Jenseits der Fronten - Lara Lessing - E-Book

Jenseits der Fronten E-Book

Lara Lessing

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Beschreibung

Fremde Menschen und Kulturen haben Lara schon immer fasziniert. Aufgewachsen in einem kleinen Allgäuer Dorf, weiß sie deshalb schon früh: Sie will die Welt sehen! Ihre abenteuerliche Reise führt sie mitten ins Herz eines Landes, das für die meisten Deutschen der Inbegriff von Schrecken und Krieg ist: Afghanistan. Doch ist diese Furcht wirklich begründet? Oder gibt es in Afghanistan vielleicht mehr Liebenswertes und Schönes als gedacht? Gibt es dort womöglich etwas so Wertvolles, wofür es sich lohnt, Risiken auf sich zu nehmen, um es zu bewahren und zu fördern? Dieser Erfahrungsbericht einer mutigen jungen Deutschen zeigt eindrücklich, was es bedeutet, in Afghanistan zu leben, zu arbeiten und zu glauben.

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Seitenzahl: 314

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über die Autorin:

Lara Lessing ist ein Pseudonym, um der Autorin einen möglichen weiteren Einsatz in Afghanistan zu gewährleisten. Die Autorin ist 1989 im Allgäu geboren. Inzwischen wohnt sie in Augsburg und arbeitet dort als Kinderkrankenschwester.

Lara Lessing

JENSEITS

DER FRONTEN

Afghanistan abseits

der Schlagzeilen –

Erfahrungen in einem schrecklich schönen Land

Inhalt

Vorwort

Fernweh

Aus einem Traum wird ein Plan

Afghanigstan abseits der Schlagzeilen

Es geht los! Der Visionstrip wartet …

Endlich in Afghanistan!

How to do Afghanistan

Angekommen im ganz normalen Chaos

Die Rolle der afghanischen Frau

Erste Freundschaften

Auf Augenhöhe mit dem Fremden

Sicherheit in aller Unsicherheit

So etwas wie Alltag

This is Afghanistan

Winter in der Stadt

Weihnachten und Muezzin

Stadt, Land, Umzug

Das Projekt, die neuen Kollegen und ich

Warum machen wir GLISP?

Mittendrin

Ein neuer Alltag auf dem Land

Kultur to go

Teamleben

Unangekündigter Besuch und neue Hoffnung

Fließend Wasser und Aprikosen

Die afghanischen Semmelknödel

Afghanische Improvisationskunst

Kulturelle Unterschiede überwinden

Feiertage mit Buzkaschi

Neue Gegend, neue Dörfer

Ramadan und Zuckerfest

Wo der Glaube zum Problem wird

Sommer in den Bergen

Vertraute Gesichter, gleiche Themen und Emotionen

Mein neuestes Hobby

Die Taliban im eigenen Haus?!

Gibt es eine Lösung für den Krieg?

Abschied nehmen

Danksagung

Vorwort

Liebe Leser, liebe Leserinnen,

was Sie hier in den Händen halten, ist keine hohe Literatur, es ist kein Actionroman und auch keine Horrorgeschichte. Es ist einfach ein Bericht über einen Abschnitt meines Lebens, der mich so stark geprägt hat wie kein anderer. Ich freue mich über Ihr Interesse daran und wünsche mir, dass dieses Buch Sie bereichert.

Mit meinem Bericht möchte ich Sie ein Stück weit hineinnehmen in das, was ich erlebt habe. Und ich möchte Sie am ständigen Auf und Ab des afghanischen Lebens teilhaben lassen. Da passiert manchmal sehr viel auf einmal, manchmal findet aber auch einfach der ganz normale Alltag statt, so wie überall auf der Welt.

Damit Sie meine Perspektive verstehen und auch den Weg nachvollziehen können, wie es dazu kam, dass ich überhaupt darüber nachgedacht habe, als junge Frau solch einen Einsatz zu machen, fange ich ganz von vorne an und lasse Sie auch zwischendrin immer wieder an meinen Gedanken zu den Erlebnissen teilhaben. Dazu muss man sagen, dass das immer nur meine eigenen, subjektiven Gedanken sind beziehungsweise waren. Jemand anderes nimmt dieses Land natürlich ganz anders wahr. Fast alles in diesem Buch ist deshalb eine subjektive Beschreibung, zusammengetragen aus dem, was ich selbst erlebt und gesehen habe, und aus dem, was mir berichtet wurde. Niemals würde ich behaupten, dass ich alles wüsste oder in allem recht hätte – das ist gar nicht mein Ziel.

Wenn das Lesen dieses Buches bei Ihnen dazu führt, dass Sie am Ende ein anderes Bild von diesem wunderschönen Land Afghanistan bekommen haben, wenn es für Sie zumindest ein Stück weit den Schrecken verloren hat und Ihr Bild davon ein wenig bunter geworden ist, dann hat es seinen Zweck erfüllt.

Um die Identität meiner Freunde und auch die meine zu schützen, sind alle Namen sowie die Ortsnamen und der Name des Projekts geändert. Aber es sind nur die Namen, die geändert wurden. Es gibt alles wirklich, und alles, was Sie lesen, ist auch wirklich so passiert.

Und nun wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Lesen,

Ihre Lara Lessing

Fernweh

Nun sitze ich also hier, im beschaulichen Allgäuer Alpenvorland, meine Nachbarn sind nur ein paar Rinder, die mich verstohlen durchs offene Fenster anschauen. Eine Zeit lang war es ein familieninterner Witz, dass mir meine Mutter zu jedem Anlass Dinge mit Kühen darauf geschenkt hat, damit ich nie vergesse, wo ich herkomme. Jetzt kann ich es allerdings noch gar nicht richtig fassen, wieder hier zu sein.

