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Der Eisenbahnbauingenieur Johannes Schaller erhält nach fünfzig Jahren die Einladung zum Klassentreffen seiner Schulabgangsklasse. Er sagt sein Erscheinen zu in der Erwartung, seine Jugendliebe Marion, mit der er zu den Sternen fliegen wollte, wiederzutreffen. In seiner Erinnerung begegnet er noch einmal den Mädchen und Frauen, mit denen er hätte zusammenleben können und wollen. Er trifft die Pantoffelnäherin Carola, lebt mit der angehenden Malerin Bettina und ihrer Mutter zusammen, verliebt sich in die Balletttänzerin Tina, heiratet die Lehrerin Hanna, nimmt das aus der Bahn geworfene Musiktalent Kathrin bei sich auf, sucht die Verbindung zur Ärztin Elsa, schließt sich im Alter mit der Krankenschwester Ulla zusammen. Doch als er zum Klassentreffen erscheint, ist Marion tot.
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Gerd Höfchen
JOHANNES SCHALLER
EINE ANDERE BIOGRAFIE
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Coverfoto: Elderly Woman and picture © aytuncoylum (FOTOLIA)
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Pension Kruse
Marion
Carola
Bettina
Tina
Hanna
Kathrin
Elsa
Ulla
Ich kannte Jupp und Ilse Kruse schon seit Jahren. Sie hatten in der Stadt früher das »Hotel zum Schwarzen Bären« geführt, das zweistöckige Gebäude, das sich zwischen dem Stadtkern und den anschließenden Mietshäusern an dem Übergang zu unserer Eigenheimsiedlung befand, nach der Wende gekauft und führten das Hotel unter dem Namen »Pension Kruse« weiter. Neben dem großen Gastraum hatten sie einen Raum für Frühstücksgäste eingerichtet. In diesem Raum traf ich mich jeden Mittwochvormittag mit Nachbarn. Wir redeten miteinander, erzählten unsere Erlebnisse und Geschichten. Ilse bediente uns, während Jupp hinten in seinem Büro arbeitete. Gegen zehn Uhr kam Jupp aus einem Büro zu uns herüber, fragte Ilse: »Ist der Herr Schaller schon weg?«
»Nein«, antwortete Ilse, »aber Moment, er kommt gerade.«
Die Treppe herunter kam ein hagerer Mann im schwarzen Tuchmantel. Unter dem dunkelgrauen Hut quoll silbriges Haar hervor. Das Gesicht des Mannes war hager wie seine Gestalt. Um seine Augen strebten die Falten von den Augenhöhlen in Richtung der Schläfen. Von den Flügeln der scharfkantigen Nase kerbten sich tiefe Falten bis zu den Mundwinkeln. Die Wangen waren hohl und ließen die Gesichtsknochen deutlich hervortreten. Unter dem Kinn, das kantig unter den schmalen Lippen hervorsprang, hing die Haut schlaff in den Kragen des weißen Hemdes hinein. Selbstsicher ging er zum Empfangstisch, stellte seine Gepäcktasche neben sich, wartete bis Jupp kam. »Ein kleines Frühstück bitte.« Nachdem er sein Frühstück eingenommen hatte, erhob er sich, bezahlte seine Rechnung, ging.
Jupp rief zu Ilse in die Küche hinein: »Der Herr Schaller ist weg. Du kannst das Zimmer sauber machen.« Er setzte sich mit einem Kaffee zu mir. »Der Mann kommt alle vier bis sechs Wochen hierher, mietet sich ein. Mittags geht er in die Stadt, um irgendwo zu essen, dann geht er auf den städtischen Friedhof. Er kommt spät zurück und dann brennt in seinem Zimmer lange Licht. Am Morgen zahlt er und geht zum Bahnhof.«
»Hat er Verwandte dort begraben?« Das Ritual des Fremden verwunderte mich.
Jupp zuckte die Schultern. »Auf dem Grabstein des Grabes, das er besucht, ist der Name Marion Rust, geborene Meißner, eingemeißelt. Als er das erste Mal kam, hat er nach dem Mädchennamen der Frau gefragt. Ilse und ich, wir kannten keine Marion Meißner. Damals kam er nicht in diesen schwarzen Klamotten. Er hatte einen guten grauen Anzug an. Seinen schwarzen Mercedes hatte er direkt vor unserer Haustür geparkt. Vier Wochen später kam er wieder mit dem Zug.«
Ilse kam von den Zimmern herunter. In der Hand hielt sie eine grüne Mappe, legte sie auf den Tisch. »Das hat er vergessen.«
»Hm«, brummte Jupp, »leg es in den Tresor, bis er wiederkommt.«
»Er kommt nicht wieder, hat er gesagt. Das Trauerjahr ist vorbei und nun sei er dran.«
»Wir haben seine Anschrift. Dann müssen wir die Mappe nachschicken.«
»Ich glaube, er hat die Mappe mit Absicht hier liegenlassen.«
»Du hast gelesen?«
»Ja«, erwiderte Ilse spitz. Sie drehte sich protestierend von Jupp weg. »Lies du«, sagte sie und übergab mir die Mappe.
Jupp ging verärgert hinter seinen Bürotisch. Auch Ilse ging. Ich saß, schlug die Mappe auf.
Ein aufgeschlitztes Briefkuvert war abgeheftet. Dahinter folgte ein weißes Blatt Papier, beschrieben mit einer Einladung für ein Klassentreffen. An die Einladung war eine handgeschriebene Notiz geklammert.
»Habe Friederike angerufen, werde hinfahren, habe gefragt, ob Marion da sei. Auch Marion hätte zugesagt.« Auf die Notiz folgte die Titelseite eines Manuskripts »Johannes Schaller – eine andere Biografie«. Ich blätterte die Seiten durch. An die letzte Seite war ein rosarotes Briefkuvert geheftet. Der Brief war ungeöffnet. Die Kanten des rosa Briefkuverts begannen sich bereits gelb zu färben.
Ich begann zu lesen.
Tanzstunde.
Die Tanzlehrerin hieß Lilo Engelgrau. Sie war eine kleine grazile Person mit angegrautem Haar, die gern mit uns Jungen flirtete. Ihr Begleiter war ein kleiner unscheinbarer Mann, der sie mit Klavierspielen unterstützte.
Der Tanzunterricht fand im großen Zeichensaal unserer Schule statt. Wir mussten vor Beginn des Unterrichts die Tische an die Saalwände schieben, stellten die Stühle davor in Reihe. Die Mädchen saßen uns Jungen gegenüber auf der anderen Seite.
