12. Juni, wird in Jackson, Mississippi, der Bürgerrechtler Medgar Evers niedergeschossen. Ende August versammelt die Bewegung, gemeinsam mit Verbündeten wie weißen Gewerkschaften und jüdischen Verbänden, rund 250.000 Menschen zum Marsch auf Washington. Der Traum, von dem Martin Luther King dort erzählt – dass seine Kinder einst nach ihrem Charakter, nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden –, ist heute in Geschichtsbüchern nachzulesen. Es ist kein Zufall, dass sich die Ereignisse ausgerechnet in jenem Jahr verdichten; kein Zufall in einer Kultur, in der Geschichte und Erinnerung politisch so wirkmächtig sind wie in der westlichen Welt. Genau ein Jahrhundert zuvor nämlich, 1863, hatte Abraham Lincoln die Emancipation Proclamation unterschrieben. Deren Jubiläum machte umso sichtbarer, dass das Freiheitsversprechen für die Nachkommen der Versklavten bis in die Gegenwart von 1963 noch nicht wirklich erfüllt war.[5] Der September bringt Birmingham eine weitere Bombe. Sie tötet vier Mädchen in der 16th Street Baptist Church. Die Vier sind weder die ersten noch die letzten Opfer politischer Attentate jener Epoche. Die Toten werden prominenter: John F. Kennedy im November 1963, Malcolm X im Februar 1965, Martin Luther King im April 1968, Robert F. Kennedy im Juni 1968.
James Baldwin mit Medgar Evers, Sekretär der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People), bei der Zeitungslektüre, Mississippi, 1963.
1963 ist ein Schlüsseljahr auch für James Baldwin. Seit der Veröffentlichung seines literarischen Debüts Von dieser Welt (Go Tell It On the Mountain) ist ein Jahrzehnt vergangen. Inzwischen, mit Ende 30, gilt er als etablierter Autor von drei Romanen und drei Essaybänden – von Büchern, die die zeitgenössische Kritik teils mit Anerkennung, teils mit Begeisterung begrüßt hat. Insbesondere die Essays formulieren von Anfang an, ohne Umwege über fiktionale Plots, Baldwins Nachdenken über die Lebensbedingungen der Schwarzen in den Vereinigten Staaten. So liegt es nahe, dass er sich der erstarkenden Bürgerrechtsbewegung verbunden fühlt – und in der Öffentlichkeit als einer ihrer Sprecher wahrgenommen wird. Von einem Sohn dieses Landes (Notes Of a Native Son, 1955) war gerade frisch veröffentlicht, als der Busboykott von Montgomery begann. Nobody Knows My Name (1961) enthält Texte, in denen Baldwin die Proteste in den Südstaaten so engagiert wie nachdenklich begleitet. Und im November 1962 verwandelt der New Yorker eine ganze Ausgabe seines Magazins in eine Bühne für Baldwin. Dort platziert er einen ausladenden Essay über seine eigene Jugend in Harlem, über die aufstrebenden Black Muslims um Malcolm X, über die Lage der Schwarzen insgesamt. Der Artikel stelle «ein politisches Event höchster Ordnung»[6] dar, lobte die deutsch-jüdische Intellektuelle Hannah Arendt, die seit ihrer Flucht vor den Nazis 1941 auf der Upper West Side in New York lebte. Kurze Zeit später bildet der Text den Hauptteil von Baldwins Neuerscheinung aus dem Jahr 1963: The Fire Next Time, im Rückblick das wichtigste literarische Manifest der Bewegung. Die Prominenz, die er sich im literarischen Feld erarbeitet hat, die Expertise in Fragen der race relations, wie sie seine Essays ausweisen, machen ihn zum gefragten Gesprächspartner.
James Baldwin während einer Rede Martin Luther Kings, beim Selma-nach-Montgomery-Marsch, März 1965.