In meinen Gedanken schaue ich zum Fenster heraus und sehe noch etwas anderes: den afghanischen Garten, den unser Wachmann gerade in stundenlanger Handarbeit bewässert hat. Statt Kuhglocken höre ich den Ruf des Muezzin. Und wenn ich die Haustür aufmache, sehe ich neben dem Haus statt der parkenden Autos noch immer eine Nachbarsfrau am Brunnen Kleidung waschen oder Geschirr spülen. Beim ersten Schritt nach draußen höre ich es von links hinten „Lara!“ rufen. Es sind Nachbarskinder, die mich immer erst rufen und sich dann doch vor mir verstecken.

Ja, im Kopf bin ich noch immer im Hinterland von Afghanistan. Es geht dort unkonventionell zu, aus westlicher Sicht vielleicht sogar chaotisch. Aber für mich ist es der ganz normale Wahnsinn, den ich über die Zeit hinweg lieben gelernt habe.

Fremde Menschen und Kulturen haben mich schon von klein auf fasziniert! Am meisten die ganz exotischen Kulturen, wo sich das Leben maximal von meinem eigenen unterscheidet. Indianer im Amazonas etwa oder Inuit im ewigen Eis, Nomaden in der Sahara oder ein wildes Reitervolk im Kaukasus. Weil meine Familie natürlich nie in solchen Gebieten Urlaub gemacht hat, habe ich mich anderweitig über diese Kulturen informiert: über Atlanten, Reportagen und Artikel. Tagelang saß ich vor einem Globus oder einem Weltatlas und stellte mir vor, wie die Menschen in der Region, auf der mein Finger gerade lag, wohl lebten.

Als dann später die Berufsentscheidung anstand, kamen meine zwei anderen Leidenschaften zum Zuge: mein großes Interesse für den menschlichen Körper und mein Herz für Kinder. Deshalb habe ich mich schließlich für eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester entschieden, da kamen beide zusammen.

Noch während der Ausbildung war für mich jedoch klar: Ich will so bald wie irgendwie möglich für längere Zeit ins Ausland, um dort meinen Traum vom Leben in einer fremden Kultur zu verwirklichen. Ein paar Jahre zuvor hatte mir ein Entwicklungshelfer von einem kleinen Fischerdorf auf einer kolumbianischen Insel berichtet. Da wollte ich hin! Und tatsächlich funktionierte dieser Plan. Ich durfte als Freiwillige ein Jahr lang die kleine Krankenstation der Insel betreuen. Es war eine schöne, herausfordernde und sehr gesegnete Zeit, die ich bis zum letzten Moment genoss – nicht nur während meiner Arbeitszeit, sondern auch davor, danach und dazwischen, wenn ich einfach Zeit mit den Landsleuten verbrachte.

Besonders geprägt hat mich die Freundschaft zu einer Familie, in der Drogen, Alkohol und Prostitution eine große Rolle spielten. Dort verbrachte ich viel Zeit und war einfach im Austausch mit ihnen.

Aus der Zeit in Kolumbien habe ich zwei Dinge gelernt. Erstens: Die eigentliche Veränderung, um die sich die Entwicklungshelfer oder Missionare oft bemühen, findet außerhalb der Arbeitszeit und außerhalb jener Dinge, die wir aktiv beeinflussen können, statt. Es sind Entscheidungen, die die Leute selbst treffen müssen, um ihr Leben nachhaltig zu verbessern. Man kann ihnen nur die Ideen dafür liefern. Und man kann da sein und dabei helfen, das auch umzusetzen, wofür sie sich entschieden haben.

Zweitens: Um Menschen zu helfen, muss man sie erst einmal lieben – egal in welchen Umständen sie leben. Wenn man Menschen annimmt, so wie sie sind, entsteht ein Raum von Vertrauen, in dem man sich begegnen und dann liebevoll auf die veränderungswürdigen Dinge hinweisen kann – ohne zu erwarten, dass sofort etwas passiert.

Nach Kolumbien ging es erst mal wieder zurück nach Deutschland. Meine nächste Station war München. Dort erlebte ich eine geniale Zeit mit vielen Freunden und allen Annehmlichkeiten des deutschen Großstadtlebens. Ich fand zum ersten Mal eine christliche Gemeinde, in der ich mich sehr wohlfühlte. Denn dort war es laut, modern und nicht so „typisch christlich“. Das sprach mich sehr an! Ich ging oft dorthin und lernte den christlichen Glauben auf eine ganz andere Weise kennen.

Mein neuer Arbeitsplatz wurde eine große Intensivstation für Kinder. Die Klinik war hoch spezialisiert, deshalb kamen Kinder aus aller Welt zu uns, um sich behandeln zu lassen. Kurz gesagt: Ich habe mich pudelwohl gefühlt. Meine Liebe für das Ausland hatte ich nach vier Jahren in München fast schon vergessen, bis – ja, bis ich eines Tages aus dem Urlaub zurückkam und plötzlich alles anders war: Auf einmal erschien mir mein ganzes deutsches Leben so grau und langweilig. Erst dachte ich, das wäre nur eine Phase und es würde schon wieder besser werden. Doch das war nicht der Fall. Auch nach Monaten nicht. Es war der Anfang eines Abenteuers, von dem ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung hatte, wohin es mich führen würde …

Dass ich in meiner Arbeit als Krankenschwester auf der Intensivstation nicht alt werden würde, war mir von vorneherein klar, denn die Arbeit dort war sehr kräftezehrend. Jetzt war der Zeitpunkt des Abschieds wohl gekommen! Nur, was sollte ich stattdessen tun?

Monatelang überlegte ich und kam dabei auf die kreativsten Ideen. Doch meistens brachte irgendjemand einleuchtende Argumente, um mir meine Idee wieder auszureden.

Eines Tages stieß ich im Internet auf eine Anzeige, die die „Incense“, eine zehnmonatige Jüngerschaftsschule im Gebetshaus Augsburg, bewarb. Das Gebetshaus kannte ich schon, eine Zeit lang dort zu sein und in meinem Glauben zu wachsen, klang verlockend.