Mit Staunen sah ich der kleinen Frau zu, mit welcher Selbstsicherheit sie in der Saalmitte stand, ihren Körper, ihren Kopf bewegte, elegant hin und her ging, sich drehte. Anschließend spazierte sie herausfordernd an unserer Jungenreihe vorüber, suchte mit einem Lächeln in unseren Gesichtern, neigte sich vor mir. »Darf ich bitten?«
Zögernd erhob ich mich. Die Engelgrau umfasste fest meine linke Hand, zog mich in die Mitte der Tanzfläche, legte ihren rechten Arm auf meine Schulter, ergriff meine linke Hand. »Kopf nach oben, Schultern gerade«, korrigierte sie mich.
»Wir beginnen mit dem Foxtrott. Das ist der einfachste Tanz.« Sie löste sich von mir, stellte sich neben mich. »Zuerst das linke Bein vor, dann das rechte Bein, das linke Bein etwas zur Seite, das rechte Bein heranziehen.«
Sie umfasste mich wieder. Ihr Partner spielte Klavier. »Die Damen machen die Schritte nur umgekehrt«, rief sie zur Mädchenreihe hinüber, zwang mich, die Schritte zu setzen, dann zu drehen. Lächelnd ließ sie von mir ab. »So. Jetzt werden wir das alle üben. Jeder sucht sich einen Tanzpartner. Ich schlage vor, die Damen haben die Wahl.«
Ich erwartete, dass Friederike mich wählte. Doch Friederike zögerte. Sie war es gewohnt, dass ich mich um sie bemühte. Nun musste sie eine Entscheidung treffen. Während ich auf sie wartete, stellte sich Marion vor mich: »Wollen wir?«
Erstaunt sah ich sie an. Bisher hatte ich keine Augen für sie. Sie saß drei Bänke vor mir in der linken Bankreihe und war eine Mitschülerin, die ich jeden Tag sah wie andere auch. Jeden Tag hatten wir uns in diesem Klassenzimmer getroffen, hatten miteinander geredet, gelacht, vielleicht gestritten, hatten uns konzentrierte auf das, was der Lehrer an der Tafel erklärte.
Auf einmal war alles anders. Marion hatte jetzt ein Gesicht, das von dunklem Haar umrahmt war und einen Schimmer von Schwarz trug. Sie trug das Haar linksseitig gescheitelt. Es bedeckte die eng anliegenden kleinen Ohren, war im Nacken länger geschnitten, fiel locker über den Blusenkragen. Das Haar war über der Stirn zur Seite gekämmt. Ihre Augenbrauen umwölbten als schmale dunkle Striche die Augenhöhlen. Ihre Augenlider gaben nicht das ganze Auge frei, machten aber den Blick ihrer braunen Augen offen, indem sie sich bis in die Augenwinkel fortsetzten. Das Schmale der Nasenwurzel führte bis hinunter zur Nasenspitze. Nur die Nasenflügel waren ein wenig grob und fleischig. Die kaum ausgeprägten Nasenfalten umrahmten den Mund mit den schmalen Lippen bis hinunter zu den Mundwinkeln. In der Mitte ihrer Oberlippe schob sich spitz eine Hautfalte über die Unterlippe. Die Hautfalte verschwand, wenn Marion lachte und ihre Zähne zu sehen waren. Über dem runden Kinn war die Haut vom ständigen Reinigen der großen Hautporen gerötet. Marion legte ihren Kopf kokett zur Seite, umfasste meine linke Hand, hob den Arm nach oben, forderte mich auf, meinen Arm um ihre Hüfte zu legen.
Da war plötzlich ihr Arm, der auf meiner Schulter lag, ihre Hand, die meine Hand umfasste, war da die Berührung unserer Körper, die nur ein Ziel hatte, sich gemeinsam zu bewegen, zu drehen.
Marion war leicht und wenn ich zu heftig drehte, ihren Körper fest an mich ziehen musste, um das Gleichgewicht zu halten, war auf einmal ihr Gesicht ganz nah, spürte ich ihren heißen Atem, aber auch die Verlegenheit, dem Anschmiegen nicht aus dem Weg gegangen zu sein.
Friederike war hier in diesem Raum. Ich hatte sie vergessen. Immer wieder drängte es mich, mit Marion zu sein.
Die Tanzstunde war zu Ende. Wir schoben die Tische und Stühle wieder an ihren Platz. Vor dem Schultor warteten junge Männer auf die Mädchen. Einer ging auf Friederike zu. Ich stand neben Marion: »Ich bring dich nach Hause.«
Marion nickte. »Gehen wir noch ein Stück. Ich will noch nicht nach Hause. Zwischen meiner Mutter und meinem Vater ist nur Streit.«
Wir bogen in eine Seitenstraße ein, die hinunter zum Marktplatz führte, an der ›Alten Apotheke‹ vorbei. Überall war Licht. Die Straßenlaternen leuchteten wie ein Lichtsaum rings um den Marktplatz. Die Kirche nahe dem Stadtkern stand mächtig in dem Wechsellicht des Abends. Ihr Turm zeigte angestrahlt in das Dunkel über den Hausdächern. Wir gingen ein Stück in die Ladenstraße hinein, schlenderten durch die schmale Riemengasse. Die Fachwerkwände rechts und links atmeten Vergangenheit. Unser Weg führte am Altersheim vorbei in den Kurpark. Das Kurparkcafé war hell erleuchtet. Seine Terrasse war mit birnenförmigen Leuchten begrenzt. Zwischen den Lampenpfählen waren Ketten gespannt, an denen die hellen Lampen den Zugang ausleuchteten. Der Hauptweg des Parks war mit roten Steinen sorgfältig gepflastert. Die rote Farbe der Pflastersteine gab dem Schatten der Baumstämme einen warmen Untergrund. Hinter den Stämmen warfen sich ihre Schatten auf die Rasenfläche bis hinter zu den Resten der Stadtmauer. Auf der anderen Seite hielten hoch gewachsene Sträucher das Licht auf. Hinter den Sträuchern stiegen Wohnblöcke steil nach oben. Die Fensterlichter der Wohnungen waren helle Vierecke in den weißgetünchten Hausmauern. Zwei junge Männer in meinem Alter kamen direkt auf uns zu, als wollten sie uns angreifen. Kurz vor uns sprangen sie zur Seite, lachten hell über unser Erschrecken. »Die haben alle Mädchen. Nur ich habe keins«, hörte ich. Marion und ich sahen uns an, lächelten. Ich umfasste ihre Schulter. Sie lehnte sich an mich, hob den Kopf. Wir küssten uns so, als hätten wir noch nie geküsst.
