Jan Seghers' Geisterbahn - Matthias Altenburg - E-Book

Jan Seghers' Geisterbahn E-Book

Matthias Altenburg

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Beschreibung

Muss man erst tot sein, bis das, was man gedacht hat, ans Licht darf? Ein Buch, so aufregend wie das beginnende Jahrtausend: «Jan Seghers' Geisterbahn» ist Pop und Anti-Pop, ein Alltagsroman unserer Tage. Matthias Altenburg führt uns zu den verborgenen Schönheiten und an die struppigen Ränder; er wendet sich monströsen Verbrechen zu und sucht Trost bei den Rotschwänzen in seinem Garten. Mal ist er Beobachter und Chronist, dann wieder mischt er sich leidenschaftlich ein, mal Reporter der Gefühle, dann wieder Liebhaber des freundlichen Abstands. Auf jeder Seite spürt man seinen Spaß am Denken und am Geschichtenerzählen. Zorn und Hingabe wechseln sich ab, und wir lesen Beschreibungen alltäglicher Szenen von anrührender Präzision. In «Jan Seghers' Geisterbahn» sitzen sie alle beieinander: Freunde und Fremde, Bob Dylan und Rosa Luxemburg, Marcel Proust und Jean Seberg, Guttenberg und Gaddafi, Ernst Jünger und Anna Nicole Smith, Janis Joplin und Angela Merkel – die Götter und die Schufte, die Mörder und ihre Opfer, die Lebenden und die Toten.

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Seitenzahl: 625

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Matthias Altenburg

Jan Seghers’ Geisterbahn

Tagebuch mit Toten

Inhaltsverzeichnis

ZWEITAUSENDFÜNF

ZWEITAUSENDSECHS

ZWEITAUSENDSIEBEN

ZWEITAUSENDACHT

ZWEITAUSENDNEUN

ZWEITAUSENDZEHN

ZWEITAUSENDELF

ZWEITAUSENDFÜNF

Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.

Samuel Beckett

Jemand wacht auf, jemand überhört den Wecker, jemand verschläft, jemand stellt sich auf die Waage, jemand hat keinen Appetit, jemand muss ja die Brötchen backen, jemand dreht sich noch mal auf die andere Seite, jemand rasiert sich, jemand ist schon lange wach, jemand hatte Nachtschicht, jemand isst sein Müsli, jemand ist Politiker, jemand sagt: «Auf jetzt!», jemand macht sich auf den Weg, jemand hat Halskratzen, jemand betrachtet sich in der Schaufensterscheibe, jemand entdeckt eine neue Falte, jemand würde am liebsten schon jetzt aus der Haut fahren, jemand sprengt sich in die Luft, jemand wird der neue Papst, jemand hat sich geirrt, jemand will es nie wieder tun, jemand will endlich seine Ruhe haben, jemand schlägt seinen Hund, jemand will schon jetzt diesen Text nicht mehr lesen, jemand mag Schattenmorellen, jemand hat Krebs, jemand wundert sich über gar nichts mehr, jemand denkt nur an sich, jemand sagt: «Du denkst nur an dich», jemand hat sich halt verändert, jemand wühlt in den Papierkörben, jemand denkt an Adolf Hitler, jemand will heute Mittag nicht schon wieder Nudeln essen, jemand findet es ganz und gar nicht witzig, jemand hört ihm nie zu, jemand sitzt auf einer Bank, jemand hat es längst aufgegeben, jemand hat es nicht so gemeint, jemand liest ein Buch, jemand muss mal wieder Klarschiff machen, jemand hat die Gießkanne vergessen, jemandem geht es eigentlich ganz gut, jemand stirbt, jemand macht sich rasch noch ein bisschen frisch, jemand will zum siebten Mal die Tour de France gewinnen, jemand hört immer dasselbe Lied, jemand weiß auch nicht so genau, jemand kramt in seinem Portemonnaie, jemand muss leider absagen, jemand ist aber auch so was von urlaubsreif, jemand hat noch immer kein Handy, jemand liest die Bildzeitung, jemand kann den Hals wohl wirklich nicht voll kriegen, jemand geht bei Rot über die Straße, jemand lächelt, jemand nimmt verbotene Substanzen, jemand könnte jetzt gut einen Kaffee vertragen, jemand lehnt McDonald’s ab, jemand kann es kaum noch erwarten, jemand soll sich mal bitte nicht so aufspielen, jemand war auch schon mal am Walchensee, jemand weint nicht darüber, jemand sucht seit Stunden seine Tochter, jemand kann sich nicht um alles kümmern, jemand ist erwischt worden, jemand fand es früher angenehmer, jemand dreht noch rasch eine Runde durch den Park, jemand will nichts mehr davon hören, jemand kann darüber nur noch lachen, jemand hat es sich selbst zuzuschreiben, jemand steht vor dem Kühlregal, jemand schaltet das Radio aus, jemandem ist nicht zu helfen, jemand ist die Ruhe selbst, jemand bleibt heute Abend lieber zu Hause, jemand muss sich auch mal was gönnen, jemand errötet beim Anblick ihrer Schuhe, jemand versucht, es wirklich zu verstehen, jemand kann doch auch nichts dafür, jemand ist immer der Letzte, jemand will nicht mehr so weiterleben, jemand bleibt im Auto sitzen, jemand ruft nach seiner Mutter, jemand spielt dauernd Chopin, jemand ist ein durch und durch verdorbener Charakter, jemand muss die Leiche identifizieren, jemand lässt sich nichts mehr erzählen, jemand ist auf hundertachtzig, jemand lügt, jemand weiß Bescheid, jemand sagt: «Weil du mir nie zuhörst», jemand bittet jemanden, jemand macht einfach so weiter, jemand mag nicht mit dem Dicken tanzen, jemand streitet alles ab, jemand macht es nicht mehr lange, jemand lässt seine Cola stehen, jemand isst nur die Rindswürste von Gref-Völsings, jemand will doch nur, dass man ihn liebt, jemand fragt sich, wie lange das noch so weitergehen soll, jemand kann sich nur noch wundern, jemand trinkt noch ein letztes Glas, jemand kann sich das Wort Pogrom nicht merken, jemand könnte heulen, wenn er daran denkt, jemand schläft mit jemandem, jemand denkt dabei an jemand anderen, jemand schaut aus dem Fenster, jemand versucht die Sterne zu zählen, jemand lacht darüber, jemand hat vergessen, seine Katze zu füttern, jemand muss irgendwann auch mal an sich denken, jemand ist schon eingeschlafen, jemand dreht sich weg, jemand liegt noch lange wach, jemand will nicht klagen, jemand steht wieder auf und raucht noch eine Zigarette, jemand kann nicht mehr, jemand hat die Nase endgültig voll, jemand macht jetzt Schluss, jemand fängt noch mal von vorn an. Viele Menschen schauen Fernsehen.

Es ist vieruhrsechsundvierzig, keine vier Grad Celsius. Hinter mir der Gasofen müht sich redlich. Und wie immer in der Weihnachtszeit geistern die Toten durchs Haus. Ihre Zahl nimmt zu.

Sonntags auf der Wasserkuppe bei etwas unter null. Fremde, graue, weiße, schwarze Welt. Kalt, verschneit, neblig, heiligstill. Dann dieses Paar mit seinen wulstigen Steppjacken und den riesigen bunten Plastikstiefeln. Bei sich haben sie einen nervösen Pudel im Strickleibchen, der immer wieder über die dicke Schneedecke läuft, schließlich einbricht und darin versinkt. Alles ein bisschen nazi hier oben.

ZWEITAUSENDSECHS

Offen gesagt, es ist alles

gelogen.

Hermann Peter Piwitt

Mittwoch, 4.Januar 2006 – Anruf eines freundlichen Sozialdemokraten. Ob ich gemeinsam mit Michael Herl an einer Podiumsdiskussion zum Thema «Heimat im Frankfurter Nordend» teilnehmen möchte. Ich sage zu, komme aber, kaum habe ich aufgelegt, ins Grübeln. Muss es denn gleich wieder «Heimat» sein? Hätte nicht fürs Erste auch «Zuhause» genügt? Als würden wir nicht dafür schon von vielen beneidet.

Heute vor 46Jahren ist der Facel Vega des Verlegers Michel Gallimard auf der Straße zwischen Sens und Paris gegen eine Platane geprallt. Albert Camus, der sich ebenfalls in dem Fahrzeug befand, war sofort tot. Camus’ Aktentasche mit dem Manuskript von «Le premier homme» fand man wenig später im matschigen Boden in der Nähe der Unfallstelle.

Dienstag, 10.Januar 2006 – Versinke immer tiefer in den Bilderwelten. Wie immer nach einer langen Schreibphase reagiere ich mit Überdruss auf alle Worte. Und werde umso gieriger auf Farben, Formen, Bilder. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich jetzt ein halbes Jahr lang durch die europäischen Museen streunen und nur noch schauen. Und immer mehr sind es die ersten drei Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts, die mich interessieren. Dabei dachte ich schon vor zwanzig Jahren, dass ich das alles längst hinter mir hätte. Jetzt kommt es mir vor, als sei man nie wirklich über das hinausgekommen, was damals entstanden ist.

Gestorben sind Dashiell Hammett und Georg Forster.

Donnerstag, 12.Januar 2006 – Im Dunkeln taste ich nach dem winzigen Wecker, drücke auf den Knopf für das Lichtchen: 3.47Uhr. Was mache ich jetzt mit dem neuen Auster? Nee. Ich schaff’s nicht. Schaff’s ja noch nicht mal, ihn zu lesen.

Öffne die Nachrichtenseite des Hessischen Rundfunks. Großes Foto von Armin Meiwes, dessen Revisionsprozess heute vor dem Landgericht beginnt. Auch hier nennt man ihn den «Kannibalen von Rotenburg». Auf einem der Bilder sieht man sein schönes Fachwerkhaus in Wüstefeld. Wann war ich da? Im September 2003.

Nehme mir drei Bände der Ernst-Fischer-Ausgabe mit an die Badewanne. Und stoße prompt auf dies: «Der Avantgardismus von heute ist das letzte Aufgebot dessen, was einst der Vortrupp war. Dadaismus war Herausforderung der Bürgerwelt. Pop-Art, sein gesittetes Enkelkind, wirbt um gelangweilte Konsumenten. Sie bietet die Hülse ohne Sprengstoff feil. Dada war der Aufschrei: So geht’s nicht mehr! Pop-Art ist das Grinsen: Es geht auch so!»