Jesus. Er war irgendwie schon immer ein Teil meines Lebens. Lange als stiller Begleiter, an dessen Existenz ich aber nie gezweifelt habe. Schon in der Grundschule fing ich an, die Bibel zu lesen, und fand höchst interessant, was dort stand. Und mich fesseln die Geschichten bis heute! Am meisten fasziniert mich, dass all das, was dort steht, so gut auf die Gesellschaft von heute und auf das eigene Leben zu übertragen ist. Anscheinend haben sich die Menschen im Grunde ihres Wesens nie wirklich verändert; uns beschäftigen immer noch die gleichen Themen wie die Menschen vor Tausenden von Jahren.

Wenn ich in der Bibel lese, empfinde ich das manchmal, als würde uns ein Spiegel vorgehalten. Allerdings ein sehr liebevoller und sehr gnädiger. Die Bibel ist für mich eine Stütze im Alltag, irgendetwas zwischen einer praktischen „Gebrauchsanweisung“ vom Hersteller für das Objekt Mensch und einem Liebesbrief, den ein liebender Schöpfer einem geliebten Geschöpf schreibt, damit es sich geliebt und gesehen fühlt.

Genauso empfinde ich Gott. Er ist kein grausamer Lehrer, der nur darauf wartet, dass wir einen Fehler machen. Er hat uns geschaffen und er selbst sagt, dass alles, was er geschaffen hat, gut ist (vgl. 1. Mose 1,31). So gab er uns dieses Leben und unseren freien Willen und wartet nun darauf, dass wir ihm vertrauen und glauben, dass er es wirklich gut mit uns meint.

Über die Jahre hinweg habe ich mich auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Glauben beschäftigt. Irgendwann war es für mich bewiesen: Gott existiert, und er nimmt aktiv Anteil an meinem Leben, wenn ich ihn darum bitte! So wuchs mein Vertrauen in ihn mit der Zeit immer mehr. Anfangs habe ich noch gemacht und er hat etwas dazu gesagt, später hat er gesagt und ich habe gemacht – und immer war es gut. Nicht immer einfach, aber immer gut!

Nun stand ich wieder einmal vor einer Entscheidung und überlegte, was nun das Beste sein könnte. Sollte es womöglich tatsächlich die „Incense“ sein? Ich verwarf den Gedanken schnell wieder, schließlich war ich auf der Suche nach einer dauerhaften Arbeit. Als ich jedoch wenig später Freunden davon erzählte, reagierten sie ganz anders als erwartet: „Lara, mach das doch!“ Das gab mir den letzten Anstoß, also bewarb ich mich einfach mal – und wurde tatsächlich angenommen! Am Ende freute ich mich dann richtig auf diese Zeit. Einfach mal raus aus dem Alltag und täglich Zeit im Gebetsraum verbringen. „Vielleicht kommt man da ja auch mal auf ganz neue Gedanken“, dachte ich mir noch. Und sollte recht behalten …

Die „Incense“ wurde eine der prägendsten Zeiten meines bisherigen Lebens. Ich lernte so viel über Gott und seine uneingeschränkte, reine und selbstlose Liebe. Über sein Wesen, seinen Humor, seine Sicht auf die Welt und auf all die großen und kleinen Dinge, die zum Leben gehören. Ich habe ihn noch einmal tiefer als guten Ratgeber für jede Lebenslage kennengelernt. Als einen Gott, der mir immer zuhört und der zu mir spricht. Der mir nah ist und mich erfüllt – auf eine Weise, wie ein Mensch es nie erreichen kann.

Gleichzeitig ist Gott groß und herrschend, und selbst wenn er nicht gut wäre, wäre es meiner Meinung nach unsere Pflicht, ihm zu gehorchen und seine Gebote zu halten, denn wir sind die wesentlich kleineren und schwächeren Wesen. Wir sind die Geschöpfe, und er ist der Schöpfer. Nun ist er aber gut und möchte als ebendieser herrschende und große Gott das Allerbeste für uns vergleichsweise kleinen und schwachen Geschöpfe! Und er überlässt es sogar uns, ob wir ihn überhaupt als Gott annehmen wollen oder nicht. Wahnsinn! Wir nehmen das so selbstverständlich hin in unserem Alltag, dabei ist genau das alles andere als selbstverständlich.

Ich bin immer wieder damit beschäftigt, zu staunen und zu überlegen, was das eigentlich für mein Leben bedeutet. Oder für das Leben der Menschen um mich herum. Wir sind alle Geschöpfe dieses Schöpfers und er macht keinen Unterschied zwischen arm und reich, hochintelligent oder durchschnittlich, schwarz oder weiß. Seine Zusagen und seine Liebe gelten uneingeschränkt für uns alle. Wir müssen sie uns nicht verdienen und wir müssen uns selbst nicht erst verändern, um diese Liebe zu erhalten. Wir dürfen einfach da sein. Das genügt. Wow. Welch eine Botschaft! Und welch ein Gott! Was für eine Sicherheit! Und wie viel Ruhe das alles mit sich bringt. Zumindest für mich.

Die Zeit in Augsburg war in dieser Hinsicht erst der Anfang. Ich bin bis heute immer noch damit beschäftigt zu verstehen, wie es sein kann, dass diese Liebe tatsächlich real ist, und wie sie sich auf mein Leben auswirkt. Ich bin innerlich ruhiger geworden seither. Aber auch klarer und entschiedener denn je.

Eine Frage, die mich in Augsburg von Anfang an ebenfalls begleitete, war: Was mache ich danach? Diese Frage beantwortete sich eines Tages ganz unerwartet während eines Vortrags. Es ging um das Thema Berufung. Ein Punkt sprach mich besonders an: Der Sprecher meinte, dass es sich lohnt, die Leidenschaften, die man hat, einfach zu verfolgen. Dieser Satz hallte in mir nach. Danach stand für mich irgendwie fest: Ich gehe doch noch mal ins Ausland! Das ist das, was ich immer machen wollte, das ist das, was mich wirklich interessiert, das, wofür ich die größte Leidenschaft habe.