Der Spaziergang war ein Umweg. Als wir zurückgingen, mussten wir wieder an dem Schulgebäude vorbei. Friederike und noch andere Mädchen standen mit den Jungen zusammen, redeten und lachten. Wir mussten an ihnen vorbei. Julius, ein vierschrötiger Junge, der schon vor zwei Jahren von der Schule abgegangen war, kam drohend auf uns zu: »Lass Marion gehen. Sie ist meine Freundin.«
Unschlüssig stand ich, überlegte, ob ich mich mit ihm prügeln sollte, um mich nicht zu blamieren, obwohl ich wusste, ich würde den kürzeren ziehen.
Marion stellte sich entschlossen vor mich. »Wer mein Freund ist, bestimme ich. Johann und ich haben uns gerade verlobt.«
Der Andere öffnete staunend den Mund, sah Marion an, dann mich, war sich nicht sicher, stellte sich wieder in die Gruppe.
Marion wohnte mit ihren Eltern in einem Neubaublock an der Hauptstraße. Bevor wir uns dem Hauseingang näherten, wies sie auf ein erleuchtetes Fenster im zweiten Stock. »Das ist die Küche. Mein Vater und meine Mutter sind zu Hause.«
In unmittelbarer Nähe des Wohnblocks querte das Gleis der alten Hafenbahnstrecke die Ausfallstraße.
Marion und ich standen vor ihrer Haustür, beobachteten schweigend, wie ein Streckenposten auf die Fahrbahn ging, die Sperrung der Straße signalisierte. Aus der nahen Kleingartenanlage kam eine Lokomotive heraus, überquerte die Straße im Schritttempo, verschwand mit ihren drei Güterwaggons zwischen den Lagerhallen auf der anderen Straßenseite.
»Wie gefällt dir das mit der Verlobung?«
»Gut.« Ich zog Marion fester an mich, küsste sie. »Das ist der Verlobungskuss.«
»Aber nur verlobt«, drängte sie mich zurück. Im Treppenhaus ging das Licht an.
»Ich muss jetzt hoch«, deutete Marion in Richtung des erleuchteten Fensters, verdrehte die Augen. »Nachher werden sie sich wieder streiten.«
»Hat dein Vater eine andere Frau?«
Marion zuckte die Schultern. »Er geht sonnabends zu seinem Fußball, mittwochs zu seinem Skatabend, aber ansonsten ist bei uns nicht mehr viel los.«
»Und deine Mutter?«
»Sie ist unzufrieden. Nur zum Fremdgehen ist sie zu feige.«
Es war auf einmal alles so neu. Das verspielte Verliebtsein, das Suchen einer erregenden Berührung mit anderen Mädchen war in mir zu etwas Flüchtigem geworden. Mit Marion war etwas Festes, Beständiges da. Wenn ich mit ihr zusammen war, war ich ein Teil von ihr, achtete darauf, dass die Übereinstimmung, die wir in unserer Berührung, unseren Gedanken fanden, nicht verloren ging. Ich spürte, wie sie immer auf mich zuging, meine Zärtlichkeiten entgegennahm wie etwas, was sie sich erobert hatte, zuerst noch schüchtern, aber mit jedem Tag fordernder, ihre eigene Zärtlichkeit an mich gab.
Marion saß in ihrer Bankreihe zwei Sitze vor mir. Ich hatte ständig ihren Rücken vor meinen Augen, ihr Haar, beobachtete, wie sie ein Buch aufschlug, wie sie schrieb, sich meldete. Ab und zu, wenn der Lehrer Begriffe an die Wandtafel schrieb, drehte sie sich zu mir um, zwinkerte mit den Augen, winkte lächelnd.
Einmal hatte sie sich vom Unterricht befreien lassen, weil sie einen Arzttermin hatte. Ich sah sie vom Fenster unseres Klassenzimmers über den mit Kies bestreuten Schulhof gehen, sah ihr zu, wie sie mit ihren kurzen Schritten zielstrebig in die Seitenstraße einbog. Sie war weit weg und doch war es mir, als würde ich in ihr sein, nicht neben ihr, sondern in ihr gehen. Die Gewissheit, dass das Mädchen, das da draußen ging, zu mir gehörte, es ein Teil von mir war, weckte in mir das Gefühl von Angst, sie würde nicht zurückkehren.
Ich bemerkte, wie Friederike sich zurücknahm, nicht mehr auffällig laut redete. Sie war nicht eifersüchtig, begegnete Marion und mir mit nachdenklichem Respekt.
Marion hatte entschieden, dass wir verlobt sind, hatte angezeigt, dass sie und ich eines Tages heiraten würden.
Eine Frau zu heiraten erschien mir bis hierher eine ferne Selbstverständlichkeit. Ich wurde Mitte des Jahres achtzehn Jahre alt, hatte nichts weiter als ein Bett im Schlafzimmer meiner Eltern. Manchmal stand ich an unserem Küchenfenster, sah in Gedanken versunken in die Weite, die sich vor mir auftat, hörte mein Herz dumpf schlagen. Das Mietshaus, in dem ich mit meiner Mutter und meinem Vater wohnte, war ein Eckhaus am Ende der langen Straße eines Wohngevierts, dass um 1893 für die Leute aus den umliegenden Ortschaften gebaut worden war, die in den neuen Fabriken arbeiteten. Die Wohnungen bestanden aus einer Küche und zwei engen Räumen. Auf einer Etage wohnten drei Familien. Für jede Etage befand sich die Toilette ein halbe Etage tiefer. Der Innenhof des Wohngevierts war ein verwahrloster Wirtschaftsweg. Die Mülltonnen quollen oft über. Der Wind wehte Papierreste und Verpackungstüten in die Haustüren. Neben den Mülltonnen lagerten Aschenreste, Baureste, aufgeweichte Matratzen.
Unsere Wohnung befand sich in der vierten Etage. Die Wohnküche war geräumig. Durch den Flur kamen wir ins Schlafzimmer und dann in ein Zimmer, dass im Sommer als ›Gute Stube‹ genutzt wurde. Diese Stube war wie ein Starenkasten an das Haus gebaut mit drei Außenwänden und im Winter schwer beheizbar. Unsere Nachbarn hatten sechs Mädchen und es war morgens, wenn ich zur Schule musste, immer ein Lotteriespiel, auf das Klo zu kommen. Aus der Not heraus pinkelten meine Mutter, mein Vater und ich oft in den gusseisernen Ausguss in unserer Küche. Mein Bett stand im Schlafzimmer meiner Eltern. Mein Vater und meine Mutter hatten nach dem Krieg Edgar, meinen zehn Jahre älteren Bruder, seine Frau Barbara und ihren Säugling bei sich aufgenommen und hatten Angst, auch mich aufnehmen zu müssen. Auch ich hatte Angst.