James Baldwins 1963 beginnt Anfang Januar mit einer Reise in die Südstaaten. Dort trifft er zwei Bürgerrechtler, die heute zu den Ikonen der Bewegung gehören: Medgar Evers (der wenige Monate später vor seiner Haustür erschossen wird) begleitet er, während dieser die Hintergründe eines rassistischen Mordes im Hinterland von Mississippi recherchiert. Und von James Meredith lässt er sich aus erster Hand schildern, was sich im Herbst zuvor an der University of Mississippi in Oxford zugetragen hat: Meredith hatte sich als erster Schwarzer des Staates zum Studium eingeschrieben, doch statt einer Zulassung erntete er erst die Ablehnung der Hochschule, dann Protest durch eine weiße Bevölkerung, die nicht nur von Extremisten angestachelt, sondern auch von Governor Ross Barnett unterstützt wurde. Mehr als 30.000 Bundessoldaten müssen entsendet werden, um den Aufstand der Segregationisten niederzuringen. Nach den Stationen in Mississippi bricht Baldwin zu einer Vortragsreise im Auftrag des Congress of Racial Equality (CORE) auf, zwölf Auftritte, die ihn von North Carolina bis nach Louisiana führen. Am 17. Mai hebt die Redaktion des Time-Magazins James Baldwin auf ihre Titelseite, was in der US-amerikanischen Medienlandschaft seinerzeit der Erhebung in den Adelsstand gleichkommt. Er ist der erste Schwarze Schriftsteller, dem diese Ehre zuteilwird. Eine Woche später lädt Robert F. Kennedy, Justizminister und Bruder des Präsidenten, Baldwin in seinen Wohnsitz in Manhattan. Kennedy interessiert sich nach den Unruhen von Birmingham für den Standpunkt des gefeierten Schwarzen Autors. Baldwin kommt in Begleitung von Freunden, darunter der Sänger Harry Belafonte, die Dramatikerin Lorraine Hansberry und der Aktivist Jerome Smith. Das Treffen bringt zum Vorschein, wie wenig beide Seiten, der weiße Liberale und die Schwarzen Aktivisten, einander verstehen. Beispielsweise bekennt Smith, nicht mit der Waffe für ein Land kämpfen zu wollen, das ihm als Schwarzem die Bürgerrechte verweigert – für Kennedy eine empörend unpatriotische Haltung.[7] James Baldwin wird spöttisch auf das legendäre Treffen zurückkommen: «Ich erinnere mich, als der ehemalige Justizminister Robert Kennedy sagte, es sei vorstellbar, dass wir in 40 Jahren in Amerika einen schwarzen Präsidenten haben würden. Das klang für Weiße wie eine emanzipierte Aussage. Sie waren nicht in Harlem, als man diese Aussage erstmals hörte. Sie hörten nicht das Gelächter und die Bitterkeit und den Hohn, mit dem diese Aussage begrüßt wurde. Aus der Perspektive des Mannes im Barbershop in Harlem ist Bobby Kennedy erst seit gestern hier und schon jetzt auf dem Weg zur Präsidentschaft. Wir waren seit 400 Jahren hier, und jetzt erzählt er uns, dass vielleicht in 40 Jahren, wenn ihr brav seid, wir euch eventuell Präsident werden lassen.»[8] Trotz der Verwerfungen – die politische Stimme James Baldwins ist 1963 so einflussreich wie nie zuvor. Und eine der ungezählten Einladungen, sich öffentlich zu äußern, führt ihn eben nach San Francisco, das nicht im Fokus der Aufmerksamkeit stand, wenn es um die race relations ging.
James Baldwin mit Kindern in New Orleans, um 1963.
Die Dokumentation aus San Francisco zeigt Baldwin zunächst als Zuhörer. Zusammen mit Orville Luster, einem in der Stadt verwurzelten Sozialarbeiter, besucht er die Wohngebiete, in denen um 1960 vorwiegend Schwarze leben, Bayview-Hunters Point und Western Addition. Die Schwarze Bevölkerung in der Stadt hatte sich während der 1940er Jahre von 4800 auf rund 43.500 beinahe verzehnfacht[9] – teils im Zuge der allgemeinen Great Migration, der Flucht aus dem segregierten Süden in den freien Westen, teils weil die Kriegswirtschaft Jobs in die Schiffbauindustrie der Hafenstadt gebracht hatte. Nicht zuletzt wurden in den genannten Vierteln Wohnungen frei, als die Behörden nach dem Angriff Japans auf Pearl Harbor japanisch-stämmige Bürger an der Westküste massenhaft in Lagern festsetzten. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Viertel mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnt.
Den Ton des Films setzt gleich zu Beginn ein junger Mann, den Baldwin und sein Begleiter befragen. «Ich erzähl euch was von San Francisco. Der Süden ist nicht halb so schlimm wie San Francisco!» Denn während «the white man» die Schwarzen im Süden in aller Öffentlichkeit schlecht behandele, mache er ihnen in San Francisco das Leben indirekt unmöglich, indem er ihnen Jobs verweigere. Der Interviewte bringt also nicht nur die drastische Benachteiligung bei der Arbeitssuche auf, er ist es auch, der die Verhältnisse an der Westküste mit dem tiefen Süden verknüpft. Den Vergleich von San Francisco mit Birmingham entnimmt James Baldwin also den Gesprächen auf der Straße. Baldwins Biograph David Leeming mag den Auftritt seines Helden in diesem Film als «gurulike» charakterisieren[10] – nachvollziehbar, weil der Schriftsteller mit hellem Hemd und Halstuch, oft umgeben von Menschentrauben, zu sehen ist. Doch der Besuch in San Francisco lässt sich auch anders bewerten: Baldwin agiert als eine Art Reporter im Bild; das seinerzeit junge Medium Fernsehen verbirgt nicht das Aufsehen, welches der Star und die Kameras bei Passanten auslösen; und der Reporter stellt eben Fragen, er recherchiert, er will konkrete Fakten und Umstände erfahren.