Ich meine, eh man noch anfinge, sich mit seinen Freunden über Roy Lichtenstein zu streiten…

Und nun, am Schreibtisch sitzend, das noch hinterher: «In der Tat haben die Künste viele, wechselnde, einander nicht selten widersprechende Funktionen. Nur eines müssen sie stets: den Menschen unterhalten. Eines dürfen sie nie: ihn langweilen.»

1976 ist Agatha Christie gestorben und ein Jahr später Henri-Georges Clouzot, der den «Lohn der Angst» verfilmt hat. Gleich mal schauen, wo eigentlich die schöne alte Ostausgabe des Buches ist.

Freitag, 13.Januar 2006 – Vieruhrsechsunddreißig. Heute Abend Auftritt mit «Ein kleiner Abend Glück» in Lauterbach. Bin schon ganz zappelig vor Freude. Die Arbeit mit Atilla an dem Programm gehört zu den schönsten Erfahrungen. Neben dem Rausch, den ich mit Rolf erlebte, als wir «Tage und Nächte» schrieben.

Was ist das eigentlich, wenn wir schreiben, malen, singen, Gitarre spielen, auf der Bühne stehen, proben, filmen, tanzen? Arbeit, Kunst? Schon die Frage hat was Schiefes: Was sind Sie von Beruf, wenn man fragen darf? Oder auf den Partys: Und du, was machstn du so? Ich mach so Buchstaben aneinander reihen, ich mach so Farbe aufs Papier bringen. Rumwerken halt, den ganzen Tag. Jedes Mal krieg ich einen steifen Nacken, wenn mich jemand nach meinem Beruf fragt. Schriftsteller, Dichter, Autor. Klingt alles falsch. Ich mach halt so.

Ich mache: Einen Mond für Ida Kerkovius.

Und? An was arbeiten Sie gerade?

Tot ist Joyce.

Samstag, 14.Januar 2006 – Nachtrag: Gestern auf der Fahrt nach Seckbach im Autoradio von Jakob Klein die 5.Cellosonate G-Dur op. 4 mit Goltz, Perl und Santana. Und die Information, dass Donizetti manche seiner Sinfonien in anderthalb Stunden komponiert habe.

Wir proben ein letztes Mal. Dann durch die Wetterau und den Vogelsberg nach Lauterbach. Reichlich frische Holzkreuze am Straßenrand. Wir spinnen rum, dass wir vielleicht doch eine Gruppe gründen: die «Partisanen der Schönheit». Die Zentralstation ist ein winziger ehemaliger Bahnhof, mitten in der verschneiten Pampa. Und wir mit Sommerreifen. Keiner da? Also alles wieder zum Auto schleppen. Und in eine öde riesige Dorfkneipe, wo man die Fremden beäugt. Dann aber Lesung, dann «Ein kleiner Abend Glück», dann noch signieren. – Als Sie letztes Jahr hier waren, haben Sie mir so was Nettes reingeschrieben, erinnern Sie sich noch? – Ja, also mhm, ehrlich gesagt… Rückfahrt über die Autobahn. Wir sind beide am Ende; Ati wird krank. Um halb zwei zu Hause. Ein großes Paket im Flur. Es ist der «Hammermann».

Heute dann immer um das Bild herumgeschlichen.

Als ich Paula die Geschichte von dem Künstler erzähle, der sich das Glied eines Fingers abgeschnitten hat, um wenigstens auf diese Weise Aufsehen zu erregen, sagt sie: «Lieber bin ich so bekannt wie eine Wurst, aber dafür gesund.»

Abends im Schauspiel, Frankfurter Positionen. Das Ensemble Modern mit zwei Uraufführungen. Francesco Antonioni, «Codice Ovvio», erinnert an eine Britten-Oper. Jean-Paul Dessys «O Clock» macht Spaß: große Klangspannung, nur die Naturgeräusche sind billig. Begeisterung beim Publikum. Aber Ingo, dessen Kameraleute den Abend aufgenommen haben, erzählt, er habe einen Mann von den Donaueschinger Musiktagen getroffen und gefragt, wie es ihm gefallen habe: Diese Musik sei «kriminell», habe der Mann gesagt. Wohl, weil sie ihm zu konventionell war. Hinterher Premierenfeier. Findet im Foyer statt, weil nebenan die Automatik eines der riesigen Fenster kaputt ist – es öffnet und schließt sich ständig, und eisige Luft zieht durchs Haus. Um Mitternacht, als plötzlich Happy-Birthday-Gesänge aus zwei Richtungen kommen, drehe ich ab. Taxi. Bett.

Heute vor einem Jahr wurde Rudolph Mooshammer ermordet. Bei einem Erdbeben in Kingston auf Jamaika starben vor 99Jahren 1600Menschen.

Montag, 16.Januar 2006 – Von Jörg kommt die Einladung, an einem geheimen, elitären Netzforum teilzunehmen. Bin skeptisch. Sollte man sich nicht dem Volk aussetzen, um hinterher zu wissen, warum einen fröstelt? Und: Störgeräusche waren mir eigentlich immer willkommen. Fürchte, das Ganze wird zu gespreizt, zu undurchlässig. Und damit weniger spaßig.

Kleiner Glücksstern: Das Interview mit Robert Rauschenberg in der «Zeit» von voriger Woche. Wie heiter, wie beweglich dieser alte Mann ist, wie begierig auf die Wirklichkeit. Und scheinbar unbestechlich. Er hat schon recht: Beuys ist das depressive Gegenteil von ihm.

Erster Todestag von Charlie Bell. Als Fünfzehnjähriger fing er in einer australischen Filiale von McDonald’s zu arbeiten an und stieg auf bis zum Chef der Schnellrestaurant-Kette. Er starb mit vierundvierzig Jahren. Woran? Am amerikanischen Traum? Oder hat er was Falsches gegessen?

Dienstag, 17.Januar 2006 – Manchmal hätte ich Lust, hier irgendwas hinzuschreiben, das alle – ich meine: restlos alle – dermaßen aufbringt, dass das Gästebuch vollgepostet wird mit Beschimpfungen. Nur, damit mal was zuckt. Damit mal was in Gang kommt. Nur, damit sie mal rauskommen aus ihren Mal-gucken-was-er-heute-so-geschrieben-hat-Löchern.

Andererseits sind gezielte Provokationen bloß fade. Es gibt einen großen Knall. Dann verzieht sich der Rauch, man sieht in die Gesichter, und alle grinsen sich an.

Aber hoffentlich hat das hier bald mal ein Ende. Dieses Gewarte, Gehocke, Gedruckse. Diese Kälte und der Schnee.

Was hat mir denn gefallen an dem Gespräch mit Rauschenberg? Vielleicht, dass er sich selbst dauernd in Frage stellt. Man denkt: Ah, jetzt verliert er sich, jetzt macht er auf Gute-Laune-Künstler. Aber eine Sekunde später sagt er schon: «Andererseits» – und hat sich selbst wieder ein Bein gestellt. Und schon ist man ein Stück weiter.

Vielleicht sind das ja die Formen, die noch ein bisschen Beweglichkeit zulassen oder erst erzeugen: Tagebuch, Interview, Gespräch, Internetforen. Wie es mich dagegen inzwischen langweilt, einen «Artikel» zu lesen. Oder gar zu schreiben.

Heute ist mal niemand tot. Oder alle. Oder ich hab bloß schlechte Laune.

Mittwoch, 18.Januar 2006 – Fünf Uhr, dreikommavier Grad Celsius. Eine Stunde Trainer. Dabei Boccherinis Cellosonaten. Und im Kopf die Liste für das Partisanen-Forum. Listen machen eigentlich immer Spaß. Nichts davor, nichts dahinter, nur ein Name oder ein Titel, aber gleich ist ein Raum da. Deswegen sind Vergleiche eben auch immer hilfreich. Der da malt in der Art von Edvard Munch; die da hat ein Timbre wie die Knef; sein Stil ähnelt dem von Heiner Müller, aha, ja, dann ist schon mal mehr da als nichts, hat man gleich eine Vorstellung. Kann man ja korrigieren, wenn sie falsch ist.

Jean-Patrick Nazon und Thor Hushovd haben Geburtstag. Gestorben sind Rudyard Kipling und Max Reimann.

Donnerstag, 19.Januar 2006 – Gestern Abend Jahresempfang des Kulturforums der Sozialdemokratie in der Ausstellungshalle Schulstraße 1a. Herr Emmerling begrüßt. Ich ducke mich. Herr Wentz spricht. Und spreizt sich. Man lächelt. Es gibt Brot und Käse und Wein. Ein kleiner Hund mit braun weißem Fell ist da, an den halten sich meine Augen. Er wimmert, er mag es auch nicht. Halb zehn. Schnell wieder weg über den Eisernen Steg. Schön ist die Stadt, so dunkel – schön nass, schön tot. Viele Lichter.

Heute Morgen entdecke ich «Kunstnet». Vielleicht ist hier – unter den Unbefugten, den Amateuren – einer dabei, den wir im Partisanen-Forum gern hätten. Schaue mir im Schnelldurchlauf 1609Bilder an. Das meiste Augenschrott, Kopfschrott. Aber ja, doch, ein paar sind dabei, die was zu sagen, was zu zeigen haben.

Hadere in den letzten Tagen wieder mit Goetz’ «Abfall für alle». Und frage mich, was das Buch manchmal so trostlos macht. Vielleicht ist es die Abwesenheit jeder Natur und jeder Vergangenheit. Immer nur Stadt, immer nur jetzt, jetzt, jetzt. Und wenn die Gegenwartsmaschine kein Futter kriegt, läuft sie leer. Andererseits: Wer sagt denn, dass Kunst trösten muss? Dann ist es eben trostlos.

Gestorben sind Hoffmann von Fallersleben. Und Wolfgang Staudte, den der «Spiegel» 1951 einen «verwirrten Pazifisten» nannte.

Samstag, 21.Januar 2006 – Gestern Abend auf Einladung von Lothar Ruske in einer Privatwohnung in der Bockenheimer Landstraße: Literarischer Salon. Zwölf Euro. Es ist schon voll. Es fehlen noch Stühle. Ich erkenne Eldad, Kathrin Fischer, später Jochen Nix, der im November auch mit durch Kassel gezogen ist. Vor einer Veranstaltung isst Thomas Wörtche grundsätzlich nichts. Deshalb bekommt er jetzt eine Mahlzeit zubereitet, die er vor unser aller Augen verspeist. Ich habe auch Hunger. Die Brezeln sind alle. Gibt aber noch Rotwein. In kleiner Runde unterhalten wir uns über Armin Meiwes und das schwere Schicksal, ein Kannibale zu sein. Auch Jochen Nix ist hungrig. Er braucht jetzt dringend einen großen Brocken Fleisch. Thomas Wörtche muss morgen schon wieder einen Vortrag halten. Er muss früh aufstehen. Er muss nach Iserlohn.