Auch wenn ich mich die letzten Jahre weniger damit beschäftigt hatte, der Gedanke war nie ganz weg gewesen. Außerdem hatte ich das passende „Nervenkostüm“ und den passenden Beruf dafür. Und ich hatte das Gefühl, dass auch Gott sein Ja dazu gibt. Dafür sprach auch der Zeitpunkt, denn ich hatte schon einiges an Berufserfahrung gesammelt, war aber trotzdem noch jung und ungebunden. Argumente dagegen fand ich nicht. Also war die Sache beschlossen und ich freute mich total, obwohl ich noch gar nichts Konkretes geplant hatte.

Aus einem Traum wird ein Plan

Nachdem das nun für mich feststand, überlegte ich als Nächstes, welche Länder denn infrage kommen würden. Auf keinen Fall wollte ich in ein sogenanntes „Erste-Welt-Land“ wie Amerika oder Australien, denn meine Intention war von Anfang an, Menschen zu helfen, denen sonst vielleicht keiner hilft. Ein „Schwellenland“ kam deshalb auch nicht infrage, denn in diesen Ländern sind meistens schon relativ viele Hilfsorganisationen unterwegs. Also würde es ein Dritte-Welt-Land werden. Eines, in das sich vielleicht noch nicht sehr viele Helfer hineingetraut hatten oder das schwer zugänglich war.

Nach diesem Ausschlussprinzip kamen nur noch recht wenige Länder infrage. Der Südsudan zum Beispiel, Syrien, der Irak, Jemen – oder Afghanistan. Bei dem Gedanken an Afghanistan war ich von Anfang an fasziniert. Man hört so viel über dieses Land! Allerdings fast nur in Zusammenhang mit Krieg und den Taliban. Aber da musste doch noch mehr sein, oder?

Als ich Afghanistan hörte, dachte ich selten als Erstes an Krieg, sondern vielmehr an eine mir vollkommen fremde Welt. Eine Welt hinter Mauern oder mit Nomaden, die durchs Land zogen, an majestätische Berge und an Menschen, die ganz anders denken und leben als wir hier in Deutschland. Ich stellte es mir farbig vor, nicht so grau, wie die Medien es immer darstellten. Doch es war für mich eine verschlossene Welt, von der ich nicht wusste, ob ich je Zugang zu ihr erhalten würde. Gleichzeitig fragte ich mich, ob ich eigentlich verrückt geworden war, an eine Ausreise in solch ein Land überhaupt zu denken!? Konnte ich meinem Umfeld und meiner Familie so etwas überhaupt antun?

Mir war bewusst, dass in all den Ländern, über die ich gerade nachgedacht hatte, Krieg herrschte. Wie würde es sein, wenn ich mich auf einmal inmitten einer bewaffneten Auseinandersetzung wiederfände? Würde ich das nervlich überhaupt schaffen? War es überhaupt sinnvoll, dass gerade ich in so ein Land ging? Ich wollte auch nicht die tragische Heldin spielen. Und wie würde es mir als unverheiratete Frau in einem muslimischen Umfeld gehen? Würde mir überhaupt jemand zuhören? Ja, ich kann mich grundsätzlich schon gut durchsetzen, aber ich bin darauf angewiesen, dass mir mein Gegenüber überhaupt zuhört. Andererseits hörte man ja immer wieder von Frauen, die auch unter schwierigsten Umständen Erstaunliches erreichen. Mut muss man haben und Selbstbewusstsein! An beidem wollte ich in nächster Zeit noch arbeiten. Und ohne es zu wissen, halfen mir die Menschen in meinem Umfeld sogar dabei.

Viele von ihnen kamen in dieser Zeit auf mich zu und sprachen mit mir darüber, wie sie mich wahrnahmen. Ich denke, dass das von Gott bewirkt war, der auch andere Menschen dazu benutzt, um seine Pläne zu verwirklichen. Ich lernte immer mehr, ihn in allem zu suchen und zu finden. Nicht nur in Gebetszeiten, sondern auch im Alltag. All das machte mich mutig genug, um den Plan, ins Ausland zu gehen, trotz aller Fragezeichen weiterzuverfolgen.

In erster Linie ging es mir darum, dass in diesen Dritte-Welt-Ländern ganz normale Leute leben, die ganz normale Bedürfnisse haben wie wir auch und die einfach ein normales Leben leben wollen. Das können sie dort aber leider nicht, weil sie stattdessen mit Armut, Hunger, Krankheit, Vertreibungen, Kriegen … und deren Folgen kämpfen müssen. Das ist einfach nicht in Ordnung!

Wie andere damit umgehen, war mir egal, aber ich selbst wollte kein Mensch mehr sein, der einfach wegsieht oder sich ablenkt. Ich wollte hinsehen. Wenn ich etwas dafür tun konnte, dass es den Leuten in diesen Ländern irgendwie besser geht, dann wollte ich das mit Gottes Hilfe gerne tun!

Wie sollte diese Hilfe konkret aussehen? Das war der nächste Punkt auf meiner unsichtbaren Agenda. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass es sehr schwierig werden würde, eine gute Hilfsorganisation zu finden, der ich mich anschließen konnte. Ich kannte recht viele, die in Ostasien, Afrika oder Lateinamerika aktiv waren, aber in muslimischen Ländern? In Konfliktgebieten? Schwierig!

Mit einer Schweizer Organisation, die humanitäre Hilfe in genau den Gebieten leistete, die mir vorschwebten, liefen die anfänglichen Gespräche sehr gut. Doch nach einer sehr hilfreichen und extrem schönen „Bewerberwoche“ endete die Zusammenarbeit mit dieser Organisation. Die für mich vorgeschlagene Stelle im Südsudan ging an einen der vielen Mitbewerber. Ich bin ihnen dennoch sehr dankbar, denn sie haben mir viel beigebracht.