Von unserem Küchenfenster aus konnte ich in Richtung Osten in einen weiten Horizont blicken. Unmittelbar an unserer Straße vorbei führten die Gleise eines Rangierbahnhofes und nachts wachten wir oft auf, wenn die Waggons vom Rangierberg herunterrollten und die Puffer aufeinander schlugen. Hinter dem Rangierberg erhoben sich die Mauern einer Zuckerfabrik und einer Kaffeerösterei, deren Brandgeruch bei Ostwind die Luft um unser Haus verpestete. Doch hinter den Fabrikgebäuden wurde es auf einmal weit. Schnellzüge kamen in regelmäßigen Abständen aus Richtung Süden in die Stadt, fuhren hinaus. In dem weiten Horizont konnte ich die großen Wolkenberge verfolgen, die über mich hinweg zogen. An sonnigen Tagen kamen aus der Tiefe des Horizonts Mauersegler auf mich zu, schwenkten mit lautem Schreien vor mir hoch in den Himmel, flogen zurück zum Horizont, kamen immer und immer wieder. An solchen Tagen riss ich unsere Küchentür auf. Durch das Flurfenster färbte die glutrot untergehende Sonne die Wohnung aus und ich vergaß in diesem Licht unser enges Wohnen.
Wenn sich Gewitter ankündigten, stand ich am offenem Fenster, sah zu, wie Windböen Staub und Blätter zu Säulen trieben, hielt mein Gesicht in die großen Regentropfen, die gegen mich fielen. An warmen Sommerabenden sah ich in den Horizont, sah zu, wie die Dämmerung, die Nacht kam, sich die Wolken schwarz färbten, wartete auf den Mond. Kam der Mond spät oder es war Neumond und der Himmel wolkenlos, sah ich gebannt in den Nachthimmel mit seinem Sternenmeer. Die enge Wohnung, den vollgepinkelte Ausguss, die Abfallschlippe schob ich weg. Ich wollte dorthin, wo die Sterne waren.
Der Weg am anderen Morgen in die Schule, die Erwartung, wieder mit Marion zusammen zu sein, war eine Flucht aus dem Alltag, in den sich meine Mutter und mein Vater ergeben hatten.
Marion wollte jeden Tag mit mir verbringen Wir gingen nach Schulschluss zwischen den anderen. Vor dem Schulgebäude kam sie zu mir. »Sehen wir uns heute Abend?« Wenn ich dann sagte: »Heute nicht. Ich muss zum Training«, war sie enttäuscht.
»Was trainierst du?«
»Fußball.«
Mein Bruder spielte im Eisenbahnerverein Fußball. Er hatte mich auf Anweisung meiner Mutter mitgenommen und ich wechselte im Laufe der Jahre von der Schülermannschaft in die Jugendklasse, dann in die Junioren. Das Spielen in unserer Fußballmannschaft war ein Bestandteil meines Lebens geworden. Wir trainierten jeden Dienstag und Donnerstag und sonntags am Vormittag machten wir unsere Punktspiele.
»Und wo trainierst du?«
Ich sagte es ihr.
Marion kam mit dem Fahrrad.
Während ich mit den anderen Ausdauer lief, sprintete, dazwischen immer wieder gymnastische Übungen machte, stand sie an der Zuschauerbarriere. Das Fahrrad hatte sie neben sich abgestellt. Sie hüpfte auf beiden Beinen auf und ab, winkte. Erst als wir auf ihrer Zuschauerseite Dribbeln übten, Flanken schlugen, bemerkte ich sie. Jedes Mal, wenn ich an ihr vorüberlaufen musste, schrie sie: »Tempo, Tempo.«
Ich winkte ihr zu, lachte. Meine Mitspieler grinsten, begannen zu frozzeln: »Tempo, Tempo.«
Marion wartete vor den Umkleidekabinen, wurde neugierig beäugt, doch da sie fast zu jedem Training kam, gehörte sie eines Tages zu uns. War sie zu Beginn unseres Trainings noch nicht da, wurde ich gefragt: »Kommt Marion heute nicht?«, traf sie später ein, rief einer von uns mir zu: »Marion ist da.«
Im März wurde uns Grasshof als neuer Trainer vorgestellt. Grasshof war ein untersetzter muskulöser Mann mit einem kantigen Gesicht. Er war Sportlehrer an einer Schule im Stadtzentrum und in den ersten Wochen sehr zurückhaltend. Wenn er nach unserem Training Marion vor den Umkleidekabinen begegnete, begrüßte er sie freundlich, ordnete ihre Anwesenheit in die unsere ein. »Dein Mädchen?«, fragte er mich eines Tages.
Marion lehnte sich an mich, hing sich in meinen rechten Arm ein, antwortete ihm, als fühlte sie sich übergangen: »Wir sind verlobt.«
Grasshof nickte, hob sein Gesicht zur Seite, blickte verloren irgendwo hin.
»Gehst du am Sonntag wieder spielen?«, fragte mich Marion.
»Natürlich. Wir müssen uns anstrengen. Noch haben wir die Chance in die Kreisliga aufzusteigen.«
»Du hast es gut. Du siehst anderes, begegnest anderen Leuten. Kann ich denn nicht mitkommen? Diese Sonntagvormittage sind so langweilig. Am Sonnabend, da nimmt mich meine Mutter ran. Da werden die Fenster geputzt, die Betten neu bezogen, da wird gewischt und gesaugt, gewaschen und die Wäsche auf dem Trockenboden auf die Leine gehangen. Aber dann ist der Sonntag. Der Vormittag gehört meiner Mutter. Während mein Vater zum Frühschoppen ist, zelebriert sie in der Küche den Sonntagsbraten. Ich würde gerne selbst kochen. Doch da darf ich nicht ran, außer die Gemüseabfälle in die Mülltonne bringen. Ich würde gerne selbst kochen.«
Ich fragte Grasshof.
»Warum nicht. Da haben wir wenigstens jetzt ein Maskottchen.«
Von diesem Tag an war Marion bei jedem Spiel dabei. Sie saß, wenn wir zu Hause spielten, nach dem Spiel mit uns in der Bierrunde. Fuhren wir nach Außerhalb, saß sie mit uns im Bus oder der Eisenbahn, flirtete, ließ sich umarmen, kam immer wieder sprudelnd zu mir zurück. »Grasshof hat gesagt, du warst gut heute.«
»So, so«, brummte ich, begann zu beobachten, wie Grasshof Marions Nähe suchte.
Marion merkte nichts von meiner Eifersucht.
Es war ein warmer Tag im Mai. Am Tag zuvor hatte es geregnet und die Luft war noch feucht. Die Kronen der großen Alleebäume thronten mit ihrem zarten Grün über den Gehwegen. Am Rand der Fahrbahn wucherte das Gras.