Ich merke, wie sich mein Blick verändert hat, seit ich wieder ein wenig zeichne und male. An der Ampel, an der Supermarktkasse, in der U-Bahn starre ich den Leuten in die Gesichter, schaue auf die Verteilung von Licht und Schatten, beobachte, wie sich die Mundwinkel und die Augenform ändern, wenn jemand lächelt, folge den Linien der Wangenknochen, versuche mir zu merken, wie sich das aufgesteckte Haar vor dem Schaufenster abzeichnet.

Am Nachmittag zwei Stunden im Regen mit dem Rennrad durch die Wetterau.

Todestag von Matthias Claudius, Lenin, Franz Jung.

Montag, 23.Januar 2006 – Zweiuhrsiebenunddreißig. Mit Herzklopfen aufgewacht. Von der angekündigten Kälte sind gerade mal minus fünfkommavier hier angekommen. Noch vor dem Morgengrauen zwei, drei Stunden in Simenons Tagebüchern und den «Intimen Memoiren» geblättert. Aber das ist alles gar nicht auszuhalten, dieser Wortschwall, diese Traurigkeit.

Geburtstag hat Édouard Manet. Gestorben: Doré, Munch, Bonnard, Beuys, Dalí.

Dienstag, 24.Januar 2006 – Vieruhreinunddreißig, minus sechskommavier. Was soll das eigentlich sein, das «subversive Potential» des Kriminalromans? Es ist allenthalben so selbstverständlich davon die Rede, als sei es dem Genre eingeboren. Und jedes Mal werde ich nervös, wenn ich die flinke Formulierung höre. Aber wann ist ein Krimi denn subversiv? Reicht es schon, wenn der Täter am Ende entkommt? Oder wenn «die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischt» werden, womöglich: «auf verstörende Weise»? Oder muss darüber hinaus gefuchtelt werden mit den formalen Neuerungen des vorigen Jahrtausends: mit Perspektivwechseln, Zeitsprüngen und so weiter? Oder ist das «subversive Potential» sowieso nur eine wohlfeile Floskel? Auch «noir» und «hard-boiled» sind zwei dermaßen zur Pose verkommene Schreibhaltungen, dass sie mehr dem augenzwinkernden Einverständnis mit dem Markt dienen als dazu, noch irgendetwas Interessantes in Gang zu setzen. Es ist halt immer wieder diese unselige Hemingway-Tradition: ein verkrampft-lakonisches Großmaul, das sich kurz darauf im Katzenjammer als zynischer Loser gefällt. Das aber immer um Zuwendung bettelt, um Applaus für die eigene Denkfaulheit. Und sich im besten Fall irgendwann eine Kugel durch den Kopf gehen lässt.

Aber sogar mit seinem Selbstmord am 2.Juli 1961 hat Hemingway dem genialen Céline, der einen Tag zuvor in Meudon gestorben war, noch die Show gestohlen, heißt: die Aufmerksamkeit möglicher Leser entzogen.

Schöner Titel für einen Text über Ostkunst: «Pathos und Blässe».

Geburtstag hat der Krimi-Autor E.T.A.Hoffmann. Auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde heute vor siebzehn Jahren dann doch noch: der Womanizer Ted Bundy.

Mittwoch, 25.Januar 2006 – Minus dreikommaneun. Acht Stunden geschlafen. Na also, geht doch.

Endlich, es ist gefunden, das Zitat des Pianisten Brad Mehldau – stand in der «taz»: «Wir leben ja nicht gerade in einer revolutionären Phase, wir konsumieren, schaffen aber keine Identität. Das meine ich sehr selbstkritisch.»

Aber gibt ja auch ermunternde Meldungen, zum Beispiel diese: «Der deutschen Eiche geht es so schlecht wie nie.» Und was macht der deutsche Schäferhund?

Gerade auf der Straße ein alter Mann, dessen Unterlippe so weit herabhing, dass der Ausdruck Schlappmaul eine ganz wörtliche Bedeutung bekam.

Kurz hintereinander die Anrufe von Jürgen, von Philipp und von Michael – und schon steigt die Raumtemperatur ein wenig. Dass man nicht allein vor die kalten Hunde…

Jürgen erzählt, er habe im «Spiegel» etwas über den Pianisten Lang Lang gelesen. Wir lästern: Ja, über wen auch sonst, wenn die schon mal was über Musik bringen… Christiane: «Der Spiegel würde über einen unbekannten Pianisten nur dann etwas schreiben, wenn dieser keine Hände hätte.»

Tom Koenigs, der schon lange nicht mehr hier im Tengelmann war, hat Geburtstag. Todestag von Lucas Cranach d. J. und von Al Capone.

Donnerstag, 26.Januar 2006 – Fünfuhrachtundzwanzig, minus nullkommaacht. Und wieder ist alles weiß.

Traum. Laufe durch das nächtliche Berlin. Kirchen, Schlösser, alte Rathäuser, alles prunkvoll erleuchtet. Auf einer Böschung zwischen Bürgersteig und Straße drei, vier uniformierte russische Soldaten mit Fellmützen. Sie rennen hin und her. Dazwischen auf dem Boden nervöses Gehusche. Näher kommend erkennt man: Sie jagen Kaninchen auf die Fahrbahn, treten mit ihren Stiefeln nach ihnen oder fangen die Tiere und schleudern sie in Richtung Straße. Immer wieder bleiben Passanten stehen und beschimpfen die Russen. Die aber kümmern sich nicht darum; sie handeln ja im Auftrag. Einer der Männer wirft sich zu Boden, schnappt sich ein zappelndes Bündel, steht auf und ruft nun irritiert nach seinen Kameraden. Was er auf dem Arm hält, ist ein kleiner weißer Hund. Der Mann berät sich kurz mit den anderen, dann setzt er mit mitleidvoller Geste das verschüchterte Hundchen am Wegrand ab. Dort hockt es nun und leuchtet in der Dunkelheit.

Zweiter Traum: Stehe vor einer moosgrünen Wand. Eine bis dahin unsichtbare Tapetentür öffnet sich, und heraus tritt eine bleiche, nackte Frau… Sonst nichts.

Tot sind Lucky Luciano und Bruno Gröning, dessen markiges Porträt vor zwanzig, dreißig Jahren immer wieder auf den Traktaten seiner Anhänger abgebildet war.

Freitag, 27.Januar 2006 – Minus vierkommasechs. Das Beispiel Haneke zeigt, wie sehr die öffentliche Aura eines Künstlers auf die Wahrnehmung seines Werks zurückwirkt. Und dauernd wiederholen sie es, wie schwierig dieser Regisseur sei, wie sperrig, verstörend seine Filme. Und wenn man ihn dann sieht, dieses von den Zumutungen versehrte Gesicht, das sich hinter dem weißen Künstlerbart zu schützen versucht… Noch jedes Mal bin ich zurückgeschreckt, wenn es wieder einen neuen Film von ihm im Kino gab. Und das, obwohl «Fraulein» doch eine ganze Zeit lang zu meinen Lieblingsfilmen zählte. Jetzt aber: «Caché»!

Heute vor 61Jahren hat die Rote Armee Auschwitz-Birkenau befreit.

Endlich, Mozart hat Geburtstag, dann kann ja jetzt mal wieder Ruhe einkehren. Und so viele Tote: Schadow, Verdi, Isaak Babel, Erich Kleiber, Erich Heckel, Louis de Funès, Friedrich Gulda.

Samstag, 28.Januar 2006 – Siebenuhrzweiundzwanzig, minus sechskommaeins. Noch vor dem Frühstück in den Supermarkt. Und noch eh die Augen richtig offen sind und sozusagen auf nüchternen Magen: auf dem Kassenband, verschweißt in durchsichtige Plastikfolie, ein blutiges Schweineviertel.

Gestern im Hué erzählte Axel, er habe gelesen, dass es einen neuen Film nach Motiven von «Landschaft mit Wölfen» gebe, der in Kürze in die Kinos komme. Aber das kann doch nicht sein… Da hätte mir doch irgendwer etwas gesagt… Schaue ins Netz. Nee, da ist nichts. Und was nicht im Netz ist, das gibt es auch nicht.

Am Nachmittag Ozons «Sous le sable»: eine stille, traurige Wucht.

Danach, später: ein wenig Rostropovich. Dann Soybelman. Aber immer weiter im Kopf das Gesicht und die unbeirrbare Liebe von Charlotte Rampling.

Piwitt hat Geburtstag.

Sonntag, 29.Januar 2006 – Dreiuhrfünfundzwanzig, minus zweikommazwei. 4 users online. Und in der Wohnung gegenüber brennt immer noch Licht.

Kann man mehr verlangen als dies hier: Leni Riefenstahl, nackt – noch dazu gemalt von einem, der im Konzentrationslager saß? Zum Startpreis von 5000Euro.

Gestorben ist Janet Frame.

Montag, 30.Januar 2006 – Sechsuhrdreiundzwanzig, minus zweikommazwei. 296 users online. Was heißt jetzt das? Eine Killervirenattacke? Das unscheinbare Dorfbild will noch immer niemand haben. Null Gebote, gut so.

Wenn mir jemand sagt, dass er die Sachen von Keith Haring, von Mel Ramos oder von Roy Lichtenstein mag, reagiere ich wahrscheinlich mit einem kleinen schiefen Lächeln. Dabei regt mich das dermaßen auf, dass mir regelrecht schlecht wird vor Wut, dass ich wirklich denke: Diese Welt muss ja den Bach runtergehen, wenn die Geschmacksbildung nicht weiter entwickelt ist. Tagelang vibriere ich, tagelang geht mir das nicht aus dem Kopf. Umgekehrt genauso: Wenn ich das schlichte Dorfbild kriege, wird es wieder so ein Glücksrausch sein, den ich mit niemandem teile. Die Freunde werden davorstehen und mich nun ihrerseits schief anlächeln. Und ich könnte schreien: Ja, seht ihr denn nicht, wie groß das ist in seiner Kleinheit, in seiner Unscheinbarkeit? Okay, man könnte mit einem Achselzucken reagieren: Du findest das gut, ich finde was anderes gut, jeder hat halt seinen eigenen Geschmack. Aber genau das ist es nicht. Geschmack ist existenziell. Eigentlich kann man aufhören zu reden, wenn man nicht dasselbe gut findet. Dann war halt alles ein Irrtum. Aber für neunundneunzig Prozent der Leute ist Kunst nichts anderes als Dekoration. Oder Ausdruck. Mit den Bildern, die sich jemand an die Wand hängt, soll irgendwas illustriert werden, in den meisten Fällen: ein Lebensgefühl, eine Haltung, eine Meinung.