Alles hatte sich etwas hingezogen und die Gebetshausschule war inzwischen zu Ende. Etwas ratlos blieb ich noch eine Weile im Gebetshaus und half dort aus, wo Arbeit anfiel.

Nur wenige Tage nach der Absage für die Stelle im Südsudan meldete sich eine Besuchergruppe im Gebetshaus an. Die Gruppe stellte sich als Leitungsteam eines theologischen Seminars und Mitarbeiter einer Missionsorganisation aus Nordrhein-Westfalen heraus. Ich führte sie im Gebetshaus herum und wir kamen unter anderem darauf zu sprechen, dass ich auf der Suche nach einer Organisation war, die mich ins Ausland vermitteln könnte. Daraufhin erzählten unsere Besucher etwas von sich, und als einer von ihnen erwähnte, dass sie auch Leute in Afghanistan hatten, wurde ich hellhörig.

Ich kam ins Nachdenken. Mission – warum eigentlich nicht? Schon während des Kontakts zu der Schweizer Organisation hatte ich mich manchmal gefragt, ob das Geistliche dort nicht zu kurz kommt. Immerhin haben wir als Christen etwas zu bieten, das den Menschen noch viel umfassender hilft als etwas Brot oder ein Dach über dem Kopf, oder? Ein rein missionarischer Gemeindedienst kam für mich jedoch nicht infrage. Aber die Arbeit am Patienten mit einem geistlichen Dienst zu verknüpfen – das klang gut! Ähnlich wie damals in Kolumbien. So meldete ich mich wenig später bei der Organisation in NRW.

Die Frau am Telefon war ganz euphorisch. Sie hatte wohl schon von mir gehört und wusste, welches Anliegen ich hatte. In ihrer Euphorie meinte sie, dass ich – wenn alles klappt – schon im Januar ausreisen könnte. Erst mal für einen Kurzeinsatz für ein bis zwei Jahre und dann, wenn es mir dort gefiele, könnte ich direkt in den Langzeiteinsatz übergehen. Was für ein Angebot! Aber darüber musste ich natürlich erst noch nachdenken. In unserer schnelllebigen Zeit tut man sich irgendwie schwer damit, sich für einen Zeitraum von mehr als zwei oder drei Jahren festzulegen. Andererseits: Echte Veränderung im Land und somit auch echte, langfristige Hilfe für die Menschen dort kommt meist nur über eine Verhaltensänderung oder das regelmäßige Praktizieren von etwas neu Gelerntem zustande. Und das braucht Zeit! Die Beziehung zu Menschen braucht Zeit.

Schon während meines Einsatzes in Kolumbien hatte ich festgestellt, dass ich eigentlich erst nach einem Jahr die Sprache und Kultur der Menschen so weit verstanden hatte, dass zum Zeitpunkt der Abreise meine eigentliche Arbeit erst hätte beginnen können. Denn Wunden nähen und Antibiotika verteilen kann jeder – aber dafür zu sorgen, dass das gar nicht erst nötig wird, das ist eine ganz andere Nummer! Man braucht das Vertrauen der Menschen – und um das aufzubauen, braucht es eben Zeit.

Es war inzwischen Ende Oktober geworden und ich hoffte, dass diese etwas unangenehme „Zwischenzeit“ zwischen der „Incense“ und meiner Ausreise bald ein Ende haben würde. Rückblickend muss ich jedoch sagen, dass genau diese „Zwischenzeit“ extrem wertvoll für mich war! Sie half mir, eine klarere Vision zu bekommen von dem, was ich vorhatte. Anfangs war ich noch sehr unsicher, wie ich in der Öffentlichkeit mit meinen Plänen umgehen sollte. Zum einen hatte ich Angst davor, was andere dazu sagen würden, und außerdem war es mir selbst nicht ganz geheuer, dass ich bei dem Gedanken an Afghanistan kaum Angst hatte! Doch für all diese Gedanken kam Hilfe. Mir kam folgende Bibelstelle in den Sinn: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus“ (1. Johannes 4,18; LU).

Über diese Stelle wurde während der „Zwischenzeit“ einmal im Gebetsraum meditiert. Während die Sänger darüber sangen, wie die Liebe Gottes Ängste wie Selbstzweifel und Menschenfurcht vertreibt, dachte ich darüber nach, wie sehr Gott wohl Afghanistan liebt. Wie er jeden einzelnen Menschen dort kennt und wie liebenswert wertvoll dieses Land – trotz oder gerade wegen all des Krieges – doch ist. Ich hatte das Gefühl, dass Gott mir in diesem Moment zeigte, wie viel Liebenswertes und Schönes es dort immer noch gibt und wie wichtig es ihm ist, dieses zu bewahren und zu fördern. Und er zeigte mir, wie viel gewichtiger all die Schönheit dieses Landes gegenüber all dem Negativen ist. Vor meinem inneren Auge lief es wie ein kleiner Film ab. Es war, als würde der Herr mir „sein“ Afghanistan zeigen: voller Farben, Individualität und Dynamik. Zwar gab es immer noch Dinge wie Krieg, Entbehrung und Armut, aber das Schöne überwog. Ich verstand: Gott liebt dieses Land. Und es ist ihm wichtig.

Und wenn man seinen Blick auf all das Liebenswerte, Schöne und Wertvolle, das bereits da ist, lenkt, dann wird die Furcht vor dem Negativen automatisch weniger. Nicht, dass man Sicherheitsrisiken ignorieren sollte, aber sich von Angst vollkommen vereinnahmen und kontrollieren zu lassen war, noch nie gut. Ich denke, es gibt manchmal einen schmalen Grat zwischen Mut und Wahnsinn, und diesen gilt es zu finden.