Marion und ich hatten uns verabredet, an diesem Abend die Gaststätte gegenüber ihres Wohnblocks aufzusuchen. Seit beginn des Frühjahres hatte ein neuer Wirt das Lokal übernommen. Er hatte eine Musikbox aufgestellt und einen Teil des Gastraumes als Tanzfläche frei geräumt. Ich stand vor dem Eingang der Kneipe, beobachtete die Männer und Frauen, die hineingingen, sah, wie die neue Ampel am Bahnübergang auf ›Rot‹ schaltete. Die Lok querte die Straße. Ich wartete. Marion kam nicht. Ungeduldig schaute ich immer wieder in die Richtung, aus der ich sie erwartete. Die Dämmerung war schon fortgeschritten. Die Straßenlaternen flammten auf. Ihr Schein vermischte sich mit dem Licht, das aus den Wohnungsfenstern auf das Straßenpflaster fiel. Für Minuten leuchteten die Treppenaufgänge als Säulen zwischen den Fenstern auf. Ihr Licht erlosch wieder, um dann erneut wieder hell in die Dämmerung zu strahlen.
Ich beobachtete, wie Marion aus ihrer Haustür trat, an den Straßenrand rannte, um die Fahrbahn zu überqueren. Ab und zu hielt sie inne, ging eilig ein paar Schritte weiter, begann wieder zu rennen, bis sie stoßweise atmend vor mir stand: »Ich muss wieder nach Hause. Meine Eltern prügeln sich.«
Ungläubig starrte ich sie an: »Prügeln? Ist dein Vater besoffen?«
»Er war zu einer Betriebsfeier und hat sich geärgert, weil er keine Prämie gekriegt hat. Aber er ist es nicht. Meine Mutter ist es. Erst hat sie gezetert, weil er getrunken hat. Er hat sich verantwortet. Sie ist auf ihn losgegangen. Er hat sich gewehrt, ihr eine Ohrfeige gegeben. Sie ist mit dem Kopf an den Türrahmen geschlagen und zusammengerutscht. Sie ist aufgestanden, wollte wieder auf ihn losgehen. Ich habe sie ins Zimmer geschubst und die Wohnzimmertür zugeschlossen. Meinen Vater habe ich ins Bett geschafft. Ich habe Angst, meine Mutter geht wieder auf ihn los. Irgendwann müssen sie ja auch einmal aufs Klo.«
»Soll ich mitkommen?«
Marion schüttelte heftig den Kopf. »Das muss in der Familie bleiben.« Tränen rannen ihr übers Gesicht. Sie lehnte sich schutzsuchend an mich. Doch dann fasste sie sich wieder, gab mir einen Kuss, drehte sich um, rannte wieder über die Fahrbahn, verschwand in ihrem Treppenaufgang. Ich stand noch eine Weile, starrte ratlos auf die Fensterfront des Wohnblocks. Irgendwo da oben hinter einem Fenster würde Marion zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter sein. Aus dem Lokal klang Schlagermusik.
Der Abend schien zu Ende. Aufgewühlt ging ich die Straße zurück zu unserer Wohnung, kam mir unendlich hilflos vor. Oben am Himmel war ein bleicher Mond. Dünne Wolken trieben an ihm vorüber, färbten sich in seinem Licht.
Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich über meinen Vater und meine Mutter nachdachte. Mein Vater war Lokführer auf dem großen Rangierbahnhof im Osten der Stadt. Manchmal überführte er einige Waggons von dort auf den Rangierbahnhof vor unserem Haus, die zum Flusshafen gebracht werden mussten. Mit einem kurzen gellenden Pfiff signalisierte er uns, dass er da war. Meine Mutter ging dann zum Fenster, winkte ihm mit einem weißen Taschentuch zu. Er winkte zurück und ich sah zu, wie sich seine Maschine stampfend wieder in Bewegung setzte. Er hatte keine geregelte Arbeitszeit, kein geregeltes Wochenende. Manchmal kam er am frühen Morgen nach Hause, schlief ein paar Stunden, um dann gegen Mittag wieder loszugehen. Die arbeitsfreien Sonnabende und Sonntage musste er in der Woche nachholen. Wenn er nachts nach Hause kam, setzte er sich in seiner Unterwäsche an den Küchentisch, schlug sein rechtes Bein auf die Tischplatte, zündete sich eine Zigarette an, schlief, während die Zigarette noch glühte, ein. Die Wachstuchdecke an seinem Platz war voller Brandflecke. Meine Mutter schimpfte, machte die heruntergefallene Asche weg, kaufte regelmäßig eine neue Tischdecke. Vom Frühjahr an bis zum Herbst fand er am Tage zu Hause keinen Schlaf, ging in unseren Garten, den er in der Kleingartenanlage neben dem Rangierbahnhof gepachtet hatte. Es war Nachkriegszeit und er empfand es als seine Pflicht, meine Mutter und mich ständig mit Gemüse und Obst zu versorgen. In den ersten Jahren fütterte er auch Karnickel. Doch die Pflicht, diese Tiere regelmäßig mit Futter zu versorgen, überforderte ihn.
Meine Mutter arbeitete in zwei Schichten in der Kaffeerösterei am Ende des Rangierbahnhofs und sortierte Kaffeepäckchen ein. Auf dem Weg zu ihrer Schicht machte sie nicht den Umweg über die Hauptstraße, sondern überquerte die Schienen des Rangierberges, ging die mit hohen Büschen bewachsenen Feldwege zum Fabriktor.
Mein Bruder war im vergangenen Jahr ausgezogen. Es hatte ihn viel Mühe gekostet, in unserer Straße, nur ein paar Häuser weiter, ein Zimmer zu mieten. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, mein Vater und meine Mutter in ihrer Schicht arbeiteten, war ich allein.
Mein Bruder spielte Fußball in seiner Betriebsmannschaft, hatte mich dort angemeldet. Die Schule, mein Fußballspielen an den Nachmittagen und den Wochenenden kam mir auf meinem Weg nach Hause in diesem Augenblick ohne Marion vor wie ein planloses Dahinleben. Die lange Straße, gesäumt mit den hohen Hauswänden, den hoch gewachsenen Bäumen, den Straßenlaternen war für mich auf einmal wie ein Tunnel, aus dem ich nicht ausbrechen konnte.