Na ja, aber wenn ich dran denke, welchen Mist ich schon gut fand…

So, jetzt weiß ich auch, warum ich nie gescheite Winterkleidung besitze. Weil ich nämlich zu geizig bin, weil ich immer denke, dieser überflüssigen Jahreszeit werfe ich aber auch nicht einen einzigen Cent in den Rachen. Diese Jahreszeit muss man einfach überstehen.

Tot sind Heinrich von Zügel und Charles Chaplin, aber der andere. Wie langweilig.

Dienstag, 31.Januar 2006 – Sechsuhrvierzehn, nullkommaneun. Mehrmals in der Nacht durch das Klingeln des Telefons aufgewacht.

Im Schauspiel Bonn ein Theaterstück über die Schleyer-Entführung. Schauspieler sprechen Politikertexte, tödlich öde. Dafür gibt es doch das Fernsehen, dass die ihr Material bringen, dass sie mit den Beteiligten sprechen und ihre Bilder zeigen. Klaus Bölling, der jetzt von damals erzählt, ist unendlich interessanter als ein Schauspieler, der den alten Text des ehemaligen Regierungssprechers aufsagt.

Jens Bisky muss auf die Partisanen-Liste.

Anruf der HR-Redakteurin. Ich darf mir für die Sendung vier Musikstücke aussuchen. Und ich freue mich darüber wie ein… wie sagt man denn?… wie ein…? Schneekönig, oder? Egal, fange sofort an zu suchen, zu wühlen. Und weiß, dass ich meine Liste noch zehnmal ändern und es jedes Mal genießen werde.

Wieder im Hué. Allen gehts gut. Jetzt wird’s Frühling, sagt Michael.

Geburtstag von Matthias Beltz. Gestorben sind Hildegard Knef und Heiner Carow («Die Legende von Paul und Paula»).

Mittwoch, 1.Februar 2006 – Fünfuhrvierundvierzig, minus dreikommaeins. Von wegen Frühling. Gestern erzählte Piwitt am Telefon, dass man Reich-Ranicki am Samstag von einer Veranstaltung weg in ein Hamburger Krankenhaus gebracht habe. Gerade lese ich, dass er wieder entlassen wurde.

In «FR-Plus» ein Text von Ricarda Junge über Krieg, Atom usw. Aber was ist denn das für ein Ton? So eine brave Mokanz, wie man sie eigentlich nur noch aus dem Kirchenfunk kennt. Nennt man das Ironie? Eigentlich kann ich mir überhaupt keinen Gegenstand vorstellen, bei dem eine solche Schreibhaltung angemessen wäre. Sie führt zu gar nichts, zu keiner Einsicht, zu keinem Gedanken, nicht mal zu einer Pointe. Und dann die Bildunterschrift: «Ricarda Junge möchte manchmal am liebsten Bomben werfen.» O Gott, ja.

Robert Musil: «Tagebücher? Ein Zeichen der Zeit. So viele Tagebücher werden veröffentlicht. Es ist die bequemste, zuchtloseste Form. Gut. Vielleicht wird man überhaupt nur noch Tagebücher schreiben, da man alles andere unerträglich findet. Übrigens wozu verallgemeinern. Es ist die Analyse selbst; – nicht mehr und nicht weniger. Es ist nicht Kunst.» Und wo hat er’s geschrieben? In seinen Tagebüchern.

Wie sie in ihren Feuilletons, Klappentexten und Werbebroschüren immer damit kokettieren, dass etwas «politisch unkorrekt» sei. Dieses Buch, jener Film, jener Künstler: «garantiert politisch unkorrekt». Als hieße das nicht immer und zuerst: gegen Schwule, gegen Schwarze, gegen Juden, gegen Türken, gegen Frauen.

Abends beim Hessischen Rundfunk. Hauptpforte. Ja, da holt Sie gleich jemand ab, Sie können noch einen Moment in der Halle Platz nehmen. – Ja, danke. – Kommt aber niemand, stehen so lebensgroße Karnevalspuppen rum: Mitgemacht, mitgelacht – Frankfurt feiert Fassenacht. So ähnlich. Dann kommt ein Kleiner, Netter, Dunkler mit flinken Augen. Ich bin der Producer, warum gibt man sich einen Künstlernamen? Fragt er. Gut, ich erzähle meine Geschichte… Dann Studio. Damen, Wasserkocher, Teebeutel, Händeschütteln. Die Moderatorin kommt gleich. Dann weiß keiner weiter. Soll ich schon rein oder mich hinten an den Tisch setzen? Keiner sagt was, alle pusseln so rum. Ein bisschen verdrückt. Dann aber Susanne Schwarzenberger. Zwei Stunden mit Wetter, mit Verkehr. Und mit Musik, die einfach nur läuft. Fragen, Antworten, höflich. Ein Fernfahrer ruft aus seinem LKW an und will wissen, wie ich Mankell finde. Jörg und Alex schicken Mails ins Studio. Bin verdattert – woher wissen die?–, reagiere uncool, freue mich. Nach Hause. Neblig. Es schneit.

Buster Keaton ist tot. Gustav Knuth. Die beiden Dadaisten Raoul Hausmann und Hans Richter. Der Kriegsverbrecher Max Simon. Und Hildegard Knef. Aber ihrer hatten wir doch gestern schon gedacht.

Donnerstag, 2.Februar 2006 – Siebenuhrsieben, minus dreikommasechs.

Am Nebentisch ein Paar. Schweigen. Irgendwas ist vorgefallen. Dann er: «Man kann nicht alles haben, das weißt du ganz genau.» – Sie, nach einer Weile: «Doch, kann man!» – Steht auf, geht und kommt nicht wieder.

Eine Stunde auf der Rolle mit Purcells «King Arthur». Als «How blest are Shepherds» kommt, muss ich unterbrechen. Wie stumpfsinnig meine Bewegung, wie tänzerisch, hochfahrend diese Arie. Gibt es eine schönere Musik? Die Hirten besingen ihr Glück: «And when we die, ’tis in each others Arms».

In der «Zeit» ein Gespräch mit Peter Handke. Stürze mich darauf wie ein Süchtiger und beginne noch im Treppenhaus zu lesen. Ohne nachzuschauen, merkt man doch sofort, allein an der behutsamen Neugier der Fragen, dass Greiner sie gestellt hat. Handkes Zorn und seine verhaltene Emphase sind ein Schatz, der für viele Zumutungen entschädigt. Seine Unterscheidung von vertikaler und horizontaler Literatur leuchtet ein. Und dass er Stevenson und Balzac, die doch so gründlich anderer Natur sind als er selbst, seinen Respekt zollt, zeugt von Sanftheit. So lange es einen wie ihn gibt, der so verrückt bei Sinnen ist, und wenigstens eine Zeitung, die ihn noch zu Wort kommen lässt, ist man nicht gänzlich ungeschützt. Will ich mir einreden.

Sandy Casar hat Geburtstag. Max Schmeling ist vor einem Jahr gestorben.

Freitag, 3.Februar 2006 – Dreiuhrzehn, minus vierkommanull. Wie immer: Aufgewacht, erster Blick auf den Wecker, Licht an, aufstehen, ins Arbeitszimmer, Ofen an, Rechner an, Bildschirm an, in die Küche, Espressomaschine einschalten, Milch in die Mikrowelle, Zähneputzen, halber Liter Orangensaft, mahlen, schäumen, brühen, ins Arbeitszimmer, Verbindung ins Netz, alles wie immer, aber dann: «Die gewünschte Seite kann nicht aufgerufen werden. Möglicherweise sind technische Schwierigkeiten aufgetreten. Überprüfen Sie Ihre… blabla»… Dann halt auf die Rolle. Eine Stunde. Wanne.

Oh, wieder auf Sendung. Am 3.Februar 1998 wurde Karla Faye Tucker Brown in Texas durch eine Giftspritze hingerichtet. Der damalige Gouverneur von Texas, George W.Bush, hatte das Todesurteil unterschrieben und einen Aufschub der Exekution abgelehnt. Es wird berichtet, er habe die Delinquentin nachgeäfft, indem er mit winselnder Stimme deren Bitte um Gnade wiederholte: «Bitte töten Sie mich nicht!»

Samstag, 4.Februar 2006 – Neunuhrzweiundvierzig, nullkommasieben. Gestern vergessen: den Todestag Heinrich Heines. Ausgerechnet. Dabei war ich an keinem Grab öfter.

Gestern Abend mit Jürgen, Ati und Janina nach Hochstadt, wo Eva im Alten Rathaus die Ausstellung mit ihren Bildern und den schönen objets trouvés eröffnet – Rost, Knochen, Gräten, Schrauben und lustige Titel. Der Bürgermeister spricht, witzelt, Rainer liest ein paar Arp-Gedichte, Brezeln, Apfelwein. Und wie immer auf solchen Veranstaltungen diese Mischung aus Sprachlosigkeit, Entzücken und verhohlenem Misstrauen angesichts der Bilder.

Große Runde im benachbarten Restaurant, schlechte Muscheln und ein Dorfgewisper über die Wirtin, den Wirt und die vietnamesischen Küchenmädchen. Und über einen sagenhaft reichen Künstler, der in der Nachbarschaft wohne und dessen Haus gefüllt sei mit unendlich wertvollen Kunstschätzen aus allen Zeiten und Ländern. Zu Hause gebe ich seinen Namen dann in die Suchmaschine ein: 394Treffer. Gerate auf eine Seite, wo seine Sachen abgebildet und wortreich erklärt sind. Und bekomme in der dunklen, leeren, kalten Wohnung einen Lachanfall. Mein Gott, welch gigantischer Bluff!

Male in der Nacht noch anderthalb Stunden, fummle so rum, ja, jetzt noch ein roter Hintergrund, alles ohne Überzeugung und völlig misslungen. Ein blöder Picasso-Abklatsch. Also vor den Schirm und weiter mit der ersten Folge «Cracker» – schlafe nach zehn Minuten ein.