Sooft ich damals in der Bibel las, las ich etwas über Mut; darüber, wie Gott Menschen in den unterschiedlichsten Situationen leitete und ihnen immer wieder im richtigen Moment die nötige Kraft gab. Immer wieder stieß ich auf Josua 1,9: „Ja, ich sage dir noch einmal: Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, stehe bei dir, wohin du auch gehst.“

Diese Sicht auf die Dinge wirkte noch lange in mir nach. Eigentlich sogar bis heute. Sie hat dazu geführt, dass aus einem recht kleinlauten, schüchternen „Ich möchte gerne nach Afghanistan gehen …“ ein sehr selbstbewusstes, aufrechtes „Ich gehe nach Afghanistan!“ wurde. Und ich fand es super!

Eine Weile dachte ich noch darüber nach, was wäre, wenn tatsächlich etwas schiefginge und ich während des Einsatzes sterben würde. Dank meiner Arbeit auf der Intensivstation hatte ich mich schon viel mit dem Thema Tod und Sterben auseinandergesetzt. Schön ist der Gedanke zu sterben natürlich trotzdem nicht! Denn ich mag das Leben hier auf der Erde, und egal, was danach kommt: Ich lebe sehr gerne hier. Es gibt noch so vieles, was ich machen, erreichen und entdecken möchte. Aber irgendwie hatte ich trotz allem ein gutes Gefühl. Man kann nie wissen, was kommt, und es kann immer etwas passieren. Klar ist das Risiko zu sterben in solchen Ländern höher als anderswo. Aber bei einer Sache ums Leben zu kommen, hinter der ich voll stehen kann, die ich gerne mache und die mir (vermutlich) Spaß macht, wäre für mich wenigstens ein kleiner Trost.

Außerdem erfuhr ich, dass es in Afghanistan ein Monitoring für die Sicherheitslage gibt. Man kann mithilfe verschiedener Informationen einschätzen, ob es gerade gefährlich ist, aus dem Haus zu gehen, oder nicht. Bestimmte Gegenden werden dann entweder gesperrt oder freigegeben. An hohen Risikotagen gibt es eine Art Hausarrest. Wenn man sich an diese Regeln hält, ist das Risiko zumindest minimiert. Ein Restrisiko bleibt natürlich immer bestehen. Aber das war ich bereit in Kauf zu nehmen.

Als das alles in Ruhe durchdacht und für mich entschieden war, konnte ich beruhigt und entschlossen zum persönlichen Gespräch nach NRW zu fahren. Es war inzwischen wenige Tage vor Weihnachten. Alles hatte sich ziemlich gezogen und ich hoffte, dass es nun etwas dynamischer vorangehen würde, denn ich war so weit bereit. Das Gespräch lief gut. Mir wurde einiges über die Organisation erklärt, auch über den Ablauf von Aussendungen wurde gesprochen.

Ich erfuhr, dass Langzeit-Missionare in sogenannten Zyklen unterwegs sind. Ein Zyklus dauert zwei bis vier Jahre. Danach steht wieder ein längerer Heimataufenthalt an und auch die Entscheidung, ob man einen weiteren Zyklus im Ausland verbringen möchte oder nicht. Von einem Kurzzeiteinsatz war überhaupt nicht mehr die Rede, was mir jedoch recht war. Die Organisation in NRW hatte selbst keine Projekte in Afghanistan und würde deshalb von nun an nur als „Sendeorganisation“ auftreten, sich von Deutschland aus um meine Verwaltungsangelegenheiten kümmern und mich quasi an eine lokale Organisation „ausleihen“.

Ulf, der von nun an für mich zuständig war, erzählte mir von einem Visionstrip, den man normalerweise machte. Man reist ins Land, um sich vorweg einen Eindruck verschaffen zu können, ob man sich die vorgeschlagene Stelle tatsächlich vorstellen könnte. Ich willigte ein und später stellte sich dieser Visionstrip als eine wunderbare Sache heraus. Worüber Ulf allerdings kaum redete, waren Finanzen. Das war für mich schwierig, denn es war klar, dass ich alle entstehenden Kosten des Einsatzes durch Fundraising selbst decken musste – plus 7 % für den Verwaltungsaufwand der Organisation. Ich musste also dringend wissen, auf was ich mich einstellen musste, damit das alles funktionieren würde.

Auf mehrmalige Nachfrage meinte Ulf, dass es wahrscheinlich auf monatlich circa 2000 Euro hinauslaufen würde, Urlaub und Arbeitsmaterial nicht mit einberechnet. Wow, wie sollte das funktionieren? Und dabei durfte ich beim Fundraising die Worte „Afghanistan“ und „Mission“ wegen der Sicherheitsauflagen nicht mal erwähnen. In Afghanistan herrscht eine starke Christenverfolgung, für Missionare gibt es daher auch keinerlei Toleranz. Ich musste von nun an also ein „Undercover-Dasein“ lernen und meine Kommunikation kontrollieren, falls meine E-Mails, mein PC oder mein Handy gehackt werden würden. Für mich selbst war das kein Problem, für das Fundraising allerdings schon. Die Leute sollten ja wissen, was sie mit ihrem Geld unterstützten, und da ich nicht alle meine Bekannten und Freunde persönlich treffen konnte, musste ich es in einer E-Mail für sie irgendwie umschreiben. Ich nahm die Herausforderung an und setzte eine Rundmail auf, die ich an fast alle Freunde und Bekannte versandte. Alles in allem brauchte ich circa 40 Leute, die bereit wären, mich mit 50 Euro im Monat zu unterstützen, dann würden alle regelmäßigen Kosten gedeckt. Und die ersten zwei, drei Unterstützer waren recht schnell gefunden. „Wird schon werden“, dachte ich. Die Ausreise war erst für Juli geplant, ich hatte also noch etwas Zeit.