In Gedanken versunken öffnete ich die schwere Haustür. Der Gestank von Katzenscheiße schlug mir entgegen. »Verdammter Kater«, fluchte ich, »krepiere endlich.« Der Kater gehörte einer Greisin, die im Parterre wohnte. Die alte Frau entließ den Kater oft aus ihrer Wohnung in den Hinterhof. Das Tier kam nur unregelmäßig wieder. Nachts, wenn die alte Frau schlief und die Haustür geschlossen war, saß der Kater vor der Haustür, huschte mit jedem, der ins Haus kam, in den Keller.
Ich schaltete das Treppenlicht ein. Der schwache Schein machte das Treppenhaus mit der grünen Ölfarbe an den Wänden, die bis in Brusthöhe reichte und bereits von einigen Stellen abblätterte, der verblichenen ockerfarbenen Tünche darüber, finster. Es war ungewöhnlich still im Haus. Ich vermutete, dass unsere Nachbarn wie meine Eltern um diese Zeit vor ihrem Fernsehapparat saßen.
Auch in unserer Wohnung war diese Stille. Ich knipste das Korridorlicht an, ging an der unbeleuchteten Küche vorbei, öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Verwundert sah ich in das Licht der Fernsehleuchte hinein. Der Fernsehbildschirm war dunkel. Meine Mutter lag mit dem Rücken auf dem Sofa, hatte ihre Schenkel angewinkelt gespreizt. Mein Vater lag mit heruntergezogenen Hosen auf ihr. Die Haut seines Hinterns war ein weißer Fleck in dem Dämmerlicht.
Meine Mutter schrie auf. Erschrocken schloss ich die Tür wieder, wusste in diesem Augenblick nicht, wohin ich gehen sollte. Mein Vater kam aus dem Zimmer gestürzt, hielt seine Hose im Bund zusammen. »Du musst verstehen«, stotterte er.
»Lieber Papa, wir haben in der Schule Biologieunterricht«, erwiderte ich ihm, drehte mich um, ging wieder hinunter auf die Straße.
Vorn an der Straßenecke klang immer noch Schlagermusik aus der Musikbox. Langsam schlenderte ich bis zu Marions Wohnblock, sah zu, wie in der Hausfront ein Licht nach dem anderen erlosch. Mich fröstelte. Ich sah auf meine Armbanduhr. Es war an der Zeit, wieder nach Hause zu gehen.
Wieder war da die finstere Treppenbeleuchtung, der Geruch nach Katzenscheiße. Oben hielt ich meinen Wohnungsschlüssel fest in der Hand, um ein Klappern zu vermeiden, schlich in den Flur. Die Küchentür war verschlossen. Hinter der Tür hörte ich meine Mutter sagen: »Du solltest dich endlich um eine andere Wohnung kümmern. Überall wird jetzt neu gebaut. Außerdem bist du bei der Bahn. Die Stadt ist nicht bombardiert worden. Da gibt es bestimmt genug Eisenbahnerwohnungen.«
»Na ja«, druckste mein Vater, »Johann lernt bestimmt bald ein Mädchen kennen.«
»Er hat sich wie seine Fußballfreunde drüben im Ausbesserungswerk für eine Schlosserlehre beworben. Das sind noch zwei Jahre.«
»Bei der Bahn machen sie jetzt eine Klasse für Gleisbau auf. Da kann er sogar sein Abitur machen. Ich werde ihn dort anmelden. Die haben dort auch ein Internat. Vielleicht kann ich ihn für diese Zeit dort unterbringen.«
»Gleisbau? Bei Wind und Wetter auf der Strecke?«, entgegnete meine Mutter besorgt.
»Ha«, begehrte mein Vater auf, »hast du eine Ahnung. Eines Tages werden Gleise ohne Höhenunterschiede von hier bis runter an das Schwarze Meer gebaut. Die Züge werden über 300 Kilometer pro Stunde fahren. Da kann er mitmachen.«
»Hör auf, dem Jungen solche Flöhe ins Ohr zu setzen. Vielleicht erzählst du ihm noch, er könne zu den Sternen fliegen.«
»Warum nicht? Die Russen schicken doch schon ihre Raketen zum Mond. Ihren Gagarin haben sie schon rund um die Erde kreisen lassen.«
Von diesem Tage an wartete ich auf die Veränderung, wartete darauf, dass der Sommer vorüberging und ich meine Lehre beginnen würde. Meine Schulzeit, mein Fußballspielen würde zu Ende sein, es würde anderes auf mich zukommen. Ich begriff, dass meine letzten Jahre in der Schule, mein Fußballspielen eigentlich nur eine Flucht aus der Enge unseres Wohnens, der Ziellosigkeit einer Alltäglichkeit war. Die Unbekümmertheit, mit der ich jeden Tag angegangen war, fiel von mir ab wie die Schale einer reifen Kastanie.
Es war an einem Sonntagnachmittag zwei Wochen später. Ich saß an einer Ecke des Küchentisches, hatte mir die alte Schreibtischlampe herangezogen, knobelte an Mathematikaufgaben für die Abschlussprüfung. Auf der anderen Seite des Tisches bügelte meine Mutter Taschentücher. Es klingelte an der Wohnungstür. Meine Mutter und ich hoben gleichzeitig den Kopf, verwundert, wer an diesem Sonntag zu uns kam. »Vielleicht ist es Barbara?«
»Warte, ich gehe«, sagte ich zu meiner Mutter, erhob mich von meinem Stuhl, zwängte mich an ihr vorbei, öffnete. Grasshof stand vor der Tür.
»Oh«, entfuhr es mir.
»Ist deine Mutter da?«
»Ja«, rief ich in die Küche hinüber, »Mama, Herr Grasshof ist hier. Er will dich sprechen.«
Meine Mutter erschien im Rahmen der Küchentür, musterte Grasshof neugierig.
»Kann ich reinkommen?«
Meine Mutter nickte, ging vor Grasshof in die Küche, räumte das Bügeleisen und die Bügeldecke zur Seite, bot ihm ihren Küchenstuhl an.
»Frau Schaller, Edgar und ich wir spielen in einer Fußballmannschaft. Er hat sich während des Spiels heute den Arm gebrochen. Er ist jetzt im Krankenhaus. Ich bin mit dem Krankenwagen mitgefahren und bin dann gleich hierhergekommen.«
»Mein Gott«, meine Mutter, zog den Waschhocker unter dem Küchentisch hervor, setzte sich, schlug die Hände vors Gesicht, »ist es schlimm?«
»Im Krankenhaus kriegen die das schon wieder hin.« Grasshof schob meiner Mutter einen Zettel zu. »Er liegt in der Chirurgie, Zimmer 211.«
Grasshof ging wieder. Meine Mutter lief ins Schafzimmer, holte ihr Kostüm aus dem Kleiderschrank, fuhr mich an: »Beeil dich, du kommst mit.« Unten auf der Straße sagte sie:« Du gehst jetzt zu Barbara, sagst, was passiert ist. Ich gehe schon los.«
Es dauerte, ehe Barbara ihre Wohnungstür öffnete. Sie sah verschlafen aus, gähnte, blickte mich missgelaunt an: »Ist was passiert?«
»Ja, Edgar hat sich den Arm gebrochen, liegt im Krankenhaus.«
Barbara war sofort hellwach. Das Blut wich ihr aus dem Gesicht und sie begann zu heulen. Julie, ihre Tochter, klammerte sich an ihr Bein, begann ebenfalls zu heulen. Barbara rannte in ihr Wohnzimmer, zog sich an, warf den Mantel über, setzte Julie auf die Flurgarderobe, zog ihr die Jacke an, schnürte ihr hastig die Schuhe zu.