Und heute geht es wieder so los. Nach drei Stunden entnervt aufgegeben. Was für eine Schmiererei aber auch. Dann eben wieder «Cracker». Auch wenn das brachiale Großmaul Coltrane und seine schweinchenschlauen Monologe auf die Dauer nerven – wie großartig das inszeniert ist, welch tolle Gesichter, Stadt- und Straßenbilder man zu sehen bekommt.

«Wirklichkeit und Verlangen» – schöner Titel. Von Hundsdörfer kommt: «Die Abschaffung der Dummheit».

Wie wenige Adjektive einem doch zur Verfügung stehen, wenn man nur kurz sagen will, dass einem etwas gefällt: «schön», «gut», «toll», «wunderbar», «gelungen». Aber «gelungen» klingt schon fast gesucht.

Von Jürgen kommend, sehe ich in der dunklen Eichwaldstraße einen weißen, kleinen Wagen stehen, Fiat Cinquecento oder so. Hinterm Steuer ein dicker Mann, auf dem Beifahrersitz eine dicke Frau. Beide haben einen Pizzakarton auf dem Schoß, beide kauen. Gleichzeitig gestikulieren sie und schreien sich so laut an, dass man es trotz der geschlossenen Scheiben bis auf die Straße hört. Guten Appetit. Mit vollem Mund spricht man nicht.

Tot sind Patricia Highsmith und der Räuber und Schriftsteller Henry Jaeger, der hier in Bornheim geboren wurde.

Sonntag, 5.Februar 2006 – Achtuhrvier, minus dreikommavier. Tolles Fahrradwetter. Könnte man glatt die Badesachen einpacken und an den Baggersee… Nee, wirklich, kann man sich doch nur noch warmzittern bei diesen Temperaturen. – Jetzt hör doch mal auf mit diesem Scheißthema! Ich versteh nicht, wie man daran auch nur einen Gedanken verschwenden kann. Das Wetter ist das Wetter, weiter geht’s! – Ach ja, und an was, bitte, soll ich stattdessen denken? Liebe, Zeitgeist, Weltrevolution? Bei diesen Temperaturen. Hier, hast du gesehen, im Kühlschrank ist es wärmer als in der Küche. – Dann beschwer dich halt beim deutschen Wetterdienst, Blödmann! – Ja, du wirst lachen…

Gestorben ist Leopold Joseph Graf Daun, der Erfinder des Federbetts.

Montag, 6.Februar 2006 – Vieruhrachtundzwanzig, nullkommaneun Grad. Plus!

Wie entwickelt sich eigentlich Geschmack? Vielleicht durch Fleiß. Durch Unbefangenheit. Vor allem aber durch Renitenz. Und durch die Scham angesichts verflossener Vorlieben.

Anruf vom «Tagesspiegel», ob ich dieses Jahr meinen Fahrradartikel zur Tour de France schreibe, den ich letztes Jahr kurzfristig wieder abgesagt hatte. Gut, okay.

Zeichne aus dem Netz das Gesicht eines alten Mannes ab. Dann schaue ich nach, um wen es sich überhaupt handelt: Günter Nobel, Jahrgang 1919, entstammt einer ungarischen Rabbinerfamilie, Studium der Volkswirtschaft, Schlosserlehre, 1936Verhaftung wegen Hochverrats, drei Jahre Zuchthaus, Emigration nach Shanghai, dort für die US-Armee als Schweißer tätig, später höhere Funktionen in der SED, Ausschluss aus dem Zentralkomitee, als man von seiner Arbeit für die Amerikaner erfährt. Lebt in Berlin.

Tot aber sind Gustav Klimt und Falco.

Dienstag, 7.Februar 2006 – Vieruhrachtundvierzig, dreikommasechs Grad. Diese Hitze aber auch. Das Dorfbild gehört mir.

Live auf Sendung. Der Moderator lächelt mich über den Studiotisch hinweg an: Ist es nicht das höchste Ziel jedes Autors, dass sein Roman verfilmt wird? – Ich schlucke trocken, bin so verdutzt, dass ich das Schlimmste mache, was man im Radio machen kann: Ich schweige. – Aber die meinen das ernst, die können schon nicht mehr anders.

Endlich, nach fünf Jahren, in «Abfall für alle» die Stelle wiedergefunden, wo Goetz über den «wirklich bösen» Lottmann schreibt. Steht unter dem 1.8.98.

Wusste gar nicht, dass Roehler die «Elementarteilchen» verfilmt. Und denke sofort: Oje, das kann nicht gutgehen, da wird dann im Kino bestimmt wieder zu viel und über die völlig falschen Sachen gelacht.

Beim Einkaufen auf der Straße ein paar Schüler in der Mittagspause. Einer hebt den Kopf und blinzelt in den trüben Himmel: «Na, Sonne, alte Haut, haste dich wieder versteckt.» Ich lache; er sieht mich an und lacht nun ebenfalls.

Gerade in 3sat «Kulturzeit»: «Los Angeles, die Stadt der Stars und Sternchen…» Wenn ich es noch einmal höre, noch einmal diese abgenudelte Idiotenformulierung – ich schwör’s, ich schreibe «doof» an eure Hauswand.

Gestorben ist am 7.Februar 1979 der Arzt Josef Mengele im brasilianischen Bertioga. Er erlitt beim Baden einen Schlaganfall und ertrank. Die deutschen Behörden, die ihn wegen seiner zahllosen Morde in Auschwitz suchten, erfuhren erst sechs Jahre später von diesem Unfall. Bis über den Tod hinaus hielt ihm seine Umgebung die Treue. Seine Opfer, vor allem Zwillinge, die er zu Versuchszwecken tötete, nannte er «meine Meerschweinchen».

Heute vor einem Jahr wurde Hatun Sürücü ermordet.

Mittwoch, 8.Februar 2006 – Fünfuhrneununddreißig, fünf Grad. Stürmisch. Eine Stunde Rolle. Ohne Musik. Ohne Worte. Es regnet.

Gestorben ist am 8.Februar 1935Max Liebermann, von dem berichtet wird, er habe bei Machtantritt der Nazis gesagt: «Ich kann gar nicht so viel fressen wie ich kotzen möchte.» Beerdigt wurde er auf dem Jüdischen Friedhof am Prenzlauer Berg. Gerade gestern Abend las ich in dem dicken Heartfield-Band noch einige linke Dummheiten über Liebermann, der vielleicht neben Christian Schad der wichtigste deutsche Maler des letzten Jahrhunderts war.

Todestag hat ebenfalls die Künstlerin und Ordensschwester Tisa von der Schulenburg. Sie starb 2001 im Alter von 97Jahren. Max Liebermann hatte ihr Talent entdeckt, als sie sechzehn war. Was für ein Leben zwischen preußischen Generälen, den Künstlern der Boheme, hochrangigen Nazis, jüdischen Unternehmern, konservativen Widerstandskämpfern, katholischen Nonnen, arbeitslosen Bergleuten…

Donnerstag, 9.Februar 2006 – Fünfuhrfünfzig, zweikommafünf. Sie haben 16 neue Mails in Ihrem Postfach. – Tut mir leid, hab keine Zeit, muss die Vierteljahressteuer machen.

Okay, schnell noch den Kunstmarkt durchgucken… neunzig Minuten später: Hoffentlich kommen bald die islamistischen Bilderstürmer und machen meinem Wahnsinn ein Ende. Dass man mal wieder zum Arbeiten kommt.

Gerade jubelt da draußen schon der erste Frühlingsvogel, und ich renne ganz aufgeregt ans Fenster und glotze raus in die Dunkelheit, ob ich ihn irgendwo erspähe.

Heute im «Zeit»-Feuilleton: «Brigitte Bardot: Mein Mythos, was ist das?» Heute in «Zeit»-Leben: «Martina Gedeck: Launisch – was ist das?» Ist es die Zeit der ratlosen Frauen? Oder muss man fragen: «Endredaktion – wie geht das?»

Kunst: Talent, Wachheit, Neugier, Nervosität vorausgesetzt, besteht der große Rest aus Fleiß. Und Geschmack. Was heißt: der Vermeidung von Fehlern.

Oje, Eröffnungsgala der Berlinale. Der deutsche Film, heißt es, habe zu politischen Themen, zum Realismus zurückgefunden. Als hoffnungsvoller Beitrag gilt Oskar Roehlers «Elementarteilchen». Aber als sie Ausschnitte daraus zeigen, sieht man nichts als Karikaturen, Lachnummern – wie befürchtet. Und dann ruft Klaus Wowereit live vor laufenden Kameras in den Saal: «Oskar, wo bist du?» Ja, Oskar, wo bist du?

Den ganzen Abend an dem kleinen Porträt eines alten Mannes mit Kappe und Zigarette herumgefummelt. Nur Bleistift und Buntstift. Morgen vielleicht noch ein wenig schwarze Feder drüber.

Todestag von Jules Michelet und Adolph Menzel.

Freitag, 10.Februar 2006 – Sechsuhrvierundzwanzig, dreikommadrei. Noch ein Wort zur Berlinale-Eröffnung: Warum muss eigentlich alles, was man sich in Berlin unter Glamour vorstellt, auf die zwanziger, dreißiger Jahre rekurrieren? Wie es mich schüttelte beim Anblick von diesem Max Raabe und seinem «Palastorchester». Was bei den Comedian Harmonists lässig, charmant war, ist hier nur noch Krampf, verschwitzt, Attitüde, Überhebung. Und wer braucht überhaupt: Glamour? Nicht, dass es solche Veranstaltungen gibt, ist grauenhaft, aber dass die Filmkünstler meinen, sich mit derlei geliehenem Pomp dekorieren zu müssen. Sie hätten ja wenigstens Grönemeyer nehmen können, Funny van Dannen oder Element of Crime. Ach, was reg ich mich auf…

Und warum spielen sie eigentlich nicht gleich Mozarts Sinfonie Nr.33 mit dem Stuttgarter Radiosinfonieorchester unter Sir Roger Norrington, die hier gerade im Hintergrund läuft und die von einer so tänzerischen Leichtigkeit ist, dass man alle Berlinalen und Islamisten, Schlechtwetterproduzenten und Gästebuchspammer vergessen möchte, um allein mit sich ein klitzekleines Menuett durch die heimischen Salons zu tanzen. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Vor einem Jahr starb Arthur Miller.