Als Nächstes benötigte ich eine sendende Gemeinde. Was deren Aufgabe sein würde, hatte ich noch nicht richtig verstanden, denn ich hatte ja schon eine sendende Organisation, aber: „Das ist so üblich“ war Ulfs Erklärung. Die sendende Gemeinde soll wohl der vertraute Bezugspunkt für den Missionar sein und unterstützend beten. „Alles klar“, dachte ich und fragte das Gebetshaus an. Dieses lehnte leider ab. Also fragte ich meine Kirche in München. Diese stimmte zu, hatte allerdings auch keine Ahnung, was nun ihre konkrete Aufgabe war. Da mein Einsatz auch nicht als Projekt der Kirche, sondern als mein persönliches Projekt lief, durfte ich im Gottesdienst keine Flyer auslegen oder für Unterstützung werben. Das machte mein Leben beziehungsweise mein Fundraising nochmals schwerer.

Viele Prediger und christliche Sprecher beklagten zu diesem Zeitpunkt immer wieder, dass immer weniger Leute es wagen, in schwierige Länder zu gehen. Sie beklagten sich darüber, dass die Deutschen – einst Vorreiter darin, das Wort Gottes in allen Ländern zu verkündigen – heute bequem geworden seien. Und dann stand da ich. Ich wollte nicht bequem sein und gehen. Aber ich hätte etwas Unterstützung gut gebrauchen können, denn die praktische Umsetzung meines Plans wurde nun von Tag zu Tag komplexer: Formulare, Anträge und Genehmigungen mussten gestellt und eingeholt, Urkunden übersetzt und beglaubigt werden und so weiter.

Mein Zimmer verwandelte sich mehr und mehr in ein Verwaltungsbüro, in dem ich nur schwer den Überblick behielt. Ich fühlte mich ein wenig wie in einem Karussell, das sich immer schneller zu drehen begann. Telefonate, Formulare, Gespräche und immer wieder die Konfrontation mit der Frage: „Lara, warum machst du das?“ Diese Frage fand ich sehr berechtigt. Also erklärte ich die Geschichte einfach noch mal. Und noch mal. Und noch mal.

Die Sendeorganisation in NRW hat sich in der Zeit nach unserem Gespräch relativ wenig gemeldet, und wenn, dann wollten sie mehrere Male die immer gleichen Dokumente noch einmal zugesandt haben. „Wir sind gerade in einer personellen Umstrukturierung“ war die Entschuldigung. Auch dafür hatte ich Verständnis, denn für mich war es ja kein Problem, meine Unterlagen einfach noch einmal an eine E-Mail anzuhängen. Ich wartete auf Informationen für meinen Visionstrip. Schließlich wurden zwei passende Organisationen vor Ort für mich gefunden und mir vorgeschlagen. Bei beiden würde ich als Kinderkrankenschwester für Projekte arbeiten können, die die Mütter- und Kindersterblichkeit im Land verringern sollten.

Dann kam schließlich die ersehnte Mail mit den Daten und einem Flugticket! Meine Freude darüber konnte ich nicht in Worte fassen! Ich durfte mir ein Projekt in Kabul und noch eines in einem entlegeneren Teil Afghanistans ansehen und dann entscheiden, welches mir besser gefällt. Als besonderes „Zuckerl“ wurde mir noch erzählt, dass ich mit einem Helikopter in die Provinz fliegen durfte. Wow, wie schön!

Afghanistan abseits der Schlagzeilen

Bevor ich das erste Mal meine Füße auf afghanischen Boden setzte, informierte ich mich natürlich genauer über das Land. Ich wollte mehr über Afghanistan wissen als das, was ich aus den Schlagzeilen kannte, und ich möchte deshalb auch hier erst einmal ein paar Hintergrundinformationen weitergeben, bevor ich mit meinem persönlichen Bericht beginne:

Afghanistan ist ein Binnenland und gehört nicht zum Mittleren Osten (wie viele denken), sondern zu Zentralasien. Das Land ist etwa doppelt so groß wie Deutschland, hat aber offiziell nur knapp halb so viele Einwohner. Die Ausläufer des Hindukusch-Gebirges ziehen sich quer durch das Land. Mit mehreren Gipfeln über 5000 m (zum Beispiel dem Koh-e Baba im Zentrum des Landes), einigen 7000ern im Nordwesten und einigen Hochebenen ist die Landschaft Afghanistans abwechslungsreicher und gebirgiger, als viele denken. Die tiefer liegenden Ebenen sind meist Steppen und Wüsten. Ein paar Arme der alten Seidenstraße ziehen sich noch heute quer durch das Land.

Einst war Afghanistan Teil des großen Perserreiches, das weit entwickelt, gut vernetzt und hochgebildet war. Später übernahm Alexander der Große das Gebiet. Das Land ist reich an Bodenschätzen wie Kohle, Edelsteinen und Edelgasen. Einige Edelsteine wie zum Beispiel der Lapislazuli werden fast ausschließlich in Afghanistan abgebaut. Andere Bodenschätze wurden bisher kaum genutzt.

Neben den Bodenschätzen gibt die Erde Afghanistans noch mehr her: Viele Regionen eignen sich sehr gut für den Getreide-, Obst- und Gemüseanbau. Vor Ausbruch des Krieges musste das Land keinerlei Lebensmittel importieren, sondern konnte sich selbst versorgen. Durch das warme, trockene Klima und die gut verzweigten Flüsse war alles vorhanden, was benötigt wurde.

Die Menschen Afghanistans teilen sich in verschiedene Ethnien auf. Jede Ethnie hat ihre eigenen Bräuche und Traditionen, oft sogar ihre eigene Sprache. Einige Volksgruppen leben sehr abgeschirmt und haben bis heute nur wenig Kontakt zur Außenwelt. Vor dem Krieg lebten viele Menschen noch nomadisch, inzwischen ist das aber leider kaum mehr möglich.

Ein großer Teil der Afghanen lebt auf dem Land und führt ein recht einfaches Leben von und mit der Landwirtschaft. Tiere und Land sind häufig die wichtigsten Besitztümer, nicht selten auch das Bezahlungsmittel Nummer eins.