Neben dem Zuhören steckt also noch mehr in den ersten Bildern des Films. Das Zuhören dient nämlich, zweitens, der Suche nach der Wirklichkeit. Was Baldwin sieht und dem Publikum zeigt, ist ein wahres San Francisco, von dem die Amerikaner so tun, als existiere es nicht, weil es dem Image der Stadt widerspricht: «Sie meinen, ich denke mir das aus.» Baldwin ist über Wohnverhältnisse und Stadtentwicklung zu Lasten der Schwarzen in New York zwar bestens informiert, wie er an einer Stelle sagt und auch in seinem frühen Essay über das «Harlem Ghetto» nachzulesen ist.[11] Aber er will die lebensweltlichen Details an einem Ort erfahren, der ihm nicht so vertraut ist wie seine Heimatstadt. Er begegnet den Einwohnern von San Francisco mit Realitätshunger. Wie bereiten die Sozialarbeiterinnen die Jungen in den schwarzen Vierteln darauf vor, dass sie offensichtlich nicht die gleichen Chancen haben wie gleichaltrige Weiße?, lautet eine seiner Fragen.
James Baldwin fungiert hier, drittens, als eine Art Verstärker: Er bündelt, was er hört, und verschafft den Anliegen der Befragten durch seine Stimme Gehör im Massenmedium Fernsehen. Natürlich entsteht, wenn Baldwin das Erfahrene selbst formuliert, aus dem Material der Originaltöne von der Straße etwas Neues. Zu seiner Rolle gehört, viertens, die Bildung von Thesen, die Suche nach Allgemeingültigkeit. Als ein junger Mann beispielsweise von der Gefangennahme eines Schwarzen Kindes erzählt, schließt sich ein Austausch über Polizeigewalt an: Verhalten sich Schwarze Polizisten anders als weiße? «Cops are cops», lautet Baldwins knappe Formel dafür, dass allein die Uniform für das Verhalten der Polizisten ausschlaggebend ist: ihre Funktion, nicht ihre Rassifizierung. Fünftens kommt Baldwin auch als Bote der Hoffnung in die schwarzen Viertel von San Francisco. Er bringt, mit einer Vokabel aus der Gegenwart gesagt, Empowerment. Ob in diesem Land eines Tages ein Schwarzer Präsident werden könne? «Es ist nicht wirklich wichtig, ob es einen Schwarzen Präsidenten gibt», sagt Baldwin. «Wichtig ist, dass ihr versteht, dass ihr Präsident werden könnt. Es gibt nichts, das irgendjemand tun kann, das ihr nicht könnt.» Dem Schriftsteller, wie dem Film insgesamt, geht es schließlich um Veränderung. Die Dokumentation soll dazu beitragen, die Lage der Schwarzen in der Stadt zu verbessern, und der erste Schritt dazu ist Aufklärung über diese Lage.
Betroffenen zuhören, Interesse an deren Lebensrealitäten, Verstärkerfunktion, Thesenbildung, Empowerment, Drängen auf Veränderung: Aus diesen Zügen setzt sich der aktivistische Intellektuelle zusammen, den James Baldwin seit den 1960er Jahren verkörpert. In den Monaten nach seinem Aufenthalt in Kalifornien geht das Leben dieses Aktivisten wie im Zeitraffer weiter: Auf das Treffen mit Robert Kennedy folgt in New York die Teilnahme an einer Demonstration, in London spricht er vor Schwarzen Briten, in Paris wirbt er für den March on Washington – an dem er am 28. August 1963 an der Seite der Schauspieler und Sänger Harry Belafonte, Sidney Poitier und Marlon Brando teilnehmen wird. Nach dem tödlichen Anschlag auf die Kirche in Birmingham wirft er sich mit neuer Vehemenz in die Bewegung: Gemeinsam mit seinem Bruder David und dem Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) arbeitet er in Selma, Alabama, am Thema Wählerregistrierung – seine wohl direkteste Mitwirkung im Straßenkampf der Südstaaten-Bewegung. Dort hält er auch eine aufrüttelnde Rede in einer Kirche – die sofort den dortigen Sheriff, «Big Jim» Clark, mit Schikanen auf den Plan ruft. Baldwin richtet Pressekonferenzen aus. Und er ruft, die getöteten Mädchen von Birmingham vor Augen, zum Boykott des Weihnachtsfests 1963 auf. Zurück in New York, hält er eine Rede vor Lehrern in Harlem mit dem Titel «Die Rolle des Negro in Kultur und Leben der Vereinigten Staaten».[12] Baldwins Engagement bleibt auf diesem Niveau bis gegen Ende der 60er Jahre, bis am 4. April 1968 eine tödliche Kugel das Leben Martin Luther Kings beendet – für die Bewegung, und auch für Baldwin persönlich, eine niederschmetternde Zäsur.