Barbara konnte es nicht erwarten, aus der Straßenbahn zu steigen, schaute immer wieder ungeduldig in Richtung des Fahrers, wollte, ohne nach rechts und links zu gucken, die Fahrbahn überqueren. Ich riss sie am Arm zurück, als ein Auto angefahren kam. Auf der anderen Straßenseite wunderte ich mich, wie Barbara in ihrer Körperfülle so schnell gehen konnte. Manchmal machte sie eilige Schritte, rannte ein Stück, zog Julie hinter sich her, schimpfte mit ihr: »Trödele nicht so.« Vor dem Treppenaufgang zu den Krankenstationen hielt sie inne, rang nach Luft.
»Geh vorneweg«, sagte ich, nahm Julie auf den Arm.
Als ich ins Zimmer trat, hatte Barbara ihren Kopf in die rechte Schulter meines Bruders vergraben, schluchzte. Ich ging mit Julie näher an das Krankenbett heran. Barbara hob den Kopf, setzte Julie neben die Brust ihres Vaters.
»Papi, bist du krank?«, fragte Julie, betrachtete neugierig den eingegipsten Arm, der in einer Schlinge am Krankenbettgalgen hing.
»Wird schon alles wieder gut«, tätschelte mein Bruder zärtlich den Kopf seiner Tochter.
Meine Mutter und Barbara standen vor dem Bett, wischten sich mit ihren Taschentüchern die Augen trocken.
»Woher wisst ihr überhaupt, dass ich hier bin?«
»Ein Herr Grasshof war bei uns. Er ist mit dir hier ins Krankenhaus gefahren«, sagte mein Mutter.
»Aha, Grasshof. Er ist ein feiner Kerl.«
»Grasshof spielt mit in deiner Mannschaft?«, fragte ich neugierig.
»Er ist unser Rechtsaußen. Der Kerl ist schnell und hat ganz schöne Kraft in den Fußgelenken. Aber«, grinste mein Bruder, »manchmal ist er schneller als der Ball.«
»Der scheucht uns ganz schön.«
»Grasshof will jetzt Fußballtrainer werden. Er ist seit letztem Jahr geschieden. Zu Hause fällt ihm die Decke auf den Kopf. Und er ist wieder auf Brautschau.«
Es war ein trüber Regentag. Noch am Morgen schien die Sonne zwischen den Wolken, doch gegen Mittag überzog sich der Himmel mit einem undurchdringlichen Grau. Wir trainierten trotzdem. Auch Marion war da. Sie stand, eingehüllt in ein durchsichtiges, grün schimmerndes Regencape, hatte eine Kapuze über den Kopf gezogen.
Nach der Übungsstunde stand sie mit dem Regencape und der Kapuze vor dem Eingang zu unseren Umkleidekabinen. Ich ging auf sie zu, zog ihr die Kapuze vom Kopf, holte das Handtuch aus meiner Sporttasche, rieb zärtlich ihr Gesicht trocken. Marion hielt mir ihr Gesicht entgegen, sah mich aus ihren Augen warm und dankbar an. Ich konnte nicht anders, als sie zu umarmen, mein Gesicht an das ihre zu legen. Es fiel mir schwer mich aus der Wärme zu lösen, die von ihrer Haut kam. »Gehen wir.« Ein wenig verlegen blickte sich Marion um, ob uns jemand beobachtet hatte. Ich legte meinen Arm um ihre Schultern und wir gingen aneinander gelehnt zur Straße.
Der Regen wurde stärker. Marion zog wieder ihre Kapuze auf. Wir flüchteten in einen Hauseingang.
»Wohin gehen wir jetzt?« Ratlos sah Marion den Passanten nach, die unter Regenschirmen an uns vorübereilten.
»Da drüben ist ein Kiosk.« Ich fasste in meine Hosentasche. »Ein bisschen Geld habe ich. Für eine Bockwurst wird es reichen.« Marion nickte. »Ein bisschen Geld habe ich auch noch.«
Wir traten in den Raum des Imbisses. Ein feuchter Dunst, der von der nassen Kleidung der Gäste aufstieg und sich mit dem Geruch von Essen mischte, empfing uns.
Der Raum war ein geräumiger viereckiger Schlauch. An die Wände waren Ablagebretter geschraubt. In der Mitte reihten sich von Wand zu Wand Stehtische. An der rechten Rückwand hing ein Spielautomat, blinkte sein buntes Licht durch den Raum. In der Mitte des Schlauches war die Verkaufstheke gebaut. Durch das Glas der Wärmetheke waren die Schalen von Gulaschsuppe, Kartoffelsalat, Schnitzel und Gemüsesalaten zu erkennen. Daneben waren belegte Brötchen mit Schnitzelfleisch, Klopsen, Schinken, garniert mit Blattsalat und Eischeiben ausgelegt. Es gab keinen Bierausschank. Die Getränke, Bier, Limonade, Selters, Saft wurden in Flaschen ausgegeben.
Der Gastraum war voller Männer in Firmenanzügen. Sie gingen zur Verkaufstheke, sahen zu, wie die schmale Frau hinter der Theke die belegten Brötchen, die Bockwurst auf die Teller legte, mit der Schöpfkelle die Suppen in die großen Tassen füllte. Die Männer legten ihre Geldscheine auf den Tisch, suchten sich einen Platz an den Stehtischen. In der Ecke neben dem Spielautomaten saßen Gestalten mit langem, ungewaschenem Haar und schmuddeligen Jacken. Sie saßen sich am Tisch schweigend gegenüber, starrten auf ihre Bierflaschen. Manchmal warfen sie sich Worte zu, um dann wieder in ein dumpfes Schweigen zu verfallen. Ab und zu stand einer auf, ging zum Spielautomaten. Wenn der Apparat klingelte und Münzen auswarf, ging der Spieler triumphierend zurück an den Tisch. Wenn er sich dann zur Theke vordrängelte, um für sich und seine Kumpanen eine neue Flasche Bier zu kaufen, wurde gemurrt.