Samstag, 11.Februar 2006 – Dreiuhrsiebenundfünfzig, nullkommaneun. Gestern Abend aus dem Augenwinkel: Claude Lelouchs «Die Fahndung» von 1962.Unglaublich schöne Schwarzweißbilder. Winterliche Autofahrten. Dauernd Überraschungen. Viele Randwahrnehmungen. Halbdokumentarisches. Sehr reich.

Zwölfuhrneunzehn: Das Dorfbild ist gekommen. Knud Jespersen, 1930.Ein paar Häuser von hinten, verschneite Gärten, kahle Bäume, Mauern, Zäune. Da hängt auch Wäsche an den Leinen – ein Stückchen Rot in diesem winterlichen Grau und Schwarz und Weiß. Und schon das halbe Glück.

Tot: Honoré Daumier und Sergej Eisenstein.

Sonntag, 12.Februar 2006 – Fünfuhrdreizehn, einkommadrei Grad.

Gestern noch in vier frühe Lelouch-Filme geschaut, aber keinen ausgehalten.

Aufs Rennrad? Nee, zu kalt. Also eine Stunde durch den Park. Der Weg vom oberen bis zum unteren Ende ist aufgerissen und umzäunt. Aber ein großer Teil der Zäune ist umgeworfen worden. Und von der Wand des Cafés hat man den kleinen Schaukasten abgerissen, zertrümmert und fünfzig Meter weiter an den Wegrand geworfen.

Heute wird gemalt: Deutschland in Öl.

Geburtstag hat der Pole Leszek Pekalski, der zwischen 1884 und 1929 wahrscheinlich achtzig Menschen tötete. Oft schlug er so lange mit einem stumpfen Gegenstand auf sein Opfer ein, bis dessen Leichnam nicht mehr zu identifizieren war.

Todestag des Komponisten Michael Altenburg – nie gehört. Aber auch von: Albrecht Altdorfer, Ludwig Börne und Thomas Bernhard.

Montag, 13.Februar 2006 – Vieruhrachtundzwanzig, nullkommanull. Wolf Biermann nimmt Heines bevorstehenden Todestag zum Anlass, um den Lesern des «Spiegels» zu sagen, dass sie jeden Gedanken an eine politische Alternative aufgeben sollen. Damit ihm jemand zuhört, tut er das, wie immer, im Ton des vorauseilenden Ungehorsams. Ein seit Jahrzehnten zu Kreuze Kriechender, der noch mal seinen Auftritt als Rumpelstilzchen sucht. Sein größtes Unglück ist wahrscheinlich der Untergang der DDR. Seitdem wendet sich sein gesamter Eifer gegen etwas Nichtexistentes.

Geboren wurden am 13.Februar zwei Georgs (der Maler Schrimpf und der Schriftsteller Simenon) und zwei Sigis (der Maler Polke und der DDR-Kosmonaut Jähn, dieser in einem Ort mit dem schönen Namen Morgenröthe-Rautenkranz). Obwohl ich mir weder Gedichte noch Witze merken kann, geht mir das Witzgedicht über den Stolz der DDR-Leute auf den «ersten Deutschen im All» seit fast dreißig Jahren nicht mehr aus dem Kopf: «Kein Brett für die Laube, fürn Trabant keine Schraube, fürn Arsch kein Papier, aber ’n Kosmonauten haben wir.»

Tot ist Otto Niebergall, Verbindungsmann zwischen KPD und Résistance im besetzten Frankreich.

Dienstag, 14.Februar 2006 – Sechsuhrelf, einskommasechs. Manfred Großkinsky hat seinen Vortrag über Eugen Bracht geschickt. Bin ganz gierig auf den Text. Bracht hat gekämpft für den Naturalismus und gegen die Romantik, dann für den Impressionismus und gegen die Akademiker. Danach hört sein Verständnis auf, aber er hat es selbst am schönsten formuliert – in einem Brief im Jahr 1915 an seine Tochter Toni: «Ich mache die sonderbare Beobachtung an mir selbst, die ich fast nicht verstehe; wenn ich, wie vor 14Tagen im Sächsischen Kunstverein, moderne Ausgeburten sehe und zu erfassen suche, und mir immer von Neuem sage ‹Scheußlich – falsch! – absichtlich falsch, absichtlich primitiv – Negerkultur–, dabei kann der Betreffende Etwas – er will blos nicht. Pfui!›, komme ich aber zu einem Nachbarn, der in meiner Art und dem bisherigen Zeitgeist malt – sehe ich mit Entsetzen, dass das doch noch viel entsetzlicher ist – dabei auch leichenhaft und vorbei! Und in Gedanken wandelt sich der grade vorher gehabte Eindruck in etwas Anderes um, scheußlich vielleicht – aber wenigstens nicht tot – nicht versimpelt, philiströs–, sondern freilich scheußlich, aber lebend – versprechend oder wenigstens zukunftsmöglich – gegen das Biedere, das endgültig vorbei und aussichtslos ist, verständlich zwar, aber widerwärtig dumm!»

P. will wissen, was ich da lese. «Magst du den, der das geschrieben hat? Mag der dich auch?» Dann, wie dieser Bracht gemalt hat. Ich zeige ihr das illustrierte Faltblatt zur Ausstellung. «O Mann, der hat ja gemalt wie ein Weltmeister.»

Auf die Straße Richtung Norden. Leider auf vier Rädern.

Geburtstag haben Guiseppe Guerini und Cadel Evans. Gestorben sind Jules Vallès, Marco Pantani und das Schaf Dolly.

Mittwoch, 15.Februar 2006 – Dreizehnuhreinundzwanzig, siebenkommanull. Regen.

Gestern in Spangenberg. Ein deutsches Wintermärchen aus Fachwerk, Schnee und Burg und Gassen. Zwei Lesungen, freundlich, konzentriert, interessiert – besser geht es nicht. Und eine Frau aus dem Publikum will wissen, ob ich mir beim Schreiben womöglich die Frage stelle, was meine Mutter dazu sagen würde. Genau so ist es, ja! Man denkt ja wirklich nicht an irgendwelche anonymen Leser, man überlegt sich, was die paar Leute, die man schätzt, deren Urteil einem wichtig ist, davon halten. Sie sind die einzige, aber unerlässliche Kontrollinstanz. Selbst wenn man sie nicht fragen kann. Selbst wenn sie schon tot sind.

Heute dann Rückfahrt durch das verschneite hessische Bergland – keine Landschaftsform mag ich lieber, und jetzt ist sie für immer mit den Bildern Eugen Brachts verbunden.

Treffe nach langer Zeit zufällig den linken Millionär D.Er tänzelt, strahlt, wirft sich in die Brust. Wie immer gehe es ihm prächtig. Wie schamlos das wirkt. Pass auf, denke ich, in zwanzig Jahren wird dir das vergangen sein. Aber wahrscheinlich stimmt das gar nicht. Selbst wenn er dann im Rollstuhl sitzt, wird er noch gockeln. Das Ganze dann womöglich mit einer Spur Bitterkeit unterlegt. Was es auch nicht besser macht.

Geburtstag haben Elke Heidenreich und Oscar Freire. Tot ist Lessing.

Freitag, 17.Februar 2006 – Dreizehnuhrsiebenundfünfzig, neunkommadrei Grad. Gestern im ICE. In Köln Aufenthalt, gerade genug Zeit für einen kurzen Blick auf den Dom. Weiter nach Krefeld. Eigentlich weiß ich gar nicht, wo ich bin. Was ist das, Krefeld? Maxi-Döner, Ostwall-Schenke, Mangel-Service. Ein Polizistenpärchen auf Rädern schnappt sich ein Alkoholikerpärchen. Leer, tot, Regen. Mercure Hotel Krefelder Hof. Alles voller Gardejecken mit ihren Instrumenten. Es müssen Hunderte sein. Ich bange um meinen Schlaf. Südflügel, dritter Stock, die Monet-Etage – und das mir! Taxi. Der Fahrer weiß auch nicht, wo wir sind. Hochstraße, Thalia-Buchhandlung. Wir haben ein schönes Headset für Sie. – Nee, geht auch so. – Lesung. Danach kurz in eine Absturzkneipe. Verraucht. Fünf verdrückte Gestalten an der Theke. Der Neue wird beäugt. Kölsch gibt es nicht. Williamsbirne? – Gibt es nicht. – Zwetschgenbrand? Aquavit? – Nee, aber vielleicht wollen Sie einen kleinen Feigling? – Eine kleine, arme Alte mokiert sich hinterhältig über den unentschlossenen, fremden Gast. Und wird postwendend von der verqualmten Bedienung, bei der sie sich doch hatte anbiedern wollen, angebellt: «Du hältst dein Maul, sonst zahlste und gehst. Hier kann jeder bestellen, was er will. Also halt dein Maul.» Kurzer Blick zu mir, ein triefäugiges Lächeln. Auf sie kann ich bauen. Solange ich zahle. Hotel. Fernsehen. Minibar. Baldrian. Schlafen. Frühstück. Weg!

In Dresden hat die Polizei ein dreizehnjähriges Mädchen, fünf Wochen nachdem es auf dem Weg zur Schule verschwunden war, aus der Wohnung eines vorbestraften Sexualstraftäters befreit. Ein Passant hatte in der Nähe eines Müllcontainers einen schriftlichen Hilferuf gefunden, einen Zettel, den das Mädchen offensichtlich aus dem Haus hatte schmuggeln können.

Aufmacher des «Kölner Stadtanzeigers»: «Unser Heinrich Heine». Aber der ist ja auch tot. Wie unsere Schwäne auf Rügen.

Samstag, 18.Februar 2006 – Vieruhrzweiundvierzig, fünfkommaneun. Gestern Abend wieder die neu entdeckten Gulda-Aufnahmen der Klaviersonaten von Mozart gehört. Ist es für sein Klavierspiel egal, wo jemand herkommt? Könnte Lang Lang sie also genauso spielen wie Gulda? Kann eigentlich nicht sein. Es gibt ja keine Gleich-Gültigkeit. Es kommt ja darauf an, was einer gesehen hat, wenn er als Kind aus dem Fenster geschaut hat, welche Lieder ihm seine Eltern vorgesungen haben, hat er Kuhglocken gehört oder Motorengeräusche, hat es nach Heu gerochen oder nach Ruß?

Todestag haben Luther und Michelangelo. Geburtstag hat Heini Müller (FC Nürnberg). Um das auch mal zu sagen.