In den Städten trifft Tradition auf Moderne. Viele Afghanen, vor allem die junge Generation, die immerhin die Hälfte der Bevölkerung ausmacht, streben ein eher westlicheres Leben an. Die jungen Afghanen wollen studieren und danach einen „richtigen Job“ jenseits der Landwirtschaft bekommen – was oft schwierig ist, denn es gibt nicht viele Unternehmen, die sie einstellen könnten. So gibt es viele junge Akademiker, die oft ihre einzige Chance im Ausland sehen.

Die Religion spielt eine große Rolle im Leben der Menschen. Die meisten gehören dem sunnitischen Islam an, nur eine der großen Volksgruppen ist schiitisch und wird deshalb immer wieder heftig angegriffen. Toleranz für Religionen außerhalb des Islams gibt es nicht. Die Regeln des Islams werden von der Mehrheit der Afghanen mit großer Leidenschaft befolgt und praktiziert. Aus diesem Grund gibt es zum Beispiel im ganzen Land nur ein einziges Schwein. Es ist wegen seiner Einzigartigkeit berühmt und lebt im Zoo von Kabul.

Ansonsten ist das Land natürlich vom Krieg gezeichnet. Da Afghanistan strategisch sehr günstig liegt, ist das Gebiet seit jeher umkämpft. Zwischen 1839 und 1919 befand sich das Land immer wieder lange unter englischer Herrschaft, wobei die Afghanen die Kolonialisierung nie ganz hinnahmen und sich immer wieder wehrten. 1919, im dritten Anglo-Afghanischen Krieg, konnten die Afghanen endlich ihre Unabhängigkeit durchsetzen. Afghanistan wurde danach von einem König regiert. Doch der Friede währte nicht lange. Innerpolitische Unruhen machten das Land nur wenige Jahrzehnte später wieder instabil, was 1979 den Einmarsch der Sowjetunion ermöglichte. Der König wurde kurz zuvor gestürzt. Er konnte sich in letzter Sekunde noch aus dem Land retten. Seitdem ist Afghanistan nicht mehr zur Ruhe gekommen.

Ich habe verschiedene Informationen darüber, was genau nach 1979 alles passiert ist und wer was verursachte. Manchmal habe ich Zweifel daran, dass sich heute überhaupt noch irgendjemand wirklich auskennt und die Geschehnisse der Reihe nach und vor allem objektiv schildern kann. Fakt ist, dass in der Zeit der Sowjetherrschaft in Afghanistan mehrere fatale Dinge passiert sind: Zum einen wurden fast alle Wälder des Landes systematisch gerodet, um den Feind früher erkennen zu können (was fatal für die Umwelt und natürlichen Ressourcen des Landes ist, denn viele Afghanen heizen im Winter mit Holz), zum anderen gab es damals schon eine große Flüchtlingswelle.

Viele Afghanen suchten während der Sowjetzeit Schutz im Iran. Dieser gewährte ihnen den Aufenthalt, kümmerte sich aber (laut afghanischen Quellen) nicht besonders um die Flüchtlinge. Auf der Suche nach Beschäftigung, Schutz, Halt und vielleicht auch nach Möglichkeiten, um sich an den Sowjets zu rächen, landeten viele Männer in den Medresses. Medresses sind Schulen, in denen der Islam gelehrt wird. Zu dieser Zeit müssen einige sehr konservative Imame unterwegs gewesen sein, denn viele der Flüchtlinge wurden in diesen Islamschulen radikalisiert. Es entstand eine Gruppe, die sich einfach „Schüler“ nannte. Auf Dari, der Landessprache Afghanistans, heißt das „Taliban“.

Im Exil wurden sie über die Jahre hinweg sehr stark und nahmen sich schließlich vor, sich ihr Land zurückzuerobern. Zusammen mit den Mudschahedin – weiteren religiös motivierten Rebellengruppen – gelang ihnen das 1992 schließlich auch. 1995 übernahmen die Taliban die Alleinherrschaft im Land. Sie waren dabei, Afghanistan mehr und mehr in einen Gottesstaat nach ihren Vorstellungen zu verwandeln, und setzten dieses Vorhaben mit brutalsten Mitteln durch.

Die Afghanen mochten diese neue Unterdrückung durch die Taliban natürlich auch nicht, und so gab es immer wieder Bewegungen, die versuchten, die Gruppierung zu bremsen. Ahmad Schah Massoud, ein großer Anführer des Widerstands, unternahm mehrere Versuche, die Taliban zu stürzen. Er hatte die „Gotteskrieger“ bereits aus Teilen im Nordwesten des Landes vertrieben und hatte das Ziel, ganz Afghanistan aus der Hand der Taliban zu befreien. Er wollte das Land in eine Demokratie der Vielfältigkeit verwandeln. Dies gelang ihm jedoch nicht aus eigener Kraft, weshalb er im Frühjahr 2001 die Vereinten Nationen um Hilfe bat. Wenige Monate später wurde er bei einem Anschlag ermordet. Ahmad Schah Massoud hinterließ dennoch tiefe Spuren im Land. Er hatte in den Afghanen die Hoffnung geweckt, dass dieser Krieg vielleicht doch irgendwann enden könnte.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York rückte die U. S. Army massiv nach Afghanistan ein. Sie brachten schon wenige Monate später Kabul unter ihre Kontrolle, was den Sturz des Taliban-Regimes zur Folge hatte.

Schließlich wurde eine neue Regierung einberufen, die seither an der Macht ist. Trotzdem ist das Land noch immer sehr instabil. Die Regierung ist auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen, die Wirtschaft hat sich kaum erholt. Die Taliban wachsen im Untergrund wieder und nehmen immer wieder ganze Gegenden und Städte ein. Korruption ist an der Tagesordnung, genau wie der Drogenanbau und -handel.

Die meisten Menschen haben inzwischen den Überblick über die Lage ihres Landes verloren, ebenso wie die Hoffnung, dass sich jemals etwas an dieser Lage ändern wird. Wer es sich irgendwie leisten kann, verlässt das sinkende Schiff. Die anderen fügen sich ihrem Schicksal.