»Was soll ich machen«, wehrte sich die Wirtin. »Sie stehen jeden Abend hier vor der Tür. Sie trinken ihr Bier, aber tun niemandem etwas. Soll ich sie bei dem Regen da draußen stehen lassen?«
Ich drängte mich zwischen die Männer, kaufte für mich und Marion eine Bockwurst und eine Limonade, suchte uns einen Platz an den Stehtischen. In der hinteren linken Ecke rückten drei Männer zusammen, damit wir unser Geschirr auf den Tisch stellen konnten.
Die Männer grinsten uns an, musterten Marion unverhohlen. »Man müsste noch einmal jung sein«, murmelte einer von ihnen. Als Marion ängstlich aufblickte, legte ihr Nachbar seine Hand auf ihren Arm. »Keine Angst Mädchen. Wenn ich jetzt nach Hause komme ist meine Tochter da. Die ist genauso jung und hübsch wie du.«
Wir aßen unsere Wurst, teilten uns die Limonade. Ein älteres Ehepaar kam herein, kaufte sich Gulasch. Energisch blickte die Frau sich nach einem freien Platz um, sah unsere leeren Teller. Sie kam auf unseren Tisch zu. »Sie sind doch fertig?« Resolut packte sie unsere Teller ineinander, rief ihren Mann zu sich.
Marion und ich gingen wieder hinaus, standen ratlos vor der Tür. Der Regen prasselte jetzt. »Wir können zu mir gehen«, sagte Marion vorsichtig.
»Und deine Eltern?«
»Mein Vater ist ausgezogen. Er hat einen Reparaturstützpunkt in einer großen Agrargenossenschaft übernommen. Er wohnt dort bei einer Frau, die er von der Buchhaltung aus seinem alten Betrieb kennt. Ihr Mann ist nach einem Autounfall gestorben. Meine Mutter ist beleidigt. Sie rennt jetzt jeden Abend von Tanzlokal zu Tanzlokal.«
Trotz des Regenlichts, das durch die großen Fenster in das Treppenhaus fiel, erschien mir der Aufgang weiß und hell. Die getünchte Tapete schien das Graulicht in sich aufzunehmen und mit ihrem Weiß das Regenlicht zu verdrängen. Die grauen Fliesenstufen waren peinlich sauber. Mir kam es vor, als würde ich in einem Lichtturm aufsteigen. Die Wohnungstüren waren mit einer braunen Folientapete überzogen. Vor einer der Türen blieb Marion stehen, holte den Schlüssel aus ihrer Jackentasche: »Hier wohne ich.«
Marion schob sacht die Tür auf. Wir traten in einen kleinen mit pastellfarbenem Gelb tapezierten Flur. Sie öffnete die Tür zum Bad. Die Fliesen strahlten in einer sterilen Sauberkeit. An der gleichen Wandseite war die Tür zur Küche geöffnet. Zwischen Badtür und Küchentür war eine Garderobe gestellt. Neben der Garderobe hing ein großer Spiegel bis über Kopfhöhe.
Marion öffnete die Tür an der Stirnseite des kleinen Flures zum Schlafzimmer. Die Deckbetten waren zurückgeschlagen, die Kissen an den Kopfenden der Ehebetten lagen wie Zwillinge ordentlich abgelegt. Auch das Wohnzimmer atmete diese Sauberkeit. An der linken Wandseite standen ein orangefarbenes Sofa und zwei Sessel. Zwischen den Sesseln war der Tisch postiert. Der Fußboden war mit dem Imitat eines orientalischen Teppichs bedeckt. Die bunten Muster des Teppichs waren ein Kontrast gegen die weiße Gardinenfülle vor dem breiten Fenster. Die Gardine war etwas zur Seite gezogen, ließ den Blick durch die Balkontür frei. Ich sah, wie der Regen auf die Blätter der Balkongeranien fiel. Die rechte Wandseite bedeckte eine leichtbraune Schrankwand. Hinter dem Schrankglas waren bunte Gläser, ein Familienfoto stand da, Sammeltassen und eine in Zinn gefasste Vase.
»Gefällt es dir?«, fragte Marion, beobachtete mein Gesicht.
Ich nickte nur. Über Marions Gesicht huschte ein zufriedenes Lächeln. Sie öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. »Das hier ist mein Reich.«
Ich stand bewundernd im Türrahmen. Das Zimmer war schmal und endete an der Stirnseite in einem quadratischen Fenster. Gleich neben dem zur Seite geschlagenem Türblatt befand sich ein dreiteiliges Schrankregal. In den Schrankfächern standen eine Vase, das Bild eines offenen Fensters mit einem Rosenstrauß, ein paar Porzellanfiguren und ein Puppenpärchen. An das Schrankregal schloss sich ein kleiner Schreibtisch mit einer Leselampe an. Auf der Schreibtischplatte stand ein kleines Radio. Vor dem quadratischen Fenster hing weiß und straff gefaltet die Gardine. Auf der rechten Seite stand Marions Schlafliege. Am Kopfende stand eine Stehlampe mit einem glockenförmigen Stoffschirm. An der Rückseite der Liege waren Decken als Lehne gerollt. Ein großer Plüschbär saß unter der Stehlampe in der hinteren Ecke der Liege, starrte mich mit seinen stumpfen Glasaugen an. Draußen im Flur hörte ich Marion hantieren. Schubläden wurden aufgezogen und wieder verschlossen. Dann brummte ein Haarfön.
Marion kam ins Zimmer. »Nicht so schüchtern.« Sie schubste mich. Ich verlor das Gleichgewicht, setzte mich auf ihre Liege, sah Marion mit offenem Mund an. Sie hatte ihr Haar locker aufgefönt, ihre Lippen leicht rosa geschminkt. Sie trug eine offene rote Bluse und einen frischen Rock. Ihre Füße steckten in bunt bestickten Pantoletten.
»Gefalle ich dir?« Marion fasste mit ihren Händen rechts und links den Rock, drehte sich hin und her.
Ich fasste nach ihr, erwischte ihre rechte Hand, zog sie auf meinen Schoß. Marion roch leicht nach Parfüm. Sie legte ihre linke Hand hinter meinen Kopf, betrachtete mich mit ihren großen braunen Augen.
Ich konnte mich lange nicht aus unserem Kuss lösen. Marion rutschte von meinem Schoß herunter, ging zu ihrem Schreibtisch, schaltete das Radio ein. Sie kam zurück, setzte sich eng neben mich, lehnte ihren Kopf an meine Schulter. »Um diese Zeit bringen sie immer schöne Musik. Wenn