Sonntag, 19.Februar 2006 – Zehnuhrsiebenundvierzig, achtkommanull Grad. So viel Aufmerksamkeit hatte das Frankfurter Theater seit der Aufführung von Fassbinders «Der Müll, die Stadt und der Tod» nicht mehr. Aber gleich tun alle so, als handele es sich bei der kleinen Außenstelle des Schauspielhauses im Gallusviertel um eine Art deutsches Abu Ghraib. Ein Schauspieler nimmt einem Kritiker seinen Notizblock aus der Hand und legt ihm stattdessen einen toten Schwan auf den Schoß. Der Kritiker verlässt den Saal und wird bei seinem Abgang beschimpft. Schlechtes Theater, mehr nicht. Aber gleich wird die Empörungs-Entschuldigungs-Maschine in Gang gesetzt. Der Kritiker ruft seinen Herausgeber an. Der Herausgeber ruft die Oberbürgermeisterin an, die das alles nichts angeht. Die Oberbürgermeisterin, die das alles nichts angeht, schreibt der Intendantin einen Brief. Die Intendantin knöpft sich den Schauspieler vor. Der Schauspieler wird «einvernehmlich» auf Verlangen der Oberbürgermeisterin, die das alles nichts angeht, entlassen. Wie reflexhaft das alles geschieht, wie die Sprache sofort jedes Maß verliert: Skandal, unentschuldbar, tiefstes Entsetzen, brutal, Bestürzung, in aller Form, abgrundtief, unverzüglich. Plötzlich ist er wieder da, dieser Befehls-und-Gehorsams-Ton, dieses «Wollen wir doch mal sehen, wer hier die Macht hat». Nie habe er sich so «beschmutzt, erniedrigt, beleidigt» gefühlt, schreibt der Kritiker. Der Schaden, den die Oberbürgermeisterin durch ihr Eingreifen der Kunstfreiheit in der Stadt zugefügt hat, dürfte indes um einiges größer sein. «Dass eine unverzügliche, unzweideutige und umfassende Entschuldigung durch Sie bei Herrn Stadelmaier und der FAZ zu erfolgen hat, dürfte sich von selbst verstehen.» Hüstelhüstel, haben Sie etwas gesagt, Frau Roth?

Zwei Stunden mit dem Rennrad durch die Wetterau. Endlich. Mühsam.

Todestag von Büchner, Hamsun, Gide.

Montag, 20.Februar 2006 – Neunuhrvierundzwanzig, fünfkommaneun. Hätte vor hundert Jahren, als die Häuser hier rundum erbaut wurden, jemand aus diesem Fenster geschaut, er hätte fast dasselbe gesehen wie ich heute. Vielleicht, dass der Baum nicht so groß und keine Antennen auf den Dächern gewesen wären. Allerdings hat sich wohl der Blick gründlich verändert.

Plötzlich nervt mich der Ton, den ich gestern bei dieser Theater-Geschichte angeschlagen habe. So kleinmütig-journalistisch.

Tot sind Brigitte Reimann, Kurt Batt und Hunter S.Thompson.

Mittwoch, 22.Februar 2006 – Vieruhrsechsundzwanzig, dreikommaein Grad. «Große Gefühle verschenken – Supersüße Bärchenanimationen» – Und diesen Schrott liest man dauernd so mit. Was für Behelligungen! Die bestimmt nicht folgenlos bleiben.

Todestag: Von Antonio Machado, an dessen Grab in Collioure wir schon einige Male waren. Von Stefan Zweig (Selbstmord). Von Christoph Probst, Hans Scholl und Sophie Scholl (alle drei von den Nazis ermordet). Von Oskar Kokoschka und Andy Warhol. Und von Sandor Marai, der am 15.Januar 1989 die letzten Worte in sein Tagebuch schrieb: «Ich erwarte die Abberufung, ich dränge nicht, aber ich zögere auch nicht. Es ist soweit.» Fünf Wochen später hat er sich in San Diego erschossen.

Freitag, 24.Februar 2006 – Vieruhrzweiunddreißig, zweikommanull. Namenstag.

Seltsame, zittrige Träume. Dunkel, irgendwas stürzt, Gesichter, Gelächter. Huschen. Krächzen. Röcheln. Erschrockenes Umdrehen. Ein Griff ans Herz. Ein Gesicht schiebt sich hinter einer Mauer hervor. Grinsen aus der Nacht. Etwas verschwindet hinter einer Ecke. Ein Flackern. Es erlischt. Dahinten ist Rettung. Ich sehe nichts. Wer ist da? Weiter, weiter. Warte auf mich! Nein. Zu spät. Alles ganz ungenau, aber sehr beunruhigend.

Entdecke gerade eine Mail, in der mir Philipp mitteilt, dass Benno Besson gestorben ist. Aber allein Philipps Namen zu lesen, macht mich ein wenig fröhlicher.

Sechsuhrdreizehn: Wühle mich seit anderthalb Stunden durch den Kunstmarkt. Es gibt Bilder, die schon bei ihrer Entstehung so aussehen, als sei es ihr größter Wunsch, eines Tages als Druck oder «Originalkopie» an der Wand eines Hotelzimmers zu hängen.

Tot ist Georg Christoph Lichtenberg, an dessen Grab ich in Göttingen fast täglich vorbeikam.

Dienstag, 28.Februar 2006 – Neunuhrdreiundzwanzig, einskommasechs. Leichter Schnee.

Nachtrag: Samstag, um sechsuhrfünfzehn an der Straßenbahnhaltestelle. Kalt. Eine Amsel singt ihre Sachen. Die Ampeln wechseln folgenlos ihre Farben. Niemand gibt Gas, niemand hält an; die Straßen sind leer. Die Stadt ist genauso dunkel wie um Mitternacht. Trotzdem eine vollkommen andere Stimmung. Wie kommt das? Woran merkt man, dass ein Tag beginnt und nicht endet, wenn doch alles genauso aussieht? Um sieben Uhr in den ICE. Um elf in Amsterdam. Febo de Lekkerste, frittierte Erdnussbutter aus dem Automatenbuffet. Pieter Cornelisz Hooftstraat: Hotel Museum. Dann Kinkerstraat, Markt. Museum het Schip, Amsterdamer Architekten Schule. Nordermarkt, Grachten, Richtung Osten, durch das Viertel, wo die Prostituierten in den Fenstern sitzen, was hier besonders demütigend wirkt, weil sie nicht nur von den Freiern, sondern auch von den Touristinnen begafft werden: «Na, hoffentlich erkälten die sich nicht…» Wie idiotisch diese Reggae-Kiffer-Coffee-Shop-Kultur ist, die hier zu einem florierenden Zweig des Fremdenverkehrs geworden ist – mit allen dazugehörigen Merchandising-Produkten. Die Oude Kerk, wo Jakob Klein begraben ist, hat geschlossen. Sonntag ins Van-Gogh-Museum: Caravaggio und Rembrandt und die ständige Ausstellung. Dann Rijksmuseum. Nachmittags nach Zandvoort, Spaziergang am Strand und auf dem Rückweg noch eine halbe Stunde in das schöne Bahnhofslokal von Haarlem. Indisches Abendessen und an den nächtlichen Grachten vorbei ins Hotel. Montag die große neue Wohnsiedlung auf der Insel im Nordosten, Dapperstraat-Markt und in das Art-déco-Café an der van Baerlestraat, anschließend kurz in das zugige Hochhausviertel mit dem World Trade Center. Nachmittags auf den langen Markt in der Cuypstraat. Dort eine ehemalige Markthalle, die zu einem riesigen Lokal umgebaut wurde: «Bazar». Als wir wieder auf die Straße kommen, packen die Marktleute ihre Stände ein, und auf den Dächern der umliegenden Häuser sitzen überall Graureiher, die darauf warten, sich an den Resten der Fischhändler gütlich tun zu können. Auf dem Bahnhof noch mal Automatenbuffet: Geflügelpressfleisch in frittierten Cornflakes. In den ICE. In Düsseldorf und Köln steigt ein wenig schütterer Frohsinn zu und beklagt sich über uns, die wir «Poofköppe» seien. Um kurz nach elf wieder zu Hause.

Heute vor zwanzig Jahren wurde Olof Palme ermordet.

Donnerstag, 2.März 2006 – Vieruhrachtundzwanzig, nullkommaein Grad. In «Kulturzeit» ein Interview mit dem Pianisten Lang Lang: ein glattes Pausbäckchen, an dem jeder Einwand abrutscht. Aber er hat es schon gelernt: viel lachen, viel quatschen, nichts sagen. Gert Scobel, statt seinem Gegenüber klarzumachen, was er von ihm hält, formuliert um die Ecke: «Es gibt Kritiker, die Ihnen vorwerfen…» Lang Lang strahlt: Jede Aufmerksamkeit, sagt er, egal, ob Lob oder Kritik, nütze ihm. Da die Redaktion von «Kulturzeit» das weiß, hätte sie den Pianisten ignorieren müssen. Aber nein, man will «das Phänomen», das «in der Öffentlichkeit so kontrovers…» und «die Kritiker polarisiert»… blabla.

Berthe Morisot ist tot.

Freitag, 3.März 2006 – Sechsuhrdreiundzwanzig, minus nullkommasieben. Es schneit und schneit. Kopfschmerzen, Halskratzen. Aus Österreich ist ein dickes Paket mit CDs gekommen: Der Akkordeonist Klaus Paier mit wechselnden Musikern. Beim Frühstück mit Stefan K. so ein bisschen politisches Geplappere. Klar, sind wir für den Föderalismus. Andererseits wäre es doch auch ganz gut, wenn ab und zu mal jemand ein Machtwort spräche. Zum Beispiel in der Bildungspolitik oder bei der Rechtschreibreform. Also brauchen wir einen König! Ja, gut, ein König. Und Sozialismus wollen wir auch. Mhm, okay, her damit! Also: die erste föderale sozialistische Monarchie auf deutschem Boden. Sodass man «Genosse König» sagen könnte. Und wer wird König? Am besten doch gleich der wiedergeborene Rio Reiser.

Am 3.März 1931 starb in Düsseldorf Otto Reutter, einer der bekanntesten Schauspieler, Komiker und Sänger des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Seinem Lied «In fünfzig Jahren ist alles vorbei» hat Degenhardt eine kleine Verneigung gewidmet.

Samstag, 4.März 2006 – Siebenuhrvier, minus zweikommazwei. Gestern Abend beim Zappen auf einen Filmbericht über Xavier Naidoo gestoßen. Diese weichgespülten Rappergesten. André Heller und Peter Ustinov nennt er seine Vorbilder. Aber er ist nur ein eitler Zeremonienmeister seines sinnhungrigen Publikums. Doch, es sind wirklich seine bis ins Letzte kalkulierten Gesten, die mich schaudern lassen.

Dann aber auf dem ZDF-Dokukanal ein Film von Gabrielle Pfeiffer: «Im Angesicht des Todes», eine Dokumentation über die verschwundenen Gesichter der Stalinopfer. Nicht nur die Menschen selbst verschwanden in den Lagern und wurden exekutiert. Es sollte auch nichts mehr an sie erinnern. Alle Fotos wurden vernichtet, und wer das Foto eines verhafteten Angehörigen besaß, war selbst mit dem Tod bedroht. Ja, ja, man weiß das. Aber die Bilder, die Gabrielle Pfeiffer dafür findet, die Musik, die Gesichter, die Landschaften, das alles ist so elektrisierend, dass ich sofort ganz zappelig werde. Übrig blieben von den «Angeklagten» oft nur die Fotos, die die Geheimpolizei von ihnen machte: Todtraurige, verräterische Fotos, die das Verhältnis von Ankläger und Angeklagtem umkehren. Frage einer jungen Frau, deren sämtliche Familiendokumente während der «Säuberungen» vernichtet wurden: «Wie kann man glücklich sein, ohne zu wissen, woher man kommt?»

Was soll man eigentlich davon halten, dass auf den Brötchentüten des Bäckers jetzt für die «Vagina-Monologe» geworben wird?

Am 4.März 1948 hielt der tote Artaud einen Schuh in der Hand.

Sonntag, 5.März 2006 – Sechsuhrneunundfünfzig, minus einkommaein Grad. Gestern Abend die schöne DVD mit den Proben zu Brittens «Nocturnes» für Tenor und kleines Orchester. Im Interview erzählt Britten, dass er seine Werke im Kopf durchkomponiere. Dass er sich keine Notizen machen müsse, weil er gute Einfälle sowieso nicht vergesse.

Beim Blättern in alten Unterlagen stoße ich unverhofft auf einen Namen, der mir bekannt vorkommt. Ja, richtig, der Mann war Kulturredakteur einer linken Wochenzeitung, auf die ich als Jugendlicher abonniert gewesen bin; später hat er das «Ökotest»-Magazin mitgegründet und -geleitet, und damals muss es gewesen sein, dass ich, aus vergessenen Gründen, in seiner Frankfurter Wohnung hockte. Nun gebe ich seinen Namen in die Suchmaschine ein und gerate auf eine Homepage, wo der Mann seine Dienste anbietet: «Am liebsten recherchiere und schreibe ich über Themen aus der Gourmet-Szene, über stilvollen Genuss und wertige Produkte.» – Vom Genossen zum Genießer, man kennt das. Und die «wertigen Produkte» lesen sich so: «Hammerhart– Keller- oder Wohnungswände, die für einen Dübel aufgebohrt werden müssen, bescheren Männern Albträume. Wirksam hilft dagegen nur ein realer Traum – ein roter Bohrhammer von Hilti.»

Heute vor dreiundfünfzig Jahren starben am selben Tag Josef Stalin und Sergej Prokofjev.

Montag, 6.März 2006 – Fünfuhrachtunddreißig, nullkommasieben. Tut mir ja leid, wenn ich hier ein Minderheitenprogramm sende, aber es lässt sich nicht ändern: Gestern auf Arte der Film über den Pariser Cello-Wettbewerb, der alle vier Jahre unter der Leitung von Rostropovitch stattfindet. Gewonnen hat ihn die junge Marie-Elisabeth Hecker, Tochter einer Zwickauer Pfarrersfamilie mit acht Kindern. Im Wettbewerb spielt sie gemeinsam mit ihrem Bruder Prokofjevs Sonate für Cello und Klavier, die 1950 von Rostropovitch und Richter uraufgeführt wurde. Und als Siegerbeitrag Schostakowitschs Cellokonzert op. 107.Ich gebe den Namen der Preisträgerin in die Google-Suche ein: Gerade mal 175Treffer. Das wird sich gründlich ändern.

Todestag von August Merges, Führer der Novemberrevolution, Präsident der Sozialistischen Republik Braunschweig, Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Starb 1945 an den Folgen der fortgesetzten Misshandlungen durch die Gestapo. Bei einem der Verhöre fügte man ihm einen Beckenbruch zu. Die Behandlung seiner eiternden Wunden wurde verboten. Als einer seiner eifrigsten Verfolger tat sich Dietrich Klagges hervor, braunschweigischer Ministerpräsident von 1933 bis 1945.Klagges lebte nach dem Krieg als Verfasser rechtsradikaler Schriften bis 1971 in Bad Harzburg. Ein Jahr vor seinem Tod sprach ihm das Bundesverwaltungsgericht eine Nachzahlung seiner Ministerpräsidenten-Pension in Höhe von DM 100000,– zu.

Dienstag, 7.März 2006 – Vieruhrundfünf, ein Grad. Wenn irgendwo ein Verriss erscheint, erfährt man das seltsamerweise sofort. Binnen Stunden erhält man einen Anruf: «Schon gesehen? Bei Amazon hast du eine echt beschissene Bewertung kassiert.» – Nee… ich kann ja später mal schauen. – «Ach komm, du sitzt doch gerade am Rechner. Mach doch die Seite rasch mal auf» –… – «Hast du’s?» – Ja, mhm, nicht gerade nett. – «Ahnst du, wer dir da einen reingewürgt hat? Willst du wissen, wer hinter dem Nickname steckt?» – Ach so, ja, ich ahne es… Aber ich will es nicht wissen. – Habt ihr gehört: ICH WILL DAS ALLES NICHT WISSEN!

In «Kulturzeit» ein irritierender Bericht über den Dirigenten und Musiker Clive Wearing. Durch einen Virus hat er sein Gedächtnis verloren. Sein Erinnerungsvermögen reicht gerade mal zehn Sekunden. Er erkennt seine Frau und seine Musik, sonst nichts. Er lebt, wie es heißt, «im ewigen Jetzt». Eine grauenhafte Vorstellung: das komplette Erlöschen der Vergangenheit.

Tot ist Alice B.Toklas, die Köchin und Geliebte von Gertrude Stein. Beide sind gemeinsam auf dem Père Lachaise begraben. Außerdem: Konrad Wolf, Filmregisseur. Martin Kippenberger, Künstler.

Mittwoch, 8.März 2006 – Neunuhrzweiunddreißig, einskommafünf. Gestern Abend: «Heimat Nordend» – Eine Veranstaltung der SPD in der Lutherkirche. Lächeln, Händeschütteln. Ein bisschen aus der «Braut im Schnee» gelesen. Fühle mich unwohl mit dem Thema. Dem netten Michi Herl scheint es ähnlich zu gehen. Irgendwann sagt er den schönen Satz: «Heimat ist da, wo man beerdigt sein möchte.» Für ihn sei das der Frankfurter Hauptfriedhof, weil dort schon Matthias Beltz und Anne Bärenz liegen. Als hinten jemand winkt und ich endlich erkenne, dass es Jörg ist, fange ich an, mich zu entspannen. Und wenn Pfarrer Haberstock in der Nähe ist, wird sowieso jede Runde angenehmer. Sonst: Bestellte Statements, kein Interesse an irgendeiner Form von Debatte, an Widerspruch, an Erkenntnis. Seltsam unpolitisch das Ganze. Als was werden wir hier gebraucht? Als Stehgeiger?

Es ist das Trauma der Linken, das aus dem 19.Jahrhundert herrührt, als man ihre Vertreter als «vaterlandslose Gesellen» bezeichnete. Seitdem reißen die eilfertigen Bekenntnisse zu Heimat und Nation nicht mehr ab. Die Tränen, die Hans Eichel vergoss, als Merz im Bundestag behauptete – was leider eine Lüge war–, dass es mit Ausnahme Willy Brandts keinen führenden Sozialdemokraten gegeben habe, der die Wiedervereinigung gewollt habe.

Später kommt eine alte Dame auf mich zu und erzählt, dass kurz nach dem Krieg am Kleinen Friedberger Platz tatsächlich ein Zahnarzt ermordet worden sei – «wie in Ihrem Buch».

Todestag von Erich von dem Bach-Zelewski, ein dem kaschubischen Landadel entstammender Militär und SS-Obergruppenführer. Er hat allein am 31.Oktober 1941 in Riga 35000Juden ermorden lassen. 1942 erlitt er einen Nervenzusammenbruch infolge der «Vorstellungen im Zusammenhang mit den von ihm selbst geleiteten Judenerschießungen» – wie ein SS-Arzt ihm attestierte. Zwei Jahre später erhielt er für die Zerschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto das Ehrenkreuz. 1962 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt, aber nicht wegen seiner Schuld als Völkermörder, sondern weil er an der Ermordung dreier Kommunisten im Jahr 1933 beteiligt war. «Als einziger NS-Massenmörder, der öffentlich bekannte, was er getan hatte, wurde er niemals wegen seiner Beteiligungen an der Ermordung unzähliger Juden belangt», schreibt das «Lexikon der Wehrmacht».

Donnerstag, 9.März 2006 – Fünfuhrfünfzehn, vierkommaeins, immerhin. Gestern kam ein Päckchen, als Absender nur ein Wort: «Fiete». Ah, schön, denke ich, hat er mal wieder eine selbstgebrannte CD mit seinen liebsten Reggae-Stücken geschickt. Aber innen klebt dann auf der Plastikhülle so ein gelber Zettel, auf dem steht: «DVD». Sonst nichts, keine Karte, kein Anschreiben, nichts. Schiebe das Ding ins Notebook und plötzlich läuft da ein uralter Film, auf dem alle Freunde von damals zu sehen sind: Kühnhackl, Fiete, Larry, Groß, Elli, Schaak. Fahren mit ihren Mofas durch Baunatal – so wie wir es in «Easy Rider» gelernt haben. Das muss mehr als dreißig Jahre her sein. Sieht alles ein bisschen aus wie in Fassbinders «Acht Stunden sind kein Tag». Superschön.

Danach mit Jürgen ins Burga. Es ist innerhalb von ein paar Wochen das zweite Mal, dass wir allein dort hocken. Zerbröselt die Mittwochsrunde? Weiß nicht, kann sein, scheint so. Hat ja auch länger gehalten als mancher Staat. Aber man könnte mir ja auch mal was sagen. Habe das Gefühl, man hat sich geeinigt, aber ich weiß von nichts.